Gesänge aus den drei Reichen: Ausgewählte Gedichte
Part 3
Erbarm Dich mein!
Stimme aus dem Garten
Erbarm Dich mein!
Adam
Mir Abgebückten mit zerrissenen Füßen, Willst Du die Tür des Schlafengehns verschließen? Ist Gnade nicht Dein Gut zuhöchst erlaucht?
Stimme aus dem Garten
Ich habe meine Gnade ausgegeben, Sie waltet unerschöpft in Deinem Leben, Für Dich hab ich sie ganz, Du nie für mich gebraucht.
Adam
So wird dies Altern nimmer enden, Und keine Heimat macht mich wieder klein?
Stimme aus dem Garten
Bestelle mich mit Deinen Händen, Und Heimat werden wir uns beide sein, Und kehren ein!
Adam
Weh, daß kein andres Wort mich tröste, Und dies zurücke mich in Städte stößt!
Stimme aus dem Garten
Kind, wie ich Dich mit meinem Blut erlöste, So wart' ich weinend, daß Du mich erlöst.
Luzifers Abendlied
Wenn ich über die nächtlichen Städte fahre, Flatternder Mantel auf Nebel und Wind, der mich trägt . . . Unter mir ist ein Abend der Tage und Jahre, Stuben sind hell und Fenster von Schatten bewegt.
Und den Fluch im Genick muß ich all die Leidenden schauen. Wie das lebt, wie das schlägt, und Worte bildet und glaubt. Weinen und Sehnsucht zu all diesen Männern und Frauen Faßt mich und beugt mein schwarzes, mein ewiges Haupt. Und dem furchtbaren Blick erscheint in der alternden Kammer Lehrerin, bitter und steif, die sich elend zu Ende führt. Mutter, das Schwert im Herzen, die all ihren Jammer Heilig ertragend im Hause die Hände rührt.
Jugend geht in den Krieg und schweiget. Geizige Knochen Schrecklicher Greife klappern von Haß verzehrt. Selbst die Unschuld, geboren aus blutigen Wochen Hat den Leib einer lieblichen Frau verheert.
Und sie tragen sich selbst mit Worten. Elend ist Glaube! Manche ahnen die Lüge, Gefährten von meinem Fluch. Doch eine süße Schwester mit weißer, edelster Haube, Hütet den Kranken, und ebnet das fiebrische Tuch.
Und sie nehmen es hin, daß sie sind, und zum Sterben geboren. Manchmal lächeln sie gut, und tragen im Auge das Heil. Und dann fühle ich weh: Ich bin verloren. Stolz und geflügelt und hart, und unbeugsam und steil.
Ich bin der Geist ihrer Klage, der Gnadenlose und Klare, Der sich gegen den Fluch despotischer Gnade bäumt! Rein will ich sein und Geist, das ist Schmerz. Und heiße der Wahre, Der umsonst an das Tor der Versöhnung und Liebe schäumt.
Aber seh ich am Abend die so geliebten Gestalten, Reißt mich Schluchzen dahin, und es sinket und schwebt Aller Tränen die reinste, und ruht als Stern in den Falten Kalten Himmels, Stern, der meinen unseligen Namen lebt.
Held und Heiliger Prophezeiung an Alexander
Held
Du Entfachter auf dem Scheiterhaufen, Dem die Feuer um die Stirne laufen, Sprich, was drückst Du die gepechten Drachen An Dein Antlitz, überschwemmt von Lachen?
Heiliger
Reiter Du auf dem bebuschten Pferde, Sieh mich an. Ich bin die Schuld der Erde! Und ich zahl mich! Wie die Aschen sinken, Brüllt schon Gott vor Lust, mich auszutrinken.
Held
Nennst Du Trank Dich und zerbrichst den Becher, Sieh mich an! So nenne ich mich Zecher. Dieses Da ist da, daß ich es saufe, Und wer mich säuft, meiner überlaufe!
Heiliger
Eitelster, der auf dem Rosse reitet, Deinem Pferd ist mehr die Welt bereitet! Ohne Opfer soll Dir Gott gehören? Wen Gott will, den muß er sich zerstören!
Held
Kann dies Jetzt denn ohne mich geraten? Gibt es Leben außer meinen Taten? Du und Er und alle sieben Reiche Sind, wenn ich sie in die Tasche streiche.
