Geschichte der Medizin. I. Band

Part 24

Chapter 242,935 wordsPublic domain

4. ~περὶ ἀρχαίης ἰητρικῆς.~ ~de prisca medicina~ = ~Die alte Medizin.~ Polemik gegen die Philosopheme der Neueren, Lob der alten Kunst, welche ihren Ursprung von diätetischen Erfahrungen bei Gesunden und Kranken nahm. Das Warme und Kalte, Feuchte und Trockene ist nicht die Krankheitsursache, sondern das Süßeste, Bitterste, Sauerste, Herbste etc. -- eine Säftetheorie, welche stark von Alkmaion beeinflußt erscheint.

5. ~περὶ ἰντροῦ.~ ~de medico~ = ~Der Arzt.~ Deontologie und Vorschriften über die ärztliche Werkstätte. (Für den Anfänger bestimmte Schrift.)

6. ~περὶ εὐσχημοσύνης.~ ~de habitu decenti~ = ~Ueber den Anstand.~ Aerztliche Ethik. (Wahre und falsche Wissenschaft; Philosophie und Medizin; Untersuchung und Verhalten am Krankenbette.) Im 5. Kapitel dieser Schrift findet sich der berühmte Satz: „~denn ein Arzt, der zugleich Philosoph ist, steht den Göttern gleich~“ (ἰητρος γὰρ φιλόσοφυς, ἰσόθεος).

7. ~Παραγγελὶαι.~ ~Praecepta~ = ~Vorschriften.~ Aerztliche Sittenlehre, welche in dem Satze gipfelt: ~Wo Liebe zum Menschen ist, da ist auch Liebe zur Kunst vorhanden~.

8. ~Ἀφορισμοί.~ ~Aphorismi~ = ~Die Aphorismen~ (Lehrsätze). Bücher, deren letztes in viel späterer Zeit verfaßt wurde und nur eine höchst mangelhaft redigierte Kompilation darstellt. Die Aphorismen sind der berühmteste Teil der ganzen hippokratischen Schriftensammlung, wurden in fast alle Sprachen übersetzt und unzählige Male kommentiert, sie enthalten in zumeist lapidarer Kürze das Resumé der Prognostik der koischen Schule. Wenn auch dem Werte nach ungleichartig, finden sich unter den Aphorismen Thesen und Sinnsprüche, welche von echt hippokratischem Geiste durchweht, in ihrer prägnanten Fassung an die Aussprüche der sieben Weisen erinnern und zu den Perlen der Weltliteratur zählen. Zu geflügelten Worten sind namentlich die folgenden beiden geworden: „~Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, der rechte Augenblick ist rasch enteilt, der Versuch ist trügerisch, das Urteil ist schwierig~“ (I, 1)[19] und „~Was Arzneien nicht heilen, heilt das Eisen, was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer, was das Feuer nicht heilt, das muß man als unheilbar betrachten~“ (VIII, 6)[20]. Das erste Buch betrifft hauptsächlich die diätetische Therapie; das zweite die Prognostik; das dritte Krankheitsdisposition, Einfluß der Jahreszeiten und des Lebensalters; das vierte handelt von Brech- und Abführmitteln und von der Diagnose, insbesondere fieberhafter Krankheiten; das fünfte von Krämpfen, von der Wirkung der Wärme und Kälte, namentlich bei chirurgischen Affektionen, von Frauenkrankheiten; das sechste enthält in seinem sehr bunt gemischten Inhalt Bemerkungen über die Symptomatologie chirurgischer Krankheiten; das siebente handelt von Nebenerscheinungen, Komplikationen mit Prognose und über die Aufeinanderfolge von Krankheiten.

[19] Ὅ μεν βίος βραχύς, ἥ δε τέχνη μακρή. ὅ μεν καιρὸς ὀξύς, ἥ δε πεῖρα σφαλερή.

[20] Ὁκόσα φάρμακα οὐκ ἰῆται, σίδηρος ἰῆται· ὄσα σίδηρος οὐκ ἰῆται, πῦρ ἰῆται ὅσα δε πῦρ οὐκ ἰῆται, ταῦτα χρῆ νομίζειν ἀνίατα.

Zur Anatomie und Physiologie.

9. ~περὶ ἀνατομῆς.~ ~de anatomia~ = ~Die Anatomie.~ Kurzes Fragment, welches die innerhalb des Rumpfes gelegenen Organe beschreibt.

