Geschichte der Medizin. I. Band

Part 52

Chapter 523,078 wordsPublic domain

Im 4. hippokratischen Buche „Ueber die Krankheiten“ (Kap. XV) wird als Ursache der Krankheitsentscheidungen an ungeraden Tagen der Umstand angeführt, „daß der Körper an den geraden Tagen aus dem Magen Feuchtigkeit anzieht, an den ungeraden Tagen hingegen an ihn abgibt“. Galen sucht den Grund der zahlenmäßigen Gesetzmäßigkeit des Krankheitsverlaufs nicht in den Zahlen an sich (Pythagoreer), sondern in dem ~Einfluß der Himmelskörper~; der Mond ist für die akuten, die Sonne für die chronischen Affektionen das Bestimmende. „Alles Irdische wird nicht durch die Zahlen, sondern durch den Mond beeinflußt.“ Hierbei haben Neumond und Vollmond den größten, die anderen Mondesphasen geringeren Einfluß; nebstdem zieht Galen auch die Stellung des Mondes in den einzelnen Tierkreiszeichen in Betracht. Er erklärt ausdrücklich, daß er die Ansicht der ägyptischen Astronomen über den Einfluß des Mondes auf Kranke und Gesunde als wahr erkannt habe. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß der Schöpfer des geozentrischen Systems, Ptolemaios, die Lehre von den kritischen Tagen zum Nachteil der späteren Medizin in das astrologische Gebiet hinübergeführt hat. Es heißt bei ihm: „Bei den Kranken betrachte die kritischen Tage und den Lauf des Mondes in den Winkeln einer Figur von 16 Seiten; findest du diese Winkel günstig bestellt, wird's dem Kranken gut gehen, schlecht dagegen, wenn schlimmere Zeichen herrschen.“

Der koischen Schule nacheifernd, pflegte Galen die ~Prognostik~ in besonderem Maße, und nicht den geringsten Teil seines Rufes als Praktiker dankte er richtigen Vorhersagungen; die Krankengeschichten, die er mitteilt, bezwecken vornehmlich sein überragendes Können auf diesem Gebiete ins volle Licht zu setzen. Dabei stellte er die prognostischen Aussprüche des Corpus Hippocraticum als unfehlbar hin und suchte -- entgegen dem Geiste des großen Koers, der auch seine Irrtümer einbekennt -- alle Widersprüche spitzfindig zu beschönigen. Seine anatomischen Kenntnisse und seine aufs Exakte hinzielende Denkrichtung drängten ihn aber dazu, die Prognostik, wo es möglich schien, wissenschaftlich zu begründen, d. h. auf die ~Diagnostik~ zu stützen.

Die galenische Semiotik verwertet die meisten Beobachtungs- und Untersuchungsmethoden, die das Altertum ausgebildet hat; besonderer Nachdruck wird aber namentlich auf die ~Pulsuntersuchung~ und die ~Harnschau~ gelegt; letztere ist bereits sehr subtil ausgestaltet.

Von der Auskultation findet sich nur die Erwähnung des zischenden Geräusches bei einer penetrierenden Brustwunde. -- Auf die Sekretionen (z. B. Sputum) und Exkretionen wird sorgfältig geachtet. -- Die Sphygmologie Galens folgt den Bahnen des Herophilos und der Pneumatiker (vergl. S. 335). Es werden Unterarten nach den Kategorien der ~Dimension~, ~Schnelligkeit~, ~Stärke~, ~Härte~, ~Häufigkeit~, ~Füllung der Arterie~, ~Gleichmäßigkeit~, ~Ordnung~, ~des Rhythmus~ unterschieden. Galen beschreibt unter anderem den Pulsus longus, brevis, latus, angustus, altus, humilis, gracilis, turgidus, tenuis, crassus, celer, tardus, rarus, frequens, vehemens, languidus, durus, mollis, plenus, vacuus, aequalis, inaequalis, ordinatus, inordinatus, dicrotus, decurtatus, undosus, vermiculans, formicans, vibratus, convulsivus, caprizans etc.

