Geschichte Alexanders des Grossen

Chapter 5

Chapter 53,509 wordsPublic domain

Auch Athens zweiter Seebund gewann keinen hohen Flug. Durch Sorglosigkeit, Habgier, durch Ränke schmiedende Staatsmänner verleitet, schon längst daran gewöhnt, statt der eigenen Bürger Söldner ins Feld zu schicken, ließ es seine Strategen bei Freund und Feind Geld erpressen, statt Krieg zu führen, attische Beamte und Besatzungen in die Bundesstädte legen, wohl auch Bündner -- so die auf Samos -- austreiben, an attische Kleruchen ihre Häuser und Äcker austeilen, so völlig das Recht und die Pflicht des geschlossenen Bundes mißachtend, daß die mächtigeren die erste Gelegenheit zum Abfall wahrnahmen. Es gelang nicht mehr, sie zu bezwingen: Athen verlor zum zweiten Male seine Seeherrschaft; aber es behielt noch Samos und einige andere Plätze; es hatte in seinen Werften über 350 Trieren, mehr als ein anderer hellenischer Staat.

Nicht minder im Sinken schien das westliche Griechentum. Bis zu seinem Tode hatte Dionys von Syrakus seine Herrschaft straff und fest gehalten; unter seinem gleichnamigen Sohne unternahm die Philosophie, Dion, Kallippos, Platon selbst, an dem Hofe des Tyrannen ihre Ideale zu verwirklichen, bis der junge Herr der Dinge überdrüssig wurde und die andere Seite seiner verbildeten Geistesarmut hervorzukehren begann. In den wüsten zehn Jahren seiner Herrschaft und dem nicht minder wüsten Jahrzehnt danach verkam das Haus, und das Reich des kühnen Gründers zerbröckelte.

Wundervoll sind die Erzeugnisse des Griechentums in Poesie und Kunst und allen Gebieten des intellektuellen Lebens auch noch in dieser Zeit; die Namen des Platon, des Aristoteles genügen, zu bezeichnen, welche Schöpfungen dieses Zeitalter den früheren hinzugefügt hat. Aber die öffentlichen und privaten Zustände waren schwer krank; sie waren hoffnungslos, wenn man fortfuhr, sich im Kreis zu bewegen.

Nicht bloß, daß die alten bindenden Formen des Glaubens und der Sitte, des Familienlebens, der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung gebrochen oder doch durch das Scheidewasser der Aufklärung zerfressen waren; nicht bloß, daß mit dem um so hastigeren politischen Wechsel in den kleinen Gemeinwesen die Seßhaftigkeit zerstört, mit dem Anwachsen der zuströmenden Masse politischer Flüchtlinge die Gefahr neuer, schlimmerer Explosionen fort und fort gesteigert wurde, ein wüstes Söldnertum, schon völlig auf das »Gewerbe« organisiert, sich über die Welt zerstreute, für oder gegen Freiheit, Tyrannei und Vaterland, für oder gegen die Perser, Karthager, Ägypter und wo sonst Sold zu verdienen war, zu kämpfen. Schlimmer war, daß dies hochgebildete Griechentum in immer neuen Anläufen, das Ideal des Staates zu verwirklichen, nur die Schäden mehrte, die es heilen wollte, daß es von falschen Voraussetzungen aus nach nicht minder falschen Zielen rang, daß es, immer nur auf die Autonomie der kleinen und kleinsten Gemeinwesen, auf das unbedingte persönliche Freisein und Mitherrschen bedacht, keine Formen fand, auch nur die Autonomie und Freiheit sicherzustellen, geschweige denn die Fülle großer nationaler Güter, die es besaß, ja die schon ernstlich bedrohte Existenz der Nation selbst zu schützen.

