Geschichte Alexanders des Grossen

Chapter 7

Chapter 73,582 wordsPublic domain

Diese Monarchie, vom griechischen Meer bis zum Himalaja, von der afrikanischen Wüste bis zu den Steppen des Aralsees, läßt die Völker in ihrer Art, in ihren gewohnten Zuständen, schützt sie in dem, »was ihr Recht verlangt«, ist tolerant gegen alle Religionen, sorgt für den Verkehr, den Wohlstand der Völker, läßt ihnen selbst ihre Stammfürsten, wenn sie sich unterwerfen und Tribut zahlen -- aber stellt über sie alle hoch hin das starkgefugte Gerüst einer militärischen und Verwaltungseinheit, deren Träger aus dem herrschenden Stamm, dem der »Perser und Meder«, berufen werden. Die gleiche Religion, die harte und strenggeübte Lebensweise in Feld und Wald, die Erziehung der zum Dienst berufenen edlen Jugend am Hofe und unter den Augen des Großkönigs, dazu die an diesem Hofe versammelte Kriegsmacht der zehntausend Unsterblichen, der zweitausend Lanzenträger und zweitausend Reiter, die aus allen Teilen des weiten Reiches in die Hofburg zusammenfließenden und in dem Reichsschatz aufgesammelten Tribute und Geschenke, die geordneten Rangstufen und Ämterfolge der am Hofe versammelten Edlen bis zu den »Tischgenossen«, den »Verwandten« des Großkönigs hinauf -- das alles zusammen gibt der Zentralstelle des Reiches die Macht und Wucht, der zusammenhaltende und beherrschende Mittelpunkt zu sein. Das Netz von Heerstraßen, die durch das ganze Reich erbaut werden, die Poststationen mit immer bereiten Stafetten, die Festungen an allen wichtigen Paß- und Grenzpunkten sichern die Verbindung und das möglichst schnelle Einschreiten der zentralen Macht. Des Großkönigs Boten können so von Susa bis Sardes -- 350 Meilen -- in weniger als zehn Tagen Depeschen überbringen, und in jeder Landschaft steht militärische Macht bereit, auszuführen, was sie befohlen.

Für die Verwaltung teilt Dareios das Reich in zwanzig Satrapien, nicht nach der Nationalität oder nach historischen Motiven; es sind geographische Gebiete, wie sie die natürlichen Grenzen bestimmen. Das Verhältnis der dort Heimischen zum Reich besteht nur darin, daß sie in Gehorsam bleiben, ihre Tribute zahlen und wenn ein allgemeines Aufgebot ergeht, den Heeresdienst leisten, den Satrapen mit seinem Hofe und die in den Hauptstädten und Grenzfesten ihres Bereichs stehenden Truppen des Großkönigs unterhalten. Die Satrapen -- »Könige nur dem Großkönige untertan« -- haften für den Gehorsam und die Ordnung in ihrer Satrapie, zu deren Schutz sowie zur Vergrößerung des Gebietes und des Tributes sie mit und ohne Befehl von der Hofburg Kriege führen und Frieden schließen. Sie selbst überlassen dann wohl einzelne Distrikte ihres Gebietes Eingeborenen oder sonst von ihnen Begünstigten, die dort die Tribute erheben und das Regiment führen. Die Truppen in der Satrapie stehen zu ihrer Verfügung, aber unter Befehlshabern, die der König unmittelbar bestellt, oft mit dem Heerbefehl über mehrere beieinander liegende Satrapien. Die Wachsamkeit und Tüchtigkeit der Truppen, die Treue der Satrapen, die stete durch die Sendboten geübte Aufsicht des Großkönigs über sie, diese abgestufte Pyramide monarchischer Organisation ist die Form, die die untertänigen Länder und Völker zusammenhält.

