Geschichte Alexanders des Grossen

Chapter 13

Chapter 133,537 wordsPublic domain

Wie alles in diesem ersten Kriege des Königs überraschend, plötzlich, wie voll Nerv und Muskel ist, so vor allem dieser Marsch. Vierzehn Tage vorher hatte er den letzten Schlag bei Pelion getan; auf die Nachrichten, was in Theben geschehen, war er aufgebrochen, in sieben Tagen durch das Gebirge bis Pellineion am oberen Peneios marschiert; nach raschem Weitermarsch zum Spercheios, durch die Thermopylen, nach Boiotien hinein, stand er jetzt bei Onchestos, zwei Meilen von Theben, fast 60 Meilen von Pelion. Sein plötzliches Erscheinen hatte zunächst den Erfolg, daß die arkadischen Hilfsvölker nicht über den Isthmos hinauszurücken wagten, daß die Athener ihre Truppen so lange zurückzuhalten beschlossen, bis sich der Kampf gegen Alexander entschieden habe, daß sich die Orchomenier, Platäer, Thespier, Phokier, andere Feinde der Thebaner, die sich schon der ganzen Wut ihrer alten Peiniger preisgegeben glaubten, mit doppeltem Eifer den Makedonen anschlossen. Der König hatte nicht im Sinn, sofort zur Gewalt zu schreiten; er führte sein Heer von Onchestos heran, ließ es vor den nördlichen Mauern nahe beim Gymnasium des Iolaos lagern; er erwartete, daß die Thebaner angesichts seiner Macht die Torheit ihres Unternehmens erkennen und um gütlichen Vergleich bitten würden. Sie waren, obschon ohne alle Aussicht auf Hilfe, so weit entfernt sich beugen zu wollen, daß sie ihre Reiter und leichtes Volk sofort einen Ausfall machen ließen, der die feindlichen Vorposten zurückdrängte, und die Kadmeia nur eifriger bedrängten. Auch jetzt noch zögerte Alexander, einen Kampf zu beginnen, der, einmal begonnen, schweres Unheil über eine hellenische Stadt bringen mußte; er rückte am zweiten Tage an das südliche Tor, welches nach Athen hinausführt und an welches innerhalb die Kadmeia stößt; er bezog hier ein Lager, um zur Unterstützung der in der Burg liegenden Makedonen in der Nähe zu sein; er zögerte noch weiter mit dem Angriff. Man sagt, er habe die in der Stadt wissen lassen, daß, wenn sie den Phönix und Prothytes, die Urheber ihres Abfalles, auslieferten, das Geschehene vergeben und vergessen sein solle. Es gab manche in der Stadt, die empfahlen und verlangten, daß man an den König senden und um Verzeihung für das Geschehene bitten sollte; aber die Boiotarchen, die Verbannten, die, welche sie zur Rückkehr aufgefordert hatten, von Alexander keiner freundlichen Aufnahme gewärtig, reizten die Menge zum hartnäckigsten Widerstande; es soll dem Könige geantwortet sein: wenn er den Frieden wolle, so möge er ihnen Antipatros und Philotas ausliefern; es soll die Aufforderung erlassen sein, wer mit ihnen und dem Großkönige Hellas befreien wolle, möge zu ihnen in die Stadt kommen. Alexander wollte auch jetzt noch nicht angreifen.

