Geschichte Alexanders des Grossen

Chapter 9

Chapter 93,564 wordsPublic domain

Schon gegen König Archelaos hatte sich der Lynkestierfürst Arrhabaios in Verbindung mit dem elymiotischen Sirrhas in Waffen erhoben, vielleicht unter dem Vorwand, die Beseitigung des echten Erbfolgers zu rächen, vielleicht für Amyntas, des Arrhidaios Sohn, Enkel des Amyntas, den Perdikkas zur Seite geschoben hatte, den Nächstberechtigten aus dem königlichen Hause. Archelaos hatte den Frieden damit erkauft, daß er seine Töchter, die ältere dem Sirrhas von Elymiotis, die jüngere dem Amyntas vermählte. Dann wurde er, wie es heißt, durch Zufall auf der Jagd getötet. Ihm folgte sein unmündiger Sohn Orestes unter Vormundschaft des Äropos, aber der Vormund ermordete ihn, wurde selbst König. Äropos ist gewiß der Sohn jenes Arrhabaios, aus dem bakchiadischen Fürstengeschlecht der Lynkestis an der Grenze der Illyrier, mit deren Hilfe seine Vorfahren so oft gegen die Könige von Makedonien gekämpft hatten; was Äropos, seine Söhne und Enkel in den folgenden sechzig Jahren getan, bezeichnet sie als die steten Gegner der neuen monarchischen Tendenzen des Königshauses, als Vertreter des althergebrachten loseren Zustandes. Immer neue Empörungen und Thronwechsel, die folgen, sind der Beweis für das Ringen des Königsgeschlechtes und der partikularistischen Richtungen.

Äropos verstand das Königtum zu behaupten; aber als er 392 starb, bemächtigte sich Amyntas der Kleine der Gewalt; ihn ermordete Derdas 391, und des Äropos Sohn Pausanias wurde König. Wieder diesen verdrängte jener Amyntas, des Arrhidaios Sohn (390-369); die älteste Linie des Königshauses trat mit ihm wieder in ihr Recht.

Die Jahre seiner Regierung sind voller Wirren, die das zerrüttete Makedonien zur leichten Beute jedes Überfalles zu machen schienen. Vielleicht von den Lynkestiern herbeigerufen, brachen die Illyrier verheerend in das Land, besiegten des Königs Heer, zwangen ihn selbst zur Flucht über die Grenzen. Zwei Jahre lang hatte Argaios das Königtum inne, ob aus dem Königshause, ob ein Bruder des Pausanias, ob ein Lynkestier, muß dahingestellt bleiben. Aber mit thessalischer Hilfe kam Amyntas zurück, gewann das Königtum wieder, freilich in elendem Zustande; die Städte, die Landschaften an der Küste waren in der Gewalt der Olynthier, selbst Pella schloß dem Könige die Tore. Daß er sich mit Eurydike vermählte, die beiden Fürstenhäusern, dem von Elymais und von Lynkestis, angehörte, mag geschehen sein, um endlich Versöhnung zu schaffen.