In reichen Dotationen, in immer neuen Gnadengeschenken und Ehren, dem hohen Sold des Kriegsdienstes haben die Edlen und das Volk Persiens den Mitgenuß der Herrschaft ihres Königs. Dies, und anderseits die stete Überwachung und Kontrolle, die strengste Disziplin, die willkürliche und oft blutig geübte Strafgewalt des Königs erhält die zum Dienst Berufenen in Furcht und Pflichttreue. Wehe dem Satrapen, der auch nur säumig ist, für den Ackerbau, für den Wohlstand seiner Provinz, für Bewässerung zu sorgen, Paradiese anzulegen, dessen Provinz sich entvölkert oder im Anbau zurückgeht, der die Untertanen bedrückt; des Königs Wille ist, daß sie in ihrem Sein und Tun rechte Diener der reinen Lehre seien. Sie alle sollen auf den König und nur auf ihn sehen; wie Ormuzd, dessen Abbild und Werkzeug er ist, die Welt des Lichtes beherrscht und gegen die des verderblichen, Arges sinnenden Ahriman kämpft, so ist er unumschränkt, unfehlbar, über alle und über alles.

So die Grundzüge dieser Machtbildung, die aus dem eigensten Wesen des Perservolkes, seiner altgewohnten schlichten Anhänglichkeit an das Stammhaupt, dem stolzen Zuge der Legitimität in der alten Geschlechtsverfassung hervorgegangen ist. Diese grandiose Organisation despotischer Macht war darauf gestellt, daß die persönliche Würdigkeit und Kraft des einen, der sie innehatte, sich in jedem Nachfolger erneute, daß der Hof und der Harem in seiner Nähe, die Satrapen und Kriegsobristen in der Ferne nicht aufhörten, von ihm bestimmt und beherrscht zu werden, daß das herrschende Volk sich selbst, seiner alten Strenge und Rauheit und der fraglosen Hingebung an den Gott-König getreu blieb.

Unter Dareios hat die persische Macht die höchste Blüte erlebt, deren sie fähig war; auch die unterworfenen Völker segneten sein Regiment; selbst in den griechischen Städten fanden sich überall angesehene Männer, die für den Preis der Tyrannis gern sich und ihre Mitbürger unter das persische Joch beugten; die moralische Achtung der edlen Perser vor den klugen Hellenen wird darum nicht größer geworden sein. Nach Dareios, nach den Niederlagen von Salamis und Mykale begannen sich Anfänge der Stockung und des Sinkens zu zeigen, dem das Reich, einer inneren Entwicklung unfähig, verfallen mußte, wenn es aufhörte, siegend und erobernd zu wachsen. Schon mit dem Ausgang des Xerxes wurde die Erschlaffung der despotischen Kraft und der Einfluß des Hofes und Harems fühlbar; die Eroberungen an der thrakischen Küste, der Hellespont und der Bosporus, die hellenischen Inseln und Städte an der Küste Kleinasiens waren verloren; bald versuchten einzelne der unterworfenen Völker sich frei zu machen, schon fand die Empörung Ägyptens und die Herstellung der altheimischen Dynastie von Hellas her Unterstützung. Je glücklicher dagegen die Satrapen der vorderen Lande ankämpften und je mehr sie den persönlichen Willen und die Kraft ihres Herren nachlassen sahen, desto dreister wurden sie, im eigenen Interesse zu verfahren, nach selbständiger und erblicher Herrschaft in ihren Satrapien zu trachten. Aber noch war der festgefugte Bau des Reiches stark genug und in dem Adel und Volk Persiens die gewohnte Zucht und Treue lebendig genug, um die da und dort ausbrechenden Schäden zu überwinden.

