Geschichte der Ilchane, das ist der Mongolen in Persien
Chapter 35
In der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche dieses Jahres begab sich Arghun, welcher auch ein Freund der Astronomie, wiewohl er mit Vorliebe Alchymie trieb, nach Meragha, um die Sternwarte zu besuchen; [RN: 4. Ramasan 688/21. Sept. 1289] in der folgenden Tag- und Nachtgleiche des Frühlings verehrte er der Frau Bulughan, der Tochter Otaman's, des Sohnes Obotai Nujan's des Konghuraten, das Lager der verstorbenen Frau Bulughan, welche aus dem Hareme des Grossvaters Hulagu und des Vaters Abaka in das seine übergegangen war. [RN: 9. Rebiulewwel 689/24. März 1290] Vier Tage nach vollzogener Hochzeit kamen Boten, welche feindlichen Einfall an der Gränze von Derbend meldeten. [RN: 13. Rebiulewwel 689/28. März 1290] Die Emire Schiktur Nujan, Kundschukbal und Taghadschar wurden allsogleich aufzusitzen befehligt. Der Chan begab sich nach Pilsuwar und rückte mit dem schweren Gepäcke bis Schaburan vor; am Ufer des Karasu traf der Vortrab der beiden Heere auf einander. [RN: 1. Reb. achir 689/15. April 1290] Das feindliche befehligte _Abadschi_ und _Mengli_, die beiden Söhne _Mengku Timur's_, des Herrschers von Kipdschak, und der Feldherr _Nokai_; das Arghun's: die Emire _Taghadschar_, _Kundschukbal_, _Toghruldsche_ und _Taidschu_, der Sohn Bukuwa's; die letzten drei setzten über den Fluss, schlugen die Kipdschaken, tödteten ihnen dreihundert Mann und machten mehrere Gefangene[720]. Hierauf wurde zu Pilsuwar der Sieg mit Festen gefeiert, und Seaadeddewlet sandte die frohe Nachricht mittels Siegesschreiben durch's Reich[721]. [RN: 17. Reb. achir 689/3. Mai 1290] Da die Ruhe an der Gränze von Derbend hergestellt war, wandte sich Taghadschar nach der östlichen, wo in Chorasan der Aufruhr des Emirs Newrus in hellen Flammen emporloderte. Arghun wurde durch den Tod seines Sohnes _Jesutum_ betrübt; [RN: 7. Dschem. ewwel/19. Juni] auch waren der Emir _Sundschak_ und sein Sohn _Schadi_ zu Meragha gestorben. Zwei Monate hernach ward zu Tebris _Medschdeddin Muminan_, dessen oben als eines Blutegels der Finanz Erwähnung geschehen, hingerichtet, und die Fahnen des Schah's trafen im Sommerlager von _Alatagh_ ein; [RN: 2. Schaaban/12. August] er kehrte über Wan und Wastan zurück. Auf dieser Station wartete dem Schah Kotbeddin der Schiraser auf und brachte seinen Atlas der westlichen Meere mit einer Beschreibung ihrer Gestade und Inseln, der Länder Rums und des mittelländischen Meeres dar. [RN: 13. Schaaban/23. August] Der Blick Arghun's fiel auf die Stadt _Amuria_, so berühmt, als die Geburtsstadt des Kaisers Theophilos und die Verheerung derselben durch den Chalifen Moteaassim. Arghun liess sich Alles erklären und war mit der Erklärung ungemein zufrieden; er ging auf die Jagd, und sagte dem Molla, sich nach derselben wieder bei ihm einzufinden, weil er mit ihm gerne weiter spreche, da er so wohlberedt. Hierauf ging der Wink an