Geschichte der Medizin. I. Band
Part 27
So steht Hippokrates an der Grenze zweier Weltalter, in der grauesten Vergangenheit wurzelnd und doch noch für die jüngste Gegenwart Ziel und Richtung gebend, ein leuchtendes Muster der Menschenliebe und Berufstreue, ein Wahrheitssucher mit dem Vollbewußtsein der Unzulänglichkeit. Aus einer gärenden Zeit herausgeboren, überwand er die Zeit und übt noch über die reifsten Alter des Menschengeschlechts eine wunderbar ungebrochene Macht aus, durch seine nüchterne Beobachtung, durch seine weitblickende Methode, durch seine der Natur abgelauschten therapeutischen Grundsätze, welche keinem Fortschritt hinderlich entgegenstehen und unübertroffen bleiben. Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt. Von allen bewundert, von wenigen wahrhaft verstanden, von vielen nachgeahmt, von keinem erreicht, wurde er der Meister der Heilkunst aller Zeiten!
Die Medizin der Hippokratiker im allgemeinen.
Die Schriften des Corpus Hippocraticum enthalten wohl alle etwas von den Leitgedanken des großen Koers, aber nicht jede derselben ist davon in ihrer ganzen Tiefe durchsetzt. Die Medizin der Hippokratiker, wie sie uns in der Sammlung vorliegt, ist daher keineswegs völlig identisch mit dem -- Hippokratismus. Dieser bleibt ewig jung über alle Zeiten hinweg, ewig wahr inmitten der fortgeschrittensten wissenschaftlichen Entwicklung; jene dagegen birgt manches in sich, was aus der Epoche heraus geboren, mit ihr zu Grabe getragen ist. Es erklärt sich daraus, daß Schüler, Zeitgenossen und Nachfahren des Meisters dasjenige in feste Regeln zu bannen suchten, was freiwaltend seine künstlerische Persönlichkeit in sich trug, und bei solchem Streben wurde nicht immer die feine Linie eingehalten, welche die sichere Erfahrung von der wahrscheinlichen Hypothese scheidet. Zudem kommen in der bunt zusammengewürfelten Schriftensammlung, die ja manches Erzeugnis literarischer Falschmünzerei in sich schließen mag, auch andere Schulen neben der koischen zum Wort. Da viele Jahrhunderte lang die mangelnde Kritik jeden Satz dem Hippokrates selbst zusprach, so konnten sich im Laufe der Geschichte die mannigfachsten Richtungen mit ihren Extremen scheinbar mit gleicher Berechtigung auf angeblich hippokratische Aussprüche berufen, die zwar nebeneinanderstehen, aber sich oft unversöhnlich widersprechen, ja nicht selten das Prinzip der Nüchternheit, Mäßigung und Selbstbeschränkung ins Gegenteil verkehren. ~Die Art, wie sich Hippokrates im Geiste der Zeitalter spiegelt und bald den ertötenden Buchstabenglauben, bald die tiefere Auffassung des Hippokratismus in den Vordergrund rückte, ist an sich ein Gradmesser für den medizinischen Fortschritt.~
Die ~Krankheitslehre~ der Hippokratiker entstand aus dem Zusammenfluß von Erfahrungen mit spekulativen Ideen. ~Da die Induktion klinischer Beobachtungen zwar über den Tatbestand des Krankheitsbildes aufklärt, aber über die Ursachen dieses Tatbestandes nichts aussagen kann, so mußten bei dem Mangel eines anatomisch-physiologischen Unterbaues Hypothesen herangezogen werden, wollte man auf die Erkenntnis der Krankheitsursachen nicht gänzlich verzichten.