Geschichte der Medizin. I. Band
Part 14
Das Gefäßsystem besteht aus 12 Hauptadern (king), von diesen enthalten 6 den positiven Urstoff (yang), 6 andere den negativen Urstoff (yin); teils beginnen, teils enden sie an den Händen oder Füßen. Vervollständigt werden die 12 Adern noch durch 2 Hauptsammelkanäle, von denen der eine, an der Rückseite des Körpers verlaufend, den positiven, der andere, an der Vorderseite verlaufend, den negativen Urstoff führt. Die 14 Adern haben 23 Aeste; außerdem werden noch eine Reihe anderer kleiner Gefäße beschrieben.
Interessant ist es, daß die chinesische Physiologie eine Zirkulation des Blutes und der Lebensluft annimmt, und behauptet, daß in 24 Stunden 50 Umläufe stattfinden, während eines Atemzuges legen Luft und Blut 6 Zoll zurück. Die Bewegung äußert sich im Puls, welcher in 24 Stunden 54000-67000mal schlage.
~Die 5 Elemente sind im menschlichen Körper durch 5 Hauptorgane (Eingeweide) repräsentiert, denen 5 andere (Hohlorgane, „Kammern“) als Gehilfen (Brüder) zur Seite stehen resp. eine verwandte Funktion besitzen.~ Dem Holz entspricht der Qualität nach -- die Leber; dem Feuer -- das Herz; der Erde -- die Milz; dem Metall -- die Lungen; dem Wasser -- die Nieren. Die Leber hat zum Gehilfen die Gallenblase, und beide dienen zur Filtration der Säfte; das Herz empfängt den Chylus und verwandelt ihn in Blut, sein Gehilfe, der Dünndarm, verwandelt die Nahrung in Chylus; Milz und Magen besorgen die Verdauung; die Lunge läßt das Blut laufen und reinigt es vom Schleim, ihr Gehilfe, der Dickdarm, hat die Aufgabe, die groben und unreinen Stoffe zu entleeren; die Niere mit dem Ureter teilt sich in die Sekretion des Harns, der in die Blase gelangt. Im besonderen wird der rechten Niere, der „Pforte des Lebens“, die Rolle zugewiesen, den Samen zu bilden (Sitz der Kraft), während die Leber als Sitz der Seele, die Galle als Sitz des Mutes gilt, und die Lungen die Stimmung regulieren sollen.
Gemäß der Elementarbeschaffenheit läßt die chinesische Physiologie jedes der 5 Hauptorgane mit einer kosmisch-tellurischen Erscheinung (Gestirn, Himmelsgegend, Luftart, Jahres-, Tageszeit etc.), und ebenso mit einem der 5 Töne, Gerüche, mit einer der 5 Farben, Geschmacksarten u. s. w., korrespondieren; außerdem beeinflußt jedes Organ neben der Hauptfunktion noch ein entferntes Körpergebiet (z. B. einen bestimmten Gesichtsteil, eine bestimmte Gewebsart) und steht zu anderen Organen im Verhältnis der Sympathie oder Antipathie (Deszendenz, Freundschaft, Feindschaft). ~Das wichtigste Charakteristikum findet es aber in einer nur ihm eigentümlichen Pulsgattung.~ Diese bis ins Maßlose gezogenen Analogien sind nach chinesischer Anschauung auch von größter praktischer Bedeutung, weil sich jede krankhafte Störung durch eine Abweichung von dem als Norm geltenden Korrespondenzsystem bemerkbar macht.
