Geschichte der Ilchane, das ist der Mongolen in Persien

Chapter 25

Chapter 253,362 wordsPublic domain

Auf dem Rückmarsche von Chorasan nach Aserbeidschan war Abaka an der Gränze Gilan's von einer Schaar dilemischen Gesindels aus einem Hinterhalte angefallen worden. Jusufschah, der Sohn Schemseddin Alp Arghaun's, der Atabeg von Gross-Luristan, welcher auf diesem Feldzuge den Chan als Vassal begleitet hatte und sich eben in dessen Nähe befand, sprang vom Pferde und wehrte durch seine Tapferkeit die Gefahr vom Haupte Abaka's ab. Zur Belohnung dafür verlieh ihm der Chan zu Gross-Luristan noch den Besitz von Chusistan, das Gebirge _Kiluje_ und die beiden Städte _Firusan_ und _Dscherbadakan_; die erste, im persischen Irak in der Nähe von Firusan gelegen, ward von _Firus_, dem Könige der altpersischen Dynastie der Beni Sasan, erbaut, von welchem sie den Namen hat, in einer an Baumwolle, Korn und Früchten aller Art gesegneten Gegend gelegen[522]. Dscherbadakan, auch _Derbajekan_ oder _Güljadkjan_ genannt, ist eine zwischen Kerdsch und Hamadan gelegene Stadt, welche Humai, die Tochter Behmen's, des Kejanen (die Parisatis der Griechen), baute und _Samere_ nannte[523]. Jusufschah begab sich nach dem Gebirge Kiluje (in Luristan) und schlug die Schulen, den Sieg mit seines Bruders Nedschmeddin Tod bezahlend[524]. In Chorasan schlugen sich indessen die Feldherren _Nikpei Behdi_ und der Turkmane _Akbeg_ wider die dschagataischen Prinzen _Dschoba_ und _Kapan_, den Sohn Alghui's, das Land verödend, wie bereits oben gesagt worden. Akbeg hätte sich gerne mit seiner Beute zu Kaidu geflüchtet, aber einer seiner Brüder kam zum Dienste des Steigbügels des Prinzen Arghun und entdeckte demselben des Bruders Anschlag. Arghun berief den Turkmanen ein, um ihn an den Hof Abaka's zu senden; auf dem Wege dahin wurde er zu _Kökdsche denis_, d. i. am blauen Meere (am Uralssee), abgethan; so ward auch der Intendent Melik Ssadreddin zu Rei hingerichtet. Der von Hulagu und Abaka hochgeschätzte Sekretär _Dschenglaun Bachschi_ und der Feldherr Emir Arghun, der Sohn Dschurmaghun's, starben natürlichen Todes. Zu Tebris stürzten alle Thürme im Erdbeben ein. [RN: 671/1272] In diesem Jahre, wo zu Tebris Melik Ssadreddin hingerichtet ward, starb zu Konia in Rum, dessen Fürsten unter der eisernen Ruthe mongolischer Vogtschaft standen, der grosse mystische Scheich Ssadreddin von Konia; im nächsten Jahre aber hatten Astronomie und Philosophie, Mystik und Poesie noch weit grösseren Verlust zu beklagen in dem Tode Nassireddin's von Tus, des Werkzeugs des Sturzes der Assassinen und des Chalifats, des Errichters der Sternwarte von Meragha, des Verfassers der berühmten Metaphysik und Ethik, deren schon oben Erwähnung geschehen, und des grössten mystischen Dichters der Perser, _Mewlana Dschelaleddin's_ Rumi, beigenannt der Molla Kaiser, des Verfassers des Mesnewi, des Stifters der Mewlewi. Nassireddin von Tus befand sich am Hofe Abaka's im Mittelpunkte des Reichs als der Repräsentant der Wissenschaft, während die Mystik und Poesie in den äussersten Enden desselben, in Rum und in Fars, blühten, in Rum durch die obengenannten beiden grossen Scheiche Dichter, in Fars noch durch _Saadi_, den wahren König der persischen Dichter seiner Zeit, wiewohl _Hemker Farsi_ das Amt des Dichterkönigs am Hofe der Atabegen zu Schiras bekleidete; dass aber schon damals der Dichterkönig von Amtswegen nicht unbedingt als der grösste Dichter erkannt ward, beweiset, was Dewletschah in seinen Lebensbeschreibungen persischer Dichter bei der Imami's von Herat erzählet. In einer Abendversammlung stritten sich die vier geistreichsten und gelehrtesten Staatsmänner Abaka's, nämlich der Wesir Schemseddin Dschuweini, der Statthalter Rums Moineddin Perwane, der Richter Mewlana Schemseddin und der Intendent Melik Iftichareddin von Kerman, einen Abend lang darüber, ob _Saadi_, ob _Imami_ aus Herat oder _Hemker Farsi_ (der Dichterkönig) der grösste Dichter; sie kleideten diese Frage in Versen ein[525] und sandten dieselben zur Entscheidung an den Dichterkönig von Amtswegen; dieser antwortete bescheiden und wahr:

Obwohl ich bin ein Papagei durch süssen Sang, Bin ich die Fliege nur von Saadi's Zuckermund; Und soll ich thun ein allgemeines Urtheil kund, So läuft _Imami_ mir und _Saadi_ ab den Rang.

Wie tief persische poetische Bildung damals in Staatsgeschäfte eingriff, wird sogleich aus dem Verhältnisse und Briefwechsel des gelehrten Wesirs Schemseddin Dschuweini mit Melik Schemseddin Kert, dem Herrn von Herat, erhellen.

[Randnote: Schemseddin Kert.]

Melik Schemseddin Kert, welchem schon Tschengischan die Herrschaft von Herat überlassen und welchen sein dritter Nachfolger, Mengku, als Herrn von _Herat_, _Sebsewar_, _Ghur_ und _Ghardschistan_ bestätiget hatte, war ein unternehmender, staatskluger, hochgebildeter Fürst, dessen Arm nie seinem Kopfe zuvoreilte und dieser nie hinter jenem zurückblieb. »Er war,« sagt Wassaf, »ein Mann von hohem Geist und erhabenem Sinne, der sich der Humanitätswissenschaften befleisst. Er vereinigte in sich die beiden Lehren von den Fingern und von den Speeren, gleich geschickt zu tanzen den Reigen der Worte und der Lanzen. Inhaber von Büchern und von Heeresschaaren, ein Bereiter, kundig, die Stufen und Grade zu bewahren, der auf Orion's Schultern sass und auf denselben, als seinem Reitpferde, die Himmel durchmass.

Schüttelt die Hand er zum Wohlthun, so ist sie ein Meer, Schüttelt die Hand er zum Kampfe, so ist sie ein Speer; Wann sich die Erde verfinstert, so ist er die Sonne, Wann sie verdorret, erfrischt er als Guss sie mit Wonne.«