Aber Perdikkas, der mit seiner Phalanx die Vorhut des makedonischen Lagers hatte und in der Nähe der feindlichen Außenwerke stand, hielt die Gelegenheit zu einem Angriffe für so günstig, daß er Alexanders Befehl nicht abwartete, gegen die Verschanzungen anstürmte, sie durchbrach und über die Vorwache der Feinde herfiel. Schnell brach auch Amyntas mit seiner Phalanx, die zunächst an der des Perdikkas stand, aus dem Lager hervor, folgte ihm zum Angriff auf den zweiten Wall. Der König sah ihre Bewegungen und fürchtete für sie, wenn sie allein dem Feinde gegenüberblieben; er ließ eilig die Bogenschützen und Agrianer in die Umwallung eindringen, das Agema nebst den anderen Hypaspisten ausrücken, aber vor den äußeren Werken haltmachen. Da fiel Perdikkas schwer verwundet beim Angriff auf den zweiten Wall, doch die zwei Phalangen, in Verbindung mit den Schützen und Agrianern, erstürmten den Wall, drangen durch den Hohlweg des elektrischen Tores in die Stadt bis zum Herakleion vor, und mit lautem Geschrei wandten sich die Thebaner, stürzten sich auf die Makedonen, so daß diese mit bedeutendem Verluste -- siebzig von den Bogenschützen fielen, unter ihnen ihr Führer, der Kreter Eurybotas -- fliehend sich auf die Hypaspisten zurückzogen. In diesem Augenblick rückte Alexander, der die Thebaner ohne Ordnung verfolgen sah, mit geschlossener Phalanx schnell auf sie an; sie wurden geworfen, sie flüchteten so übereilt, daß die Makedonen mit ihnen in das Tor eindrangen, während zugleich an anderen Stellen die Mauer, die wegen der vielen Außenposten ohne Verteidiger war, erstiegen und besetzt, die Verbindung mit der Kadmeia hergestellt wurde. Jetzt war die Stadt verloren; die Besatzung der Kadmeia warf sich mit einem Teile der Hereingedrungenen in die Unterstadt auf das Amphieion; andere stiegen über die Mauern und rückten im Sturmschritt auf den Markt. Umsonst kämpften die Thebaner mit der größten Tapferkeit; von allen Seiten drangen die Feinde ein; überall war Alexander und befeuerte die Seinigen durch Wort und Beispiel; die thebanische Reiterei, in die Straßen zersprengt, jagte durch die noch freien Tore ins offene Feld hinaus; von dem Fußvolk rettete sich, wer es konnte, ins Feld, in die Häuser, in die Tempel, die mit wehklagenden Weibern und Kindern angefüllt waren. Voll Erbitterung richteten jetzt nicht sowohl die Makedonen, als die Phokier, die Platäer und die übrigen Boiotier ein gräßliches Blutbad an; selbst Weiber und Kinder wurden nicht geschont, ihr Blut besudelte die Altäre der Götter. Erst das Dunkel der Nacht machte dem Plündern und Morden ein Ende; von den Makedonen sollen 500 gefallen, von den Thebanern 6000 erschlagen worden sein, bis des Königs Befehl dem Gemetzel ein Ende machte.

Am folgenden Tage berief er eine Versammlung der Genossen des Korinthischen Bundes, welche an dem Kampfe teilgenommen hatten, und überwies ihnen die Entscheidung über das Schicksal der Stadt. Die Richter über Theben waren dieselben Platäer, Orchomenier, Phokier, Thespier, welche den furchtbaren Druck der Thebaner lange hatten erdulden müssen, deren Städte ehemals von ihnen zerstört, deren Söhne und Töchter von ihnen geschändet und als Sklaven verkauft waren. Sie beschlossen: die Stadt solle dem Erdboden gleichgemacht, das Land, mit Ausnahme des Tempellandes, unter Alexanders Bundesgenossen verteilt, alle Thebaner mit Weib und Kind in die Sklaverei verkauft, nur den Priestern und Priesterinnen, den Gastfreunden Philipps, Alexanders und der Makedonen die Freiheit geschenkt werden; Alexander gebot auch Pindars Haus und Pindars Nachkommen zu verschonen. Dann wurden 30 000 Menschen jedes Alters und Standes verkauft und in die weite Welt zerstreut, hierauf die Mauern niedergerissen, die Häuser ausgeräumt und zerstört; das Volk des Epaminondas war nicht mehr, die Stadt ein grauenvoller Schutthaufen, »der Kenotaph ihres Ruhmes«; eine makedonische Wache oben auf der einsamen Burg hütete die Tempel und die »Gräber der Lebendigen«.

