Geschichte Alexanders des Grossen

Chapter 6

Chapter 63,406 wordsPublic domain

Er zog gegen die Skythen. Für seine neue Gründung im Hebroslande war der Skythenkönig Ateas diesseits der Donaumündungen ein gefährlicher Nachbar; er schlug ihn. Dann zog er durch das Gebiet der Triballer heimwärts; auch sie, den Grenzen Makedoniens oft lästige Nachbarn, sollten seine Macht fürchten lernen. Er mußte seines Rückens sicher sein, um den entscheidenden Stoß gegen die Athener führen zu können.

Sie arbeiteten ihm in die Hand. In dem delphischen Tempel hatten sie ihre alten Weihgeschenke für die Schlacht von Platää erneut, mit der Inschrift: »Aus der Beute der zum gemeinsamen Kampf gegen die Hellenen vereinten Perser und Thebaner.« In der Versammlung der Amphiktyonen erhoben auf Anlaß Thebens die Lokrer von Amphissa darüber Beschwerde und beantragten eine schwere Geldstrafe; der attische Gesandte Aischines antwortete ihnen mit dem Vorwurf, daß sie delphisches Tempelland bebaut hätten; er erhitzte die Versammelten so, daß der Beschluß gefaßt wurde, diese Tempelräuber sofort zu züchtigen; aber die Bauern von Amphissa trieben die Amphiktyonen und die Delphier, die mit ihnen gekommen waren, zurück. Nach solchem Schimpf beschloß man eine außerordentliche Versammlung der Amphiktyonen zu berufen, die das Nötige verfügen sollte, die Frevler zu züchtigen. Gesandte Athens, Thebens kamen nicht, Sparta war seit dem Ausgang des heiligen Kriegs ausgeschlossen; die zur Versammlung Erschienenen beschlossen einen heiligen Zug gegen Amphissa, übertrugen ihn den nächstgesessenen Stämmen. Er hatte geringen Erfolg; die von Amphissa verharrten in ihrem Trotz. Die nächste Versammlung (im Herbst 339) übertrug dem König Philipp die Züchtigung der Gottesfrevler, die Hegemonie des heiligen Krieges.

Er eilte herbei, nicht bloß um die Bauern von Amphissa zu züchtigen. Athen hatte den Krieg wider ihn erneut, hatte ihn vor Byzanz und Perinth zu weichen genötigt; mit dem Zuge für den delphischen Gott konnte er seine Landmacht in die Nähe der attischen Grenzen führen, den Krieg da fortsetzen, wo den Athenern ihre Seemacht nichts half; daß sie selbst den Handel mit Amphissa eingeleitet hatten, daß sie nun gegen den, der ihn hinauszuführen kam, sich wenden mußten, enthüllte vor den Augen aller Welt ihr Unrecht und die inneren Widersprüche ihrer Politik. Er durfte auf Theben rechnen, das ihm, zumal seit dem Kriege gegen die Phokier, voll Erbitterung gegen Athen und den rettenden Waffen Makedoniens zu Dank verpflichtet, durch Bündnis verknüpft war. Mit Nikaia am Südausgang der Thermopylen, das er den Thessaliern überwiesen, stand ihm der Weg nach dem Süden offen. Er ließ einen Teil seines Heeres von Heraklea, am Nordeingang der Thermopylen, durch den Paß der Landschaft Doris, den nächsten Weg nach Amphissa, vorgehen; mit dem größeren Teil zog er über Nikaia durch den Paß, der nach Elatea in das obere phokische Tal der Kephissos hinabführt; im Spätherbst 339 stand er in Elatea, verschanzte sich dort; die offenen Grenzen Boiotiens und die Straße nach Attika lagen vor ihm, hinter ihm die Pässe, die seine Verbindung mit Thessalien und Makedonien sicherten.

