Geschichte der Medizin. I. Band
Part 4
Leben, Gesundheit und Krankheit sind in letztem Grunde von metaphysischen Gewalten, Göttern und Dämonen abhängig, von den Einflüssen der Gestirne in ihrem Ablauf geregelt, anderseits aber werden sie vorwiegend mit dem Blute und dessen Veränderungen -- ~hämatische Theorie~ -- in Zusammenhang gebracht, während der Atmung nur hie und da wie einer sekundären Funktion gedacht wird.
Was die Vorstellungen der Babylonier über Lebensfunktionen und Körperbau betrifft, so läßt sich aus dem spärlichen Material etwa folgendes feststellen. Der belebte Körper besteht aus Seele und Leib, Sitz des Verstandes ist das Herz, Zentralorgan des Blutes die Leber. ~Das Blut~ wurde als eigentliches ~Lebensprinzip~ betrachtet; bemerkenswerterweise unterschied man zwei Arten desselben, Blut des Tages (?) und Blut der Nacht (?), d. h. helles-arterielles und dunkles-venöses. -- Die Anschauung, daß die Körpersäfte, namentlich das ~Blut~, die Grundlage des Lebens bilden, leuchtet schon aus dem Schöpfungsmythus hindurch, wonach die Erschaffung des Menschen erfolgte, indem einem Gotte der Kopf abgeschlagen, und dessen Blut mit Erde vermengt wurde. In den Mythen wird vom „Lebenswasser“ gesprochen, was auch auf die vorwiegende Humoraltheorie hindeutet -- eine Lehre, die schon von vornherein durch die Betrachtung angeregt wurde, daß Mesopotamien seine Fruchtbarkeit und kulturelle Blüte dem Euphrat und Tigris dankt. Es ist jedoch festzuhalten, daß die Bedeutung der Atmung selbstverständlich keineswegs entging (in einem Gebet heißt es: Gott, mein Schöpfer, meine Hand ergreife; den Atem meines Mundes leite!), nur spielte sie wahrscheinlich in der Lebens- und Krankheitstheorie der Babylonier nicht jene Rolle wie in der Medizin anderer Völker.
Unter den Ideogrammen der sumerischen Bilderschrift finden sich solche, welche verschiedene Körperteile darstellen. Die in den (bisher entzifferten) Keilschrifttexten vorkommenden Bezeichnungen deuten nur auf die primitivste Kenntnis, wie sie aus Küchen- und Opferanatomie hervorgeht. Große Bedeutung besaß die ~Opferschau~ zum Zwecke der Weissagung, wobei man vornehmlich auf wirkliche oder vermeintliche Abnormitäten der Leber achtete. Darüber hatte sich ein ganzes System gebildet. Als Modell für die Leberschau dienten Nachbildungen von Schafs- oder Ziegenlebern; zwei derartige aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. stammende ~Lebermodelle~ aus Terrakotta sind bereits aufgefunden worden. Die Unterseite ist durch ein Netzwerk von geraden Linien in viereckige Felde eingeteilt, außerdem sieht man viele Löcher, die entweder durch die ganze Lebersubstanz durchgehen oder nur als Grübchen erscheinen. Die planmäßig, an bestimmten Leberstellen angeordneten Inschriften stellen Sätze dar, welche sich auf zukünftige Zustände des Landes oder auf das Schicksal des Königs beziehen und dienten zu Prophezeiungen.
~Krankheit galt jedenfalls immer als etwas dem Körper Fremdes, von außen Eingedrungenes, das häufig als Dämon personifiziert gedacht ist, die Heilung erfolgt durch Vertreibung des Dämons, durch Vernichtung und Austreibung der Krankheitsmaterie auf dem Wege der Sekretion und Exkretion~; bei Kolik und anderen abdominellen Affektionen lag es nahe, Schleim, Galle und Wind als Krankheitsgrundlagen anzusehen.