~Die Diagnostik und Prognostik~ legt relativ wenig Wert auf die Anamnese und basiert vorwiegend auf sorgfältiger objektiver Untersuchung des ganzen Körpers; jedoch handelt es sich -- obwohl einzelne erfahrungsgemäß erworbene gute Beobachtungen unterlaufen -- hauptsächlich um allerlei ausgeklügelte Subtilitäten, die den Irrgängen der mystischen Korrespondenzlehre entstammen. Der chinesische Arzt nimmt Kenntnis vom Habitus und Allgemeinbefinden, von der Gemütsbeschaffenheit, von den Geruch- und Geschmacksempfindungen, ja sogar von der Appetitrichtung und den Träumen des Patienten, er verfolgt die Atmung und die Schalläußerungen (Stimme, Weinen, Lachen, Seufzen etc.), er prüft die Temperatur (durch Palpation) und die Art der Ausscheidungen (Menge, Farbe, Konsistenz des Nasenschleims, Sputums, Harns, der Fäces), er achtet auf die Farbe gewisser Venen und läßt selbst die Beschaffenheit der Behaarung nicht aus dem Auge. All dies, wobei auf die Uebereinstimmung oder Dissonanz der Zeichen, sowie auf den Einfluß der Atmosphäre, der Jahreszeit, Tagesstunde u. s. w. Rücksicht genommen wird, bildet aber nur die Ergänzung der Untersuchungsergebnisse, welche durch ~die beiden wichtigsten diagnostischen Methoden~ gewonnen werden, durch ~die Prüfung des Pulses und die Inspektion des Gesichtes und der Zunge~.
Die chinesische Pulslehre ist ungemein kompliziert und erfordert in der Praxis ein äußerst umständliches Verfahren, das schon im einfachsten Falle 10 Minuten, bisweilen aber selbst einige Stunden in Anspruch nimmt.
Man kennt 11 Stellen, an denen der Puls gefühlt werden kann, jede derselben hat ihren eigenen Namen.
Gewöhnlich wird die Betastung an der Radialis vorgenommen und zwar in der Weise, daß man zuerst den Mittelfinger auf das Köpfchen des Radius, sodann neben ihn den Zeige- und Ringfinger anlegt, während der Daumen sich auf das Dorsum des Carpus stützt. Die Untersuchung findet auf beiden Seiten statt, wobei der Arzt mit seiner rechten Hand die linke Radialis, mit seiner linken die rechte prüft. Die jederseits ermittelten 3 Stellen werden als 3 Pulse aufgefaßt und mit den Namen „Zoll“, ~tsuen~, „Engpaß“, ~kouan~, und „Schuh“, ~tché~, bezeichnet, von denen der erste unter dem Ringfinger, der zweite unter dem Mittelfinger, der dritte unter dem Zeigefinger fühlbar ist. Auf beiden Seiten untersucht, ergeben sich somit 6 Pulse, von denen jeder einzelne mit einem bestimmten Organe korrespondiert und dessen normalen oder pathologischen Zustand verrät. So entspricht z. B. der „Engpaß“, kouan, rechts palpiert dem Magen und der Milz, links der Leber und Gallenblase. Jeder Puls muß 3mal für sich allein, zuerst mit schwachem, dann mittlerem, endlich starkem Drucke während der Dauer von 9 Atemzügen untersucht werden, wobei auf Qualität, Frequenz und etwaige Intermissionen zu achten ist. Die Zahl der Pulsvarietäten ist eine kaum übersehbare.
Da nach der chinesischen Sphygmologie jedes Organ neben seinem natürlichen noch einen entgegengesetzten, mit den Jahreszeiten wechselnden Puls besitzt, die Pulse schon unter normalen Verhältnissen je nach dem Einfluß der Gestirne, Jahres- und Tageszeiten, je nach Alter, Konstitution und Geschlecht differieren, in krankhaften Zuständen aber störend ineinander eingreifen, so kommt bei der verwirrenden Fülle von Kombinationen eine Unzahl von Varietäten zu stande, deren -- uns illusorisch erscheinende -- Kenntnis ein stupendes Gedächtnis, einen erstaunlichen Tastsinn voraussetzt. Eine Vorstellung davon gibt schon die ~eine~ Tatsache, daß nicht weniger als 51 Haupttypen, nämlich 7 „äußere“ Pulse (entsprechend dem positiven Urprinzip), 8 innere (entsprechend dem negativen Urprinzip), 9 „Weg“-Pulse (entsprechend den großen Kommunikationskanälen) und 27 Pulse, welche letalen Ausgang anzeigen, die elementare Grundlage der Untersuchung bilden.
Bezüglich der Frequenz wäre zu erwähnen, daß 4-5 Schläge während eines Atemzuges als normal gelten, 3 Schläge deuten auf eine, durch das Vorwalten des weiblichen Prinzips (Kälte), 6-7 Schläge auf eine, durch das Vorwalten des männlichen Prinzips (Hitze) entstandene Krankheit, 1-2 oder 8-9 Pulse geben eine letale Prognose. Was den aussetzenden Puls anlangt, so ist ein einmaliges Aussetzen nach 50 Schlägen mit der Gesundheit vereinbar, ein Aussetzen nach 40, 30, 20, 10 Schlägen weist darauf hin, daß 1, 2, 3, 4 Eingeweide ohne Lebensluft sind und der Tod binnen 4, 3, 2, 1 Jahr erfolgen wird.