Was Hellas brauchte, lag auf der Hand. »Unter den Staaten, die bisher die Hegemonie gehabt,« sagt Aristoteles, »hat jeder es für sein Interesse gehalten, die der eigenen entsprechende Verfassung, die einen die Demokratie, die anderen die Oligarchie in den von ihnen abhängigen Städten durchzuführen, indem sie nicht auf dem Wohl, sondern auf den eigenen Vorteil Bedacht nahmen, so daß nie oder selten und nur bei wenigen das Staatswesen der rechten Mitte zustande kam; und in den Bevölkerungen ist es zur Gewohnheit geworden, nicht die Gleichheit zu wollen, sondern entweder zu herrschen oder beherrscht zu werden.« Kurz und scharf bezeichnet der große Denker den fieberhaften und erschöpfenden Zustand, der daraus entsteht: Austreibung, Gewaltsamkeit, Rückkehr der Flüchtlinge, Güterteilung, Schuldaufhebung, Freigebung der Sklaven zu Zwecken des Umsturzes; bald stürzt sich der Demos auf die Besitzenden, bald üben die Reichen oligarchische Gewalt an dem Demos; Gesetz und Verfassung schützt nirgend mehr die Minorität gegen die Majorität, ist in der Hand dieser nur noch eine Waffe gegen jene; die Rechtssicherheit ist dahin, der innere Friede in jedem Augenblick in Gefahr; jede demokratische Stadt ist ein Asyl für demokratische, jede oligarchische für oligarchische Flüchtlinge, die kein Mittel verschmähen und versäumen, ihre Rückkehr und den Umsturz der Dinge dort herbeizuführen, um den Besiegten dasselbe anzutun, was sie von ihnen haben leiden müssen. Zwischen den hellenischen Staaten, den kleinen und kleinsten, gibt es kein anderes öffentliches Recht als diesen Kriegszustand leidenschaftlichen Parteihaders, und die kaum geschlossenen Bündnisse zersprengt der nächste Parteiwechsel in den verbündeten Staaten.

Mit jedem Tage zeigte sich schärfer und mahnender, daß die Zeiten der autonomen Kleinstaaterei, der partiellen Bündnisse mit oder ohne Hegemonie vorüber, daß neue staatliche Formen nötig seien, panhellenische, so gesteigerte, daß in ihnen die bisher vermengten Begriffe Stadt und Staat sich schieden und die Stadt kommunale Stellung innerhalb des Staates fand, wie in der attischen Demenverfassung vorgebildet, in dem älteren Seebund versucht, aber nur in der Macht der Bundesgewalt, nicht in dem gleichen kommunalen Recht der Bundesglieder durchgeführt war. Und nicht bloß das, in dem Griechentum waren seitdem zu viele Kräfte, Ansprüche, Rivalitäten erwachsen, zu viele Bedürfnisse und Erregungen zur Gewohnheit, zu viel Leben Bedingung des Lebens geworden, als daß es, in den engen Raum daheim gebannt, in dem alles Kleine groß und alles Große klein erschien, sich mit dem, was es war und hatte, noch hätte ersättigen oder weiter entwickeln können. Unermeßliche Elemente der Gärung erfüllten es, solche, die eine Welt umzugestalten fähig waren; auf den heimischen Boden gebannt, in der heimischen Art beharrend konnten sie nur gleich jener Drachensaat des Kadmos sich selbst zerfleischen und zerstören. Es kam alles darauf an, daß ihrem wirr wuchernden Hader ein Ende gemacht, ihnen ein neues weites Feld fruchtbarer Tätigkeiten geöffnet, in großen Gedanken alle edlere Leidenschaft entflammt, der Fülle noch ungebrochener Lebenstriebe Licht und Luft geschafft werde.