10. ~περὶ καρδίης.~ ~de corde~ = ~Das Herz.~ Wahrscheinlich unter dem Einfluß der sizilischen Schule verfaßte Schrift, enthält eine genaue Beschreibung des Herzens als Sitz der Seele.

11. ~περὶ σαρκῶν.~ ~de carne~ = ~de musculis~ = ~Das Fleisch.~ Besonders bemerkenswert durch die in Anlehnung des Herakleitos und Parmenides ausgesponnenen physiologischen Hypothesen, sowie durch die Theorie von der Bedeutung der Zahl Sieben für die Entwicklungsgeschichte und den Krankheitsverlauf. (Knidisch.)

12. ~περὶ ἀδένων.~ ~de glandulis~ = ~Die Drüsen.~ In der Beschreibung der Drüsen wird das Gehirn als die größte bezeichnet und angeführt, daß von demselben sieben Arten von Flüssen = Katarrhen ihren Ursprung nehmen. (Wahrscheinlich knidisch.)

13. ~περὶ ὀστέων φύσιος.~ ~de natura ossium~ = ~Die Natur der Knochen.~ Enthält außer einer unvollständigen Aufzählung der Knochen nichts Osteologisches, sondern eine verworrene Schilderung des Gefäßsystems.

14. ~περὶ φύσιος ἀνθρώπου.~ ~de natura hominis~ = ~Die Natur des Menschen.~ Das Buch ist aus verschiedenartigen Stücken zusammengesetzt und entstand wahrscheinlich nach der Konsolidierung der sizilischen Schule. Es ist die Haupturkunde der koischen (= hippokratischen) Humoralpathologie, da es die Zusammensetzung des Körpers aus vier Qualitäten bezw. den entsprechenden Kardinalflüssigkeiten Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle verteidigt und die Krankheiten von einem Mißverhältnis derselben ableitet (Kap. IV). Indes wird (Kap. X) auch dem Pneuma bei der Entstehung endemisch-epidemischer Krankheiten eine Hauptrolle zugewiesen, gegenüber den Fehlern der Lebensweise, welche individuelle Leiden verursachen. Die Venenbeschreibung, welche das Buch (Kap. XII) enthält, stammt nach Aristoteles von Polybos.

15. ~περὶ γονη̄ς.~ ~de semine~ (~genitura~) = ~Der Samen.~

16. ~περὶ φύσιος παιδίου.~ ~de natura pueri~ = ~Die Entstehung des Kindes.~

17. ~περὶ νούσων δ'.~ ~de morbis IV~ = ~Die Krankheiten IV.~

Drei Schriften, wahrscheinlich knidischen Ursprungs, welche nach sehr begründeten Vermutungen maßgebender Autoren ursprünglich ein einziges Buch bildeten. Inhalt: Theorien über Zeugung und Entwicklung, über Krankheitsentstehung (aus den Elementarstoffen Schleim, Blut, Galle, Wasser), Lehre von den Krisen und kritischen Tagen.

18. ~περὶ τροφη̄ς.~ ~de alimento~ = ~Die Nahrung.~ Aphoristische Sätze über Nahrung und Entwicklung des Menschen, in philosophischem Geiste gehalten (Herakleitos und Diogenes von Apollonia). Vergleiche aus dem Pflanzen- und Tierleben, sowie •physikalischer Art•.

Zur Diätetik.

19. ~περὶ διαίτης~ I-III. ~de diaeta~ (~victu~) I-III = ~Die Diät~ I-III; wozu noch als viertes Buch die Schrift ~περὶ ὲνυπνίων~, ~de somniis~ = ~Die Träume~ hinzukommt. Abhandlung über Diätetik und Gymnastik, basierend auf dem Grundsatze, daß die Gesundheit von dem richtigen Verhältnis der Nahrungsaufnahme zu den körperlichen Uebungen abhänge. Das Buch über die Träume schildert die Vorzeichen, durch welche sich Gesundheitsstörungen zu erkennen geben.

20. ~περὶ διαίτης ὑγιεινη̄ς.~ ~de diaeta~ (~victu~) ~salubri~ = ~Die Hygiene der Lebensweise.~ Vorschriften über Speisen, Getränke, Kleidung, Bewegung, je nach der Jahreszeit, der Körperbeschaffenheit, dem Lebensalter etc.

