Geschichte der Medizin. I. Band
Part 54
Der wichtigste Bestandteil der Antidota und des Theriaks war das Opium, das auch für sich als schmerzlinderndes, sedatives Hustenmittel etc. diente.
Die bei Galen vorkommenden Arzneiformen und Applikationsmethoden sind folgende: Dekokte, Infuse, Pastillen, Pillen, Elektuarien, Pulver, Mund-, Gurgelwässer, „Hypoglottides“, Pinselsäfte, Kaumittel, Einspritzungen, Eingießungen, Niesmittel, Inhalationen, Rektal- und Vaginalklysmen, Anal- und Vaginalzäpfchen, Pessare, Salben, Pflaster, Linimente, Senfteige, Kataplasmen, Aetzmittel, Zahnpulver, Kosmetika, Räucherungen, Bähungen. -- Große Verbreitung fanden Galens Hiera, seine Pikra, sein Aloemittel und sein Diakodion.
In seiner Polypragmasie verrät Galen, auf den der Ausspruch „Populus remedia cupit“ zurückzuführen ist, deutlich, daß Empiriker seine ersten Lehrer gewesen sind. Bei der Anwendung der Heilsubstanzen ließ er sich zum Teile von klinischer Erfahrung leiten, der Hauptsache nach aber prägte er auch der ~Heilmittellehre~ die charakteristischen Züge seiner Spekulation auf, indem er die Pharmakodynamik von der Elementarqualitätenlehre ableitete und der ~Dosologie~ mittels subtiler Prinzipien eine anscheinend vollkommen exakte Grundlage gab -- gleichsam der Schlußstein seines Systems.
Galen definiert die Medikamente als Substanzen, welche im Gegensatz zu den Nahrungsmitteln im Organismus gewisse Alterationen hervorbringen und sondert sie in ~drei Klassen~. Zur ersten gehören diejenigen Arzneimittel, welche lediglich durch die ~Elementarqualitäten~ des ~Warmen~, ~Kalten~, ~Trockenen~ und ~Feuchten~ wirken. Zur zweiten gehören diejenigen, welche durch die ~zweiten Qualitäten~ (vergl. S. 372) wirksam sind und somit Haupt- und Nebenwirkungen äußern, die süßen, bitteren, herben, scharfen, kontrahierenden, erweichenden u. s. w. Mittel. So sind z. B. die bitteren und süßen Mittel zugleich auch warm, die saueren aber zugleich auch kalt. Zur dritten Klasse gehören solche Arzneistoffe, welche (in nicht weiter erklärbarer Weise) ~vermöge der ganzen Substanz~ (vergl. S. 372), vermöge der ~dritten Qualitäten~ z. B. als Brech-, Abführmittel, Gegengifte etc. und ~spezifisch~ auf bestimmte Organe wirken.
Diese Grundeinteilung bedurfte aber einer weiteren Differenzierung, welche durch Einführung der Begriffe von Aktualität und Potentialität und durch Graduierung der Wirkungsweise ermöglicht wurde. So offenbart sich die Elementarqualität des Heißen nicht nur im Feuer, sondern auch z. B. im Pfeffer, im erstem aber „~actu~“, im letzteren nur „~potentia~“. Und tritt auch in den mannigfachen Heilmitteln immer die eine oder andere Elementarqualität hervor, so ist doch die Intensität dieser Elementareigenschaft verschieden. Galen stellt demzufolge ~vier Intensitätsgrade~ der Wirkung, vier Reizstufen auf. Den ersten Grad nehmen diejenigen Arzneisubstanzen ein, welche eine geringe, sinnlich kaum wahrnehmbare Wirkung entfalten, den zweiten jene, deren Wirkung deutlich merkbar ist, den dritten solche, welche heftig, den vierten solche, welche zerstörend wirken. Die narkotischen Gifte, z. B. Opium, Mandragora, Conium, sind kalt im vierten Grade, die Hahnenfuß-, Euphorbiumarten heiß im vierten Grade, die Rose ist kühlend im zweiten Grade u. s. w. Auf die weiteren Unterabteilungen wollen wir hier nicht eingehen, nur das sei betont, daß durch diese Abstufung eine streng individualisierende Arzneibehandlung nach dem Grundsatze ~contraria contrariis~ (~Bekämpfung der hervorstechenden Elementarqualität durch das Entgegengesetzte~) und eine ungemein feine Dosierung in den Arzneikompositionen ermöglicht war.