Heiliger
Nennst Du Leben die verruchten Stunden? Erst die Stunde, die Dich überwunden, Erst das Weh, zu dem Er Dich erkoren Hebt in Gnad Dich an. Du wirst geboren . . .
Held
Schon verbrennst Du, Mann, in Deinem Brennen. Brand, der nicht verbrennt, will ich mich nennen. Wer nicht liebt, kann nicht zugrunde gehen. Sterben alle, bleib ich doch bestehen.
Heiliger (schon als Asche zusammensinkend)
Alexander über tausend Meeren, Hör die Flammen an, die sich verzehren! Hör den Staub, zu dem ich mich vermische! Liegt ein Freund bei Dir an Deinem Tische, Ist sein Blut bestimmt, Dich zu bespritzen. Du vergißt, auch Du kannst nur besitzen. Schwer in Händen bleibt, was Du errungen, Im Besitz schon hat Dich Gott bezwungen! Daß er furchtbar seine Gnade wähle, Rüste die noch nicht verdammte Seele!
Alte Dienstboten
In dem sanften Wallen der alten Frühlinge Stehn die alten Dienerinnen von Haus zu Haus. Der ausgebrannte Himmel schwebt dem Mond entgegen, Der Sonntag füllt mit seinem zarten Tod die Straße aus. Sein letzter Odem trägt den Schall von Ruderschlägen, Von Ufer, Hügelton und Klang von Weggesprächen her. Die alten Mägde haben gütige Hüte auf, Mild von Vergangenheit und kaum entlächelnd mehr. Nur manche Masche oder kühne Rose schlägt zum Flug die Flügel auf. Gestrickten Handschuh tun sie ab mit treuem Gruß und altem Nicken, Eh sie sich in das Dunkel ihrer Tore schicken.
Ach diese alten Frauen tragen ewig auf den alten Händen Das erdenlose schluchzende Traumlicht vom frühen Tag. Wohin sie auch ihr Gehen wenden, Klirrt ein Geschirr, ist Küche um sie, Stiege, alter Uhrenschlag. Im Hof ist Lärm, im Herd die ewige Kohle. Sie hören auf dem Gang das Schlürfen ihrer Sohle, Sie haben keinen Sohn und kein Geschick, Kein Bett zum Sterben breit. Nur kleinen Klatsch im Flur. Schon keift die Herrin auf, die aus der Türe fuhr . . . . Unwandelbar in Ehrfurcht, so mit scheu gebeugtem Rücken Sind sie bereit, sich neu zu ewigem Dienst zu bücken.
Doch ich Verworfener der Lust und Eitler in der Zeit, Ich weiß, daß diese alten geisterhaften Leben Sich ohne Ende über meins erheben, Das voll von Hoffart Worte machen mag. Nur uns zu prüfen gab uns Gott den Tag, Allein des Tages Sinn heißt Heiligkeit. O heiliger Dienst, o Dienst, der niemals schließt, O Einfalt, die nichts weiß und nichts genießt, O Licht am Abend überm Tisch gebückt! Gepriesenes Leben, Dienst! Mit abgeschundenen Händen, Sich irdisch tilgend, himmlisch zu vollenden!
Jesus und der Äser-Weg
Und als wir gingen von dem toten Hund, Von dessen Zähnen mild der Herr gesprochen, Entführte, er uns diesem Meeres-Sund Den Berg empor, auf dem wir keuchend krochen.
Und als der Herr zuerst den Gipfel trat, Und wir schon standen auf den letzten Sprossen, Verwies er uns zu Füßen Pfad an Pfad, Und Wege, die im Sturm, zur Fläche schossen.
Doch einer war, den jeder sanft erfand, Und leiser jeder sah zu Tale fließen. Und wie der Heiland süß sich umgewandt, Da riefen wir und schrieen: Wähle diesen!
Er neigte nur das Haupt und ging voran, Indes wir uns verzückten, daß wir lebten, Von Luft berührt, die Grün in Grün zerrann, Von Eich' und Mandel, die vorüberschwebten.
Doch plötzlich bäumte sich vor unserem Lauf Zerfreßne Mauer und ein Tor inmitten. Der Heiland stieß die dumpfe Pforte auf, Und wartete bis wir hindurchgeschritten.
Und da geschah, was uns die Augen schloß, Was uns wie Stämme auf die Schwelle pflanzte, Denn greulich vor uns, wildverschlungen floß Ein Strom von Aas, auf dem die Sonne tanzte.
