Geschichte der Medizin. I. Band

Part 43

Chapter 433,103 wordsPublic domain

Die allgemeine ~Aetiologie, Semiotik und Prognostik~ stellt den Inhalt der ersten acht Kapitel des II. Buches dar und ist vorwiegend aus Hippokrates geschöpft, wie Celsus selbst einleitend bemerkt: „non dubitabo auctoritate antiquorum virorum uti, maximeque Hippocratis; quum recentiores medici, quamvis quaedam in curationibus mutarint, tamen haec illum optime praesagisse fateantur.“ Wie dieser schildert er den Einfluß der Jahreszeiten, der Witterung, des Alters, der Konstitution auf die Entstehung von Krankheiten und bringt eine Fülle von unvergänglich wahren Bemerkungen über die prognostischen Kennzeichen. Von höchstem Interesse ist das 2. Kapitel, welches die Zeichen bevorstehenden Erkrankens und das 6. Kapitel, welches die Zeichen des bevorstehenden Todes (darunter die Facies Hippocratica) angibt, ferner die (im 7. u. 8. Kapitel) angeführten prognostisch wichtigen Symptome bestimmter Affektionen, z. B. der Schwindsucht, der Wassersucht, eines Unterleibsabszesses, des Leberabszesses, der Nieren- und Blasenaffektionen. Besonders fesseln die Schilderung der Abnormitäten des Harns, der Symptome des Blasensteins, der Vorboten der Raserei, der letzten Stadien des Phthisikers u. a. -- alles von Meisterhand entworfen und noch heute lesenswert! Die folgenden Kapitel dieses Buches enthalten die ~allgemeine Therapie~, wobei Celsus mit feiner Kritik sowohl die Hippokratiker wie die Schule des Asklepiades zur Geltung kommen läßt. Demgemäß weist er bei der Indikationsstellung zum Aderlaß eine ganze Reihe von Bedenken der älteren Aerzte (z. B. Alter, Schwangerschaft) zurück und findet nur in zu großer Körperschwäche eine Gegenanzeige; vortrefflich sind die Anweisungen über die Ausführung der Venäsektion und die Warnungen vor Kunstfehlern, die hierbei vorkommen. Weiterhin bespricht er das Schröpfen (blutiges und trockenes, mit Schröpfköpfen aus Horn oder Kupfer), die Abführmittel (event. zu ersetzen durch laxierend wirkende Speisen, Wasser-, Schleim-, Salz-, Oelklistiere) und Brechmittel (bezüglich welcher er mit Asklepiades nicht ganz übereinstimmt), endlich die Lieblingsmethoden der damaligen Medizin: die Massage (frictio), die aktive und passive Bewegung (gestatio), das Fasten und Schwitzen (durch Wasserbäder, Sandbäder, Dampfbäder, warme Luftbäder, letztere z. B. in Bajä, Sonnenbäder). Mit größter Sorgfalt werden in diesen Abschnitten sowohl die Indikationen als die Technik der genannten Prozeduren besprochen. -- Die ~spezielle Pathologie und Therapie~ ist im III. und IV. Buche niedergelegt. Celsus wendet sich gegen die damals übliche Einteilung in akute und chronische Affektionen, er unterscheidet prinzipiell allgemeine und lokale Krankheiten, welch letztere a capite ad calcem vorgeführt werden. Unter den allgemeinen schildert er zunächst, frei von jedem dogmatischen Standpunkt, die verschiedenen Fieberarten und ihre vorzugsweise diätetische Behandlung; wichtig ist es, daß er die Theorie von den kritischen Tagen verwirft und, ungleich den Methodikern, streng individualisiert; namentlich das Verhalten des Pulses gibt ihm einen Maßstab für den Kräftezustand und die Richtschnur für das therapeutische Eingreifen, jedoch weist er auf die Fehler hin, die bei der Pulsuntersuchung unterlaufen können. Auch für die einzelnen Symptome des Fiebers, wie Kopfschmerz und Entzündung (falsch sei die Meinung des Erasistratos, daß jedes Fieber auf Entzündung beruhe), werden hygienisch-diätetische Behandlungsweisen angeraten. (Lib. III cap. 10 steht die berühmte symptomatologische Definition der Entzündung: „~Notae vero inflammationis sunt quatuor, rubor et tumor, cum calore et dolore~.