Geschichte Alexanders des Grossen

Chapter 1

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Geschichte Alexanders des Großen

von

Joh. Gust. Droysen

Mit einem Vorwort von

Sven Hedin

und einer Einleitung von

Dr. Arthur Rosenberg

Privatdozent der alten Geschichte an der Universität Berlin

Mit dem einzigen bisher bekannten authentischen Alexander-Porträt, der sogenannten Azara-Herme im Louvre, als Titelbild und einer Karte der Feldzüge Alexanders

R. v. Decker's Verlag

G. Schenck, Königlicher Hofbuchhändler

Berlin 1917

Der Anhang enthält:

1. die Anmerkungen Droysens der Ausgabe letzter Hand, 2. ein Register sämtlicher vorkommender Personen- und Ortsnamen, 3. eine Verdeutschung makedonischer Heeresausdrücke, 4. einen Stammbaum Alexanders des Großen.

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Vorwort

Die erste Auflage von J. G. Droysens »Geschichte Alexanders des Großen« erschien im Jahre 1833 und erwies sich von vornherein als eine derjenigen seltenen und ausgezeichneten historischen Veröffentlichungen, die lange Jahre hindurch ihren Wert unverändert beibehalten. Im Jahre 1898 kam eine fünfte Auflage heraus. Jetzt, da diese wertvolle Arbeit zum sechsten Male der Öffentlichkeit übergeben wird, sind seit ihrem ersten Erscheinen 84 Jahre vergangen.

Daß eine historische Arbeit während so langer Zeit ihre hohe Rangstufe hat behaupten können, beruht ohne Zweifel zum großen Teil auf der Natur ihres Quellenmaterials. Die Schicksale Alexanders sind von seinen klassischen Geschichtschreibern geschildert worden, und innerhalb der von diesen gezogenen Grenzen mußte der moderne Forscher sich bewegen. Jedoch schließt das nicht aus, daß sich in den letzten Jahren neues Licht über viele Einzelheiten verbreitet hat. Die von Alexander durchzogenen Gebiete von West-Asien sind heute unvergleichlich viel besser bekannt, als zur Zeit Droysens, und man hat deshalb jetzt die Spuren des makedonischen Königs weit besser verfolgen können, als ehedem. An der Hand der vorhandenen genauen Karten vom Hindukusch, hat man bezüglich der Pässe, über die Alexander seine Heere geführt hat, seine Schlüsse ziehen können. Wiederholt sind neue Beiträge zur Kenntnis seiner Märsche gegeben worden und nicht zum wenigsten haben deutsche Forscher dazu beigetragen.

Alexanders Feldzug gehört zu den glänzendsten Taten der Kriegsgeschichte, und kaum irgendeiner der großen Namen der alten Zeit ist von solchem Glanz umstrahlt wie der seine. Jahrtausende haben nicht vermocht, seinen Ruhm erblassen zu lassen. Über seine Eigenschaften als Feldherr sagt Hans Delbrück in seiner Geschichte der Kriegskunst (II, 227): »Alexander war nicht nur ein großer Feldherr, sondern auch ein Feldherr im großen Stil. Aber er war noch mehr. Er nimmt dadurch eine einzigartige Stellung ein, daß er den welterobernden Strategen und den unübertroffenen, tapferen, ritterlichen Vorkämpfer in einer Person vereinigt. Kunstvoll führt er das Heer an den Feind heran, überwindet Geländehindernisse, läßt es aus Engpässen aufmarschieren, kombiniert die verschiedenen Waffen je nach den verschiedenen Umständen verschieden von stärkster Gesamtwirkung, sichert strategisch seine Basis und seine Verbindungen, sorgt für die Verpflegung, wartet ab, bis die Vorbereitungen und Rüstungen vollendet sind, stürmt vorwärts, verfolgt nach dem Siege bis zur äußersten Erschöpfung der Kräfte, und derselbe Mann kämpft in jedem Gefecht an der Spitze seiner Ritterschaft mit Speer und Schwert, dringt an der Spitze der Sturmkolonne in die Bresche oder überspringt als erster die feindliche Mauer.«