Er sandte nach Theben; er bot, wenn die Stadt mit ausziehe gegen Athen, Anteil an der Siegesbeute und Gebietserweiterung, forderte, wenn sie nicht mitkämpfen wolle, wenigstens freien Durchzug. Zugleich waren attische Gesandte nach Theben gekommen; dem Eifer des Demosthenes gelang es trotz allem, was seit zwanzig Jahren nicht geschehen war, ein Bündnis zwischen Athen und Theben zustande zu bringen. Theben sandte eine Schar Söldner den Lokrern von Amphissa zu Hilfe; Athen überließ ihnen 10 000 Mann, die es geworben; beide Städte riefen die verbannten Phokier auf, in ihre Heimat zurückzukehren, halfen ihnen einige der wichtigsten Plätze des Landes neu befestigen. Aber die Makedonen drangen auf Amphissa vor, schlugen die Soldhaufen des Feindes; Amphissa wurde zerstört. Der Hauptmacht Philipps in Phokis zu begegnen, rüsteten Athen und Theben mit höchstem Eifer, riefen auch ihre Bürger unter die Waffen; das attische Heer zog nach Theben, vereinte sich mit dem boiotischen. Zwei glückliche Gefechte erhöhten ihre Zuversicht; auch Korinth, Megara, andere von den Verbündeten Athens sandten Hilfstruppen.

Aber Philipp wich nicht; er zog Verstärkungen aus Makedonien heran; mit denen, die sein Sohn Alexander nachführte, war sein Heer bei 30 000 Mann stark. Es mag in dieser Zeit gewesen sein, daß der König nach Theben sandte, Unterhandlungen anzubieten; der heftige Widerspruch des Demosthenes machte die Friedensneigung der Böotarchen wirkungslos. Wenn nur in gleichem Maße das Heer der Verbündeten -- der Zahl nach war es dem makedonischen überlegen -- militärisch die Initiative zu ergreifen verstanden hätte; sie standen in fester Stellung am Eingang nach Phokis, am Kephissos. Eine Bewegung Philipps nach der Linken zwang sie rückwärts zu gehen, in die boiotische Ebene. Bei Chaironeia traf sie Philipp zur Schlacht (August 338); das lange schwankende Gefecht entschied der Reiterangriff, den Alexander führte; es war der vollständigste Sieg; das Heer der Verbündeten war zersprengt und vernichtet. Das Schicksal Griechenlands lag in Philipps Hand.

Er hatte weder den Siegesübermut, noch lag es in den Wegen seiner Politik, Griechenland zu einer Provinz Makedoniens zu machen. Nur die Thebaner erfuhren für ihren Abfall die verdiente Strafe. Sie mußten die Verbannten wieder aufnehmen, aus ihnen einen neuen Rat bestellen, der über die bisherigen Führer und Verführer der Stadt Tod oder Verbannung verhängte. Der boiotische Bund wurde aufgehoben, die Gemeinden von Platää, Orchomenos, Thespiä wiederhergestellt, Oropos, das Theben zwanzig Jahre früher von Attika abgerissen, an Athen zurückgegeben, endlich auf die Kadmeia eine makedonische Besatzung gelegt, eine Position, nicht bloß Theben, sondern Attika und ganz Mittelgriechenland in Ruhe zu halten.

Mit so viel Strenge Theben, mit ebenso viel Nachsicht wurde Athen behandelt. In der ersten Aufregung nach der Niederlage hatte man dort sich zu einem Kampf auf Leben und Tod angeschickt; man hatte Charidemos an die Spitze des Heeres stellen, man hatte die Sklaven bewaffnen wollen -- das Schicksal Thebens und die Erbietungen des Königs kühlten den Eifer ab; man nahm den Frieden an, wie ihn der König durch einen Gefangenen, den Redner Demades, anbieten ließ: die Athener erhielten alle Gefangenen ohne Lösegeld zurück, sie behielten Delos, Samos, Imbros, Lemnos, Skyros, sie kamen wieder in den Besitz von Oropos; es wurde -- vielleicht nur der Form nach -- ihrem Belieben freigestellt, ob sie dem gemeinen Frieden des Königs mit den Hellenen und dem Bundesrate, den er mit denselben errichten werde, beitreten wollten. Der attische Demos beschloß Ehren aller Art für den König, gab ihm, seinem Sohn Alexander, seinen Feldherren Antipatros und Parmenion das Bürgerrecht, errichtete ihm als einem »Wohltäter der Stadt« ein Standbild auf der Agora; anderes mehr.

