Geschichte der Ilchane, das ist der Mongolen in Persien

Chapter 5

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Ehe wir von Tschengischan zur Geschichte seiner Nachfolger, Herrscher der Mongolen, übergehen, nur noch ein Paar Worte über den Charakter und die Sitten des Volkes. Die beste und kürzeste Schilderung derselben liegt im Namen _Mongol_ selbst, sei es, dass derselbe, wie die persischen Quellen sagen, _trübe_ und _traurig_, sei es, dass er, wie ein mongolischer Geschichtschreiber behauptet, _trotzig_ und _unerschrocken_ bedeute. Es hat mit dem Namen der Mongolen dieselbe Bewandtniss, wie mit dem der Slaven, welchen die Fremden von _Slavo_: schwach und feige, die Eingebornen von _Slaba_: Ruhm und Glanz, abgeleitet haben; wie dem auch sei, der Charakter der Mongolen entspricht der doppelten Angabe der Bedeutung ihres Namens, sie sind eben so ein trübes und trauriges, als trotziges und unerschrockenes Volk. Die Traurigkeit und Schwermuth spricht sich schon in den Klaggesängen, welche vom mongolischen Geschichtschreiber Ssetsen aus der ältesten Zeit her erhalten sind, in der wehmüthigen Sehnsucht nach den Ufern des Onon und Kerulon, sowie in den Volksliedern der heutigen Mongolen aus; ihre Tapferkeit hat sich Asien unterworfen und Europa zittern gemacht, ein trauriges barbarisches Volk, das erst Tschengischan durch das Beil und die Prügel gesittigt, und das durch Raubsucht und angeborenen Sklavensinn das tüchtigste Werkzeug zur Welteroberung; »sie hatten das Herz des _Löwen_, die Geduld der _Hunde_, die Behutsamkeit des _Kranichs_, die List des _Fuchses_, die Vorsicht des _Raben_, die Raubsucht des _Wolfes_, die Heftigkeit der _Hahnen_, für Familie sorgend wie _Hühner_, die Ruhe der _Katzen_, die Heftigkeit im Anfall vom _Schweine_«, welche Eigenschaften der Morgenländer dem vollkommenen Krieger insgemein beilegt[78]; man könnte aber auch sagen, dass sie alle Eigenschaften der zwölf Thiere ihres Jahrescyclus in sich vereinten, dass sie diebisch wie _Mäuse_, stark wie _Stiere_, raubsüchtig wie _Panther_, vorsichtig wie _Hasen_, listig wie _Schlangen_, schrecklich wie _Drachen_, muthige Renner wie _Pferde_, folgsam wie _Schafe_, kinderliebend wie _Affen_, familiensorgsam wie _Hühner_, treu wie _Hunde_, unrein wie _Schweine_; der Cyclus ihres Jahres war das Sinnbild ihres sittlichen Gesichtskreises. Mittler Statur, breit von Schultern, stark vom Rücken, hervorragender Brust und eingezogenen Bauchs, von grauen und braunen Augen, die aus schiefen Winkeln hervorglotzen, von breiten olivenfarbenen Wangen, Stumpfnasen, dicken Lippen, spärlichen Barthaaren, aber wucherndem Haarwuchse auf dem Kopfe, dessen Vordertheil vom Scheitel bis zu den Ohren hufeisenförmig geschoren; leicht, flink, mit ihren Pferden wie Centauren zusammengewachsen; gewandte Bogenschützen, wie einst die Parther, nie gefährlicher als im Fliehen, mit Kampf und Beute gesättigt noch immer nach Kampf und Beute durstend, undankbar, schmutzig, grob, raubsüchtig, grausam, aber leibeigen, wahrheitsliebend, prunkhassend, tapfer und blindlings gehorsam, Niemand war ihnen Freund, aber sie hassten der Denuncianten scheussliche Brut. Ihre Nahrung: Hirse, Haiden und Fleisch von allen Arten, am liebsten das des Pferdes, aber auch Mäuse, Hunde, Katzen und sogar gebratenes Menschenfleisch; das Fett leckten sie von den Fingern und schmierten damit ihre