Sein Vater, _Kert_, war zur Zeit der Sultane _Ghurs_ einer ihrer Emire und gehörte zu den nächsten Umgebungen Sultan Schihabeddin's, des neunten Herrschers von Ghur, welcher vor Sultan Mohammed Chuaresmschah sich nie gebeugt. Zu Beginn der Regierung Mengkukaan's, als wider diesen Jesui Menluk, der dritte Sohn Dschagatai's, ein Heer gerüstet, ward Schemseddin Kert geschlagen und flüchtete zu Batu, fand sich aber, sobald Mengku die Prinzen, seine Nebenbuhler um den Thron, aus dem Wege geräumt, am Hofe desselben huldigend ein. Er trug vor, dass, weil er bei der Annäherung des Heeres Tschengischan's demselben huldigend entgegengekommen, er von demselben mit dem Lande Ghur[526] mit dem tiefeingeschnittenen Schluchtlande des nordöstlichen Sistan's ober Kabul und mit Ghardschistan, dem nördlich von Ghur unter Balch gelegenen Gebirgslande belehnt worden sey. Mengku bestätigte ihm nicht allein den Besitz der beiden Gebirgslandschaften von Ghur und Ghardschistan[527], deren Einwohner derselbe Schlag von Menschen, durch Diplom und das Ehrenzeichen des Löwenkopfs, sondern schlug noch Herat und Nimrus, jenes östlich, dieses südlich von Ghur (das eigentliche Sistan), dazu. Schemseddin begab sich in den Dienst Arghun's, des Statthalters in Chorasan, und erhielt von demselben das ganze Land bis an die Ufer des Oxus in Acht und Pacht. Auch Hulagu hatte denselben mit Ehren und Geschenken ausgezeichnet, aber schon im Jahre nach der Eroberung Bagdads [RN: 658/1259] (bei welcher er nicht im Heere Hulagu's erschienen) entbrannte wider ihn der Zorn Hulagu's in so hohem Grade, dass er dem wider ihn gesandten Heerführer Tegur den Auftrag gab, ihm die Haut Schemseddin Kert's mit Stroh ausgestopft zu schicken. Kert schlug nicht nur die Truppen Tegur's, sondern auch ein zweites, wider ihn gesandtes ilchanisches Heer zu Schelaun, an der Gränze Herats, sandte aber dann Botschaft der Unterwürfigkeit und Geschenke an Hulagu und erhielt dessen Verzeihung. Als er, am Hofe angelangt, von Hulagu befragt ward, warum er ohne Befehl den Statthalter von Nimrus getödtet, antwortete er schlagfertig: »damit der Padischah an ihn nicht dieselbe Frage stelle, wie jetzt an mich.« Dem Hulagu gefiel die Antwort, und er nahm den Herrn von Herat und Ghur wieder zu Gnaden auf; Schemseddin machte in Hulagu's Geleite den Feldzug wider Berke mit und erwarb sich dessen Zufriedenheit durch Tapferkeit und Ergebenheit; aber in dem Feldzuge wider Chorasan fiel er in die Ungnade Abaka's, weil er der Einladung des Prinzen _Tebsin_, in dessen Lager zu erscheinen, nicht Folge geleistet, in seinem festen Schlosse von Chaisar fest sass. Abaka sandte Truppen, um denselben durch Gewalt zu bezwingen. Schemseddin machte Vorstellungen wider diese Massregel, wodurch Chorasan von neuem verheert werden würde; er bat den Ilchan, die Schlichtung dieses Geschäfts seinem Sohne Chodscha Behaeddin, dem Statthalter von Issfahan, zu überlassen.

[Randnote: Briefwechsel zwischen den beiden Schemseddin (Kert und Dschuweini)]

Schemseddin Kert, an hohem Muthe und Geist ein würdiger Zeitgenosse und Nebenbuhler des Wesirs Schemseddin Mohammed Dschuweini, sandte an diesen, als er die Annäherung der wider ihn gesandten Truppen vernahm, die folgenden Verse:

Wer schickt nach Chata Botschaft an den Türkenchan? Ist nicht _Nimrus_ das Vaterland von _Purdestan_[528], Von dessen Schwerte und von dessen Stiereskeule Das Haus Efrasiab's noch heute trägt die Beule?

Schemseddin Dschuweini, um als Dichter nicht zurückzubleiben und um die Sache in Gutem beizulegen, sandte Schemseddin Kert das folgende Schreiben, halb in Versen, halb in Prose:

»Reichsglanz, o König _Schemseddin Mohammed Kert_, In dem der König und der Engel[529] sich bewährt. Wie schwer dem Herzen deine Trennung fällt zur Last, Wird nicht von Genien, von Menschen nicht gefasst. O Du von hellem Sinn und von wahrhaftem Wesen, Es ziemt sich, dass, wenn du diess Schreiben hast gelesen, Du, wie der Wind, entflammst der Wunscherreichung Gluth, Und diesen Staub abwaschest mit der Vorsicht Fluth.

