Geschichte der Belagerung, Eroberung und Zerstörung Magdeburg's

Part 7

Chapter 73,504 wordsPublic domain

Für das Andere hat der Graf +von Mansfeld+ seinen Posten in der Sudenburg gehabt, allda er mit Laufgräben nach dem neuen Bollwerke und Ravelin allhier, vornehmlich aber auf den Heydeck zugegangen, welches Bollwerk von 5 Seiten, davon die eine ganz nicht mag flanquirt oder bestrichen werden, gegen welche Seite hin er sich hinter des Grabens Futtermauer versenket, ein Loch dadurch gebrochen und mit 2 großen Stücken auf die Fundamentmauer des Heydecks Breche geschossen, in Meinung, es wäre gleich wie in den ~Epaules cent~ um (_ringsum_) also gewölbt, und wann diese Mauer oder (_dieser_) Fuß also eingeschossen, müsse der Wall nachschießen, den Graben füllen und ihm einen Weg zum Anlauf machen. Als aber der Graf Unrecht vermerkt, ließ er das Geschütz wiederum in die Höhe bringen, die Streitmauer dagegenüber niederfällen und den Graben durch das durchgebrochene Loch über das Wasser her, etwa 1½ Ruthe breit mit Reis und Erde füllen, wodurch also eine Gallerie oder nur ein Weg, an dieses Bollwerk zu gehen und dasselbe mit Leitern zu besteigen, gemacht und erlangt worden. Und obwohl der +von Falckenberg+ sich sehr bemühete, diesem zu wehren, auch deswegen einen Koffer oder Kasten von starken Eichenbohlen fertigen, darin Musquetiers stellen und auf dem Wasser bis um die Ecke flößen ließ, so ist es doch alles -- weil man vom Walle diesen Ort nicht defendiren und beschießen mögen -- vergebens und umsonst gewesen.

Drittens hat der General +Pappenheim+ die Stadt von der Nordseite, allda die Vorstadt Neustadt-Magdeburg gelegen, attaquirt und angegriffen, wozu ihm nicht allein die alten Mauern und Keller von solcher abgebrannten Stadt zum großen Vortheil gekommen, sondern vornehmlich des neuen Bollwerks wegen. Denn als bei angehendem Kriegeswesen in diesen Erz- und Stiftern die alte Stadt Magdeburg ~Ao.~ 1625 die Häuser der beiden oftgedachten Vorstädte Neustadt und Sudenburg um den Graben der alten Stadt herum abbrechen und, auf Anleitung des bestallten Baumeisters +Michael Rudolff+’s, drei neue große Bollwerke, als ein großes allhier und zwei in der Sudenburg erbauen ließ, ist die Bürgerschaft nicht allein wegen der Gefahr -- daß man die alten, zu beiden Seiten hoch ausgemauerten, Graben ausgefüllt und eben in der Kriegeszeit dem Feinde gleichsam eine Bahn in die Stadt eröffnet habe -- sondern auch des vielen Schanzens und Arbeitens halber sehr überdrüßig und schwierig geworden, daher auch die Werke unvollkommen und die Arbeit beliegen geblieben, vornehmlich aber an diesem Orte in der Neustadt, da der Graben um das neue Bollwerk nirgends zu rechter Tiefe gebracht, also daß man auch vorne auf der Spitze desselben mit Pferden bis auf und in die ~Fausse braye~ reiten können. Ueberdies war die Außenkante des Grabens mit der ~Epaule~ parallel und die Erde noch nicht ausgebracht, daher man in den Graben die ~Face~ entlang mit dem großen Geschütz nicht streichen können, und was dergleichen Fehler mehr, die auch zwar bei diesem Kriegeszustande noch wohl hätten können verbessert, aber wegen der andern Schanzen und Außenwerke, darin ein Theil der schwedischen Armee, wenn sie käme, liegen sollte, müssen unterlassen werden, welches alles nachmals dem +Pappenheim+ zum großen Vortheil und sicherer Verfertigung einiger Gallerien und Approchen bis in die ~Fausse braye~ dieses Bollwerks gediehen. Denn nachdem er die ganze Neustadt zwerch durch, von der Elbe an bis an und um das Hornwerk vor dem Krökenthore, mit trefflichen vielen Laufgräben durchwühlet, und damit hin und wieder bis an die Contrescarpe der alten und neuen Gräben gekommen war, hat er