Stiefel. Ihr liebstes Getränke: Stutenmilch sammt dem daraus gezogenen, gegohrnen, berauschenden _Kumis_ und _Meth_; ihre Kleider aus Thierfellen genäht, ihre Waffen aus Eisen geschmiedet, ihre Kopfbedeckung eine dreieckige, am Rande verbrämte Mütze, der sogenannte tatarische Hut, die der Frauen eine ellenhohe Pyramide aus leichtem Holz, deren Obertheil mit Pfauenfedern und Juwelen geschmückt, mit einem Flore bedeckt, welcher _Baghtak_ hiess, woraus die Missionäre _Botta_, die Venezianer _Bauta_ gemacht. Die Weiber, deren grösste Schönheit die kleinste Nase, wie bei den Chinesen der kleinste Fuss, bereiteten den _Kumis_ und die getrocknete sauere Milch, welche _Kurut_[79] hiess; sie verfertigten alle Arten der Hausgeräthe, Kleider, Zelte, Reitzeug, Schilde, Schuhe, Socken, Betten, die vermählten mit weissem, bis auf die Brust reichenden Schleier verhüllt, ihre ledernen aufgeschlagenen Oberkleider hielt ein Gürtel um die Brust zusammen. Die Frauen, deren Zahl nur durch die Lust des Mannes oder durch seine Mittel, sie zu erhalten, beschränkt war, genossen grossen Ansehens und Einflusses, besonders die Mütter und die Stiefmütter, deren der Sohn nach des Vaters Tod gewöhnlich sich einige als Gemahlinnen aneignete. Sie glaubten, dass der Mann in jenem Leben seine Weiber wieder finde, aber damit der Herrscher bis zu ihrem Hinscheiden im anderen Leben nicht langweile, sandten sie ihm seine Beischläferinnen, dieselben schlachtend, ins Grab nach.

[Randnote: Aberglaube und Gebräuche.]

Von dem Aberglauben ist bereits des das Donnerwetter betreffenden erwähnt worden; wie sie glaubten, dass die _Kamen_ es beschwören könnten, so auch, dass es in ihrer Macht stände, mittels des Regensteines, _Dschade_ (welcher schon von Japhet her vererbt war), Regen zu machen, und die _Dschededschi_, d. i. die Regenmacher, vertraten bei dem mongolischen Heere die Stelle der Auguren des römischen. Zauberei wurde geübt, weil geglaubt, und war, wenn die Person des Herrschers mit ins Spiel kam, Majestätsverbrechen. Um sich wider die Wehen der Zauberei zu bewahren, mussten die zu Reinigenden zwischen zwei Feuern durchgehen, die polnischen und russischen Gesandten und die des Papstes im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, wie schon fünf und sechs Jahrhunderte früher der byzantinische Gesandte Zemarchos am Hofe des Königs der Türken durchs Feuer gereinigt ward.[80] Ihre Wahrsager wahrsagten besonders aus den Schulterblättern der Schafe; sie schwuren bei dem Blute geschlachteter Thiere, bei der in den Strom gestampften Erde, bei den abgehauenen Bäumen, bei dem Fleisch und Blut ihrer Herrscher, aber nicht im Namen Gottes. Ehe die Lehrer des Budhismus und des Islams die Mongolen bekehrten, verehrten sie ein höchstes Wesen, von Marco Polo _Natagai_, von Ssetsen _Hormusda_ genannt; das letzte ist gewiss der Hormusd der Maghen, das erste vielleicht nur die Verstümmelung des türkischen Wortes _Onggan_, d. i. Gott. Sie beteten die Sonne und Sterne sammt den Elementen an, und weihten diesen ihren Göttern, ehe sie assen, Speise und Trank. Bei dem Gebete wurden die Gürtel gelöst und über die Schulter geworfen, wie Tschengischan gethan, als er in der Nacht hinaus ging auf den Berg, um den Beistand des Himmels zu erflehen wider den Herrscher des himmlischen Reichs auf Erden. Einer der grössten Lobsprüche, welche ihm die Geschichte