Gesänge aus den drei Reichen: Ausgewählte Gedichte

Part 4

Chapter 41,177 wordsPublic domain

Wie da ruhen Über unseren Schultern Die einhaltenden Vögel, Die Planeten sich aus. Sitzen sanft eine Weil' nur, Geschlossene Flügel Auf atemlosen Säulen. Trällert einer im Schlaf. Aber als letzter Luzifer schwirrend Hebt sich hinweg Morgender Stern. Mit fernem Gelächter Spiegelnd Gefieder Im schon helleren Bassin.

Nun aber seh ich Wolken grünen im Wasser. Sehe dreifach Das Strandgut treiben Im kleinen Umkreis Des Brunnenteichs.

Wohl weiß ich, Und nimmer täuschet mich wer, Mattes und Morsches.

Drei Dinge schwimmen, Kleines Brett Noahs, Binsenkorb Mosis, Holzspahn der Krippe Drei Schatten schwimmen Auf wachsendem Himmel. Nun aber schreiten -- (Da es doch bald mehr Frühe ist) Die Männer hinaus, Die herrlichen Nach der Abfertigung. Über den Brauen Schimmern die Glatzen vor Osten Sie neigen und schreiten, Die Heiligen schreiten Hinter Planeten. Frühe Arbeiter Und kühl Von diesem Himmel und Frische. So schreiten sie, Ohne zu wecken, Gesenkte Stirnen, Aus allen Türen zugleich Hinaus aus diesem Kuppelkreis, Die Verschmäher der Speise.

Die heilige Elisabeth

für Gertrud Spirk

Wie sie geht Die Schwester der fünften Stund und der Lerchen, Unter dem noch versagenden Himmel, Dem atmenden Osten voraus! Über Stufen Steigend nieder Am Klirren vorbei des frühen Frühlings . . .

Aber es wehen noch, es fliegen Die wahrhaft gläubigen Träumer Durch Träume auf schlagenden Fittichen, Über den unzähligen Morgen, Stürzen sich in die Meere, Brust und Haar voll Auferstehungswind.

Ihre Füße lächeln Über die Steine nieder. Doch in den harten Gebeizten Händen Hält sie, die Dienende, Den gedeckten Korb.

Nun drängen schon Hunde und räudige Krüppel, Krähende Tolle Sich an das Jenseits ihres Knies. Bettler mit Näpfen Heben sich auf, Gestreifte Kranke, Lampe in Händen, Hustende Kinder, Betrunkene Greise, Huren, Gelichter, sterbende Sünder, Wanken geschlossenen Auges ihr nach.

Schon heult die Stadt auf Und ächzt in ihren Morgen ein. Durch den Nebel der Kaserne Bricht die entsetzliche Trompete. In den Asylen krächzt Der Greis, gewälzt von der Bettstatt. Flößerruf! Die schweren unseligen Pferde Neigen in Höfen ihr Haupt.

Sie geht noch, Eh sie verfließt, Eh ihr Aufwärtslächeln Sich einmischt in die Antwort des Himmels, Sie geht noch die Magd, Sie weht noch die hohe Deutsche . . . O Dämmerung ihres Haars, O Schritt, o Blick, Wie sie geht, die Schwester der fünften Stunde!

Der Ruf

So stand sie schon vor dem großen Nachmittagstor, Und hielt mit ihrer Hand den Durchblick zu. Ihr Kleid sang westlich im tiefen Wind.

Dort aber war der Tag, Wo Munde abwärts ernster werden, Und Hände hart, die nicht mehr streichelnden. Des Auges Willen geht dort nicht mehr aus vor Herz. Nicht rast das Antlitz mehr dort, Die süße Fläche ebbet, weh flieht in sich. Der Schritt verwaltet keinen Tanz mehr dort. Schritt schreitet Arbeit, Arbeit, dort und Verlust.

Ihr Fuß so stand auf dem Schwellenstein. Doch ihre Hand vor ausblickendem Aug. Das Haar im Zephyr leicht . . . Ich rief sie an.

Doch wie sie sich wandte, Wie sie horchte nach dem Rufenden hin, Hob in den Lüften um sie ein Kampf an. Die ernsten Dämonen des Ausgangs taten sich in Wind, Rafften mahnend vorwärts Kleid ihr und Haar. Aber die jauchzenden Götter des Ausgangs Warfen sich in die Saiten der Sonne, Töneten, sangen die Leichte zurück.

Da aber wankte ihr Antlitz unter den Schatten, Und sie sah mich stehn im rollenden Tag, Sah mich unter den brüllenden Festen: Ruhm, Mittag, Lüge, Gesang und Blauheit! Sie selbst war Wachsen schon der Brüst', Aufbruch des Munds. Ich rief noch einmal . . . . Wie im leichten Schmerze, Zögernd, Wehte sie ihre edle Mädchenheit mir zu.

Vergessen

An dieses Flusses Walten wachend, Hinüberruhend Nach des Eilands, nach des Schilfes nördlichem Drang, Habe ich Dein vergessen. Vergaß Dein Antlitz, Deiner Züge Niederwehn In die offenen harten armen Händ'. Vergessen hab' ich Deinen Abendschmerz in diesem Abend . . . Niedrige Möven schnellen über Wirbel hin. Das Gras braust in die Nacht. Weh mein Gesicht ist Sünde!