Zur allgemeinen Pathologie.

21. ~περὶ ἀὲρων, ὑδάτων, τόπων.~ ~de aere, aquis et locis~ = ~Ueber Luft, Wasser und Oertlichkeit.~ Diese meisterhafte Schrift betont die Wichtigkeit der Meteorologie, Klimatologie und Astronomie für die Medizin und schildert in großzügiger Betrachtung den Einfluß von Klima und Bodenbeschaffenheit auf den Organismus und auf die Entstehung von Krankheiten -- •medizinische Geographie•. Ueber den Rahmen der Medizin im engeren Sinne hinausstrebend, zeigt der Verfasser die Abhängigkeit der geistigen Eigentümlichkeiten und staatlichen Einrichtungen von topographisch-klimatischen Verhältnissen.

22. ~περὶ χυμῶν.~ ~de humoribus~ = ~Die Säfte.~ Notizensammlung vorwiegend über Krankheitsentstehung, Symptomatologie und Prognostik im Sinne der humoralpathologischen Auffassung.

23. ~περὶ κρίσεων.~ ~de crisibus~ = ~Die Krisen.~ Exzerpte über kritische Vorgänge.

24. ~περὶ κρισίμων.~ ~de diebus criticis~ = ~Die kritischen Tage.~ Minderwertige Kompilation.

25. ~περὶ ἑβδομάδων.~ ~de hebdomadibus~ = ~Die Wochen~ (Ueber die Siebenzahl). Nur in barbarischem Latein und in arabischer Umschreibung erhaltene Schrift knidischen Ursprungs. Aus dem Inhalt besonders bemerkenswert die Beziehung zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus, wobei der Siebenzahl in phantastischer Weise die höchste Bedeutung in kosmischen, physiologischen und pathologischen Vorgängen (Stufenjahre, Krisen) zugesprochen wird.

26. ~περὶ φυσῶν.~ ~de flatibus~ = ~Die Winde.~ Nach Ansicht mancher Autoren sophistische Schrift, nach anderen Jugendwerk des Hippokrates. Der Inhalt steht in schärfstem Gegensatz zur koischen Humoralpathologie, indem die Luft (innerhalb des Körpers φῦσαι, Winde) zur primären Ursache aller Krankheiten gestempelt wird. Nach dem Berichte des Aristotelesschülers Menon (Iatrika, vergl. oben S. 161, das über Anonymus Londinensis Gesagte) habe Hippokrates diese Anschauung tatsächlich vertreten.

27. ~προγνωστικὸν.~ ~prognosticum~ = ~Das Buch der Prognosen.~

28. ~προῤῥητικὸν α'.~ ~praedicta~ (~prorrheticum~) I = ~Die Vorhersagungen~ I.

29. ~προῤῥητικὸν β'.~ ~praedicta~ (~prorrheticum~) II = ~Die Vorhersagungen~ II.

30. ~Κωακαὶ προγνώσεις.~ ~praenotiones Coacae~ = ~Koische Prognosen.~

Von diesen vier Schriften, welche den besten Einblick in das Wesen der koischen Symptomatologie und Prognostik gewähren, enthalten Prognosticum und Prorrheticum II einen Schatz von klinischen Erfahrungen, der mit Kennerblick verwertet wird. Prorrheticum I ist die Arbeit eines wenig gewandten Koers, ein ungeschickter Auszug aus dem Prognosticum. Die „Koischen Prognosen“ danken ihre Berühmtheit dem Titel, bilden aber nur einen geordneten Auszug aus anderen verwandten Schriften.

Zur speziellen Pathologie.

31. ~Ἐπιδημιῶν βιβλία ἑπτἀ.~ ~Epidemiorum libri~ VII = ~Die epidemischen Krankheiten~ I-VII.

Die Schriften schildern den Verlauf von Krankheiten unter bestimmter Witterungsgestaltung (Katastase) an bestimmten Orten. Buch I und III gehörten ursprünglich zusammen, ihr Inhalt besteht in der Beschreibung der Witterung und der Krankheiten auf der Insel Thasos während dreier Jahre, sowie eines vierten ohne Angabe des Ortes; im ganzen werden 42 Krankengeschichten vorgeführt, besonders Malariafieber der warmen Klimate. Buch II, IV und VI bilden eine von V und VII geschiedene Gruppe; letztere sind späteren, wahrscheinlich knidischen Ursprungs. Die Orte, von denen Witterungsgestaltung und Krankenjournal mitgeteilt werden, sind Kranon, Larissa (Thessalien), Perinthos (an der thrakischen Propontis) u. a.