zollen muss, ist seine Duldung gegen alle Religionen. Uighurische Kamen und chinesische Bonzen hielten vor ihm Controverse, die Budhapriester erhielten die Erlaubniss, ihre Burhanenbilder aufzustellen, aber die Kamen blieben in nicht minderem Ansehen; neben ihnen wurden die Priester aller anderen Religionen, namentlich die _Arghaun_, d. i. die Christlichen, der Nestorianer geduldet. Zu Bochara war Tschengischan zwar in die Moschee geritten, stieg aber, als er hörte, das sei Gottes Haus, vom Pferde auf die Kanzel und ertheilte die Befugniss der allgemeinen Plünderung mit den Worten: Das Feld ist gemäht, gebt euren Pferden zu fressen, worauf die Korane unter die Hufe der Pferde getreten wurden und der Wein die Flur der Moschee überschwemmte, während die Imame oder Scheiche als Stallknechte die Pferde warten mussten; aber hingegen hatte er in der kleinen Bucharei, wo Kuschluk der Naimane den Islam unterdrückt, die freie Ausübung desselben gestattet. Diese allgemeine Duldung blieb Herrscherprincip der _Kaane_ und auch der persischen, und selbst noch zum Theile nach ihrer Bekehrung zum Islam. Ausser dem grossen Schmiedefest am neuen Jahrestag wurde alljährlich auch das des Geburtstages des Chan's, sowie die Thronbesteigung desselben mit Trinkgelagen gefeiert. Bei diesen Gelagen gab einer der Diener das Zeichen, indem er _Ha!_ schrie, zum Beginne der Musik; der Cythernspieler begann sein Spiel, die Männer tanzten vor dem Herrn, die Weiber vor der Frau des Hauses, Alle in die Hände klatschend. Nachdem der Hausherr getrunken, schrie der Diener wieder _Ha!_, der Cythernspieler verstummte, und nun tranken alle Gäste unter Gesang, der aber mehr ein Geheul.[81] Bei diesen Trinkgelagen wurden die Preise der Tapferkeit [_Ulisch_[82]] vertheilt, und dieselben leben noch zum Theil in den kalmukischen _Uerrus_ fort.[83] Das Seitenspiel zu diesem _Ha_rufe ist das Zetergeschrei von _Morio_ als _Mordio_, das sie während des Pferderennens oder Pfeilschiessens erhoben[84], indem sie die Hände ausstreckten. Im Kriege vermieden sie so viel als möglich das Gefecht von Mann zu Mann und suchten nur im Fliehen zu verwunden oder zu tödten; den Belagerten sicherten sie Schonung des Lebens und Eigenthums zu, hielten aber fast niemals Wort; die Besatzungen metzelten sie alle nieder und schonten manchmal nur der Künstler und Handwerker, die sie in die Sklaverei mit sich schleppten. Bei der Todtenzählung nach Schlachten oder Gefangnengemetzel wurde nach jedem geschlachteten Zehntausend Ein Leichnam mit dem Kopfe zur Erde, mit den Füssen in die Höhe als Trophäe aufgerichtet. Bei den Begräbnissen ihrer Fürsten wurden ihre Sklavinnen oder Beischläferinnen geschlachtet, wie schon Terxanthes, der Fürst der Türken, gefangene Hunnen am Grabe seines Vaters geschlachtet.[85] Bei dem Begräbnisse wurde gewöhnlich dem Todten ein Hengst, Stute oder Füllen mit ins Grab gegeben mit Sattel und Zeug, damit er im anderen Leben sogleich beritten sei, damit es ihm an Stutenmilch nicht fehle; ein anderes Pferd wurde zum Todtenmal geschlachtet und dann ausgestopft über dem Grabe aufgestellt; die Gräber der Vornehmen waren aus Stein, Häuser der Todten, nur Tschengischan hatte noch bei seinen Lebzeiten geboten, sein Grab geheim zu halten und ihn ohne Maal zu begraben unter einem grossen Baume im Walde von _Burhan Kaldun_.

[Randnote: Tschengischan's Nachfolger.]