Für die Therapie war der ~Dienst gewisser Götter~ vorgeschrieben, doch zeigen sich, entsprechend den vielerlei Schwankungen des babylonisch-assyrischen Pantheons, manche lokale oder zeitliche Wandlungen, je nachdem die Gottheiten bestimmter Städte infolge politischer Ereignisse, oder die göttlichen Repräsentanten der einzelnen Priesterärzteschulen in den Vordergrund traten. -- Dem Babylonier war jedenfalls Marduk (der Stadtgott von Babylon = die aus dem Meere aufsteigende Frühsonne) der Bezwinger der Tiamat, der mächtigste Gott, welcher Krankheit vertreibt und Gesundheit verleiht; in seinem Tempel befand sich ein Brunnen mit „Lebenswasser“, das im heiligen Strome des Euphrat geschöpft wurde. Marduk galt als Vermittler zwischen Göttern und Menschen, als Herr der Beschwörungen und Schicksalstafeln, welcher ein gütiges Geschick bestimmen, ein ungünstiges noch zu rechter Zeit abwenden kann. Bemerkenswerterweise wendet er sich vor seinen Hilfeleistungen stets an den Urborn der Weisheit, seinen Vater Ea (das Meer), er tritt zu seinem Vater Ea ins Haus und spricht: „Mein Vater, was soll dieser Mensch tun? Er weiß nicht, womit er Heilung erlangt.“ Da antwortete Ea seinem Sohne Marduk: „Mein Sohn, was wüßtest du nicht? Was sollte ich dich lehren? Was ich weiß, weißt auch du. Aber gehe, mein Sohn, und“ ... (es folgt die Vorschrift). Andere Mittler zwischen Menschen und Göttern, welche als Herren der Beschwörung angerufen wurden, waren z. B. der Feuergott Gibil, die Göttin Zarpânîtu (Gemahlin des Marduk), der Heros Gilgamisch, besonders aber der Sohn des Marduk, der Gott aller Wissenschaft und Medizin, Nabû (Nebo), welcher späterhin seinen Vater aus der Tempelschule von Borsippa gänzlich verdrängte und namentlich das Leben der Neugeborenen überwachte. -- Die Kriegsgöttin Ischtar (Joledeth-Eileithyia) wirkte auch als Geburtsgöttin (sie besitzt die Geburtspflanze), die Herrin der Unterwelt Allatu sendet Schmerzen, besitzt aber auch das „Lebenswasser“, welches nicht nur Kranke heilen, sondern selbst Tote wieder lebendig machen kann. Die Götter des ärztlichen Standes waren: der Gott Ninib (Ninrag) und die Göttin Gula.
Als Bringer von Seuchen (Pest) waren gefürchtet: Urugal, Nergal.
~Die dämonische Pathologie läßt eine Spezialisierung erkennen~, indem die einzelnen Dämonen verschiedene Affektionen hervorrufen. So bringt Asakku Fieber in den Kopf, Namtar bedroht das Leben mit Seuchen (Pest), der Utukku packt den Hals, der Alu die Brust, der Gallu die Hand, der Rabisu die Haut, Lilu und Lilit bringen „die Gebreste der Nacht“. -- Die schrecklichsten Dämonen waren die Totengeister, die Schatten der Verstorbenen. In einem Beschwörungstexte klagt ein Kranker, der Zauberer und die Zauberin hätten ihn der Gewalt eines umherirrenden Totengeistes ausgeliefert; ein andermal wird das Leiden eines Schwerkranken darauf zurückgeführt, daß der böse Totengeist heraufgekommen sei. In der Gebetsammlung aus der Zeit des Assurbanipal befindet sich das Gebet eines Menschen, der von einem Totengeist besessen ist. Es wird geklagt, daß der Totengeist den Kranken Tag und Nacht nicht losläßt, so daß ihm die Haare zu Berge stehen und seine Glieder wie gelähmt sind. Der Sonnengott möge ihn befreien von diesem Dämon, sei es nun der Schatten eines Familienmitgliedes oder der eines Ermordeten, der sein Wesen treibt. Zum Schutze dienten besondere Amulette.