Müdigkeit

Tiefe Schwester der Welt Weilt auf bewimpeltem Bord, Schützt ihren Krug vor dem Glanz, Der schon im Westen zerstürzt.

Mit dem Gelächter des Volks Löst sich das Schifflein und schäumt. Aber die Göttin und Gold Rollt mit den Wellen noch lang.

Herz und Atem versinkt, Woge, in welchen Schlag? Mischt schon die Fledermaus Elemente und Mohn?

Abendgestade und Blick Schwinden hin. Kiel und Delphin. Lebt noch über der Bucht Maulbeer, Limone und Öl?

Schrei

Es wandeln oben vielleicht die reinen Dämonen, Ernste Frauen, Weilende Augen ohne Ebbe, Mit abwärts schon wachsendem Mund . . .

Aber wir unten Wir Knechte In diesem Pfuhl von Luft! Ausatmend, einatmend, Die Zeit vertreibend, Gute Vergesser . . . Und dennoch Von uns befallen, Von uns befallen. Im Hals den großen Skorpion, Der an den Gaumen juckt. Den gebundenen Teufel, Mit Stachel und Scher', Den mordenden Asmodi, Der zum Mund ausführt, Verbindlich, eitel, wohlgestalt, Der Lügenvater Über unsere Edle Von Wahrheit blutende Lippe.

Wir unten, wir, Hilflos wie Knechte! Erstickt von Betrügen Erwürgt von Verraten, Gebeugte Auswandrer Wir aus uns selber, Verbrecher, verfolgt Von gemordeten Worten. Wettläufer ins Aus, Preisspringer ins Ende, Von den Türmen der Stunden -- Zerekelt, ewiglich, elend, -- Träge uns schleudernd in Schlaf.

Der Dichter

Ah! Ich habe mich ausverraten. Mein entsetzliches Geheimnis und mein gütiges, Aus den Kasernen der Verstellung ausgebrochen!! Das gepflegte Antlitz meiner Lüge, Das blatternarbige Antlitz meiner Wahrheit, Enträtselt sich zur Wahrheit. Ich schrieb mir unbekannte Chiffernschrift, Unerbittlich log ich Wahrheit. Nun beginne ich mich zu bedeuten, Nun beginne ich hinter meinem Weiß hervorzukommen, Nun baue ich mich auf mit abgehackten Händen . . . Hilflos Höhn ich mich Hilflosen von fern an.

Inhalt

Aus: »_Der Weltfreund_«

An den Leser 4 Kindersonntagsausflug 5 Der dicke Mann im Spiegel 7 Im winterlichen Hospital 9 Sterben im Walde 11 Das Malheur 12 Erzherzogin und Bürgermeister 14 Der Patriarch 15 Solo des zarten Lumpen 17 Der schöne strahlende Mensch 18 Wanderlied 19 Der kriegerische Weltfreund 20 Ich habe eine gute Tat getan 21

Aus: »_Wir sind_«

Die Unverlassene 26 Als mich Dein Wandeln an den Tod verzückte 27 Vater und Sohn 28 Die Witwe am Bette ihres Sohnes 29 Balance der Welt 31 Der Feind 32 Eine alte Frau geht 33 Nacht-Fragment 35 Das erkaltende Herz 36 Der göttliche Portier 37 Ein Lebens-Lied 38 Ein Anderes 40 Amore 41 Ich bin ja noch ein Kind 42

Aus: »_Einander_«

Lächeln Atmen Schreiten 48 Das Jenseits 50 Warum mein Gott 51 Die Tugend 53 Veni creator spiritus 54 Abschied 56 Der Erkennende 57 Romanze einer Schlange 58 Tempel-Traum 60 Ein Abendgesang 62 Mondlied eines Mädchens 63 Eines alten Lehrers Stimme im Traum 65 Zwiegespräch an der Mauer des Paradieses 67 Luzifers Abendlied 70 Held und Heiliger 72 Alte Dienstboten 75 Jesus und der Äser-Weg 77

_Neue Gedichte_

An den Richter 82 Gebet um Reinheit 85 Einem Denker 88 Ballade von Wahn und Tod 92 Der Tempel 96 Die heilige Elisabeth 100 Der Ruf 102 Vergessen 103 Müdigkeit 104 Schrei 105 Der Dichter 106

Kurt Wolff Verlag, Leipzig

Von _Franz Werfel_ sind erschienen:

_Der Weltfreund._ Gedichte.

_Wir sind._ Neue Gedichte.

_Einander._ Oden, Lieder, Gestalten.

_Die Troerinnen des Euripides._ In deutscher Bearbeitung von Franz Werfel.

Geheftet je M 2.50, gebunden in Halbleder M 4.50, in Pappband M 3.50.

_Die Versuchung._ Ein Gespräch. Geheftet M -.80; gebunden M 1.50.

End of Project Gutenberg's Gesänge aus den drei Reichen, by Franz Werfel