Geschichte der Medizin. I. Band

Part 23

Chapter 233,118 wordsPublic domain

Kos, eine den Sporaden zugerechnete Insel, den Städten Knidos und Halikarnassos gegenüber gelegen, im Altertum berühmt durch ihren Wein, war wegen besonders günstiger klimatischer Verhältnisse wie geschaffen zum Kultort des Asklepios. Das Heiligtum desselben befand sich westlich von der Hauptstadt Kos und wurde zur Zeit der höchsten Blüte mit den Meisterwerken des Apelles und Praxiteles (Aphroditestatue) ausgeschmückt. In jüngster Zeit wurde die ehrwürdige Stätte des koischen Asklepieions bloßgelegt, wobei man eine Menge von Weihgeschenken, sowie eine Reihe von Inschriften (bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. herab) auffand. Es ergibt sich, daß das koische Asklepieion, wiederholt durch prächtige Neubauten erweitert, zu den ausgedehntesten heiligen Anlagen des Altertums zählte. Zu den wiederholten Neubauten und Erweiterungen gab das Erdbeben von 412 v. Chr. oder ein Brand, später die Gunst der Ptolemäer und der Herrscher von Pergamon, endlich der Römer Anlaß. Wann das Heiligtum verödete, ist noch nicht festgestellt, niedergeworfen wurden seine Bauten wahrscheinlich durch das gewaltige Erdbeben vom Jahre 554 n. Chr. Die an weithin sichtbarer Stelle heute noch gezeigte sogenannte Hippokratesplatane war Zeuge der alten Herrlichkeit. Auf den Ausgangspunkt des Asklepioskults von einem Brunnen in einem heiligen Hain deutet es, daß die Dichter direkt für Asklepieion den Namen der (fälschlich auch nach Hippokrates bezeichneten) schon bei Theokrit sagenberühmten Quelle Burinna einsetzten. Die koischen Asklepiaden erfreuten sich schon im 6. Jahrhundert eines weitreichenden Ansehens; dafür besitzen wir Zeugnisse in einer historischen Ueberlieferung, nach welcher die Delphische Priesterschaft, bedrängt von den Einwohnern Kirrhas, um 584 v. Chr. den Asklepiaden ~Nebros~ und seinen Sohn ~Krisos~ zu Hilfe riefen, ferner in einer zu Athen aufgefundenen Weiheinschrift des ~Aineios~, Großoheims des Hippokrates. Unter den Vorgängern des Hippokrates ist namentlich ~Apollonides~ bekannt, welcher als Leibarzt des Artaxerxes I. tätig war und wegen Vergehungen mit der Schwester des Königs, Amytis, hingerichtet wurde. Nach den kürzlich gefundenen Inschriften in Kos sandte die Schule sehr häufig ihre besten Vertreter ins Ausland; zahlreiche Ehrendekrete fremder Staaten, welche im Asklepieion verwahrt wurden, berichten von den hervorragenden Leistungen der koischen Aerzte. -- Wie die knidischen, so besaßen auch die koischen Asklepiaden schon im 5. Jahrhundert v. Chr. eine große Bibliothek und eine reiche Literatur.

Wenn wir unten das Wissen und Können der Hippokratiker schildern, so ist darunter implizite auch die koische Schule verstanden. Hier sei nur ganz im allgemeinen auf ihre wissenschaftliche Auffassung im Gegensatz zur knidischen verwiesen. ~Daß sich ein solcher Gegensatz in demselben Zeitalter zwischen zwei Asklepiadenschulen trotz innigster geistiger Verwandtschaft und räumlicher Nachbarschaft schon so frühzeitig entwickeln konnte, daß Knidos und Kos in ihren Prinzipien sogar vorbildlich für die ganze weitere medizinische Entwicklung wirkten -- spricht wohl mehr als vieles andere für die unvergleichliche Vielseitigkeit des hellenischen Geistes!~