Nicht nur Europa ist es, das seinem Namen Bewunderung zollt. Auch im westlichen Asien, das so reich an sagen- und legendenhaften Gestalten ist, lebt seine Erinnerung noch fort. Wie oft hört man nicht in Turkestan geographische Namen, wie Iskender-tagh, Iskender-kul oder andere Gegenstände als Berge und Seen, die mit seinem Namen verknüpft sind. Oberhalb Babylon gibt es einen Kanal, der noch seinen Namen trägt, Nahr Iskenderije. In Unkenntnis betreffend den Platz, wo er starb, und die Stelle, wohin seine Leiche übergeführt wurde, machen verschiedene Orte in Zentralasien darauf Anspruch, seine irdische Hülle zu bergen. Im Jahre 1890 besuchte ich in Margelan ein »Gur-i-Iskender Bek« oder Alexanders Grab. Die Margelan-Bewohner waren stolz darauf, dieses Grab zu besitzen. Auf dem in ihrer Einbildung bemerkenswerten Platz erhob sich eine kleine Moschee, auf deren Mauer eine Inschrift bekundete, daß der Zar die Mittel zur Wiederherstellung der Grabmoschee bewilligt hatte. Mitten auf dem Hofe sah man einen großen gemauerten Grabstein, unter welchem der Heldenkönig angeblich ruht.

Auch andere als Geschichtsforscher haben Grund, sich in das Studium des Feldzuges Alexanders zu vertiefen. So habe ich z. B. in meinem Buche »Über Land nach Indien« (II, 200) an der Hand der Schilderungen, die wir über Alexanders Feldzug durch das südliche Belutschistan besitzen, zu beweisen versucht, daß das Klima in diesem Teil von Asien seit jener Zeit keine nennenswerten Veränderungen aufzuweisen hat. Wenn man das erste Kapitel von Delbrücks Heereszahlen liest, fühlt man sich doch versucht, in Frage zu stellen, ob Alexander wirklich vermocht hat, mit 30 bis 40 000 Kämpfern, einer Anzahl, die Droysen ebenfalls anführt, nach Westen aufzubrechen.

Für einen Forschungsreisenden, der das Glück gehabt hat, bis zur Quelle des Indus vorzudringen, ist es von großem Interesse, Arrians Geschichte über Alexanders Vorstellungen über das Verhältnis des Indussystems zum Nil zu lesen. Der große Feldherr tritt hier auch als Entdeckungsreisender im großen Stil hervor, und es wird einem klar, daß auch die geographischen Probleme Gegenstand seiner Aufmerksamkeit waren. »Zwar hatte er früher in dem Indus, dem einzigen Flusse außer dem Nil, Krokodile gesehen, und an den Ufern des Acesines ebensolche Bohnen, wie sie der Boden Ägyptens hervorbringt, und zudem gehört, daß der Acesines sich in den Indus ergieße, und bildete sich nun ein, die Quellen des Nils aufgefunden zu haben: der Nil, glaubte er nämlich, entspringe hier irgendwo in Indien, durchströme hierauf viel ödes Land und verliere daselbst seinen Namen Indus; wo er sodann seinen Lauf wieder durch bewohntes Land fortsetze, werde er nun von den Äthiopen jener Gegend und den Ägyptern Nil genannt, -- wie ihm auch Homer nach dem Lande Ägyptos den Namen Ägyptos beigelegt habe -- und ergieße sich dann endlich in das Mittelmeer. Und demgemäß habe er auch in einem Briefe an die Olympias neben anderen Nachrichten über das indische Land ihr geschrieben, daß er die Quellen des Nil glaube aufgefunden zu haben, wobei er freilich seine Schlüsse in einer so wichtigen Sache auf recht unbedeutende und nichtssagende Beweisgründe stützte. Als er sich jedoch genauer über den Fluß Indus erkundigt, habe er von den Eingeborenen erfahren: der Hydaspes fließe in den Acesines, der Acesines in den Indus, und beide geben an diesen ihren Namen ab; der Indus dagegen ergieße sich in das große Meer, und zwar in zwei Mündungen, ohne in irgendeiner Verbindung mit Ägypten zu stehen. Darauf habe er im Briefe an seine Mutter die Nachricht über den Nil wieder getilgt«....

Da er also anfänglich in dem Glauben lebte, daß er die Quelle des Nils entdeckt hätte (#Nili se caput reperisse arbitrabatur#), aber nachher erfuhr, daß er es nur mit dem Indus zu tun hatte, muß er seine Fahrt abwärts dieses Flusses, in der Annahme, dessen Quelle entdeckt zu haben, begonnen haben. Denn daß er davon überzeugt war, sich in unmittelbarer Nähe der Quelle befunden zu haben, geht sowohl aus Arrian als aus Strabo hervor, von denen letzterer vom Aornus sagt: #cujus radices Indus non procul a fonte suo alluit#. Um ausfindig machen zu können, was die alten Geographen unter »Indus-Quelle« verstanden, wäre es von Wert gewesen, zu erfahren, wo Aornus lag. Aller Wahrscheinlichkeit nach glaubte man, daß die Quelle gerade an dem Punkt gelegen war, wo die gewaltige Wassermenge der Talmündung entströmte, hinter der nichts anders als hohe, unübersteigbare Berge sichtbar waren. Noch vor 250 Jahren wurde die Hydrographie des Himalaja in dieser Weise dargestellt; man konnte ja auch nichts anderes erwarten, da das ganze Bergland im Norden eine vollständige #Terra incognita# war.