~ So spukt an manchen Stellen, z. B. in der Einleitung der „Prognosen“ oder in der Schrift „Ueber die Träume“ noch ein Rest der Theurgie, wenn unbekannte Krankheitsursachen kurzwegs für göttlich oder übernatürlich erklärt werden. Solche Rückschläge sind aber bedeutungslos im Hinblick auf die vorherrschende Auffassung, welche besonders im Buche de aëre aquis et locis[32] oder in der Schrift de morbo sacro[33] jedweden medizinischen Aberglauben scharf zurückweist. Wichtiger waren die naturphilosophischen Krankheitshypothesen. Hatten die Naturphilosophen -- dies waren alle Naturforscher dieses Zeitraumes -- den Aberglauben gebannt, so war man umso geneigter, ihren spekulativen Theorien Gefolgschaft zu leisten, je mehr dieselben an uralte Volksanschauungen anknüpften und daher gar nicht als Hypothesen erschienen. Daher finden wir in den hippokratischen Schriften stellenweise Abnormitäten des ~Pneumas~[34] oder der eingepflanzten Wärme, das Mißverhältnis der Elemente, Elementarqualitäten[35], Körpersäfte[36], namentlich aber quantitative, qualitative oder topische Anomalien der sogen. Grundflüssigkeiten (Blut, Schleim, Galle, Wasser, bezw. gelbe und schwarze Galle) als Krankheitsursachen angeführt[37]. Die Ideen der führenden Naturphilosophen schimmern, bald da, bald dort, deutlich durch, der Kampf zwischen Pneumatikern und Humoralpathologen, mit ihren mannigfach abgestuften Spielarten[38], die ganze geistige Bewegung, welche die Säftelehre mit der Theorie der Elementarqualitäten zur endgültigen Uebereinstimmung zu bringen trachtete, läßt sich im farbenfrischen Inhalt des Corpus Hippocraticum ohne Schwierigkeit wiedererkennen. Zu einem Abschluß ist es darin noch nicht gekommen; welchem pathologischen System Hippokrates selbst anhing, ist zweifelhaft[39] und von geringer Bedeutung, da sein ärztliches Handeln hierdurch am wenigsten bestimmt wurde[40]. Tatsächlich galt aber in späterer Zeit das Buch de natura hominis, welches in seinem ersten Teile ~die Theorie von den vier Kardinalsäften Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle~ dogmatisch formuliert, als Urkunde der koischen (hippokratischen) ~Humoralpathologie~[41].
[32] Die sexuelle Neurose (νοῦσος θήλεια) der Skythen, welche als Götterstrafe galt, wird hier auf vieles Reiten zurückgeführt.
[33] „Mit der sogenannten heiligen Krankheit (= Epilepsie) verhält es sich folgendermaßen.“ Sie scheint mir in keiner Beziehung einen mehr göttlichen Ursprung zu haben als die übrigen Krankheiten. ... Die Menschen aber haben infolge ihrer Unerfahrenheit und Verwunderung geglaubt, ihre Beschaffenheit wie ihre Veranlassung seien etwas Göttliches, weil sie in keinem Punkte den anderen Krankheiten gleicht. ... Wenn sie aber wegen des Wunderbaren für etwas Göttliches gehalten werden sollte, so wird es viele heilige Krankheiten geben und nicht eine einzige. ... Ich für meine Person jedoch halte nicht dafür, daß der Körper des Menschen durch einen Gott besudelt wird.
[34] Besonders in der Schrift de flatibus, wo das Pneuma als primäre Ursache aller Krankheiten erklärt wird. Als entferntere Krankheitsursache gilt es auch in Kap. X des Buches de nat. homin., wo es heißt: „Die Krankheiten entstehen teils durch die Lebensgewohnheiten, teils durch das Pneuma.“
[35] De diaeta z. B. anerkennt zwei Elemente, Feuer (warm -- trocken) und Wasser (kalt -- feucht); de nat. hom. dagegen die vier Empedokleischen Qualitäten.
[36] De prisca medicina, Kap. XIV: „Denn es steckt tatsächlich im Menschen das Bittere, das Salzige, das Süße, das Sauere, das Herbe, das Fade und noch vieles andere, mannigfaltig in Wirkung, Menge und Stärke. Dies alles nun tritt miteinander vermischt und vermengt nicht zu Tage, verursacht auch dem Menschen keinerlei Beschwerden, wird hingegen eines von ihnen abgesondert und selbständig, dann tritt es zu Tage und verursacht dem Menschen auch Beschwerden.“ Vergl. hierzu Alkmaion.
[37] Galle und Schleim z. B. de morb. sacro, in den meisten knidischen Schriften, z. B. de morbis I, de affectionibus, de affectionibus internis u. a. Galle, Wasser, Schleim und Blut z. B. de morbis IV. Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle de nat. homin.
[38] Sitz des Pneumas im Gehirn de morb. sacro, im Herzen de corde.