Da der Gebrauch des lieblosen Himmels und des trübseligen Erdgetümmels droht, dass sie das Begehrte und Beliebte hinter dem Schleier der Verwehrung verstecken und den Zweck des Herzens und der Seele ferne stecken, so geschieht es, dass alle Lüsten und Mühen, welche sich der Menschenliebe geben, nur Beschwerden und Gefahren nach sich ziehen, und dass sie allzumal in der Wahl der Sicherheit, wie sie dieselbe immer erfinden, nur Stoff der Entäusserung und Täuschung finden.

Weltenbrauch ist's einmal nun, Stäts das Gegentheil zu thun; Hätten wir die Eintracht nicht begehrt, Hätte Welt dieselbe uns gewährt.

O wenn Genuss zu uns doch heute wiederkehrte, Ich würde sagen ihm, wie Trennung uns beschwerte.

Der Sinn des Gesagten ist: Seit Jahren ist das Ohr der Seele und die Seele des Ohrs mit dem Schalle der Grossmuth des Königs des Islams, des Herrschers von Iran, des Chosrews der Erde, die Sonne der Wahrheit und der Religion (die Welt sei seinen Geboten und Verboten unterthänig und der Himmel seinem Vorhaben günstig!) als mit einem Ohrgehänge geschmücket und entzücket worden, und dieser elende Sklave Mohammed Ben Mohammed El-Dschuweini hat gewünscht, dass er von Angesicht zu Angesicht denselben schaue; als es nahe daran war, dass dieser Wunsch erfüllet worden ganz und gar, brach von dem Loos eine geheime Absicht der Verzögerung los (sie möge nur Gutes bewirken!); das erstaunte Herz blieb ohne Kopf und die Seele blieb nur das Ergebniss des Spruchs: _Der Gierige bleibt beraubt zurück:_

Ein Engel sitzt an des lazurnen Daches Rand, Der für die Liebenden dort bildet Scheidewand.

Seit einigen Tagen sind Boten des Prinzen Mohammed von jener Seite gekommen und haben erfreuliche Nachrichten von beglückter höchstdero Seite gebracht. Diese Kunden hatten des Messias Eigenschaft, dessen Wunderkraft Todte in's Leben rafft; der Kiel des Schreibers der Kunden hatte über die Nothwendigkeit, sich vor Seiner Majestät dem Ilchan zu hüten, sich herausgelassen; hier erkühnt man sich aber, zu schreiben, dass der Weg unnöthiger Behutsamkeit des leeren Verdachts möge verschlossen bleiben, indem der Vorsatz jener Majestät (des Ilchan's) nach Westen und nicht nach Osten steht.«

Hierauf antwortete Schemseddin Kert, wie folgt:

»Da die Tage und Nächte, die nacheinander ziehen, sich dahin bemühen, dass kein Geschöpf den Wunsch des Herzens erreiche, und dass jeder Gedanke, auf welchen man das Herz setzt[530], verändert sich nimmer gleiche, so nützen Nichts Fleiss und Streben, und Mühen und Beschwerden können keinen Gewinn geben. Jahre sind es, dass ich mit Gebet und Fasten und Bitten ohne Rasten gewünscht das verehrte Antlitz des grossen Inhabers (des Diwans), des gerechtesten und geehrtesten Wesirs, dessen Rath und That gesiegt, der die Sonne des Reichs und der Religion (seine Würde werde vermehrt!), zu sehen und demselben alten und neuen Gram zu gestehen, aber

Da mit den Feinden viel der Freund ist umgegangen, Geziemt sich nicht, von diesem Freunde zu verlangen: Hüt' vor dem Honig dich, dem Gift ist beigemischt, Und vor der Fliege, die gesessen ist bei Schlangen.

Durch die Frische der Rosenzeit und durch die Bewässerung der Jahre wurden die Banden der Eintracht und Freundschaft und die Formen der Liebe zwischen beiden Seiten befestigt und das Gebäude der Einigkeit stark und hart vor den Giftwunden alles Fremdartigen bewahrt, die Kibla der Wahrheit zugewendet, und es wurden alle Tage Briefe gesendet, einzuladen Tataren und lasterhafte Barbaren. (Hemistich)

_Was dir gefällt, gefällt mir nicht._

Diess liegt aber ausser der gesunden Vernunft Pfaden, und es ist zuwider dem reinen prophetischen Gesetze und den Ueberlieferungen Mustafas, des Freunds der Gnaden.

