Geschichte Alexanders des Grossen

Chapter 18

Chapter 183,509 wordsPublic domain

Die Maschinen begannen zu arbeiten; bald lagen zwei Türme und die Mauer zwischen ihnen auf der nordöstlichen Seite der Stadt in Schutt; ein dritter Turm war stark beschädigt, so daß eine Untergrabung ihn leicht zum Sturz bringen mußte. Da saßen eines Nachmittags zwei Makedonen aus der Phalanx des Perdikkas in ihrem Zelt beim Wein und sprachen gegeneinander groß von sich und ihren Taten, sie schwuren, ganz Halikarnaß auf ihre Lanzenspitze zu nehmen und die persischen Memmen in der Stadt dazu; sie nahmen Schild und Speer und rückten zusammen gegen die Mauern, sie schwangen ihre Waffen und schrien nach den Zinnen hinauf; dies sahen und hörten die auf der Mauer und machten gegen die zwei Männer einen Ausfall; diese aber wichen nicht vom Platz, wer ihnen zu nahe kam, wurde niedergemacht, und wer zurückwich, dem nachgeworfen. Aber die Zahl der Feinde mehrte sich mit jedem Augenblick, und die zwei Männer, die überdies tiefer standen, erlagen fast dem Andrange der Mehrzahl. Indes hatten ihre Kameraden im Lager diesen sonderbaren Sturmlauf mit angesehen und liefen nun auch hin, mitzuhelfen; ebenso mehrte sich der Zulauf aus der Stadt, es entspann sich ein hartnäckiger Kampf unter den Mauern. Bald waren die Makedonen im Vorteil, warfen den Feind in die Tore zurück, und da die Mauern hier für den Augenblick fast von Verteidigern entblößt und an einer Stelle bereits eingestürzt waren, so schien nichts als der Befehl des Königs zum allgemeinen Angriff zu fehlen, um die Stadt einzunehmen. Alexander gab ihn nicht; er hätte gern die Stadt unversehrt erhalten; er hoffte, daß sie kapitulieren werde.

Aber die Gegner hatten hinter jener Bresche eine neue Mauer halbmondförmig von Turm zu Turm erbaut. Der König ließ die weiteren Arbeiten auf diese richten; Schirmwände aus Weiden geflochten, hohe hölzerne Türme, Schilddächer mit Mauerbrechern wurden in den einspringenden Winkel, der schon von Schutt und Trümmern gereinigt und zum Beginn der neuen Sturmarbeiten geebnet war, vorgeschoben. Wieder machten die Feinde einen Ausfall, um die Maschinen in Brand zu stecken, während von den beiden Türmen und der Mauer aus ihr Angriff auf das lebhafteste unterstützt wurde; schon brannten mehrere Schirmwände und selbst ein Turm, kaum noch schützten die unter Philotas zur Feldwacht aufgestellten Truppen die übrigen; da erschien Alexander zum Beistand, eilig warfen die Feinde Fackeln und Waffen hinweg und zogen sich hinter die Mauern zurück, von wo sie, den Angreifern in die Flanke und zum Teil im Rücken, ihre Geschosse wirksam genug schleuderten.

