Geschichte der Medizin. I. Band
Part 34
Die Physiologie des Aristoteles, wiewohl von metaphysischen Voraussetzungen allzu sehr durchweht, bringt das Wesen des ~Organischen~ zum ersten Male zu scharfer Formulierung und erblickt in der ~spontanen Bewegungsfähigkeit~ dessen hervorstechendes Kriterium. In der Mitte stehend zwischen primitivem Materialismus und Spiritualismus, ~dynamistischen~ Erklärungsprinzipien huldigend, betrachtet der Philosoph in letztem Grunde den Leib wie sämtliche organische Vorgänge als Aeußerungen ~zweckmäßig wirkender Kräfte~, deren Inbegriff die als ~Lebenskraft~ gedachte, dem Organismus immanente „~Seele~“ bildet. Diese wirkt im Organismus überall als eine bestimmte Art der Funktion, nicht als Seele (εἶδος, ἐντελέχεια) im allgemeinen, sondern immer entweder als ~ernährende~ (und fortpflanzende) oder ~empfindende~ oder ~bewegende~ oder ~denkende~, bezw. als eine Mehrheit von diesen zusammen. Mit Ausnahme des Geistes (νοῦς), des dem Menschen als solchem eigentümlichen „Teils“ der Seele, der an kein leibliches Organ gebunden ist, besitzen die Seelenfunktionen, also die Bewegung, aber auch das ~Begehren~ und ~Empfinden~, ihre ~Zentralstätte im Herzen~. Dort ist der Urquell des, durch die eingepflanzte Wärme und das Pneuma belebten Blutes, welches das Bindeglied zwischen den Körperteilen und dem Seelensitze darstellt -- schon die Lage des Organs noch mehr die Tatsache, daß es beim Embryo zuerst entstehe und beim Tode zuletzt sterbe, weise auf die Bedeutung des Herzens als Hauptsitz des Lebens. Das kalte, blutlose, empfindungslose Gehirn ist das Gegenstück des Herzens -- jeder physiologische Prozeß besitze einen ihm entgegengesetzten Schwerpunkt --, es dient nur dazu, die (aus dem Herzen) aufsteigende Wärme zu kompensieren. Mittels „Kochung“ bereitet die Wärme des Herzens aus dem Nährmateriale Blut und bringt es zur Wallung, welche sich in der Pulsation manifestiert. Gleichzeitig veranlaßt die Wärme aber auch eine Ausdehnung der Lungen, die hierdurch wie Blasebälge Luft aufnehmen und durch die Venen dem Herzen behufs Abkühlung zuführen können, wodurch einer zu großen Anhäufung von Wärme vorgebeugt wird; deshalb atmen die warmblütigen Tiere am intensivsten. Das durch die Wärme des Herzens flüssig erhaltene Blut -- außerhalb der Adern gerinne es, wenn nicht die „Fasern“ daraus entfernt würden -- ergießt sich durch die gleichzeitig mit dem Herzen pulsierenden Adern zu allen Körperteilen, welche es tränkt, wie Wasserbäche, die sich in immer kleinere Zweige teilend, einen Garten tränken. Das reinste Blut empfangen das Fleisch und die Sinnesorgane, das gröbere die Knochen, Haare und was diesen gleichwertig ist. Das zur Ernährung und dem Organaufbau dienende schwärzere und dickere Blut strömt vornehmlich in die unteren, das dünnere und kältere, zur Vermittlung der Empfindung geeignete Blut in die oberen Körpergegenden, wo daher auch die Sinnesorgane lokalisiert seien. Die Stoffwechselvorgänge unterstehen der „ernährenden“ Seele (ψυχὴ θρεπτική). Die im Magen aufgenommene Nahrung wird unter der Wirkung der Wärme und des Pneumas gekocht und gelangt aus dem Darm, nach Abgang der Ueberschüsse, in die Mesenterialgefäße, um von diesen als ἰχώρ (Chylus) auf dem Weg der Hauptgefäßstämme in das Herz übergeführt zu werden, wo die Umwandlung in Blut erfolgt. Was die Bauchorgane anbetrifft, so besitze der Darm deshalb eine bedeutende Länge, damit die Nahrung nicht zu schnell hindurchgehe, Leber und Milz dienen zur Fixation der Gefäße und unterstützen durch ihre Wärme den Verdauungsprozeß, die Milz zieht die übermäßige Flüssigkeit aus dem Magen hinweg, an der Leber sei -- aber nicht immer! -- die Gallenblase befestigt, welche einen unnützen Auswurfsstoff, die Galle enthalte, die Nieren scheiden (vermöge der in