Seit Lysandros' Siege die alt-attische Macht niedergebrochen hatten, war die äußere Gefahr für die Griechenwelt von allen Seiten her in stetem Steigen; mehr als je in schon völlig verschiedene Kreise zerlegt, verlor sie an allen ihren nationalen Grenzen immer mehr Terrain. Das Griechentum Libyens war von den Puniern hinter die Syrte zurückgedrängt; das Siziliens verlor an dieselben Punier die größere Westhälfte der Insel, das Italiens starb bei dem Andrang der Völkerstämme des Apennin Glied für Glied ab. Die Barbaren des unteren Donaulandes, von den in Italien zurückgestauten Kelten gedrängt, begannen ihre Versuche, nach dem Süden durchzubrechen. Die hellenischen Städte an der West- und Nordseite des Pontos hatten Mühe, sich der Triballer, der Geten, der Skythen zu erwehren, von denen auf der Südseite fand wenigstens Heraklea in der Tyrannis, die ein Schüler Platons dort gründete, einigen Halt. Die anderen Hellenenstädte Kleinasiens standen unter dem Perserkönige, von dessen Satrapen, von Dynasten, von dienstwilligen Oligarchen mehr oder weniger willkürlich beherrscht und ausgebeutet. Auch die reichen Inseln an der Küste beherrschte der persische Einfluß; das hellenische Meer gehörte den Hellenen nicht mehr; der Friede des Antalkidas hatte dem Hofe von Susa und den Höfen der Satrapen den Hebel in die Hand gegeben, in dem wohlgepflegten Hader der führenden Staaten das Griechentum tief und tiefer zu zerrütten und, während die großen politischen Dinge dort durch die »Befehle« des Großkönigs entschieden wurden, von der kriegstüchtigen hellenischen Mannschaft so viel an sich zu ziehen, wie nötig schien.

Niemals ist in Hellas der Gedanke des nationalen Kampfes gegen die Persermacht vergessen worden; er war den Hellenen, was jahrhundertelang der abendländischen Christenheit der Kampf gegen die Ungläubigen. Selbst Sparta hatte wenigstens zeitweise seine Herrsch- und Habgier mit dieser Larve zu verdecken gesucht; Jason von Pherai sah für die Tyrannis, die er gründete, in dem nationalen Kampf, zu dem er sich anschickte, die Rechtfertigung. Je deutlicher die Ohnmacht und innere Zerrüttung des übergroßen Reiches wurde, je leichter und einträglicher die Arbeit erschien, es zu vernichten, desto allgemeiner und zuversichtlicher wurde die Erwartung, daß es geschehen werde und geschehen müsse. Mochte Platon und seine Schule bemüht sein, den Idealstaat zu finden und zu verwirklichen, Isokrates, von dem eine doch breitere und populärere Wirkung ausging, kam immer wieder darauf zurück, daß man den Kampf gegen Persien beginnen müsse: ein solcher Krieg werde mehr ein Festzug als ein Feldzug sein; wie ertrage man den Schimpf, daß diese Barbaren die Wächter des Friedens in Hellas sein wollten, während Hellas imstande sei, Taten zu verrichten, die würdig seien, daß man die Götter darum bitte. Und Aristoteles sagt: die Hellenen könnten die Welt beherrschen, wenn sie zu einem Staat vereinigt wären.

Der eine wie andere Gedanke lag nahe genug, nahe genug auch der, beides, die Vereinigung der Hellenen und den Kampf gegen die Perser, als _ein_ Werk zusammenzufassen, nicht das eine warten zu lassen, bis das andere getan sei. Nur wie solche Gedanken verwirklichen?

König Philipp von Makedonien unternahm es. Er mußte es, kann man sagen, wenn er das zerrüttete Königtum seines Hauses herstellen und sicherstellen wollte. Immer wieder hatte die Politik Athens, Spartas, Olynths, Thebens, der thessalischen Machthaber den Hader in der königlichen Familie genährt, Usurpation einzelner fürstlicher Häupter des Landes unterstützt, die Barbaren auf den makedonischen Grenzen zu Einbrüchen und Raubzügen nach Makedonien veranlaßt. Hatten sie alle keinen anderen Rechtstitel zu ihrem Verfahren gehabt als die Ohnmacht des makedonischen Königtums, so bedurfte es nur der Herstellung genügender Macht, um dessen Rat gegen sie zu erweisen, und sie hatten keinerlei Anspruch auf rücksichtsvollere oder schonendere Maßregeln von seiten des makedonischen Königtums, als sie selbst solange gegen dessen Interesse sich erlaubt hatten.