Verbissene Ratten schwammen im Gezücht Von Schlangen, halb von Schärfe aufgefressen, Verweste Reh' und Esel und ein Licht Von Pest und Fliegen drüber unermessen.
Ein schweflig Stinken und so ohne Maß Aufbrodelte aus den verruchten Lachen, Daß wir uns beugten übers gelbe Gras Und uns vor uferloser Angst erbrachen.
Der Heiland aber hob sich auf und schrie Und schrie zum Himmel, rasend ohne Ende: »Mein Gott und Vater, höre mich und wende Dies Grauen von mir und begnade die!
Ich nannt' mich Liebe, und nun packt mich auch Dies Würgen vor dem scheußlichsten Gesetze. Ach, ich bin eitler, als die kleinste Metze Und schnöder bin ich, als der letzte Gauch!
Mein Vater Du, so Du mein Vater bist, Laß mich doch lieben dies verweste Wesen, Laß mich im Aase Dein Erbarmen lesen! Ist das denn Liebe, wo noch Ekel ist?!«
Und siehe! Plötzlich brauste sein Gesicht Von jenen Jagden, die wir alle kannten, Und daß wir uns geblendet seitwärts wandten, Verfing sich seinem Scheitel Licht um Licht!
Er neigte wild sich nieder und vergrub Die Hände ins verderbliche Geziefer, Und ach, von Rosen ein Geruch, ein tiefer, Von seiner Weiße sich erhub.
Er aber füllte seine Haare auf Mit kleinem Aus und kränzte sich mit Schleichen, Aus seinem Gürtel hingen hundert Leichen, Von seiner Schulter Ratt und Fledermaus.
Und wie er so im dunklen Tage stand, Brachen die Berge auf, und Löwen weinten An seinem Knie, und die zum Flug vereinten Wildgänse brausten nieder unverwandt.
Vier dunkle Sonnen tanzten lind, Ein breiter Strahl war da, der nicht versiegte. Der Himmel barst. -- Und Gottes Taube wiegte Begeistert sich im blauen Riesen-Wind.
Neue Gedichte 1916 (In Buchform noch nicht veröffentlicht)
An den Richter
Ich habe meine Lampe ausgelöscht und mich zu Bette gelegt in mein fremdes Bette. Da wallte mir durchs Fenster die bleiche Welt der Nacht, und der aufgebaute Berg beugte sich über meine Brust und wankte. Die reißenden Hunde bellten in den schattenlosen Höfen des mondreichen Dorfes und ich Verwarf mich und stand auf und zündete die unwillige Lampe wieder an.
Ich will nichts von den Früchten und Speisen genießen, die noch auf meinem Tische stehn, obgleich es mich gelüstet. Ach die Befriedigung vertritt uns Deinen Weg, und wer weich kniet, betet heiser. Mit dem Apfel lockt der Arzt das kranke Kind von seinem Weinen ab, um Fieber zu messen; Weh uns, verheert von Lockung und Genuß, allzubereit die edle Stätte des ewigen Erkenntnisschmerzes zu verlassen!!
O mein Richter! Meine Feinde haben mich enträtselt, durchschaut und geschlagen. Sie verwarfen mich, und ich mußte mich mit ihnen verbünden. Sie schalten mich: Scheinmensch, charakterlos, eitel, träge, gleichgültig, zu klein zur Sünde, zu gering zur Wohltat, schwach im Frevel und wertlos in der Reue, Und ich hörte sie, und fuhr gegen mich, und gab ihnen Recht -- mein Richter -- und muß mich hassen!
Ich bekenne -- und wenn auch dies Eitelkeit ist, weh, vermag ich nichts dagegen, bekenne dennoch: Ich war an diesem einzigen Tage so klein und niedrig, mittelmäßig und schwach, wie nicht einer! an meinem Tisch -- Höflich war ich aus Angst, lobsprecherisch aus Feigheit, aus Trägheit zweizüngig und ohne Halt, Liebe vergalt ich mit böser Hoffnung, Sorge mit sorglosem Schwachsinn. Es ist nicht die Lust der Zerknirschung, wenn ich mich dem weidenden Vieh vergleiche.
Wie köstlich ist der kommende Tag, mein Richter, wie träumt man sich wandeln im Gebirg, wie hoffend auf Größe. Aber der abgestorbene Tag ist schrecklich, man sieht sich ungern nach ihm um, wie nach einem Kübel voll Kehricht. Wird es immer so sein? Mein Tag immer so sein, bis zum letzten Tage? Und wird sich im schmutzigen Kranken noch die alte Sturmglocke der Schuld empören?!