Besser ist's, dass Weiser einsam streife, Dass nach Winkeln er als Festen greife, Dass er trinke, küsse und ausschweife, Bis dass Welt Beständigkeit ergreife.

In diesen Tagen wird an den Sohn Mohammed kommen, was soll frommen, so Gott will, der Allgeehrte.«

[Randnote: Schemseddin's Verse: das Grün und Roth.]

Die Verse, welche Schemseddin Kert mit Schemseddin Mohammed gewechselt, sind nicht die einzigen, welche die Geschichte von diesen beiden _Sonnen der Religion_ aufbehalten; vom zweiten wird noch in dieser und in der folgenden Regierung die Rede seyn; vom ersten sprechen wir hier zum letztenmale und erwähnen daher noch zwei anderer Früchte seines Dichtertalentes, wovon das eine nur von geringem poetischem Werthe, weil das grösste Verdienst desselben im Wortspiel, das andere aber so merkwürdiger, als es in Europa neuer Beitrag nicht zur ethnographischen, wohl aber zur ethographischen Farbentheorie der Morgenländer. Das erste, eine Antwort an _Siadeddin_, das ist _Glanz der Religion_, den König von Kabul, mit welchem Schemseddin in grosser Zerwürfniss und Bewilderung. Jener schrieb ihm:

Aus Groll gen Kabul wollte ghurscher Junge Nicht lösen zum Gespräch mit mir die Zunge; Du bist die _Sonn'_, ich _Glanz_; ein Jeder weiss, Die Sonne macht durch Glanz nur hell und heiss.

Schemseddin Kert entgegnete hierauf:

Du, deiner nicht bewusst, nimm dich in Acht! Warum hast Feindschaft du mit mir gemacht? Ich bin die _Sonne_ und du bist der _Glanz_, Der von der Sonne kommt; was will der Glanz?

Die zweiten Verse sind zum Lobe des _Grünen_ im Gegensatze mit dem _Rothen_, worunter aber keineswegs das Grün der Erde, des Meers oder Smaragds, oder das Roth des Morgens oder der Blumen oder des Rubins, sondern ganz ein anderes Grün und Roth verstanden wird. Ohne nähere Belehrung hierüber würde das folgende Lob des _Grünen_ und _Rothen_ einem Abendländer eben so unverständlich sein, als einem Morgenländer die _grüne_ und _blaue_ Partei des Rennplatzes gleich Eingangs der Commentare Mark Aurel's. Die Farben des Lebens und Todes des Morgenländers sind, wie bei den Abendländern, das Weiss der Tage und das Schwarz der Nächte, jenes Glück, dieses Unglück vorbedeutend, worin er mit dem Abendländer übereinstimmt; aber schon bei dem Unterschiede der Menschenrassen setzt jener den Schwarzen nicht die _Weissen_, sondern nur die _Rothen_ entgegen; so ist Mohammed der an die _Rothen_ und _Schwarzen_, d. i. an alle Rassen der Menschen, gesandte Prophet; die _Rothen_ sind jenen die blutigen Säbel und der gewaltsame Tod, die _Schwarzen_ die giftgeschwollenen Schlangen und der Tod durch die Pest; dem _Schwarzen_ steht das _Grün_ entgegen; dem _schwarzen Korn_, die Begier, das jedem Menschensohn in die Brust gepflanzt ist, und das nur dem Propheten durch Gabriel der gespaltenen Brust entnommen ward, ist entgegengesetzt das _grüne_ Korn der Mystiker, welches, durch Beschauung gross gezogen, in der Brust des Menschen zum Baume des Lebens und der Erkenntniss aufwächst. Das _grüne Korn_ in rein sinnlicher Bedeutung ist aber das des Bilsenkrauts und des daraus bereiteten Opiats als Berauschungsmittel, im Gegensatze des _Rothen_, d. i. des Weins. Schemseddin, dem Genusse des ersten ergeben, sang zum Lobe desselben die folgenden Verse:

Der Reiche, welcher trinket Wein, wird warm, Die Welt füllt sich für ihn mit Lust statt Harm. Ich giess' Smaragd in den Rubin gelinde[531], Damit das Aug' der Gramesschlang' erblinde[532]. Wenn Staub des grünen Korns versüsst das Maul, Besteige ich des Himmels grünen Gaul; Mit _Grünen_ ess' ich _Grünes_ in dem _Grün_, Bis dass mein Staub wird einst als Pflanze grün.

Wassaf entgegnet hierauf zum Lobe des _Rothen_:

_Rothe_ Rose, _rother_ Wein und _rothe_ Wangen; Trink', so lang noch frisch und _roth_ ist das Verlangen; Gilb' nicht dein Gesicht mit Gram, denn _blau_ ist Himmel, Wenn auch _schwarz_ und _weiss_ des Tags, der Nacht Gewimmel.

Behaeddin, der Sohn Schemseddin Dschuweini's, beredete zwar den Herrn Herats, sich an den Hof Abaka's zu begeben, aber dieser liess ihn im Schlosse von Tebris einsperren, wo er bald hierauf starb, wie es heisst, durch Gift, das er im Ringe trug und selbst in die Speise gemischt haben soll. Die Meinung von seiner Listigkeit war so gross, dass der zur Begräbniss bestellte Emir, fürchtend, er möge sich nur todt stellen, um dann zu entwischen, ihn in zwei ineinander geschachtelte Särge legen und beide in seiner Gegenwart fest vernageln liess[533]. Das auf seinen Tod verfasste Distichon finde hier Raum, weil dasselbe, wie die obigen Verse, sich auf eine dem Morgenländer eigene Sitte, nämlich auf die der Orakelverse aus dem aufgestochenen des Korans beziehen. Dieses Aufstechen heisst _Fal_, was vielleicht dasselbe mit dem deutschen und englischen _Fall_[534].

[Randnote: Schewwal 676/März 1278]

Im Jahr sechshundert sechs und siebzig im Schewwal, Da schlug in dem Koran das Schicksal auf als _Fal_ Dem Leu'n des Islams, der genannt _Mohammed Kert_, Den Vers: _Verfinstert ward die Sonne allzumal_.

[Randnote: Die Niguderischen Banden in Fars; Lob der Mongolen aus dem Munde Wassaf's.]

Das Todesjahr Schemseddin Kert's, dasselbe, in welchem in Europa Rudolph von Habsburg die Macht seines Hauses nach dem Siege über Ottokar befestigte, war für Persien ein unheilbringendes durch die Vergiessung seines Herzblutes in Fars durch den Einfall und die Verheerung der Niguderischen Banden[535], d. i. die Truppen des dschagataischen Prinzen Niguder, welcher, wie oben erzählt worden, auf Borrak's Schreiben aus dem Lager Abaka's entwichen, im Norden eine Zeit lang den Krieg fortführte, welchen nach seinem Tode seine Heere durch Raub und Verheerung fortsetzten, wie ehemals nach dem Sturze Chuaresmschah's die chuaresmischen Banden in Syrien. Die niguderischen Banden bestanden aus Raubgesindel aller Nationen, aus Scholen, Mongolen, Turkmanen und Kurden. Sie fielen in Fars im Distrikte _Korbal_ ein und schlugen das persische Heer zu _Teng Schikem_, wo die Emire desselben die Brücke so abgebrochen hatten, dass nur für Einen Mann Raum zum Uebergang. Zwei Vögte Abaka's ertranken im Flusse, nur _Bulghtuwan_ hieb sich mit dreihundert Reitern durch den rechten Flügel der Feinde und rannte, indem er die Brücke hinter sich verbrannte, fliehend bis Issfahan; der Rest des Heeres wurde zerstreut oder ertrank. [RN: 17. Ramasan 677/1. Febr. 1278] Korbal wurde geplündert, dreitausend verschnittene Pferde wurden sammt einer Horde von Mädchen und Knaben weggeschleppt. Drei Jahre später [RN: 680/1281] überschwemmten die mongolischen Banden abermal Germsir, d. i. die südlichste Landschaft von Fars, und wandten sich dann gegen Sistan; jeden Winter fürchtete man zu Schiras ihre Rückkehr und war mit Ausbesserung der Mauern beschäftigt, denn auf die verweichlichten Truppen von Fars war kein Vertrauen zu setzen. Wassaf setzt der Schilderung der Weichlichkeit von jenen die der Tapferkeit der Mongolen mit folgenden Worten entgegen:

»Wenn die Braven der alten Zeit, denen noch nach Jahrtausenden die Erzählungen der Kunden in Vers und Prose geweiht, und deren Mannhaftigkeit und Tapferkeit die Gemälde der Bücher und Blätter weit und breit, wieder zur Welt zurückkämen, so könnten sie auf der Rennbahn ritterlicher Waffenthat in den Sitten und Gebräuchen der Schlacht von jedem einzelnen Mongolen Lection nehmen und Nichts Besseres thun, als im Dienste ihres Steigbügels die Satteldecke auf die Schulter zu nehmen. Wenn die berühmtesten Bogenschützen vergangener Völker, von den Arabern die Stämme _Siraa_ und _Kara_ und von den vier persischen Dynastien die berühmtesten vier Schützen, nämlich: _Aresch Schefatir_[536], _Isfendiar Rujinten_[537], _Koresch Aschghan_[538] und _Behramgur_[539], deren Bogenkunde das Buch von den _Graden der Reiter_ so umständlich ausführt und commentirt; wenn diese den Flug der Geschosse der Mongolen, die Stärke ihres Arms, die Spannung ihrer Bogen, die Wirkung ihrer Pfeile erführen, so würden sie sich nur als Verwundete des Pfeiles der Eifersucht getroffen vor dem Geschosse der Schmach und den Pfeilen des Schmerzes prostituiren. Ueber die Heftigkeit und Hartherzigkeit, die Gewaltsamkeit und den Grimm der Mongolen, über ihr Talent, Schwierigkeiten zu besiegen, und die zu erniedrigen, die ihnen unterliegen, über ihre Kunst, zu kriegen und Helfer anzufesseln ihren Siegen, ist es überflüssig, Etwas zu wiederholen: _Was thut Saturnus Noth, wenn du die Sonne schaust!_ Sie gewähren der Gelegenheit die Macht, mit kühnem Herzen einzig in der Kraft durch Geduld Alles zu verschmerzen, listiger als der Fuchs, wenn sie Etwas verfolgen; am Tage der Schlacht spalten sie die Herzen der Löwen mit Macht und brechen den Damm der Zufälle, so dass es kracht. Die Ueberlieferung von Nassir Ben Sejar, einem der Rechtsgelehrten Turkistans, bestätigt diese Worte und steht hier an ihrem Orte. Man sagt, dass der Kämpe der vollkommene zehn Eigenschaften der Thiere besitzen müsse: die Tapferkeit des _Hahns_, die Milde des _Huhns_, das Herz des _Löwen_, den Anfall des _Schweins_, die Geduld des _Hundes_ in Ertragung von Wunden, die Behutsamkeit des _Kranichs_, die List des _Fuchses_, die Vorsicht der _Raben_, die Raubsucht des _Wolfs_ und die Ruhe der _Katze_. Diese Lehre schärfen sie bei jeder Gelegenheit ein. Mit Billigkeit muss man gestehen und zugeben, dass das Werk der Welteroberung und Reichszertrümmerung für dieses Volk ward gegeben; ihre Folgsamkeit für die Befehle ihrer Befehlshaber, ihre Sorgfalt, sich von aller Empörung zu enthalten, ihre Hut von Haus und Gut ist von allen Vernünftigen geschätzt und ausser Zweifel gesetzt.«

[Randnote: Verhältnisse mit Aegypten; natürliche Politik.]