Beispiele von ~Beschwörungen~ sind folgende:
„Ich halte empor die Fackel; ich stecke in Brand die Bilder des Uttuku, des Sêdu, des Râbisu, des Ekîmmu, des Lamartu, des Labâsu, des Achchazu, des Lîlu, der Lîlîtu, der Magd des Lîlu, und alles Feindliche, das die Menschen ergreift. Euer Rauch steige empor zum Himmel und Funken mögen verdecken die Sonne. Es breche euern Bann der Sohn des Gottes Ea.“
„Beschwörung. Wer bist du, Geiferhexe, in deren Herzen das Wort meines Unglücks wohnt, auf deren Zunge meine Verzauberung entstand, auf deren Lippen meine Vergiftung entstand, in deren Fußstapfen der Tod steht? Du Hexe, ich packe deinen Mund, ich packe deine Zunge, packe deine funkelnden Augen, packe deine behenden Füße, packe deine ausschreitenden Kniee, packe deine fuchtelnden Hände, binde dir die Hände auf den Rücken. Der leuchtende Mondgott vernichte deinen Körper, werfe dich in einen Schlund von Wasser und Feuer! Wie der Umkreis dieses Siegels möge dein Gesicht, du Hexe, fahl werden und erblassen!“ (Verbrennen von Hexen- und Dämonenbildern unterstützten wirksam die Beschwörung!)
Direkt an die Krankheit (resp. den Krankheitsdämon) gerichtet war die Formel:
„Böse Schwindsucht, arge Schwindsucht, Schwindsucht, die den Menschen nicht verläßt, Schwindsucht, die nicht auszutreiben ist, Schwindsucht, die sich nicht entfernt, schlechte Schwindsucht, Im Namen des Himmels sei beschworen, im Namen der Erde sei beschworen!“
„Vor dem grausamen Plagegeist des Kopfes, Vor dem starken Plagegeist des Kopfes, Vor dem Kopfplagegeist, der nicht scheidet, Vor dem Kopfplagegeist, der nicht geht, Vor dem Kopfplagegeist, der nicht fort will, Vor dem schlimmen Plagegeist des Kopfes, Bewahre uns der Himmelskönig, Bewahre uns der Herr.“
Was die ~symbolischen~ Handlungen zu theurgisch-therapeutischen Zwecken anbetrifft, so gehörte hierher z. B. das Schälen einer Zwiebel, das Zerzupfen eines Wollbausches (wobei die Abfälle davon ins Feuer geworfen wurden, mit dem Wunsche, daß ein Gott in gleich gründlicher Weise die Krankheit vernichten möge).
„Wie diese Zwiebel gehäutet und ins Feuer geworfen wird, so verbrennt es die brennende Flamme. ... Die Krankheit, welche in meinem Körper, meinem Fleische ist, wie diese Zwiebel soll sie abgeschält sein, und sofort möge sie die brennende Flamme verbrennen!“
Ferner zählt dazu der Gebrauch, Getreide auszustreuen und wieder wegzukehren, den Kranken zu fesseln und dann wieder unter Gebeten von den Fesseln zu befreien, ferner das Knüpfen und Lösen bestimmter Knoten. Der Lösung des Knotens sollte die Befreiung des von einer Krankheit gleichsam gefesselten Kranken entsprechen. Häufig trug man schon in gesunden Tagen solche Knoten als Amulett, damit dieselben im Erkrankungsfalle gelöst werden oder es wurde erst unmittelbar vor der Zeremonie ein Knoten für den Kranken geschlungen. Vergl. hierzu den noch heute volkstümlichen Gebrauch des „Nestelknüpfens oder Senkelknüpfens“.
Wenn Kinder von einem Dämon befallen wurden, stellte man ein Tonbild des Dämons samt dem Bilde eines schwarzen Hundes 3 Tage zu Häupten des kleinen Kranken auf, zerschlug und begrub es dann und begoß es mit Mehlwasser.
~Amulette~ kamen vielfach zur Anwendung.
Ein noch in byzantinischer Zeit gegen Kolik empfohlenes Amulett, der „medische Stein“, geht auf den babylonischen Heros Gilgamisch zurück, resp. auf den Gebrauch, einen Siegelzylinder zu tragen, in den die Löwenbezwingung des babylonischen Herakles eingegraben war, ebenso wird in der pharmakologischen Literatur noch sehr spät ein geburtsförderndes Amulett aus Jaspis empfohlen, ausdrücklich als „assyrischer Stein“.
