Geschichte der Ilchane, das ist der Mongolen in Persien

Chapter 14

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Die Anordnung der verschiedenen Heereskörper, welche vermöge Hulagu's Befehl nun Bagdad von allen Seiten umzingelten, ist eines der schönsten Zeugnisse für Hulagu's grosses Feldherrntalent. _Dschurmaghun_ und _Baidschu Nujan_, die beiden in den persischen Feldzügen ergrauten Feldherrn, welchen aber seit Hulagu's Eintritt in Persien ihr Standort in Kleinasien angewiesen worden, befehligten den rechten Flügel, der, von Irbil und Mossul heranrückend, über die Brücke von Mossul ging und sich auf der Westseite von Bagdad niederliess. Mit ihnen vereinten sich die Prinzen _Bulgha_, _Kuli_, _Kotar_ (der Enkel Batu's) und die persischen _Buka Timur_ und _Sundschak Nujan_, welche die Strasse von Schehrsor über _Dakuk_ heranzogen. _Keitbuka_, der Befehlshaber des Vortrabs beim Einmarsche Hulagu's in Persien, mit _Kurusun_ und _Ilka_ kamen mit dem linken Flügel von Seite Luristan's und Chusistan's. Hulagu selbst stand mit dem schweren Gepäcke des ganzen Heeres im Mittelpunkte zu Hamadan und brach in den ersten Tagen des Januars des Jahres tausend zweihundert acht und fünfzig, gerade zwei Jahre nach dem Uebergange über den Oxus, gegen den Tigris über Kermanschahan und Holwan auf. In seinem Geleite die grossen Emire _Köke Ilka_ und _Arghunaga_, die beiden Bitekdschi (Kanzler) _Karakai_ und _Seifeddin_, der Staatssekretär _Alaeddin Athamülk_ von _Dschuwein_, der grosse Geschichtschreiber, und _Nassireddin von Tus_, der grosse Astronom; jener, um die Thaten und Begebenheiten des Feldzugs zu beschreiben, dieser, um die durch den Lauf der Gestirne angezeigten günstigen Stunden anzugeben; jener die Feder, dieser der Zeitmesser des Feldzugs. Von Esedabad aus sandte Hulagu abermal einen Gesandten nach Bagdad, um den Chalifen zur Uebergabe aufzufordern, und zu _Deinewer_ erschien abermal _Ibnol Dschewsi_, der Gesandte des Chalifen, mit dem Antrage: die Summen, welche Hulagu aussprechen würde, jährlich in dessen Schatz abzuführen, und mit der Bitte: dass das Heer zurückkehren möge. Hulagu antwortete: Da wir schon so weit gekommen, um den Chalifen zu sehen, wie sollen wir nun umkehren, was nach persönlicher Zusammenkunft geschehen mag. Von Deinewer ging der Marsch über _Kuh Girdaa_, und am siebenten Tage nach dem Aufbruche von Hamadan ward Kermanschahan geplündert und verheert. [RN: 7. Moharrem 656/13. Januar 1258] Von hier wurden Eilboten abgefertigt, um die Ankunft von Sundschak, Baidschu und Suntai zu beschleunigen; sie warteten zu _Takkesrai_ und brachten als Gefangene den Ibek von Haleb und Seifeddin Melik mit sich, welche sie streifend aufgegriffen. Hulagu schenkte Beiden das Leben und machte sie zu Dienern der Schildwachen[296]. Die Emire wurden, mit schmeichelhaften Beweisen von Gunst und Freigebigkeit überhäuft, zurückgesendet, um auf das Eheste den Uebergang über den Tigris auf der westlichen Seite von Bagdad zu bewerkstelligen. Von dort holten die Verräther des Heeres des Chalifen die beiden Chuaresmier _Kara Sankor_ und _Sultandschuk_, die Befehlshaber der mongolischen ein; Kiptschak schrieb an den ersten: Du und ich sind von Einem Stamme (Türken); wir haben uns unterworfen und befinden uns gut dabei, thuet desgleichen. Kara Sankor antwortete in dem Sinne des Astronomen Hosameddin: Wie sich ein neu aufgeschossener Zweig, wie die Herrschaft der Mongolen, mit dem schon ein halbes Jahrtausend wurzelnden Stamme des Chalifats messen könne? Wenn sich Hulagu unterwerfen wolle, würde man trachten, durch Vermittelung des Diwitdars den Frieden vom Chalifen zu erwirken. Hulagu, als man ihm dieses Schreiben brachte, lachte darüber und sagte: Meine Hilfe kommt von Gott und nicht vom Gold; wenn er mir hilft, was kümmert mich die Zahl der Heere des Chalifen[297].