Es folgten die Wirkungen des Antalkidischen Friedens, der Zug der Spartaner gegen Olynthos; Amyntas schloß sich dem Zuge an, auch Derdas, der Fürst der Elymiotis, folgte mit 400 Reitern. Aber man kam nicht so bald zum Ziel; Derdas wurde gefangen. Und nachdem endlich (380) Olynth gebrochen war, erhob sich Theben, es folgten Spartas Niederlagen bei Naxos, bei Leuktra; Olynth erneuerte den Chalkidischen Bund; Jason von Pherai vereinte die Macht Thessaliens, nötigte wie Alketas von Epiros, so Amyntas III. in seinen Bund zu treten; an der Schwelle großer Erfolge wurde er ermordet (370). Der schwache Amyntas hätte sich seiner Oberhoheit nicht zu erwehren vermocht. Er starb wenig später: ihm folgte der älteste seiner drei Söhne, Alexandros II.; von seiner Mutter, der Elymiotin, kam ihm ein rasches Verderben. Sie hatte schon lange geheime Buhlschaft mit Ptolemaios, aus unbekanntem Geschlecht, dem Mann ihrer Tochter, gehabt; sie veranlaßte ihn, während Alexandros, von den Thessaliern zu Hilfe gerufen, glücklich kämpfte, die Waffen gegen ihn zu erheben; er behauptete gegen den Heimeilenden das Feld; dann eilte Theben, sich einzumischen, es galt Makedonien zu lähmen, bevor es weitere Erfolge in Thessalien gewann; Pelopidas stiftete einen Vergleich, nach dem Alexandros dreißig Edelknaben als Geiseln stellte, Ptolemaios, so scheint es, ein Teilfürstentum mit der Stadt Aloros -- nach dieser wird er genannt -- erhielt. Ein Vergleich, der nur gemacht schien, den König sicherer zu verderben; während eines festlichen Tanzes wurde er ermordet: dem Mörder gab die Mutter ihre Hand und, unter dem Namen der Vormundschaft für ihre jüngeren Söhne Perdikkas und Philippos, das Königtum (368-365). Gegen ihn erhob sich, von vielen Makedonen gerufen, von der Chalkidike kommend, Pausanias -- er heißt »aus dem Königshause«; von welcher Linie desselben er stammt, ist nicht mehr zu erkennen. Er machte rasche Fortschritte; Eurydike flüchtete mit ihren beiden Kindern zu Iphikrates, der mit attischer Macht in der Nähe war; er schlug den Aufstand nieder. Aber fester stand darum Ptolemaios nicht; die Ermordung Alexanders war ein Bruch des Vertrages mit Theben; an Pelopidas, der mit einem Heere in Theben stand, wandten sich die Freunde des Ermordeten; er kam mit einem rasch geworbenen Heere; aber des Ptolemaios Gold zerrüttete es; Pelopidas begnügte sich, einen neuen Vertrag mit ihm zu schließen; als Pfand seiner Treue stellte Ptolemaios 50 Hetairen und seinen Sohn Philoxenos; vielleicht war es bei diesem Anlaß, daß auch Philippos nach Theben kam.

Aber Perdikkas III., sowie er herangewachsen war, rächte den Mord seines Vaters mit dem Morde des Usurpators. Sich dem Einflusse Thebens zu entziehen, hielt er sich zu Athen, kämpfte an Timotheos' Seite mit Ruhm gegen die Olynthier. Dann aber brachen, vielleicht von den Lynkestiern aufgerufen, die Illyrier über die Grenze herein; er kämpfte anfangs glücklich gegen sie, dann in einer großen Schlacht fand er und 4000 Mann den Tod; das Land wurde weithin von den Illyriern verwüstet, die Paionen brachen von Norden ins Land.

Unter solchen Umständen übernahm Philippos das Regiment 359, zunächst für des Perdikkas unmündigen Sohn Amyntas. Er war schon -- wohl seit des Ptolemaios Ende -- im Lande; nach einem Vergleich, zu dem Platon dem Perdikkas geraten haben soll, war ihm ein Teilfürstentum zugewiesen worden; die Truppen, die er dort hielt, gaben ihm einen ersten Anhalt. Die Gefahr war groß; die Illyrier, die Paionen standen im Lande, es kamen die älteren Prätendenten Argaios, Pausanias, von Athen, von den Thrakerfürsten unterstützt; drei Bastardsöhne seines Vaters forderten das Königtum. Von dem bereiten Willen des Landes gestützt, überstand Philipp die erste Not; mit Vorsicht, Gewandtheit, Entschlossenheit rettete er das Reich vor den Illyriern, Thrakern, Paionen, das Königtum vor den Prätendenten, das königliche Haus vor neuen Intrigen und Verwirrungen. Und als die Athener, die die Torheit gehabt hatten, der gemeinsamen Sache wider ihn für seine Anerkennung ihres Anspruchs auf Amphipolis den Rücken zu kehren, über seine Erfolge in Sorge gerieten und mit »Grabos dem Illyrier, Lyppeios dem Paionen und Ketriporis dem Thraker und seinen Brüdern« ein Schutz- und Trutzbündnis schlossen, damit Barbareneinbrüche von drei Seiten zugleich die Macht Makedoniens brächen, ehe sie völlig gesammelt wurde und erstarkte, da war Philipp -- schon hatte er Amphipolis genommen und die Bürgerschaft gewonnen -- rasch an den Grenzen, und die Barbaren, die noch lange nicht zum Werk fertig waren, mußten eilen, sich zu unterwerfen.