Gleich den Knidiern, vom Streben erfüllt, die Medizin über rohe Empirie zu erheben, mit mindestens der gleichen Sorgfalt die Symptome beobachtend, schien den ~Koern nicht so sehr die naturgeschichtliche Beschreibung der Krankheitsindividuen, sondern vielmehr das Schicksal des erkrankten Individuums, nicht so sehr die Diagnose, als die Prognose Hauptobjekt des ärztlichen Denkens zu sein~. Während die Knidier mittels vager Differenzierung zahlreiche Krankheitstypen konstruierten, suchten die Koer dieselben durch das Band der Prognose zu vereinigen, indem sie aus den vom Typus abweichenden Symptomen auf einen veränderten Verlauf und Ausgang derselben Krankheit schlossen; ~ihre Pathologie und Therapie berücksichtigte nicht so sehr den Sitz der Krankheit als den Gesamtzustand des Kranken~. Wurden von beiden Schulen Fehler begangen, von der knidischen durch Fiktion von Krankheitstypen auf Grund unwesentlicher Merkmale, von der koischen durch das Zusammenwerfen pathologisch und ätiologisch differenter Krankheitseinheiten, so gebührt doch den Koern in theoretischer Beziehung der Vorrang, weil zu ihrer Zeit eine wirkliche Erkenntnis der zu Grunde liegenden pathologischen Vorgänge eben unmöglich war, in praktischer Hinsicht, weil ihre Methode zur individualisierenden Behandlung führte. Mochten die knidischen Krankheitsklassifikationen den Schein der Wissenschaftlichkeit für sich haben, tatsächlich lag es damals in den Grenzen wahrer Wissenschaft einzig und allein, auf Grund kritisch geläuterter Empirie, den Krankheitsausgang aus gewissen, der Erfahrung nach, günstigen oder ungünstigen Symptomen vorauszusagen[11].

[11] Das Prinzip der knidischen Schule (die Krankheitslokalisation) konnte erst nach dem Aufschwung der pathologischen Anatomie mit Erfolg durchgeführt werden. Bemerkenswerterweise erfuhr die Lokalpathologie und Lokaltherapie, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast zur Alleinherrschaft gelangte, in den letzten Dezennien durch die ätiologische Richtung und durch zahlreiche, auf den Allgemeinzustand gerichtete Behandlungsmethoden wieder eine Korrektur, welche lebhaft an die Reaktion der koischen Schule gegen die knidische erinnert.

Historisch bemerkenswert ist es, daß diese Stufe des medizinischen Denkens, die Pflege der Prognostik, sich logisch fast ungezwungen aus der weissagenden Tempelheilkunde ableiten läßt (nur daß an Stelle der göttlichen Vorzeichen die dem Kundigen viel bedeutenden krankhaften Lebenserscheinungen getreten sind) und ein Analogon darstellt zur Vorhersage von Himmelserscheinungen und Vorzeichen durch Babylons sternkundige Priester. Wie diese aus uralten Aufzeichnungen das Gesetz der zyklischen Wiederkehr kosmischer Vorgänge aufdeckten, und ein Thales auf Grund dessen eine Mondfinsternis zum Erstaunen seiner Mitbürger voraussagen konnte, so war es den Asklepiaden ermöglicht, aus der Vergleichung zahlreicher in dem Tempelarchiv verwahrter ähnlicher Krankheitsgeschichten, aus gehäufter Erfahrung Anzeichen des günstigen oder ungünstigen Ausgangs festzustellen, Gesetze des Krankheitsverlaufs ~empirisch~ zu formulieren.