Was die letztere anlangt, so gewähren folgende Beispiele Einblick. Das Opium ist kalt im vierten Grade, es bringt daher im Körper eine sehr bedeutende Kälte hervor, deshalb muß es mit erhitzenden Mitteln verbunden werden, die seine Wirkung mäßigen, z. B. mit Castoreum. Rosenöl ist kühlend im ersten Grade, denn es besteht aus Rosensaft (kalt im zweiten Grade) und indifferenten Oel, in welchem jede der vier Elementarqualitäten in gleicher Intensität vorhanden ist (der zweite Grad wird also um eine Stufe vermindert). Beruht z. B. eine Krankheit auf übermäßiger Steigerung des Warmen, so wird ein kalt machendes Medikament, und zwar in dem nach dem Grade der Alteration sich richtenden Intensitätsgrade verordnet.
Gegenüber der Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten stehen die ~chirurgischen Fächer~ bei Galen zurück. Als Gladiatorenarzt in der Heimat hatte er ja Gelegenheit, reiche Erfahrung zu sammeln, in Rom aber scheint er (entsprechend dem Spezialistentum), abgesehen von der Konsiliarpraxis und von Ausnahmsfällen, nicht als Chirurg tätig gewesen zu sein. Theoretisch hat er sich jedenfalls um die Chirurgie sehr bekümmert und vieles Wertvolle in seinen Schriften hinterlassen (z. B. über Verbandlehre, Wundbehandlung, Blutstillung, Naht, verschiedene Operationen). Beim Unterrichte bediente er sich zu Demonstrationszwecken kleiner Modelle (z. B. der Hippokratischen Bank, Streckapparat). Die Abhandlung über Augenheilkunde ist leider verloren gegangen. Am dürftigsten ist die Geburtshilfe in seinen Werken vertreten.
Die Chirurgie wird außer in den Kommentaren zu den einschlägigen hippokratischen Schriften abgehandelt in den Werken: De tumoribus praeter naturam, de locis affectis, Methodus medendi, de anatomicis administrationibus.
Die galenische ~Chirurgie~ arbeitete bereits mit einer großen Zahl von Instrumenten. Dahin gehörten verschiedene Sonden, Pinzetten, Messer von verschiedener Art und Größe, Lanzetten, Haken, Nadeln, Glüheisen, Meißel, Hammer, Trepane, Schabeisen, Bohrer, Knochenzange, Klistier-, Mutterspritze, Röhren, Katheter, Steinzange u. a. Für die Behandlung der Wunden und Geschwüre (ἑλκος bedeutet beides) werden unter Berücksichtigung des Allgemeinzustandes des Patienten sorgfältige Vorschriften erteilt (z. B. Anlegung der Naht; unter gewissen Umständen nur partielle Naht; Vermeidung der Taschenbildung und Drainage des tiefsten Punktes; Zerstörung wuchernder Granulationen). Die Blutstillung erfolgt durch Kälte, Adstringentien, Naht, ~Ligatur~, ~Torsion~ oder gänzliche Durchschneidung (angeschnittener) Gefäße, Glüheisen; als Ligaturmaterial dienten Seidenfäden oder Darmsaiten. Unter den Verletzungen sind ausführlich Verletzungen der Gefäße (traumatische Aneurysmen), der Nerven, penetrierende Brust- und Bauchwunden besprochen, wobei je nach dem Falle besondere Maßnahmen angegeben sind. Die Lehre von den Frakturen und Luxationen und deren Behandlung zeigt manche Fortschritte gegenüber den Hippokratikern (Klassifizierung der Schädelbrüche, ausführliche Beschreibung der Trepanation). Die Amputation gangränöser Teile ist nur gelegentlich erwähnt, der Resektionen hingegen wird häufiger gedacht. Berühmt ist der Fall von ~Resektion des Sternums~ (De anatomicis administrationibus Lib. VII, cap. 13), wobei das Herz freigelegt wurde, ferner beschreibt Galen die Rippenresektion bei Empyem (im Tierexperiment zu physiologischen Zwecken führte er die subperiostale Resektion eines Rippenstückes aus). Bei Defekten an Nasen, Ohren, Lippen kamen plastische Operationen zur Anwendung. Gut ist die Darstellung der Behandlung der Lymphdrüsenschwellung, der Varices und Fisteln. In einigen pseudogalenischen Schriften sind mehrere, hier nicht berücksichtigte chirurgische Fragen dargestellt; z. B. in den Definitiones medicae Blasenkrankheiten, Phimosis, Paraphimosis, Hypospadie, Atresia urethrae, Kryptorchismus, Hydro-, Sarko-, Varikocele; in der Introductio seu medicus ist unter vielem anderen eine eingehende Erörterung des Steinschnittes enthalten.