Philipps Erfolge gründen sich auf den sicheren Unterbau, den er seiner Macht zu geben verstand, auf die schrittweise vorgehende Bewegung seiner Politik gegenüber der bald hastigen, bald schlaffen, immer in ihren Mitteln oder ihren Zielen sich verrechnenden der hellenischen Staaten, vor allem auf die Einheit, das Geheimnis, die Schnelligkeit und Konsequenz seiner Unternehmungen, die von denen, die sie treffen sollten, so lange für unmöglich gehalten wurden, bis ihnen nicht mehr zu entgehen oder zu widerstehen war. Während Thessalien mit Alexandros' Ermordung in Zerrüttung sank, die Athener auf den Bundesgenossenkrieg, die Thebaner auf den heiligen Krieg, der die Phokier zur Folgeleistung zwingen sollte, alle Aufmerksamkeit wandten, die Spartaner sich bemühten, in dem Peloponnes wieder einigen Einfluß zu gewinnen, rückte Philipp nach Süden und Osten seine Grenzen so weit vor, daß er mit Amphipolis den Paß nach Thrakien, mit dem Bergrevier des Pangäon dessen Goldminen, mit der Küste Makedoniens den Thermäischen Busen und den Zugang zum Meere, mit Methone den Weg nach Thessalien hatte. Dann riefen ihn die Thessalier, von den Phokiern auf das schwerste bedroht, zu Hilfe; er kam, er hatte schweren Stand gegen die wohlgeführte Kriegsmacht der Tempelräuber; erst mit nachrückender Verstärkung warf er sie zurück; er stand am Eingang der Thermopylen; er legte makedonische Besatzung nach Pagasä, er war damit Meister des thessalischen Hafens und des Weges nach Euböa. Da gingen den Athenern die Augen auf; unter Demosthenes' Führung begannen sie den Kampf gegen die Macht, welche, so schien es, die Hand nach der Herrschaft über Hellas ausstreckte.