~Die Basis der galenischen Pathologie und Diagnostik bildet der Satz, daß es keine Funktionsstörung ohne organische Läsion gebe: μηδέποτε βλάπτεσθαι μηδεμίαν ἐνεργειαν ἄνευ τοῦ πεπονθέναι τὸ ποιοῦν αὐτὴν μόριον~ (vergl. hiezu Erasistratos). Im speziellen Falle war ausfindig zu machen, welcher Körperteil ~primär~ oder auf dem Wege der ~Sympathie~ die Funktionsstörung erzeugt, und welche Säfteanomalie zu Grunde liegt.

Anschließend sei die Theorie der Entzündung und des Fiebers kurz angedeutet, weil sie am raschesten Einblick in die galenische Pathologie gewährt. Die ~Entzündung~ gehört in die Klasse der krankhaften Anschwellungen (ὄγκοι παρὰ φὐσιν = tumores praeter naturam) und charakterisiert sich durch örtliche Wärmesteigerung. Abgesehen von „trockenen“ Formen erfolgt hierbei ein vermehrtes Eindringen (Error loci) von Pneuma oder der vier Humores (ῥεῦμα), wodurch die pneumatöse, phlegmonöse (Blut), ödematöse (Schleim), erysipelatöse (gelbe Galle) oder skirrhöse (schwarze Galle) Entzündung entsteht. Stockung der Säfte bedingt die vier Kardinalsymptome (~tumor~, ~rubor~, ~calor~, ~dolor functio laesa~). Der Ausgang kann sein: Zerteilung, Ausschwitzung von Serum (ἰχώρ), Eiterung, Fäulnis (σῆψις).

Fieber ist eine abnorme, allgemeine Wärmesteigerung und beruht auf Arterienverstopfung, lokaler Entzündung (ἑλκος, Bubonen) oder Fäulnis der Säfte. Es gibt kontinuierliche und intermittierende, der Starrfrost ist auf Affektion der Nervenzentra zurückzuführen. Die kontinuierlichen, von denen vielerlei Arten unterschieden werden (Ephemera, ὴπίαλος, σὐνογος, τυφώδης, τῦφος, καῦσος, λειπυρία, ῥοωδης, πεμφιγωδης, ικτεριωδης, νωθρὸς, φρικώδης), sind bald durch Stockung des ~Pneuma~ (Ephemera), bald durch ~Fäulnis der Humores~ verursacht oder haben ihren Ursprung in den ~festen Teilen~ (~ἑκτικοὶ πυρετοί~). Von den intermittierenden (διαλείποντες πυρετοί) entsteht die Quotidiana durch Anhäufung von Schleim, die Tertiana aus gelber, die Quartana aus schwarzer Galle (resp. Leber, Milz). Galen stützte sich in seiner Fieberlehre auf die pneumatische Schule. Wir finden daher seine Einteilung auch bei einem späten Anhänger dieser Richtung, nämlich bei ~Alexandros von Aphrodisias~ (2. Jahrhundert n. Chr. [περὶ πυρετῶν im Ideler, Physici et medici graeci minores, Bd. I]). Wie Galen teilt auch er die Fieber ein in intermittierende und kontinuierliche, langsame und schnelle, Eintagsfieber, septische und hektische.

Da Galen in seinen Schriften -- abweichend von Hippokrates -- stets mehr die Beweisführung zu Gunsten seiner Theorien als die Vorführung reiner Beobachtungen beabsichtigt, so finden sich bei ihm wohl scharfsinnige Analysen der Krankheitsprozesse, aber wenig Gesamtbilder von Symptomenkomplexen. Dennoch ist die ~spezielle Pathologie~ überaus reich vertreten, und in der Menge willkürlicher Spekulationen liegt manches Goldkorn von wahrer Beobachtung und überraschend klarer Einsicht verborgen.

Krankheiten der Respirationsorgane.