“) Glänzend und von aktuellster Bedeutung ist das 18. Kapitel des III. Buches, in welchem die Therapie der Geistesstörungen abgehandelt wird und Celsus nicht nur für die üblichen Methoden (Diät, Aderlässe, Abführmittel, kühlende Umschläge, Uebergüsse, Massage, Einfluß des Lichts und der Dunkelheit, Zwangsmittel etc.), je nach den individuellen Verhältnissen, Indikationen angibt, sondern auf die ~psychische Behandlung~ das Schwergewicht legt. Hierher zählen freundliches Zureden, fromme List, Scheltworte oder Drohungen, Erregung der Aufmerksamkeit durch Gespräche, Vorlesen, Musik; eventuell muß der Patient selbst zu geistiger Tätigkeit z. B. zum Rezitieren angehalten werden: Cogendus est et attendere et ediscere aliquid et meminisse. In den folgenden Kapiteln des III. Buches bespricht Celsus die Pathologie und Therapie des „Morbus cardiacus“, wobei die Ernährung durch Klysmen erwähnt wird, des Lethargus, des „Hydrops“ (der Auftreibung des Abdomens, drei Arten: Tympanitis, Leukophlegmasia und Ascites), der Tabes (Auszehrung), von welcher die Spezies Atrophie, Kachexie und Lungenphthise unterschieden werden, ferner Epilepsie (Morbus comitialis), Icterus (Morb. arquatus sive regius), Lepra (Elephantiasis), Bewußtlosigkeit (durch Blitzschlag oder Schlaganfall), Lähmung (Resolutio nervorum), Tremor. Erwähnenswert ist die Behandlung der Neuralgien durch Auflegen von Schläuchen mit heißem Wasser, der Epilepsie auch durch Diät (Vermeidung von Wein und Coitus; hier wird auch das Volksmittel, Trinken von Menschenblut, angeführt: miserum auxilium tolerabile miserius malum fecit). In der Therapie der Phthise, die gleich ~im Beginne~ behandelt werden müßte, sind hervorgehoben: Milchgenuß, Diät, Enthaltung von Berufstätigkeit, warme Bäder, Saft des Wegerichs, Terpentin und Honig, Stillung der Diarrhöen und Hämoptoë, vorsichtige Massage und Bewegung, Seereisen, Klimaveränderung (Aegypten), in schweren Fällen Anwendung des Glüheisens. Das IV. Buch ist eine Abhandlung über die einzelnen Organleiden. Darunter sind ganz besonders eingehend die mannigfachen Formen des Kopfschmerzes und die Magendarmkrankheiten besprochen; unter den Kopfkrankheiten wird Hydrocephalus, unter den Nackenaffektionen Tetanus erwähnt, unter den Leberleiden schildert Celsus den Leberabszeß und die Cirrhose mit konsekutivem Hydrops, bei Milzleiden wird neben sauren und scharfen Speisen, Diureticis (Petersilie, Thymian), auch der Genuß von Rindermilz (Organtherapie!) empfohlen; für Nierenleiden sind warme Bäder, Klistiere und Diät vorgeschrieben, bei Ileus werden Oelklistiere gerühmt, gegen Bandwürmer werden nach einer Vorkur mit Knoblauch Granatwurzelrinde, gegen Ascariden und Oxyuren Oelklistiere und Pfefferminzwasser ordiniert, Gichtischen wird auch der Genuß von Eselsmilch geraten etc. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Pflege der Rekonvaleszenten. Nur allmählich dürfen dieselben zu einer ungeregelten Lebensweise zurückkehren. -- Die meisterhafte Darstellung der ~Chirurgie~ nimmt das VII. und VIII. Buch zur vollen Gänze ein, außerdem sind aber auch in den übrigen Büchern chirurgische Bemerkungen eingestreut, die Kapitel 26, 27, 28 des V. Buches enthalten die allgemeine Chirurgie der Wunden, Verbrennungen, Geschwüre und Geschwülste. Im wesentlichen folgt Celsus dem Hippokrates, doch bildet sein Werk, da es die eminenten Fortschritte des folgenden mehr als vierhundertjährigen Zeitraums überall heranzieht, eine unschätzbare Quelle für ~die chirurgischen Leistungen besonders der alexandrinischen Schule~; leider sind einige Abschnitte weniger ausführlich gehalten, als es zu wünschen wäre, und manches, wie z. B. die angeborenen Luxationen, die Verkrümmung der Wirbelsäule, die Verletzungen des Halses, die Operation des Hydrothorax, ist ganz unerwähnt geblieben. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle die spezielle Chirurgie bis in die technischen Einzelheiten zu verfolgen, nur einige besonders markante Momente seien hier angedeutet. Celsus bespricht die Verletzungen und deren charakteristischen Symptome (z. B. bei Gehirnverletzungen: blutiger Ausfluß aus Nase oder Ohr, Erbrechen, Nystagmus, Delirien, Zuckungen), die Lagerung des verletzten Gliedes, die verschiedene Beschaffenheit des Wundsekretes, die Blutstillung und Wundbehandlung, die Therapie der Frakturen, Luxationen, Caries und Nekrose der Knochen, die Fisteln, Fissuren, Geschwüre und Geschwülste, die Hernien, Hodenaffektionen, Varicen, Mißbildungen u. s. w. Mehr oder minder genaue Darstellung finden die Trepanation, die Resektionen, die Amputation, die Punctio abdominis (Einschnitt, sodann Einführung einer kupfernen oder bleiernen Röhre), die Radikaloperation des Nabelbruches, die Phimosenoperation, Infibulation, Urethrotomie, Kastration, der Katheterismus u. s. w. ~Blutstillung~ erfolgt durch Tamponade und Kompression (bei parenchymatöser Blutung), ~Gefäßligatur~ (bei Verletzung größerer Gefäße) oder ~Massenligatur~, selten durch Kauterisation. Die (in den hippokratischen Schriften nicht erwähnte) ~Ligatur~ wird folgendermaßen vorgeschrieben: ~venae quae sanguinem fundunt, apprehendendae, circaque id quod ictum est, duobus locis deligandae~ (Lib. V cap. 26 § 21). Als Wundverband diente ein in Essig, Wein oder Wasser ausgedrückter Schwamm, über welchen eine Leinwandbinde befestigt wurde. Die Wundvereinigung wurde auch durch die ~Naht~ erzielt (l. c. § 23). Bei penetrierenden Bauchwunden und Darmverletzungen legt Celsus die ~Darmnaht~ an, und empfiehlt bei der ~Bauchnaht~ stets das Peritoneum mitzufassen. Einer besonderen Betrachtung werden die durch Geschosse (Pfeile, Schleuderblei, Stein) entstandenen Wunden gewürdigt, namentlich mit Rücksicht auf die Extraktion -- Kapitel, die in den hippokratischen Schriften nicht vertreten sind. Ein weiterer Fortschritt gegenüber der Vergangenheit ist in der Beschreibung der Fisteln und deren operativer Behandlung zu erblicken. Hinsichtlich der Geschwürsbehandlung ist das Abtragen der kallösen Ränder und die Anwendung des Glüheisens bemerkenswert. Was die Neubildungen anlangt, so beschreibt Celsus die sehr zweckmäßige Methode der Entfernung der Atherome und kennt die, selbst nach Entfernung mit dem Messer, vorkommenden ~Rezidiven des Karzinoms~. -- Ebensowenig wie bei Hippokrates ist die Brucheinklemmung deutlich geschildert, die Radikaloperation der Brüche ist undeutlich beschrieben, hingegen erwähnt der römische Autor bereits ~Bruchbandagen~ und das ~Durchscheinen des Lichtes als Symptom der Hydrokele. Die Amputation wird nur bei Gangrän und zwar an der Demarkationslinie des Brandigen vorgenommen.~ -- Glanzstellen des Werkes bilden die Abhandlung über den Seiten-~Steinschnitt~ (Lib. VII cap. 26 § 2) -- eine Abhandlung, die zu vielen Kontroversen Anlaß gegeben hat -- und die Beschreibung der ~plastischen Operationen~ (zum ersten Male systematisch erörtert, Chirurgia „curtorum“; Deckung des Defektes mittels Verziehung der benachbarten Haut, Entspannungsschnitte), empfohlen für Defekte des Ohres (Lib. VII cap. 9), der Nase und Lippen, ferner für den Ersatz eines fehlenden Praeputiums. -- ~Auch die Mund-, Nasen-, Ohrleiden~ werden gemäß dem Standpunkt des damaligen Wissens sorgfältig beschrieben. Auf diesem Gebiete ist namentlich die Schilderung der aphthösen Geschwüre und kruppartigen Zustände, der operativen Behandlung des Lippenkrebses, der hypertrophischen Tonsillen und der Nasenpolypen anzuerkennen und der Tatsache zu gedenken, daß Celsus die Ozaena treffend charakterisiert, eine vorsichtige Therapie der Affektionen des äußeren Ohres empfiehlt und das Uebergreifen entzündlicher Ohraffektionen auf das Gehirn genügend betont. In der Technik der Ohrbehandlung spielten Einträufelungen, Einspritzungen mit dem „Clyster oricularis“ eine große Rolle; Fremdkörper wurden durch eine mit Wolle umwickelte und mit Terpentin getränkte Sonde, Ausspritzen und Niesemittel entfernt.

