Geschichte der Ilchane, das ist der Mongolen in Persien

Chapter 12

Chapter 123,306 wordsPublic domain

In die vierzigjährige Regierung Kadirbillah's, des fünf und zwanzigsten Chalifen, des Enkels Moktedir's, fällt das Ende der Herrschaft der Beni Buje und der Beginn der Grösse der Sultane von Ghasna, welche aber zu ferne, um unmittelbaren Einfluss auf die Schicksale Bagdads zu nehmen. Nichtsdestoweniger ertheilte ihnen der Chalife Ehrentitel, indem er dem Vater Sebugtegin den _der rechten Hand des Hofes und des Intendenten des Volkes_[248] beilegte, wie die Fürsten der Buje der _Bewahrer_[249], der _Arm_[250], der _Ruhm_[251], der _Adel_[252], das _Schwert_[253], der _Werth_[254], die _Säule_[255] und die _Ehre_[256], der _Veredler_[257], die _Erhabenheit_[258] des Reichs und des Hofs geheissen hatten; fünf und vierzig Jahre alt, als er den Thron bestieg, füllte _Kadir_, d. i. der Mächtige, denselben vierzig Jahre lang, wenn nicht mit Macht, doch mit Anstand und Würde, war genau und eifrig in Vollziehung der vorgeschriebenen Religionspflichten im Gegensatze seiner Vorfahren, welche Wüstlinge und Schlemmer, schrieb ein Buch wider die Schismatiker, welche die Lehre, dass der Koran erschaffen, vertheidigen, welches alle Freitage in der Moschee vorgelesen ward; nur wurde seine lange Regierung häufig durch die blutigen Streitigkeiten der Sunni und Schii getrübt, weil er die letzten auf Kosten der ersten begünstigte. In dem ersten dieser Religionsaufruhre wurde der Wesir Behaeddewlet erschlagen, weil er die Todtenfeier des Martyrthums Husein's abstellen wollte. [RN: i. J. 382/992] Neun Jahre hernach empörten sich die Ketzer, indem sie die Einführung eines neuen Festes, nämlich des schiitischen des _Teiches_, durchsetzten[259]. [RN: 389/998] Zehn Jahre hernach, im selben, wo ein heftiges Erdbeben die Stadt dreimal, und Hakimbiemrillah die Kirche, das heilige Grab zu Jerusalem in Schutt verwandelte, schlugen sich die Sunni und Schii in den Strassen von Bagdad. [RN: i. J. 407/1016] Neun Jahre später wurden die Ketzer zu Wasith von den Sunni geschlagen und die Kuppel der grossen Moschee zu Jerusalem stürzte ein. Schon im nächsten Jahre [RN: i. J. 408/1017] entbrannte der Kampf zwischen ihnen umso heftiger zu Bagdad; und abermals nach dreizehn Jahren [RN: i. J. 421/1030] schlugen sie sich wegen des Festes _Aaschura_, d. i. des Trauerfestes Husein's. Ausser dieser so oft wiederholten blutigen Polemik wurde Bagdad von Zeit zu Zeit durch Diebsbanden beunruhigt, so dass Niemand seines Eigenthums sicher[260]. Nichtsdestoweniger brachte es Kadir dahin, dass die Beni _Okail_ in Syrien das Kanzelgebet auf seinen Namen und nicht auf den der Fatimiten verrichteten, deren angeblicher Ursprung von Ali, zu Bagdad öffentlich in den Schulen angegriffen ward. [RN: i. J. 402/1011] Die Gleichzeitigkeit _Firdewsi's_ und _Kabus Schemsolmaali's_, des