Um 356 waren die Grenzen gegen die Barbaren bis auf weiteres gesichert. In kurzem schwanden die Parteien am Hofe; von der der Lynkestier waren Ptolemaios und Eurydike tot; einer von den Söhnen des Äropos, Alexandros, wurde später durch Vermählung mit des treuen Antipatros Tochter, die beiden anderen, Heromenes und Arrhabaios, durch andere Gnaden gewonnen, Arrhabaios' Söhne Neoptolemos und Amyntas am Hofe erzogen. Die beiden Prätendenten Argaios und Pausanias verschwinden in der geschichtlichen Überlieferung. Den rechtmäßigen Thronerben endlich, des Perdikkas Sohn Amyntas, in dessen Namen Philipp im Anfange die Regierung geführt hatte, knüpfte er, als er erwachsen war, durch die Vermählung seiner Tochter Kynna an sein Interesse.

So war Makedonien in der Hand eines Fürsten, der mit Planmäßigkeit und Gewandtheit die Kräfte seines Reiches zu entwickeln, zu benutzen und bis zu dem Grade zu erhöhen verstand, daß sie dem großen Gedanken, an der Spitze des Griechentums gegen die Persermacht in die Schranken zu treten, schließlich gewachsen waren. In den geschichtlichen Überlieferungen, wie sie uns vorliegen, sind über die staunenswürdigen Erfolge des Königs die Machtelemente, durch welche sie errungen wurden, vergessen; und während sie die Hand, die einen Staat Griechenlands nach dem anderen zu sich herüberzog, in jedem einzelnen ihrer schlauen Griffe beobachten, lassen sie uns über den Körper, dem diese Hand angehört, und dem sie ihre Kraft und Sicherheit dankt, fast völlig im Dunkeln; das verführerische Gold, das sie dieselbe Hand zeigen und zur rechten Zeit spenden lassen, erscheint fast als das einzige oder doch wesentliche Mittel, mit dem Philipp gewirkt.

Faßt man das innere Leben seines Staates näher ins Auge, so treten deutlich zwei Momente hervor, die, schon früher angeregt, aber durch Philipp erst zu ihrer ganzen Bedeutung entwickelt, die Basis seiner Macht wurden.

»Mein Vater«, sagt Alexander bei Arrian zu den meuternden Makedonen in Opis 324, »übernahm euch, als er König wurde, umherziehend, mittellos, die meisten in Felle gekleidet, auf den Bergen Schafe weidend und elend genug zu deren Schutz gegen die Illyrier, Thraker und Triballer kämpfend; er hat euch die Chlamys der Soldaten gegeben, euch in die Ebene hinabgeführt, euch gelehrt, den benachbarten Barbaren im Kampf gewachsen zu sein.« Gewiß war früher schon, wenn es Krieg gab, jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach Beendigung des Krieges wieder zu seinem Pflug oder zu seiner Herde zurückzukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung übernahm, die Kämpfe, mit denen er namentlich in den ersten Jahren seiner Regierung sein von allen Seiten bedrohtes Land zu schützen hatte, gaben Veranlassung, das, was schon König Archelaos begonnen, vielleicht die dann folgenden inneren Wirren wieder zerrüttet hatten, wiederaufzunehmen und weiter zu entwickeln. Auf Grund jener Kriegspflicht schuf er ein Nationalheer, das, fort und fort gesteigert, schließlich wohl 40 000 Mann zählte.