[Randnote: Bagdad's Belagerung.]

Ein neuer Gesandter ward nach Bagdad abgefertigt, um den Chalifen zur Unterwürfigkeit aufzufordern, und zugleich nach Holwan aufgebrochen, wo eine Woche gerastet ward. Indessen gingen die Emire Baidschu, Buka Timur und Sundschak über den kleinen Tigris und standen am Kanale _Nehr Isa_. Sundschak erbat sich von Baidschu die Erlaubniss aus, den Vortrab des westlichen Heeres gegen Bagdad zu befehligen, und nachdem er dieselbe erhalten, rückte er bis _Dscherbije_ vor. _Mudschahideddin Ibek_, der kleine Diwitdar, und _Fetheddin Ibnol-Kerr_, die Feldherren des Chalifen, waren mit zehntausend Mann bei Jakuba über den _Diala_ und dann über den Tigris gegangen und trafen mit dem mongolischen Vortrabe in der Gegend von _Enbar_[298], neun Parasangen westlich von Bagdad, zusammen. Fetheddin Kerr wollte die Schlacht hier nicht wagen, aber die Ungestümme des Diwitdar zwang ihm dieselbe auf. Der Sohn Kerr's, um seinen Sinn kund zu geben, dass er auf dem Schlachtfelde feststehen und dasselbe keineswegs als Flüchtiger verlassen wolle, ritt statt eines Pferdes ein Maulthier, dessen Hufe so schwer mit eisernen Schienen beschlagen, dass es zur Flucht untauglich[299]. Die Schlacht dauerte den ganzen Tag und endete mit der Vernichtung des Heeres des Chalifen, von welchem der Diwitdar nur der Selbdritte entfloh. Als er mit der Nachricht des verlorenen Heeres vor dem Chalifen erschien, der eben Schah spielte, sagte dieser blos dreimal: _Gott sei Dank für das Heil Mudschahideddin's_. Moteaassim's an Blödsinn gränzende Sorglosigkeit und Unwissenheit ging so weit, dass, als man ihm die erste Nachricht brachte: die Vorposten der Mongolen hätten bereits die Höhen von _Hamrin_ (das von Westen nach Osten zwischen dem Euphrat und Tigris nach Tekrit laufende niedere Gebirge) passirt, er fragte: wie das wohl möglich? Man antwortete ihm: »Das Heer der Tataren, die wie die Meeresfluthen einherfahren, überfliegt der Berge Gipfel wie der Adler Schaaren; da sie den Damm von Gog und Magog für Spinngeweb' ansehen, was soll auf des Hamrin's Höhen aus ihren Hufen wohl anders erstehen, als Staub, was soll aus dem Sturme, in dem sie daherfahren, wohl anders aufgehen, als Feuer und Raub«[300]. In der Hälfte des Moharrem [RN: 14. Moharrem/21. Januar 1258] stunden die drei Nujane, Baidschu, Buka Timur und Sundschak auf der westlichen Seite des Tigris vor Bagdad, während Keitbuka und die mit ihm von Nachaire kamen, und Hulagu mit dem schweren Gepäcke zu Chanikin stand. Am folgenden Tage lagerte er an der östlichen Seite von Bagdad, das nun von allen Seiten, wie von Ameisenzügen und Heuschreckenschwärmen, und nach der mongolischen Belagerungsweise sogleich mit einer Mauer, oder, um richtiger zu sprechen, mit einem in aller Eile aufgeworfenen Erddamme eingeschlossen ward. Dienstags den neun und zwanzigsten Januar begann der Kampf. [RN: 22. Moharr./29. Januar] Hulagu stand auf der Heerstrasse von Chorasan, gegenüber dem persischen Bollwerk, Ilka Nujan vor dem Gülwadischen Thore, die drei Prinzen, Enkel Dschudschi's, mit Schiramun und Arktin vor dem Thore des Sultansmarktes, Buka Timur auf der Südwestseite an den Mühlen, Baidschu und Sundschak auf der Westseite gegenüber dem Spitale, welches Adhaddewlet, der grosse Herrscher aus dem Hause Buje, der erste zu Bagdad, gebaut. Die Belagerungsmaschinen waren vorzüglich gegen das persische Bollwerk gerichtet und in demselben bald Wallbruch gemacht. Nun sandte Moteaassim den Wesir und einen Bischof[301] mit der Botschaft, er füge sich dem Verlangen des Padischah, welcher verlangt, dass ihm der Wesir gesendet werde; -- »diess«, antwortete Hulagu, »war mein Begehren zu Hamadan, wie soll ich mich aber vor Bagdad's Thoren mit Einem begnügen? Es sollen auch die drei anderen Säulen der Herrschaft des Chalifen erscheinen, der Diwitdar, der Scherabdar und Suleimanschah, der Oberbefehlshaber des Heeres.« Am folgenden Tage erschien der Wesir mit einer Schaar von Vornehmen, aber ohne die verlangten Drei. Hulagu sandte sie zurück; er befahl, ein an die Richter, Scheiche, Danischmende (Studenten), Arkaune (christlichen Priester) von Bagdad gerichtetes Diplom, wodurch denen, die sich friedlich halten würden, das Leben zugesichert ward, in sechs Abschriften von sechs Seiten der Stadt durch Pfeilflug in dieselbe abzufertigen. Die Wurfmaschinen schleuderten in Ermangelung von Steinen Thonflötze, die man von Hamrin gebracht, und abgehauene Palmen wider das persische Bollwerk, das Freitags am ersten Februar zu Boden sank. [RN: 25. Moharrem/1. Februar]