Dilemiten, wie die _Hamdan's_, des Gründers der Beni Hamdan, und _Avicena's_ verherrlichte die vierzigjährige Regierung Kadir's nicht minder, als die fünf und vierzigjährige seines Sohnes _Kaimbiemrillah's_, d. i. des auf Befehl Gottes Aufrechtstehenden, durch das Aufsteigen _Toghrul's_, des Gründers der Dynastie der Seldschuken, als Beginn einer neuen Epoche, indem die Vormundschaft der Chalifen von dem Hause Buje in das der Seldschuken überging. Toghrul, von dem Chalifen um Schutz wider den übermächtigen Türken Besasiri angefleht, gewährte denselben, aber gegen die Belehnung mit der Herrschaft des Ostens und Westens mittels zweier Kopfbünde, zweier Schwerter, sieben Fahnen und sieben nacheinander angelegter Ehrenkleider, während der Chalife auf sieben Ellen hohem Throne sass. Der Chalife vermählte sich mit der Nichte Toghrul's und dieser nahm die Tochter des Chalifen zur Frau, starb aber vor Vollzug der Hochzeit siebzigjährig. Zwei Kometen[261], Erdbeben, Hungersnoth, Meeresebbe und Ueberschwemmungen verkündeten und begleiteten diesen neuen Umschwung der Herrschaft des Ostens und Westens. In Aegypten und Palästina spie die Erde Wasser[262], das Meer zog sich auf einen Tag weit von den Gestaden zurück und verschlang in unvermutheter Rückkehr die, welche in seinen aufgedeckten Tiefen nach Schätzen suchten[263]. Die Hungersnoth in Aegypten war so gross, dass seit des ägyptischen Joseph's Zeit keine grössere gedacht ward[264] und die Stärkeren die Schwächeren ohne Scheu auffrassen; durch zwei Ueberschwemmungen des Tigris[265] wurden über hunderttausend Häuser verwüstet. Solche Zeichen mussten die Herrschaft der Türken über Vorderasien verkünden; aber ausserdem ward Bagdad noch durch Diebesbanden und die Religionskämpfe der Sunni und Schii verwüstet; diese fügten zum Gebetsaufruf die Formel: _Auf! zu guten Werken!_[266] bei und schrieben auf ihre Bollwerke: _Mohammed und Ali sind die bessten der Geschöpfe; wer vollzieht, ist dankbar, wer sich dessen weigert, undankbar_; die Sunni widersetzten sich; die Grabmäler der Imame _Musa_ und _Takki_ wurden ihrer goldenen Leuchter und Lampen beraubt, die Schreine aus Ebenholz angezündet; sie verbrannten auch die Grabdome des Chalifen _Emin_ und seiner Mutter _Sobeide_, die der Bujiden _Mois_ und _Dschelaleddewlet_[267]; die Moscheen der Hanefiten wurden von den Schiiten geplündert. Sie unterliessen dafür das Kanzelgebet für den Chalifen, weil er sie zu schützen nicht im Stande, nicht Chalife und Imam zu heissen verdiene. Doch hatte er vor seinem Ende den Trost, dass der Scherif von Mekka das Kanzelgebet nicht mehr auf den Namen der Fatimiten, sondern auf den der Beni Abbas verrichtete; und unter seiner Regierung erhob sich zu Bagdad die erste, vom grossen Wesire Melekschah's von Nisameddin gestiftete hohe Schule _Nisamije_[268].

[Randnote: Die Chalifen Moktefi, Mostadhir.]