Ungeachtet der klaren Anordnung Tschengischan's über die Nachfolge auf dem Throne blieb derselbe fast zwei Jahre lang ledig, wovon die Ursache wohl nur in der Umsicht Ogotai's, welcher seine Brüder Dschaghatai und Tuli und des Neffen Batu Pläne und Absichten kennen und prüfen wollte, ehe er den etwa von ihnen selbst gewünschten Thron bestieg. Diese Zögerung zeigt, dass es ihm auch mit der dreissigtägigen Weigerung auf dem zur Thronbesteigung im Familienhorde Tschengischan's zu _Keluran_ am Onon zusammenberufenen Kurultai der Prinzen einigermassen Ernst gewesen sein mag; erst am vierzigsten Tage zogen ihn sein Bruder Dschagatai und sein Oheim Utdschigin (der jüngste Bruder Tschengischan's) auf den Thron, sein jüngster Bruder, Tuli, brachte ihm knieend den mit Stutenmilch gefüllten Becher dar, im selben Augenblicke warf die ganze Versammlung die Mützen in die Höhe und den Gürtel über den Rücken, worauf er sich vor der Sonne anbetend niederwarf und mit neunmaliger Kniebewegung dem neuen Kaan huldigte. Die vorzüglichsten Prinzen, welche auf diesem Kurultai erschienen, waren nebst den zwei schon genannten Brüdern der Bruder _Gulgan_ und der Oheim _Belgetai_, sieben Neffen, Söhne _Dschudschi's_, von denen der zweite, _Batu_, der Herrscher in Kipdschak; dann die Neffen _Iltschidai_, der Sohn _Dschudschi Kasar's_, und _Karadschar Nujan_, welchem Tschengischan die Berathung des Thronfolgers anempfohlen. Um dem Herrscher im Grabe zu huldigen, wurden ihm vierzig seiner liebsten Sklavinnen unter die Erde nachgesandt; um seine Anordnung der Welteroberung nach allen vier Weltgegenden in Erfüllung zu sehen, ein dreifacher Heereszug beschlossen. _Dschurmaghun_ der Dschelaire wurde mit einem Heere nach Persien gesandt, um Dschelaleddin, den Schah von Chuaresm, welcher sich nach Tschengischan's Tod eines Theils des väterlichen Erbes bemächtigt hatte, zu vernichten. _Batu_ und seine Brüder wurden zur Eroberung des Westens, das ist Russlands, Polens, Ungarns und der angränzenden Länder befehligt[86]; _Ogotai_ selbst zog wider China aus, um die vom Vater begonnene Eroberung des himmlischen Reichs zu vollenden. Unter ihm befehligten die Abtheilungen des Heeres _Subutai_, der eine der beiden Feldherren, welche vor sieben Jahren Persien bis nach Russland durchzogen, und _Tatschar_, der Sohn des hochbetrauten ersten Örlök _Bugurdschi_, dessen Stelle als Wesir jetzt einer der weisesten und menschlichsten und folglich grössten Wesire versah, deren die Geschichte erwähnt. _Mahmud Jelwadsch_ war ein Perser und Moslim, welchen sich die chinesischen Quellen aneignen, indem sie den Namen _Jelwadsch_ in _Jelui_ verstümmeln, ihn selbst zu einem Chitanen, Bekenner der Lehre des _Fo_, machen.[87] Sieben Jahre lang dauerte der Krieg im Osten und Westen, glorreich in den nördlichen Provinzen China's, in _Schensi_, _Petseli_ und _Iran_, in _Russland_, _Polen_ und _Ungarn_, erobernd und verheerend geführt. Die mongolischen Heere drangen zu gleicher Zeit bis an die Ufer des _Kara Muran_, d. i. der schwarzen _Mur_, oder des gelben Flusses in China und fast bis an die der weissschäumenden _Mur_ in Steiermark vor; China's Länder wurden bleibend erobert; mit dem Falle der Residenz _Peanking_, deren von Subutai dem mongolischen Heere versprochene Plünderung nur durch die Vorstellungen _Jelui Tschutsai's_ (Jelwadsch's) abgewendet worden, stürzte auch die Dynastie der goldenen Kaiser zusammen, deren letzter, von Tschengischan zuerst besiegter, sich erhing.[88] Im Westen waren die Heere Batu's über Russland, Polen und Ungarn bis nach Mähren, Oesterreich und Dalmatien vorgedrungen; sie erschienen belagernd vor den Mauern von Wienerneustadt und zogen vor denen Wien's vorbei; von denen von Olmütz, nachdem die Blüthe des mährischen und schlesischen Adels in der unglücklichen Schlacht von Lignitz geblutet, wehrte sie Jaroslav von Sternberg ab, von dessen Hand _Peta_, d. i. _Paidar_, der Sohn Dschagatai's, fiel, wie sein Bruder Mowatukan vor den Mauern Bamian's gefallen, wesshalb Olmütz für die Mongolen eine böse Stadt, wie sie Bamian und Koseslk nannten. Auf dem Rückzuge von China starb Tuli, welcher während des ganzen siebenjährigen Feldzugs dem Bruder eben so treu und tapfer als Feldherr gedient, als vormals dem Vater, nur vierzig Jahre alt, ein wahrer _Spiegel_ (was sein Name Tuli heisst) von Sohnespflicht und Brudertreue.