Die Pulslehre ist übrigens von den einzelnen Autoren verschiedenartig bearbeitet worden und sogar hinsichtlich der vermeintlichen Beziehungen der Organe zu den drei Handgelenkspulsen links und rechts herrschen bedeutende Differenzen in den Angaben.
~Aus dem Pulse allein glaubt man die Art und den Sitz der Krankheit diagnostizieren zu können.~ Nach einem beliebten Gleichnis stellt der menschliche Körper ein Saiteninstrument dar, dessen einzelne Teile ihre bestimmte Klangfarbe (Organpulse) besitzen und dessen Töne (Pulse) die Harmonie (Gesundheit) oder Disharmonie (Krankheit) zum Ausdruck bringen.
Mit der Pulsuntersuchung wetteifert an Bedeutung die Inspektion des Gesichtes und der Zunge, wobei vornehmlich auf die ~Farbe~ geachtet wird. Die Glossosemiotik verfügt über 37 Typen.
Wie aus folgender Tabelle hervorgeht, entspricht jedem der Organe eine bestimmte Farbe, wobei das zugrundeliegende Element wohl den Ausschlag gibt. Im menschlichen Körper entstehen die Farben durch die in die Eingeweide eindringende Luft. Für diagnostische Zwecke wird es verwertet, daß die Organfarben aufsteigend auf dem Antlitz erscheinen. Bei krankhaften Störungen zeigt die prävalierende Farbe den Sitz der Krankheit an. Die Prognose richtet sich danach, ob der dominierende Organpuls mit der dominierenden Farbe im Einklang ist oder nicht. Im ersteren Falle steht die Prognose günstig, im letzteren hängt es davon ab, ob die Farbe einem freundlichen oder feindlichen Organ entspricht. Vergl. die Tabelle zu folgendem Beispiel: Es sei der dominierende Puls der Milzpuls, die vorherrschende Farbe gelb -- Prognose günstig. Wird die Farbe rot oder schwarz, so besteht keine große Gefahr, denn dies bedeutet, daß das Herz oder die Niere prävaliert, d. h. die „Mutter“ oder der „Freund“ der Milz; wird die Farbe aber weiß oder grün, so ist die Prognose letal, denn dies bedeutet, daß Lunge oder Leber, der „Sohn“ oder der „Feind“, die Oberherrschaft erlangt hat. Das Eintreten der „Mutter“ (also hier des Herzens für die Milz) gilt nämlich als natürlicher Vorgang, hingegen das Prävalieren des „Sohnes“ (also hier der Lunge) als widernatürliches Vorkommnis. Bezüglich der Erklärung der „Freundschaft“ und „Feindschaft“ der Organe vergl. S. 97. Die Inspektion der Farbe erfolgt hauptsächlich in jenem Teil des Kopfes und Gesichts, welcher mit dem betreffenden Organ in Korrespondenz steht. Ein solcher ist z. B. für das Herz -- die Zunge. Beobachtet man also bei einer Erkrankung des Herzens, daß die normalerweise rote Zunge schwarz wird (Farbe der Niere), so bedeutet dies, daß die Niere, d. h. der Feind des Herzens, die Oberhand erlangt hat, weshalb die Prognose auf Destruktion des Herzens, also letal zu stellen ist.
~Krankheit ist eine Disharmonie, eine Gleichgewichtsstörung~, bedingt durch das Vorherrschen des männlichen oder weiblichen Urprinzips (der Stärke oder Schwäche, Hitze oder Kälte, Trockenheit oder Feuchtigkeit). Sie äußert sich in Störungen der Zirkulation der Lebensluft und des Blutes, worunter die Organe leiden.
Eine Folge ist das ~Mißverhältnis der Elemente~, so z. B. entsteht Schiefwerden des Mundes durch fehlerhaften Ueberschuß des Holzinhalts über den Metallinhalt, wodurch die Muskeln sich zusammenziehen.