[Randnote: Bagdad's Eroberung.]

Am fünften Februar standen Hulagu's Krieger bereits auf der Mauer des Bollwerks, während auf der anderen Seite die Prinzen noch nicht bis an den Fuss der Mauer vorgedrungen waren. Hulagu sandte ihnen ausscheltendes Wort und befahl zugleich, Brücken zu schlagen. [RN: 28. Moharr./4. Febr.] Buka Timur wurde mit einem Toman, d. i. mit einer Abtheilung von zehntausend Mann, auf der Heerstrasse von Medain und Bassra befehligt, um die, so etwa mit den Schiffen auf dem Tigris zu entfliehen versuchten, aufzufangen. Der Diwitdar, welcher auf diese Weise mit mehreren Schiffen zu entkommen hoffte, wurde aufgehalten, drei Schiffe genommen, die anderen versenkt oder zerstört. Auf diese Nachricht entsank dem Chalifen aller Muth zu fernerem Widerstande; er sandte den Fachreddin von Demaghan und den Ibn Dernus mit wenigen Geschenken; denn er fürchtete, dass, wenn er viele sendete, die Grösse derselben für den Maassstab seiner Furcht gelten könnte. Hulagu wies dieselben mit den Ueberbringern zurück. Am folgenden Tage kam Ebulfadhl Abderrahman an der Spitze aller Grossen mit grossen Geschenken; aber auch diese wurden nicht genehmigt. [RN: 29. Moharr./5. Febr.] Hulagu sandte den Nassireddin von Tus als Gesandten in die Stadt; welcher Triumph für den rachsüchtigen Astronomen, welcher seiner Empfindlichkeit für die Verschmähung seiner Verse die Stadt des Heils und das Heil des Chalifats geopfert, welcher Triumph für ihn, dem Chalifen nun im Namen des Siegers Gesetze vorzuschreiben! Am folgenden Tage kehrte er zurück, und Hulagu sandte die aus der Stadt gekommenen drei Gesandten, den _Fachreddin Demaghani_, den _Ibnol Dschewsi_ und _Ibn Dernus_, mit dem Begehren, dass Suleimanschah und der Diwitdar erscheinen mögen. Sie erschienen wirklich zwei Tage hernach. [RN: 1. Ssafer/7. Februar] Hulagu sandte sie wieder in die Stadt zurück, um die Ihrigen mit sich zu bringen. Die syrischen und irakischen Truppen und eine Menge Volkes benützten diese Gelegenheit, um die Stadt zu verlassen und sich in's Lager der Mongolen, wo sie Rettung und Sicherheit zu finden hofften, zu begeben; sie wurden in Tausende, Hunderte und Zehn abgetheilt, den mongolischen Befehlshabern der Tausender, Hunderter und Zehner übergeben und von diesen regelmässig umgebracht. Abgeordnete kamen aus der Stadt, um das Leben der noch Zurückgebliebenen zu erflehen, die Alle unterwürfig. Hulagu begehrte, dass der Chalife seine Söhne sende und selbst komme. Während diesen Unterhandlungen ward einem Inder Bitekdschi, der bei Hulagu in grossem Ansehen, ein Auge ausgeschossen; Hulagu, hierüber ergrimmt, wollte nun von weiterem Aufschub nicht mehr hören. Er befahl dem Nassireddin von Tus, sich an's Thor der Wettrenner[302] zu begeben und die Einwohner mit Zusicherung des Lebens herauszuführen; als diess geschehen, wurden sie Alle niedergemacht. [RN: 2. Ssafer/8. Febr.] Suleimanschah wurde mit Siebenhundert der Seinen in die Gegenwart Hulagu's geführt. Dieser fragte ihn: Wie kommt's, dass du, ein Sternkundiger, nicht den Frieden vorgezogen und deinem Herrn nicht dazu gerathen? Suleimanschah erwiederte: Der Chalife ist an Geist und Glück verwahrlost und leiht denen, die es wohl mit ihm meinen, kein Ohr. Suleiman und seine Siebenhundert wurden niedergemetzelt, so auch der Diwitdar und dessen Sohn, und die drei Köpfe an Bedreddin Lulu, den Atabegen von Mossul, gesandt, der, ein Freund Suleimanschah's, seinen Tod beweinte, aber nothgedrungen, um nicht seinen Kopf zu verlieren, den des Freundes an dem Thore seines Palastes aufhängen musste. Nach diesem tragischen Ende seiner Getreuesten rief der Chalife seinen Wesir und fragte ihn, was zu thun; dieser antwortete ihm mit dem arabischen Distichon:

Sie wähnen, es sei leicht, Geschäft zu schlichten, Indess das Schwert sich schärft, um hinzurichten.

Endlich begab sich der Chalife, mit seinen drei Söhnen und von dreitausend Seiden, Imamen, Scheichen und Kadis begleitet, Freitags den zehnten Februar zu Hulagu. [RN: 4. Ssafer/10. Febr.] Dieser empfing ihn ohne Merkmal des Zorns und begehrte kalt und ruhig, der Chalife möge Wort in die Stadt senden, dass die Einwohner die Waffen wegwerfen und zur Zählung herauskommen möchten. Der Chalife gehorchte und Bagdad's Einwohner gingen wie Schafe zur Schlachtbank, denn statt gezählt zu werden, wurden sie ungezählt Alle getödtet, der Chalife und seine Söhne in Zelte gewiesen vor dem Gülwadischen Thore, wo der Standort Keitbuka's. Drei Tage hernach begann die allgemeine Plünderung. [RN: 7. Ssafer/13. Febr.] Alle Paläste und Gebäude wurden niedergebrannt, bis auf einige wenige, ausdrücklich ausgenommene Häuser von _Arkaunen_, das ist nestorianischen Priestern und Fremden. Die Priester dankten diese Schonung vermuthlich Niemanden Anderem, als ihrer Glaubensgenossin, der ersten Gemahlin Hulagu's, der grossen Frau _Tokus_, der Keraitin, welcher im Lager Kapelle mit Glockengeläute gestattet ward. Unter den Fremden sind vielleicht fränkische Kaufleute gemeint, Venezianer und Genueser, welche sich zu Bagdad des Handels willen aufhielten.

[Randnote: Blutbad und Hinrichtung des Chalifen.]