Es war doch nicht die Furcht allein, auf die der König sein Werk in Hellas zu gründen gedachte; und die makedonische Partei, auf die er rechnete oder die sich neu bildete, bestand doch nicht bloß aus Verrätern und Bestochenen, wie es Demosthenes darstellt. Es ist bedeutsam, daß Demaratos von Korinth einer der treuesten Anhänger des Königs war, Timoleons Freund und Kampfgenosse in der Befreiung Siziliens, wenn einer erfüllt von dem großen Gedanken des nationalen Kampfes gegen die Perser. Auch andere mögen sich zu der Ansicht bekannt haben, die Aristoteles mit den Worten ausgesprochen hat: daß das Königtum seiner Natur nach allein imstande sei, über den Parteien zu stehen, welche das griechische Staatsleben zerrütteten, allein das Staatswesen der rechten Mitte schaffen könne; »denn die Aufgabe des Königs ist, Wächter zu sein, daß die Besitzenden nicht in ihrem Eigentum geschädigt, der Demos nicht mit Willkür und Übermut behandelt werde.« Die so oft versuchte Tyrannis hat dies Werk nicht vollbringen können, »denn sie steht nicht, wie das altgegründete Königtum, auf eigenem Recht, sondern auf der Gunst des Demos oder auf Gewalt und Unrecht«.

Verfuhr nun Philipp in solchem Sinn?

Ohne das attische Gebiet zu berühren, zog er weiter nach dem Peloponnes. Hatten Megara, Korinth, Epidauros, andere Städte sich hinter ihren Mauern zu verteidigen gedacht, so baten sie nun um Frieden; der König gewährte ihn den einzelnen, den Korinthern unter der Bedingung, daß sie Akrokorinth einer makedonischen Besatzung übergaben; ähnliche Friedensschlüsse mit der Weisung, zum Abschluß des allgemeinen Friedens Bevollmächtigte nach Korinth zu senden, folgten bei seinem weiteren Marsch durch den Peloponnes. Nur Sparta wies jedes Erbieten zurück; bis an das Meer zog Philipp durch das lakonische Gebiet, ordnete dann nach dem Spruch eines Schiedsgerichts aus allen Hellenen die Grenzen Spartas gegen Argos, Tegea, Megalopolis, Messenien, so daß die wichtigsten Pässe in die Hände derer kamen, die sich lieber mit der Vernichtung des verhaßten Staates aller künftigen Sorge befreit gesehen hätten.

Schon waren die Gesandten der Staaten in Hellas -- nur Spartas nicht -- in Korinth versammelt; dort wurde »der gemeinsame Friede und Bundesvertrag« errichtet, vielleicht auf Grund des von König Philipp vorgelegten Entwurfes, gewiß nicht in der Form eines makedonischen Befehls. Die Freiheit und Autonomie jeder hellenischen Stadt, der ungestörte Besitz ihres Eigentums und dessen gegenseitige Garantie, freier Verkehr und steter Friede zwischen ihnen, das waren die Grundlagen dieser Einigung; sie zu sichern und ihre Befugnisse auszuführen wurde ein »gemeinsamer Bundesrat« bestellt, zu dem jeder Staat Beisitzer senden solle; namentlich war die Aufgabe dieses Synedrions, darüber zu wachen, »daß in den verbündeten Staaten keine Verbannung oder Hinrichtung wider die bestehenden Gesetze, keine Konfiskation, Schuldaufhebung, Güterteilung, Sklavenbefreiung zum Zweck des Umsturzes« vorkomme. Zwischen den so geeinten Staaten und dem makedonischen Königtum wurde ein ewiger Bund zu Schutz und Trutz errichtet; kein Hellene sollte gegen den König Kriegsdienste tun oder seinen Feinden hilfreich sein bei Strafe der Verbannung und des Verlustes von Hab und Gut. Das Gericht über Bundbrüchige wurde dem Rat der Amphiktyonen überwiesen. Endlich der Schlußstein des Ganzen: es wurde der Krieg gegen die Perser beschlossen, »um die von ihnen an den hellenischen Heiligtümern geübten Frevel zu rächen«; es wurde König Philipp zum Feldherrn dieses Krieges zu Lande und zur See mit unumschränkter Gewalt ernannt.

Philipp ging nach Makedonien zurück, alle Vorbereitungen zu dem großen nationalen Kriege zu treffen, den er mit dem nächsten Frühling zu beginnen gedachte. Jene Hilfesendung der Satrapen nach Thrakien gab ihm den Rechtsgrund zum Kriege gegen den Großkönig.