An dem Patriotismus des Demosthenes und dessen Eifer für die Ehre und Macht Athens wird niemand zweifeln; und mit vollstem Recht wird er als der größte Redner aller Zeiten bewundert. Ob er in gleichem Maße als Staatsmann groß, ob er der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands war, ist eine andere Frage. Wenn in diesem Kampfe der Sieg gegen Makedonien entschieden hätte, was wäre das weitere Schicksal der Griechenwelt gewesen? Im besten Fall die Herstellung einer attischen Macht, wie sie soeben zum zweitenmal zusammengebrochen war, entweder einer Bundesmacht auf Grund der Autonomie der Bündner, die weder den Barbaren im Norden zu wehren, noch den Barbaren im Osten die Stirn zu bieten, noch das sinkende Griechentum im Westen an sich zu ziehen und zu schützen vermocht hätte, -- oder einer attischen Herrschaft über untertänige Gebiete, wie denn schon jetzt Samos, Lemnos, Imbros, Skyros in solcher zum Teil kleruchischer Form, in loserer Tenedos, Prokonnesos, der Chersones, Delos in attischem Besitz waren; in dem Maße, als die Athener ihre Herrschaft erweitert hätten, würden sie größerer Eifersucht, heftigerem Gegendruck von rivalisierenden Staaten zu begegnen gehabt, sie würden nur die schon so tief eingefressene Spaltung und Zerrissenheit der hellenischen Welt gemehrt, sie würden jede Hilfe, auch die der Perser, der thrakischen, illyrischen Barbaren, der Tyrannis, wo sie sich gerade fand, willkommen geheißen haben, um sich zu behaupten. Oder wollte Athen nur die unberechenbaren Veränderungen, welche die Macht Makedoniens über Hellas zu bringen drohte, abwehren, nur die Zustände erhalten, wie sie waren? Sie waren so elend und beschämend wie möglich und wurden in dem Maße unhaltbarer und explosiver, als man sie länger in dieser Zerfahrenheit und Verkrüppelung des Kleinlebens ließ, in dem der Griechenwelt ein Glied nach dem anderen abstarb. Mochten die attischen Patrioten den Kampf gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der hellenischen Bildung, der nationalen Ehre zu führen glauben oder vorgeben, keines dieser Güter wäre mit dem Siege Athens sichergestellt, mit der erneuten Herrschaft des attischen Demos über Bündner oder untertänige Orte, mit der verschlissenen und vernutzten Demokratie, ihren Sykophanten, Demagogen und Soldtruppen zu erhalten gewesen. Es war ein Irrtum des Demosthenes, der vielleicht seinem Herzen, gewiß nicht seinem Verstande Ehre macht, wenn er glauben konnte, mit diesem schwatzhaft, unkriegerisch, banausisch gewordenen Bürgertum Athens, selbst wenn er es mit der Macht seiner Rede zu glänzenden Entschlüssen hinreißen, selbst für einen Moment zu Taten galvanisieren konnte, noch große Politik machen, noch einen langen und schweren Kampf durchführen zu können; ein noch schwererer Irrtum, wenn er glauben konnte, durch Bündnisse mit Theben, Megalopolis, Argos und welchen Staaten sonst, im Augenblick der Gefahr zusammengeklittert, der erstarkenden Macht des Königs Philipp Halt gebieten zu können, der, selbst wenn man ihm ein Treffen abgewann, mit doppelter Macht zurückgekehrt wäre, während die hellenischen Bündnisse mit der ersten Niederlage ein Ende hatten. Demosthenes mußte wissen, was es bedeutete, daß nicht er selbst der Kriegsheld war, die politischen Projekte hinauszuführen, die er empfahl, daß er sie und mit ihnen die Geschicke des Staates Feldherren wie dem eigenwilligen Chares, dem wüsten Charidemos anvertrauen mußte, die es wenigstens verstanden, mit Söldnerbanden fertig zu werden und ihnen die nötige »Zehrung« zu schaffen. Er mußte wissen, daß in Athen selbst, sowie er Einfluß gewann, sich die Reichen, die Trägen, die Selbstsüchtigen wider ihn zusammenfinden, daß, auf sie gestützt, seine persönlichen Gegner alle Schikanen und Schwerfälligkeiten der Verfassung benützen würden, seine Pläne zu kreuzen, Pläne, deren Wert von einem attischen Mann nach dem Tage von Chaironeia mit dem bitteren Worte bezeichnet worden ist: »Verloren wir nicht, so waren wir verloren.«

Zum Verständnis dessen, was dieser großen Katastrophe folgt, ist es nötig, den Verlauf des Ringens zwischen Athen und Makedonien, das so endete, in seinen wesentlichen Zügen zu verfolgen.

Demosthenes' große politische Tätigkeit begann, als Philipps Erfolge gegen die Phokier, seine Einwirkung auf die Parteiungen Euboias, sein Vordringen über Amphipolis hinaus das Emporwachsen einer Machtbildung erkennen ließ, die über alle bisherigen Voraussetzungen hellenischer Politik hinausging. Daß die Athener -- zunächst mit der Besetzung der Thermopylen 352, nach Philipps ersten Erfolgen gegen die Phokier -- zeigten, was sie wollten, wies ihrem Gegner seinen weiteren Weg. Noch hatten sie ihre Flotte, damit auf dem Meere eine Überlegenheit, der nur Raschheit und Entschlossenheit fehlte, um die erst werdende makedonische Flotte zu erdrücken. Athen war für Philipp der gefährlichste Feind in Hellas; er mußte vereinzelt, in raschen Zügen überholt werden.