Droysens Arbeit über Alexander gehört zu den Büchern, die ich stets nahe zur Hand habe und zu denen ich immer gleich gerne zurückkehre. Die am meisten sagenähnliche Epoche im Leben des Heldenkönigs spielt sich ja auf dieser alten asiatischen Erde, wo ich dreizehn glückliche Jahre verbracht habe, ab. Einzig und allein dieser Umstand erklärt es, daß ich dazu aufgefordert wurde, zu dieser neuen Auflage von Droysens Buch über Alexanders Leben ein Vorwort zu schreiben. Noch im Sommer 1916 hatte ich Gelegenheit, mich seines Namens zu erinnern, als ich in Begleitung des Professors Koldewey die Ruinen Babylons durchwanderte. Wir kamen damals auch zu den Überresten von Emach, Ninmachs Tempel, von denen Koldewey annimmt, daß es hier war, wo Alexander, auch während seiner letzten Krankheit, seine täglichen Opfer darbrachte. (Vergleiche auch Koldewey: Die Tempel von Babylon und Borsippa, Leipzig 1911, Seite 17.)

In Hindenburgs Vaterland, in diesem Deutschland, das mit unsterblichem Ruhm seinen Kampf fast gegen die ganze übrige Welt auskämpft, wird Makedoniens König, Asiens Eroberer zahlreichere Freunde und Bewunderer finden, als jemals zuvor.

Stockholm, 28. März 1917. Sven Hedin

Einleitung

Droysens Buch über Alexander den Großen gehört unstreitig zu den klassischen Werken der deutschen historischen Prosa: die Gediegenheit der Forschungen, die Tiefe der Auffassung, die Frische des Stils, wie sie in dem Buche zutage treten, berechtigen zu diesem Urteil. »Droysens Verständnis für den idealen Gehalt der Vergangenheit, seine lebhafte Auffassung historischer Charaktere und seine Anlage für deren Vergegenwärtigung trafen mit der Lehre Hegels von der Verkörperung der großen, weltbewegenden Ideen in den Heroen der Geschichte zusammen. Diesem Zusammentreffen ist Droysens erste historische Arbeit, sein Alexander von Makedonien entsprungen«, schreibt Max Duncker in seiner trefflichen, unmittelbar nach dem Tode des Forschers verfaßten biographischen Skizze. Man muß freilich gestehen, daß die allgemeinen Prinzipien der heutigen historischen Wissenschaft nicht mehr die gleichen sind wie die des jungen Droysen. Was wir heute suchen, ist nicht der »ideale Gehalt der Vergangenheit«, sondern einfach die Vergangenheit an sich, und unser Urteil über geschichtliche Persönlichkeiten ist von der Lehre Hegels nicht mehr beeinflußt. Indessen, in der Praxis der historischen Arbeit verfuhr Droysen durchaus modern. Das Ideale der antiken Geschichte sucht er niemals durch Schönfärberei oder willkürliche Auswahl der überlieferten Tatsachen zu gewinnen, sondern in streng kritischer, voraussetzungsloser Untersuchung der Tradition will Droysen sich das Bild des griechischen Staates und seiner Leistungen schaffen: wenn dieses Bild dann groß und erhaben wirkt, und vorbildlich für die eigene Zeit, so ist das für den Geschichtschreiber erfreulich, aber es belastet das Gewissen des Gelehrten nicht. Was den zweiten Punkt betrifft, so kommt es ja tatsächlich oftmals vor, daß die großen politischen Gedanken der Völker in einzelnen Männern gewissermaßen Fleisch und Blut gewinnen, von ihnen vollkommen erfaßt und in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Es genügt hier, an den Gedanken der deutschen Einheit und an Bismarck zu erinnern. Aber so gewaltig Bismarcks Können und Wollen auch gewesen ist, er hätte sein Ziel nicht erreicht, wenn ihm das Schicksal nicht einen Monarchen an die Seite gestellt hätte, der ihn und seine Ideen verstand und es ihm möglich machte, sein Werk zu schaffen. Und wenn wir nicht nur an Bismarck, sondern auch an Kaiser Wilhelm I. denken, kommen wir zu einer rechten Würdigung des historischen Alexander so gut wie des Alexanderbildes von Droysen. So wenig auch äußerlich Wilhelm I. und Alexandros, der Sohn des Philippos, miteinander gemein haben, der schlichte, durch und durch solide, seinen Mitarbeitern unbedingt treue, norddeutsche Fürst, der im Bilde des Greises in der Nachwelt weiterlebt -- und auf der anderen Seite der hochbegabte, aber theatralische Südländer, auf dessen Andenken es lastet, daß er _seinen_ Moltke heimtückisch umbringen ließ, und den Roman und Legende durch zwei Jahrtausende zum Heldenjüngling gestaltet haben: die Jahrzehnte, in denen das deutsche Volk seine Einigung und Weltstellung gewann, stehen unter dem Zeichen Wilhelms I., und die Epoche, in der das hellenische Volk, frisch geeinigt, die Weltherrschaft eroberte, ist das Zeitalter Alexanders.