Freitags am fünfzehnten Februar begab sich Hulagu selbst in die entvölkerte, niedergebrannte, verheerte Stadt und ordnete auf den Ruinen derselben Feste an. Er liess den Chalifen vorführen und sagte ihm: Du bist der Gastgeber und ich der Gast; tische uns also auf, was du hast. Der Chalife zitterte und hatte aus Furcht alle Besinnung verloren, so dass er die Schlüssel zu den Schatzkisten, die er ausliefern sollte, nicht fand. Die Kisten wurden erbrochen und er brachte huldigend dem Sieger zweitausend Kleider und zehntausend Goldstücke nebst vielen Juwelen und anderen Kostbarkeiten dar. Hulagu würdigte das Geschenk keines Blickes und befahl, es unter die Emire und die nächste Umgebung zu vertheilen. Dann herrschte er weiter: Was über der Erde von deinen Schätzen, ist klar und offenbar; doch nun entdecke uns auch die unterirdischen. Der Chalife gab die unterirdische Cisterne an, bei deren Anblick sein Urgrossvater _Nassir_ so oft seufzte, dass er dieselbe trotz seines Zusammenscharrens von Gold nicht damit ganz füllen, sein Vater _Mostanssir_, dass er dieselbe trotz seiner verschwenderischen Freigebigkeit nicht ganz leeren konnte. Moteaassim's Geiz hatte den durch des Vaters Freigebigkeit entstandenen Abgang wieder ausgefüllt. Hierauf wurde das Frauengemach des Chalifen gezählt; es waren siebenhundert Sklavinnen und tausend Verschnittene. Der Chalife, als er den Zählungsbefehl vernahm, bat um Schonung dieser, selbst von Sonne und Mond nie geschauten Schönheiten. Hulagu erlaubte ihm, hundert auszuwählen. Mit sinkender Nacht kehrte Hulagu aus der Stadt wieder in's Lager zurück und befahl dem Sundschak Nujan, die Schätze des Chalifen in Besitz zu nehmen; die seit einem halben Jahrtausend aufgehäuften Schätze wurden rings des Herrscherzeltes aufgeschichtet; die edelsten Wallfahrtsstätten, wie die Moschee des Chalifen, die Grabstätte Musa's, die Grabmäler von Rossafa, wurden geplündert; die noch übrigen Einwohner der Stadt baten durch Scherefeddin von Meragha und Schihabeddin von Sindschar um Schonung und Vergebung; da erging der Befehl, dass das Blutbad und die Plünderung aufhöre, denn Bagdad sei sofort des Padischah's Eigenthum. [RN: 14. Ssafer/20. Febr.] Hulagu zog nach einigen Tagen, der ungesunden Luft willen, sein Lager auf einige Entfernung von der Stadt zurück; dann liess er abermals den Chalifen in seine Gegenwart fordern. Der Chalife sagte zum Wesir: Was ist zu thun? »Unser Bart ist lang«, antwortete dieser in bitterer Beziehung auf das Wort des Diwitdar's, der, als der Wesir bei der ersten Aufforderung Hulagu's gerathen, sich mit einer reichen Ladung von Schätzen abzufinden, dem Chalifen sagte: »Der Wesir hat einen langen Bart« (auf das arabische Sprichwort hindeutend: _langer Bart und kurzer Verstand_). Der Chalife bat nun den Ilchan um die Erlaubniss, sich in's Bad zu begeben, welche ihm Hulagu unter der Begleitung von fünf Mongolen gewährte. Ich wünschte nicht, sagte Moteaassim, die Gesellschaft von fünf Folterengeln, und declamirte einige Verse einer berühmten Kassidet, deren Anfang:

Wir wachten auf in einem Freudenhorte, Voll Paradieseslust und Pracht; Der Abend findet uns an einem Orte, Woran wir gestern nicht gedacht.