32. ~περὶ παθῶν.~ ~de affectionibus~ = ~Die Leiden.~ Populäre Schrift der knidischen Schule (Schleim und Galle Krankheitsursachen; Milch -- Molkenkur, Purgiermittel).

33. περὶ νούσων α'. de morbis liber I = Die Krankheiten I.

34. περὶ νούσων β'. de morbis liber II = Die Krankheiten II.

35. περὶ νούσων γ'. de morbis liber III = Die Krankheiten III.

Größtenteils knidischen Ursprungs, enthalten diese Bücher eine Uebersicht über die Aufgaben des Arztes, über Krankheitsentstehung und über den Verlauf der wichtigsten Krankheiten; am Schlusse des 3. Buches Rezepte.

36. ~περὶ τῶν ἑντὸς παθῶν.~ ~de affectionibus internis~ = ~Die inneren Krankheiten~. Für die Kenntnis der knidischen Schule besonders wichtige Schrift, behandelt die häufigsten Lungenaffektionen, die verschiedenen Arten der Schwindsucht, Nierenkrankheiten, der Leber-Milzkrankheiten, die verschiedenen Formen von Wassersucht, Ikterus, Typhus, Ischias, Tetanus u. s. w.

37. ~περὶ ἱερη̄ς νούσου~. ~de morbo sacro~ = ~Die heilige Krankheit~. Inhalt: Die Epilepsie ist ebensowenig göttlichen Ursprungs wie irgend eine andere Krankheit, weshalb die gewöhnlich verwendeten abergläubischen Mittel nur auf Irrtum oder Betrug beruhen. Krankheitssitz ist das Gehirn, welches den Sitz der Wahrnehmung bildet -- nicht das Herz oder Zwerchfell. Einfluß des Pneuma.

38. ~περὶ τόπων τῶν κατ' ἄνθρωπον~. ~de locis in homine~ = ~Die Stellen am Menschen~. Eine Art von „Kompendium eines italischen Dorers“, der seine Anschauungen mit den Lehren der Knider vermengte. Die Krankheitstheorie geht einerseits von den festen Bestandteilen des Körpers (~Solidarpathologie~) aus und verbreitet sich anderseits über die Schleimflüsse (Katarrhe).

Zur Therapie.

39. ~περὶ διαίτης ὸξἑων~. ~de ratione victus in acutis~ = ~Die Diät bei akuten Krankheiten~. Polemik gegen die Verfasser der knidischen Sentenzen, welche einer symptomatischen Krankheitsauffassung huldigen und die diätetischen Heilmittel vernachlässigten; Vorschriften über den Gebrauch des Getreideschleimes (Ptisane), des Weins, des Hydromel, des Oxymel und des Wassers. Der Appendix der Schrift wurde schon früh als unecht erkannt.

40. ~περὶ ὑγρῶν χρήσιος~. ~de liquidorum usu~ = ~Ueber den Gebrauch der Flüssigkeiten~. Notizensammlung über die Anwendung des Wassers, Salz- und Meerwassers, des Weins und Essigs in kaltem und erwärmtem Zustande.

Zur Chirurgie.

41. ~κατ' ἰητρεὶον~. ~de officina medici~ = ~Die ärztliche Werkstätte~. Für fortgeschrittene Schüler bestimmter Abriß über die wichtigsten allgemeinen Hilfsmittel des Wundarztes.

42. ~περὶ ἑλκῶν~. ~de vulneribus et ulceribus~ = ~Die Wunden und Geschwüre~. Allgemeine Therapie der Wunden und Geschwüre; Wundmittelformeln.

43. ~περὶ αιμορροιδων~. ~de haemorrhoidibus~ = ~Die Hämorrhoiden~.

44. ~περὶ συριγγων~. ~de fistulis~ = ~Die Fisteln.~ Diese und die vorige bildeten ursprünglich ein Ganzes.