Droysen hat den König Alexander für einen ganz großen Menschen, für einen Genius ersten Ranges, gehalten. Die moderne Forschung ist zum Teil andere Wege gegangen. Es läßt sich, bei der Dürftigkeit des auf uns gekommenen authentischen Materials, nicht ganz sicher entscheiden, wer recht hat, ob Johann Gustav Droysen, oder -- um gleich den Namen seines Antipoden zu nennen, Julius Beloch. Fest steht es, daß die hellenische Welteroberung zugleich eine Tat des Königs Alexander gewesen ist, daß sich die Entwicklung der Nation und das Leben des einen Mannes nicht trennen läßt.

Aber auch schon für Droysen selbst ist die Sache wichtiger gewesen als die Person: die Bedeutung Alexanders liegt für ihn darin, daß er das Ende einer Weltepoche bezeichnet, und den Anfang einer neuen. Diese neue Epoche bringt die »Verbreitung griechischer Herrschaft und Bildung über die Völker ausgelebter Kulturen«, mit einem Wort: die Entstehung des Hellenismus. Es bleibt für alle Zeiten eine wissenschaftliche Großtat Droysens, daß er, man kann wohl sagen, der Entdecker des Hellenismus geworden ist. Drei Jahre nach dem Erscheinen der Alexandergeschichte folgte ihre Fortsetzung, die Schilderung der Epoche der Diadochen (1836), 1843 schloß sich die Geschichte der nächsten Generation griechischer Herrscher, der sog. Epigonen an. In einer zweiten Auflage hat Droysen alle drei Bände als »Geschichte des Hellenismus« vereinigt (1877/78). Für den einseitigen Klassizismus hört das vorbildliche Griechentum mit Chaironeia und Demosthenes auf: was danach kommt, ist Entartung und Verfall. Tatsächlich ist es aber gerade die hellenistische Periode, in der das griechische Volk politisch die größten Erfolge gehabt hat, so daß man direkt berechtigt ist, von einer griechischen Weltherrschaft im Zeitalter des Hellenismus zu sprechen, und auch die kulturellen Schöpfungen dieser Epoche lassen sich aus der Entwicklung der abendländischen Menschheit nicht wegdenken. Droysen hat als erster durch ein großzügiges Geschichtswerk die welthistorische Bedeutung des Jahrhunderts von Alexander bis zur Intervention der Römer im Osten klargelegt, sowie den Zusammenhang der politischen Begebenheiten dieser Zeit mit glänzender Kombinationskraft aus der vielhaft trümmerhaften Überlieferung zu gewinnen gesucht.