Mit Vorliebe wandte man sich der Beobachtung jener •akuten Leiden• (z. B. der Lungenentzündung) zu, welche durch den Typus ihrer Symptome, durch den Rhythmus ihres Verlaufs ein Gesetz ahnen ließen, das an den Zyklus der Sternwelt, an die Zahlenverhältnisse der Töne, wie sie Pythagoras gefunden, in seiner Regelmäßigkeit erinnerte. Spekulation und tatsächliche Erfahrungen arbeiteten sich in die Hände. So bildete sich denn als Folge der Betrachtung des Gesamtverlaufs typischer Krankheitsbilder, vielleicht auch im Hinblick auf die Astronomie und die Pythagoreische Zahlenmystik ~die Lehre von den Krisen~, d. h. von der Krankheitsentscheidung, ~und die Lehre von den kritischen Tagen aus~, d. h. von den Zeitverhältnissen, an welche die Wendung der Krankheit zum Guten oder Schlimmen gebunden ist. Die Richtschnur für die Vorhersage am Krankenbette bildete, abgesehen vom Allgemeinbefinden und verschiedenen Merkmalen, namentlich das Fieber und das Verhalten der Exkrete und Sekrete, die nach der herrschenden Säftelehre als ausgeschiedene Krankheitsstoffe galten und durch den Wechsel ihrer Konsistenz den Mischungszustand der konstituierenden Grundflüssigkeiten offenbarten. Ausgehend von Bildern des gemeinen Lebens und vom Verdauungsprozesse, erblickte man im Zusammentreffen des ansteigenden und absteigenden Fiebers mit zähflüssigen oder dünnflüssigen Auswurfstoffen einen Kochungsprozeß der Säfte durch die Körperwärme und gelangte zur ~Aufstellung dreier Krankheitsstadien, des Stadiums der Roheit der Säfte (ἀπεψία), der Kochung (πέψις) und der Krisis~ (Ausscheidung oder Ablagerung der Krankheitsstoffe).

Die Erfahrungen und Anschauungen der koischen Aerzte wurden vor Hippokrates in den „Koischen Lehrmeinungen“ niedergelegt, welche höchstwahrscheinlich als Vorlage für die eine oder andere prognostische Schrift der hippokratischen Sammlung benützt wurden.

Waren die Koer vom Geiste nüchterner, echt klinischer Beobachtung erfüllt, vertraten die Knidier mehr eine Richtung, welche zwar treu auf dem Boden der Erfahrung verläuft, aber dennoch dem Idol temporärer Wissenschaftlichkeit die Naturwahrheit nur allzu leicht zum Opfer bringt, ~so scheint die sizilische Aerzteschule, die sich von Empedokles herleitete, ihr Hauptziel darin erblickt zu haben, die ärztliche Kunst in eine Wissenschaft umzuwandeln~, auf dem Wege der Naturforschung und philosophischen Spekulation oberste Prinzipien zu gewinnen, aus denen sich ~deduktiv~ die Theorie der Krankheiten und die Norm für das ärztliche Handeln ergibt. Aus den kargen Bruchstücken, welche scharfsinnige Forscher in letzterer Zeit aus der Vergessenheit emporgezogen haben, erhellt es immer mehr, ~daß die sizilischen Aerzte~, als deren vornehmste Vertreter die Schüler des Empedokles, ~Akron und Pausanias~, insbesondere aber der Zeitgenosse Platons, ~Philistion aus Lokroi~, genannt werden, ~sich um die Entwicklung der Anatomie und Physiologie ganz besonders verdient gemacht~ und die wichtigsten Bausteine zur Krankheitstheorie, wie sie im Corpus Hippocraticum entwickelt ist, gelegt haben.

Den Spuren des Alkmaion folgend, beschäftigten sich die hervorragendsten Aerzte der sizilischen Schule eifrig mit der Tierzergliederung, wobei sie anscheinend den ~Gefäßen~ besonderes Augenmerk zuwendeten. Hierzu dürfte wohl die Lehre des Empedokles, daß das Blut Sitz der eingepflanzten Wärme (der Seele) sei, und daß die •Atmung• nicht allein durch Mund und Nase, sondern auch •vermittels der Hautporen durch das Röhrensystem des ganzen Körpers• erfolge[12], den Anlaß gegeben haben. (Es sei hier daran erinnert, daß auch der philosophische Hauptvertreter der Pneumatheorie, Diogenes von Apollonia, eine Schilderung des Gefäßsystems hinterlassen hat.) Nach der Ansicht maßgebender Forscher steht gerade die beste anatomische Schrift, das Corpus Hippocraticum, welche vom Herzen handelt (περὶ καρδίης) und eine vortreffliche Beschreibung der Aortenklappen, des Herzbeutels, Herzbeutelwassers etc. enthält, unter dem Einfluß der sizilischen Aerzte; ~wie von den Aegyptern, wurde die Lehre vertreten, daß das Herz Mittelpunkt des Gefäßsystems und Quelle alles Blutes ist.~

[12] Vergl. die Physiologie der Aegypter. Die koischen Aerzte nahmen nur Atmung durch Mund und Nase an.