Mein Richter, ich weiß nichts vom kommenden Tag, von jenem Tag, nicht ob Du wirst zu Gerichte sitzen, mein Richter. Aber Deinen Gerichtstag fürchte ich nicht, Deine Erhabenheit nicht, Dich nicht, mein Richter, mich fürchte ich, ich fürchte mich, Mich. Meine lahme Seele fürchte ich, mein stummes Herz, den unverzweifelten Blick, den Leichtsinn, das So und So, das leere Achselzucken! Ich weiß nicht, ob Du bist, mein Richter, aber ich wünsche, daß Du bist, mein Richter, und will Deine gute Rute besprechen.
Ich sitze in diesem kalten Zimmer vor meiner Lampe. Horchst Du an meinem Fenster? Ich kann die Sterne sehn. Ich wende meinen Kopf scheu zum Fenster, und rufe Dir diesen Gesang zu, und mache diesen Gesang den Schlafenden kund. Meine Lampe erfriert. In das Grab des schrecklichsten Todes sehe ich, ich sehe den geistigen Tod, ich fühle das fieberlose Übel, Trägheit des Herzens! Mit kalten Fingern sitze ich da, ohne Hilfe, und völlig ratlos.
Bald werde ich mich unter meine Decke legen, meinen Leib dehnen, und ruhig atmen. Laß es nicht zu, mein Gott, dieses Stunde um Stunde, dies Heute und Gestern, dies Immer und Ewig! Aber vielleicht hast Du keine Macht über mich, wie ich keine Macht über diesen Gesang habe, der in seiner Wahrheit noch gleisnerisch ist. Und nicht einmal den Wahnsinn darfst Du mir mit seinen Sperberschwärmen und großen Steppen schenken!
Gebet um Reinheit
Nun wieder, mein Vater, ist kommen die Nacht, die alte immergleiche. Sie durchschreitet all uns die Wunderblinden mitten im Wunder. Und die Stunde ist da, wo die Menschen, unwissend des tiefen Zeichens, Vor ihr Wasser treten, den Kopf eintauchen, und die beschmutzten Hände spülen.
O heilig Wasser der Erde, doppelt bestimmt, zu tränken und zu reinigen! O mein Gott, o mein Vater, heilig Wasser der Geisterwelt! Ist nicht meine Sehnsucht nach Deiner Kühle Gewähr, das Du springst und spülst, Ist nicht mein Zweifel noch das Hinlauschen nach Deinem süßen Gefälle?
Ich senke meinen Kopf und tauche ihn in die Feuchte des Lampenkreises. Ich halte Dir meine beschmutzten Hände hin, wie ein Kind, das am Abend der Waschung wartet. Nach einem lügnerischen Tage will ich mich sammeln, um in dieser Spanne wahr zu sein. Ich will mich in meiner Hürde zusammendrängen, bis das Geheul meiner Eitelkeit verstummt.
Dein Psalmist, mein Vater, hat wider seine Feinde gesungen, Und ich, mein Vater, folge ihm, und singe einen Psalm hier wider meinen Feind! Ach, ich habe keine Feinde, denn wir Menschen lieben einander nicht einmal sosehr, um uns Feinde zu sein. Aber ich habe einen Feind, einen gewaltigen Feind, der mich berennt, und an alle meine Tore pocht.
Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und Völlerei treibt, Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster die Hungrigen drängen. Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre raucht und fett wird, Während ich immer geringer werde, und zusehn muß, wie er das Gut meiner Seele verpraßt.
Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug. Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt, Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen, Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.
Warum hast Du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht? Warum gabst Du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o Du Gewässer! Siehe, es wehklagen all Deine wissenden Kinder seit eh und je über die Zahl Zwei. Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte Dir meine Hände hin zur Waschung.
Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen Feind, töte mich, ertränke diesen Mich! Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, selig die einfach Bösen! Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und abnehmenden Gegenspieler. O heilig Gewässer, um Dein und meiner Größe willen, hilf mir!
Einem Denker
Dein Blick, mein Bruder, hat mich erschreckt. Ich habe um Deinen Mund und über Deinen Brauen einen bösen Mangel entdeckt. Meine Sphäre war traurig, Ihr mißfiel Deine Art An der Spitze des Tisches zu sitzen, zierlich geduckt, Mit gekreuzten Armen, freundlich, listig, kätzchenhaft.