Das Verständnis der chinesischen Physiologie und Diagnostik wird durch folgende Uebersichtstabelle wesentlich erleichtert.
+=+=+=+=+=+=+ ǁ •Element• | •Holz• | •Feuer• | •Erde• |•Metall•| •Wasser• ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁPlanet |Jupiter |Mars |Saturn |Venus |Merkur ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁHimmelsrichtung|Osten |Süden |Mitte |Westen |Norden ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁAtmosphäre |Wind |Hitze |Feuchtigkeit |Dürre |Kälte ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁJahreszeit |Frühling|Sommer |Die letzten |Herbst |Winter ǁ ǁ | | |18 Tage | | ǁ ǁ | | |jeder | | ǁ ǁ | | |Jahreszeit | | ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁTageszeit |Morgen |Mittag |Die |Abend |Nacht ǁ ǁ | | |Zwischenzeiten| | ǁ +=+=+=+=+=+=+ ǁ •Hauptorgan• |•Leber• | •Herz• | •Milz• |•Lunge• | •Niere• ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁBeherrschendes |Niere |Leber |Herz |Milz |Lunge ǁ ǁOrgan Mutter | | | | | ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁAbhängiges |Herz |Milz |Lunge |Niere |Leber ǁ ǁOrgan Sohn | | | | | ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁGehilfe |Gallen- |Dünndarm |Magen |Dickdarm|Ureter undǁ ǁ(Bruder) | blase | | | |Harnblase ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁHat zum Freund |Milz |Leber |Niere |Leber |Herz ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ +=+=+=+=+=+=+ ǁHat zum Feind |Lunge |Niere |Leber |Herz |Milz ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁEinflußsphäre |Sehnen |Palma |Fleisch |Haut |Knochen ǁ ǁ |Gefäße |Stirne |Arm |Haare |Zähne ǁ ǁ |Nägel |Zunge |Bein |Schul- |Bart ǁ ǁ |Augen | |Mund |tern |Ohr ǁ ǁ | | | |Nase | ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁKorrespondie- |Augen |Zunge |Lippen |Nase |Ohr ǁ ǁrender | | | | | ǁ ǁGesichtsteil | | | | | ǁ +=+=+=+=+=+=+ ǁ•Korrespondie-•| •grün• | •rot• | •gelb• | •weiß• |•schwarz• ǁ ǁ•rende Farbe• | | | | | ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁPuls |Kouān |Tsuén |Kouān |Tsuén |Tché ǁ ǁ |links |links |rechts |rechts |beider- ǁ ǁ | | | | |seits ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁAbhängig |Farben |Gerüche |Geschmacks- |Töne und|Fluida ǁ ǁ | | |arten |Stimme | ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁSchalläuße- |Seufzer |Lachen |Singen |Weinen |Schluchzenǁ ǁrungen | | | | | ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁSekrete |Tränen |Schweiß |Speichel |Schleim |Harn ǁ ǁ | | | |Sputum | ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁGeschmack |sauer |bitter |süß |scharf |salzig ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁGeruch |ranzig |brenzlig |wohl- |nach |nach ǁ ǁ | | |riechend |frischem|faulem ǁ ǁ | | | |Fleisch |Fleisch ǁ +---------------+--------+---------+--------------+--------+----------+ ǁAppetit auf |Hirse |Reis |Hülsen- |Lein- |Weizen ǁ ǁ |Hammel- |Pferde- |früchte |samen |Rind- ǁ ǁ |fleisch |fleisch |Schweine- |Geflügel|fleisch ǁ ǁ | | |fleisch | | ǁ +=+=+=+=+=+=+
~Die Pathologie~ betrachtet Wind, Kälte, Trockenheit, Feuchtigkeit, Affekte und Leidenschaften, ~Gifte~, aber auch böse Geister und imaginäre Tiere (Fuchssagen!) als Krankheitsursachen. Die Klassifikation ist nach verschiedenen Gesichtspunkten durchgeführt (z. B. je nach dem Pulse), am rationellsten ist die Einteilung in innere und äußere Affektionen oder nach den Körperregionen oder nach den Organen. Da die einzelnen Typen nur (oft vagen) Symptomenkomplexen entsprechen, und bei der oberflächlichen Beschreibung ganz verschiedenartige Prozesse zusammengeworfen werden, kann es nicht wundernehmen, daß die chinesische Pedanterie eine Menge von Unterarten, z. B. von der Dysenterie 14 Formen, unterscheidet. Immerhin finden sich in der Literatur vortreffliche Beschreibungen, besonders der Infektionskrankheiten.