Aus der ~Zahnheilkunde~ interessiert uns, daß man zur Erleichterung der Extraktion das Zahnfleisch um den ganzen Zahn löste, bei sehr hohlem Zahn zur Verhütung des Abbrechens die Kavität vorher mit gezupfter Leinwand und Blei ausfüllte, wackelige Zähne mit Golddraht an die Nachbarn band und sogar unter Umständen die Erhaltung des Zahnes durch eine Art von Plomben (ein in Wolle gewickeltes Stück Schiefer wurde in die Höhle gestopft) versuchte.

Bezüglich der ~Gynäkologie und Geburtshilfe~ wäre folgendes hervorzuheben. Celsus kennt den Unterschied des männlichen und weiblichen Schambogens, den Hymen, die vikariirende Menstruation, bespricht die Untersuchung per rectum, den Katheterismus mit dem (weiblichen) Blasenkatheter, er verlangt die Untersuchung sub partum und benutzt für geburtshilfliche Operationen das Querbett. Steiß- und Fußlage gelten ihm als physiologisch, die Wendung auf den Fuß wird empfohlen, bei Extraktionen und Zerstücklungen der Frucht kommt der scharfe Haken zur Anwendung. Bei all dem unterläßt es Celsus nicht, die Gefahren des Wochenbetts und der Ausübung geburtshilflicher Operationen eindringlichst zu betonen. -- In der ~Augenheilkunde~ unterschied man eine ansehnliche Zahl von Affektionen, wobei neben allgemeiner Therapie, und den uralten ableitenden Methoden des Hypospathismus und Periscythismus eine Menge von äußeren Heilmitteln[13] und ungefähr 20 Operationsverfahren (z. B. bei Trichiasis, Staphylom) zur Anwendung kam. Wertvoll ist die •Beschreibung der Staroperation• -- die erste in der vorhandenen Literatur (Lib. VII cap. 7 § 14); das angegebene, auf falschen anatomischen Vorstellungen beruhende Verfahren (Depression, welcher eventuell die Zerstücklung folgte) blieb bis zum 18. Jahrhundert die allgemeine übliche Methode. (Man führte eine Nadel ein und drückte die in der Pupille befindliche, geronnene Masse nach unten.) Die ~Haut- und Genitalleiden~ sind sehr ausführlich besprochen, jedoch begegnet die Identifizierung der ersteren mit den jetzigen Krankheitstypen zum Teil großen Schwierigkeiten. Besonderes Interesse bietet der Abschnitt über Haarkrankheiten. Unter den Affektionen ist die Beschreibung der Gonorrhoe, der Hodenentzündung, der Strikturen, des Ulcus molle, der Phimose, Paraphimose, der Kondylome und Rhagaden vortrefflich. -- So wie in der Terminologie der Chirurgie (Celsusscher Zirkelschnitt) hat sich auch in der Dermatologie der Name des Celsus („Area Celsi“, Ophiasis Celsi) bis heute erhalten.