1) in dem Winkel, da, wie gemeldet, die Außenkante des Grabens mit der ~Epaule~ parallel gelaufen, durch die Contrescarpe zu sappiren und über den Graben eine, zu beiden Seiten mit Schanzkörben besetzte, Gallerie zu machen angefangen -- dazu ihm denn zugleich die alte Futtermauer des Stadtgrabens nicht wenig Sicherung gegeben -- und damit den Belagerten alle Flanquen und Defensiones entzogen würden, mußte von der Batterie gegenüber nicht allein der Wall über der Hohenpforte sammt dem Thurm, so dabei im Stadtgraben -- darauf 2 Stein-Carthaunen -- zur Breche geschossen, sondern auch noch der hohe Thurm hinter dem Wall herunter geschossen und also gefället werden, daß er den Wall entlang geschlagen und denen von der Stadt den Stand und Platz des ganzen Walles daselbst, und also der daher kommenden Flanque, beraubt hat. 2) Weil auf der Spitze dieses neuen Bollwerks der wenigste Theil des Erdreichs aus dem Graben gebracht gewesen, ist der General +Pappenheim+ durch fünf unterschiedliche Approches über oder durch diesen Graben bis an und in die Spitze der ~Fausse braye~ gegangen, und hat also die ganze Face der +Fausse braye+, so im Anlegen auf 40 Ruthen lang zwischen die obgedachte Gallerie und diese Approches begriffen, die darin gelegten Sturmpfähle mit Spaten untergraben, ausheben, auch endlich etliche hundert Sturmleitern, die dann nicht über 4 Ellen lang sein durften, anlegen und also alles zum Sturm fertig machen lassen. 3) Ist auf der andern Seite dieses Bollwerks quer durch den Graben approchirt und zwischen die beiden Hörner in die Gordine (~courtine~) minirt worden. 4) Weil der Elbstrom den alten Stadtgraben vor dem Rondel allhier allezeit ums dritte oder vierte Jahr dergestalt vollgeschlämmt, daß man von der Elbseite nicht allein in den Graben gleiches Fußes, sondern auch sicher unter dem hohen Ufer bis an das Rondel, gehen können, als hat der General +Pappenheim+, nachdem er zuvor die Streitmauer herunter schießen lassen, einen Weg oder Appareille von Erde bis so hoch die Brustwehr der ~Fausse braye~ aufgeführt, und sich also auch an diesem Ort einen bequemen Eingang gemacht, durch welchen er nicht allein in der (_die_) ~Fausse braye~, sondern rings um das Rondel bis unter das Fischerufer kommen können. 5) Wurde auch durch den +von Pappenheim+ das Hornwerk vor dem Kröckenthor mit zweien Laufgräben, so durch die Contrescarpe sappirt und bis in die Berme des Walles getrieben waren, hart angegriffen. Er machte aber an diesem Orte wegen der Granaten und stätigen Musquetaden, auch daß der Ort konnte besser flanquirt werden, seinen rechten Eintritt nicht erlangen, welches denn um so viel desto weniger, weil dieses Werk nicht mit so vielen Laufgräben beschanzet, da hergegen vor dem ofterwähnten Bollwerk bei der Neustadt der Laufgräben viel hinter einander gemacht und alle so voll Musquetire gelegt waren, daß, wenn sich nur einer von den Belagerten hinter der Brustwehr ein wenig hervor blicken lassen, wohl 6 oder 8 Schüsse zugleich auf ihn geschahen; und ob man gleich solch des +Pappenheim+’s Vortheil mit dem Geschütz von der Stadt ziemlich hätte verhindern können, so war doch dieses, wegen obgedachten Mangels des Pulvers, ganz verboten.