Das Schicksal Thebens war erschütternd; kaum ein Menschenalter vorher hatte es die Hegemonie in Hellas gehabt, seine heilige Schar Thessalien befreien, seine Rosse im Eurotas tränken lassen; jetzt war es von der Erde vertilgt. Die Griechen aller Parteien sind unerschöpflich in Klagen über Thebens Fall, und nur zu oft ungerecht gegen den König, der es nicht retten konnte. Er hat nachmals, wenn Thebaner unter den Söldnerscharen Asiens als Kriegsgefangene in seine Hände fielen, sie nie anders als mit Großmut behandelt; schon jetzt, während der Kampf kaum beendet war, verfuhr er in gleicher Weise. Eine edle Thebanerin, so wird erzählt, wurde gefangen und gebunden vor ihn gebracht; ihr Haus war von Alexanders Thrakern niedergerissen, sie selbst von den Anführern derselben geschändet, dann unter wilden Drohungen nach ihren Schätzen gefragt; sie hatte den Thraker an einen im Gebüsch versteckten Brunnen geführt: darin seien die Schätze versenkt; und als er hinabstieg, hatte sie Steine auf ihn hinabgeschleudert, bis er tot war. Nun brachten die Thraker sie vor des Königs Richterstuhl; sie sagte aus: sie sei Timokleia, jenes Theagenes Schwester, der als Feldherr bei Chaironeia gegen Philipp für die Freiheit der Hellenen gefallen war. So glaubwürdig wie die Erzählung ist ihr Schluß, daß Alexander der hochherzigen Frau verziehen, ihr und ihren Verwandten die Freiheit geschenkt habe.

Der Fall und Untergang Thebens war wohl dazu angetan, die Hellenen und ihre kurzatmige Begeisterung zu ernüchtern. Die Elier eilten, die Anhänger Alexanders, die sie verbannt hatten, wieder heimzurufen; die Arkader riefen ihre Kriegsscharen vom Isthmos zurück und verdammten die zum Tode, die zu diesem Hilfszuge gegen Alexander aufgemuntert hatten; die einzelnen Stämme der Ätoler schickten Gesandte an den König und baten um Verzeihung für das, was bei ihnen geschehen sei. Ähnlich anderer Orten.

Die Athener hatten die Flüchtlinge Thebens trotz des Bundeseides heimkehren lassen, hatten auf Demosthenes' Antrag beschlossen, Beistand nach Theben zu schicken, die Flotte auszusenden; aber das Zögern Alexanders hatten sie nicht benutzt, ihre Truppen -- in zwei Märschen hätten sie dort sein können -- ausrücken zu lassen. Sie feierten gerade die großen Mysterien (im Anfang September), als Flüchtende die Nachricht von dem Falle der Stadt brachten; in höchster Bestürzung wurde die Feier unterbrochen, alles bewegliche Gut vom Lande in die Stadt geflüchtet, dann eine Versammlung gehalten, die auf Demades' Vorschlag beschloß, eine Gesandtschaft von zehn Männern, die dem Könige genehm seien, zu senden, um wegen seiner glücklichen Rückkehr aus dem Triballerlande und dem Illyrischen Kriege, sowie wegen der Unterdrückung und gerechten Bestrafung des Aufruhrs in Theben Glück zu wünschen, zugleich aber um die Vergünstigung zu bitten, daß die Stadt ihren alten Ruhm der Gastfreundschaft und Barmherzigkeit auch an den thebanischen Flüchtlingen bewähren dürfe. Der König forderte die Auslieferung des Demosthenes, des Lykurgos, ferner des Charidemos, des erbitterten Gegners der makedonischen Macht, die seiner Art lukrativer Kriegsführung ein Ende machte, des Ephialtes, der jüngst als Gesandter nach Susa gesandt worden war und anderer; denn diese seien nicht bloß die Ursache der Niederlage, die Athen bei Chaironeia, sondern auch aller der Unbilden, die man nach Philipps Tode sich gegen dessen Andenken und den rechtmäßigen Erben des makedonischen Königtums erlaubt habe; den Fall Thebens hätten sie nicht minder verschuldet, als die Unruhestifter in Theben selbst; die von diesen jetzt in Athen Zuflucht gefunden, müßten gleichfalls ausgeliefert werden. Die Forderung Alexanders veranlaßte die heftigsten Erörterungen in der Volksversammlung zu Athen; Demosthenes beschwor das Volk, »nicht wie die Schafe in der Fabel ihre Wächterhunde dem Wolfe auszuliefern«. Das Volk wartete in seiner Ratlosigkeit auf des strengen Phokion Meinung; sein Rat war, um jeden Preis des Königs Verzeihung zu erkaufen und nicht durch unbesonnenen Widerstand zum Unglück Thebens auch noch Athens Untergang hinzuzufügen; jene zehn Männer, die Alexander fordere, sollten jetzt zeigen, daß sie aus Liebe zum Vaterlande sich auch dem größten Opfer zu unterziehen bereit seien. Demosthenes aber bewog durch seine Rede das Volk, durch fünf Talente den makedonisch gesinnten Redner Demades, daß dieser an den König gesandt wurde und ihn bat, diejenigen, welche strafbar seien, dem Gerichte des attischen Volkes zu überlassen.