Bei so hartnäckigem Widerstand hatte der König allen Grund, schärfer anzufassen. Er ließ die Maschinen von neuem arbeiten; er selbst war bei der Arbeit, leitete sie. Da beschloß Memnon -- es heißt, auf Ephialtes' dringende Mahnung, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen -- einen allgemeinen Ausfall. Ein Teil der Besatzung brach unter Ephialtes' Führung bei der vielgefährdeten Stelle der Mauer heraus, während die anderen aus einem zweiten Tor, dem Tripylon, wo der Feind es am wenigsten erwartete, gegen das Lager hin ausrückten. Ephialtes kämpfte mit dem größten Mute, seine Leute warfen Feuerbrände und Pechkränze in die Maschinen; aber ein kräftiger Angriff des Königs, der von den hohen Belagerungstürmen mit einem Hagel von Geschossen und großen Steinen unterstützt wurde, zwang die Feinde nach sehr hartnäckigem Kampfe zum Weichen; viele, unter ihnen Ephialtes, blieben auf dem Platze, noch mehrere unterlagen auf der Flucht über den Schutt der eingestürzten Mauer und durch die engen Toreingänge. Indes hatten sich auf der anderen Seite den Feinden zwei Taxen Hypaspisten und einiges leichtes Fußvolk unter dem Leibwächter Ptolemaios entgegengeworfen; lange währte der Kampf, Ptolemaios selbst, der Chiliarch der Hypaspisten Addaios, der Anführer der Bogenschützen Klearchos, mancher andere namhafte Makedone war bereits gefallen, als es endlich gelang, die Feinde zurückzudrängen; unter der Menge der Fliehenden brach die enge Brücke, die über den Graben führte, viele stürzten hinab und kamen, teils von den Nachstürzenden erdrückt, teils von den Spießen der Makedonen getroffen, um. Bei dieser allgemeinen Flucht hatten schnell die in der Stadt Zurückgebliebenen die Tore schließen lassen, damit nicht mit den Fliehenden zugleich die Makedonen den Eingang erzwängen; vor den Toren drängten sich nun große Haufen unglücklicher Flüchtlinge zusammen, die, ohne Waffen, ohne Mut und Rettung, den Makedonen preisgegeben, sämtlich niedergemetzelt wurden. Mit Entsetzen sahen die Belagerten, daß die Makedonen, von so großen Erfolgen angefeuert und von der hereinbrechenden Nacht begünstigt, im Begriff standen, die Tore zu erbrechen, in die Stadt selbst einzudringen; statt dessen hörten sie das Signal zum Rückzug blasen. Der König wünschte auch jetzt noch die Stadt zu retten; er hoffte, daß nach diesem Tage, der ihm nur vierzig Tote, dem Feinde dagegen an tausend gekostet und deutlich genug gezeigt hatte, daß einem neuen Angriff wohl der Fall der Stadt folgen dürfte, von seiten der Belagerten Anträge gemacht werden würden, die er nur erwartete, um diesem unnatürlichen Kampf von Griechen gegen eine griechische Stadt ein Ende zu machen.

In Halikarnaß berieten die beiden Befehlshaber, Memnon und Othontopates, welche Maßregeln zu ergreifen seien; es entging ihnen nicht, daß sie unter den jetzigen Umständen, da bereits ein Teil der Mauer eingestürzt, ein anderer dem Einsturz nahe, die Besatzung durch viele Tote und Verwundete geschwächt war, die Belagerung nicht mehr lange würden aushalten können; und wozu sollten sie die Stadt halten, da doch das Land bereits verloren war? Der Hafen, den zu behaupten für die Flotte von Wichtigkeit war, konnte durch Besetzung der Salmakis und der Königsburg vor den Häfen, sowie durch die Behauptung der am karischen Meerbusen belegenen festen Plätze genugsam gesichert werden. Sie beschlossen, die Stadt preiszugeben. Um Mitternacht sahen die makedonischen Feldwachen über den Mauern eine Feuersbrunst emporlodern: Flüchtende, die aus der brennenden Stadt sich ins Feld zu den makedonischen Vorposten retteten, berichteten, daß der große Turm, der gegen die makedonischen Maschinen gerichtet war, die Waffenmagazine, die Stadtviertel zunächst an den Mauern brannten; man sah, wie ein heftiger Wind das Feuer in die Stadt hineintrieb; man erfuhr, daß das Umsichgreifen der Flamme von denen in der Stadt auf alle Weise gefördert werde. Sogleich ließ Alexander trotz der Nacht aufbrechen, die brennende Stadt zu besetzen; wer noch beim Anzünden beschäftigt war, wurde niedergehauen; Widerstand fand man nirgends; die Einwohner, die man in ihrer Wohnung fand, verschonte man. Endlich graute der Morgen, die Stadt war von dem Feind geräumt, sie hatten sich auf die Salmakis und die Königsinsel zurückgezogen, von wo aus sie den Hafen beherrschen und, selbst fast vollkommen sicher, die Trümmerstätte, die in den Händen der Feinde war, beunruhigen konnten.