Neben allgemein naturwissenschaftlichen Erwägungen über die Bedeutung der Luft und der Windströmungen[13] mag auch die anatomische Beobachtung der postmortalen Leerheit der Arterien dazu geführt haben, daß die sizilischen Aerzte das Pneuma als wichtigsten Regulator des organischen Lebens betrachteten[14]; das Pneuma sollte sich durch die Adern verbreiten, mit dem Blute zirkulieren[15], zur Abkühlung der Körperwärme dienen, alle Sinneswahrnehmungen und Bewegungen, sowie durch Erregung von Fäulnisvorgängen[16] (zusammenwirkend mit der Wärme) die Verdauung vermitteln. ~Als Zentralorgan des Pneuma betrachtete man das Herz[17].~ Gerade diese auf anatomische Kenntnisse (Herz = Mittelpunkt der Gefäße) begründete Lehre wurde verhängnisvoll für Physiologie und Pathologie, insofern nämlich die sizilische Schule dementsprechend -- im Gegensatz zu Alkmaion und den Koern -- den Sitz der Seele in das Herz verlegte und die Geisteskrankheiten als Affektionen des Herzens ansah. Ein bedeutender Rückschritt, der wie bei den Knidiern durch scheinbare Exaktheit verursacht wurde!

[13] ~Akron von Agrigent~ unterschied verschiedene Arten von Luftströmungen und zog aus ihrer Qualitätenmischung Schlüsse auf den Gesundheitszustand der Menschen. Damit im Zusammenhang steht es, daß er bei einer Seuche Feuer anzünden ließ, um die kalte und feuchte Luft trocken und warm zu machen. Vergl. hierzu die Seuchenbekämpfung durch Empedokles.

[14] In einzelnen Büchern des Corpus Hippocraticum (namentlich über die Winde, περὶ φυσῶν, und über die heilige Krankheit [Epilepsie], περὶ ἰερὴς νούσου) wird ebenfalls (beeinflußt von Diogenes von Apollonia) dem Pneuma die Hauptrolle zugeschrieben. -- Bedenkt man, daß, wie noch heute in der Volksmedizin, das Symptom der Blähungen (Aufstoßen und Flatus) als Abgang eines krankmachenden Stoffes aufgefaßt wurde (verschlagene Winde), so liegt es nahe, daß dem verdorbenen ~Pneuma~ auch in der Pathologie eine große Bedeutung eingeräumt wurde.

[15] In der Lehre vom Pneuma könnte man den ersten Keim der Wahrheit finden, daß der Sauerstoff eine Hauptrolle im Organismus spielt.

[16] Die gleiche Ansicht vertritt der Verfasser der hippokratischen Schrift „Ueber die alte Heilkunst“ (περὶ ἀρχαίης ἰητρικῆς).

[17] Nach koischer Anschauung gelangt das Pneuma zuerst in das Gehirn und wird von dort aus nach dem ganzen Körper verbreitet (περὶ ἰερὴς νούσου).

In der Krankheitslehre wurde dem ~Pneuma~ und den ~vier Elementen~ oder ~Elementarqualitäten~ gleiche Berücksichtigung zu teil. Solange die Bewegung des Pneuma (Atmung) ungestört vor sich geht, ist der Mensch gesund; wird sie gehindert, indem Schleim- oder Gallenanhäufung die Wege verlegt, so entstehen Krankheiten; neben äußeren Einflüssen (Verletzungen, Temperatur) oder Diätfehlern führt aber auch das Uebermaß oder der Mangel einer der Qualitäten (des Warmen, Feuchten u. s. w.) an sich, zur Erkrankung.