Wie denkwürdig, daß in derselben Zeit die Geschicke Siziliens auf entgegengesetztem Wege sich herstellten. In kläglichstem Zustande, von Tyrannen bedrückt und von den Karthagern bedroht, hatten sich die Patrioten Siziliens nach Korinth gewandt, um Rettung zu bitten. Von dort wurde ihnen mit geringer Macht der hochherzige Timoleon gesandt. Er brach die Tyrannis in Syrakus, der Reihe nach in den anderen Städten, er warf die Karthager auf ihre alten Grenzen in der Westecke der Insel zurück (339); er zog in die befreiten Städte neue hellenische Ansiedler in Menge, er erneute in ihnen die demokratische Freiheit und die Autonomie; in Sizilien schien die Art des Staatenlebens, die in der Heimat zusammenbrach, von neuem erblühen zu sollen. Aber den Tod des Hochgefeierten (337) überdauerte der neugeschaffene Zustand nur kurze Frist; noch ehe die Karthager sich zu neuen Angriffen erhoben, waren diese Demokratien auf dem Wege der Oligarchie oder der Tyrannis, in neuem Nachbarhader. Am wenigsten aus Großgriechenland konnte ihnen Rettung kommen; den noch nicht verkommenen Städten dort erwuchsen aus der eben jetzt rasch schwellenden Bewegung der italischen Völker neue Bedrängnisse; jener König Archidamos von Sparta, den die Tarentiner in Dienst nahmen, fand, an der Spitze seiner Söldner gegen die Messapier kämpfend, den Tod, an demselben Tage, heißt es, da Philipp bei Chaironeia siegte.

Mit dieser Schlacht und dem Korinthischen Bunde war wenigstens in dem heimatlichen Gebiet der Hellenen eine Einigung geschaffen, die inneren Frieden und nach außen eine gemeinsame nationale Politik verbürgte -- eine Einigung nicht bloß völkerrechtlicher, sondern staatsrechtlicher Art, wie sie einst Thales und Bias den Ioniern empfohlen hatten, nicht eine Hegemonie, wie sie die Athener in den Tagen ihres schönsten Ruhmes nur zu bald zur Herrschaft hatten umbilden müssen, um sie zu erhalten, noch weniger eine solche, wie sie Sparta mit dem Frieden des Antalkidas namens des Großkönigs und in Ausführung seiner Politik durchzusetzen versucht hatte, sondern eine Bundesverfassung mit geordnetem Rat und Gericht über die verbündeten Staaten, mit kommunaler Autonomie der einzelnen, mit dauerndem Landfrieden und freiem Verkehr zwischen ihnen, mit der Garantie aller für jeden, endlich zu dem beschlossenen Kriege gegen die Perser so gefaßt, daß das Wesentliche der Militärhoheit und der auswärtigen Politik jedes Staates durch den Bundeseid an den Hegemonen des Bundes, den makedonischen Machthaber, übertragen war.

Wie schwerer Kämpfe, wie scharfer Maßnahmen es bedurft haben mochte, zu diesem Ergebnis zu gelangen, der makedonische König ehrte sich und die Hellenen, wenn er voraussetzte, daß der Kampf gegen die Perser, der so erst möglich wurde, die Macht der doch gemeinsamen nationalen Sache, die Erfolge nach außen und die Segnungen im Innern, die das gelungene Werk verhieß, die Niederlagen und Opfer vergessen machen werde, die dessen Schaffung gefordert hatte. Nicht bloß seine wiederholten Erklärungen und die in dem Bundesvertrage übernommene Pflicht verbürgten ihnen, daß seine Waffen dem großen nationalen Kampf geweiht sein würden; sein eigenes Interesse hatte ihm von Anfang her diese Politik vorgezeichnet, die Kraft Griechenlands zu sammeln, um den Kampf gegen die Persermacht wagen zu können, diesen Kampf zu unternehmen, um die irgend noch gesunden Kräfte im hellenischen Staatenleben desto sicherer zu vereinigen und dauernd zu verschmelzen.

Seine Macht, die und die allein Hellas wie ein schützender Wall gegen die Barbaren des Nordens deckte, denen Italien schon erlag, war nun so weit und in feierlichster Weise berufen, an der Spitze des geeinten Hellas den Kampf gegen die Barbaren im Osten durchzuführen. Das bedeutete: Befreiung der hellenischen Inseln und Städte, die seit dem Sturz Athens, seit dem Frieden des Antalkidas dem persischen Joch von neuem verfallen waren, -- die Erschließung Asiens für den freien Verkehr und die Industrie von Hellas, für das Einströmen des hellenischen Lebens, -- der Überfülle unruhiger, gärender, verwilderter Elemente, an denen es bisher in seiner wirren Kleinstaaterei auf den Tod gekrankt, deren es so krankend nur immer mehr, immer zerstörendere erzeugt hatte, Raum und Gelegenheit und lockende Aussicht vollauf in neuen Verhältnissen neue Tätigkeiten zu finden und in der Fülle neuer Aufgaben arbeitend zu genesen.