[39] Nach dem Anonymus Lond. (resp. Menons Iatrika) Kap. IX war Hippokrates Anhänger der pneumatischen Theorie, was vielleicht für den Beginn seiner Laufbahn gelten könnte; wie wenig sicher diese Angabe aber ist, erhellt schon daraus, daß Menon im darauffolgenden Kapitel anhebt: „~Wie aber Hippokrates selbst sagt~“ und sodann die humorale Lehre entwickelt.
[40] Weder die Anomalien der Säfte, noch diejenigen des Pneumas oder die Fehler der Ernährung bilden allein für sich den Schwerpunkt der hippokratischen Krankheitsauffassung; worauf Hippokrates das Hauptgewicht legt, das ist die Störung der harmonischen Einheit des Organismus, welche zur Norm wieder zurückgeführt werden muß.
[41] Im XXII. Kap. der Schrift de prisca medicina wird jedoch im einzelnen ausgeführt, ~wie sehr die Beschaffenheit der Organe an sich bestimmend auf die Krankheitsformen~ wirkt. Weiter geht noch die Einleitung von de locis in homine, wo gesagt wird: „Das von Natur Trockene scheint mir von Krankheiten befallen zu werden und mehr Schmerz zu empfinden, das Feuchte hingegen in geringerem Grade; denn die Krankheit, welche in dem Trockenen ihren Sitz hat, nistet sich dort fest und hört nicht wieder auf, diejenige hingegen, welche im Feuchten ihren Sitz hat, zerfließt gleichsam und sucht bald diesen bald jenen Körperteil in höchstem Grade heim.“ Hier, wo also auf die Festteile des Körpers besonderer Nachdruck gelegt wird, ist schon die spätere „~Solidarpathologie~“ vorgezeichnet!
Im IV. Kap. heißt es dort: „Der Körper des Menschen hat in sich Blut, Schleim und zweierlei Galle, die gelbe und die schwarze. Diese Qualitäten sind die Natur seines Körpers und durch sie wird er krank und gesund. Am gesündesten aber ist er, wenn diese Qualitäten in Bezug auf Mischung, Wirkung und Menge in einem angemessen gegenseitigen Verhältnisse stehen und am innigsten miteinander vermengt sind, krank hingegen, wenn eines von diesen in geringerer oder größerer Menge vorhanden ist oder sich im Körper absondert und nicht mit der Gesamtheit der übrigen vermischt ist.“
Das Leben ist an die vier Grundflüssigkeiten gebunden, welche durch ihre Qualitäten den vier Elementen entsprechen. Das (aus dem Herzen stammende) ~Blut~ repräsentiert das ~Warm-Feuchte~, die ~gelbe Galle~ (welche von der Leber abgesondert wird) das ~Warm-Trockene~, die ~schwarze Galle~ (mit dem Ursprung in der Milz) das ~Kalt-Trockene~, der ~Schleim~ (welcher im Gehirn bereitet wird) das ~Kalt-Feuchte~. Mittels der Ernährung findet eine stetige Zufuhr von Stoffen statt, welche die Kardinalflüssigkeiten erneuern.
~Von dem Gleichgewichte, von der normalen Mischung (εὐκρασία) der Säfte, von der Harmonie der ihnen innewohnenden Kräfte hängt die Gesundheit ab. Fehlerhafte Mischung~ (δυσκρασία), ~übermäßiges Vorwiegen und abnorme Anhäufung der einen oder anderen Grundflüssigkeit bedeuten Krankheit~. Lokale Affektionen ergreifen den gesamten Organismus und rufen, entsprechend den Wechselbeziehungen der Organe, auch in entfernten Körperteilen Erkrankungen hervor[42].