Die ~Geburtshilfe~ ist bei Galen nicht ausführlich dargestellt, jedenfalls ging er auf diesem Gebiete über die Vorgänger nicht hinaus; charakteristischerweise hielt er Nichtschädellagen für sehr selten. Besser scheint er in der ~Gynäkologie~ bewandert gewesen zu sein; er beschreibt die Gebärmutterentzündung, Uteruskarzinom, Lageveränderungen des Uterus, Scheidenfluß, Mastitis, Mammakarzinom (Radikaloperation); die Ursachen der Sterilität werden eingehend erörtert.
Hinsichtlich der ~Augenheilkunde~, über welche sich in den noch vorhandenen Schriften nur verstreut Bemerkungen finden -- seine „Diagnostik der Augenkrankheiten“ ging verloren --, wäre anzuführen, daß Galen in überraschender Weise die ~Funktionsstörungen~ physiologisch darlegt, die ~Kontagiosität~ gewisser Augenentzündungeu kennt; aus den Angaben über den Star, welcher teils in die Linse, teils ins Kammerwasser verlegt wird, kann entnommen werden, daß man in der Regel bloß die Verlagerung und Depression machte, daß jedoch einzelne Aerzte es auch versuchten, nach dem Einschnitt den Star herauszubefördern.
~Otologie~: Galen hinterließ eine Masse von Rezepten gegen verschiedene Ohrleiden (Ohrenfluß, Abszeß, Ansammlung oder Mangel von Cerumen, Ohrgeräusche, Schwerhörigkeit, Taubheit). Die Erklärung der Symptome stützt sich zumeist auf Spekulationen, z. B. dominiert die Lehre vom aer ingenitus oder complantatus, der eingepflanzten Luft (aristotelische Hypothese vom ἀὴρ συμφυής). Rationell sind dagegen die Methoden zur Entfernung der Fremdkörper (Beschreibung feiner Häkchen, Zangen, Sonden) und manche Verfahren bei chirurgischen Affektionen (Quetschung, Anschwellung, Bruch des Ohrknorpels).
Von scharfer Beobachtungsgabe zeugt die Schrift „Wie Simulanten zu entlarven sind“. Hier gibt Galen eine Reihe von physischen und psychischen Kennzeichen an, welche es dem Arzte ermöglichen, Simulation von wirklichen Krankheitszuständen zu unterscheiden. Einige Beispiele aus der eigenen ärztlichen Erfahrung illustrieren die mitgeteilten Kriterien in treffender, anschaulicher Weise.
Rühmlich schließt sich an die medizinischen Leistungen, was Galen an ~hygienischen~ Vorschriften hinterlassen hat -- hierin jeder Zoll ein echter Hippokratiker! Das ganze Gebiet meisterhaft beherrschend, auf alle Verhältnisse eingehend, schildert er für jede Lebensstufe bis in die kleinsten Einzelheiten, was zur Erhaltung und Bewahrung der Gesundheit dienlich ist. Ernährungsweise, Einflüsse des Wassers und der Luft, Bädergebrauch, Massage, Leibesbewegungen, Spiele u. a. werden von Galen in den Kreis der Betrachtung gezogen, und viele seiner auf scharfer Beobachtung fußenden Ausführungen besitzen unvergänglichen Wert, weil sie in dem Gedanken gipfeln, welcher die ganze harmonische Schönheit der klassischen Antike zum Ausdruck bringt, in dem Gedanken: Μηδὲν ἄγαν.