Ernster wurde die Gefahr, als mit dem Ausgang Dareios' II. (424 bis 404) dessen jüngerer Sohn Kyros sich zum Aufstande gegen den älteren, Artaxerxes II., der die Tiara bereits empfangen hatte, erhob. Kyros, nicht vor der Thronbesteigung des Vaters geboren wie der Bruder, sondern als der Vater schon König war, glaubte sich in demselben besseren Recht, kraft dessen einst Xerxes dem Dareios gefolgt war; noch der Vater hatte ihn, den Liebling der Mutter Parysatis, als »Karanos« nach Kleinasien gesandt, als »Herrn«, wie es scheint, ihm die Satrapien Kappadokien, Phrygien und Lydien gegeben; hatten die bisherigen Satrapen an der Seeküste, Tissaphernes und Pharnabazos, in dem schweren Kampf zwischen Athen und Sparta miteinander rivalisierend, bald die eine, bald die andere Macht begünstigt, so trat Kyros in der nach dem Interesse des Reiches gewiß richtigen Politik rasch und entschieden auf die Seite Spartas. Selbst nach dem Zeugnis der Griechen war dieser junge Fürst voll Geist und Energie, von militärischem Talent, in der strengen Art seines Volkes; dem Spartaner Lysandros konnte er den Park zeigen, den er meist mit eigener Hand geschaffen habe; und als dieser ungläubig auf seine goldene Kette und seine glänzende Kleidung sah, schwur Kyros bei Mithras: daß er des Tages nicht eher Speise zu sich nehme, als bis er in Landarbeit oder kriegerischer Übung seine Pflicht getan. Die militärische Kunst und Tüchtigkeit der Hellenen hatte er kennen und würdigen gelernt; daß zumeist durch seine Unterstützung Lysandros der Athener Meister geworden, mit dem Falle Athens die Seemacht, welche bisher dem Reiche schweren Abbruch getan, zu Ende war und Sparta ausdrücklich die Rückkehr der asiatischen Griechenstädte unter die persische Herrschaft zugesagt hatte, mochte es ihm unbedenklich erscheinen lassen, als Kern des Heeres, mit dem er das ihm gebührende Reich in Besitz zu nehmen gedachte, 13 000 griechische Söldner, ein buntes Gemisch aus allen griechischen Staaten, zu werben, denen dann noch Sparta 700 Hopliten nach Issos nachsandte. Tissaphernes, der Satrap Ioniens, der persönliche Feind des Kyros, hatte rechtzeitig Warnungen nach Susa gesandt; mit dem Aufgebot des Reichs rückte Artaxerxes gegen den Empörer aus; am Eingang Babyloniens, bei Kunaxa, traf er ihn zur Schlacht. Nach dem Siege der Griechen auf ihrem Flügel, stürmte Kyros mit 600 Reitern auf die 6000 Reiter, die den König umgaben, durchbrach sie, drang auf den König selbst ein, verwundete ihn, erlag dann unter den Streichen des Königs und seiner Getreuen. Des Königs Wunde heilte sein Arzt, der Grieche Ktesias. Auch des Kyros Harem fiel in des Königs Hand, unter den Gefangenen zwei Griechinnen, die von ihren Eltern dem Prinzen nach Sardes gebracht waren; die eine von ihnen, eine Milesierin, flüchtete sich glücklich in das Lager der Hellenen, die andere, die schöne und hochgebildete Milto von Phokaia, die in des Großkönigs Harem überging, hat dann dort, wie die Griechen erzählen, lange eine bedeutende Rolle gespielt.

Äußerlich war die Macht des Großkönigs mit dem Tage von Kunaxa hergestellt. Aber es war ein Zeugnis tiefer Zerrüttung, daß unmittelbar vor der Schlacht viele Edle aus dem Reichsheer zu dem Empörer übergegangen waren; es war ein bedenklicheres Symptom, daß dies Häuflein Griechen auf dem Schlachtfelde die Massen des Reichsheeres durchbrochen und geschlagen, und dann mitten durch das Reich in geschlossenen Reihen marschierend die Küste des Pontos erreicht hatte. War denn die Organisation des Reiches nichts, daß ein feindliches Heer so ungestraft drei, vier Satrapien durchziehen, deren Grenzfesten mißachten konnte? Nimmermehr hätte der Empörer die Pässe des Taurus überschreiten können, wenn der Satrap Kilikiens, aus dem altheimischen Stamm der Syennesis, wenn die persische Flotte, die unter dem Ägypter Tamos stand, ihre Schuldigkeit getan hätten. Vor allem, daß Kyros, mit zu großer Macht in den vorderen Satrapien, die rings von den Küsten her mit griechischem Wesen durchzogen waren, griechisches Kriegsvolk in Masse hatte an sich ziehen können, zeigte, daß man mit jenen Satrapien behutsamer und strenger als bisher verfahren müsse. Nicht das Satrapensystem war fehlerhaft; es war der Fehler der zentralen Stelle, daß die Karanen und Satrapen sich hatten gewöhnen können, Politik auf eigene Hand zu machen, wie Territorialherren zu regimentieren, in den Stadttyrannen, Steuerpächtern, dotierten Günstlingen sich persönlichen Anhang zu schaffen, welcher Macht genug gab, nach oben zu trotzen und nach unten zu drücken.