Er verstand nicht bloß, es zu formieren, sondern ihm Zucht und militärische Tüchtigkeit zu geben. Es wird berichtet, daß er den unnützen Troß, die Bagagewagen des Fußvolkes abschaffte, den Reitern nur je einen Pferdeknecht gestattete, daß er oft, auch in der Sommerhitze, marschieren, oft Märsche von 6-7 Meilen, mit vollem Gepäck und Proviant für mehrere Tage, machen ließ. So strenge war die Zucht des Heeres, daß in dem Kriege von 338 zwei hohe Offiziere, die sich eine Lautenschlägerin mit ins Lager gebracht hatten, verabschiedet wurden. Mit dem Dienst selbst entwickelte sich die feste Ordnung von Befehlenden und Gehorchenden und eine Stufenfolge des Ranges, in der nur Verdienst und anerkannte Tüchtigkeit steigen ließ.

Die Erfolge dieser Militärverfassung zeigten sich bald. Sie bewirkte, daß sich die verschiedenen Landschaften des Reiches als ein Ganzes, die Makedonen als _ein_ Volk fühlen lernten; sie machten es möglich, daß die neugewonnenen Gebiete mit dem alten Makedonien zusammenwuchsen. Vor allem, sie gab in dieser Einheit und in dem militärischen Typus, der fortan vorherrschend wurde, dem makedonischen Volk das Selbstgefühl kriegerischer Tüchtigkeit und die ethische Kraft fester Ordnung und Unterordnung, deren Spitze der König selbst war. Und wieder bot ihm für seine Zwecke das Bauernvolk seines Landes ein fügsames und derbes Material, der Adel der Hetairen die Elemente zu einem Offizierstande voll Ehrgefühl und Wetteifer sich auszuzeichnen. Ein Heer dieser Art mußte den Söldnerhaufen oder gar dem herkömmlichen Bürgeraufgebot der hellenischen Staaten, ein Volkstum von dieser Derbheit und Frische dem überbildeten, in Demokratie und städtischem Leben überreizten oder abgestumpften Griechentum überlegen sein. Die Gunst des Schicksals hatte diesem makedonischen Lande die alte Kraft und Art erhalten, bis es demselben zuteil wurde, sie in großen Aufgaben zu bewähren; sie hatte hier in dem Kampf des Königtums mit dem Adel nicht, wie in Hellas Jahrhunderte früher, dem trotzigen Herrenstande, sondern dem Königtum den Sieg gegeben. Und dieses Königtum eines freien und kräftigen Bauernvolkes, diese militärische Monarchie gab jetzt diesem Volke die Form, die Kraft und Richtung, welche auch die Demokraten in Hellas wohl als wesentlich erkannt, aber festzuhalten und zu dauernden Organisationen zu entwickeln nicht vermocht hatten.

Dagegen mußte die Bildung, das eigenste Ergebnis des hellenischen Lebens, ganz und völlig dem makedonischen Volksleben gegeben, so das schon von früheren Fürsten Begonnene fortgesetzt werden. Das Vorbild des Königs und seines Hofes war hier von der größten Wichtigkeit, und der Adel des Landes trat bald in die ebenso natürliche wie wirksame Stellung, den gebildeten Teil der Nation auszumachen; ein Unterschied, der sich in solcher Art in keinem der griechischen Hauptstaaten zu entwickeln vermocht hatte, da die Spartaner alle roh und den Heloten und Perioiken ihres Landes gegenüber nur Herren waren, die freien Athener aber sich wenigstens selbst ohne Ausnahme für höchst gebildet hielten, während andererorts freilich mit der Demokratie der Herrenstand aufgehört hatte, aber um mit dem Unterschiede von reich und arm das Niveau des geistigen Lebens desto sicherer sinken zu machen.