Auf ~die magische Kur mit Speichel~ weist eine Stelle in einem Gebet an den „Totenerwecker“ Marduk, wo es heißt: „Die Lebensbeschwörung ist dein, der Speichel des Lebens ist dein.“
~Die Namen von Krankheitsdämonen bedeuten übrigens nicht selten echte Krankheitsnamen.~ Sonst könnte es nicht vorkommen, daß z. B. „~gegen Ekîmmu~“ (Name eines Dämons, der eine bestimmte Krankheit erzeugt) ganze Rezepte, aus mineralischen und pflanzlichen Drogen bestehend, angeführt werden. Labâsu ist die Fallsucht, Lamartu der Alp, d. h. Krankheitsdämon = personifizierte Krankheit; damit stimmt es auch überein, daß in einer Beschwörungsformel der Krankheitsdämon aufgefordert wird, den Körper zu verlassen in Form von Urin, Milch, Nasenschleim, Ohrenschmalz (Materia peccans, ~Humoralpathologie~!). ~Dies beweist, daß die nüchterne empirisch erworbene Erkenntnis der dämonistischen Spekulation vorausging.~
Das Gewebe von Mystik und der mehr nüchternen physiologisch-pathologischen Spekulation, mit verschiedenartigen Uebergängen der einen zur anderen, läßt sich in der teils theurgischen, teils empirischen Behandlungsweise deutlich erkennen: ~Gebete, Kultgebräuche, Beschwörungen, Zauberformeln, Amulette und symbolische Handlungen begleiten oder verdecken die über einen reichen Heilschatz gebietende Rezepttherapie und die übrigen ärztlichen Maßnahmen~.
So werden in manchen Gebeten oder Hymnen rationelle Heilmethoden (z. B. nasse Umschläge gegen Kopfschmerz) erwähnt, und im Laufe der Zeiten bildeten sich unter dem zunehmenden Mystizismus vernünftige Rezepte in abergläubische Beschwörungen um.
Die Heilmittel entnahm die babylonische Medizin aus allen drei Reichen, doch herrscht über die Deutung der meisten Namen noch so viel Zweifel, daß wir von einer Aufzählung absehen. Am beliebtesten waren innerlich Kräuter, äußerlich Salben, für welch letztere hauptsächlich Sesamöl die Grundlage bildete. Als Geschmackskorrigens dienten besonders Dattelsirup und Honig, zum Extrahieren von Drogen Wasser, Milch, Oel oder Kwaß. Manche aus mehreren Stoffen bestehende Rezepte, welche mit anderen kombiniert wurden, trugen Geheimnamen, z. B. „Arznei des Sonnengottes“, „Zunge des Hundes“, „Haut der gelben Schlange“, „Medikament vom Gebirge des Menschengeschlechtes“. Von äußeren Prozeduren sind bemerkenswert: Salbungen, Einreibungen mit Oel, medikamentöse Klistiere, Bäder, ~Güsse mit kaltem Wasser~ (z. B. bei Leibschneiden), ~Schröpfen~; bei diesem kamen eine mit zwei Krummbolzen an den Schnurenden versehene Doppelpeitsche zum Schlagen von Schröpfwunden und gerundete Schröpfköpfe zur Verwendung (dem Schröpfinstrument „Skorpion“ widmete man sogar kultische Heiligung). Auf einem Siegel aus der Zeit Gudeas (ca. 3300 v. Chr.) findet sich eine Darstellung. Daß Aderlässe ausgeführt wurden, ist anzunehmen.