45. ~περὶ τῶν ἐν κεφαλῇ τρωμάτων~. ~de capitis vulneribus~ = ~Die Verletzungen am Kopfe~. Eine der vorzüglichsten Schriften des Hippokrates, welche auf erlesenster Beobachtung basierte. Inhalt: Deskriptive Schädelanatomie, Verletzungen des Schädels, Trepanation und andere Heilverfahren.

46. ~περὶ ὰγμῶν~. ~de fracturis~ = ~Die Knochenbrüche~ und

47. ~περὶ ᾰρθρων ὲμβολης~. ~de articulis~ (reponendis) = ~Die Einrichtung der Gelenke~, zwei Bücher von besonderer Bedeutung, welche den hohen Stand der griechischen Chirurgie beweisen.

48. ~μοχλικός~. ~vectiarius~ = ~Ueber die Einrenkung~ (Das Buch vom Hebel). Auszug aus de fracturis und de articulis.

Zur Augenheilkunde.

49. ~περὶ ὄψιος~. ~de visu~ = ~Vom Sehen~. Wahrscheinlich knidische Schrift.

Zur Gynäkologie, Geburtshilfe und Kinderheilkunde.

50. ~περὶ παρθενίων~. de his, quae (ad) virgines spectant = Die Krankheiten der Jungfrauen. Behandelt die psychischen Störungen hysterischer Art bei Mädchen. Auch in dieser Schrift wird der Verstand in das Herz verlegt.

51. ~περὶ γυναικείης φύσιος~. ~de natura muliebri~ = ~Die Natur der Frau~. Knidisches Kompendium der Frauenkrankheiten, stammt aus den folgenden beiden Büchern.

52. περὶ γυναικείων α'. de morbis mulierum I = Die Frauenkrankheiten I (knidisch).

53. περὶ γυναικείων β'. de morbis mulierum II = Die Frauenkrankheiten II. Am Schlusse Rezepte für gynäkologische und kosmetische Zwecke. Rohe physikalische Vergleiche deuten auf den knidischen Ursprung.

54. ~περὶ ὰφόρων~. ~de sterilitate~ = ~Die Unfruchtbarkeit der Frauen~. Gehört wahrscheinlich als 3. Buch zu den beiden eben genannten. Aus dem Inhalt wären hervorzuheben: Versuchsmittel zur Feststellung der Sterilität, Symptomatologie der Schwangerschaft, Mittel zur Konzeption. Im 2. Kapitel (Mittel zur Feststellung der Gravidität) finden sich ~wörtliche Uebereinstimmungen mit Papyrus Ebers~!

55. ~περὶ ἑπικυήσιος~. ~de superfoetatione~ = ~Die Ueberfruchtung~. Außer dem im Titel angegebenen Thema Auszug aus den früher genannten gynäkologischen Schriften der Knidier.

56. ~περὶ ἑπταμήνου~. ~de septimestri partu~ = ~Das Siebenmonatskind~ und

57. ~περὶ ὸκταμήνου~. ~de octimestri partu~ = ~Das Achtmonatskind~ bildeten einst ein Buch.

58. ~περὶ ἑγκατατοη̄ς ἑμβρύου~. ~de embryonis in utero excisione~ = ~Die Zerstückelung des Kindes im Mutterleibe~. Entlehnung aus den anderen knidischen Schriften.

59. ~περὶ ὸδοντοφυίης~. ~de dentitione~ = ~Ueber das Zahnen~. Aphorismen über Kinderkrankheiten, namentlich in der Zahnungsperiode.

Außer diesen 59 Büchern enthält die Sammlung noch unechte Schriften, darunter solche, welche auf den Legenden über die Lebensgeschichte des Hippokrates basieren. ~Die Briefe~ beziehen sich hauptsächlich auf die Berufung des H. an den Perserhof und auf seinen Verkehr mit dem vermeintlich geisteskranken Demokrit, ~der Beschluß der Athener, die Rede am Altar, die Gesandtschaftsrede~ des ~Thessalos~ berühren die angeblichen Dienste des H. in der Pest von Athen.

Hippokrates.

~Motto:~

Die Theorie ist nicht die Wurzel, sondern die Blüte der Praxis. Ernst von Feuchtersleben.