Olynthos, an der Spitze der wieder verbündeten chalkidischen Städte, hatte vier Jahre vorher, als um Amphipolis noch gestritten wurde, sich mit Philipp gegen Athen verbündet, hatte aus seiner Hand das mit attischen Kleruchen besetzte Potidaia angenommen; auch die Olynther hielten sich klug genug, von dem, den sie schon fürchteten, Vorteil zu ziehen; jetzt nach dem ersten Erfolg Philipps über die Phokier sandten sie nach Athen, ein Bündnis anzutragen; daß sie den geflüchteten Prätendenten des makedonischen Königtums in ihren Schutz nahmen, ihn auszuliefern sich weigerten, ergriff Philipp, um den Kampf gegen sie zu beginnen. Trotz der Hilfe, die Athen sandte, wurde der chalkidische Bund besiegt, Olynth zerstört und die anderen Städte des Bundes makedonische Landstädte (348).

Zugleich hatten die Athener vergebens einen Zug nach Euboia unternommen; von den Tyrannen der einzelnen Städte hielten die meisten zu Philipp; er hatte damit eine Stellung, die Attika in der Flanke bedrohte. Er selbst wandte sich von Olynth -- schon zum drittenmal -- gegen den Thrakerkönig Kersobleptes, der, von Athen veranlaßt, Olynth unterstützt hatte. Schon war die makedonische Flotte imstande, auf den attischen Inseln Lemnos, Imbros und Skyros zu plündern, attische Kauffahrer aufzubringen; selbst die Paralos, eine der heiligen Trieren Athens, war am Gestade von Marathon gekapert und als Trophäe nach Makedonien abgeführt worden. Und von den Phokiern auf das härteste bedrängt, bat Theben bei Philipp um Beistand, lud ihn ein, den Paß der Thermopylen zu besetzen. Dieser schlimmsten Wendung zuvorzukommen, erbot sich Athen zum Frieden; daß Philipp die Unterhandlungen hinzog und Athen die Phokier und Kersobleptes, die Tempelräuber und den Barbaren, mit in den Frieden einzuschließen forderte, um die Thermopylen und den Hellespont zu decken, schließlich (346) auch ohne die Bedingungen den Frieden zu genehmigen bereit war, zeigte, wieviel an Gewicht Philipp gewonnen, Athen verloren hatte. Die gleichzeitige letzte Krisis des heiligen Krieges fügte eine weitere Wirkung hinzu.

Noch hielten die Phokier die Thermopylen, in Boiotien die von Theben abgefallen Städte Orchomenos und Koroneia besetzt; freilich der delphische Tempelschatz ging auf die Neige, aber sie hofften auf Athen, und der Spartanerkönig Archidamos kam ihnen mit tausend Hopliten zu Hilfe. Mit der Absicht, das delphische Heiligtum in Spartas Hand gelangen zu lassen, bewirkte Philipp die Heimkehr der Spartaner; gegen freien Abzug mit seinen 8000 Söldnern überließ der Führer der Phokier -- es war in den Tagen, da der Demos von Athen jenen Frieden genehmigte -- den Makedonen die Thermopylen. Philipp rückte in Boiotien ein; Orchomenos, Koronea ergaben sich; Theben war froh, diese Städte durch Philipp zurückzuerhalten. In Gemeinschaft mit den Thebanern und Thessalern berief Philipp den Rat der Amphiktyonen; Athen beschickte ihn nicht. So wurde das Urteil über die Phokier gesprochen: sie wurden aus dem heiligen Bunde ausgestoßen, ihre 22 Städte aufgelöst, deren Mauern zerstört, die mit den Söldnern Abgezogenen als Tempelräuber verflucht und vogelfrei erklärt; kaum daß die Hinrichtung aller Waffenfähigen im Lande, welche die Oitaer beantragten, abgelehnt wurde. Durch weiteren Beschluß der Amphiktyonen wurde die Stimme der Phokier auf Philipp übertragen, die Leitung der pythischen Feier, der Schutz des delphischen Heiligtums in seine Hand gelegt.