Das am meisten ausgebaute Gebiet der chinesischen Medizin -- die ~Therapie~, verfügt über nicht wenige Hilfsmittel, ja der gewaltige Arzneischatz überragt an Menge den jedes anderen Volkes. Die Ueberzeugung, daß in der Natur ein Heilmittel für jedes Leiden vorhanden sein müsse, das wirksam sei, wofern nicht das menschliche Schicksal es verwehre, führte dahin, alle erdenklichen Substanzen, sowohl pflanzlicher als tierischer, in geringerem Ausmaß auch mineralischer Art, zu erproben. Mag die jahrtausendalte emsige Empirie neben wirklich heilkräftigen einen Wust von nutzlosen Dingen aufgespeichert haben, vieles bedarf noch der Nachprüfung, um richtig bewertet werden zu können, und als sicher ist anzunehmen, daß eine solche Nachprüfung für die Weltmedizin von Nutzen sein wird. Nicht gar so gering ist die Zahl jener Arzneistoffe, in deren Verwendung bei gleicher Indikation die europäische Medizin mit der chinesischen übereinstimmt; zu diesen gehören z. B. Rhabarber, Granatwurzel (gegen Würmer), Kampfer, Akonit, Cannabis, Eisen (gegen Blutarmut), Arsenik (gegen Malaria und Hautleiden), Quecksilber (gegen Hautkrankheiten), Schwefel (gegen Hautleiden), Natrium- und Kupfersulfat (Brechmittel), Alaun, Salmiak, Moschus (Nervenmittel).
Den Rhabarber dankt die Heilkunde des Westens unzweifelhaft der chinesischen, er wurde durch den zentralasiatischen Handel zugeführt. Abgesehen vom Opium, nahm die chinesische Pharmakopöe nur die sehr geschätzte ~Asa foetida~, Muskatnüsse, Zimt und Pfeffer vom Ausland auf.
Das höchste Ansehen von allen Arzneisubstanzen genießt die ~Ginsengwurzel~ (Panax Ginseng Nees), welche wegen ihrer tonikoexzitierenden Wirkung geradezu als Panacee betrachtet und mit dem dreifachen Gewichte Goldes aufgewogen wird.
Der Name Ginseng bedeutet menschliche Kraft oder Weltwunder. Es gibt eine Menge von Ginsengpräparaten, die gewöhnlich mit Zusatz von Ingwer etc. verabreicht werden. Beim Einsammeln müssen eine Reihe von Vorschriften eingehalten werden, die teils der Erfahrung, teils dem Aberglauben entspringen. Dasselbe ist übrigens bei den meisten pflanzlichen Mitteln der Fall, da nach verbreiteter Ansicht ihre Wirksamkeit den Einflüssen des Bodens, der Sammelzeit (Jahreszeit und Tagesstunde), der Art und Weise des Trocknens (in der Sonne oder im Schatten) unterliegt. Ueber die wunderbaren Heilwirkungen der Ginsengwurzel (z. B. als Verjüngungsmittel) existiert eine ganze Literatur.
Besonderer Beliebtheit erfreuen sich auch, wie aus den Rezeptformeln hervorgeht, Pachyderma cocos, Magnolia hypoleuca, Auszug von Minzblättern (po-hô), Arumknollen, Radix Tang-kui (gegen Dysmennorrhöe), Süßholz, Bärengalle, veraschtes Haar, Realgar, Zinnober u. a. Der Zinnober, welcher in der chinesischen Alchemie die Rolle des Steins der Weisen spielte, dient zur Bereitung merkurieller Präparate und wird für die Räucherungstherapie der Syphilis benützt (man steckt eine mit Zinnober gefüllte Papierrolle in ein Nasenloch, brennt dieselbe an und läßt die Quecksilberdämpfe einatmen). Wie bei uns, ist die merkurielle Behandlung der Syphilis seit Jahrhunderten in China üblich, doch wird sie milder gehandhabt (statt mit grauer Salbe Einreibungen mit roter Quecksilberoxydsalbe; innerlich Kalomel, Sublimat, gemischt mit Kalksulfat), auch bildet sie nicht die einzige Behandlungsmethode (unter anderem werden als innere Mittel Smilax, Perlen- und Perlmutterpulver verwendet). Einer Menge von Stoffen wird eine erwärmende, kühlende, zerteilende oder blutverbessernde Wirkung beigemessen, zahlreich sind die Purgativa, Emetika, Expektorantia, und neben ihnen kommen schweiß- und harntreibende Medikamente in Betracht. Außerdem besitzt die chinesische Medizin sehr viele Emenagoga, Galaktogoga, Abortiva und Aphrodisiaka, welch letztere den Hauptbestandteil der außerordentlich verbreiteten und öffentlich angepriesenen Geheimmittel ausmachen.