Von Krankheiten unterschieden die Babylonier-Assyrer viele Arten, wobei es sich natürlich um bloße ~Symptomenkomplexe~ handelt. „Erkrankung des Kopfes“, Augen- und Ohrenleiden, Affektionen der Nase, des Mundes, der Lippen, der Zunge, Leiden der Brust, Magenschmerz, Leibschneiden und andere abdominelle Affektionen, Erkrankungen der Arme, Finger, Nägel, Haut- und Geschlechtsleiden, Schlangenbiß, Skorpionstich, Frauenleiden (Entzündung und Geschwulst der Mamma), Kinderkrankheiten u. a. kommen in den Texten vor; die Geisteskrankheiten -- durch Zauber von Dämonen oder Hexen erregt -- sitzen nach babylonischer Anschauung im Herzen. Epidemische Krankheiten finden häufig Erwähnung, jedoch lassen sich die Angaben für eine sichere Identifizierung noch nicht verwerten.
Weit weniger als bei ihren antiken und mittelalterlichen Ausläufern kann derzeit bei der babylonischen Medizin selbst, der Zusammenhang mit der altorientalischen Weltanschauung (astrologische Analogien, Zahlenglaube, Tagewählerei etc.) bis in die Einzelheiten nachgewiesen werden; immerhin aber deuten schon die bisher aufgefundenen Spuren unverkennbar auf ein von diesem Geiste durchwehtes großes medizinisches System.
Vor allem ist es in höchstem Grade wahrscheinlich, daß die babylonische Astrologie bei der ~Vorhersage von Epidemien oder von Geburtsvorgängen~ nicht stehen blieb, sondern sich zur Krankheitsprognose allmählich entwickelt hat.
Beispiele von epidemiologischen Prognosen etc. sind folgende:
„Wenn beim Sichtbarwerden des Mondes Westwind weht, so wird Krankheit herrschen in diesem Monat ... es ist schlimm für Aharrû (das Westland).“
„Nähert sich Venus dem Sternbilde des Krebses, wird Gehorsam und Wohlfahrt im Lande sein. ... Die Kranken im Lande werden genesen. Schwangere Frauen werden ihre Niederkunft zum glücklichen Ende bringen.“
„Wenn Merkur am 15. Monatstage aufgeht, wird es Leichen geben. Ist das Sternbild des Krebses verdunkelt, wird ein verderblicher Dämon das Land besitzen, und es wird Leichen geben.“
„Wenn Merkur im Monat Tammuz aufgeht, wird es Leichen geben.“
„Wenn Merkur im Monat Tammuz kulminiert, wird es Leichen geben.“
„Ist Mars sichtbar im Monat Tammuz, wird das Bett des Kriegers weit sein. Wenn Merkur im Norden steht, wird es Leichen geben.“
„Mars ist sichtbar im Monat Tammuz; er ist düster. Wenn Mars sichtbar ist im Tammuz, wird das Bett des Kriegers weit sein.... Tritt Merkur in Konjunktion mit Mars, werden die Pferde vom Sterben befallen werden.“
„Wenn ein Planet kulminiert im Monat Ab, wird das Bett des Kriegers weit sein.“ (= Die Krieger werden in Massen einer Epidemie zum Opfer fallen.)
„Wenn Jupiter und die anderen Planeten einander gegenüberstehen, wird Leid das Land treffen; treten Mars und Jupiter in Konjunktion, so wird Viehsterben einfallen.“
„Wenn der größere Hof den Mond umgibt, wird Verderben die Menschen umfangen.“
„Wenn eine Sonnenfinsternis am 28. Tage des Monats Ijar sich ereignet, werden die Tage des Königs lange sein. ... Wenn die Sonne verfinstert wird am 29. Tage des Monats Ijar ... werden Leichen sein am ersten Tage“ (des kommenden Monats).
„Wenn eine Finsternis sich ereignet am 14. Tage des Monats Siwan ...
Eine Finsternis der Morgenwache (d. h. in den letzten 4 Nachtstunden) bewirkt Krankheit.