Dies erkannte der König; um sich nicht mit der Belagerung der Burg aufzuhalten, die ihm unter den jetzigen Umständen nicht mehr entscheidende Resultate bringen konnte, ließ er, nachdem die in der letzten Nacht Gefallenen begraben waren, den Park seiner Belagerungsmaschinen nach Tralleis vorausgehen, die Überbleibsel der Stadt, die sich so hartnäckig der gemeinsamen Sache der Hellenen widersetzt hatte, da sie durch die Nähe der Perser in der Nähe der Salmakis und auf Arkonnesos nur gefährlicher wurden, von Grund aus zerstören; die Bürgerschaft wurde in die sechs Flecken aufgelöst, die vierzig Jahre früher der Dynast Mausollos in seiner Residenz vereinigt hatte. Ada erhielt die Satrapie über Karien wieder, unter der die hellenischen Städte dort autonom und tributfrei blieben. Die Einkünfte des Landes blieben der Fürstin; Alexander ließ zu ihrem und des Landes Schutz 3000 Mann Söldner und etwa zweihundert Reiter unter Ptolemaios' Befehl zurück, der den Auftrag erhielt, zur gänzlichen Vertreibung der Feinde aus den Küstenplätzen, die sie noch besetzt hielten, sich mit dem Befehlshaber von Lydien zu vereinigen, demnächst die Belagerung der Salmakis durch Einschließung zu beginnen.

Die späte Jahreszeit war herangekommen; mit dem Fall von Halikarnaß konnte Alexander die Eroberung der Westküste Kleinasiens als beendet ansehen; die neubegründete Freiheit in den griechischen Städten der Küste und die makedonischen Besatzungen in Phrygien am Hellespont, Lydien und Karien sicherten diese Gegenden vor neuen Angriffen der Perserflotte. Dieser auch die Südküste Kleinasiens zu sperren, sowie die Landschaften im Innern Kleinasiens zu unterwerfen, mußte der Zweck der nächsten Operationen sein. Da vorauszusehen war, daß weder in den Küstenstädten, denen wegen der Jahreszeit von der See her nicht leicht Hilfe kommen konnte, noch auch im Innern des Landes, das längst von den Persern so gut wie völlig geräumt war, der Widerstand groß sein werde, so war es unnötig, das ganze Heer an diesem beschwerlichen Zuge teilnehmen zu lassen; überdies mußte zu den großen Bewegungen, die den Feldzug des nächsten Jahres eröffnen sollten, das Heer mit frischen Truppen aus der Heimat verstärkt werden. Bei dem Heere befanden sich viele Kriegsleute, die sich jüngst erst verheiratet hatten; diese wurden auf Urlaub nach der Heimat entlassen, um den Winter hindurch bei Weib und Kind zu sein. Ihre Führung übernahmen drei Neuvermählte aus der Zahl der Befehlshaber, des Seleukos Sohn Ptolemaios, einer der Leibwächter des Königs, des alten Parmenion Schwiegersohn Koinos und Meleagros, beide Strategen der Phalanx; sie erhielten den Auftrag, zugleich mit den Beurlaubten möglichst viel frische Mannschaften nach Asien mitzubringen und im Frühling in Gordion zur großen Armee zu stoßen. Man kann sich vorstellen, mit welchem Jubel dieser Urlaub angenommen, mit welcher Freude die heimkehrenden Krieger von den Ihrigen empfangen und angehört wurden, wenn sie von ihren Taten und ihrem König, von der Beute und den schönen Ländern Asiens erzählten; es schien, als ob Asien und Makedonien aufhörten, einander fern und fremd zu sein.