Die Bücher de alimentorum facultatibus, in welchen die einzelnen Nahrungsmittel (Brotarten, Hülsenfrüchte, Fleischsorten, Früchte u. s. w.) nach ihrem Nährwert und mit Vorschriften über Zubereitungsweise abgehandelt werden, bildeten lange die Quelle für alle späteren diätetischen Schriftsteller. In dem Werke de sanitate tuenda werden die hygienischen Faktoren eingehend besprochen. Von den Spielen erklärte er diejenigen für die besten, welche Körper ~und~ Geist erfreuen. Ueber die Wirkungsweise der Bäder und die Modifikationen ihrer Anwendungsweise findet sich in de sanitate tuenda geradezu ein Kompendium. Mit größter Schärfe wendet er sich dagegen, daß man Neugeborene in kaltem Wasser bade; man berief sich darauf, daß die heldenstarken Deutschen diese Sitte üben. „Ich habe,“ sagt Galen, „mein Buch nicht für Deutsche, auch nicht für Bären und wilde Schweine geschrieben, sondern für Griechen oder wenigstens für solche Menschen, die griechische Denkweise haben. War es jemals erhört, das kleine, noch von der Gebärmutter warme Kind in kaltes Wasser zu werfen, als ob es glühendes Eisen wäre? Kommt das Kind mit dem Leben davon, so mag es denn sein, daß dadurch seine natürliche Stärke geprüft und noch durch die Berührung des kalten Wassers vermehrt worden ist. Aber welche vernünftige Mutter, welche nicht ganz eine Skythin ist, wird an ihrem Kinde einen Versuch wagen, der, wenn er nicht gelingt, nichts weniger als den Tod zur Folge hat, um so viel mehr, da aus diesem Versuche gar kein Vorteil entstehen kann. Für einen Esel oder ein anderes lasttragendes Vieh mag es ein Vorteil sein, so einen steinharten Rücken zu haben, der gegen Kälte und Schmerz gefühllos ist, aber was nützt dies dem Menschen?“ Ebenso wendet sich Galen gegen die Athletik.
Was in der Zusammenfassung und geistigen Durchdringung des medizinischen Wissens damals möglich war, hat Galenos geleistet, und wenn auch mehr blendende Fiktionen als solide nüchterne Wahrheiten die Grundlage bilden, es gibt doch für die Leistungsfähigkeit der medizinischen Synthese der Alten keinen besseren Gradmesser als das gewaltige, durch philosophische Reflexion vollkommen geschlossene, alle Hauptrichtungen vereinigende System des Pergameners! In stolzem Selbstgefühl rühmt sich sein Schöpfer, er habe die Bahn, welche Hippokrates gebrochen, erst geebnet und gangbar gemacht -- ähnlich wie Trajan die Heeresstraßen im römischen Reiche; selbstzufrieden und im Glauben, den Abschluß der Forschung gebracht zu haben, ruft er aus: „Wenn jemand gleichfalls durch Taten, nicht durch kunstvolle Reden berühmt werden will, so braucht er nur mühelos in sich aufzunehmen, was von mir in eifriger Forschung während meines ganzen Lebens festgestellt worden ist.“
Solche Ueberschätzung wiederholte sich oftmals im Laufe der Geschichte, niemals aber sollte das medizinische Lehrsystem eines einzelnen eine so lange, ungebrochene, tyrannische Macht über die Geister ausüben wie das galenische, hierin nur der geozentrischen Theorie des Ptolemaios gleichkommend! Widersinnig wäre es, wollte man Galen selbst für den Geistesdruck von weit mehr als tausendjähriger Dauer verantwortlich machen, statt diejenigen zu beschuldigen, welche bar jedweder Schaffenskraft den ausgetretenen Bahnen folgten oder gar die freie Forschung in Fesseln schlugen. Umsomehr als in der Forschungsweise Galens so viele Keime lagen, welche nur der Entfaltung harrten, wie namentlich seine Experimentalmethodik! Statt an die rationellen Ideen anzuknüpfen, statt die empirischen Leistungen weiter zu führen, begnügte man sich leider bald, die Aussprüche des Pergameners auf allen Gebieten der Medizin als Dogmen hinzunehmen und entfernte sich damit immer weiter von dem echten Hippokratismus. Darin hatte Galen leider das Beispiel gegeben. Denn, nennt er auch den göttlichen Greis von Kos πάντων ἀγαθῶν εὑρετής, gerade dadurch, daß er die Erfahrungstatsachen der hippokratischen Schriften mit Hilfe der noch viel zu unentwickelten Hilfszweige wissenschaftlich zu begründen unternahm, daß er die ursprüngliche Lehre mit philosophischen Doktrinen verquickte, ja schon dadurch allein, daß er ein System errichtete, verdarb er vielfach die Reinheit des köstlichsten Gutes, welches die hellenische Medizin hinterlassen hatte, entzog er durch den Schatten seiner imponierenden Persönlichkeit gerade den echten Hippokratismus den Blicken der kommenden Geschlechter. Darum mußte, als die unbefangene Forschung wieder ihr Haupt erhob, das galenische System als bloß temporäre Form gänzlich zusammenstürzen, während das Ideenwerk des Hippokrates über alle Zeiten hinweg stets den Mutterboden der Heilkunst bilden wird!