Seaadeddewlet, die drei Verwalter, welche aus Rum zurückgekehrt waren: _Emirschah_, _Fachreddin_ und den Sohn _Hadschi Leila's_, zu ergreifen; dem ersten rettete die Fürbitte Kotbeddin's und Seaadeddewlet's das Leben, der dritte ward sogleich getödtet, der zweite unter Aufsicht gesetzt und später hingerichtet. Hierauf kamen drei Emire: _Akbuka_, _Doladai_ und _Aldschiwaktan_, aus Rum, von denen der erste dorthin zurückgesandt ward. [RN: 5. Schewwal 689/13. Oct. 1290] Das Fest des Fastenmondes wurde zu Tebris zur Freude der Moslimen mit grosser Feierlichkeit begangen. Es wurden vier Minarete erhöht; die Kadi und Imame, die Chatibe und Scheiche wurden alle versammelt. Arghun, der ein grosser Bauliebhaber, befahl, auf der Westseite der Stadt eine Vorstadt anzulegen, welche _Schem_ oder _Schenb_ hiess, und in der später sein Sohn Ghasan sein berühmtes Grabmal erbaute; er befahl den Bau einer Stadt zu _Scherujas_, nördlich von Kaswin, welche, ebenfalls erst später unter Ghasan vollendet, den Namen _Sultanije_ erhielt; eine Tagreise südlich von Sultanije, zu _Andscherud_, hatte Arghun's Vater, Abaka, einen Palast in der Ebene erbaut, wo ein natürliches Wasserbecken mit zwei Abflüssen, dessen Wasser sich nie mindern und mehren soll, wenn auch die Abflüsse verdämmt werden[722]. In der Nähe von Sedschas ist der gleichnamige Berg, auf welchem hernach Arghun begraben ward; auch im Gebirge Alatagh, welches das gewöhnliche Sommerlager schon von Hulagu's Zeit her, baute er ein Serai[723]. Zu _Lar_ oder _Lardschan_[724], der gleichnamigen Hauptstadt der am Fusse von Hügeln gelegenen Landschaft _Laristan_, baute er einen Sommerpalast, welcher das Köschk Arghun's hiess; der Basar der Stadt gilt noch heute für den schönsten Persiens; das heute in Ruinen liegende Schloss galt ehemals für uneinnehmbar. Die zwölftausend Einwohner leben von dem Erzeugnisse ihres Kunstfleisses, Bogen und Baumwollzeugen; alle Häuser sind bequem und nett eingerichtet; jedes mit den beiden Luxusanstalten einer persischen Sommerwohnung, nämlich einem _Badgir_ und _Serdab_[725], d. i. mit einem Windfang und einem unterirdischen Saale, versehen; in diesen dringt die Hitze nicht ein, durch jenen kreist im oberen Theile des Hauses der Luftzug. Zu Tebris erhielt die von Arghun erbaute Vorstadt den Namen _Arghunije_; er gab Jedermann die Freiheit, sich dort anzusiedeln; und liess unterirdische Kanäle (Kjaris) graben nach dem in Persien von uralter Zeit her eingeführten und heute noch üblichen Systeme unterirdischen Kanalbaues. Die kühlen Thäler des Alatagh waren das gewöhnliche Sommerlager, die südlichen Ebenen von _Kongorolang_, d. i. die Falkenweide, das Sommerlager, wo hernach _Sultania_ gebaut ward; der Frühling und Herbst wurde, wie gesagt, wechselweise zu Meragha und Tebris zugebracht, wie vormals die persischen Könige ihre Residenz nach den Jahreszeiten zu Babylon, Ekbatana oder Susa aufschlugen.
[Randnote: Arghun's Krankheit.]