Am selben Tage, [RN: 14. Ssafer/20. Febr.] wo Hulagu sein Lager von Bagdad zurückzog, wurde der Chalife, in einen Teppich eingewickelt, zu Tode gerollt und unter den Hufen der Pferde zertreten; drei seiner Söhne und seine fünf Begleiter wurden im Dorfe _Wakf_ hingerichtet, und am folgenden Tage Alle die, so am Gülwadischen Thore zurückbehalten worden waren, getödtet; der jüngste Sohn des Chalifen, Mubarekschah, wurde der Gemahlin Hulagu's, der Frau Oldschai, zum Geschenke gemacht, welche ihm eine mongolische Sklavin zur Frau gab und an Nassireddin von Tus nach Meragha sandte. Am selben Tage mit dem Chalifen wurde der Wesir Alkami und der Staatssekretär, Vorsitzer des Diwan's, Fachreddin von Demaghan in die Stadt gesendet und Ali Behadir, der Steuereinnehmer, welcher das Heer während der Belagerung mit Lebensmitteln von Baakuba aus versehen hatte, zum Statthalter, der Emir Karakai Imadeddin von Kaswin zum Naib (Stellvertreter des Richters) ernannt; dem Nedschmeddin Ebi Dschaafer Amran, der den schönen Beinamen _Meliki rast_, d. i. des geraden Königs, führte, wurde die Steuereinnahme über das östliche Gebiet Bagdad's anvertraut, und dem Richter der Richter Nisameddin Abdolmumin die Aufrechthaltung der Polizei aufgetragen. Ilka Nujan und Kara Buka wurden mit dreitausend Mann zur Aufräumung des Schuttes und zur Beerdigung der Todten, zur Auferbauung der verheerten Gebäude befehligt; ein vergeblicher Befehl, denn das alte Bagdad erstand nie wieder in seinem vorigen Glanze; und als sechzig Jahre nach der Eroberung der Geschichtschreiber Wassaf Bagdad besuchte, war nicht der zehnte Theil der alten Gebäude und Bevölkerung vorhanden; dem _Ibnol Alkami_ aber, dessen Verrätherei die Hauptursache des Ruins des Chalifats, und welcher nur drei Monate die Eroberung Bagdad's überlebte, ward noch allgemein geflucht, und an den Thoren der Moscheen und Medreseen war die Inschrift zu lesen: _Gott verfluche den, der nicht fluchet dem Ibnol Alkami_[303].

[Randnote: Gesandtschaften an Hulagu; Alkami's Tod; Bibliothekenruin.]