Mit Moktefi, dem Sohne Kaimbiemrillah's, dem sieben und zwanzigsten Chalifen, welcher zwanzigjährig den Thron bestiegen, setzte sich auf denselben in Chuaresm _Itsis_, einer der Emire Melekschah's, der Gründer der Dynastie der Chuaresmschahe, die erst ein Jahrhundert später zum Gipfel der Macht emporstieg. _Itsis_ liess das Freitagsgebet wieder auf den Namen des Chalifen aus dem Hause Abbas, statt auf den der Fatimiten, verrichten. Moktefi vermählte sich mit der Tochter seines Schirmvogtes, des grossen Sultan's der Seldschuken, Melekschah. Die Hochzeit war die glänzendste, welche Bagdad seit der berühmten Mamun's mit der Tochter seines Wesirs _Sehl_ gesehen; der grosse Wesir Nisamolmülk mit zweitausend Reitern begleitete die Braut; hundert vier und dreissig Reihen von Kamelen (jede Reihe zu sieben) trugen den Brautschatz, in welchem die juwelenbesetzten Pantoffeln das Hauptstück. Die Hochzeit, sowie ein Paar Jahre hernach das Geburtsfest des Sohnes Dschaafer aus der Frau Turkjan, wurde mit grossen Festen gefeiert; dem letzten wohnte Melekschah in eigener Person bei und legte bei dieser Gelegenheit den Grund der nach seinem Namen genannten Moschee Bagdad's. Nach Verlauf eines Jahres zertrugen sich der Chalife und die Tochter Melekschah's, welche zu ihrem Vater nach Issfahan zurückkehrte, weil Moktefi statt ihres Sohnes Dschaafer's den _Mostadhir_ zum Thronerben ernannte. Melekschah forderte, dass der Chalife die Erbfolge an seinen Enkel Dschaafer, den Sohn Turkjan's, übertrage, und war eben im Begriffe, ihm dieses Familiengesetz mit gewaffneter Hand aufzuzwingen, als er vergiftet starb, was von Bagdads Einwohnern der Wirkung des himmeldurchdringenden Gebetes des Chalifen zugeschrieben ward. [RN: 487/1094] Moktefi überlebte ihn nur drei Jahre und hatte seinen sechzehnjährigen Sohn _Mostadhir_ zum Nachfolger. [RN: 489/1096] Zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung ward ganz Asien durch den Schrecken der Astronomen über den Verein der Planeten, den Saturnus ausgenommen, im Zeichen des Fisches mit Vorhersagungen von Sündfluth aufgelärmt, indem zur Zeit der Sündfluth alle sieben Planeten im Fische gestanden haben sollen; wirklich schwemmte ein Wolkenbruch das Gepäck der Pilgerkarawane fort; aber verderblicher als diese Ueberschwemmung war die der Kreuzfahrer, deren Fluth bald hierauf an den syrischen Gestaden emporbrandete. [RN: 499/1105] Ein Comet von einer Grösse, dessgleichen nie gesehen worden, galt als Vorzeichen des ungeheueren Brandes, dessgleichen Bagdad noch nicht erlebt hatte, und in welchem nebst dem Palaste des Chalifen die hohe Schule Nisamolmülk's und die ganze Flussseite der Stadt in Asche gelegt ward; [RN: 511/1117] was vom Brande übrig geblieben, zerstörte ein Erdbeben. Brand und Erdbeben mussten den Tod Mohammedschah's des Seldschuken und des Chalifen vorbedeutet haben, welche bald hierauf im Zwischenraume von wenigen Monaten starben. Es war das drittemal, dass der Tod des Chalifen mit dem seines seldschukischen Schirmvogtes fast zusammenfiel; Sultan _Alparslan_ war zwei Jahre vor dem Chalifen _Kaim_[269], Sultan _Melekschah_ zwei Jahre vor dem Chalifen _Moktefi_[270] und jetzt Sultan Mohammed nur einige Monate vor dem Chalifen _Mostadhir_ gestorben, und sowohl die drei Sultane als die drei Chalifen gehörten unter die grössten und bessten Herrscher ihres Hauses[271]. _Mostadhir_, beredt, freigebig und Schönschreiber, machte den Bewohnern Bagdads angenehme und fröhliche Tage, indem seine vier und zwanzigjährige Regierung im Ganzen eine ruhige, während die siebzehnjährige seines Sohnes und Nachfolgers _Mosterschid_ das Gegentheil durch die Thronnebenbuhlerschaft der beiden Seldschuken, Mahmud und Mesud, von denen Mosterschid jenen als Oberherrn anerkennend mit sieben, diesen nur mit zwei Ehrenkleidern bekleidete. Mesud überzog in der Folge den Chalifen mit Krieg, belagerte Bagdad und nahm ihn gefangen; als aber sein Oheim Sindschar solche Verletzung der dem Oberhaupte des Islams schuldigen Ehrfurcht hoch missbilligte, setzte er ihn in Freiheit und ging sogar vor dessen Pferde, die Satteldecke desselben tragend, einher. Ein Feuerregen zu Mossul und fliegender Skorpionen zu Bagdad, an deren Bissen Viele starben, gingen dem gewaltsamen Tode des Chalifen voraus, der unter dem Dolche der Assassinen fiel. Sie hatten ihn zu ihrem Opfer ausersehen, weil er ihnen feind; ein tugendhafter Fürst, ausgezeichneter Schönschreiber, Rechtsgelehrter und Ueberlieferer, in dessen Gegenwart Lesungen der Ueberlieferungen gehalten worden. Unter seiner Regierung wurden zu Hebron in einer Felsenhöhle Leichname entdeckt, welche für die Abraham's, Isak's und Jakob's galten, deren Gräber seitdem dort der Gegenstand moslimischer Verehrung; und zu Bagdad fiel, was vordem und seitdem unerhört, mannstiefer Schnee, der vierzehn Tage liegen blieb[272].