Vielleicht war es nicht erst in diesem Zusammenhange, daß die Zahl der Satrapien Kleinasiens -- nach der Einrichtung des Dareios I. nur vier -- gemehrt, daß namentlich die große Satrapie Phrygien, welche von der Propontis bis zum Taurus und den armenischen Gebirgen das ganze innere Hochland umfaßte, in drei Satrapien -- Phrygien am Hellespont, Großphrygien und Kappadokien -- zerschlagen, von der Satrapie Ionien das ganze Karien und die Südküste bis Kilikien abgelöst, daß endlich Kilikien fortan ohne Satrapen gelassen und, so scheint es, unmittelbares Reichsland wurde.

Schon waren die Spartaner unter Agesilaos' Führung in den vorderen Landen, den Kampf gegen das Reich zu wagen. Daß Tissaphernes, der in sein früheres Amt zurückgekehrt war, nicht energischer verfuhr, nicht mehr erreichte, gab der Königinmutter die Handhabe, den Tod ihres Lieblings an dem Verhaßten zu rächen; ihm ward ein Nachfolger gesandt mit dem Befehl ihn zu ermorden.

Von sehr ernster Bedeutung war, daß zugleich Ägypten in Waffen stand. Noch bei Kunaxa hatte auch ägyptisches Kriegsvolk in dem Heere des Großkönigs gekämpft; aber man wußte in dem Griechenheere bereits, daß Ägypten abgefallen sei; jener Tamos flüchtete mit der Flotte nach Ägypten, und Sparta trat mit Memphis in Verbindung, empfing von dort Subsidien und die Zusage weiterer Hilfe. Nur zu leicht konnten auch die phönizischen Städte, auch Cypern, wo der König Euagoras das griechische Wesen eifrig förderte, dem Beispiel Ägyptens folgen; die ganze maritime Macht Persiens stand auf dem Spiel, während die griechische Landmacht die Satrapien Kleinasiens bedrängte; dem Reich wiederholte sich die Gefahr der perikleischen Zeit in gesteigertem Maße. Wie ihr wehren?

Den rechten Weg wies der Athener Konon, der nach der letzten Niederlage der attischen Macht Zuflucht am Hofe des Euagoras gefunden hatte. Auf seinen Rat erhielt der Satrap von Phrygien am Hellespont Befehl, eine Flotte zusammenzubringen und den Staaten in Hellas mit persischem Golde den Kampf gegen Sparta möglich zu machen. Mit Konons Sieg bei Knidos, mit der Schilderhebung von Theben, Korinth, Athen, mit des Pharnabazos Seezuge bis zur lakonischen Küste und seinem Erscheinen in der Versammlung der Verbündeten zu Korinth war Agesilaos zu schleuniger Heimkehr gezwungen. Bald hart bedrängt, suchte Sparta des Großkönigs Gunst und Bündnis; es sandte Antalkidas, jenen Frieden zu schließen, in dem Sparta dem Reiche die Griechenstädte Asiens und Cypern obendrein preisgab. Nicht mehr militärisch, aber diplomatisch war damit Persien der Griechen Meister; bald den Spartanern, bald den Athenern, bald den Thebanern seine Gunst zuwendend, hielt der Hof von Susa die noch streitbaren Staaten Griechenlands in Atem; er ließ sie sich selbst zerfleischen.