Zur rechten Würdigung Alexanders und des Hellenismus waren freilich zwei Vorfragen zu lösen, die wieder untereinander eng zusammenhängen: es sind die Probleme der Nationalität der Makedonen, und der Politik des Demosthenes. In beiden Fragen hat Droysen den gleichen Standpunkt gewonnen, wie ihn im wesentlichen auch die neueste Forschung einnimmt. Freilich ist der Streit über beide Probleme noch nicht beendet. Die Frage, ob die Makedonen Griechen gewesen sind, oder nicht, ist von einschneidender Bedeutung: wenn ja, dann haben Philipp und Alexander den Hellenen die nationale Einigung gegeben, wenn nein -- dann sind die Griechen unter die Herrschaft ausländischer Zwingherren geraten, welche sie für ihre Zwecke ausnutzten. Eine Entscheidung der Frage kann nur eine Prüfung der Sprache der Makedonen geben; leider ist unsere Kenntnis des makedonischen Dialekts nur mäßig, aber das sprachliche Material läßt doch den Schluß ziehen, daß die Makedonen ein griechischer Stamm gewesen sind: diese Überzeugung hat bereits Droysen trefflich vertreten. Wenn er freilich die Makedonen, ebenso wie die anderen, in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen Nordstämme, als »Pelasger« bezeichnet, so werden wir diesen Namen hier lieber nicht anwenden; denn die Theorie von den »Pelasgern« als den Urgriechen läßt sich heutzutage nicht mehr aufrechterhalten. Sie ist eine Spekulation der Mythenhistoriker des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts. Von der Auffassung der Makedonenfrage hängt auch gutenteils das Urteil über die Politik des Demosthenes ab. Waren König Philipp und sein Sohn keine Hellenen, dann war Demosthenes der Vorkämpfer gegen die Fremdherrschaft, im anderen Falle aber nur der Vertreter eines überlebten Partikularismus. Die Bewunderung für Demosthenes als literarische Erscheinung hat in alter und neuer Zeit dazu geführt, daß man auch seine politische Wirksamkeit in der Verklärung sah. Mit ausgezeichneten Gründen bekämpft Droysen diese Auffassung: den Patriotismus des Atheners will er nicht leugnen, und das Attribut des »größten Redners aller Zeiten« will er ihm nicht entziehen. Aber Droysen bezweifelt es, daß Demosthenes als Staatsmann groß, und daß er überhaupt »der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands« gewesen ist. In einer glücklichen Kombination malt Droysen das Bild der griechischen Zustände aus, wie sie sich nach einem Siege des Demosthenes unstreitig gestaltet hätten: »Mochten die attischen Patrioten den Kampf gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der hellenischen Bildung, der nationalen Ehre zu führen glauben oder vorgeben, keins dieser Güter wäre mit dem Siege Athens sichergestellt gewesen.« Die neueste Forschung ist in der Kritik an Demosthenes noch weiter gegangen als Droysen: es scheint sich immer mehr herauszustellen, daß Demosthenes zwar ein großer Advokat, aber ein recht kleiner Mensch gewesen ist. Aber darüber darf man ein Zweites nicht vergessen: das ist die rührende Aufopferung, mit der das athenische Volk sein Blut für all die Dinge verspritzt hat, die ihm seine Politiker vorgaukelten. Droysen geht viel zu weit, wenn er von dem »schwatzhaft, unkriegerisch, banausisch gewordenen Bürgertum Athens« spricht. Der wahre Held von Chaironeia ist nicht der Redner, der auf dem Marktplatz mit seinen gut vorbereiteten Tiraden den Makedonenkönig vernichtete, sondern es ist der schlichte athenische Handwerksmeister und Familienvater, der pflichtgemäß für seine republikanische Freiheit unter den Lanzen der makedonischen Veteranen den Tod findet. Die Stimmung der Kämpfer von Chaironeia ist in einer Grabschrift für die Gefallenen rührend zum Ausdruck gekommen. Die vier Verszeilen mögen hier -- in der Übersetzung von Wilamowitz -- Platz finden:

Zeit, du überschauest alles Menschenschicksal, Freud und Leid, Das Geschick, dem wir erlagen, künde du der Ewigkeit. Auf Boiotiens Schlachtfeld sanken wir, gefällt vom Feindesspeere, Was wir wollten, war, zu wahren unseres heiligen Hellas Ehre.

Freilich, man mag der überwundenen Partei die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die ihr zukommt, sachlich bleibt die Auffassung Droysens unanfechtbar, daß nur der Sieg des makedonischen Königtums die griechische Nation von dem Fluch der Kleinstaaterei erlösen und die in ihr schlummernden Kräfte erwecken konnte.

Das Thema der Alexandergeschichte hatte ohne Zweifel für Droysen einen aktuellen Reiz: in der Einigung der Hellenen durch die makedonische Dynastie wird er ein Vorbild gesehen haben, in dessen Art er auch die Lösung der deutschen Frage erstrebte. Am 6. April 1848 hat Droysen erklärt, daß »Preußen sich Deutschland eingliedern, durch seine große und gesunde Machtorganisation, sein Heer und seine Finanzen den Rahmen des neuen Ganzen bilden müsse«. Als Abgeordneter in der Paulskirche war er bemüht, »der Einigung Deutschlands unter der Oberherrschaft der Hohenzollern Anhänger zu werben«. Der starke Anteil an den Forderungen seiner eigenen Zeit hat ja dazu geführt, daß Droysen auch als Forscher das Gebiet der griechischen Geschichte mit dem der preußischen vertauschte, daß er auf die »Geschichte des Hellenismus« die Biographie des Feldmarschalls Yorck und die vielen Bände der »Preußischen Politik« folgen ließ.