Von den in Asien zurückbleibenden mobilen Truppen (denn einige tausend Mann waren als Besatzungen verwendet) bildete Alexander zwei Marschkolonnen; die kleinere unter Parmenions Befehl, bestehend aus der makedonischen und thessalischen Ritterschaft, den Truppen der Bundesgenossen, sowie dem Park der Wagen und Maschinen, ging über Tralleis nach Sardes, um in der lydischen Ebene zu überwintern und mit dem Beginn des Frühlings nach Gordion aufzubrechen; die größere Kolonne, aus den Hypaspisten, den Taxen der Phalanx, den Agrianern, Bogenschützen, Thrakern gebildet, brach, unter Führung des Königs selbst von Karien auf, um die Seeküste und die inneren Landschaften Kleinasiens zu durchziehen und in Besitz zu nehmen.

Der Marsch ging über den festen Grenzplatz Hyparna, dessen Besatzung, aus griechischen Söldnern bestehend, gegen freien Abzug auch die Burg übergab, nach der Landschaft Lykien. Lykien war seit der Zeit des Kyros dem persischen Reiche einverleibt, hatte aber nicht bloß seine eidgenössische Verfassung behalten, sondern auch bald seine Unabhängigkeit so weit wiedererlangt, daß es nur einen bestimmten Tribut nach Susa zahlte, bis dann der Satrap von Karien, wie erwähnt ist, auch Lykien zugewiesen erhielt. Noch in den letzten Jahren hatte der Perserkönig die Gebirgslandschaft Milyas, auf der Grenze gegen Phrygien, zu Lykien geschlagen. Persische Besatzungen standen in Lykien nicht; Alexander fand kein Hindernis bei der Besitznahme dieser an Städten reichen und durch Seehäfen ausgezeichneten Provinz. Telmissos und jenseits des Xanthosflusses Pinara, Xanthos, Patara und an dreißig kleinere Ortschaften im oberen Lykien ergaben sich den Makedonen; dann rückte Alexander -- es war in der Mitte des Winters -- an die Quellen des Xanthos hinauf, in die Landschaft Milyas; hier empfing er die Gesandtschaft der Phaseliten, die ihm nach hellenischer Sitte einen goldenen Ehrenkranz darbrachten, Gesandte mehrerer Städte des unteren Lykiens, die wie jene sich ihm zu Frieden und Freundschaft erboten. Den Phaseliten -- aus ihrer Stadt war der ihm befreundete Dichter Theodektes, der jüngst in Athen gestorben war und dessen Vater noch lebte -- versprach er, demnächst zu ihnen zu kommen und dort einige Zeit zu rasten. Von den lykischen Gesandten, die nicht minder freundlich aufgenommen wurden, forderte er, denen, die er dazu senden werde, ihre Städte zu übergeben. Er bestellte demnächst einen der ihm Nächstbefreundeten, Nearchos von Amphipolis, der aus Kreta gebürtig war, zum Satrapen über Lykien und die östlich daran grenzenden Küstenlande. Aus späteren Vorgängen erhellt, daß sich zu dieser Zeit ein Kontingent lykischer Schiffe bei der Perserflotte befand; man wird annehmen dürfen, daß Alexander deren Zurückberufung entweder als Folge der getroffenen Vereinbarung voraussetzte, oder als Bedingung dessen, was er gewährte, forderte. Denn unzweifelhaft ist den Lykiern, den Termele, wie sie sich selbst nannten, ihre alte, wohlgeordnete Bundesverfassung geblieben: dreiundzwanzig Städte, jede mit Rat und Volksversammlung, mit einem »Strategen« an der Spitze ihrer Verwaltung, der vielleicht mit dem lykischen Namen eines »Königs« der Stadt bezeichnet wurde, dann für das ganze Bundesgebiet die Versammlung der Städte, in der die sechs bedeutendsten je drei Stimmen, die mittleren je zwei, die kleineren je eine hatten; nach demselben Verhältnis die Verteilung der Bundessteuern, als Leiter der Union der »Lykiarch«, dessen Name vielleicht gleichfalls »König« war; dieser, wie die übrigen Bundesbehörden durch Wahl der Bundesversammlung bestellt.