Der König tat es, teils aus Achtung vor Athen, teils aus Eifer für den Zug nach Asien, während dessen er keine verdächtige Unzufriedenheit in Griechenland zurücklassen wollte; nur die Verbannung des Charidemos, jenes wüsten Abenteurers, den selbst Demosthenes ehedem verabscheut hatte, wurde verlangt; Charidemos floh nach Asien zum Perserkönige. Nicht lange darauf verließ auch Ephialtes Athen und ging zur See fort.

Nachdem auf diese Weise Hellas beruhigt, durch die Vernichtung Thebens und die makedonische Besatzung in der Kadmeia auch für die Zukunft neuen Bewegungen hinlänglich vorgebeugt schien, brach Alexander aus dem Lager vor Theben auf und eilte im Herbste 335 nach Makedonien zurück. Ein Jahr hatte hingereicht, sein vielgefährdetes Königtum fest zu gründen; des Gehorsams der barbarischen Nachbarvölker, der Ruhe in Hellas, der Anhänglichkeit seines Volkes gewiß, konnte er den nächsten Frühling zum Beginn des Unternehmens bestimmen, das für das Schicksal Asiens, für die Wege von Jahrhunderten entscheidend werden sollte.

Die nächsten Monate waren den Rüstungen zum großen Kriege gewidmet; von Griechenland, von Thessalien, von den Gebirgen und Tälern Thrakiens kamen Scharen der Verbündeten; Söldner wurden geworben, Schiffe zur Überfahrt nach Asien gerüstet. Der König hielt Beratungen, die Operationen des Feldzuges nach den Erkundigungen, die über die Beschaffenheit der östlichen Länder, über die militärische Wichtigkeit der Stromtäler, der Bergzüge, der Städte und Landschaften eingezogen waren, zu entwerfen. Wie gern erführen wir Genaueres darüber, namentlich, ob man am Hofe zu Pella eine Vorstellung von den geographischen Verhältnissen des Reiches, das man anzugreifen gedachte, von dessen Ausdehnung jenseits des Taurus, jenseits des Tigris hatte. Gewiß kannte man die Anabasis des Xenophon, vielleicht die persische Geschichte des Ktesias; manches mochte man von Hellenen, die in Asien in Sold gewesen, von persischen Gesandtschaften, von Artabazos und Memnon, die jahrelang als Flüchtlinge am makedonischen Hofe gelebt hatten, erkundet haben. Aber wie sorgfältig man Nachrichten gesammelt haben mochte, es konnte kaum mehr sein als ein unsicheres Material zu Entwürfen für den Krieg bis zum Euphrat und allenfalls bis zum Tigris; von der Gestaltung der Länder weiter nach Osten, von den Entfernungen dort hatte man unzweifelhaft keine Vorstellung.