Antyllos.
Galens imposantes Lehrsystem bildet den Höhepunkt der wissenschaftlichen Bestrebungen der antiken Medizin; in den chirurgischen Fächern war es dagegen dem Pergamener nicht gegönnt, durch eigene Leistungen über diejenigen der Vorgänger hinauszudringen, hier wurde er durch einen auch sonst sehr bedeutenden Arzt, an dessen Namen sich der Ruhm der antiken Chirurgie in besonderem Grade knüpft, übertroffen, durch -- ~Antyllos~.
Ueber das Leben des Antyllos ist fast nichts bekannt, von seinen Werken haben sich nur wertvolle Fragmente in der nachfolgenden Literatur erhalten, doch schon das Wenige, was über der Zeiten Strom hinübergerettet worden, läßt die ganze Größe des Mannes und die ~überraschend hohe Entwicklungsstufe der antiken Chirurgie~ erkennen.
Die Schriften des Antyllos betrafen nicht nur die Chirurgie, sondern in einem Hauptwerke über die Heilmittel (4 Bücher) auch die gesamte übrige Heilkunde. Die erhaltenen spärlichen Bruchstücke wurden wiederholt gesammelt herausgegeben, am besten von A. Lewy und Landsberg in Janus, Zeitschr. f. Gesch. u. Literatur d. Medizin, Breslau 1847, Bd. II. Da es durch neuere Forschungen erwiesen ist, daß Galen den Antyllos benützt hat, dieser aber in einer Stelle seiner Schriften den Archigenes zitiert, so können wir die Lebenszeit in die ~erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr.~ verlegen. Antyllos hielt sich vorwiegend an die Grundsätze der pneumatischen Schule, welche dem späten Altertum die vornehmsten Aerzte und namentlich die besten Chirurgen schenkte und folgte den großen Traditionen eines ~Archigenes~, ~Heliodoros~ und ~Leonides~ (vergl. Seite 335).
In den vorhandenen Fragmenten sind folgende Themen behandelt: Einflüsse der Luft und der Bodenverhältnisse auf Gesundheit und Krankheit, Wohnungshygiene, Diätetik, Gymnastik, Balneologie, Krankenpflege. Es finden sich darin bewundernswerte Vorschriften, allerdings durchsetzt mit theoretischen Argumenten, die der Subtilität der pneumatischen Schule entstammen. Antyllos achtete bei der Krankenpflege auf Temperatur und Belichtung der Wohnung und auf die Lagerung des Patienten. (Bei Kopfleiden soll eine zurückgeneigte, bei Brustkranken eine hohe, bei Unterleibsaffektionen eine zurückgebogene Lage eingenommen werden, bei Gonorrhöe und Nierenleiden die Seitenlage, bei Leberleiden nach rechts gewendete Seitenlage.) Ebenso regelte er peinlich genau die Krankenkost. Bei Fieberhitze erlaubte er den Genuß von kaltem Wasser. Ausführlich verbreitete er sich über die Bäderanwendung (künstliche und natürliche, mineralische und aromatische Bäder) und bestimmte ihre Indikationen (als Schwitzmittel, als tonisierende, antispastische, antineuralgische Mittel u. s. w.). Die salz-, eisen-, schwefel-, salpeterhaltigen etc. Bäder benützte er in chronischen Krankheiten, z. B. Solbäder gegen Wassersucht, Kopf- und Brust- und Magenleiden; Schwefelbäder gegen Nervenleiden; Eisenbäder gegen Milz- und Magenaffektionen; Seebäder gegen Hydrops, Dermatosen, Phthisis, rheumatische Leiden. Ungemein eingehend erörtert er die therapeutischen Zwecke und die Dosierung, die Indikationen und Kontraindikationen des Spazierengehens, Laufens, Reitens, Schwimmens, der gymnastischen Uebungen und Spiele („Schleuderspiel“, „Schattenfechterei“, Faustkampf, Sprungübungen, Ballspiel, Kugelwurf, Reifschlagen, Schaukeln).