der fettreichen Kapsel angehäuften Wärme) aus dem Blute den Harn ab, der zunächst in das Nierenbecken, dann durch die Ureteren in die Blase und endlich durch die Harnröhre nach außen befördert wird. Um die edleren Organe der Brusthöhle vor den aufsteigenden Dünsten zu schützen, ist das Zwerchfell ausgespannt. -- Die Bewegung nimmt ihren Ursprung vom Herzen und kommt durch die νεῦρα zu stande, welcher Terminus sowohl Sehnen, Faszien, Aponeurosen als auch Nerven umfaßt. Die νεῦρα stehen mit den Sehnenfäden des Herzens in Verbindung. -- Die Stimme entsteht im Kehlkopfe dadurch, daß die eingeatmete Luft gegen die Wände desselben anprallt und sie in Schwingung versetzt. -- Die Empfindung ist eine Eigenschaft des Fleisches (σάρξ) überhaupt, und wird vom Herzen aus vermittelt durch das zuströmende Blut, welches auch die spezielle Tätigkeit der Sinnesorgane ermöglicht. Ueber die Sinnesphysiologie macht Aristoteles viele scharfsinnige und zutreffende Bemerkungen. -- Der Embryo ist das Produkt aus dem warmen männlichen Samen (= Mischung aus Wasser und Pneuma), welcher die bildende Seele (ψυχή φυσική) enthält, und den Katamenien der Weiber, welche den „Stoff“ für die Keimanlage liefern. Die Bildung des Samens erfolgt in den Vasa deferentia, während die Hoden den Zweck haben, eine langsamere Vollziehung der Begattung und geringere Geneigtheit dazu bewirken. Das Geschlecht des Embryos hängt nicht von der Entwicklung desselben in der einen oder anderen Uterushöhle ab, die Frucht wird von dem Amnion umschlossen, um welches sich später eine dem Uterus anhängende Haut, das Chorion, als Hülle schließt. Am 14. Tage ist die männliche, am 9. Tage die weibliche Frucht so groß wie eine Ameise. Die Differenzierung der Organe verläuft in gehöriger Folge, zuerst entstehen die inneren, dann die äußeren; die oberhalb des Zwerchfells gelegenen Teile früher, als die unterhalb situierten. Zuerst bilde sich das Herz, von ihm entspringen die Adern und ernähren den Körper mittels des mütterlichen Blutes, welches vom Uterus her durch den Nabelstrang zugeführt wird. Nach dem Herzen entsteht das Gehirn, als ein Teil desselben sondern sich die Augen ab. Hat der Embryo seine Ausbildung erreicht, so wird das mütterliche Blut zu den Brustdrüsen geleitet und dort zu Milch umgewandelt. Dieser Umstand wird zum Anlaß zur Geburt. Die Gravitation wendet den zuerst im Fundus des Uterus liegenden, nach den Knien gerichteten Kopf kurz vor Eintritt der Geburt nach unten.
Von der aristotelischen Pathologie -- περὶ δὲ ὑγείας καὶ νόσου, οὐ μόνον ἐστὶν ἰατροῦ, ἀλλὰ καὶ φυσικοῦ μέχρι τοῦ τὰς αἰτίας εἰπεῖν -- sind nur Spuren vorhanden, welche zur allgemeinen Heeresstraße der Säftelehre führen. So erklärte der Philosoph z. B. die Pleuritis aus der Kochung oder Verdichtung der flüssigen Teile. Die medizinischen Schriften sind leider verloren gegangen; die pseudoaristotelischen προβλήματα stammen aus der Alexandrinerzeit und wurden von einem Anonymus aus zwei Büchern „arztlicher Probleme“ und aus dem Corpus Hippocraticum zusammengestoppelt.
Die peripatetische Schule folgte der vom Meister eingeschlagenen Richtung, und manche ihrer Hauptvertreter leisteten Hervorragendes auf naturwissenschaftlichem Gebiete, wie besonders die unmittelbaren Nachfolger des Aristoteles: ~Theophrastos~ von Eresos, welcher die Methode auf Botanik und Mineralogie ausdehnte, sowie über physikalische Probleme schrieb, der Physiker ~Straton~ von Lampsakos, ferner ~Eudemos~ von Rhodos und ~Phanias~. Für die Medizin waren außer den musterhaften botanischen und pharmakologischen Werken viele leider verlorene Schriften des Theophrastos und Straton, die Osteologie des ~Klearchos~ von Soloi, die Anatomie des ~Kallisthenes~ von Olynthos und das historische Sammelwerk des ~Menon~ von großer Bedeutung.