Dann wurden die Angelegenheiten der Heimat geordnet, Antipatros zum Reichsverweser bestellt, mit genügender Heeresmacht um die Ruhe in Hellas zu sichern, die Grenzen Makedoniens zu decken, die zugewandten Völker umher in Gehorsam zu halten; es wurden die Fürsten der verbündeten Barbarenstämme zur persönlichen Teilnahme am Kampfe aufgefordert, damit das Reich vor Neuerungen desto sicherer, die Stammesgenossen unter ihrer Führung desto tapferer wären. Noch eine Sorge wurde im Kriegsrate besonders von Antipatros und Parmenion angeregt: wessen, im Fall eines unvorhergesehenen Unglückes, die Thronfolge im Reiche sein solle? Sie beschworen den König, sich vor dem Feldzuge zu vermählen und die Geburt eines Thronerben zu erwarten. Er verwarf ihre Anträge: es sei seiner, der Makedonen und Hellenen unwürdig, an Hochzeit und Ehebett zu denken, wenn Asien zum Kampfe bereit stehe. Sollte er warten, bis die schon aufgebotene Flotte der Phönikier und Cyprioten herankäme, das schon aufgebotene Reichsheer des Großkönigs sich sammelte und über den Taurus kam? Er durfte nicht länger zögern, wenn er Kleinasien und damit die Basis zum weiteren Kampf gewinnen wollte.

Es wird berichtet, daß er so verfahren, als wenn er für immer von Makedonien Abschied nehmen wolle. Was daheim ihm gehörte, Landgüter, Waldungen und Dörfer, selbst Hafenzölle und andere Einkünfte, habe er an die Freunde verschenkt, und auf Perdikkas' Frage, als fast alles verteilt gewesen sei: was denn ihm bleibe? habe er geantwortet: »die Hoffnung«; da habe denn Perdikkas seinen Anteil verschmäht: »Laß uns, die wir mit dir kämpfen werden, die Hoffnung mit dir teilen«; und manche Freunde seien dem Beispiel des Perdikkas gefolgt. Die Erzählung wird übertrieben sein, aber der Stimmung vor dem Auszuge entspricht sie; der König verstand es, sie hoch und höher zu spannen; der Enthusiasmus, der ihn erfüllte, entflammte seine Generale, den ritterlichen Adel, der ihn umgab, das gesamte Heer, das ihm folgte; den Heldenjüngling an ihrer Spitze, forderten sie siegesgewiß eine Welt zum Kampfe heraus.

Zweites Buch

+Dios plagan echousin eipein.+

Erstes Kapitel

Die Vorbereitungen zum Kriege -- Das Münzwesen -- Die Bundesverhältnisse des Königtums -- Die Armee -- Übergang nach Asien -- Schlacht am Granikos -- Besetzung der Westküste Kleinasiens -- Eroberung von Halikarnaß -- Zug durch Lykien, Pamphylien, Pisidien -- Organisation der neuen Gebiete

Alexanders Unternehmen erscheint auf den ersten Blick in nicht geringem Mißverhältnis zu den Hilfsmitteln, die ihm zur Verfügung standen. Und nur die kleinere Hälfte seines Werkes war, den Feind aus dem Felde zu schlagen; er mußte daran denken, wie die Erfolge der Waffen dauernd gemacht werden sollten.

Denn der räumlichen Ausdehnung nach kam das Ländergebiet, über dessen Kräfte er verfügen konnte, kaum dem dreißigsten Teile des Perserreiches gleich; nicht minder ungleich stellte sich das Zahlenverhältnis der Bevölkerungsmassen hier und dort, seiner und der persischen Streitkräfte zu Wasser und zu Lande. Fügt man hinzu, daß der makedonische Schatz beim Tode Philipps erschöpft und mit 500 Talenten Schulden belastet war, während in den Schatzkammern des Großkönigs zu Susa, Persepolis, Ekbatana usw. ungeheuere Vorräte edlen Metalls aufgehäuft lagen, daß Alexander nach Beendigung seiner Rüstungen, zu denen er 800 Talente hatte aufnehmen müssen, nicht mehr als 60 Talente zur Verfügung hatte, den Krieg gegen Asien zu beginnen, so erscheint sein Unternehmen tollkühn und fast chimärisch.