Nur daß mit diesem Ringen in Hellas auch die Empörer des Großkönigs, Cypern, Ägypten, die syrische Küste, Gelegenheit fanden, sich dorther Beistand zu gewinnen, und die Satrapen Kleinasiens schon nicht mehr bloß nach der Weisung der Hofburg sich zu dem Wirrsal in Hellas verhielten. Des zu gütigen Artaxerxes Hand war nicht fest genug, die Zügel anzuziehen. Trotz zehnjährigen Kampfes erlangte er von dem cyprischen Könige nichts, als daß er sich zur Zahlung des Tributes wie ehedem verstand. Ägyptens wurde er trotz des hellenischen Söldnerheeres, das er sandte, trotz des Iphikrates, der es führte, nicht mehr Herr. Die empörten Kadusier in den Gebirgen der kaspischen Pässe vermochte er mit aller Anstrengung nicht wieder zu unterwerfen. Die Bergvölker zwischen Susa, Ekbatana und Persepolis hatten sich der Botmäßigkeit entzogen; sie forderten und erhielten, wenn der Großkönig mit seinem Hofe durch ihr Gebiet zog, Tribut für den Durchzug. Schon empörten sich einige der Satrapen Kleinasiens, Ariobarzanes in Phrygien am Hellespont, Autophradates in Lydien, Mausollos, Orontes; nur der Verrat des Orontes, den sie zum Führer gewählt hatten, rettete dem Großkönige die Halbinsel.

Noch trauriger zeigen die Überlieferungen, freilich die griechischen, des alternden Artaxerxes Schwäche im Bereich seines Hofes; er erscheint da wie ein Spielball in den Händen seiner Mutter, seines Harems, seiner Eunuchen. Sein Sohn Dareios, den er, ein Neunziger, zum Nachfolger ernannt mit dem Recht, schon jetzt die Tiara zu tragen, soll wegen einer Gunst, die ihm von dem Vater versagt worden, eine Verschwörung gegen dessen Leben angezettelt und dann auf des Vaters Befehl, dem sie verraten worden, mit dem Tode gebüßt haben. Zum Thron der nächste war nun Ariaspes, nach ihm Arsames; aber ein dritter Sohn Ochos, so wird erzählt, trieb den ersten mit falschen Gerüchten von des Vaters Ungnade zum Selbstmord, ließ den zweiten durch gedungene Mörder beseitigen. Gleich darauf starb Artaxerxes II. Ochos folgte ihm.

Ochos erscheint in der Überlieferung als ein asiatischer Despot echter Art, blutdürstig und schlau, energisch und wollüstig, in der kalten und berechneten Entschiedenheit seiner Handlungen nur desto furchtbarer; ein solcher Charakter konnte wohl die im Innersten zerrüttete Persermacht noch einmal zusammenraffen und mit dem Schein von Kraft und Frische beleben, die empörten Völker und die trotzigen Satrapen zur Unterwürfigkeit zwingen, indem er sie auch seine Launen, seine Mordlust, seine wahnsinnige Wollust schweigend anzusehen gewöhnte. Er begann mit der Ermordung seiner jüngeren Brüder, ihres Anhanges; und der persische Hof nannte ihn voll Bewunderung mit dem Namen seines Vaters, der keine Tugend als die Sanftmut gehabt habe.