Anlangend die vierte oder Westseite der Stadt, als vom Krökenthor bis zum Heydeck, die ist allein von Reitern -- welche mit ganzen Regimentern in den Gründen und hinter den Misthaufen Wacht gehalten, und, wegen Mangel an Pulver, mit dem Geschütz nicht abgetrieben werden können -- dergestalt beschlossen gewesen, daß auch an diesem Ort kein Mensch aus- und einkommen mögen.

Bei sothanem Zustande aber, und als die von der Stadt mit Verlangen erwarteten, daß der General +Tilly+, vermöge seines Schreibens ~de dato~ den 2/12 Mai, die 3 Trompeter, so der Stadt Gesandten zu beiden Churfürstl. D. D. Sachsen und Brandenburg und den Hansastädten begleiten sollten, anschicken würde, hat er den 9/19 Mai also an den Rath mit diesen Worten geantwortet:

~P. P.~ Ob wier zward nicht ungemeinet gewesen, die begehrte päße uff die benante persohnen abermals zu übersenden, aldieweil Jedoch die sachen mit der Stadt nunmehr Zu solchen ~Extremiteten~ gerathen, daß dieselbe einige Verzögerung ohne die höheste gefahr nicht erleiden Können, wie Ihr selbsten vor augen sehet und spüret, als wird die bedeutete abschickung gar zu spät fallen, auch allerdings vergäblich geschehen; Nachdem dan Kein ander noch besser mittel ist, als das ihr bey so beschaffenen Dingen, hindan gesetzet aller anderen ~considerationen~, Kurtze ~resolution~ faßet. So haben wier euch hiemit Zum vberfluß nochmals wolmeinendlich erinnern vndt treulich ermahnen wollen, daß Ihr euren Zustandt vndt in was augenscheinlicher leib vndt lebensgefahr, auch verlust aller wolfahrt Ihr vndt die eurigen vnfeilbar gerathen werdet, wohl vndt reiflich behertzigen vndt darauff Jetzo so bald Ihrer Röm. Kayserl. May., vnsern allergnädigsten Herrn vndt vorgesetzten höchsten Obrigkeit, vffligender schuldigkeit nach euch allergehorsambst ~submittiren~, welches fals noch heilsame ~media~ beuorstehen, dadurch Ihr euch vndt die eurigen ~conserviren~, auch eine solche ~capitulation~ treffen Könnet, worzu Ihr sonsten nimmermehr gelangen werdet. Doferne nuhn diese vnsere wolmeinende vndt treuhertzige ermahnung Ihr bey euch gelten laßet, gereichet solches zu angeregten euren eigenen besten, wo nicht, mußen wier es an seinen orth gestellet sein laßen; werden aber vor Gott vndt der welt woll entschuldiget, vndt in vnserm Christlichen gewißen gesichert sein, daß nicht wier, sondern Ihr selbsten vndt die Jenigen, so euch in eurer halstarrigkeit stercken, eures vnglücks vnd verderbens die eintzige vrsach seind, vndt deren verandwortung, so dannach bey dem allerhochsten, vndt dero werthen ~Posterität~ hernächst schwer fallen wird, allein vff sich laden werden, vns allerseits göttlicher ~Protection~ treulich befehlende.

~Datum~ Westerhausen den 8/18 ~May Ao.~ 1631.