Arghun, der Alchymie und den geheimen Wissenschaften ergeben, hatte indische Bachschi, d. i. Schreiber, gefragt, durch welche Mittel sie sich ihr Leben so langwierig fristeten. Sie gaben ihm ein aus Schwefel und Merkur zusammengesetztes Mittel als die Panacee der Lebensverlängerung an. Arghun nahm dasselbe durch acht Monate, und als ihm hierauf die Bachschi eine Quarantäne zu Tebris vorschrieben, schloss er sich dort ein, ohne Jemanden Anderen, als Seaadeddewlet und seine Geschäftsführer _Ordu Kaja_ und _Kadschan_ zu empfangen. Nach den vollendeten vierzig Tagen begab er sich in's Winterquartier nach _Arran_, wo er krank ward, vom Arzt Emineddewlet Arznei nahm; als diese nicht anschlug, gab ihm einer der Bachschi eines Tages drei Becher Weins, worauf er einen Anfall von Zipperlein hatte. Nach zweimonatlichen Leiden fiel es ihm ein, die Ursachen der Krankheit, welche übernatürlicher Einwirkung Schuld gegeben ward, untersuchen zu lassen. Die Einen sagten, sie rühre von bösen Wesen her und könne nur durch Almosen geheilet werden; die _Kamen_, welche nach mongolischer Art das Geheime und Verborgene aus Schulterbeinen der Schafe erforschten, warfen den Verdacht von Zauberei auf. Die Prinzessin _Tughandschak_, die Tochter der Frau Ilkotlogh, war die angeheirathete Nichte _Dschuschkab's_, dessen Tochter Arghurak mit Schadi Gurgan vermählt, mit diesem die Tochter _Tughandschak_ aus dessen Beischläferin Ilkotlogh erheirathet hatte. Ilkotlogh war also aus dem Harem _Schadi Gurgan's_ in das Arghun's übergegangen, und _Tughandschak_ erscheint hier als Nebenbuhlerin ihrer Mutter um die Liebe des Schahs. Sie wurde mit anderen Frauen ihres Gefolges vor Gericht geladen. Sie bekannte, dass sie, um sich der Liebe des Chans zu versichern, Talismane geschrieben, und dass sie, um sein Leben zu retten, gerne das ihrige opfern wolle. Sie wurde der Zauberei schuldig erkannt und mit allen ihren Zofen ertränkt. Durch die Krankheit des Chans war Seaadeddewlet auf's äusserste bestürzt, indem er wohl einsah, dass sein Leben an das des Schahs geknüpft sei. Er nahm nun zu guten Werken die Zuflucht; an Einem Tage erliess er siebzig Schreiben, sogenannte Gerechtigkeitsbefehle, welche die Ausübung der Gerechtigkeit einschärften und Almosen anordneten. Eine seiner grössten Wohlthaten waren dreissigtausend Dukaten, womit er den Bewohnern Bagdads ein Geschenk gemacht, und hunderttausend, die er den Armen und Frommen von Schiras zugedacht. Es ergingen Befehle, wodurch verboten ward, den Verwandten der Majestät, den Frauen, Söhnen, Töchtern, Schwägern, das Geringste zu nehmen; hierdurch hoffte er, dieselben mit dem Fiskus und sich zu versöhnen; allein die Emire[726], denen seine Herrschaft immer unerträglicher, verschworen sich zur Abschüttelung dieses Joches, [RN: 4. Ssafer 690/5. Febr. 1291] und sie traten zuerst als öffentliche Ankläger wider das Werkzeug der Blutbefehle, den Sultan Aidadschi, auf, durch welchen vor zwei Jahren die Prinzen Huladschu und Karabukai und eilf andere, in Allem dreizehn Prinzen aus dem Geblüte Tschengischan's, hingerichtet worden waren, indem diese Hinrichtung nun als die eigentliche Ursache der Krankheit Arghun's angegeben ward. Ein Kame sagte aus, die mit ihren Vätern hingerichteten unschuldigen Kinder, Söhne Huladschu's und Karabukai's, seien dem Arghun erschienen und hätten ihm Vorwürfe über ihre unverschuldete Hinrichtung gemacht; er habe ihnen geantwortet: Davon weiss ich nichts; nicht ich bin euer Mörder, sondern Sultan Aidadschi. Dieser, hierüber zur Rede gestellt, berief sich auf des Chans Befehl. Die Antwort kam: er wisse nicht darum. Sultan Aidadschi entgegnete: wie könne der Chan diess gesagt haben, da ihm die Krankheit seit langem die Sprache benommen. Die Richter urtheilten, dass, wenn der Padischah nicht sprechen könne, die Ursache seiner Krankheit keine andere als das durch Aidadschi gegebene Bluturtheil sei, und verurtheilten ihn zum Tode. [RN: 1. Rebiulewwel 690/4. März 1291] Am selben Tage (es war das Geburtsfest des Prinzen _Chatai Aghul_) wurde Dschudschi auf Tughan's Befehl ergriffen und in der Nacht hingerichtet; am folgenden Tage zog Taghadschar den Seaadeddewlet und seinen Helfer Ordu Kaja vor Gericht, und Beide wurden getödtet[727]; ihre Häuser wurden vom Heere geplündert. Sechs Tage hernach starb Arghun zu Baghdschei Arran [RN: 7. Rebiulewwel 690/10. März 1291] und zwei Tage später wurde sein Leichnam nach dem Berge Sedschas abgeführt, wo sein Grab noch nach dem alten Gebrauche der Mongolen verborgen gehalten, bis es in der Folge von seiner Tochter entdeckt, mit einem Dome überwölbet ward[728].