Dann zog der König nach Phaselis. Die Stadt, dorisch ihrem Ursprunge nach, und bedeutend genug, inmitten der lykischen Umgebung sich als hellenische Stadt zu behaupten, lag außerordentlich günstig an der pamphylischen Meeresbucht und den drei Häfen, denen sie ihren Reichtum dankte; gegen Westen erheben sich die Berge in mehreren Terrassen hintereinander, bis zur Höhe von siebentausend Fuß, in flachen Bogen sich um die pamphylische Bucht bis Perge hinziehend, dem Ufer des Meeres so nah, daß der Weg an mehreren Stellen nur dann nicht von der Brandung bedeckt wird, wenn der Nordwind das Wasser von der Küste zurücktreibt; will man diesen Weg vermeiden, so muß man den bei weitem beschwerlicheren und längeren durch die Berge einschlagen, der gerade damals durch einen pisidischen Stamm, der sich beim Eingang des Gebirges ein Bergschloß gebaut hatte und von da aus die Phaseliten heimsuchte, gesperrt wurde. Alexander griff in Verbindung mit den Phaseliten dieses Raubnest an und zerstörte es. Freudenmahle feierten diese glückliche Befreiung der oft geängstigten Stadt und die Siege des makedonischen Königs; es mochte seit Kimons Siegen am Eurymedon das erstemal sein, daß die Stadt ein hellenisches Heer sah. Auch Alexander scheint in diesen Tagen frohen Sinnes gewesen zu sein; man sah ihn nach einem Gastmahle mit seinen Getreuen im frohen Festzuge nach dem Markte ziehen, auf dem die Bildsäule des Theodektes stand und sie mit Blumenkränzen schmücken, das Andenken des ihm werten Mannes zu feiern.

In eben diesen Tagen war es, daß ein verruchter Plan ans Licht kam, doppelt verrucht, weil er von einem der vornehmsten Befehlshaber des Heeres ausging, dem Alexander Großes verziehen und Größeres anvertraut hatte. Der König war vielfach gewarnt worden, noch vor kurzem hatte Olympias in einem Briefe ihren Sohn beschworen, vorsichtig gegen frühere Feinde zu sein, die er jetzt für seine Freunde halte.

Der Verräter war Alexandros der Lynkestier, in dem die zweideutigen Ansprüche seiner Familie auf das makedonische Königtum einen ebenso heimtückischen wie hartnäckigen Vertreter fanden. Der gleichen Teilnahme an jener Verschwörung zum Morde des Königs Philipp verdächtig, die zweien seiner Brüder die Todesstrafe gebracht hatte, war er, weil er dem Sohn des Ermordeten sich sofort unterworfen und ihn zuerst als König begrüßt hatte, nicht bloß straflos geblieben, sondern Alexander behielt ihn in seiner Umgebung, übergab ihm manches wichtige Kommando, so noch zuletzt die Führung der thessalischen Ritterschaft für den Zug gegen Memnons Land und nach Bithynien. Aber selbst das Vertrauen des Königs vermochte nicht, des argen Mannes Gesinnung zu ändern; das Bewußtsein eines vergeblichen, aber nicht bereuten Verbrechens, der ohnmächtige Stolz, doppelt gekränkt durch die Großmut des glücküberhäuften Jünglings, das Andenken an zwei Brüder, deren Blut für den gemeinsamen Plan geflossen, die eigene Herrschsucht, die desto heftiger quälte, je hoffnungsloser sie war, kurz Neid, Haß, Begier, Furcht, das mögen die Triebfedern gewesen sein, die den Lynkestier die Verbindung mit dem persischen Hofe wiederanzuknüpfen oder vielleicht nicht abzubrechen bewogen; jener Neoptolemos, der in Halikarnaß für die Perser kämpfend den Tod gefunden hatte, war sein Neffe; durch Antiochos' Sohn Amyntas, der, aus Makedonien landesflüchtig, beim Herannahen des makedonischen Heeres von Ephesus zunächst wohl nach Halikarnaß geflohen, dann weiter bis zum Perserhofe gegangen war, hatte Alexandros schriftliche und mündliche Eröffnungen an den Großkönig gelangen lassen und Sissines, einer von Dareios' Vertrauten, kam, angeblich um Befehle an Atizyes, den Satrapen von Großphrygien, zu bringen, mit geheimen Aufträgen nach den vorderen Landen, zunächst bemüht, sich in die Kantonierungen der thessalischen Ritterschaft einzuschleichen. Von Parmenion aufgefangen, gestand er den Zweck seiner Sendung, den er, unter Bedeckung nach Phaselis vor den König geführt, dahin bezeichnete, daß er im Namen des Großkönigs dem Lynkestier, wenn er Alexander ermorde, tausend Talente und das Königtum Makedonien habe versprechen sollen.