Der Charakter der uns erhaltenen Überlieferungen gestattet nicht, aus ihnen auf die Fragen, die sich hier aufdrängen, Antwort zu erwarten. Selbst der verständige Arrian gibt nur den äußeren, fast nur den militärischen Sachverlauf mit gelegentlicher moralischer Würdigung seines Helden, kaum daß er von denen, die militärisch in Rat und Tat seine Helfer waren, mehr als die Namen anführt; von der Verwaltung, den Finanzen, den politischen Organisationen, von der Kanzlei, dem Kabinett des Königs, von den Personen, die in diesen Funktionen des Königs Werkzeuge waren, sagt er nichts; er unterläßt es, sich und dem Leser klarzumachen, wie die Taten und Erfolge, von denen er berichtet, möglich waren und wirklich wurden, mit welchen Mitteln inwieweit vorausgeplant, von welchen Zielen und nach welchen praktischen Gesichtspunkten bestimmt, durch welche Macht des Willens, der überlegenen Einsicht, der militärischen und politischen Genialität.

Aus der Fülle von Fragen, die damit angedeutet sind, genügt es vorerst, diejenigen hervorzuheben, die hier an der Schwelle des staunenswürdigsten Siegeslaufes die wesentlichen sind.

Es hat nicht an solchen gefehlt, die dem Charakter Alexanders und seiner Genialität damit gerecht zu werden glaubten, daß sie ihn wie einen Phantasten darstellten, der mit seinen nicht minder enthusiastischen Kriegsvölkern nach Asien gezogen sei, die Perser zu schlagen, wie und wo er sie fände, vom Zufall erwartend, wie ihn der nächste Tag weiterführen werde. Andere haben gemeint, daß er den Gedanken, mit dem sich sein Vater getragen, den Philosophen, Redner, Patrioten immer von neuem empfohlen, der recht eigentlich von der hellenischen Bildung gezeugt und entwickelt worden sei, nur eben ausgeführt habe.

Der Gedanke, bevor er zur Tat geworden, ist nur ein Traum, ein Phantom, ein Spiel der erregten Phantasie; erst dem, der ihn ausführt, gewinnt er Gestalt, Fleisch und Bein, den Impuls eigener Bewegung, das Hier und Jetzt seines Wirkens, und mit den Bedingnissen und Gegenwirkungen in Raum und Zeit immer neue Schranken, immer schärfere Ausprägungen, mit denen seiner Kraft zugleich die seiner Schwächen.

Ist Alexander wie ein Abenteurer, wie ein Träumer hinausgezogen mit dem summarischen Gedanken, Asien bis zu den ungekannten Meeren, die es umgrenzen, zu erobern? Oder hat er gewußt, was er wollte und was er wollen konnte? Hat er danach seine militärischen und politischen Pläne entworfen, seine Maßregeln getroffen?

Es handelt sich nicht darum, aus der Reihenfolge seiner Erfolge rückwärts schließend, deren planmäßigen Zusammenhang aufzuweisen und die Evidenz als Beweis zu geben; es fragt sich, ob es Beweise gibt, daß vor dem begonnenen Werk schon vor seinem Geiste stand, wie es werden sollte.

Vielleicht daß eine Tatsache dafür anzuführen ist, von der freilich unsere Quellen nicht sprechen. Außer wenigen Inschriften und Kunstwerken haben wir unmittelbare Überreste aus jener Zeit nur in den Münzen, deren Tausende, goldene, silberne, kupferne mit dem Gepräge Alexanders erhalten sind, stumme Zeugen, welche die Forschung endlich zu sprechen gelehrt hat. Verglichen mit den Gold- und Silbermünzen der Perserkönige, der zahllosen Griechenstädte, der makedonischen Könige vor Alexander, ergeben sie einen Vorgang sehr bemerkenswerter Art.