[13] Unter den Formen derselben sind besonders bemerkenswert die Collyria (κολλύρια = Brötchen). Es waren dies Gemische von Heilmitteln, die eine teigartige Masse bildeten, welche für den Gebrauch verflüssigt wurden.

War auch das Werk des lateinischen Hippokrates eigentlich für Laien (d. h. Nichtberufsärzte) bestimmt, so hatte er doch solche im Auge, welche ihre Kenntnisse praktisch verwerten. Darum überrascht es nicht, wenn wir nicht wenige Aussprüche bei ihm finden, welche sich auf ärztliche Politik und Deontologie beziehen. Manche derselben gehören zu den Perlen der medizinischen Ethik, wie der Satz, worin er, aufblickend zu dem erhabenen Vater der Heilkunst, sagt, ~daß der wahrhaft große Arzt auch begangene Irrtümer nicht verhehlt~, denn „magno ingenio, multaque nihilominus habituro, convenit etiam simplex veri erroris confessio; praecipueque in eo ministerio, quod utilitatis causa posteris traditur; ne qui decipiantur eadem ratione, qua quis ante deceptus est“.

Recht charakteristisch sind unter anderen folgende Sentenzen: „Conjecturalem artem esse medicinam, rationemque conjecturae talem esse, ut quum saepius aliquando responderit, interdum tamen fallat“ (II, 6) ... satius est enim anceps auxilium experiri, quam nullum (II, 10). ... Magis tamen ignoscendum medico est parum proficienti in acutis morbis, quam in longis (III, 1). ... Sed quum eadem omnibus convenire non possint, fere quos ratio non restituit, temeritas adjuvat (III, 9) ... saepe enim pertinacia juvantis malum corporis vincit (III, 12). ... dubia spes certa desperatione potior (VII, 16). Ueber den Scharlatan sagt Celsus bezeichnend, daß es seine Art sei: parvam rem attollere, quo plus praestitisse videatur (V, 26, 1). Schön sind auch die Ratschläge, die er für den Eintritt des Arztes ins Krankenzimmer gibt: Ob quam causam periti medici est, non protinus ut venit, apprehendere manu brachium: sed primum residere hilari vultu, percontarique, quemadmodum se habeat; et si quis ejus metus est, eum probabili sermone lenire; tum deinde ejus corpori manum admovere (III, 6). ... Sehr richtig meint Celsus auch: ~ab uno medico multos non posse curari~: eumque, si artifex est, idoneum esse, qui non multum ab aegro recedit (III, 4).