[42] De loc. in hom: „Es scheint mir keinen Anfang im Körper zu geben, sondern alles in gleicher Weise Anfang und alles Ende zu sein. ... Desgleichen scheinen mir auch die Krankheiten in gleicher Weise von dem gesamten Körper auszugehen. ... Beim Körper aber rufen alle seine einzelnen Teile der eine bei dem anderen ... eine Erkrankung hervor, der Leib im Kopfe, der Kopf in den Fleischteilen und im Leibe und auch alles Uebrige im entsprechenden Verhältnis. ... Wollte einer den kleinsten Teil des Körpers nehmen und ihm Schaden zufügen, so würde der gesamte Körper das Leiden wahrnehmen und zwar aus dem Grunde, weil der kleinste Teil des Körpers alles enthält, was auch der größte Teil enthält. Dieser aber überträgt, welches Leiden ihm auch zustoßen mag, dasselbe in jedem einzelnen Falle immer auf die ihm verwandten Teile.“ Letzterer Satz beruht auf der Erkenntnis des ~physiologischen Wechselverhältnisses der Organe~, der sogen. ~Sympathie.~ De alimento heißt es (Kap. XXIII): ~Ξύρῥοια μια, ξύμπνοια μια, ξυμπαθέα πάντα~, Ein Zusammenströmen, eine Vereinigung, eine Sympathie. Die „Sympathie“ der Teile wird besonders berührt in den Büchern de fracturis, de articulis, Epid. III, sec. V. Aphorism. V, 50 (Uterus -- Mammae).
Uebermäßig vom Kopfe herabfließender Schleim kann als „Fluß“ (κατάρῥος, ῥευματισμὸς) je nach den Teilen, wohin er dringt, verschiedene Krankheiten bewirken, z. B. Lungen- und Brustfellentzündung, Schwindsucht, Wassersucht, Hüftschmerz, Diarrhöe, Dysenterie etc. Werden Schleim und Galle (durch das „anschwellende Fleisch“) abgeschlossen, wodurch die Abkühlung und Ausscheidung verhindert ist, oder dringen sie ins Blut, so entsteht Fieber, und zwar Fieberhitze durch die Galle, Fieberfrost durch den Schleim. Verderbnis des Blutes oder „Schmelzung des Fleisches“ verursacht Eiterung.
Die Dyskrasie der Säfte macht nach hippokratischer Auffassung das Wesen der Krankheiten aus; die auslösende ~Krankheitsursache~ ist aber in ~schädlichen äußeren Einflüssen, Fehlern der Lebensweise~, zum Teil auch in krankhafter ~Vererbung~ (Same-Produkt des ganzen Körpers) zu suchen.
Schon in der physiologischen Breite untersteht die Zusammensetzung der vier Kardinalsäfte dem Einfluß von außen, wie dies besonders scharf in den verschiedenen Jahreszeiten hervortritt. So überwiegt im Frühling das Blut, im Sommer die gelbe, im Herbst die schwarze Galle, im Winter hat der Schleim die Uebermacht. Das Warme, das Feuchte, das Trockene, das Kalte, die Elementarqualitäten sind das verknüpfende Band zwischen Grundflüssigkeiten und Jahreszeiten; wie in diesen bald die eine, bald die andere Qualität die Oberherrschaft hat, so prävaliert auch im Organismus bald der eine, bald der andere Kardinalsaft. „Im Frühjahre ist der Schleim noch das stärkere Element, und das Blut beginnt zuzunehmen, läßt doch auch der Frost nach und stellen sich Regengüsse ein. Das Blut aber nimmt zu jener Zeit zu infolge der Regengüsse und der warmen Tage; denn dieser Teil des Jahres ist ihm am meisten konform, weil er feucht und zugleich warm ist. ... Im Sommer aber hat das Blut noch die Herrschaft, und die Galle beginnt sich im Körper zu erheben; ihre Herrschaft dauert bis zum Herbste an. Zur Herbstzeit aber nimmt das Blut ab, denn der Herbst ist ihm seiner Natur nach entgegengesetzt. Die Galle hingegen beherrscht den Körper während des Sommers und des Herbstes. ... Der Schleim ist dafür im Sommer schwächer als sonst, denn diese Jahreszeit ist ihm ihrer Natur nach entgegengesetzt, weil sie trocken und heiß ist. Das Blut aber erreicht im Herbste sein Minimum im menschlichen Körper, denn der Herbst ist trocken und beginnt bereits den Menschen abzukühlen. Die schwarze Galle hingegen ist während des Herbstes in größter Menge vorhanden und am stärksten. Wenn aber der Winter herannaht, kühlt sich die Galle ab und nimmt ab; während anderseits der Schleim wieder zunimmt, sowohl infolge der Regengüsse als auch infolge der Länge der Nächte.“