[Randnote: Arghun's Verhältniss mit Aegypten und den europäischen Fürsten.]
Noch haben wir in der Regierungsgeschichte Arghun's die Darstellung seiner Verhältnisse mit Aegypten und mit christlichen Fürsten nachzutragen. Bereits unter der Regierung Ahmed Teguder's ist erwähnt worden, dass der Gesandte desselben, Abderrahman, von Sultan Kilawun eingekerkert, im Kerker gestorben sei. Nähere Umstände über diesen Botschafter finden sich bei den ägyptischen Geschichtschreibern. Kilawun hatte auf seinem Wege von Kairo nach Damaskus zu Ghasa den Tod Ahmed Teguder's und die Thronbesteigung Arghun's erfahren. [RN: 12. Dschem. ewwel 683/27. Juli 1284] Einen Monat hernach gewährte er der persischen Botschaft zu Damaskus Audienz. Sie bestand aus dem Scheich Abderrahman, dem Emir Samdaghu und dem Wesir des Fürsten von Mardin[729]; der Scheich war in den Habit der Derwische als Fakir gekleidet; als er sich nicht freiwillig beugen wollte, wurde er gewaltsam zur Erde niedergeworfen, und der Sultan würdigte ihn keines Blickes; doch nahm er das Schreiben Ahmed's und liess die Botschafter mit Kaftanen bekleiden. Das Schreiben Ahmed's begann mit der gewöhnlichen Formel mongolischer Befehle: Unser Wort an den Sultan Aegyptens. Unter den Geschenken zeichneten sich sechzig grosse Perlen, ein Topas im Gewichte von zweihundert Miskalen und ein Rubinbalasse von zwei und zwanzig Drachmen aus. Kilawun liess sie dreimal in seine Gegenwart kommen, und verständigte sie das drittemal von Arghun's Thronbesteigung. Sie wurden alle ihres Gepäckes beraubt und eingekerkert. Der Scheich starb noch vor Ende des Jahres und seine Begleiter wurden dann in Freiheit gesetzt. [RN: 28. Ramasan 683/8. Dec. 1284] Während dieser feierlichen, zur Schliessung festen Friedens gesandten Botschaft hatte sich Sultan Kilawun zweier beträchtlichen festen Plätze bemächtigt. Der eine, _Katibe_, in der Landschaft Amid, in der Nähe von Kerker, welcher von den Truppen von Biret, Aintab und Rawendan besetzt ward; der andere, _Kachta_, dessen aufrührerische Besatzung ihren Befehlshaber tödtete und das Schloss verrätherischer Weise an den Befehlshaber von Haleb übergab. Diesem fertigte im selben Jahre Arghun den Befehl eines Streifzuges nach Cilicien zu, um die Armenier dafür zu strafen, dass sie, als sie zwei Jahre früher sich mit den mongolischen Truppen zu Haleb befanden, die grosse Moschee eingeäschert. Sie drangen bis _Ajas_ vor, schlugen die armenischen Truppen im Passe von Iskenderun, verfolgten sie bis Tell Hamdun und zogen sich dann zurück[730]. Zwei Jahre später streiften tausend Mann der Besatzung von Haleb nach Mardin und Sindschar und schlugen von Mossul die Besatzung, welche einen Ausfall gemacht, mit dem Verluste von zweihundert Mann zurück. Mit Papst Nikolaus IV. hatte Arghun wiederholten Verkehr von Gesandten, deren einer, _Buscarell_, ein _Kuridschi_, d. i. von seiner Leibwache, zugleich Ueberbringer von Schreiben an Eduard, König von England, und Philipp den Schönen von Frankreich. Die Gesandten versprachen Hilfe wider die Saracenen in Syrien und Bekehrung zum Christenthum. Die Gesandten Arghun's versprachen: der Chan wolle sich nach Jerusalems Eroberung in der heiligen Stadt taufen lassen; der Papst belehrte ihn in seinem Schreiben über die Dogmen und Pflichten des Christenthums. Nikolaus schrieb nicht nur an den Chan, sondern auch an dessen