Der kosmopolitische Zug, den in dem Griechentum zugleich mit dem zähen Partikularismus der Weltverkehr, das Flüchtlingswesen, das Söldnertum, die Kurtisanen, die Aufklärung und Bildung entwickelt hatten, mußte endlich, wenn er nicht den Rest nationalen Bestandes nutzlos vergeuden sollte, in geordneter Bewegung, in vorgedachten Wirkungen die ihm entsprechende Gestaltung finden. In dem Zuge nach Asien konnte er es.

War auf der europäischen Seite so alles zur letzten Entscheidung bereit, so hatte auf der asiatischen in entsprechender Weise das große Reich der Perser den Punkt erreicht, wo es in den Machtelementen, in denen einst seine Erfolge begründet gewesen waren, erschöpft und nur noch durch die träge Kraft des Bestehens gehalten schien.

Es ist wenig, was von der Natur und Art dieses Perserreiches überliefert wird, und dieses Wenige meist sehr äußerlicher Art, fast nur von denen aufgefaßt, welche in den Persern nur die Barbaren sahen und verachteten; und nur in der großen Gestalt des Dareios, wie sie einer der Marathonkämpfer in seinem Drama von den Perserkriegen geschildert hat, empfindet man etwas von dem doch tief-mächtigen Wesen dieses edlen Volkes.

Vielleicht darf man diesen Eindruck ergänzen und vertiefen durch das, was dasselbe in der unmittelbarsten Gestaltung seines inneren Lebens, in seiner Religion und seiner heiligen Geschichte ausgesprochen hat. Sie bezeugen die höhere ethische Kraft, mit der die Perser den anderen Völkern Asiens gegenüber in die Geschichte eintreten, die ernste und feierliche Auffassung dessen, um deswillen der einzelne und das Volk lebt.

Rein sein in Werken, rein in Worten, rein in Gedanken, das ist es, was diese Religion fordert; die Wahrhaftigkeit, die Heiligung des Lebens, die Pflichterfüllung mit vollster Selbstverleugnung ist das Gesetz, wie es durch Zarathustra, den Verkünder des göttlichen Wortes, offenbart worden ist. In den Sagen von Dschemschid und Gustasp, von den Kämpfen gegen Turan entwickeln sich ihnen, sehr anders als den Hellenen in ihren Gesängen von Troja und Theben und den Argonauten, die Vorbildlichkeiten dessen, was das wirkliche Leben suchen und meiden soll.

Denn die Hochebenen vom Demawend bis zum Sindhflusse durchschwärmten in unvordenklicher Vorzeit wüste Horden; da erschien der Verkünder des alten Gesetzes, der Hort des Menschen, Haoma, verkündete seine Lehre dem Vater Dschemschids, und die Menschen begannen sich anzusiedeln und den Acker zu bauen. Und als Dschemschid König wurde, ordnete er das Leben seines Volkes und die Stände seines Reichs; unter dem Glanz seiner Herrschaft starben die Tiere nicht, und die Pflanzen verwelkten nicht, an Wasser und Früchten war nie Mangel, es war nicht Frost noch Hitze, nicht Tod noch Leidenschaft, und Friede überall. Er sprach in seinem Stolz: »Verstand ist durch mich, gleich mir ist noch keiner gekrönt; die Erde ist geworden, wie ich verlangt; Speise und Schlaf und Freude haben die Menschen durch mich; die Macht ist bei mir und den Tod habe ich von der Erde genommen; darum müssen sie mich den Weltschöpfer nennen und anbeten.« Da wich der Glanz Gottes von ihm; Zohak, der verderbliche, kam über ihn, begann seine furchtbare Herrschaft; es folgte eine Zeit wilden Aufruhrs, aus der endlich siegend Feridun der Held hervorging; er und nach ihm sein Geschlecht, das der »Männer des ersten Glaubens«, herrschten über Iran, immer wieder in schwerem Kampf mit den wüsten Turaniern, bis dann unter dem sechsten nach Feridun, dem Könige Gustasp, Zarathustra erschien, der Bote des Himmels, den König zu unterweisen, damit er dem Gesetz gemäß denke, spreche, handle.