Der phantastisch angehauchte Schematismus, welchen der Charakter der Jahreszeit mit der hervorstechenden Grundeigenschaft der Körperflüssigkeit in Parallele setzte, war nur ein Teil der Analogisierung kosmischer Erscheinungen mit organischen Vorgängen (Makrokosmus -- Mikrokosmus), besaß aber eine empirische Stütze in reellen Beobachtungen über den Wechsel der Krankheiten je nach der Jahreszeit. „Daß aber der Winter den Körper mit Schleim anfällt, kann man aus folgenden Beobachtungen entnehmen: Zur Winterszeit speien und schneuzen die Menschen Sekrete aus, die zum größten Teile Schleim sind, die weißen Geschwülste entstehen vorzüglich zu dieser Jahreszeit und nicht minder die übrigen Schleimkrankheiten. ... Im Frühjahr und im Sommer werden die Menschen am meisten von Dysenterien befallen, das Blut fließt ihnen aus der Nase hervor, und sie selbst sind am heißesten und rötesten. Zur Herbstzeit aber nimmt das Blut ab; die Galle hingegen beherrscht den Körper während des Sommers und Herbstes. Das kann man aus folgenden Tatsachen entnehmen: Die Menschen speien von selbst zu jener Jahreszeit Galle, und bei den Purgationen werden mehr gallige Bestandteile abgeführt. Klar erkennbar ist diese Tatsache aber auch an den Fiebern und der ~Färbung der Haut~ bei den Menschen.“
In den „Aphorismen“ finden sich eine Menge von Bemerkungen über das Vorherrschen gewisser Krankheiten in bestimmten Jahreszeiten. Im 3. Buche derselben heißt es: „Die Krankheiten entstehen ohne Unterschied zu jeglicher Jahreszeit, manche hingegen entstehen und verschlimmern sich in manchen Jahreszeiten mit Vorliebe. So im Frühjahre Geisteskrankheiten, Melancholie, Epilepsie, Blutflüsse, Halsbräune, Schnupfen, Heiserkeit, Husten, Aussatz, Flechten, Vitiligo, viel verschwärende Ausschläge, Geschwülste und Gelenkschmerzen; im Sommer außer einigen der eben genannten Krankheiten auch andauernde Fieber, Brennfieber, die meisten Tertianfieber, Erbrechen, Diarrhöen, Augenentzündungen, Ohrenleiden, Mundgeschwüre, eitrige Entzündungen der Genitalien und Schweißfriesel; im Herbste außer vielen Sommerkrankheiten auch Quartanfieber und Febres erraticae, Milzleiden, Wassersucht, Schwindsucht, Harnstrenge, Lienterie, Dysenterie, Hüftweh, Halsbräune, Asthma, Ileus, Epilepsie, Irrsinn und Melancholie; im Winter Brustfellentzündung, Lungenentzündung, Schnupfen, Heiserkeit, Husten, Schmerzen in der Brust, in der Seite, in den Hüften und im Kopfe, Schwindel und Apoplexie.“
In mustergültiger Weise wird besonders in den Schriften ~de aëre aquis et locis~, de humoribus, de diaeta und in den Aphorismen ausgeführt, welchen Einfluß das Klima, die Jahreszeit[43], die Witterung, der Wohnort auf das Entstehen der Krankheiten hat, welche Bedeutung einerseits Winde, Wärme und Kälte, Sonnenhitze und Schatten, ungesundes Wasser und schädliche Ausdünstungen, anderseits Lebensalter, Lebensweise, Nahrung, Kleidung etc. für die ~Aetiologie~ besitzen, und wie es Pflicht des Arztes sei, über die endemischen Verhältnisse bei den Einwohnern Erkundigung einzuziehen, „denn in einer zahlreichen Bevölkerung gibt es immer viele, welche darüber etwas aussagen können“.
[43] „Man muß wissen, in welchen Jahreszeiten die Säfte gleichsam in ihrer Blüte stehen, was für Krankheiten sie in jeder einzelnen Jahreszeit hervorrufen und was für Leiden sie bei jeder einzelnen Krankheit verursachen“ (de humorib. c. 8).
Die Bücher über „die epidemischen Krankheiten“ enthalten eine kasuistische Zusammenstellung von nicht ausschließlich epidemischen Krankheiten, welche zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Orte unter dem Einfluß bestimmter klimatischer und Witterungsverhältnisse nebeneinander auftreten (Katastaseologie) und durch gewisse Grundkrankheiten in ihrem Verlauf und Charakter eine besondere Modifikation erlitten (Genius epidemicus).