Als nun der Rath diese abschlägige Antwort bekommen und zugleich gesehen, in was Gefährlichkeiten die Stadt gestanden, hat er den Trompeter verharren (_warten_), den folgenden Tag -- war der 9/19 Mai -- die ganze Bürgerschaft in ihrer Viertelsherren Häuser zusammen fordern und dieselbe sämmtlich befragen lassen, ob man nämlich zum General +Tilly+ Gesandten schicken und sich mit ihm in Tractaten einlassen solle oder nicht, worauf sie dann in theils Vierteln durch die mehresten Stimmen geschlossen, daß man schicken und tractiren solle, theils Viertel haben Alles zu des Raths Willen und Gutachten gestellet; theils aber, und sonderlich die Personen, so von Anfang zu diesem Werke gerathen und Beförderung dazu geleistet, ganz keine Tractaten eingehen, sondern noch alle Stunden und Augenblicke des Königs in Schweden Succurs erwarten wollen, also daß auch theils, unter des +Johann Ludwig+’s Viertel begriffene, Bürger -- weil sie in dieser Sache ihren Viertelsherrn verdächtig gehalten -- etliche ihres Mittels zum präsidirenden Bürgermeister noch desselbigen Abends abgefertiget und ihm durch dieselben -- dafern etwa ihr ~Votum~ der Viertelsherr nicht aufrichtig dem Rathe vorgetragen -- diese Resolution, daß sie mit dem +Tilly+ ganz nicht tractiren, sondern sich lieber bis auf den letzten Mann wehren wollten, berichten lassen. So waren auch dieser Tage kurz zuvor abermals die Prediger der Altstadt zu Rathhause gewesen -- darunter ~Dr.~ +Christianus Gilbertus+, Prediger zu Sct Ulrich, das Wort und Directorium geführet -- den Rath als ihre liebe Beicht- und Pfarrkinder zur Großmüthigkeit und Beständigkeit ermahnende, mit Vertröstung, daß Gott der Allmächtige die Stadt in so gerechter Sache, die allein zu Erhaltung dessen Ehre und Lehre gemeinet, gewißlich schützen und beschirmen werde, dafern man nur beständig bleiben und sich mit den Katholischen in keine Tractaten oder Bündnisse einlassen würde, und was dergleichen Worte mehr vorgelaufen, damit der Rath vom Accordiren abgemahnet worden. Ob aber die Prediger ingesammt alle einerlei Meinung hierin gewesen, oder ob nicht etliche auch die Gedanken dabei gehabt, weil gleichwohl noch (_weder_) der Kaiser noch auch der General +Tilly+ die Reformation in der Religion bei der Stadt niemals gesucht, sondern nur die allerunterthänigste Devotion und Submission begehrt -- daß man die Stadt und so viele tausend Menschen auf sogar augenscheinliche Extremitäten nicht setzen, die Religion lieber beim Accord vorbehalten und also Gott, der durch seine Allmächtigkeit, auch ohne so grausamen Ruin, die Stadt bei seinem Wort und (_seiner_) Lehre erhalten könne, trauen solle, zumal ja, auf den Fall solcher äußersten Drängniß und darauf erfolgenden Ueberwindung, es doch um so viel mehr mit der Religion würde gethan und verloren sein, solches ist aus allerhand Umständen wohl vermuthlich. Es hat aber ohne Zweifel, gleich wie auch bei den andern Ständen geschehen, einer dem andern folgen und, damit er nicht als ein ungetreuer Hirt, der in der Zeit der Anfechtung abtrünnig werden wollte, angesehen würde, mit in die Reihe treten müssen.

Der Rath ist des angeregten 9/19 Tages Mai zu Nachmittage, wiewohl in geringer Zahl, abermals wiederum zusammen gekommen, da dann unter andern vom Autore berichtet worden, daß nunmehro die Sturmpfähle aus dem Bollwerk bei der Neustadt entlangs der Face ganz ausgegraben und also die in der ~Fausse braye~ liegende Besatzung alle Stunde und Augenblick vom Feinde überfallen werden könnte; derowegen man eine Resolution fassen müsse, damit es nachmals nicht zu spät falle etc. Darauf der Syndicus ~Dr~ +Johann Denhardt+ geantwortet: er wäre nicht allein des Raths, sondern der ganzen Stadt Syndicus und müsse nach seinem besten Verstande und wegen so vieler tausend hierunter Periclitirenden Wohlfahrt reden. Was dann gleichwohl die Stadt machen wolle, wenn sie kein Pulver mehr hätte, und sonst dem Gegentheil nicht widerstehen könnte, also daß man sie (_den Feind_), bis auf den Wall kommen lassen müsse. Der Rath solle es bedenken, und so viel Menschen nicht in den äußersten Ruin und in Gefahr stürzen etc. Also ist von denen damals beisammen gewesenen Rathspersonen wiederum votirt, und daß man zum +Tilly+ schicken und tractiren wolle, geschlossen, auch Raths wegen Autori solches alles nebst dem, was er wegen des Feindes Avantagi gesehen, an den +von Falckenberg+ zu hinterbringen, aufgetragen und anbefohlen worden.