~Nasenleiden~: Die Auffassung des Katarrhs entspringt der Lehre, wonach das Gehirn die Quelle des Schleims darstellt. Andeutung oder Erwähnung finden: Anosmie, Geschwüre und Polypen (chirurgische Therapie), Ozäna und Epistaxis (Therapie, Kälteapplikation auf die Stirne, Tamponade mit dem Schwamm, Schröpfköpfe in die Leber- oder Milzgegend). Die Beziehung des Nasenblutens zu Allgemeinleiden war bekannt. ~Kehlkopfleiden~: Galen weiß, daß Aphonie und Veränderungen der Stimme sowohl durch Traumen (Läsionen des Gehirns, Rückenmarks, Thorax, Abdomens) als durch Lokalaffektionen des Kehlkopfes erzeugt werden können. Fremdkörper im Kehlkopf oder Trockenheit der Schleimhaut rufen durch ihren Reiz Husten hervor. Beschrieben werden Geschwüre des Larynx (oberflächliche und tiefe; sie sind nur wenig schmerzhaft), Laryngitiden, Ermüdung der Stimmbänder etc. Die ~Kynanche~ unterscheide sich von der ~Synanche~, daß erstere das Innere des Larynx befalle und daher sehr gefährlich sei, während letztere im Schlundkopfe ihren Sitz habe[24]. In der Therapie kamen verschmierende (Gummi, Amylum, Milch, Eier u. a.), reinigende (expektorierende) und adstringierende Mittel, „~Hypoglottides~“ (kleine bohnenförmige Ballen, die unter die Zunge gelegt wurden, dort sich langsam verflüssigten und heruntergeschluckt wurden), zur Anwendung; außerdem diätetisches Regime, Bäder, Luftkurorte; bei entzündlichen Affektionen die Venäsektion. ~Lungenkrankheiten~: Die Therapie der akuten Bronchitis bestand in der Darreichung von Honig (zur Erleichterung der Expektoration) und Opium mit gekochtem Weinmost; beim chronischen Katarrh verordnete Galen leichteren Wein, Narkotika, verbunden mit Pfeffer, Galbanum, besonders aber Marrubium vulgare. Weit schärfer als die Vorgänger trennte er die ~Pneumonie~ von der ~Pleuritis~ und bezeichnete als differentialdiagnostische Kennzeichen der ersteren: die größere Atemnot und die blutigen Sputa. Die Pleuritis wird definiert als νόσημα τοῦ τὰς πλευρὰς ὑποζωκότος ὑμἑνος oder als φλεγμονή dieser Membran.

[24] Bei Hippokrates wird kein Unterschied zwischen beiden gemacht, συνάγχη oder κυνάγχη ist Angina, d. h. eine Entzündung des Larynx, des Pharynx oder der benachbarten Teile, welche durch das aus dem Kopfe in die Halsvenen strömende Sekret erzeugt wird; ist das Sekret von kaltem schleimigen Charakter, so entsteht Verstopfung der Blutgefäße und Atemwege (Rötung, Schwellung, Schmerz), ist es von heißer, salziger Beschaffenheit, so entstehen (ohne Entzündung) Geschwüre auch in der Luftröhre. Letztere Form sei viel gefährlicher und führe oft plötzlich den Tod herbei. Nach Aretaios wäre Kynanche eine Entzündung der Atemwerkzeuge, Mandeln, der Epiglottis, des Pharynx, des Kehlkopfes, Zäpfchens und der Mundhöhle, Synanche dagegen ein Leiden des Pneuma, welches mit großem Angstgefühl und Affektionen der inneren Organe verbunden sei.