Philipp hatte in den Tagen des Epaminondas in Theben gelebt; ein Schüler des Platon, Euphraios von Oreos, hatte früh auf sein Schicksal Einfluß gehabt; ihn selbst nennt Isokrates einen Freund der Literatur und der Bildung; daß er Aristoteles zum Lehrer seines Sohnes berief, bezeugt es. Er sorgte, so scheint es, durch Einrichtung von Lehrvorträgen aller Art, die zunächst für die Edelknaben in seiner Umgebung bestimmt waren, für die Bildung des jungen Adels, den er so viel als möglich an den Hof zu ziehen, an seine Person zu fesseln und für den unmittelbaren Dienst des Königtums vorzuüben suchte. Als Edelknaben und bei reiferer Jugend in den Scharen der Hetairen als Leibwächter (Somatophylakes) des Königs, als Kommandierende bei den verschiedenen Abteilungen des Heeres, in Gesandtschaften an hellenische Staaten, wie sie so häufig vorkamen, hatte der Adel Gelegenheit genug, sich auszuzeichnen oder den Lohn für geleistete Dienste zu empfangen; überall aber bedurfte er jener Bildung und attischen Sitte, wie sie der König wünschte und selbst besaß. Sein eifrigster Gegner mußte gestehen, daß Athen kaum einen an feiner Geselligkeit ihm Ähnlichen aufzuweisen habe; und wenn es an seinem Hofe für gewöhnlich nach der derben makedonischen Art mit Gelagen und Lärm und Trunkenheit herging, »zentaurenhaft, lästrygonenhaft«, wie Theopomp sagt, so waren die Hoffeste, der Empfang fremder Gesandtschaften, die Feier der großen Spiele desto glänzender nach hellenischer Art und Geschmack, alles prächtig und großartig, nichts kleinlich und karg. Die Domänen des Königshauses, die Grundsteuern des Landes, die Zölle der Häfen, die Bergwerke am Pangaion, die jährlich an 1000 Talent Ertrag gaben, vor allem die Ordnung und Wirtschaftlichkeit der Verwaltung, die Philipp durchgeführt, machten sein Königtum so überlegen, wie es in der hellenischen Welt nur einmal vorgekommen war, in der perikleischen Zeit Athens.

Selbst attischen Gesandten konnte der Hof von Pella mit seiner Opulenz, seinem militärischen Glanz, dem Adel, der dort versammelt war, wohl imponieren. Mehrere dieser edlen Geschlechter, wie schon bemerkt, waren fürstlichen Ursprungs; so das Bakchiadengeschlecht von Lynkestis; so das Geschlecht des Polysperchon, fürstlich im tymphaiischen Lande; so das des Orontes, dem die Landschaft Orestis gehört zu haben scheint; des Orontes älterer Sohn Perdikkas erhielt die Führung der Phalanx von Orestis, derselben, wie es scheint, welche, als er selbst Hipparch wurde, an seinen Bruder Alketas überging. Das bedeutendste unter diesen fürstlichen Geschlechtern, eine Seitenlinie des Königshauses, war das von Elymiotis, entstammt von dem oben erwähnten Fürsten Derdas aus der Zeit des Peloponnesischen Krieges; um das Jahr 380 hatte ein zweiter Derdas den Besitz des Landes und war damals, mit Amyntas von Makedonien und den Spartanern verbündet, gegen Olynth gezogen; später wird er als von den Olynthiern gefangen erwähnt. Wenn Philippos dessen Schwester Phila zur Gemahlin genommen hat, so wird er damit ihn fester an sich zu ketten oder ein Zerwürfnis auszugleichen bezweckt haben. Des Derdas Brüder, Machatas und Harpalos werden in des Königs Umgebung erwähnt. Aber es blieben zwischen Philipp und dieser Familie Spannungen, die nicht immer geschickt genug verhehlt wurden, und die der König vielleicht absichtlich nährte, um durch zweifelhafte Gunst sie etwas fern und in Besorgnis zu halten; kaum konnte Machatas in einer Rechtssache, in welcher der König zu Gericht saß, einen gerechten Spruch erlangen, und Philipp unterließ nicht, eine Unrechtlichkeit, die ein Verwandter des Hauses sich zuschulden kommen lassen, zur öffentlichen Kränkung der Familie zu benutzen; die Bitten, die des Machatas Bruder für ihn einlegte, wurden nicht ohne Schärfe zurückgewiesen.