[Randnote: Die Chalifen Raschid und Moktefi.]

Raschid[273], der Sohn Mosterschid's, der dreissigste Chalife, trat keineswegs in seines Vaters und Grossvaters Fussstapfen; wider Sultan Mesud lehnte er sich auf, indem er das Kanzelgebet zu Bagdad, statt auf dessen Namen, auf den David's, des Neffen Mesud's, verrichten liess. Mesud plünderte dafür Bagdad mit solcher Raubsucht, dass den Frauen und Sklavinnen sogar die Halsbänder und Ohrgehänge weggerissen wurden; durch sechzehn Tage und Nächte bebte die Erde zu Bagdad, und schon eilf Monate, nachdem er den Thron bestiegen, dessen ihn die Richter und Rechtsgelehrten durch ein Fetwa als unfähig erklärten, fiel er, wie sein Vater, unter Meuchlerdolch. Das Reich war so gesunken und verarmt, dass, als Raschid's Nachfolger, sein Vetter _Moktefi_, der Sohn Mostadhir's, den Chalifenstuhl bestieg, ihm kein Einkommen blieb, als der Ertrag seiner Privatgüter; aber auch diesen hätte er nicht eintreiben können, wenn ihm nicht die Sklaven Mesud's dazu verholfen hätten. Er vermählte sich mit der Schwester Sultan Mesud's, welche ihm hunderttausend Dukaten als Heirathsgut zubrachte; aber vierzehn Jahre hernach, als die Araber der Wüste die ganze Pilgerkarawane plünderten und gefangen nahmen, musste die Gemahlin des Chalifen, welche sie gefangen behielten, um hunderttausend Dukaten losgekauft werden, so dass das Heirathsgut als Lösegeld aufging. Hierauf sandte ihm Sultan Sindschar, der Oheim Mesud's, den Mantel und den Stab des Propheten, welchen Mesud, als er den Chalifen Mosterschid gefangen genommen, dem Oheim gesandt. Moktefi hatte während seiner vier und zwanzigjährigen Regierung mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen. Die Naturbegebenheiten schienen sich wider ihn verschworen zu haben, wie die Emire Sultan Mesud's, welche Bagdad belagerten und verheerten. Ein Erdbeben, in welchem dreissigtausend Menschen zu Grunde gingen, verschlang die Stadt _Hire_, an deren Stätte schwarzes Wasser aufquoll; [RN: 534/1139] in Syrien zählte man in Einer Nacht achtzig Erdstösse; Orkane und Wolkenbrüche verheerten Kleinasien und ein Comet zog flammend von Osten gegen Westen. Zu Bagdad rettete sich der Chalife nackt aus den Flammen, welche den kaum aufgebauten Palast mit der ganzen Einrichtung verzehrten. [RN: 543/1148] In Arabien regnete es Blut; aber mehr noch als alle diese Naturerscheinungen bedrängte den Chalifen der Druck seines Schwagers Schirmvogtes Mesud; wider denselben blieb dem Unterdrückten keine Waffe, als der himmeldurchdringende Pfeil des Gebetes; diesem ward der gähe Tod Mesud's zugeschrieben, durch welchen nicht nur Moktefi seines Drängers ledig, sondern auch das nun schon dreihundert Jahre auf dem Chalifate schwer lastende Joch türkischer Sklaverei für immer zerschlagen ward; [RN: 547/1152] eine höchst günstige Begebenheit, wodurch die Chalifen wieder ihre Unabhängigkeit genossen, welche sie seit der Einführung der türkischen Sklaven unter Moteaassim verloren hatten. Doch nützte ihnen dieselbe nicht viel, da das Reich zerstücket, ihre Herrschaft nur auf das Grabmal von Bagdad und einige Städte des arabischen Irak beschränkt war und die Macht der Chuaresmschahe drohend emporwuchs. Indessen ist diese Epoche doch eine sehr merkwürdige