Frauen und an seinen Sohn _Oldschaitu_, welchen die Mutter (_Urukchan_) getauft und Niklas genannt hatte. Der Papst schrieb an die Prinzessin _Ilkotlogh_[731], die er zur Verbreitung des Christenthums, nachdem sie beigetreten, aufmunterte; die Frau Uruk[732], welche von jeher Christin, bat er, auch die Prinzen _Ghasan_ und _Chatai Aghul_[733], welche von anderen Müttern, zur Annahme des Christenthums zu bewegen. An König Eduard I. nahm der Gesandte Buscarell ein Schreiben des Papstes mit, welcher ihn zu ehrenvollem Empfange und geneigtem Gehöre empfahl; dem König Philipp schrieb Arghun im fünfhundertsten Jahre vor der französischen Revolution, dass er im folgenden mit seinen Truppen vor Damaskus zu lagern hoffe, ihm das eroberte Jerusalem schenken werde. Der erste dieser Gesandten Arghun's an den Papst war um ein Jahr früher angelangt; diess ist im selben, wo der Jude Seaadeddewlet zur vollsten Macht gekommen. Diese Botschaften Arghun's sind also wohl weniger dem Christenthume der Frauen und der Taufe der Prinzen zuzuschreiben, als der Politik des Juden, welcher durch die Hilfe des Papstes die Könige von Frankreich und England, die Aegypter von Syrien abzuhalten hoffte. Sie umfassen die vier Jahre seiner Staatsverwaltung bis zu seinem, Arghun's fast gleichzeitigem Tode; als aber Nikolaus IV. seine Antwort auf das durch den Botschafter Tschagan an ihn und an Eduard, König von England, gerichtete Schreiben datirte, waren Seaadeddewlet und Arghun schon fünf Monate todt.
[Randnote: Kendschatu's Thronbesteigung.]
Von Arghun's Tod sandten die verschiedenen Parteien der Emire, welche über die Nachfolge des Thrones getheilter Meinung, die Kunde an die drei Prinzen, denen sie denselben zugedacht; nach Chorasan an _Ghasan_, den ältesten Sohn Arghun's, nach Bagdad an _Baidu_, den Sohn Tarakai's, des fünften Sohnes Hulagu's, und nach Rum an _Kendschatu_[734], den Bruder Arghun's, welchem nach dem mongolischen Erbrechte die Nachfolge der Herrschaft als dem Aeltesten des Hauses gebührt. Am ersten Tage waren die Emire zwar über die Nachfolge Kendschatu's einig gewesen, aber schon am anderen sandten Taghadschar und Semaghar dem Legsi, welcher mit der Nachricht des Todes an Kendschatu abgefertigt worden, den Balisad mit der Nachricht nach, dass die versammelten Emire und Frauen noch den _Baidu_ als den Aeltesten der Familie zum Throne berufen hätten. Hierzu bestimmte die beiden genannten Emire einerseits die Furcht vor Ghasan's bekannter Energie und Herrscherkraft, bei welcher der ihrigen wenig Raum bliebe, andererseits die Aussicht, dass, wenn Kendschatu Chan, er allen Einfluss der Herrschaft seinen mit ihm in Rum befindlichen Emiren überlassen und sie mit ihrer Partei leer ausgehen würden. Die Partei Baidu's bestand aus den Emiren: _Taghadschar_, _Semaghar_, _Kundschukbal_, _Tokal_, _Schiktur_, _Tughan_, _Timurbuka_, _Tekne_, _Ildschidai_, _Toghdai_ und _Doladai_; der letzte wurde auf der Stelle mit einem Heere nach Fars abgeordnet, wo die Luren eingefallen, Schiras erobert, den Vogt todtgeschlagen hatten. [RN: 8. Dschem. ewwel 690/9. Mai 1291] Baidu, klug und umsichtig und ohne Heer, um dem an ihn gestellten Antrage anderer Emire Gewicht zu geben, anwortete: Nach dem Gesetze Tschengischan's gebührt die Chanschaft den Söhnen des Bruders, weil ihr Vater der Aeltere des meinen; welches Recht habe ich auf den Thron, so