Bei der Pneumonie ist auf das verschiedene Aussehen der Sputa in den einzelnen Stadien der Krankheit, auf den Puls und die Atmung zu achten. Die Beschaffenheit des Sputums zeigt an, welcher Humor durch seinen Zufluß die Entzündung erregt, ein ungünstiges Vorzeichen bildet der grüne, schwarze oder übelriechende Auswurf. Der Puls ist groß, wellenförmig, sehr frequent, zuweilen kaum fühlbar, unregelmäßig und doppelschlägig, sehr gefährlich ist der Pulsus intercurrens. Die Respiration ist beschleunigt, vermehrt und flach, je mehr die Atemwege verstopft sind, desto mehr steigt die Atemnot. Bei der Pleuritis haben die Schmerzen einen stechenden Charakter, der Puls ist rasch, häufig, mittelgroß, heftig, sehr hart und sägend, die Arterien sind gespannt und hart. Um Verwechslungen mit Leberleiden vorzubeugen, habe man auf das Verhalten des Stuhlganges, der bei letzteren charakteristische Veränderungen zeige, Rücksicht zu nehmen. Die Behandlung beider Affektionen ist im wesentlichen die gleiche, nebst warmen Umschlägen spielen ~der Aderlaß~ (an der Armvene der kranken Seite, so lange, bis das Blut eine lebhafte Röte zeigt) und ~Purganzen~ (meist Koloquinthen und Helleborus) die Hauptrolle. Bei (prognostisch ungünstigem) Durchfall sind Opium, Hyosciamus und Diuretika zu geben; nach den Ausleerungen Honigwasser, Ptisanen, leichte Kost und Wein, namentlich bei spärlichem Auswurf. Die Diagnostik und Therapie des Empyems (Eiteransammlung im Raume zwischen Lunge und Brustwand) ist bei Galen nicht so ausführlich wie bei Hippokrates geschildert (nach Galen schwand die Neigung zur operativen Behandlung des E. immer mehr). Von der ~Lungenschwindsucht~ unterschied der Pergamener eine entzündliche, ulzerative und eine schleichende Form. Die φὑματα, von denen er im Anschluß an Hippokrates mehrmals spricht, bedeuten nicht Tuberkel, sondern Geschwüre, Eiterherde der Lunge. Als ätiologische Momente der entzündlichen Form gelten mechanische Läsionen; Zerrungen des Lungengewebes (auf die Läsion folge nämlich Entzündung und Ulzeration), anhaltender Husten und besonders Hämoptoë werden als vornehmste Ursachen der Phthise erwähnt. Die Blutung kommt zu stande: 1. durch Ruptur der Gefäße (infolge Einwirkung mechanischer Gewalt, Schlag, Fall, Heben schwerer Gegenstände, lautes Schreien u. a.), 2. durch Erosionen der Gefäßwände (dabei gingen schon andere Symptome lange vorher, wie z. B. Auswurf infolge des Zuflusses scharfer Stoffe nach der Lunge), 3. durch die Atonie der Gefäßwände (veranlaßt durch warme Bäder, heiße Speisen etc.), wobei die „Anastomosen“ die Blutflüssigkeit hindurchtreten lassen (in diesem Falle ist die Blutung sehr geringfügig). Differentialdiagnostisch gegenüber der Hämatemesis sei festzuhalten, daß erbrochenes Blut dunkel gefärbt sei und ohne Husten entleert werde, während das aus der Lunge stammende Blut hell und schaumig aussehe und unter Husten expektoriert werde. Sind Zerreißungen der Gefäße Ursache der Hämoptoë, so sei bei jungen Patienten die Venäsektion vorzunehmen, jedoch nicht bei heißem Wetter oder in den Fällen, wo der Kranke an Gallenüberfluß leidet. Sonst werden empfohlen: das Binden der Glieder, Einreibungen, diätetisches Regime (Gerstenwasser, Obst, ruhiges Verhalten), Theriak, sowohl um die Sekretion zu beschränken, als um Schlaf zu bewirken. Die schleichende Form der Phthise entstehe durch Verderbnis der Säfte. Der Puls ist klein, schwach, weich, mäßig, rasch und „hektisch“. Prognostisch ungünstig seien salzig schmeckende Sputa, Durchfälle und Haarausfall. Die Therapie besteht in leicht verdaulicher, kräftiger Nahrung, fortgesetztem Milchgenuß, Behebung der Obstipation (Honig oder Salz), und eventuell in der Anwendung verschiedener meist balsamischer und austrocknend wirkender Medikamente (Myrrhe, Terpentin, armenischer Bolus) oder Antidota (z. B. Fuchslunge). Das vorzüglichste Heilmittel ist aber nach Galen ~Luftveränderung~ (Land-, Seereisen), der Aufenthalt in trockenen, hoch gelegenen Orten Aegyptens und Libyens (~Gebirgsaufenthalt~, ~Höhenlufttherapie~). Besonderen Rufs als klimatischer Kurort erfreute sich das südlich vom Vesuv, am Meerbusen zwischen Sorrent und Neapel gelegene Tabiä, dessen Vorzüge Galen ausführlich schildert und durch Mitteilung von Krankengeschichten Schwindsüchtiger zu beweisen sucht. -- Bemerkenswerterweise kennt Galen die ~Ansteckungsgefahr~ der Phthise[25], denn er sagt: „Bei Phthisikern bestehen faulige Aushauchungen im Zimmer, das sie bewohnen, und fötider Geruch. Erfahrungsgemäß verfallen diejenigen in Phthisis, welche mit Phthisikern zusammen im Bette schlafen, ~lange~ zusammen wohnen, mit ihnen essen und trinken oder deren Kleider und Wäsche gebrauchen, bevor deren Schädlichkeit beseitigt worden ist.“