[Randnote: Ogotai's Bauten, Feste, Jagden, Freigebigkeit und Unmässigkeit.]

Die Verwaltung der von der goldenen Dynastie eroberten chinesischen Länder übertrug Ogotai dem weisen Wesire Jelwadsch, welcher schon im ersten Jahre des Feldzugs zehn Steuerämter zur Einrichtung und Einhebung der Steuern niedersetzte, deren jedes einen Präsidenten und Vicepräsidenten hatte und deren Beamte chinesische Gelehrte. [RN: I. J. 1230.] -- »Das Reich«, stellte der weise Staatsmann dem Herrn vor, »ist zu Pferd erobert worden, kann aber nicht zu Pferd regiert werden«; sechs Jahre hernach wurden die ersten Tresorscheine für die Summe von zehntausend kleinen Barren, d. i. für fünfzigtausend Unzen Silber, ausgegeben.[89] [RN: I. J. 1236.] Er stiftete zwei hohe Schulen, die eine zu Pingang in _Schendai_, die andere zu Peking in Petsche-li, wohin die mongolischen Emire ihre Söhne sandten, um in der Geschichte, Geographie, Arithmetik und Astronomie unterrichtet zu werden.[90] Durch Colonien, aus China weggeschleppte Maurer, Zimmerleute, Maler und Vergolder, wurde während des Feldzugs zu Karakorum, welches auf der Ostseite des Berges Utekian, in der Nähe des Flusses Orghan, ehemals die Residenz der Uighuren, die neue Residenz des Herrschers gebaut und geschmückt, welche _Ordubaligh_, d. i. Lagerballei, genannt ward, als Seitenstück zur chinesischen Residenz _Peking_, welche später unter Kubilai den Namen von _Chanbaligh_, d. i. Chansballei, erhielt.[91] In zwei besonderen Quartieren derselben wohnten die Moslimen und Chinesen von den Mongolen getrennt; an den nach den vier Himmelsgegenden gelegenen Thoren wurden die Märkte der Schafe und Ziegen, Ochsen und Pferde gehalten[92]; zwölf Götzentempel, zwei Moscheen, eine christliche Kirche zeigten, dass nebst dem herrschenden heidnischen Kultus auch die freie Ausübung der anderen gestattet ward. Die Stadt wurde täglich durch fünfhundert Wagen verproviantirt, deren einige sehr gross, von acht Ochsen gezogen[93]; der Palast der Residenz hiess _Karschi_; Goldschmiede, unter denen ein französischer, von den Mongolen auf ihrem Raubzuge durch Ungarn von Belgrad weggeschleppter[94], arbeiteten an den goldenen und vergoldeten künstlichen Thieren, welche als Fontainen an festlichen Tagen statt Wassers _Kumis_, Wein, Meth[95] und Reisabsud spien[96]. Den Frühling brachte der Kaan auf den Weiden zu, wo vormals die Herden Efrasiab's geweidet haben sollen und wo er das Zelt _Gewher Chagan_, d. i. des Chakan's Edelstein, baute[97], den Sommer am Gebirge _Ormektu_[98], wo das goldene Zelt (Sira Ordu) aufgeschlagen, dessen Nägel Gold, das von innen mit