lange jener und andere Prinzen leben, die mir dem Alter nach vorgehen? Nach diesem Grundsatze hätte er den von sich gewiesenen Thron dem Ghasan als dem Aelteren zuweisen sollen; aber es scheint, dass, weil Kendschatu die grösste Partei für sich hatte, er es für klüger fand, sich an diesen zu halten, indem er ihm die Nachricht von dem an ihn gelangten Antrage mittheilte[735]. Baidu's Weigerung bestürzte die Emire, welche ihm den Antrag gemacht, und an deren Spitze Tughan, der Hebel des Sturzes der beiden Grosswesire der vorigen Regierung, des Turkmanen Buka und des Juden Seaadeddewlet. Einige[736] gingen nach Rum, um sich an Kendschatu anzuschliessen. _Kundschukbal_ entfloh, _Tokal_ verliess sich auf einen Haufen Georgier, _Tughan_ brütete Aufruhr in Irak, der Prinz _Suka_ (der jüngste Sohn Jaschmut's, des dritten Sohnes Hulagu's) mit den Emiren _Tschoban_, dem Suldusen, und _Kurmischi_, der Sohn Alinak's, führten auf Tokai's Rath das Lager der Frauen nach dem Gebirge von Alatagh dem Kendschatu entgegen. Die Frau _Uruk_, die Wittwe Arghun's, die Mutter zweier seiner Söhne und dreier seiner Töchter, war mit ihnen verstanden. Die Emire[737] welche dem Baidu zu _Kökbuldagh_[738], d. i. am blauen Quelle, in der Nähe von Sughurluk, aufgewartet, verliessen ihn. _Ildschitai Kuschdschi_, _Kundschukbal_, _Timurbuka_, _Tschoban_ gingen zu Kendschatu über. Als er in die Nähe von Alatagh kam, gingen ihm _Chatai Aghul_, der jüngste Sohn Arghun's, und andere Prinzen entgegen. _Taghadschar_, das Haupt der Partei _Baidu's_, wurde sogleich in Empfang genommen; _Tughan_, welcher nach Gilan entflohen, wurde eingebracht; doch wurde ihm, weil er ein Schützling Baidu's, vor der Hand nichts zu Leide gethan. Kendschatu bestieg in der Stadt Achlath den Thron. [RN: 4. Redscheb 690/23. Juli]
[Randnote: Gericht über die Emire; Kendschatu's Krankheit und Familie.]
Die erste Staatshandlung Kendschatu's war Bestrafung der beiden Häupter der Gegenpartei, der Emire Taghadschar und Kundschukbal, indem er jedem nach der Jasa drei Stockstreiche geben liess und den Befehl ihrer Tomane anderen übertrug[739], und den Tughan mit den Söhnen der von ihm unmittelbar vor dem Tode Arghuns hingerichteten Emire, Dschudschi und Ordu Kaja, welche Blutrache forderten, vor Gericht stellte. Als die Emire, des Todschlags ihrer Mitgenossen angeklagt, zur Rede gestellt wurden, bekannten sich _Schiktur_, _Taghadschar_, _Kundschukbal_, _Semaghar_, _Tekne_ und Andere schuldig und flehten die Gnade des Padischah an, der dieselben auch begnadigte, Andere gelinde (mit drei Stockstreichen) bestrafte; nur wider Tughan, welchem sowohl der Emir Akbuka, der Betraute Kendschatu's, als die Frau _Urukchan_ feind waren, wurden die Söhne _Dschuschi's_ und _Ordu Kaja's_ mit der Klage der Blutrache losgelassen; dennoch wollte ihm Kendschatu das Leben schenken; auf die Vorstellung der Frau Uruk aber, dass Tughan der Urheber alles Unheils, sagte Kendschatu: dass er in diesem Falle wohl den Tod verdiene; kaum war dieses Wort seinen Lippen entfahren, als Akbuka den Söhnen _Dchuschi's_ und _Ordu Kaja's_ die Blutrache der Väter überliess. [RN: 6. Schewwal 690/5. Oct. 1291] Taghadschar und Kundschukbal wurden begnadigt, Schiktur wurde zum Stellvertreter in Persien ernannt. Kendschatu bezog das Winterquartier in Arran und lagerte zu Karadschal am Ufer des _Kor_, seinem ehemaligen