Die Grundlage des neuen Gesetzes war der ewige Kampf des Lichts und der Finsternis, des Ormuzd und der sieben Erzfürsten des Lichts gegen Ahriman und die sieben der Finsternis; beide mit ihren Heerscharen ringen um die Herrschaft der Welt; alles Geschaffene gehört dem Licht, aber die Finsternis nimmt mit teil an dem rastlosen Kampf; nur der Mensch steht zwischen beiden, um nach freier Wahl dem Guten zu helfen oder dem Bösen Raum zu lassen. Die Söhne des Lichtes, die Iranier, kämpfen so den großen Kampf für Ormuzd, seinem Reiche die Welt zu unterwerfen, sie nach dem Vorbilde des Lichtwerdens zu ordnen und in Gedeihen und Reinheit zu erhalten.

So der Glaube dieses Volkes und die Impulse, aus denen sich ihm sein geschichtliches Leben entwickelt; teils ackerbauende, teils Hirtenstämme in dem Gebirgsland Persis, unter ihren edlen Geschlechtern, von deren zahllosen Burgen noch nach Jahrhunderten die Rede ist, an ihrer Spitze der Stamm der Pasargaden, deren edelstem Geschlecht, dem der Achämeniden, das Stammkönigtum des Volkes zusteht. Da hat denn der Königssohn Kyros am Hofe des Großkönigs in Ekbatana so viel Hochmut und Erschlaffung und verächtliches Wesen gesehen, daß er die Herrschaft an sein strengeres Volk zu bringen für wohlgetan hält. Er ruft, so lautet die Sage, die Stämme zusammen, läßt sie den einen Tag ein Stück Feld urbar machen und die ganze Last der Untertänigkeit fühlen, beruft sie anderen Tags zum festlichen Mahl; er fordert sie auf zu wählen zwischen jenem traurigen Knechtsleben, das an der Scholle haftet, und dem herrlicheren des Siegers; und sie wählen Kampf und Sieg. So zieht er gegen die Meder aus, besiegt sie, wird Herr des Reiches, das bis zum Halys und bis zum Jaxartes reicht. Weiter kämpfend, unterwirft er das lydische Königtum und das Land bis zum Meer der Jaonen, das babylonische Reich bis an die Grenze Ägyptens. Kyros' Sohn Kambyses fügt das Reich der Pharaonen hinzu; keins der altgeschichtlichen Völker und Reiche widersteht der Kraft des jungen Volkes. Aber des Großkönigs Zug über Ägypten hinaus in die Wüste, seinen jähen Tod benutzen die Meder; ihre Priester, die Magier, machen einen aus ihrer Mitte zum Großkönig, nennen ihn des Kyros jüngeren Sohn, erlassen den Völkern den Kriegsdienst und die Tribute auf drei Jahre; und die Völker fügen sich willig. Nach Jahr und Tag erhebt sich Dareios der Achämenide mit den Häuptern der sechs anderen Stämme, sie ermorden den Magier und seine vornehmsten Anhänger. »Die Herrschaft, welche unserm Geschlecht entrissen war, diese brachte ich wieder zurück; ich habe wiederhergestellt die Heiligtümer und die Verehrung dessen, der des Reiches Schützer ist; so gewann ich durch Ormuzds Gnade das Entrissene zurück, ich stellte das Reich glücklich, Persien, Medien und die anderen Provinzen, wie ehedem«, so sagt eine Inschrift des Dareios.

Dareios hat das Reich organisiert. Da es keine persische Bildung gab, die wie einst die von Babel und Assur die mit Gewalt Unterworfenen auch innerlich hätte besiegen und umbilden können, da die Religion des Lichtes, die eigenste Kraft und der Vorzug des persischen Volkes, nicht bekehren konnte noch wollte, so mußte die Einheit und Sicherheit des Reiches auf die Organisation der Macht gestellt werden, die es gegründet hatte und beherrschen sollte. Es war der vollste Gegensatz dessen, was sich als das Wesen der Griechenwelt entwickelt hat: in diesem _ein_ Volk, zu zahllosen kleinen und kleinsten Kreisen in freier Autonomie, in dem Drang unerschöpflicher Erregbarkeit und Eigenartigkeit sich differenzierend und auseinander lebend -- in dem Perserreich viele Nationen, meist ausgelebte und einer eigenen Lebensgestaltung nicht mehr fähige, zusammengeballt durch die Gewalt der Waffen und zusammengehalten durch die strenge und stolze Überlegenheit des Perservolkes und des Großkönigs, des »gottgleichen Menschen«, an dessen Spitze.