Die Pflanzengeschichte des Theophrastos, ἱστορίαι περὶ φυτῶν (10 Bücher), sowie die Schrift über giftige Tiere dienten den späteren Autoren als wichtige Quellen für Arzneimittel- und Giftlehre. Engeren medizinischen Inhalts waren seine Schriften über Sinnesphysiologie, über den Schweiß, über Epilepsie, Schwindel, Lähmung, Erstickung, Melancholie, Delirien, Seuchen u. s. w. Der Anregung des Aristoteles entsprangen auch Werke doxographischen Inhalts, von denen die φυσικῦν δόξαι des Theophrastos die Lehrmeinungen der Physiker, die συναγωγὴ ἰατρική (ärztliche Sammlung) des Menon die Lehren der medizinischen Vorgänger behandeln. Letztere Schrift, die uns überarbeitet im Anonymus Londinensis (vergl. S. 161) vorliegt, gewährt einen wertvollen Einblick in die Entwicklung des ärztlichen Denkens bei den Hellenen. -- Kallisthenes, der Neffe des Aristoteles und Mitschüler Alexanders des Großen, wurde bekanntlich auf dessen Befehl hingerichtet. -- ~Straton~ von Lampsakos schrieb unter anderem über den Schlaf, die Träume, das Sehen, die sinnliche Wahrnehmung, die Krankheiten und die Mittel. ~Von größter Tragweite dürfte es für die Naturwissenschaft und medizinische Theorie gewesen sein, daß er die im Aristotelismus schlummernde mechanische Auffassung der Naturvorgänge vom metaphysischen Beiwerk möglichst befreite und zur Hauptrichtung erhob.~ In diesem Sinne wirkte wohl die Schrift über das ~Pneuma~ bahnbrechend, welches er zum Träger des Seelischen (ἡγεμονικόν mit dem Zentralsitz in der Augenbrauengegend) erhob und neben Wärme und Kälte zur Erklärung der Naturvorgänge benützte.
Wiewohl der Einfluß des Aristoteles erst bei den Arabern und in der Epoche der Scholastik allgewaltig wurde, so treten doch wenigstens einige der Grundzüge seiner Forschungs- und Denkmethode auch schon in der späteren Entwicklung der griechischen Medizin, wenigstens andeutungsweise, hervor, als diese nach dem Verluste der Freiheit des Stammlandes auf fremden Boden überpflanzt wurde. ~Der Sinn für kritische reale Naturbeobachtung in Verbindung mit wissenschaftlicher logisch-dialektischer Konstruktion und historischer Forschung gab den besten Leistungen der Folgezeit die Signatur.~
Die Medizin des alexandrinischen Zeitalters.
Einleitung.
Die dogmatische Schule, deren Blüte mit dem Untergang der hellenischen Freiheit und mit der mazedonischen Hegemonie zum Teile zusammenfällt, fand mit ihrer Tendenz, nach ~wissenschaftlicher Begründung~ der Heilkunst, in der nachfolgenden Geschichtsepoche, welche das ~Zeitalter der Diadochen~ umspannt, eine kontinuierliche Fortsetzung, allerdings mit weit besseren Hilfsmitteln, auf bedeutend breiterer Basis. Neben dem inneren Werdeprozeß, der wegen der vielfachen Enttäuschungen auf diesem Wege, naturgemäß auch wieder eine entgegengesetzte, regressive, ~empirische~ Bewegung hervorrufen mußte, machen sich aber gerade in diesem Zeitraum so mannigfache äußere Einflüsse geltend, welche den Umfang und Betrieb der Forschung in einem Maße verändern, daß füglich von einer eigenen Entwicklungsperiode der griechischen Medizin zu sprechen ist, die nach ihrer vornehmsten Pflegestätte, Alexandreia, die ~alexandrinische~ genannt wird.