... Wenn eine Finsternis sich ereignet (nämlich am 14. Siwan) in der Morgenwache und sie die Wache durchdauert, während Nordwind weht, so werden die Kranken in Akkad genesen.“
„Wenn's donnert im Monat Tisri, wird Feindschaft im Lande sein; wenn's regnet im Monat Tisri, wird es kranke Menschen und Rinder geben.“
„Wenn den Mond ein Hof umgibt und Regulus darinnen steht, werden die Frauen männliche Kinder tragen.“
„Wenn Regulus im größeren Mondhofe steht, werden Frauen Knaben tragen.“
„Wenn Sonne und Mond ... am 15. Tage ‚Erhöre mein Gebetʻ soll er sagen, ... laß ihn sich schmiegen zu seinem Weibe, sie wird einen Sohn empfangen.“
In der Verfolgung der ~Lehre von der Korrespondenz des menschlichen Körpers mit dem Weltall~ (~Makrokosmus-Mikrokosmus~) waren wahrscheinlich die einzelnen Körperregionen unter die Herrschaft der Tierkreisbilder gestellt, und ~wie sehr die Beachtung der Konstellation~, ~der Kalender~, ~die Therapie beherrschte~, läßt sich aus einzelnen Vorschriften bezüglich der Anwendungszeit der Medikamente (wobei übrigens oft rationelle Ursachen, z. B. Berücksichtigung der Jahreszeit und Witterung zu Grunde lagen) ersehen.
So wird z. B. ein Karminativum beim Aufgang des Ziegensterns gereicht, da derselbe dem Anus vorsteht.
Der ~Zahlenglaube~ an die böse Sieben verpönte ausdrücklich, daß der Arzt am •7.•, •14.•, •19.•, •21.• und •28.• Tage (d. h. an allen mit 7 teilbaren Tagen und am 49. Tage des vorhergehenden Monats) die Hand an den Patienten bringe (Tagwählerei). Ebenso verrät der Aufbau der Rezepte die Vorliebe für Zahlenspielerei; hierher gehört das Zählen der Drogen (am Schlusse wird häufig die Zahl der Drogen angegeben, wobei die 7 oder Potenzen zumeist zur Beobachtung gelangen), die Zusammensetzung feststehender Rezepte aus einer bestimmten Zahl von Arzneistoffen (Arzneistoffgruppen)[7].
[7] Der aus der Astronomie und Astrologie abgeleitete Glaube, daß alles an bestimmte Zeiten und Zahlen gebunden sei, wurde zum Gemeingut der Völker.
Die Menge von Stein- und Pflanzenlisten, welche die Bibliothek des Assurbanipal enthält, macht es wahrscheinlich, daß die babylonischen Aerzte zur Anfertigung ihrer Medizinen solche Substanzen wählten, welche unter dem Einfluß bestimmter Gestirne stehend gedacht worden; ebenso ließ man vielleicht bestimmte Pflanzenteile -- deren verschiedene Wirkung gewiß schon der Empirie nicht entging -- von gewissen Sternbildern regiert sein (wie es in der mittelalterlichen Medizin der Fall war).
Am deutlichsten dokumentiert sich die Abkunft der babylonischen Medizin von der astrologisch-fatalistischen Weltanschauung in der ~Prognostik~, welche den Höhepunkt ihres ärztlichen Könnens ausmacht. ~Deutlich klebte ihr die Eierschale der priesterlichen Prophetie noch an und nirgends zeigte sich klarer, als in der babylonischen Medizin, wo der Ursprung der ärztlichen Krankheitsvorhersage zu suchen, mit welcher Denkmethodik sie in ihrer ersten Entwicklungstufe arbeitete, in welcher Art der Uebergang vom supranaturalistischen zum ärztlichen Denken erfolgte!~
Wir müssen hier vorausschicken, daß die Astrologie eigentlich nur ein Teilgebiet der allgemeinen Omenlehre ausmacht, gemäß welcher nicht allein die Erscheinungen am Himmel, sondern auch alle sonst vorkommenden merkwürdigen Ereignisse, Begegnungen etc. den Wert von „~Vorzeichen~“ gewinnen, welche Einblick in das kommende Schicksal gewähren. Die Priesterschaft Babyloniens hatte auf Grund von ungeheuer reichen Aufzeichnungen und durch Systemisierung derselben eine ganze Literatur geschaffen, so daß die ~Omentexte~ einen integrierenden Bestandteil der Bibliothek Assurbanipals bilden. Besonders wurden die Erscheinungsformen und Bewegungen der verschiedensten Tiere (z. B. plötzliches Auftauchen eines bestimmten Tieres in einem Hause, am Torwege, Begegnungen mit Hunden, Kälbern, die Art des Brüllens der Ochsen, ~Art des Vogelflugs~), das Vorkommen von ~Mißgeburten von Menschen und Tieren~, die ~Träume~ beachtet, und aus all diesen Vorkommnissen zog man -- wie heute noch in abergläubischen Kreisen -- Schlüsse für die Zukunft. Die Medizin leistete also, wie man aus dem Angeführten ersieht, der priesterlichen Prophezeiung Dienste, ihre Beobachtungen wurden zur Wahrsagerei benützt (Mißbildungen, Geburtsanomalien).