Hinsichtlich der Therapie wäre mit Anerkennung hervorzuheben, daß die sizilische Schule auf die ~Diät~ besonderes Gewicht legte -- eine Nachwirkung der Pythagoreer; ihre Koryphäen ~Akron und Philistion~ verfaßten eigene Werke über diesen Gegenstand, ja der letztere wurde von Galen sogar unter den vermutlichen Autoren der hippokratischen Schrift περὶ διαίτης aufgezählt.

Wir sind in unserer Darstellung mit der sizilischen Lehre zwar nicht über die Zeit, in der die „hippokratischen“ Schriften entstanden sind, hinausgeeilt, wohl aber über die Epoche des großen Hippokrates. Diese Ueberschreitung war nötig, weil es galt, die Grundlagen der „~hippokratischen~“ Schriften bloßzulegen, zu welchen aber neben koischen und knidischen nicht zum mindesten auch die Lehrmeinungen der sizilischen Schule gehören.

Anhangsweise seien noch einige, zur Zeit des Hippokrates lebende Aerzte erwähnt, welche keiner besonderen Schule zugerechnet werden. ~Meton~ von Athen, als Astronom bekannt, suchte die Medizin mit der Astronomie in Verbindung zu setzen. ~Bolos~ schrieb über die Heilkraft der Natur. ~Diagoras von Melos~, Gegner des Opiums, Erfinder eines Collyriums gegen chronischen Augenkatarrh, wurde wegen Atheismus mit Verbannung bestraft.

Die hippokratischen Schriften (Corpus Hippocraticum).

Die ehrwürdige ~hippokratische~ Schriftensammlung, welche als ältestes Denkmal der Glanzepoche hellenischer Heilkunst erhalten blieb, bezeichnet den Kreuzungspunkt aller früheren Richtungen und verknüpft in sich die vielverschlungenen Fäden, die einerseits zur grauen Vorzeit zurück, anderseits bis mitten in die Gegenwart hinein reichen.

~Die Tradition macht einen einzigen zu ihrem Urheber, Hippokrates, den unvergleichlichen Arzt von Kos~, der seinen Namen in Flammenzügen an die dunkle Wand der Jahrhunderte hinschrieb; ~vor dem Richterstuhl prüfender Kritik dagegen sind die „Werke des Hippokrates“ nichts anderes, als die bunt zusammengewürfelte Arbeit von Generationen~, das Geistesprodukt sehr verschiedenartiger Verfasser, deren Einzelstimmen nur der Zufall zu einem, nicht immer zusammenklingenden Chor vereinigt hat.

Wie es jetzt vorliegt, so wurde im wesentlichen das Corpus Hippocraticum im Anfang des 3. Jahrhunderts v. Chr. von einer Kommission alexandrinischer Gelehrter im Auftrag der bücherfreundlichen Ptolemäer zusammengestellt und redigiert[18]. Schon damals war man in Zweifel, welche Schriften dem großen Hippokrates mit Sicherheit zugesprochen werden können, und kaum war eines der Bücher frei von Veränderungen und Zusätzen geblieben. Bemüht, die echten Bücher in einer Sammlung zu vereinigen, anderseits aber auch bestrebt, möglichst wenig verloren gehen zu lassen, sichtete die Kommission zwar die große Zahl von anonymen Dokumenten, welche als angeblich hippokratisch durch Kaufleute aller Länder herbeigeschafft wurden, verfuhr aber dabei mit so wenig Kritik, daß neben Meisterwerken mit dem Stempel echt ärztlichen Geistes und schriftstellerischer Klassizität auch bloße Kompilationen und dürftige Auszüge oder Entwürfe, neben koischen auch Schriften anderer Schule, in das Corpus Hippocraticum aufgenommen wurden. Unter sich zeigen die einzelnen Schriften die größten Verschiedenheiten hinsichtlich des Dialekts, des Stils und der Darstellung, ja sogar hinsichtlich der theoretischen Grundanschauungen; neben vollkommen abgeschlossenen Abhandlungen stehen bloße Notizensammlungen oder Krankenjournale, neben Fachschriften auch phrasenhafte Sophistenreden, die sich an das große Publikum richten, und was den Ursprung anbelangt, so stammt ein nicht unbeträchtlicher Teil der Schriften gar nicht aus der koischen Schule oder entstand nicht einmal im Zeitalter des Hippokrates, sondern vor und nach seiner Schaffensperiode!