[25] Es sei hier darauf verwiesen, daß sich ~in der nichtärztlichen Literatur des Altertums weit früher und deutlicher als in den medizinischen Schriften Kenntnisse über die Ansteckungsfähigkeit gewisser Affektionen~ vorfinden (die Aerzte legten das Hauptgewicht auf das „Miasma“, d. h. auf die atmosphärischen Verhältnisse). So wird z. B. in den pseudoaristotelischen Problemen (VII, § 8) die Frage erörtert: „Weshalb werden von der ~Lungenschwindsucht~ und der ~Augenentzündung~ und von der ~Krätze~ diejenigen, welche sich (den Kranken) nähern, befallen?“

Gegen •„Herzklopfen“• empfahl Galen Blutentziehung und strenge Diät.

•Krankheiten des Digestionsapparates.• Was zunächst die Erklärung der Symptomatologie anlangt, so findet sich bei Galen folgendes: Der Appetitmangel sei darauf zurückzuführen, daß unverdaute Substanzen, gallige Säfte oder Schleim im Magen vorhanden sind, oder daß dessen Funktionen geschwächt sind; das Hungergefühl beruhe auf Kälte und Trockenheit und habe seinen Sitz im „Magenmunde“ (der Ausdruck Kardia oder Stomachos bedeutet die Speiseröhre; man hielt den „Magenmund“ für sehr reich an Empfindungsnerven und daher für den Ausgangspunkt vieler krankhafter Zustände); der Heißhunger entstehe, wenn sauere, kranke Säfte den Magen reizen, wenn sich die genossenen Speisen zu rasch im Körper verteilen, namentlich aber unter dem Einflusse äußerer Kälte oder kalter Dyskrasien, wodurch sich die innere Haut des Magens zusammenziehe; auch der Durst sitze im „Magenmunde“ und sei insbesondere vermehrt, wenn gallige oder salzige Stoffe den Magen füllen (unter anderem sollen kalte Bäder den übermäßigen Durst stillen). Uebelkeit oder Brechreiz, welche ebenfalls vom „Magenmund“ ausgelöst werden, führen nicht immer zum Erbrechen; Uebelkeit ist der mißlungene, Erbrechen der vollendete Versuch der Natur, den Magen von schädlichen Dingen zu reinigen. Letzteres komme durch die „austreibende“ Kraft zu stande. Uebelkeit wird hervorgerufen, wenn die Galle im Magen vorherrscht und der Magenmund eine bittere Beschaffenheit annimmt, das Erbrechen, wenn der Magen geschwächt ist und sein oberer Teil durch die Menge oder Unverdaulichkeit der Speisen gereizt wird. Brechreiz oder Erbrechen kommen nicht nur bei Magenleiden, Unterleibsaffektionen, lange anhaltender Verstopfung, sondern auch z. B. bei plötzlichem Schreck, bei Geisteskrankheiten, bei Verletzung des Gehirns und seiner Häute u. s. w. vor, sie begleiten die Seekrankheit. Auch das Erbrechen Neugeborener erwähnt Galen. Die erbrochenen Massen haben verschiedene Beschaffenheit, zuweilen gleichen sie geronnenem schwarzen Blute. Singultus, woran besonders Kinder leiden, entstehe durch Völle oder Leere des Magens, oder wenn ihn scharfe, heiße Säfte füllen, namentlich auch durch Erkältung des Magenmundes, er ist eine krampfartige Affektion des Magenmundes; außer durch Gelegenheitsursachen kann er auch durch Entzündung der Bauchorgane (Druck auf den Magen) bedingt sein, eines der empfohlenen Gegenmittel bestand im Zurückhalten des Atems. Dyspepsie behandelte Galen mit Brechmitteln, Bedeckung des Kopfes und der Magengegend mit heißen Tüchern, vierundzwanzigstündigem Fasten, unter Umständen kalten Umschlägen auf die Magengegend, kaltem Getränk, Eis; gegen heftiges Erbrechen dienten vegetabilische Adstringentien, endlich Opium mit aromatischen Mitteln. Der von den antiken medizinischen Autoren häufig genannte „Morbus cardiacus“ -- wahrscheinlich eine Neurose -- wird von Galen als