Von den zahlreichen edlen Geschlechtern, die an dem Hofe von Pella versammelt waren, verdienen zwei wegen ihrer besonderen Wichtigkeit Erwähnung, das des Jollas und des Philotas. Philotas' Sohn war jener treue und besonnene Feldherr Parmenion, dem Philipp wiederholt die Führung der wichtigsten Expeditionen anvertraute; ihm dankte er den Sieg über die Dardaner 356, durch ihn ließ er 343 Euboia besetzen; Parmenions Brüder Asandros und Agathon, noch mehr seine Söhne Philotas, Nikanor und Hektor nahmen später bedeutenden Anteil an dem Ruhme des Vaters; seine Töchter verbanden sich mit den vornehmsten Söhnen des Landes: die eine mit Koinos, dem Phalangenführer, die andere mit Attalos, dem Oheim einer späteren Gemahlin des Königs. In nicht minder einflußreicher und ehrenvoller Stellung war des Jollas Sohn Antipatros oder, wie ihn die Makedonen nannten, Antipas; das bezeichnet des Königs Wort: »Ich habe ruhig geschlafen, denn Antipas wachte«; seine erprobte Treue und die nüchterne Klarheit, mit der er militärische wie politische Verhältnisse auffaßte, machten ihn für das hohe Amt eines Reichsverwesers, das er bald genug einnehmen sollte, vollkommen geeignet; die Vermählung mit seiner Tochter schien das sicherste Mittel, die hohe Familie der Lynkestier zu gewinnen; seine Söhne Kassandros, Archias und Jollas erhielten erst später Bedeutung.

So der Hof, so die Nation, wie sie durch Philipp gestaltet waren; man darf hinzufügen, daß das monarchische Element in dem makedonischen Staatsleben ebenso durch die geschichtliche Stellung dieses Staates, wie durch die Persönlichkeit Philipps ein entschiedenes Übergewicht erhalten mußte. Erst in dem Ganzen dieses Zusammenhanges ist des Königs Charakter und Handlungsweise begreiflich. In dem Mittelpunkte von Widersprüchen und Gegensätzen der eigentümlichsten Art, Grieche im Verhältnis zu seinem Volke, Makedone für die Griechen, war er jenen um die hellenische List und Hinterlist, diesen um die makedonische Derbheit und Tatkraft voraus, beiden überlegen an scharfer Fassung seiner Ziele, an folgerichtiger Durchführung seiner Entwürfe, an Verschwiegenheit und Raschheit in der Ausführung. Er verstand seinen Gegnern stets ein Rätsel zu sein, ihnen immer anders, an anderer Stelle, in anderer Richtung zu erscheinen, als sie erwarteten. Von Natur zu Wollust und Genuß geneigt, war er in seinen Neigungen ebenso rücksichtslos wie unbeständig; oft schien er von seinen Leidenschaften völlig beherrscht zu werden und war doch in jedem gegebenen Fall ihrer völlig Herr, so nüchtern und kalt, wie es seine Zwecke forderten; und man kann zweifeln, ob in seinen Tugenden oder in seinen Fehlern mehr sein eigenstes Wesen hervortrat. In ihm stellt sich die Bildung seines Zeitalters, ihre Glätte, Klugheit, Frivolität, ihre Verbindung von großen Gedanken und raffinierter Geschmeidigkeit wie in _einem_ Bilde dar.

Das entschiedene Gegenteil von ihm war seine Gemahlin Olympias[2], die Tochter des Epirotenkönigs Neoptolemos, aus dem Geschlechte Achills; Philipp hatte sie in seinen jungen Jahren bei der Mysterienfeier auf Samothrake kennengelernt und sich mit Einwilligung ihres Vormundes und Oheims Arybbas mit ihr vermählt. Schön, verschlossen, voll tiefer Gluten, war sie dem geheimnisvollen Dienste des Orpheus und Bacchos, den dunklen Zauberkünsten der thrakischen Weiber eifrigst ergeben; in den nächtlichen Orgien, so wird berichtet, sah man sie vor allen in wilder Begeisterung, den Thyrsos und die Schlange schwingend, durch die Berge stürmen; ihre Träume wiederholten die phantastischen Bilder, deren ihr Gemüt voll war; sie träumte, so heißt es, in der Nacht vor der Hochzeit, es umtose sie ein mächtiges Gewitter, und der Blitz fahre flammend in ihren Schoß, daraus dann ein wildes Feuer hervorbreche und in weit und weiter zehrenden Flammen verschwinde.