[18] Die Zahl der Bücher wird von den Autoren verschieden angegeben, je nachdem einzelne derselben als ganz selbständige Abhandlungen geführt oder nur als Fortsetzungen anderer angesehen werden; in diesem Sinne schwanken die Angaben zwischen 53 und 72. Aus gelegentlichen Bemerkungen in den vorhandenen Schriften und aus den Angaben der Alten ist zu ersehen, daß eine ganze Reihe von Abhandlungen schon im Altertum verloren gegangen ist; außerdem fehlen aber in der überkommenen Sammlung auch Schriften, welche noch im späteren Altertum bekannt waren. In den älteren Handschriften ist nur ein Teil des Corpus Hippocraticum enthalten. -- Unter den älteren Ausgaben der Werke des Hippokrates sind die wichtigsten: die Ausgabe von ~Cornarius~ (Basil. 1538), von •Anutius Foësius• (Francof. ad M. 1590 u. öfter), von Mercurialis (Venet. 1588), von van der Linden (Lugd. Batav. 1665) und von Chartier (Paris 1639-1679). In neuerer Zeit veranstalteten ~Kühn~ (Lips. 1825-1827) und der um die Hippokratesforschung ganz besonders verdiente ~Emile Littre~ (Paris 1839-1861) und Franz Zach. Ermerins (Traj. ad Rhen. 1859-1864), letztere beide kritische Ausgaben. Unter Benützung neuen handschriftlichen Materials lassen neuerdings Joh. Ilberg und H. Kühlewein eine neu revidierte Textausgabe erscheinen. Von den zahllosen Partialeditionen ist namentlich die Chirurgie d'Hippocrate par J. E. Pétrequin (Paris 1877) erwähnenswert. -- Ungemein zahlreiche Kommentare und viele Uebersetzungen der gesamten Werke oder einzelner Schriften wurden seit alter Zeit in den verschiedensten Sprachen verfaßt, sie besitzen großes literarhistorisches Interesse. Die älteren deutschen Uebersetzungen von Grimm, Lilienhain und Upmann sind durch die moderne Uebertragung von Robert Fuchs (Hippokrates, Sämtliche Werke, München 1895-1900) überholt worden.