eine vom Magen ausgehende akute Krankheit aufgefaßt. Unter den Darmleiden werden Katarrhe, Kolik, Darmverschlingung, Dysenterie, Cholera (nostras), Eingeweideparasiten ausführlich besprochen. Der Kolik -- deren Bezeichnung Galen für unpassend erklärt, weil sie nicht bloß vom Kolon, sondern von den verschiedenen Gegenden des Unterleibs ihren Ursprung nehmen könne -- gehen häufig dyspeptische Beschwerden, Uebelkeit, Erbrechen u. a. voraus, sie verläuft ohne Fieber, ist häufig mit Verstopfung und Erbrechen, bisweilen auch mit Atembeschwerden, Frost und Schweißausbruch verbunden, sie steigert sich manchmal bis zu Ohnmachten. Die Dauer des Anfalls kann selbst zwei Tage betragen; nicht selten kommen Verwechslungen mit anderen Leiden, z. B. mit Nierenaffektionen, vor, für welch letztere der Abgang von Nierensteinen durch den Urin ein differentialdiagnostisches Moment darstellt. Die Darmverschlingung erklärt Galen meistenteils aus entzündlichen oder skirrhösen Prozessen, Abszessen u. s. w. des Darms; die Entstehung durch zähe und dicke Säfte hält er für unmöglich. Das Wesen der eigentlichen Ruhr sucht er in Darmgeschwüren, doch gebe es herkömmlich auch als Ruhr bezeichnete Formen, die sich durch Darmblutung ohne Geschwüre charakterisieren. Witterungs- und Temperatureinflüsse (Frühling, Sommer, außerdem der Genuß von Wasser aus bronzenen Leitungsröhren) haben große Bedeutung für das Auftreten der Dysenterie, die Darmgeschwüre entstünden auch, wenn die innere Fläche des Darmes durch verdorbene Säfte angeätzt und angefressen werde; haben die Stuhlgänge das Aussehen von Eiterjauche, so weise dies auf die Existenz von Krebsgeschwüren. Heilmittel sind Austernschalen, Hirschhorn, Opium, Galläpfel, Klysmen. Die Cholera charakterisiert sich durch den höchst akuten Charakter, die Wadenkrämpfe, den fadenförmigen Puls, im späteren Verlauf treten Ohnmachten auf. Die Eingeweidewürmer bilden sich im menschlichen Körper unter dem Einfluß der Wärme aus faulenden Massen. -- Ikterus ist die Folge von Verstopfung der Gallenwege, Entzündung oder Geschwülsten, er ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Tritt er im Verlauf einer Krankheit als kritisches Zeichen auf, so besteht die Therapie in warmen Bädern und Friktionen; als örtliches Leiden wird er mit Abführ-, Schwitz-, harntreibenden Mitteln behandelt. Die Leber, sagt Galen, neigt wegen ihrer Struktur und physiologischen Tätigkeit besonders zu Verstopfungen, namentlich wenn ihre Gefäße ziemlich enge sind. Genuß unverdaulicher Speisen, rohe Säfte u. a. bilden ätiologische Momente. Leberentzündungen auf der konvexen Seite ziehen mehr das Respirationssystem, solche der konkaven Seite die Verdauungsorgane in Mitleidenschaft; zu den Symptomen zählt auch der Singultus. Bei „Milzleiden“ dienen Squilla und Kappernwurzel als wichtigste Heilstoffe, weil sie die dicken und schleimigen Stoffe mit dem Urin entleeren. -- Anasarka werden durch den Ueberfluß an kalten und feuchten oder verdorbenen Stoffen hervorgerufen, welche eine Verflüssigung des Fleisches bewirken; Hydrops entstehe durch Affektionen der Leber, Milz, der Nieren, der Lunge, Gedärme, durch zurückgehaltene Menses und Hämorrhoiden. Dadurch, daß die Wasseransammlung auf das Zwerchfell drückt und sekundär die Lunge zusammenpreßt, treten bei Ascites Respirationsstörungen (Atmung flach, frequent) und Husten auf; der Puls ist beim Ascites klein, frequent, ziemlich hart und etwas gespannt, bei Anasarka wellig, breiter und weicher.