Horte. Von hieraus wurden die Kundmachungsbefehle der Thronbesteigung in die Länder gesandt; auf ein Gutachten der Astronomen wurde in den Diplomen und auf den Münzen dem Namen Kendschatu's die geheimnissvolle, ihm von dem _Kamen_ ertheilte Formel, _Irindschin Durdschi_[740] beigesetzt. _Senbu_, der Bruder _Suka's_, der zweite Sohn Jaschmut's, starb zu Dschaghatu[741]; der Prinz _Enbardschi_, der älteste Sohn Mengu Timur's (des eilften Sohnes Hulagu's), wurde in die östlichen Länder gesandt. Auch dieser hegte herrschsüchtige Gedanken, welche während der Abwesenheit Kendschatu's in Rum, wohin er sogleich nach der Thronbesteigung zurückgekehrt war, in seinem Hause durch Taghadschar genährt worden. Der Geschäftsmann Stellvertreter des letzten Ssadreddin von Sindschar, ein grosses Verwaltungstalent, hatte seinem Bruder Kutbeddin, welcher sich im Lager Enbardschi's befand, die ihm von Taghadschar gegebene falsche Kunde gesandt, dass Kendschatu's Heer in Rum von den Turkmanen und Karamanen aufgerieben sei und dass er sich beeilen möge, Besitz vom Throne zu nehmen. Kutbeddin gab diese Nachricht dem Scheich Dschemal von Schiras, welcher des Vertrauens Enbardschi's genoss. Dieser, klug und umsichtig, sandte den Scheich auf Kundschaft an Schiktur Nujan; auf dem Wege begegnete er dem Taghadschar und Ssadreddin, welche ihn bewegen wollten, auf der Stelle umzukehren und den Enbardschi zu schnellem Anmarsche zu bewegen. Der Scheich stellte sich willfährig, sagte aber, dass er nur, da er schon in der Nähe, sein Haus besuchen wolle; statt dieses Besuches begab er sich geradewegs nach Karadschal in's Lager Schiktur's, wo er sich von der Unwahrheit der Angaben Ssadreddin's überzeugte. Er entledigte sich also freundlicher Botschaft im Namen Enbardschi's und theilte dann dem _Schiktur_ insgeheim den Auftrag Taghadschar's und Ssadreddin's mit. _Schiktur_ sandte ihn mit freundlichem Schreiben und Geschenken an _Enbardschi_ zurück; aber am nächsten Morgen überfiel er die Zelte _Taghadschar's_ und behielt ihn und _Ssadreddin_ bis zur Rückkehr Kendschatu's bei sich; als die Nachricht von dessen Ankunft verlautete, sandte er sie in einem Geleite von fünfhundert Reitern demselben bis _Ersenrum_ entgegen. [RN: 12. Redscheb 691/30. Juni 1292] Als Kendschatu zu _Alatagh_ ankam, befiel ihn Krankheit, die längere Zeit dauerte; während derselben wurden von allen Gemeinden der verschiedenen Religionen Gebete angestellt; die Imame, Bischöfe, Rabbiner und Budhapriester beteten für die Dauer seines Lebens[742]; keiner Religion besonders zugethan, war er für alle gleichgültig[743], nur sinnlichen Genüssen ergeben. Seine sechs Frauen waren: 1. _Aische_, die Tochter Tughu's, des Sohnes Ilkai Nujan's; 2. _Dundi_, die Tochter Akbuka's, des Sohnes Ilkai's, die Base der vorigen; 3. _Iltürmisch_, die Tochter Kotlogh Timur Gurgan's, des Konghuraten; 4. _Padischah Chatun_, die Tochter Kutbeddin's, des Sultan's von Kerman; aus dem Hareme seines Vorfahrers die Frauen: 5. _Bulughan_ und 6. _Uruk_. Ausser diesen hatte er die Söhne _Alafreng_ und _Iranschah_ aus der Frau _Dundi_ und _Dschinkpulad_ aus der Frau _Bulughan_, drei Töchter aus der Frau _Aische_ und eine vierte aus der Beischläferin _Abisch_, der Tochter des _Biklimisch_, des Bruders _Audschan's_, des Erlaten.
[Randnote: Ssadreddin von Sendschan Wesir; Einfall der Luren in Irak und Fars.]