in der Geschichte des Chalifats, welches in dem letzten Jahrhunderte seines Daseins keinen Schirmvogt anerkannte. Moktefi selbst benützte den ersten freien Odemzug, den ihm der Tod Mesud's gewährte, zur Belagerung von Tekrit und einem Streifzuge wider die in der Gegend herumziehenden Turkmanen, denen er viermalhunderttausend Schafe und grosse Beute abnahm und damit zu Bagdad einzog. Suleiman, der Sultan der Seldschuken Rum's, kam nach Bagdad, um aus der Hand des Chalifen den Titel der Herrschaft und den Befehl zur Eroberung des Gebirgslandes zu empfangen. Das Erdbeben, das im folgenden Jahre acht Städte der Moslimen und fünf der Franken in Syrien verheerte, war eines der schrecklichsten; [RN: 552/1157] die Einwohner _Hamid's_ wurden alle erschlagen, zu _Scheiser_ blieb nur ein Weib, zu _Kefrtab_ keine Seele lebendig. Zu _Apamea_, _Himss_, _Maarret_ und _Tell Hamdan_ wurde die Hälfte der Einwohner verschüttet, die von _Hossn Ekrad_ und _Arka_ gingen alle zu Grunde, Niemand wollte innerhalb der Mauern bleiben, und die Uebriggebliebenen suchten Rettung im Freien. Im folgenden Jahre verwüstete die Ueberschwemmung des Tigris dreissigtausend Häuser von Bagdad und Hagel in der Grösse von Hühnereiern und den seltsamsten Figuren ging dem Tode des sechs und sechzigjährigen Chalifen voraus.

[Randnote: Neue Periode des Chalifats; Mostendschid.]

Die Periode der Unabhängigkeit der Chalifen von dem seit Mesud's Tode abgeschüttelten Joche der seldschukischen Vogtschaft ist in keiner der bisherigen europäischen Geschichten des Chalifats gehörig hervorgehoben, kaum mit ein Paar Worten über den Charakter der Gemahlin Moktefi's angedeutet worden[274]; diese, welche _Taus_, d. i. Pfau, hiess, flösste ihrem Gemahle den hohen Sinn und den Muth ein, sich von der schmählichen Oberherrschaft der Türken, unter denen die Chalifen durch drei Jahrhunderte geschmachtet, loszusagen. Das letzte Jahrhundert der Dauer des Chalifats war also ein für dasselbe ehrenvolleres, als die drei verflossenen, indem die letzten sechs Chalifen keine Obervogtschaft anerkannten und selbst ihre Heeresmacht wieder zu einer Höhe brachten, wodurch sie in den Stand gesetzt wurden, nicht nur die Anmassungen der Chuaresmschahe auf gleiche Vogtschaft zurückzuweisen, sondern sogar Empörungen niederzuschlagen und ein Paar dem Chalifate längst entrissene Landschaften demselben wieder einzuverleiben. Die Ursache des gänzlichen Ruines des Chalifats ist, ausser der Alles vor sich in den Staub tretenden Uebermacht der Mongolen, hauptsächlich die Unterthänigkeit des letzten Chalifen aus dem Hause Abbas, welchem, wenn er in die Fussstapfen seiner fünf unmittelbaren Vorfahren, und namentlich in die _Nassirbillah's_, getreten wäre, es wohl hätte gelingen können, die Macht der Mongolen von den Mauern Bagdad's zurückzuschlagen, wie diess ein Paarmal seine Vorfahren mit Muth und gutem Glück gethan. Die Periode der vorletzten fünf Chalifen gehört, wenn nicht unter die schönsten Zeiten des Chalifats aus dem Gesichtspunkte des Glanzes und der Macht, doch unter die bessten und ehrenvollsten Tage desselben, aus dem Gesichtspunkte äusserer Jochentlastung und Unabhängigkeit und innerer Ruhe und Sicherheit betrachtet. Der Zeitraum der fünf und achtzig