Die Tatsache, daß nunmehr an Stelle von Kos und Knidos das neugegründete Emporium des Pharaonenlandes die Bedeutung eines richtunggebenden Vororts für die griechische Heilwissenschaft erlangt, drückt bezeichnend den gewaltigen Umschwung der Verhältnisse aus und verkündigt den Anbruch ihrer Mission, welche weit über die Grenzen des Mutterlandes hinausstreben sollte. Die Verlegung des Hochsitzes der medizinischen Wissenschaft in die hellenisierte Fremde, in die kulturvermittelnde Residenz der Ptolemäer war nur ein Teilergebnis jenes umwälzenden welthistorischen Prozesses, der, von den mazedonischen Waffen getragen, hellenische Sprache, Sitte und Bildung nach Ost und Süd verbreitete, die Assimilation Vorderasiens und Aegyptens im Sinne des Griechentums anbahnte, dieses selbst aber in der Berührung mit dem Orient einerseits mit einer Fülle von Wissensstoff bereicherte, anderseits aber zunehmend entnationalisierte.
Abhängig von der allgemeinen gewaltigen Kulturbewegung, zu der sich das Griechentum nach dem Verluste der politischen Selbständigkeit von Althellas ausdehnte, trägt die ~Medizin der Alexandrinerzeit~ die gleichen charakteristischen Züge wie die ~hellenistische Kultur~ in ihrer Gänze, und dieselben Momente, welche auf die Entwicklung des übrigen Geisteslebens dieser Epoche bald hemmend, bald fördernd einwirkten, kommen auch in der Gestaltung ihrer Medizin zu deutlicher Geltung.
Das glückliche Zusammentreffen der ~realistischen~, durch ~Aristoteles~ zum Höhepunkt erhobenen (auch in der Kunst eines Lysippos und Apelles hervortretenden) Geistesrichtung mit den Waffenerfolgen des großen ~Alexandros~ legte den Grund zur hellenistischen Kultur und wies ihr von vornherein feste Bahnen an. Dankte sie dem Heldenkönig die ~Erschließung einer ungeahnten Natur und fremdartigen uralten Geisteswelt~, so war es die Methode des Stagiriten, welche die Bearbeitung des gewaltig anschwellenden Erkenntnisstoffes in ersprießlicher Weise ermöglichte. Angesichts des neu eröffneten Horizonts erwuchs dem Hellenismus ~der Drang nach Expansion~ des eigenen Wesens -- was die Sammlung und Kritik der bisherigen Leistungen zur Voraussetzung hatte -- ferner ~die Aufgabe, das neue Material zu verarbeiten~ -- wodurch die Technik der wissenschaftlichen Forschung neue Impulse empfing -- endlich die aus der Völkermischung in den Diadochenstaaten entspringende ~Bestrebung~, mittels Anpassung, Assimilation und Verschmelzung ~eine homogene Kultur hervorzubringen~. Ein Abbild dieses Wogens und Werdens war die Sprache des hellenistischen Zeitalters, welche unter zunehmenden Einflüssen halbgriechischer oder ungriechischer Herkunft aus dem Attischen herausgebildet, sich zu diesem, wie der Kosmopolitismus zum Nationalismus verhielt.
~Ueberwuchernde Gelehrsamkeit, Realismus, virtuose Technik wurden zur Signatur der Epoche!~ Begünstigt durch den Schutz und das kulturfreundliche Interesse der Fürsten -- nicht auf dem Boden eines freien Volkstums -- blühten alle diejenigen Kulturzweige mächtig empor, welche ~praktischen Zwecken~ zustreben oder deren Ziele auch durch Talente minderen Ranges auf dem Wege der ~Sammeltätigkeit~ und ~Arbeitsteilung~, durch ~Zufuhr von Wissensmaterial~ und ~Verbesserung der Forschungsmittel~ erreichbar sind, wenn nur einmal ein großer Gedanke als Leitmotiv durch einen Denker gegeben ist, wie die Mathematik, Astronomie, Physik, die beschreibenden Naturwissenschaften, die Technik und Architektur, die Geographie und Periegese, die Kunsttheorie und Literaturgeschichte und namentlich die Philologie. Wo hingegen bloß unabhängiges Denken, hohe Ideale, fesselfreie Phantasie oder die Gedankentiefe eines Genius, dessen Kräfte nicht durch zersplitterndes Spezialstudium ermattet sind, wahrhaft ursprüngliche Schöpfungen hervorzubringen im stande sind, wie in der Poesie, in der bildenden Kunst, in der Philosophie, da zeigten (außer einzelnen hervorstechenden Ausnahmen) die Leistungen dieser Epoche ein ödes Mittelmaß, ein hinsiechendes Epigonentum, welches gerade durch die raffinierte Künstelei seiner eklektischen Philosophie und gelehrten Poetasterei, durch seine manieriert-naturalistische Plastik und Malerei nur umsomehr daran erinnert, daß die klassische Epoche des ästhetisch-deduktiven Griechentums mit seiner tiefen Originalität schon entschwunden war!