Die Art, wie der Thronwechsel geschah, vielleicht schon die blutigen Vorgänge, die ihm vorausgingen, waren Anlaß oder Vorwand zu neuen Empörungen in den vorderen Satrapien, zu dreisterem Vorgehen Ägyptens. Es erhob sich Orontes, der Ionien, Artabazos, der Phrygien am Hellespont hatte; attische Inschriften bezeugen die Verbindung des Orontes mit Athen. Artabazos hatte zwei rhodische Männer, die Brüder Mentor und Memnon, beide tüchtige Kriegsleute, an sich gezogen, sich mit ihrer Schwester vermählt, seine griechischen Söldner unter ihren Befehl gestellt. Die attischen Strategen Chares, Charidemos, Phokion leisteten ihm Beistand. Andere Satrapen blieben auf des Königs Seite; namentlich der von Karien, Mausollos aus dem alten Dynastengeschlecht des Landes; sein Werk war der Abfall der attischen Bundesgenossen (357), Rhodos, Kos, Chios voran; nur um so eifriger half Athen den empörten Satrapen; das gegen sie gesandte königliche Heer wurde durch Chares' Beistand geschlagen; die Athener jubelten wie über einen zweiten marathonischen Sieg. Aber eine persische Gesandtschaft erschien in Athen, über Chares Beschwerde zu führen, drohte, 300 Trieren den Feinden Athens zum Beistand zu senden; man beeilte sich, den Zorn des Königs zu begütigen, schloß mit den empörten Bundesgenossen Frieden (355). Auch ohne attische Hilfe kämpfte Artabazos weiter; sein Schwager Memnon unternahm einen Zug gegen den Tyrannen im kimmerischen Bosporus, mit dem Heraklea im Kriege war, die wichtigste Stadt an der bithynischen Küste des Pontos. Artabazos selbst gewann Unterstützung von den Thebanern, die ihm ihren Feldherrn Pammenes mit 5000 Söldnern sandten; mit deren Hilfe schlug er des Königs Truppen in zwei Schlachten. Dann ließ Artabazos den thebanischen Feldherrn gefangensetzen, weil er mit den Gegnern in Verhandlung zu stehen schien; Pammenes mag Weisung dazu aus Theben empfangen haben, wohin der Großkönig große Geldsummen hatte senden lassen. Rasch sank nun das Glück des Artabazos; er mußte flüchten (um 351), er und Memnon fanden an dem makedonischen Hofe Zuflucht, Mentor ging nach Ägypten.

Ägypten war seit lange der rechte Herd des Kampfes gegen die Persermacht. Noch als Artaxerxes II. das Reich hatte, war dort von Tachos, dem Sohn des Nektanebos, ein großes Unternehmen gerüstet; mit einem Heere von 80 000 Ägyptern, 10 000 griechischen Söldnern, zu denen Sparta unter dem alten Agesilaos noch 1000 sandte, einer Flotte von 200 Schiffen, deren Befehl der Athener Chabrias übernahm, gedachte Tachos auch das syrische Land zu erobern. Aber Tachos hatte sich durch Mißtrauen und Zurücksetzung den König Agesilaos, durch Erpressungen das ägyptische Volk so verfeindet, daß, während er in Syrien stand, seines Oheims Sohn Nektanebos II. sich zum Pharao aufwerfen konnte, und da Agesilaos auch die griechischen Truppen dem neuen Herrn zuwandte, blieb dem Tachos kein anderer Ausweg, als nach Susa zu flüchten und des Großkönigs Gnade anzuflehen. Gegen Nektanebos erhob sich in Mendes ein anderer Prätendent, er fand Zulauf in Menge; es kam so weit, daß der Pharao samt seinen Griechen umstellt, mit Wällen und Gräben dicht und dichter eingeschlossen wurde, bis gegen die 100 000 Mann der alte Agesilaos mit seinen Griechen anrückte und den ganzen mendesischen Haufen auseinander- und in Flucht trieb; es war die letzte Tat des alten Spartanerkönigs; im Begriff nach Sparta heimzusegeln, starb er (358).

Die dürftigen Überlieferungen dieser Zeit geben nur an, daß noch Artaxerxes II. seinen Sohn Ochos gegen Ägypten gesandt habe, daß das Unternehmen gescheitert sei, daß Ochos, gleich nachdem er König geworden, gegen die Kadusier gekämpft, sie besiegt habe.