Tu dieses Ducken aus Deinen, Augen, mein Freund! Laß ab von der barbarischen Bereitschaft des Anklägers und Angreifers! Wie deute ich mir, Wie verstünd ich's, Daß Du den feurigen Talar des Richters unverbrannt durch die gleichgültigen Räume trägst, Daß Dein Wort Dir gelingt, Dein Schlaf Dir gelingt, Du Schläfer an Dir vorbei, Du nicht Erwachter!?
Wie soll ich Dein Gebrechen nennen, Schläfer? Ich will Dein Gebrechen Selbstgerechtigkeit nennen, Schläfer! Denn wer zu Gericht sitzt, Über die Sünder, Sitzt hinterm Kreuz, ist im Recht, braucht seiner Schuld nicht zu gedenken, darf sein Wesen vergessen, Und der Henker erspart die Pflicht, sich selbst den Kopf abzuhaun.
Ich bitte Dich mit der Hand auf dem Herzen, ich beschwöre Dich, laß ab davon! Es ist mir sehr wohl bekannt, was uns alle zur Anklage treibt, zu Urteil, Bannstrahl, Ächtung und zu der Seligkeit des Hohns. Du aber bist wie ein Knabe, Und scheinst nicht zu wissen, Daß Du nur angreifst, um Dich vor Dir zu verteidigen, daß Du mit Deinem Schilde _Deine_ Blöße bedeckst . . . Aber vergiß nicht, daß Aussatz und Räude dereinst unsern erhabensten Triumphschrei zum Gespött machen.
Ich will Dir ein Wort sagen, das Du nicht begreifen wirst. Ich sage Dir: die Selbstbehauptung im Geiste ist Selbstvernichtung, die Selbstvernichtung im Geiste aber ist Selbstbehauptung. Kennst Du die starke Waffe Der wirklichen Sieger? Sie verachten das Wort, sie ziehn die Niederlage dem Sieg vor, sie ergeben sich, sie lassen sich gefangen nehmen . . . Denn furchtbar ist der Demütige, furchtbarer der Reine, der sich erkennt, und ein Tamerlan, wer sich aufgibt!
Ich tadle Deine Philosophie, mein Bruder, weil sie die Philosophie der Gerichtshöfe ist. Sie ist dialektisch, forensisch, sie betet das Wort an und die Unterscheidung der Worte. Aber die Worte sind Bedingter noch als die Dinge. Die Dinge verstellen den Geist, die Worte verstellen die Dinge, und der Geist der Worte Ist wundersam und angenehm zu fassen in seinen Gefügen und Reimen, aber eitel und trostlos für die Leidenden.
Sprich, o sprich mir nicht von all dem Frevel, der Dir widerfährt und Dich vereinsamt. Glaube mir, die Unvollkommenheit, die uns trennt, ist lange nicht so groß, wie die Unvollkommenheit, die uns vereint. In Dir ist aber noch Der alte Adam allzusehr! So hängst Du Dich an Ehre, Mut und Mannheit, an die Tugenden der Bestie und ihre Vollkommenheit, Vergissest, daß die Vollkommenheit die Lilie der göttlichen Vernichtung ist.
Du bist zu schnell an den Betten vorübergegangen, auf denen die gelben Sterbenden rasten, Du warst, mein Bruder, mit Gerichtsakten beschäftigt, als die Sträflinge ihren einstündigen Marsch im Hof anhuben. Du kennst jene Weisheit nicht, Höher als alles Mitleid! Du kennst nicht jenes Hindurcherkennen, plötzlichen Aufgang andern Lichts, die Demokratie der Ungleichheit, und das Bewußtsein, daß wir alle Hände haben, Du kennst noch nicht jene kostbaren Tränen, deren man wenig in einem Leben vergießt.
Ballade von Wahn und Tod
Im großen Raum des Tags Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer, Wie Sinai schallt. Vom Turm geballt Die Wolke fiel. -- Erstickten Schlags Mein Ohr die Stunde traf, Als ich gebeugt saß über mich zu sehr. Und ich entfiel mir, rollte hin, und schwankte da auf einem Schlaf.