So wenig uns die hippokratische Schriftensammlung darüber Aufschluß erteilt, wer die Verfasser der einzelnen Schriften gewesen sind, was die persönlichen Leistungen und Anschauungen des Hippokrates ausmachte, so widersprechend die verschiedenen Teile des Corpus Hippocraticum in der Theorie und selbst Praxis oft erscheinen -- die Tatsache steht doch fest, ~daß die Eigenart, welche den „hippokratischen“ Schriften eine Sonderstellung in der gesamten medizinischen Literatur verbürgt und als gemeinsamer Wesenszug innewohnt, direkt oder indirekt auf den mächtigen Einfluß einer überragenden Persönlichkeit zurückzuführen ist~.

Es ist nicht der Erfahrungsstoff, es ist nicht der Ideenreichtum, wodurch sich die hippokratische Heilkunde kennzeichnet gegenüber allem Vorausgegangenen, gegenüber der weiteren Entwicklung. ~Was den Hippokratismus zum Gipfel der griechischen Medizin erhebt, ja selbst zum Jugendbrunnen der medizinischen Wissenschaft aller Zeiten macht, liegt nicht in Doktrinen oder Kenntnissen, sondern in der Auffassung des ärztlichen Berufes, in der ewig wahr bleibenden Methode des ärztlichen Denkens und Handelns!~

Möge daher die immer tiefer schürfende Forschung den Beweis erbringen, daß die medizinischen Einzelkenntnisse und Handgriffe, wie sie im Corpus Hippocraticum vorliegen, zum Teile auf jahrtausendelange Vergangenheit zurückblicken und Lehngut aus fremden Kulturen sind, möge es auch nie gelingen, das spezielle Wissen und Können der hippokratischen Schule im engeren Sinne des Wortes zu umgrenzen, die Monumentalgestalt des großen Hippokrates bleibt unberührt von all diesen Streitfragen in ihrer lichten Höhe als Verkörperung einer neuen Entwicklungsepoche im Laufe der medizinischen Geschichte, als Sinnbild idealster Ethik im ärztlichen Berufe, als Wahrzeichen unbeugsamer Denkstrenge in der ärztlichen Forschung.

Alles wahrhaft Große verliert sich in seinen Schöpfungen! Wir können die gewaltige Triebkraft des unsterblichen Arztes an dem Unterschied der zwischen der hippokratischen Medizin und der Heilkunst vor ihm in ~prinzipiellen Momenten~ besteht, ermessen; wir erkennen, wie die Flamme seiner Persönlichkeit durch die seinen Namen tragenden Schriften hindurchleuchtet; wir spüren seinen belebenden Hauch, der die Geschichte durchweht -- vom historischen Hippokrates selbst aber wissen wir weit weniger als vom traditionell festgelegten Begriff des Hippokratismus, und nur dürftige oder legendenhaft entstellte Kunde gewähren die Quellen über den Lebensgang des unvergänglichen Meisters.

Nach verbreitetster Annahme wurde Hippokrates (zum Unterschied von seinem gleichnamigen Großvater als der Zweite bezeichnet) 460 oder 459 v. Chr. auf der Insel Kos geboren. Er war der Sohn des Asklepiaden Herakleides und der Phainarete (oder Praxithee, Tochter der Phainarete) und leitete seinen Stammbaum väterlicherseits von Asklepios, mütterlicherseits von Herakles ab. Den ersten ärztlichen Unterricht empfing Hippokrates von seinem Vater im Geiste der koischen Schule -- nach Menons Iatrika[21] wurde er aber auch von einem sonst unbekannten ~Herodikos von Knidos~ beeinflußt. Um seinen Bildungsdrang zu befriedigen und sich als Arzt unter verschiedenen Verhältnissen zu betätigen, unternahm er Reisen durch ganz Hellas, wobei er angeblich auch zu dem Gymnasten ~Herodikos von Selymbria~, dem berühmten Rhetor Gorgias und dem Philosophen Demokritos in Beziehung trat. In den hippokratischen Schriften (z. B. besonders Epidemiorum libri VII) werden zwar häufig Ortschaften genannt, doch gewähren diese Angaben deshalb keine ganz verläßliche Auskunft über die Stätten, welche Hippokrates auf seiner Wanderung besuchte, wo er als Arzt tätig war, weil viele der Schriften wahrscheinlich unecht sind und anderseits sich manche der Mitteilungen über medizinische Verhältnisse in bestimmten Gegenden auch bloß auf fremde Berichte stützen konnten. Jedenfalls kam Hippokrates nach der Insel Thasos, wo sich ein alter Asklepiostempel befand und weilte an verschiedenen Orten Thessaliens (besonders Larissa und Meliboia), Thrakiens (Abdera), an der Propontis (Kyzikos). Möglich, aber unbewiesen ist der Aufenthalt in Athen und namentlich am Asowschen Meere, im Lande der Skythen, in Kleinasien, in Nordägypten, Libyen -- Vermutungen, die sich auf das berühmte Buch de aëre aquis et locis stützen. In Larissa beendete der große Koer sein inhaltsvolles Leben, nach wahrscheinlichster Angabe im Jahre 377 v. Chr. Neben seinen beiden Söhnen, welche ebenfalls auf Wanderungen auszogen, ~Thessalos und Drakon~, zählen sein Schwiegersohn ~Polybos~, ferner ~Apollonios und Dexippos von Kos~, wahrscheinlich auch ~Praxagoras von Kos~ zu seinen berühmtesten Schülern. Erwiesenermaßen nahm ~Polybos~ Anteil an der hippokratischen Schriftensammlung und wirkte wohl auch als Stellvertreter in der Schule. Unter den Nachkommen führten noch fünf den Namen Hippokrates und taten sich als ärztliche Schriftsteller hervor.