Jahre, welche unter den vorletzten fünf Chalifen verflossen, kann mit einigem Fuge dem Zeitraume der neun und achtzig verglichen werden, in welchem Rom unter der Herrschaft Trajan's, Hadrian's und der Antonine aufathmete, das vorige Weltreich wieder einigen Ansehens, die Menschheit wieder einiger Ruhe genoss. Der Name Mostendschid, der mehrere Bedeutungen hat, kann in zweien dieser Bedeutungen für den geschichtlich bezeichnenden seiner Herrschaft gelten. Mostendschid heisst sowohl der einen Vertheidiger Suchende, als ein nach überstandener Krankheit seine Kräfte Sammelnder. Er hoffte in dem syrischen Atabegen einen Vertheidiger des Chalifats zu finden; eine Hoffnung, die nicht durch _Nureddin_, der selbst mit dem ägyptischen Chalifen im Kampfe lag, wohl aber unter Ssalaheddin, dem ersten Herrscher des mächtigen Hauses Ejub, unter _Mostadhir_, dem Nachfolger _Mostendschid's_, durch den Sturz des Chalifen Nebenbuhlers in Aegypten und durch die Uebertragung des Kanzelgebetes von ihrem Namen auf den der Familie Abbas einigermassen erfüllet ward. Mostendschid, ein gerechter, gebildeter und energischer Fürst, hob die von seinem Vorfahrer zum Ruin des Handels eingeführten drückenden Stempelgefälle auf, verbot die scholastischen Vorlesungen über metaphysische Werke und entriss den Händen der _Beni Mesud_ die der Stadt des Heiles so nahe gelegenen _Hille_, _Kufa_ und _Enbar_.

[Randnote: Mostadhi und Nassirlidinillah.]

Mostendschid's Sohn und Nachfolger, _Mostadhi_, d. i. der Erleuchtung Suchende, schritt während seiner neunjährigen Regierung auf dem von seinem Vater, während seiner eilfjährigen, betretenen Pfade fort. Dem Gründer der Grösse des Hauses Ejub, dem grossen _Ssalaheddin_, welcher der Herrschaft der Chalifen Nebenbuhler in Aegypten ein Ende gemacht und das Kanzelgebet wieder auf den Namen der Chalifen aus dem Hause Abbas übertragen, sandte er Ehrenkleider und ein höchst ehrenvolles Diplom mit glänzenden Titeln und Geschenken. So ward nun wieder in Aegypten und Arabien der Chalife Bagdad's von den Kanzeln als der rechtmässige erkannt. Grössere Kräfte, als unter den nur zwei Jahre füllenden Regierungen Mostendschid's und Mostadhi's, sammelte das Chalifat unter der sechs und vierzigjährigen _Nassirlidinillah's_, d. i. des Helfers der Religion Gottes, welchem bald nach dem Antritte seiner Regierung die Freude ward, dass nach dem Sturze der Beni Omeije in Spanien nun auch dort von den Herrschern aus der Familie Abdol Mumin das Kanzelgebet auf den Namen des Chalifen aus dem Hause Abbas verrichtet ward, eine frohe Botschaft, welche so, wie unter Mostadhi die von der Veränderung des Kanzelgebetes in Aegypten und Arabien, zu Bagdad mit Freudenfesten gefeiert ward. Während Ssalaheddin die heilige Stadt der Herrschaft der Christen entriss, eroberte der Chalife die am Euphrat gelegenen Schlösser Aana und Hadise wieder dem Reiche zurück, das sich nun wenigstens wieder über den grössten Theil Mesopotamiens, von den Ufern des Tigris bis an die des Euphrats, und über Chusistan erstreckte, dessen Schlösser der Wesir _Ibnol aththar_ wieder der Macht des Chalifen unterwarf. Den Triumph Nassir's vollendete der gänzliche Ruin der persischen Seldschuken, vormaligen Schirmvögten, indem Sultan Tekesch