•Krankheiten des Urogenitalsystems.• Die erschwerte Harnsekretion zeigt drei Intensitätsgrade: Dysurie ist die leichteste Form, Strangurie besteht, wenn der Harn nur tropfenweise, Ischurie, wenn er gar nicht nach außen gelangt; die Ursache liegt in der Verstopfung der Harnwege (durch zu dicken Urin, geronnene Blutmassen, steinige Konkremente), in der Entzündung oder Lähmung der Blase (infolge von Dyskrasien oder pathologischen Neubildungen), oder in der Schärfe des Urins (infolge von Blutsveränderungen oder Nierenaffektionen). Dysurie kommt auch, ohne daß die Harnorgane selbst erkrankt sind, vor. Wenn die Harnretention lange dauert, rät Galen zur Entleerung durch den S-förmig gewundenen Katheter. Nierenentzündungen seien oft langwierige Leiden, ja sie könnten das ganze Leben hindurch andauern. Nierensteine entstünden ebenso wie die gichtischen Ablagerungen in den Gelenken, Blasensteine sollen hauptsächlich bei Kindern (namentlich Knaben) vorkommen (infolgedessen dehne sich der Penis aus); Blasensteine sind manchmal wie angewachsen. Die Therapie der Harnsteine und Gicht erfordert den Gebrauch von Eselsmilch, von Wein mit Honig als Diuretikum, ferner die Arzneimittel: Myrrhe, Petersilie, Kümmel, Ammoniakum, das Pulver, welches sich in den Meerschwämmen vorfindet. Gegen Hämaturie wirkt Alaun, gegen Ischurie Apium. Blasenkrätze (Psora) hieß ein Zustand, bei dem der Harn eine dicke, zähe Beschaffenheit hat und kleienartige Schüppchen enthält (chronische Cystitis). Nierenkolik könne leicht mit Darmkolik verwechselt werden, doch diene der Nutzen der Abführmittel als Anhaltspunkt. Galen führte den Diabetes, dessen Wesen nur in der Polyurie vermutet wurde, auf eine Auflockerung der Nieren zurück. -- Der Terminus „Gonorrhoea“ bedeutet unwillkürliche Samenergießungen; je nachdem dieselben mit Erektion verbunden sind oder nicht, handle es sich um Reiz- oder Lähmungserscheinungen. Satyriasis oder Priapismus ist die dauernde Anschwellung und Vergrößerung des Penis.

•Dyskrasieen und Kachexieen.• Was die ~Gicht~ anlangt, so glaubte Galen, daß sie durch dicke und verdorbene Säfte erzeugt wird, oft auch ~vererbt~ ist; die Gichtknoten seien die Folge einer (durch die Wärme veranlaßten) Austrocknung der dicken Säfte; Diarrhöen und auch Varices üben manchmal einen günstigen Einfluß auf den Ablauf der Krankheit aus. Blutentleerung und Abführmittel (besonders im Frühjahr) wirken prophylaktisch, eignen sich aber nur für Plethorische. Bei Gichtanfällen sind reizende, blasenziehende Umschläge, mit Narkoticis, nachher auflösende Pflaster (Emplastron diachylon des Menekrates vergl. S. 323) anzuwenden. Rheumatische Affektionen sondert Galen sorgfältig von der Arthritis. -- Den Krebs betrachtete Galen als parasitisches Wesen.