Von weit geringerem inneren Wert als das Werk des Celsus ist die weltberühmte „~Naturgeschichte~“ des ~C. Plinius Secundus~ (23 bis 79 n. Chr.), die viele Jahrhunderte hindurch das Orakel für die Naturwissenschaft bildete und, namentlich wegen ihres erstaunlich umfangreichen ~pharmakologischen~ Inhalts, den Aerzten der Vergangenheit zur Ausbeute diente, uns aber als unschätzbare ~historische Quelle~ den Verlust zahlloser einschlägiger Schriften ersetzt. Da ~Plinius~, ähnlich wie Cato, äußerst geringschätzig von den griechischen Aerzten dachte und daher zwischen wissenschaftlicher und den verschiedenen Formen der roh empirischen Medizin keine Grenzlinie zog, ~ohne jede Kritik~ alles aufnahm, wovon er nur irgend Kenntnis nehmen konnte, so bietet uns seine von erstaunlichem Fleiß zeugende Arbeit ein getreues Bild von der antiken ~Volksmedizin~, deren unzählige, oft abenteuerliche, abergläubische Mittel dem Zusammenfluß gräko-italischer mit orientalischer Kultur entstammten und sich im Laufe der Zeiten über ganz Europa verbreiteten, wo sie mit mancherlei lokalen Modifikationen und vermischt mit autochthonen Gebräuchen bis heute zäh festgehalten werden.

C. Plinius Secundus der Aeltere wurde 23 n. Chr. zu Novum Comum (Como) geboren und kam frühzeitig nach Rom, wo er eine ehrenvolle Amtskarriere einschlug. Trotzdem ihn der Militärdienst oft weit (z. B. nach Deutschland) entführte, trotzdem er mit dem größten Pflichteifer als Sachwalter tätig war, Hofämter oder Prokurationen (eine Zeitlang in Spanien) versah und zuletzt die Flotte bei Misenum befehligte, widmete er doch den Hauptteil seiner unermüdlichen Schaffenskraft unausgesetzt dem literarischem Studium, als dessen fruchtbares Ergebnis Werke über Kriegswissenschaft, Geschichte (darunter 20 Bücher über die Kriege mit den Germanen), Rhetorik, Grammatik und die von unglaublichem Sammeleifer zeugende ~naturalis historia~ erschienen; nur das letztgenannte riesige Sammelwerk, welches 20000 wissenswerte Dinge bespricht und aus Exzerpten von 2000 Bänden der rund 100 „exquisiti“ auctores zusammengetragen wurde (direkt oder indirekt sind 146 römische und 327 fremde Autoren herangezogen), ist uns, redigiert von seinem Neffen, dem jüngeren Plinius, vollständig erhalten. Mitten in der Arbeit, als Opfer seiner Wißbegierde, fand Plinius den Tod zu Stabiä bei dem großen Ausbruch des Vesuvs am 22. Aug. 79 n. Chr. Die Katastrophe ist in einem Brief des jüngeren Plinius an Tacitus in sehr anschaulicher Weise geschildert. Seinem Neffen danken wir auch interessante Mitteilungen über die Arbeitsweise des Plinius. Sein ganzes Leben verfloß über anhaltendem Lesen, während des Essens und beim Bade wurde vorgelesen, auf seinen Reisen führte er die Bücher mit sich und zugleich einen Schnellschreiber, der seine Notata sofort fixieren konnte, das Gleiche geschah in Rom, wenn er sich in einer Sänfte spazieren tragen ließ. Da er kein Buch las, ohne Exzerpte zu machen und die Zeit peinlich ausnützte, so konnte Plinius eine ungeheure, allerdings aus vielen sekundären Quellen oder Zitaten stammende Kollektaneensammlung anhäufen, aus welcher in der kurzen Spanne von bloß 2 Jahren seine erstaunliche Enzyklopädie der Naturwissenschaften 77 n. Chr. hervorging. Dieses Monumentalwerk im Stil der silbernen Latinität geschrieben, ist nach einem ganz sachgemäßen Plane aufgebaut, bringt zu jedem seiner Bücher ein Verzeichnis der benutzten Quellen und enthält im Texte zahlreiche Zitate; besonderer Wert kommt ihm, abgesehen von der Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, auch für die Geschichte der Erdkunde und der Kunst zu (die Entwicklung der künstlerischen Technik ist gründlich dargestellt). Die Naturgeschichte besteht aus 37 Büchern mit folgendem Inhalt: 1. Buch Inhalts- und Quellenverzeichnisse; 2. Buch mathematisch-physikalische Beschreibung des Universums; 3.-6. Buch Geographie und Ethnographie; 7. Buch Anthropologie; 8.-11. Buch Zoologie; 12.-27. Buch Botanik (darunter 20.-27. Buch ~Heilmittel aus dem Pflanzenreich~); 28.-32. Buch ~Heilmittel aus dem Tierreich~; 33.-37. Buch Mineralogie mit besonderer Rücksicht auf ~Arzneikunde~, Malerei und Bildhauerkunst. Wie das ganze Werk nicht auf wirklicher Naturbeobachtung, sondern vielmehr auf bloßem Bücherstudium beruhte --, bei dem gewaltigen Umfang des Stoffkreises war es auch nicht anders möglich -- so belehrte sich Plinius über die heilkräftigen Pflanzen allerdings in dem kleinen botanischen Garten des römischen Arztes ~Antonius Castor~, stützte aber im großen und ganzen seine zwar fleißigen, aber bloß kompilatorischen, oft mit Aberglauben durchsetzten oder widerspruchsvollen Ausführungen über medizinische Dinge auf die kritiklos hingenommenen Vorarbeiten, wobei ~Varro~ (für Geschichte der Heilkunde), ~Lenaeus~ (pflanzliche Heilmittel), ~Nigidius Figulus~ (tierische Heilsubstanzen) und ~Sextius Niger~ besonders berücksichtigt wurden. -- Die Enzyklopädie des Plinius gehörte zu allen Zeiten zu den beliebtesten Werken der Weltliteratur und konnte durch Auszüge, z. B. durch die Collectanea rerum memorabilium des C. Julius Solinus aus dem 3. Jahrhundert (ed. A. Goez, Lips. 1777) oder durch die Medicina Plininiana aus dem 4. Jahrhundert (ed. Val. Rose, Lips. 1875) nicht verdrängt werden. Noch sind ungefähr 190 meist unvollständige Handschriften vorhanden; gedruckt wurde die Naturgeschichte nächst der Bibel als ältestes Produkt der Buchdruckerkunst bereits 1469 zu Venedig. Neueste Ausgaben von Sillig (Gotha 1853 ff.) und Detlefsen (Berlin 1866 ff.), deutsche Uebersetzungen von F. L. Strack (Bremen 1854 ff.) und Wittstein (Leipzig 1880 ff.).