Der hellenistischen Kultur mit ihrer expansiv-assimilatorischen Tendenz wurde durch Alexander den Großen nicht nur die Bahn eröffnet, sondern zum Teile sogar Ziel und Richtung vorgezeichnet. Er errichtete auf den Trümmern des Perserreichs nicht bloß eine weltgebietende mazedonisch-hellenische Herrschaft, sondern begünstigte auch, erfüllt von staatsmännischer Weisheit, die kulturelle Annäherung zwischen Hellenen und „Barbaren“, indem er einerseits das Panier der griechischen Bildung in Asien und Nordafrika aufpflanzte, anderseits durch einen Stab von Gelehrten alles Wissenswerte aufzeichnen ließ und mit Duldung den Sitten der besiegten Völkerschaften entgegenkam -- darin im Widerspruch mit dem streng nationalen Hellenen. Und wie Alexander selbst gegen Ende seiner Siegerlaufbahn allmählich den Lockungen des orientalischen Gepränges und der Phantastik asiatischen Aberglaubens nicht zu widerstehen vermochte, so gewannen ebenso auch in der durch Völkerverschmelzung hervorgebrachten hellenistischen Kultur nur allzu früh neben den griechischen die fremdartigen Elemente bestimmenden Einfluß, der sich in orientalischer Dialektik und Mystik zunehmend äußerte.
Mag auch, so rasch wie sie entstanden, die politische Einheit der ungeheuren Länderkomplexe mit dem Tode des Stifters zerfallen sein, der gewaltige Kulturgedanke, griechisches Wesen zum Gemeingut zu machen, wirkte in den Teilreichen der ehrgeizigen Generale Alexanders fortzeugend weiter und knüpfte in der fortwährenden Völkervermischung neben wirtschaftlichen immer mehr geistige Verbindungen zwischen Hellenismus und Orient. Wie weit die hellenische Sprache, allerdings auf Kosten ihrer Reinheit, vordrang, beweisen z. B. die nubischen Inschriften, welche Verbreitung die hellenische Kunst auf dem Boden des Orients fand, zeigen die Schöpfungen der pergamenischen Kunst mit ihrem eigenartigen Mischcharakter, noch eklatanter die griechischen Theater, die man in Babylon aufgrub u. a.; wie sehr das Griechentum umgekehrt mit Natur und Geisteswelt des Ostens in nahe Beziehung trat, bezeugt der erstaunliche Aufschwung der Zoologie, Botanik, Mineralogie, Pharmako-Toxikologie und deutet das Interesse an, welches abgesehen von historisch-geographischen Arbeiten oder Reisebeschreibungen Werke über ägyptische oder babylonische Geschichte (Manetho, Berosos) anregte.
Als Folge der Verbreitung des griechischen Geisteslebens in neue Gebiete und gemäß den geänderten politischen Verhältnissen tauchten neue Kulturzentren auf, welche zumeist mit den Residenzen der Diadochen zusammenfielen und sehr bald die bisherigen Pflegestätten in den Schatten stellten, nur in der Philosophie bewahrte Athen seinen Ruf unangetastet weiter. Die Diadochen setzten schon in der Absicht, die Fremdherrschaft zu verschleiern, alles daran, durch Begünstigung des Handels und der Gewerbe, durch Förderung der Wissenschaft und Kunst den Wohlstand und die Heimatsliebe ihrer Untertanen, den Ruf und den Glanz ihrer Residenzen zu steigern; manche derselben waren auch selbst von mehr als dilettantischem Eifer für Wissenschaft oder Kunst erfüllt, zogen Gelehrte heran und erleichterten deren Forschungen durch Anlage von Büchersammlungen und wissenschaftlichen Instituten. Rühmend ist in dieser Hinsicht einiger Seleukiden in Syrien und besonders der Beherrscher von Pergamos zu gedenken, welche der Kunst eine neue Entwicklungsphase eröffneten, Elementarschulen, Gelehrtenanstalten und eine großartige Bibliothek errichteten, die im ganzen Altertum verdienten Ruf genoß. (Bekanntlich verbot Aegypten später aus kleinlichem Neid die Ausfuhr der Papyrospflanze, was zur Erfindung des Pergaments Anlaß gab.)