Hierauf hat Hr +Falckenberg+ Anordnung gemacht, daß noch gegen die Nacht ein Ausfall geschehen und die Kaiserlichen des Ortes vom Walle und aus dem Graben getrieben werden sollten, welches aber ganz verblieben und zu keinem Effect gekommen. Die Ursachen zwar sind unbewußt, jedoch so dieser Ausfall wäre zu Werke gerichtet worden, hätten dadurch die Kaiserlichen in ihrem Vorhaben -- weil sie, wie man auch nach der Eroberung von ihnen vernommen, desselben Abends, die Sturmleitern angesetzt und Alles zum Anlauf fertig gemacht gehabt -- ohne allen Zweifel große Confusion und Verhinderniß bekommen u. s. w. Sonst hat auch des gedachten Abends der +von Falckenberg+ den regierenden Bürgermeister ersuchen lassen, daß in der Sache, die vorhabende Tractation und Accord betreffend, ohne sein Wissen nichts vorgenommen, sondern gegen den künftigen Morgen, früh zu 4 Uhr, der Rath zusammen erfordert werden möchte, alsdann wolle man ~conjunctim~ zu den Tractaten schreiten und sich darin vereinbaren, wie dann auch zu dem Ende der Rath, Ausschuß und (_die_) Viertelsherren an einem, der Hofmarschall +Falckenberg+, Ambassadeur +Stalmann+ und des Administrators Räthe andern theils folgenden Tages, als den 10/20 Mai zu bestimmter, früher Zeit auf dem Rathhause erschienen und zusammen gekommen sind. Der Rath hat aus seiner Mitte den Bürgermeister +Georg Kühlewein+, den Syndicus, item Hrn +Conrad Gerhold+ und Autorem zu dem +von Falckenberg+ -- so nebst dem +Stalmann+ und Hrn Administratoris Räthen in einer besondern Stube gewesen -- diese Tractaten zu vollstrecken und alsofort mit dem Trompeter, Gesandten an den General +Tilly+ zu schicken, deputirt und abgeordnet. Als man sich nun hierin unter einander bereden wollen, hat Hr +Falckenberg+ angefangen, alle des Königs zu Schweden hochbetheuerte Zusagen und Versprechungen des so lang vertrösteten Entsatzes wegen länglich zu erzählen und denenselben nochmals festiglich inhäriret und vertrauet, mit fernerer Anzeigung, daß ja die Gefahr, wie etliche vermeinten, noch nicht so groß, und weil man sich nunmehr des Entsatzes stündlich, ja augenblicklich vermuthete, wäre keine Stunde, die man sich länger hielte, mit keiner Tonne Goldes zu bezahlen etc. Indem er aber also von diesem und dergleichen wohl bei einer Stunde lang geredet, ward indem der Secretarius aus dem Rathe geschickt, welcher berichtet, daß durch die beiden Männer, so auf dem Dom und Sct Jacobthurm Wacht zu halten bestellt, dem Rath angezeigt wäre, wie die Kaiserlichen aus allen Lagern sehr stark in die beiden Vorstädte Neustadt und