Den endemischen Krankheiten stehen die ~epidemischen~ gegenüber, welche teils durch den Wechsel der Jahreszeiten, teils durch schädliche Beschaffenheit der Luft hervorgerufen werden. (Während der letzteren soll man bei der gewohnten Lebensweise verbleiben, jedoch die Nahrung vermindern, um das Atembedürfnis zu beschränken.)
Charakteristisch für die hippokratische Medizin bleibt es jedoch (gegenüber der orientalischen), daß die Erkenntnis der Abhängigkeit des gesunden und kranken Organismus von den großen kosmischen Agentien nicht dahin führte, die Selbständigkeit und Eigenart des Individuums zu übersehen: „Man muß wissen, zu welcher Krankheit die Natur am meisten neigt. ... Was das Verhältnis der Naturen zu den Jahreszeiten anlangt, so sind dieselben gegenüber dem Sommer oder gegenüber dem Winter gut und schlecht disponiert, andere gegenüber den Ländern, den Altersstufen, den Lebensgewohnheiten und den Zuständen der Krankheiten gut und schlecht disponiert.“
Die inhaltlich und formell als Meisterwerk zu bezeichnende Abhandlung „Ueber Luft, Wasser und Oertlichkeit“ enthält in großzügiger Darstellung die Grundlagen der ~physikalischen Geographie~ und ~geographischen Pathologie~ und weist die innigen ~Beziehungen~ nach, welche ~zwischen klimatisch-topographischen, anthropologischen und sozial-ethischen Verhältnissen~ obwalten. Hier erhebt sich der Arzt zum weitblickenden, aber spekulationsfreien Naturforscher, gleichsam zur Illustration der Worte, welche in der „alten Medizin“ stehen: „Ich bin überzeugt, daß man bezüglich der Natur durch nichts anderes zur wahren Erkenntnis kommen kann als durch die ärztliche Kunst.“ Die ersten Kapitel handeln von der Wichtigkeit der medizinischen Topographie und von dem Einfluß, den die Lage eines Ortes auf die Gesundheitsverhältnisse ausübt. Beispielsweise wird als Folge warmer Winde folgendes angeführt: schwächliche Körperentwicklung, Neigung zu Dysenterie, Diarrhöen, Hämorrhoiden, langwierige Fieber, Schlaganfälle, Krampfkrankheiten, Epilepsie, Blutungen, Abortus etc. Die Bewohner von Gegenden, die kalten Winden ausgesetzt sind, werden dagegen kräftig, erlangen spät die Pubertät, besitzen längere Lebensdauer, neigen meist zu akuten Affektionen, aber auch zu Empyemen, Phthisis, Obstipation, Augenkrankheiten, Nasenbluten; die Frauen sind spärlich menstruiert und gebären schwer. In den folgenden Abschnitten spricht der Verfasser ausführlich über die Eigenschaften des Wassers, seine Abhängigkeit vom Boden und den herrschenden Winden. Der Genuß von schlechtem Wasser erzeugt Milzschwellung, Hydrops, der Genuß von verschiedenartigem Wasser (von Flüssen, in welche andere einmünden, von Seen, in welche sich viele Wasserläufe ergießen) befördert die Bildung von Blasen- und Nierensteinen, verursacht Harnstrenge, Hernien und Ischias. Nachdem er auf den Zusammenhang der Jahreszeiten (Gestirnstellung, Sommersonnenwende, Herbsttag- und Nachtgleiche, Wintersonnenwende, Frühlingstag- und Nachtgleiche) mit den Krankheiten hingewiesen, vergleicht Verfasser die Völker Europas mit den asiatischen und leitet die anthropologisch-ethisch-intellektuellen Eigentümlichkeiten von klimatischen Verhältnissen ab.
In der Betrachtung des Krankheitsverlaufes schwebt den Hippokratikern die ~akute, fieberhafte Krankheit~ vor, wo die Schwankungen der Temperatur, die in Menge und Beschaffenheit wechselnden Ausscheidungen, die regelmäßige Wiederkehr der Erscheinungen eine Gesetzmäßigkeit verraten, welche Schlüsse über die Entwicklungshöhe, Schwere und den Ausgang des Leidens zu ziehen gestattet. ~Die chronischen Affektionen sind bei den Hippokratikern nur Folgezustände der akuten Krankheiten.~