Antyllos gab für die einzelnen chirurgischen Eingriffe nicht nur allgemeine Vorschriften, sondern er erörterte die Technik bis in die feinsten Einzelheiten mit einer Genauigkeit, unter Berücksichtigung aller eintretenden Möglichkeiten, wie es nur ein Meister der Praxis vermag. Schon über die Methoden der Blutentziehung gibt er ungemein sorgfältige Anweisungen, er gedenkt der ~Arteriotomie~ (an den Nackenarterien), der Schröpfköpfe (gläserne, bronzene, hörnerne), mit und ohne Skarifikation, der Blutegel, der „~Bdellotomie~“ (Blutegelschnitt) und sondert die Hämostatika in solche, welche durch Kälte, Zusammenziehung, Verstopfung, Austrocknung oder Aetzung wirken.
Applikationsstellen für die Venäsektion waren: Stirne in der Nähe des Scheitelbeins, die Stelle oberhalb des inneren Augenwinkels, hinter den Ohren, unter der Zunge, zwischen Mittel- und kleinem Finger, Kniekehle, innerer Knöchel, Ellenbeuge (obere, mittlere, untere Vene). Je nach dem Leiden kommt die eine oder andere Vene in Betracht, die Länge des Eröffnungsschnittes hängt von verschiedenen Umständen ab, die Schnürbinde darf nicht zu fest gebunden sein. Ueber die Anwendung der Schröpfköpfe -- silberne werden verworfen -- handelte ein eigenes Kapitel. Der Blutegelschnitt bestand im folgenden: „Wenn man genötigt ist, die Blutegel anzuwenden, nachdem sie schon gesogen haben, oder wenn man nur wenige zur Verfügung hat, oder wenn nur wenige angefaßt haben, muß man ihnen, wenn sie vollgesogen sind, den Schwanz mit der Schere abschneiden. Nachdem das Blut ausgeflossen ist, ziehen sie wieder an und hören nicht eher auf, als bis wir ihre Saugöffnung mit Salz, Soda oder Asche bestreuen.“ -- Hämostatika waren: kaltes Wasser, Essig, Galläpfel, Akaziensaft, Grünspan, Gips, Bleiweiß, Kupferblumen etc. und das Glüheisen.
Vortrefflich sind die Mitteilungen über die Chirurgie der ~Abszesse~ (Vorschrift über die Richtung der Inzisionen), der ~Fisteln~ (Mastdarm-, Bauch-, Brust-, Trachealfisteln), der ~Phimose~, der ~Hypospadie~, der ~Narbenkontrakturen~ (Exstirpation) und der ~Geschwülste~ (Lipome, Atherome, Ganglien). Antyllos beschreibt den ~Luftröhrenschnitt~ sehr genau, verwirft ihn aber in Fällen, wo die Luftröhrenverzweigungen und die Lungen bereits affiziert sind (bei seiner Methode handelt es sich merkwürdigerweise um einen queren Schnitt zwischen den Ringen der Trachea); er schildert die ~plastische Operation~ von „Kolobomen“ (Defekte, besonders der Augenlider, der Stirn, Nase, Ohren und Wangen). Dauernden Nachruhm sichert ihm endlich seine Therapie der ~Aneurysmen~ (wahre und traumatische, Verfahren der doppelten Unterbindung und Spaltung) und die Extraktionsmethode bei Catarakta (~Starausziehung~).