Von Hille, das der Sitz der Seide, Prophetenverwandten, hatte der Vorsteher derselben, _Medschdeddin Mohammed Ibnol Hasan Ben Taus_ (das erste Viertel dieses viertheiligen langen Namens heisst _Glaubensruhm_, das letzte _Pfauensohn_) durch einen Gesandten ein Schreiben unterwürfigen Inhalts an Hulagu gesandt[304]. Dieser entgegnete ihnen Diplom und Geschenke durch Tekele und Ali von Nachdschiwan, welcher als Gesandter, der Emir Alaeddin der Perser als Statthalter nach Hille gingen[305]. Ihnen folgte auf dem Fusse _Buka Timur_, der Bruder der Frau Oldschai, um sich Hille's, Wasith's und Kufa's zu bemächtigen. [RN: 10. Ssafer/16. Febr.] Die Bewohner Hille's kamen ihm freundlich entgegen und erleichterten seinen Marsch, indem sie Brücken über den Euphrat schlugen. Von den Bewohnern Wasith's, das sich nicht unterwarf, wurden vierzigtausend niedergemetzelt. Von Wasith zog Buka Timur gegen Chusistan, den Schereffeddin Ibnol-Dschewsi mit sich führend, um durch denselben die Einwohner der Stadt _Schuster_ zur Uebergabe zu bereden. Bassra und die Umgegend unterwarf sich gutwillig, der Emir Seifeddin, der Bitekdschi, erbat sich hundert Mongolen als Sicherheitswache für die Grabstätte Ali's zu Nedschef; nach Verlauf von fünf Wochen war Buka Timur im Lager zurück. [RN: 19. Rebiulewwel/26. März] Ein Monat nach der Eroberung Bagdad's wurden die Gesandten des Fürsten der Ejubiden zu Haleb mit einem von Nassireddin von Tus aufgesetzten arabischen Schreiben zurückgefertigt; es lautete: »Wir haben gelagert vor Bagdad im Jahre sechshundert sechs und fünfzig und übel tagte der Morgen über die Bewohner, und wir luden den Besitzer ein; er weigerte sich; da ward an ihm das Wort erfüllt, und wir nahmen ihn gefangen. Wir laden dich ein zu Unserem Gehorsam; wenn du denselben verweigerst, ist's dein Verderben. Sei nicht wie der, der sich streitet um ein Aas, denn der Listige verliert, er weiss nicht was, sonst wirst du seyn von den Verworfenen, welche ihren Fleiss auf das irdische Leben wenden an, und die da wähnen, sie hätten Etwas für's Künftige gethan; Heil dem, der wahrer Leitung folgt!« [RN: 11. Rebiulachir/17. April] Hulagu befand sich in der zweiten Hälfte Aprils wieder bei seinem schweren Gepäcke[306] zu Hamadan, wo er seine Gesundheit pflegte, da er unwohl. [RN: 16. Rebiul. II./22. April] Fünf Tage später erschienen Ilka und die anderen Emire zur Aufwartung; sechs Wochen hernach starb Moejeddin Ibnol Alkami, [RN: 2. Dschem. II./6. Juni] welcher wenigstens dem Namen nach die Wesirschaft von Bagdad beibehalten hatte; nach dessen Tode erhielt dieselbe sein Sohn Scherefeddin. Wiewohl der Name Ibnol Alkami's nichts anderes als der eines Verräthers auf den Zungen der glaubwürdigsten Geschichtschreiber, so erfordert es doch unsere Pflicht, als solcher auch des Ehrenvollen zu erwähnen, was eine andere, freilich nicht sehr glaubwürdige Quelle von demselben meldet. Der Verfasser des _Sittenspiegels der Herrschaft_[307], welcher sich im Seltsamen zu gefallen scheint, sucht ihn von aller Schuld der Verrätherei rein zu waschen, indem er den schlechten Ruf desselben einzig als Verläumdung und aus dem Hasse und Neide der nächsten Umgebungen des Chalifen, welcher ihm sein ganzes Vertrauen geschenkt, zu erklären bemüht ist; dass er des Vertrauens des Chalifen nicht ausschliesslich genoss, erhellt schon aus dem, dass sein Rath von dem seines Gegners, des Diwitdar's, überflügelt worden, und dass ihm Hulagu nach Bagdad's Eroberung den Titel der Wesirschaft liess, beweiset keineswegs, dass er kein Verräther. Wassaf, welcher ein halbes Jahrhundert darauf seine Geschichte schrieb, bestätigt die Worte Reschideddin's, seines Zeitgenossen, und entkräftet das angebliche Vertrauen, das jenem Sittenspiegel zufolge Hulagu in ihn gesetzt haben soll, durch das, was er bei dieser Gelegenheit über die löbliche Sitte mongolischer Herrscher sagt: die Verrätherei und Anschwärzerei zwar zu ihrem Vortheile zu benützen, aber den Verräther und Anschwärzer zu verachten; seiner Verrätherei aus Niederträchtigkeit und Leidenschaftlichkeit ungeachtet, kann Ibnol Alkami sehr wohl ein gebildeter, selbst gelehrter Wesir, grosser Gönner und Freund der Gelehrten gewesen sein, der eine Bibliothek von zehntausend Bänden besass, deren viele ihm gewidmet waren; selbst der grosse Gelehrte Nassireddin erscheint in nicht viel besserem Lichte, indem ihn gekränkte Eitelkeit zur Rache an dem Chalifen durch den Ruin des Chalifats anspornte, und so stehen der gelehrte Wesir und der gelehrte Astronom leider beide von Seite ihres Charakters und ihrer politischen Grundsätze in höchst ungünstigem Lichte vor den Augen der Nachwelt. Die zehntausend Bände der Bibliothek Ibn Alkami's wurden, wie die der anderen Bibliotheken Bagdad's, von den Mongolen entweder in den Tigris geworfen oder verbrannt; binnen zwei Jahren der dritte grosse, für Bibliotheken verderbliche Brand, in welchem zu Alamut, Medina und Bagdad die Werke östlicher Weisheit, welche die Welt erleuchten sollten, ein Raub der Flammen. Durch diesen dreifachen Bibliothekenbrand binnen zwei Jahren ging nur zu sehr in leidige Erfüllung die Vorbedeutung des um zwei Jahre früheren Brandes der arabischen Wüste.

[Randnote: Irbil's grosser, wohlthätiger Fürst; das persische Königstein; die Sternwarte von Meragha.]