Sofort berief der König die Freunde, mit ihnen zu beraten, wie gegen den Beschuldigten zu verfahren sei. Ihre Meinung war, daß es früher schon nicht wohlgetan gewesen sei, einem so zweideutigen Manne den Kern der Reiterei anzuvertrauen; um so notwendiger scheine es jetzt, ihn wenigstens sofort unschädlich zu machen, bevor er die thessalische Ritterschaft noch mehr für sich gewinne und sie in seine Verräterei verwickle. Demnach wurde einer der zuverlässigsten Offiziere, Amphoteros, Krateros' Bruder, an Parmenion abgesandt; in der Landestracht, um unkenntlich zu sein, von einigen Pergäern begleitet, gelangte er unerkannt an den Ort seiner Bestimmung; nachdem er seine Aufträge gesagt hatte -- denn der König hatte so gefährliche Dinge nicht einem Briefe, der leicht aufgefangen und mißbraucht werden konnte, anvertrauen wollen --, wurde der Lynkestier in der Stille aufgehoben und festgesetzt; ihn zu richten, verschob der König auch jetzt noch, teils aus Rücksicht auf Antipatros, dessen Schwiegersohn der Hochverräter war, besonders aber, um nicht zu beunruhigenden Gerüchten im Heere und in Griechenland Anlaß zu geben.

Nach diesem Aufenthalt brach Alexander von Phaselis auf, um Pamphylien und den wichtigsten Ort des Landes, Perge, zu erreichen. Einen Teil des Heeres sandte er auf dem langen und beschwerlichen Gebirgswege, den er durch die Thraker wenigstens für das Fußvolk hatte gangbar machen lassen, voraus, während er selbst, wie es scheint, mit der Ritterschaft und einem Teil des schweren Fußvolks den Küstenweg einschlug; in der Tat ein gewagtes Unternehmen, da jetzt in der Winterzeit der Weg überflutet war; den ganzen Tag brauchte man, um das Wasser zu durchwaten, das stellenweise den Leuten bis an den Nabel reichte; aber das Beispiel und die Nähe des Königs, der das Wort »unmöglich« nicht kannte, ließ die Truppen wetteifern, alle Mühe mit Ausdauer und mit Freudigkeit zu überstehen; und als sie endlich am Ziele angelangt, auf ihren Weg, auf die schäumende Brandung, die ihn bedeckte, zurücksahen, da war es ihnen wie ein Wunder, das sie unter ihres Heldenkönigs Führung vollbracht. Die Kunde von diesem Zuge verbreitete sich mit märchenhaften Zusätzen geschmückt, unter den Hellenen: der König sei trotz des heftigen Südwindes, der das Wasser bis in die Berge hinaufgepeitscht, an das Gestade hinabgezogen, und plötzlich habe der Wind sich gedreht und von Norden her die Wasser zurückgejagt; andere wollten gar wissen, daß er sein Heer trockenen Fußes durch das Meer geführt habe; und der Peripatetiker Kallisthenes, der zuerst die Geschichte dieser Feldzüge schrieb, denen er selbst beiwohnte, verstieg sich zu der Phrase: das Meer habe dem Könige seine Huldigung darbringen wollen und sei vor demselben niedergefallen; er brauchte das Wort Proskynesis, mit dem die Hellenen die persische Sitte des Niederfallens vor dem Großkönig bezeichnen. Der König selbst schrieb in einem Briefe -- wenn er echt ist -- die einfachen Worte: er habe durch die pamphylische Leiter, so nannte man die Bergabhänge dort, einen Weg machen lassen und sei von Phaselis hindurchgezogen.