Allen voran aber glänzte das Fürstengeschlecht der ~Ptolemäer~, welche Aegypten zum Brennpunkt des gesamten Handelsverkehrs machten, ihre Schiffe bis nach Persien und Indien im Osten, bis Madera im Westen entsendeten, Gewerbe und Technik (besonders Schiffbau) begünstigten und das wirtschaftliche Aufblühen des Nillandes während einer langen Zeit des Friedens dazu nützten, um seinen Ruhm als Heimstätte der Kultur aufzufrischen: solcher Art den Zoll der Dankbarkeit entrichtend, den Hellas noch aus grauer Vorzeit für übermittelte Keime der Gesittung dem Reiche der Pharaonen schuldete. Unter ihrem Zepter wurde ~Alexandria~ das, was der große Alexander mit divinatorischem Blicke aus der geographischen Lage vorausgesehen hatte: ~die Metropole des Kulturlebens der antiken Welt~, ein Vorbild, von dem die ganze Epoche ihren Namen empfing. Mit hellenischem Feinsinn ausgestattet, ließen die Ptolemäer prächtige Paläste, Theater, Gemäldehallen, Gymnasien und Rennbahnen aufführen, ihre Residenz mit den erlesensten Sehenswürdigkeiten schmücken, zoologische und botanische Gärten anlegen; mit regster eigener Teilnahme an dem Aufblühen der Kunst und Wissenschaft beriefen sie Künstler und Gelehrte an ihren Hof und sammelten in bibliomanischem Eifer unter schweren Geldopfern die bis dahin allerorten zerstreuten Handschriften von hervorragenden Werken der schönen und der wissenschaftlichen Literatur, welche Kaufleute aus der ganzen Welt zusammenbrachten. Die beiden ersten Fürsten aus diesem Hause, Ptolemaios Soter (304-285 v. Chr.), der in vertrautem Umgang mit Philosophen lebte, sich auch selbst als Geschichtschreiber auszeichnete, und Ptolemaios Philadelphos (285-247 v. Chr.), welcher als Freund der Naturforschung (namentlich der Zoologie) die Interessen derselben durch große Unternehmungen förderte, errichteten mit wahrhaft fürstlicher Freigebigkeit jene beiden Institute, welche den Ruhm Alexandrias auf wissenschaftlichem Gebiete für Jahrhunderte sicherten und für die ganze weitere Geistesentwicklung so bedeutsam wurden: ~die alexandrinische Bibliothek~ und das mit ihr verbundene Gelehrtenpensionat, das ~Museion~ -- Anstalten, welche in großartigster Weise die namentlich von ~Aristoteles~ vertretene Idee verwirklichten, ~durch reiche Büchersammlungen die Mittel zur kritisch-vergleichenden, historisch-literarischen Arbeit für jedes Fach herbeizuschaffen und die wissenschaftlichen Spezialarbeiter in Form einer Gelehrtengemeinde einheitlich zu organisieren~. Es ist kein Zufall, daß der Peripatetiker Demetrios von Phaleron mit seinen Anregungen, die aus dem Vorbilde des Peripatos geschöpft waren, an der Wiege dieser Institute stand. Die Bibliothek des Museions bestand aus vielen Tausenden von Papyrosrollen, welche sorgsam katalogisiert, die Schätze des hellenischen Geistes und in Uebersetzungen auch Literaturdenkmäler fremder Nationen bargen; das Museion selbst war eine im Bereich der königlichen Paläste (im Stadtteil Brucheion) liegende Anstalt, die mit allen zu einem angenehmen Aufenthalt und bequemen wissenschaftlichen Verkehr dienenden Einrichtungen versehen war, und in welcher Gelehrte Wohnung sowie Unterhalt fanden, damit sie sich, frei von jeder Sorge, außerdem noch durch hohe Jahresgehälter ermuntert, ausschließlich den wissenschaftlichen Forschungen und dem Unterrichte der von allen Gegenden zusammenströmenden Schüler widmen konnten -- Akademie und Hochschule zugleich. Von geringerer Bedeutung war eine zweite kleinere, ebenfalls von Ptolemaios Philadelphos errichtete, im Serapeion (im Stadtviertel Rhakotis) befindliche Bibliothek, welche Doubletten der ersteren zumeist besaß und vorwiegend zu praktischen Unterrichtszwecken verwendet worden zu sein scheint.