Dies ist z. B. aus folgendem Text zu ersehen:
„Wenn eine Frau ein Kind gebiert, das Löwenohren hat, so wird ein starker König im Lande sein. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dem das rechte Ohr fehlt, so werden die Tage des Fürsten lang sein. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dem beide Ohren fehlen, so bringt es Trauer ins Land und das Land wird verkleinert. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dessen rechtes Ohr zu klein ist, so wird des Mannes Haus zerstört werden. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, das einen Vogelschnabel hat, so wird das Land im Frieden bleiben. Wenn eine Frau ein Kind ohne Mund gebiert, so muß die Herrin im Hause sterben. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, dem die Finger der rechten Hand fehlen, so wird der Herrscher von seinen Feinden gefangen werden. Wenn ein Schaf einen Löwen gebiert, werden die Waffen des Königs siegreich sein und der König wird seinesgleichen nicht haben.“
~Das priesterliche Interesse für die Omina gab umgekehrt die Anregung dazu, Serien von Aufzeichnungen über Krankheiten aufzuzeichnen, und so entstand die Krankengeschichte, zunächst bloß zum Zwecke der Prophetie, sodann um das Schicksal des Kranken, den Ausgang des Leidens vorherzusagen.~ In diesem Sinne hatten die Beobachtungen, die man am Kranken machte (z. B. die Beschaffenheit des Gesichtes, das Verhalten des Haares, die Beschaffenheit des Aderlaßblutes, des Urins u. s. w.), den Wert der „Omina“; jedes Symptom blieb, da man den Kausalnexus mit dem Krankheitsprozeß gar nicht verstand, ein „Vorzeichen“ (der Genesung oder des Todes), ein Hinweis bloß auf die „Prognose“, nicht auf die Diagnose! Deshalb finden sich auch die empirischen Tatsachen der Krankenbeobachtung mit den ~Träumen~ und den astrologischen Grübeleien auf ~eine~ Stufe gestellt. Der nächste Schritt, welcher die medizinische Erkenntnis weiter brachte, bestand in der ~Elimination der „abergläubischen“ Momente~ aus den prognostischen Prämissen, d. h. in der Beschränkung auf die mit der Krankheit erfahrungsgemäß im Zusammenhang stehenden Erscheinungen -- dieser Schritt konnte nicht im alten Orient, sondern nur in einem Lande, in einer Zeit getan werden, wo die Abtrennung des Aerztestandes vom Priestertum zur Tatsache geworden: im freien Hellas, in einer Epoche, die durch Hippokrates verkörpert ist.
Aus der Keilschriftliteratur sind schon jetzt bekannt: Das 19-Tafelwerk, welches nach seinen Anfangsworten den Titel trägt: „Wenn in das Haus des Kranken ein Beschwörungsarzt geht“, ferner das 25-Tafelwerk: „Wenn ein Neugeborenes ...“, „Wenn ein Weib gebiert ...“. In dem erstgenannten Werke finden sich Vorhersagungen auf Grund von ~Beobachtungen an den Körperteilen des Patienten~, die, systematisch gegliedert, die Sprache, den Gesichtsausdruck, die Stirne, das rechte, das linke Auge, die Zunge, das rechte Ohr, den Hals, die ausgestreckte rechte Hand, die Brust, den Fuß betreffen.