der Chuaresmschah den Kopf des von ihm besiegten letzten persischen Seldschuken Toghrulschah dem Chalifen nach Rei sandte, wo derselbe an der Moschee als Trophäe aufgehangen ward. Den Gesandten des Sultans, welcher die Vogtschaft Bagdads, welche jetzt die Seldschuken besassen, nun für sich begehrte, entliess er ohne Antwort. Chuaresmschah stellte, um die Weigerung zu rächen, das auf den Namen Nassir's verrichtete Kanzelgebet ab und ernannte sogar einen Gegen-Chalifen in der Person des Seid _Alaeddin_ von Tirmid, dem er als Chalifen huldigen liess. Nassir sandte, um den Sultan auf bessere Gesinnungen zu bringen, den grossen Scheich _Schihabeddin Suhrwerdi_, der ihn zu Hamadan traf. Der Sultan empfing ihn verächtlich, indem er ihn nicht einmal niedersetzen hiess; und als der gelehrte und beredte Scheich in einer langen Rede die Stellen der Ueberlieferung zu Gunsten des Hauses Abbas und die Herrschertugenden Nassir's gepriessen, antwortete der Sultan: Alles dieses passt nicht auf Nassir; ich ziehe nach Bagdad, um dort einen, der wirklich alle von dir hergezählten Eigenschaften besitzt, als Chalifen einzusetzen. Er rückte gegen Bagdad vor, welches Nassir noch vor kurzem mit einer Mauer umfangen hatte, welche die Stadt wohl schwerlich vor der Uebermacht des Sultans gerettet hätte. Diesen bewog ein ungeheures Schneegestöber zum Rückzuge, indem, als er nach Holwan gekommen, es zwanzig Tage ununterbrochen schneite, so dass der Schnee so hoch als die Zelte, das Heer durch ungeheueren Verlust an Menschen und Thieren schwächte. Diese Naturbegebenheit war für Bagdad erfolgreicher, als einige andere frühere ausserordentliche Erscheinungen; [RN: i. J. 583/1186] diese waren der Verein der sieben Planeten im Zeichen der Wage, woraus die Astronomen ungeheuere Orkane für die Nacht der Vereinigung vorausgesagt; in derselben herrschte aber so grosse Windstille, dass die Lampe auf der Sternwarte in freier Luft unausgelöscht brannte, zu grosser Beschämung der Astronomen. Sechzehn Jahre hernach [RN: i. J. 599/1202] flammte eine ganze Nacht voll fallender Sterne, die nach allen Richtungen hin und herschossen, eine Erscheinung, die durch ähnliche in unseren Tagen genauer beobachtete beglaubigt wird. Nassir hatte den Chalifenpalast zu Bagdad abbrechen lassen, aber ausser der Stadtmauer viele Moscheen und Medreseen und ein Speisehaus für die Armen gebaut; die erste Anstalt dieser Art, welcher die Geschichte des Islams erwähnt. Nassir war ein besonders in der Ueberlieferung gelehrter Fürst und hinterliess über dieselbe ein Werk, das den Titel: _Geist des Erkennenden_[275] führt; aber Nassir war auch ein harter, habsüchtiger Fürst, dessen Gier, Schätze zu sammeln, keine Gränzen kannte, der die Unterthanen durch Gelderpressungen drückte und das Heer der Finanzbeamten noch mit einem Heere von Ausspähern vermehrte. Von den Kanzeln, wo ehe für die Chalifen des Hauses Omeije in Andalus, dann für die des Hauses Fatima in Aegypten als Chalifen gebetet worden, wurde nun das Kanzelgebet wieder auf den Namen Nassir's verrichtet, so auch in Hidschas und Jemen, in Chorasan und Masenderan und in Indien auf den Namen Nassir's, als des einzigen rechtmässigen Chalifen des Islams.

[Randnote: Sahirbiemrillah und Mostanssir.]