goldenen Tapeten behangen, tausend Personen fassen konnte; den Herbst brachte er zu _Köschei Nawer_, vier Tagreisen von Karakorum, zu, und im Winter jagte er grösstentheils zu Ongko, an dem Gebirge von _Telenku_; nur einen Monat lang schenkte er seine Gegenwart der Residenz; zwei Parasangen davon hatte er ein hohes Köschk erbaut, welches _Terghubaligh_, d. i. Proviantballei, hiess; hier ward vor dem Einzuge in die Stadt Einen Tag Rast gemacht, an welchem der ganze Hofstaat einfarbig gekleidet erscheinen musste. Während des Aufenthalts in der Residenz (Karschi) wurden täglich Feste gegeben und die reichsten Geschenke gespendet, denn Ogotai war an Freigebigkeit ein zweiter _Hatim_; die Zeit verging unter Bogenschiessen, Scheibenwerfen, Ringen, Jagen. Vor der Stadt war ein Stück Landes im Umfange von zwei Tagreisen mit einem Walle aus Lehmen und Reisig als Park umfangen, in welchen das grosse, auf dreissig Tagreisen ausgedehnte Jagdrevier des Heeres, immer näher zusammenrückend, das ganze Wild der Gegend hineintrieb. Die Prinzen und Emire erlegten dasselbe in des Chanes Gegenwart; das erlegte wurde unter den Hofstaat und das Volk vertheilt. In Chorasan wurde die Stadt Herat, welche bei der Eroberung durch das Blutbad von hundertachtzigtausend ihrer Bewohner entvölkert und niedergebrannt wurde, wieder aufgebaut; fünfzigtausend Gefangene wurden zu diesem Ende dahin befehligt. Die Statthalterschaft Chorasan's war dem Uiraten _Arghun_ anvertraut[99], die von Persien dem _Körges_ (Blindaug), welcher mit Dschurmaghun nach Persien gekommen; über die Länder vom Gebirge Chankai bis an den Oxus war Mesud, der Sohn von Jelwadsch, als Statthalter bestellt. Ogotai's Freigebigkeit kannte keine Gränzen, aber auch nicht seine Unmässigkeit im Trinken, welche seinen frühzeitigen Tod herbeiführte; sein Bruder Dschagatai hatte ihn beschworen, sich die Zahl der Becher zu mindern; er minderte die Zahl, nahm aber Becher von grösserem Umfange. _Abika_, die Schwester _Sijurkukteni's_, die Gemahlin Tuli's, um deren Hand Tschengischan vergebens bei Owangchan geworben und die heimlich an einen Tafeldecker vermählt an der chinesischen Gränze ihren Jurt hatte, kam alljährlich mit ihrem Sohne, welcher mit dem Amt eines Mundschenken bekleidet war, zur Aufwartung. Eines Nachts, wo ihr Sohn den Wein kredenzt hatte, starb Ogotai. [RN: 11. Dec. 1241.] Man wollte Abika und ihren Sohn der Vergiftung beschuldigen, aber Iltschidai und die anderen Emire vertheidigten ihre Unschuld, indem es klar war, dass Ogotai im Uebermasse des Rausches vom Schlage getroffen worden.[100]

[Randnote: Turakina's Regentschaft.]