Wenige Jahre darauf, um 354, war man in Athen in lebhafter Sorge über die großen Rüstungen, die König Ochos mache, größere als seit Xerxes' Zeit gemacht seien; man meinte, er wolle zuerst Ägypten unterwerfen, um sich dann auf Griechenland zu stürzen; auch Dareios habe erst Ägypten unterworfen, dann sich gegen Hellas gewandt, auch Xerxes zuerst das empörte Ägypten bewältigt, dann seinen Zug nach Hellas unternommen; man sprach in Athen, als sei er schon auf dem Wege: seine Flotte liege bereit, Truppen übers Meer zu führen, auf 1200 Kamelen werde ihm der Schatz nachgeführt; mit seinem Golde werde er zu seinem asiatischen Heere hellenische Söldner in Masse anwerben; Athen müsse eingedenk der Tage von Marathon und Salamis den Krieg wider ihn beginnen. So schnell freilich war das Reichsheer nicht beieinander. Und bevor es kam, hatte sich zu der noch währenden Empörung in Kleinasien auch Phönikien erhoben. Die Sidonier unter ihrem Fürsten Tennes beredeten auf dem Tage zu Tripolis die anderen Städte zum Abfall; man verbündete sich mit Nektanebos, man zerstörte die königlichen Schlösser und Paradiese, verbrannte die Magazine, ermordete die Perser, die in den Städten waren; sie alle, namentlich das durch Reichtum und Erfindungen ausgezeichnete Sidon, rüsteten mit größtem Eifer, warben Söldner, machten ihre Schiffe fertig. Der Großkönig, dessen Reichsheer sich bei Babylon sammelte, befahl dem Satrapen Belesys von Syrien und dem Mazaios, dem Verwalter Kilikiens, den Angriff auf Sidon. Aber Tennes, unterstützt von 4000 griechischen Söldnern unter Mentors Führung, die ihm Nektanebos sandte, leistete glücklichen Widerstand. Zu gleicher Zeit erhoben sich die neun Städte von Cypern, verbanden sich mit den Ägyptern und Phönikiern, gleich ihnen unter ihren neun Fürsten unabhängig zu sein. Auch sie rüsteten ihre Schiffe, warben griechische Söldner. Nektanebos selbst war auf das beste gerüstet; der Athener Diophantos, der Spartaner Lamios standen an der Spitze seiner Söldner.

»Mit Schimpf und Schande«, sagt ein attischer Redner dieser Zeit, »mußte Ochos abziehen.« Er rüstete einen dritten Zug, er forderte die hellenischen Staaten auf, ihn zu unterstützen; es war in den letzten Stadien des heiligen Krieges; wenigstens Theben sandte ihm 1000 Söldner unter Lakrates, Argos 3000 unter Nikostratos; in den asiatischen Griechenstädten waren 6000 Mann geworben, die unter Bagoas' Befehl gestellt wurden. Der Großkönig befahl dem Satrapen Idrieus von Karien den Angriff auf Cypern; er selbst wandte sich gegen die phönikischen Städte. Vor solcher Übermacht entsank diesen der Mut; nur die Sidonier waren entschlossen, den äußersten Widerstand zu leisten; sie verbrannten ihre Schiffe, um sich die Flucht unmöglich zu machen. Aber auf Mentors Rat hatte König Tennes bereits Unterhandlungen angeknüpft, sie beide verrieten die Stadt; als die Sidonier bereits die Burg und die Tore in Feindes Hand und jede Rettung unmöglich sahen, zündeten sie die Stadt an und suchten den Tod in den Flammen; 40 000 Menschen sollen umgekommen sein. Den cyprischen Königen sank der Mut, sie unterwarfen sich.

Mit dem Fall Sidons war der Weg nach Ägypten frei. Das Heer des Großkönigs zog an der Küste südwärts; nicht ohne bedeutende Verluste gelangte es durch die Wüste, welche Asien und Ägypten scheidet, unter die Mauern der Grenzfestung Pelusion, welche von 5000 Griechen unter Philophron verteidigt wurde; die Thebaner unter Lakrates, voll Begier ihren Waffenruhm zu bewähren, griffen sogleich an, wurden zurückgeworfen; nur die einbrechende Nacht rettete sie vor schwerem Verlust. Nektanebos durfte hoffen, den Kampf zu bestehen; er hatte 30 000 Griechen, ebenso viele Libyer, 60 000 Ägypter, dazu zahllose Nilschiffe, dem Feind jeden Flußübergang zu wehren, selbst wenn er die Verschanzungen, die am rechten Nilufer entlang errichtet waren, genommen hatte.