[21] Vergl. S. 161.

Die dankbare Nachwelt hat die Lebensgeschichte des großen Arztes mit Legenden reichlich ausgeschmückt, und besonders einige tendenziöse Schriften aus späterer Zeit enthalten davon eine ganze Menge. Dahin gehört z. B. die Erzählung, daß Hippokrates von den Abderiten aufgefordert worden sei, den vermeintlich wahnsinnigen Demokritos auf seinen Geisteszustand zu untersuchen (wobei er den Philosophen wegen seiner Aeußerung, er studiere die Torheit der Menschen, für den Weisesten aller Menschen erklärt habe); die Anekdote, daß er mit Euryphon die „Phthisis“ des Königs Perdikkas von Makedonien als Liebessehnsucht zu seines Vaters Nebenfrau Phila erkannt habe; die vom Patriotismus eingegebene schroffe Absage an Artaxerxes I. Makrocheir; die Geschichte, daß er seine Heimat vor der Eroberungslust der Athener rettete, indem er die Thessalier zu Hilfe rief. Fabelhaft sind auch die Behauptungen, daß Hippokrates am persischen Hofe die größte Auszeichnung erfahren, daß er aus Ehrsucht das Tempelarchiv von Kos oder Knidos verbrannt habe, um sich den Erfinderruhm zu sichern und nachher zu den Thrakischen Edonen geflohen sei -- wohl eine Anspielung auf die kritische Benützung der Weihtafeln und literarischen Tempelschätze. Unverläßlich ist jedenfalls die Angabe, daß er in Delphoi ein Skelett gestiftet habe, in die athenischen Mysterien eingeweiht und der Speisung im Prytaneion gewürdigt worden sei. Bezüglich seiner angeblich verdienstvollen Leistungen in der „Pest“ von Athen (430-425) ist es jedenfalls höchst auffallend, daß Thukydides derselben in seiner glänzenden Schilderung auch nicht mit einer Silbe gedenkt. In der unterschobenen Schrift de legatione erklärt Hippokrates seinen Sohn Thessalos als Marinearzt der sizilischen Expedition des Alkibiades mitgeben zu wollen.

~Hippokrates~ stand schon bei Lebzeiten in hohen Ehren -- von Platon wurde er dem Polykleitos und Pheidias gleichgestellt --, nach seinem Tode wuchs sein Ruhm in solchem Maße, daß er das Ansehen aller vorausgehenden und nachfolgenden Aerzte verdunkelte. ~Er wurde der Arzt κατ' ἑξοχὴν!~ Schon zur Zeit des Aristoteles hieß er der „Große“, bei Galenos der „Göttliche“, und bis in die Gegenwart galt er als „Vater der Heilkunde“. Seine Landsleute, die Koer, feierten am 26. des Monats Agrianos sein Andenken, und noch im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde das Grabmal des Hippokrates zwischen Gyrto und Larissa gezeigt. Die Sage erzählt, daß sich in demselben ein Schwarm Bienen ansiedelte, deren Honig gegen den Soor der Kinder sehr heilsam war.