Sudenburg ankommen und sich hinter die Approches, alte Mauern und Keller begeben thäten. Unlängst hernach kam ein Bürger vom Walle mit Anzeigung, daß es im Felde hinter allen Hügeln und Gründen voller Reiter hielte; so hätte man auch sehr viel Volkes in die Vorstädte marschiren gesehen. Hierauf der +von Falckenberg+ geantwortet: er wollte, daß sich’s die Kaiserlichen unterstehen und stürmen möchten, sie sollten gewiß also empfangen werden, daß ihnen übel gefallen würde. Hat ferner in seinem Gespräch und ~Voto~ fortgefahren, bis der Wächter auf Sct Johannisthurm Sturm geblasen und die weiße Kriegesfahne ausgesteckt. Da denn Autor nicht länger sitzen, sondern hingehen und sehen wollen, was passirte. Und als er in die Fischergasse gekommen, hat er gesehen, daß die Croaten -- so um das Rondel bei dem kleinen Wasser durchgeritten waren, wie davon besserhin wird gesagt werden -- schon der Fischer Häuser stürmten und plünderten. Darauf Autor sich eilends zu Rathhause verfügt und mit kurzen Worten dem Rath angedeutet, daß es unvonnöthen, da zu sitzen, denn der Feind schon in der Stadt, welches Allen gar unglaublich vorgekommen. Und als indessen auch des +Falckenberg+’s eigene Pagen zu Rathhause kommen und berichteten, daß die Kaiserlichen schon auf dem Walle bei der Neustadt sein sollten, ist er aufgestanden, zu Pferde gesessen und hin, des Obristlieutenants +Trost+ Regiment vom Marsch abzufordern, geritten. Da er aber mit dem Volke bei der Hohenpforte angekommen und die Kaiserlichen allbereits daherum in den Gassen der Stadt angetroffen, hat er zwar heftig in sie gesetzt und (_sie_) anfangs ziemlich zurückgetrieben. Weil sie aber je mehr und mehr Volk zu Hilfe bekommen, auch allbereits mit Reiterei in der Stadt gewesen, ist der +von Falckenberg+ nebst dem Obristlieutenant +Trost+ allda todt geblieben und ihr Volk zertrennt und geschlagen worden. Und obwohl der Obrist +Uslar+ mit seiner Reiterei, und was sonst noch zur Reserve vorhanden gewesen, auch zusammen gekommen und +Falckenbergen+ entsetzen wollen, ist es doch viel zu spät und vergebens gewesen. Der Rath ist mehrentheils auf dem Markte, in einem oder (_dem_) andern Ordre zu ertheilen -- wie denn alsofort etliche Trommelschläger, um einen Accord anzuhalten, an die Orte, da die Kaiserlichen hereingekommen, zwar ausgeschickt, aber mit solcher Antwort, daß Keiner davon wieder zurückgekommen, versehen worden -- bestehend geblieben, bis endlich, als die Feinde immermehr hereingedrungen, ein jeder gesehen, wohin er sein Refugium nehmen und sich aufs beste salviren mögen. etc.