Ogotai hatte vier grosse Frauen Gemahlinnen und sechzig Beischläferinnen, aus den letzten nur zwei Söhne; die Mutter der fünf anderen war die zweite der vier Gemahlinnen, _Turakina_, aus dem Stamme Ohos Merkit, welche von Tschengischan ihrem Gemahle Tairosun, dem Fürsten der Merkit, geraubt und dem Sohne Ogotai zur Frau gegeben worden, wiewohl jenem früher die Prinzessin Kulan, die Tochter Tschengischan's, vermählt war; sie war nicht schön, aber den Mangel an Schönheit ersetzte Herrschsucht und List, wodurch sie nach Ogotai's Tod die Kaanschaft ihrem Sohne _Gujuk_ verschaffte, wiewohl Ogotai dieselbe dem _Schiramun_, dem Sohne seines geliebten, vor ihm verstorbenen Sohnes Kutschu, bestimmt hatte. Nach dem mongolischen Familiengesetze war sie nach des Gemahles Tod als Mutter die Regentin, welcher alle Stämme bis zur Thronbesteigung des neuen Herrschers gehorchen mussten. Durch die Künste ihrer Herrschsucht und List verlängerte sie die Regentschaft vier volle Jahre, während welcher sie Alleinherrscherin der Mongolen. Sie begann ihre Herrschaft mit der Absetzung des Staatssecretärs Ogotai's, des Uighuren _Tschinkai_[101], welcher die Worte Ogotai's aufgezeichnet, und entzog ihr Vertrauen dem weisen Mahmud Jelwadsch, dem Chuaresmier, welcher schon von Tschengischan als Gesandter an Chuaresmschah verwendet, seinen Beinamen vermuthlich dieser Gesandtschaft dankt, wiewohl Jelwadsch eigentlich nur einen Gottesgesandten, einen Propheten bedeutet.[102] Turakina hatte ihr unbeschränktes Vertrauen in Finanzgegenständen dem Moslim Abderrahman geschenkt, welcher zu Ende der Regierung Ogotai's sich als Pächter der Staatseinkünfte China's mit Verdoppelung des bisherigen Pachts von Einer Million auf zwei angetragen. Jelwadsch stellte dagegen vor, dass man wohl fünf Millionen jährlich erpressen könne, aber das Land zu Grund richten würde; der Pacht ward dennoch bewilligt, und Abderrahman und die Moslimin Fatima, welche bei der Verheerung von Tus geraubt worden, leiteten die Rathschläge Turakina's. Bald nach dem Tode Ogotai's hatte dessen Oheim _Utdschigin_, der jüngste Bruder Tschengischan's, Miene gemacht, sich der obersten Herrschaft bemächtigen zu wollen, indem er mit Truppen der Residenz nahte. Turakina sandte ihm Wort: warum er mit so zahlreichem Gefolge seine Tochter zu besuchen käme? und sandte ihm seinen Sohn, der am Hofe Ogotai's verweilte, zurück. Utdschigin antwortete, dass er blos gekommen, ihr sein Beileid über den Tod des Gemahls zu bezeigen, und kehrte zurück. Der ausgeschriebene Landtag hatte endlich am See _Köke_[103] statt, wo Ogotai den Herbst zuzubringen pflegte. Der lange Aufschub rührte vorzüglich von Batu her, welcher die Regentin nicht liebte, und ein Uebel am Fusse vorschützte, um nicht auf dem Kurultai zu erscheinen; endlich versprach er zu kommen, sandte aber seiner statt seine Söhne und Enkel; auch der Temgu Utdschigin erschien mit achtzig seiner Söhne; die Frau Sijurkukteni, die Wittwe Tuli's mit ihren Söhnen und die Dschagatai's[104]; ausserdem die Statthalter des Reichs: der von Chorasan und Persien, _Arghun_; der von _Uighuristan_ und Turkistan, _Mesud_, der Sohn von Jelwadsch; von den zinsbaren Fürsten _Rukneddin_, der Seldschuke Rum's, _Jaroslaw_, der russische Grossfürst, zwei Prinzen _David_, die sich um den Thron Georgiens stritten, der Bruder des Herrschers von Mossul, aus dem Hause Ejub, die beiden Gebieter von Kurdistan, _Schemseddin_ und _Schihabeddin_, im Namen des Fürsten der Assassinen, die Herren von Rudbar und Alamut, _Fachreddin_ der Richter der Richter, von Seite des Chalifen von Bagdad, der Gesandte des Fürsten von Fars und Kerman, und im Namen des Papstes Innocenz des vierten die beiden Franziskaner: der Pole Benedict und der Franzose Plan Carpin, deren letztem wir das treue Gemälde des Kurultai und tatarischer Sitte in seiner Reisebeschreibung verdanken. Zugleich waren vier Dominikaner Missionäre an _Baidschu Nujan_[105], den mongolischen Befehlshaber in Persien, abgegangen, von denen aber nur Simon von Saint Quentin über die Missionsreise kurzen, im Geschichtsspiegel des Vincenz von Beauvais erhaltenen, Bericht hinterlassen.

[Randnote: Gujuk's Thronbesteigung.]