So trat er an die Spitze dieses heiligen Bundes, der durch das, was soeben geschehen war, wie zu keiner Zeit früher eine politische Bedeutung gewonnen hatte. Die nächste Anwendung davon traf Athen, das die gefaßten Beschlüsse, die an Philipp übertragene Befugnis anzuerkennen zögerte; eine amphiktyonische Gesandtschaft kam nach Athen, die ausdrückliche Zustimmung zu fordern. Wurde sie verweigert, so sprach die Versammlung den Bann über Athen aus, und Philipps Macht war zur Stelle, ihn zu vollziehen. Demosthenes selbst empfahl, einem heiligen Krieg aus dem Wege zu gehen.

Sicheren Schrittes ging Philipps Politik weiter. Schon hatte er die Hand über ein Königtum von Epiros; die Städte in dem Peloponnes führte ihm die Hoffnung auf gemeinsamen Kampf gegen Sparta zu; in Elis, Sikyon, Megara, in Arkadien, Messenien, Argos herrschten die ihm Zugewandten. Dann setzte er sich in Akarnanien fest, schloß ein Bündnis mit den Ätoliern, überwies ihnen Naupaktos, das sie sich wünschten. Von der Landseite war die Macht Athens umstellt und so gut wie gelähmt. Aber noch hatten sie das Meer; ihre Flotte sicherte ihnen mit dem Chersones den Hellespont und die Propontis. Dort mußte Philipp sie zu treffen suchen. Während er ihnen die Versicherungen seiner Freundschaft und friedlichen Gesinnungen fort und fort wiederholte, warf er sich von neuem auf Kersobleptes und die ihm verwandten kleineren Fürsten in Thrakien, unterwarf sich das Land zu beiden Seiten des Hebros, sicherte es durch eine Reihe von Städten, die er im Binnenlande gründete, und die hellenischen Städte am Pontos bis Odessos hinauf traten gern mit ihm in Bündnis. So mächtig war der Eindruck seiner Erfolge, daß der Getenkönig an der unteren Donau um seine Freundschaft bat, ihm seine Tochter zur Ehe sandte.

In demselben Maße erschreckten diese Erfolge die hellenischen Gegner Philipps. Daß die Athener die Wiedereinsetzung der thrakischen Fürsten, die ihre Bundesgenossen seien, forderten, und, um den gefährdeten Chersones zu schützen, Kleruchen dorthin sandten, daß die Stadt Kardia sich weigerte, sie aufzunehmen, und Philipps Vorschlag, die Streitfrage durch ein Schiedsgericht abzutun, von Athen abgelehnt, von den attischen Strategen die schon makedonischen Orte an der Propontis überfallen und zerstört wurden, leitete einen neuen Krieg ein.

Philipp hatte mit Byzanz, Perinth, anderen Städten, die sich im Bundesgenossenkriege von Athen freigemacht, Bündnisse geschlossen und kraft deren zum Kampf gegen die Thraker ihren Beistand gefordert; sie leisteten ihn nicht, sie fürchteten seine wachsende Macht; Athen bot ihnen Bündnis und Kriegshilfe. Schon hatte es ihm die meisten Städte Euboias entfremdet, schon mit Korinth, den Akarnanen, Megara, Achaia, Korkyra Bündnis geschlossen, mit Rhodos und Kos wieder angeknüpft; es ließ am Hofe von Susa auf die Gefahren, die dem Perserreiche die wachsende Macht Philipps drohe, hinweisen; der attische Strateg im Chersones empfing persische Subsidien, und der Eifer des attischen Demos für die Rettung der hellenischen Freiheit wuchs mit jedem Tag.

Philipp wandte sich nach dem Siege über die Thraker gegen Perinth, gegen Byzanz, den Schlüssel des Pontos; fielen diese Städte, so war die Macht Athens an der Wurzel getroffen. Auf Philipps Ultimatum antworteten die Athener mit der Erklärung, daß er den geschworenen Frieden gebrochen habe; sie sandten den Byzantinern die versprochene Flotte; von Rhodos, Kos, Chios, den Verbündeten von Byzanz, kam Hilfe; die nächstgesessenen Satrapen eilten, Perinth zu unterstützen, sandten Truppen nach Thrakien -- Philipp mußte weichen.