Die Lehre von den Arzneimitteln ist namentlich in den zumeist illustrierten Kräuterbüchern niedergelegt, von denen das älteste, wie schon erwähnt, von dem sagenhaften Schin-nung herrühren soll. Zweifellos ist die reiche Erfahrung vieler Generationen auf diesen mythischen Urheber zurückgeführt. Ein mehrere Jahrhunderte v. Chr. verfaßtes Wörterbuch über Kräuterkunde, Rha ya, enthält zur Hälfte naturgeschichtliche Tatsachen. Von den 40 Bänden des bewährten „Führers zur ärztlichen Praxis“, ~Ching-che-chun-ching~, behandeln acht die Pharmakologie (Luy-fang). Als maßgebendstes Werk aber wird jenes betrachtet, welches der Stadtpräfekt Li-schi-tschin um die Mitte des 16. Jahrhunderts n. Chr. unter dem Titel Pen-tsao-kang-mu abzufassen begann. Dieses aus 52 Bänden bestehende Monumentalwerk beruht auf Exzerpten aus der vorausgehenden Literatur und beschreibt über 1800 vorwiegend pflanzliche Heilstoffe hinsichtlich des Fundorts, der Zubereitung, Aufbewahrung, Anwendungs- und Wirkungsweise.
Eine der merkwürdigsten Eigentümlichkeiten der chinesischen Arzneikunst liegt in ihrem Reichtum an Substanzen ~animalischen~ Ursprungs. Mystizismus, doch auch das unklare Vorgefühl jener Ideen, die bei uns in neuerer Zeit zur organotherapeutischen geleitet haben, bilden höchstwahrscheinlich das Leitmotiv, wenn z. B. Präparate aus der Leber, Lunge, Niere verschiedener Tiere gegen Leber- bezw. Lungen- und Nierenleiden verordnet werden, oder wenn man z. B. den Samen junger Männer oder Nervensubstanzen von Tieren gegen Schwächezustände, Hühnermagen gegen Magenleiden, Hoden verschiedener Tiere gegen Impotenz, Placenta zur Erleichterung der Geburt u. s. w. anwendet. Neben Substanzen solcher Art finden sich -- ähnlich wie in der Pharmakopöe anderer Völker und in der europäischen Medizin verflossener Jahrhunderte -- ganz absonderliche und widerwärtige Dinge (Auswurfstoffe).
Aus der Tierwelt werden unter vielem anderen verwendet: Eidechsen, Kröten, Salamander, Schlangen, Schildkröten, Skorpione, Regenwürmer, Blutegel, Seidenraupen, Tausendfüßer; Haut, Fleisch, Fett, Blut, Milch, Galle, Eingeweide, Exkremente, Knochen, Zähne etc. verschiedener Tiere. So benützt man pulverisierte Tiger- und Elefantenknochen gegen Abmagerung, Elefantenzähne gegen Epilepsie, Fischotterleber gegen Anämie, gepulverte Tieraugen mit Frauenmilch gegen Augenentzündungen, die Spitzen der Hirschhörner gegen Schwächezustände, Darmkonkremente von Antilopen als Expektorantia, Bärengalle als Purgans u. s. w.
Auch der Mensch selbst wird als Heilkörper herangezogen: die Milch junger Frauen als Verjüngungsmittel, die Placenta gegen Chlorose, der Harn 3-4jähriger Kinder gegen Ohnmachten, menschliche Exkremente, Abortreste u. s. w. Das Volk schreibt dem ~Blute Enthaupteter~ eine besonders kräftigende Wirkung zu.