So rückte Alexander in den Küstensaum der Landschaft Pisidien, der Pamphylien genannt wird, mit seinem Heere ein; diese Küstenlandschaft erstreckt sich, vom Taurusgebirge im Norden begenzt, bis jenseits der Stadt Side, wo das Gebirge sich wieder dicht an die Küste drängt, um sich nordöstlich über Kilikien, der ersten Landschaft jenseits des Taurus, hinzuziehen, dergestalt, daß Alexander mit der Besetzung Pamphyliens die Unterwerfung der Seeküste diesseits des Taurus beendet nennen konnte. Perge, der Schlüssel zum Übergang über die Gebirge im Norden und Westen zu den inneren Landschaften, ergab sich; die Stadt Aspendos schickte Gesandte an den König, sich zur Übergabe zu erbieten, zugleich zu bitten, daß ihr keine makedonische Besatzung gegeben werde, eine Bitte, die Alexander unter der Bedingung gewährte, daß Aspendos außer Ablieferung einer bestimmten Anzahl von Pferden, deren Haltung sie dem Perserkönige statt Tributes leistete, noch fünzig Talente zur Löhnung seiner Soldaten zahlen solle. Er selbst brach nach Side auf, der Grenzstadt Pamphyliens, die dafür galt, einst von Auswanderern aus Kyme in Äolis gegründet zu sein; aber die Sprache dieser Hellenen -- die der Heimat hatten sie vergessen, die des Landes nicht angenommen -- war eigener Art. Alexander ließ in ihrer Stadt eine Besatzung zurück, die so wie die gesamte Küste der pamphylischen Bucht unter Nearchos' Befehl gestellt wurde.

Darauf trat er den Rückzug nach Perge an; die mit einer Besatzung von Landeseingeborenen und fremden Söldlingen versehene Bergfestung Syllion zu überrumpeln, mißlang ihm; er überließ seinem Statthalter, sie einzunehmen, da ihm bereits die Nachricht zugekommen war, daß die Aspendier weder die Pferde, wie sie versprochen, ausliefern, noch die fünfzig Talente, zu denen sie sich verpflichtet, zahlen wollten, sondern sich zum ernsthaften Widerstande gerüstet hatten. Er rückte gegen Aspendos, besetzte die von ihren Einwohnern verlassene Unterstadt; ohne sich durch die Festigkeit der Burg, in die sich die Aspendier geflüchtet hatten, noch durch den Mangel an Sturmzeug zur Nachgiebigkeit bewegen zu lassen, schickte er die Gesandten, welche die Bürger, durch seine Nähe geschreckt, an ihn abgesandt hatten, um sich auf Grundlage des früheren Vertrages zu ergeben, mit der Weisung zurück, daß die Stadt, außer den früher verlangten Pferden und fünfzig Talenten, noch fünfzig Talente zahlen und die angesehensten Bürger als Geiseln stellen, wegen des Gebietes, das sie ihren Nachbarn gewaltsam entrissen zu haben beschuldigt wurde, sich einer gerichtlichen Entscheidung unterwerfen, dem Statthalter des Königs in dieser Gegend gehorchen und jährlichen Tribut zahlen solle. Der Mut der Aspendier hatte rasch ein Ende; sie fügten sich.