Es ist aber, was die eigentliche Bestürm- und Eroberung der Stadt anlangt, damit in folgender Gestalt daher gegangen:

Als, wie obgedacht, der Graf +von Pappenheim+ sich der ~Fausse braye~ des Bollwerks bei der Neustadt dergestalt bemächtigt gehabt, daß er 1) durch die Gallerie, 2) durch die bis auf die Spitzen des Bollwerks gemachten fünf Approchen nicht allein bis auf den Wall gekommen, die Sturmpfähle entlangs der ganzen Face ausgegraben und seine Sturmleitern in großer Menge den Abend zuvor nach allem Belieben anschlagen und also im Hui mit etlichen Hundert zugleich über die Brustwehr der Fausse braye herüber den +Falckenberg+’schen Knechten einfallen können, sondern auch 3) am Rondel bei der Elbe eine Appareille oder aufgeführten Weg von Erde -- durch welchen man zugleich in diese ~Fausse braye~ steigen und auch hin um das Rondel bis unter das Fischerufer gehn mögen -- aufwerfen und verfertigen lassen etc. Desgleichen als der Graf +von Mansfeld+ auf seinem Posten bei der Sudenburg, sonderlich aber vor dem Heydeck mit Ausdämmung des Wassergrabens und Fällung der Stadtmauer daselbst auch fertig gewesen; demnach hat der General +Tilly+ -- wie solches die Relationen von diesem Handel besagen -- mit seinen Generalen und Obristen Rath gehalten, wie man die Sachen angreifen solle; dabei er dann sehr gezweifelt, ob ein Sturm zu versuchen wäre, sintemal ihm nicht mag unwissend gewesen sein, was erstlich den Heydeck belangt, daß solcher ein sehr hohes Bollwerk und, wenn gleich die Streitmauer ersteigen und eingenommen, man doch noch nicht auf dem Bollwerke wäre. Fürs andere, obschon am Bollwerke bei der Neustadt der +von Pappenheim+ sich der ~Fausse braye~ wohl bemächtigen könnte, so wären doch um den Fuß des Walles Pallisaden gesetzt, daß man auf das Bollwerk und den Wall, ohne durch ein enges Pförtlein, welches durch den Thurm zum Eingang in der ~Fausse braye~ gemacht, nicht kommen können. Jedoch als ein kaiserlicher Obrister stark dazu gerathen und das Exempel von Mastricht herbei gebracht, da die Wacht in der Morgenstunde geschlafen, hat man geschlossen, daß 1) der Graf +von Pappenheim+ nebst seinem eigenen und dann den +Gronsfeldi+schen, +Wangler+’schen, +Savelli+schen etc. Regimentern das Bollwerk bei der Neustadt, 2) Herzog +Adolph von Holstein+ das Hornwerk vor dem Krökenthor, 3) Graf +Wolf von Mansfeld+ mit seinen Regimentern den Heydeck und (_das_) Ravelin bei der Sudenburg -- welches Ravelin damals noch keinen Graben hatte, sondern allein auf der Brustwehr der ~Fausse braye~ mit Pallisaden besetzt war, sammt andern Werken allda: 4) Die Ligistischen das Kronwerk oder (_den_) Durchschnitt auf dem Marsch und 5) zwei kaiserliche Regimenter die beiden Halbmonde vor dem Ulrichs- und Schrotdorfer Thore anfallen sollten und sollte der Sturm also zugleich, wenn eine Losung mit dem Geschütz gegeben, geschehen. Aber der General +Tilly+ hat denselbigen Morgen noch einmal Kriegsrath gehalten, wiewohl den vorigen Abend beschlossen und abgeredet gewesen, gleich mit dem Tage anzufallen, so gar hat man an gutem Effect gezweifelt, darauf es sich dann mit dem Anfall bis nach 6 Uhr verzögert. Da hat der +Pappenheim+ den Anfang gemacht, ist in großer Furie -- durch Hilfe der obbeschriebenen Bequemlichkeiten -- von allen Enden um das Bollwerk zugleich herüber die Brustwehr in die ~Fausse braye~ zu den darin liegenden +Falckenbergi+schen Soldaten gefallen, und weil denselben von der kaiserlichen starken Vergatterung in die Laufgräben, weniger von ihrem vorhabenden Sturm keine Advertissement und Wissenschaft beschehen, daher nur die Schildwachten allein ihre Lunten -- weil bei der Stadt zu so langwierigem Kriege ein solcher Vorrath, daß so viel Volks ihre Lunten brennend halten können, nicht gewesen -- entzündet gehabt, welche aber einen solchen mächtigen und plötzlichen Einfall des Feindes zu resistiren, viel zu ohnmächtig gewesen und, was etwa von den andern zum Gewehr gegriffen und seine Lunte zünden wollen, darauf ist stracks chargiret und geschossen worden, also daß die +Falckenbergi+schen Officiere und Knechte bald in Confusion gerathen und sich mit großer Unordnung durch das obgemeldete enge Pförtlein retiriren und zurückwenden müssen.