Seit der Zeit der alexandrinischen Bibliothekare beschäftigen sich gelehrte Forscher mit der Frage, welche Schriften von Hippokrates selbst herrühren, welchen Verfassern oder wenigstens welcher Schule die „unechten“ Bücher zuzuschreiben sind. Da im ganzen Corpus Hippocraticum kein Autor genannt ist, gleichzeitige zuverlässige Zeugen für die Echtheit fehlen und die Kommentatoren des Altertums meist tendenziös verfuhren, indem sie ihre eigenen medizinischen Grundsätze durch angeblich „echte“ Schriften zu stützen suchten, so wird der subjektiven Kritik ein um so größerer Spielraum eingeräumt, als leider auch textkritische, etymologische und sogar reale (medizinische) Unterscheidungsmomente keine genügenden exakten Anhaltspunkte geben, oder doch sehr häufig versagen. Das Schlimmste liegt noch darin, daß gerade dasjenige, was wir der Schriftensammlung nicht entnehmen können, nämlich die persönlichen theoretischen Ansichten und Kenntnisse des Hippokrates selbst, einen ausschlaggebenden Faktor bei der Beurteilung bildet, weshalb die Kritiker unter der Voraussetzung der idealen Größe des koischen Arztes nur zu leicht der Versuchung unterliegen, dasjenige als echt hippokratisch anzusehen, was den temporären Vorstellungen von medizinischer Vollkommenheit entspricht. Trotzdem das Problem der Echtheit seit 2000 Jahren von einer Unzahl von Forschern mittels der verschiedenartigsten Kriterien angegangen wurde, konnte kaum in der Kritik der einen oder anderen Schrift volle Einigkeit erzielt werden, und wie sehr das Urteil schwankt, zeigt, daß die Zahl der „echten“ Schriften (von den 31, die der Kommentator Erotianos [zur Zeit Neros] anerkannte, oder von den 13, die noch Galenos anerkannte) schon auf zwei, ja auf Null herabgesunken war und sich in der neuesten Kritik kaum auf sechs erhoben hat. Dasselbe gilt für die Frage, wer die Autoren der unterschobenen Bücher sind. ~Als sicheres Ergebnis kann es nur angesehen werden, daß die „hippokratischen“ Schriften fast sämtlich vor Aristoteles verfaßt wurden und einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert umspannen, daß in ihnen die Grundsätze der koischen Schule zwar überwiegend, so doch nicht ausschließlich hervortreten, und daß nicht wenige Schriften von den Lehren oder Leistungen, namentlich der knidischen, aber auch der sizilischen Aerzte mehr oder minder beeinflußt sind.~

Dieses dürftige Resultat bezeichnet eine klaffende Lücke, welche sich zwar in der Literaturgeschichte sehr störend bemerkbar macht, aber für eine historische Betrachtung, welche mehr den Tatsachen, Ideen, der gesamten wissenschaftlichen Entwicklung als den Personen zugewendet ist, von wenig Belang ist. •War es doch das Corpus Hippocraticum in seiner Totalität, das die Wissensquelle für unzählige Aerzte bildete, Theorie und Praxis im Laufe zweier Jahrtausende beeinflußte und diese gewaltige Geistessumme von Ideen und Kenntnissen liegt, unbeschadet der Echtheitsfrage, klar vor uns.• Und entzieht sich auch die historische Person des Hippokrates unseren Blicken, die geistige Persönlichkeit, welche die medizinische Forschung von spekulativen Irrwegen abrief und ins Fahrwasser der nüchternen Beobachtung lenkte, die ärztliche Berufstätigkeit mit dem Gefühl der Standeswürde erfüllte, sie spricht, wenn auch nicht mit derselben Reinheit, aus allen, auch aus den minderwertigen Teilen der Schriftensammlung, gleich wie sich die Sonne auch im Tümpel spiegelt. Anders erscheint Sokrates in Platons Dialogen, anders in Xenophons Auffassung; so bergen auch die „hippokratischen“ Schriften bald mehr, bald weniger von echt hippokratischem Geiste, ganz unbeeinflußt von seinem Genius sind aber wohl nur wenige unter ihnen. Ohne daher auf die Feinheiten philologischer Kritik einzugehen, wollen wir zunächst von den Schriften der hippokratischen Sammlung Kenntnis nehmen, hierauf untersuchen, worin der tiefere Wesenszug des Hippokratismus besteht und schließlich den materiellen Inhalt der „hippokratischen Schriften“ in summarischer Uebersicht betrachten.

Schriften allgemeinen Inhalts.

1. ~Ὅρκος.~ ~Jusjurandum~ = ~Eid.~ Eidesformel der Schüler. Wahrscheinlich von der koischen Schule überkommenes Asklepiadenstatut, das später dem berühmtesten aller Aerzte, Hippokrates, zugeschrieben wurde.

2. ~Νόμος.~ ~Lex~ = ~Das Gesetz.~ Behandelt die zur Erlernung der Medizin nötigen Anlagen und Kenntnisse.

3. ~περὶ τέχνης.~ ~de arte~ = ~Die Kunst.~ Verteidigung der ärztlichen Kunst gegen ihre Widersacher.