[2] Siehe dazu die Anmerkung am Schluß.

Wenn die Überlieferung sagt, daß außer vielen anderen Zeichen in der Nacht, da Alexander geboren wurde, der Artemistempel zu Ephesos mit seinem Megabyzos an der Spitze seiner Verschnittenen und Hierodulen den Hellenen ein echt morgenländisches Heidentum, niedergebrannt sei, daß ferner der König Philipp die Nachricht von der Geburt seines Sohnes zu gleicher Zeit mit drei Siegesbotschaften erhielt, so spricht sie sagenhaft den Sinn des reichsten Heldenlebens und den großen Gedanken eines Zusammenhanges aus, wie ihn die Forschung nachzuweisen sich oft umsonst bemüht und öfter überhoben hat.

Von König Philipp sprechend, sagt Theopompos: »Nie hat, alles in allem gerechnet, Europa einen solchen Mann getragen, wie den Sohn des Amyntas.« Aber das Werk, in dem er das Ziel seines Lebens sah, zu vollbringen, fehlte ihm, dem Zähen, Rechnenden, mit unverdrossener Arbeit sich Mühenden, ein letztes Etwas, das auf seinem Wege nicht lag. Er mag jenen Gedanken als Mittel ergriffen haben, die Griechenwelt zu einigen, den Blick seiner Makedonen hoch und höher zu heben; es war der Gedanke, den die Bildung, die Geschichte des Griechentums ihm gab; die Notwendigkeit der Verhältnisse, in denen er so lange, so schwer zu ringen hatte, trieb ihn zu diesem Gedanken, nicht die Notwendigkeit und die unwiderstehliche Macht dieses Gedankens zu dessen Ausführung; man möchte zweifeln, ob er an ihn glaubte, wenn man ihn in immer neuen Vorbereitungen zögern und zur Seite lenken sieht; gewiß waren diese erforderlich; aber den Ossa auf den Pelion türmend, erreicht man den Olymp der Götter doch nicht. Wohl sah er jenseits des Meeres das Land der Siege und der Zukunft Makedoniens; dann aber trübte sich sein Blick, und seine Pläne umwölkten sich mit den luftigen Gestaltungen seiner Wünsche. Dasselbe Verlangen nach dem großen Werke teilte von ihm sich seinen Umgebungen, dem Adel, dem gesamten Volke mit, es wurde der stets durchdringende Grundton des makedonischen Lebens, das lockende Geheimnis der Zukunft: man kämpfte gegen die Thraker und siegte über die Griechen; aber der Orient war das Ziel, für das man kämpfte und siegte.

Unter solchen Umgebungen verlebte Alexander seine Kinderjahre, und früh genug mögen die Sagen vom Morgenlande, vom stillen Goldstrom und dem Sonnenquell, dem goldenen Weinstock mit smaragdenen Trauben, und der Nysawiese des Dionys des Knaben Seele beschäftigt haben; dann wuchs er heran und hörte von den Siegen bei Marathon und Salamis und von den heiligen Tempeln und Gräbern, die der Perserkönig mit seinen Sklavenheeren zerstört und geschändet habe, und wie damals auch sein Ahnherr, der erste Alexandros, den Persern Erde und Wasser habe darbringen, ihnen Heeresfolge gegen die Hellenen leisten müssen, wie nun Makedonien nach Asien ziehen und die Ahnen rächen werde. Als einst Gesandte aus der persischen Königsburg nach Pella kamen, fragte er sie sorgsam nach den Heeren und Völkern dieses Reichs, nach Gesetz und Brauch, nach Verfassung und Leben der Völker; die Perser erstaunten über den Knaben.