Im früheren ist erwähnt worden, daß König Philipp in seinen Landen eine neue Münzordnung eingeführt habe; sie war, nach dem Ausdruck eines berühmten Forschers, gleichsam eine entfernte Anbahnung zur Eroberung Persiens. Sie bestand darin, daß er, während in der hellenischen Welt die Silberwährung, wie im Perserreich die Goldwährung herrschte, Gold auf den Fuß der Dareiken prägte, daneben Silber auf denjenigen Fuß, der dem Handelswert des Goldes am nächsten entsprach. Also er setzte die Goldwährung »nicht an die Stelle, sondern an die Seite der bisher in der griechischen Welt allein üblichen Silberwährung, er führte damit in seinem Reiche Doppelwährung ein«. Nach dem Verhältnis des Goldes zu Silber, das im Handel 1:12,51 stand, normierte er seine Silberstücke, deren 15 auf ein Goldstück von 8,60 Gramm gehen sollten, auf 7,24 Gramm; es war im wesentlichen der Fuß des verbreiteten rhodischen Silbergeldes.

Die Goldmünzen Alexanders sind von demselben Gewicht und Feingehalt wie die »Philippeer«, aber seine Silbermünzen folgen einem völlig anderen System; es sind Tetradrachmen von 17,00-17,20 Gramm und deren Stücklung, ganz nach dem attischen System, mit der Wertung des Goldes gegen Silber wie 1:12,30. Nicht bloß geschah diese Verminderung in der Absicht, von der Doppelwährung des Vaters zur reinen Silberwährung der Hellenen zurückzukehren, wie denn im weiteren die »Alexanderdrachme« zur allgemeinen, in dem ganzen Reiche gültigen Zahlungseinheit erhoben worden ist, sondern -- und dies ist das für unsere Frage Bedeutsamere -- es gibt in der großen Masse Drachmengeldes von Alexander auch nicht ein Stück nach dem philippischen Fuß.

Man wird nicht annehmen wollen, daß diese Neuordnung ohne wesentliche Motive eingeführt wurde. Hatte Philipp die Doppelwährung eingeführt, so war seine Absicht gewesen, bei dem Sinken des Goldpreises im Handel mit der griechischen Welt, wo die Silberwährung galt, den Preis beider edlen Metalle zu fixieren und sie damit im Gleichgewicht zu erhalten. Sank der Wert des Goldes weiter, so mußte auch aus Makedonien das Silber abfließen, wie bisher schon aus Persien, in dem Maße als der Wert des Silbers höher war als der des Goldes, für das man es kaufen konnte. Mit der neuen Münzordnung, die Alexander einführte, war dem persischen Golde sozusagen der Krieg erklärt; das Gold war zur bloßen Ware gemacht, zu einer Ware, die, wenn die Schätze des Perserkönigs erobert und das dort in Masse tot liegende Gold dem Verkehre zurückgegeben wurde, sich immerhin weiter entwerten konnte, ohne daß die auf Silber gestellten Preise in der griechischen Welt dadurch in gleichem Maße erschüttert wurden. Das Silber nach attischem Fuß wurde fortan zum Wertmaß, die Tetradrachme zum Nominal einer Münzeinheit, in der sich ungefähr alle hellenischen Münzsysteme wie ebenso vielerlei Brüche in ihrem Generalnenner zusammen finden konnten. Und nach einem halben Menschenalter war die »Alexanderdrachme« die Weltmünze.

Ob mit dieser Umgestaltung des makedonischen Münzsystems zugleich eine finanzielle Hilfe für die augenblicklichen Geldgeschäfte gesucht wurde, ob Alexander und sein Ratgeber die wirtschaftliche Wirkung der Maßregel berechnet, ob sie die weitere Entwertung des Goldes, wenn die persischen Schätze in Umlauf gesetzt wurden, vorausgesehen haben, muß dahingestellt bleiben. Genug, wenn uns eine tiefeingreifende Maßregel darauf aufmerksam macht, bis zu welchen Punkten hin der große Plan, ehe man zur Ausführung schritt, vorbedacht worden ist.