Welchen Nutzen die Lektüre des Plinius stiften kann, beweist nicht zum mindesten die Tatsache, daß C. Himly im Jahre 1800 auf die Pupillen erweiternde Kraft des Hyosciamus und der Belladonna durch eine Stelle geführt wurde, wo es heißt, daß man den Saft der Pflanze Anagallis vor der Vornahme der Staroperation in die Augen einrieb (Lib. XXV, 92).

Rezeptliteratur und Heilmittellehre.

Die mit dem zunehmenden Luxus der sinkenden Republik und noch mehr der Kaiserzeit einhergehende Weichlichkeit ließ alsbald jene therapeutische Richtung in den Hintergrund treten, welche eine fast arzneilose, diätetische Behandlungsweise zum Schlagwort gemacht hatte. Das Raffinement einer schwelgerischen Kultur, durch beifallslüsterne, erwerbslustige Medikaster ans Krankenbett verpflanzt, äußerte sich in geschäftiger Polypragmasie und Polypharmazie, die auf die Torheit und den Wunderglauben spekulierte, in dem geistlosesten Empirismus ihre Stütze fand. Wer die meisten, die seltensten Arzneien verordnete, über geheime und abenteuerliche Mittel, insbesondere aus fernen Landen stammende, verfügte, der erlangte in jener, zwischen extremer Skepsis und Köhlerglauben schwankenden Zeit das höchste Ansehen als Arzt, und täglich wuchs der Reichtum an Drogen, welche der Handelsverkehr nach dem Mittelpunkt der lateinisch-hellenischen Welt brachte -- ein schwacher Ersatz für die mangelnden Ideen.