Wie deut' ich diesen Schlaf, Wie noch kein Schlaf mich je trat an, da ich verrann In Dunkelheit, so mich eine Zeit In mein Herz traf? Und als ich kam empor, In Traum auftauchend Atemgang begann, Trat ich in mein vergangnes Haus, in schwarzen Flur durchs winterliche Tor.
Nun höret, Freunde, es! Als ich im schwarzen Tage stand, schlug mich eine leichte Hand. Ich stand gebannt an kalter Wand. O schwarzes, schreckliches Gedenken, da ich ihn nicht fand, Den Leichten, der mich so ging an Und mich im schwarzen Tag des Tors geschlagen leicht mit seiner leichten Hand.
Es fügte sich kein Schein, Und selbst das kleine schnelle Licht, das sich in falsche Rosen flicht, Und unterm Bild vergeht und schwillt, Das kleine Licht ging ein. Es trat kein schwarzer Engel vor, Kein Schatten trat, kein Atem trat aus dem kalten Stein! Doch hinter mir in meinem Traum, aufschluchzend kaum versank das Tor.
Und auch kein Wort erscholl. Doch ganz mit meiner Stimme rief ein Wort in meinem Orkus tief. Und wie am Eichenort ein Blatt war ich verdorrt. Weh, trocken, leicht und toll Fiel ich an mir herab und fuhr in Herbst und großem Stoß. Mich nahm ein Wort und Wind mit fort, Das Wort, das durch mich stieß, das Wort mit dreien Silben hieß, das Wort hieß: rettungslos.
O letzte Angst und Schmerz! O Traum vom Flur, o Traum vom Haus, aus dem die Frau mich führte aus! O Bett im Dunkel aufgestellt, auf dem sie mich entließ zur Welt. Ich stand in schwarzem Erz, Und hielt mein Herz und konnte nicht schrein, Und sang ein -- Rette mich -- in mich ein. Der Raum von Stein baute mich ein. Ich hörte schallen den Fluß und fallen, den Fluß: Allein
Und da es war also, Tat sich mir kund mein letztes Los, und ich stieg auf aus allem Schoß. Im schwarzen Traum vom Flur zerriß und klang die Schnur. Und ich erkannte so, Warum da leicht und fein die Hand mich schlug, Die schwach an meine Stirne fuhr, Und meinen Gang geheim bezwang, daß ich nicht wankte mehr, und kaum mich selber trug.
Und als ich ihn erkannt, Den Augenblick, der mich trat an, da war ich selbst der andre Mann, Und der mir hart gebot, ich selber war mein Tod. Und nahm mir alles unverwandt, Und wand es fort aus meiner Hand und hielts gepackt -- Genuß und Liebe, Macht und Ruhm und jammernd die Dichtkunst zuletzt. Und stand entsetzt und ausgesetzt und ohne Wahn und aufgetan und völlig nackt.
O Tod, o Tod, ich sah Zum erstenmal mich wahrhaft sein, mich ohne Willen, Wunsch und Schein, Wie Trinker nächtlich spät sich gegenüber steht. -- -- Er lacht und bleibt sich fern und nah -- -- Ich stand erstarrt in erster Gegen-Wart allein zu zwein. (Ach, was wir sagen lügt schon, weil es spricht) Ich fand mich, ohne Wahn mich sein, und starb in mein Erwachen ein.
Im großen Raum des Tags Hob ich mein Haupt auf aus dem Traum, und sah auf meinen Fensterbaum. Die Stadt ging hohl, Novembermeer, und schallte schwer, Der Himmel glühte noch kaum. Ich aber ging hinab mit großem Haupt und Hut, Und ging durch Straßen, rötliches Gebirg und Paß . . . Mein Haupt vom Traum umlaubt noch. Ging mit dumpfem Blut.
Ich ging, wie Tote gehn, Ein abgeschiedner Geist, verwaist und ungesehn. Ich schwebte fern und kühl durch Heimkehr und Gewühl, Sah Kinder rennen und sah Bettler stehn. Ein Buckliger hielt sich den Bauch, und eine Greisin schwang den Stock und schrie, Leicht eine Dame lächelte. Ein Mädchen küßte sich die Hand . . . Und ich verstand, was sie verband, und schritt in großer Alchimie.
Der Tempel
O Tempel, in die Zarteste Stunde gebaut, Wenn schon die unermüdlichen Schmetterlinge Die kreisenden welken an Der alten Lampe des Weisen und Die Träumer plötzlich das Haupt Tauchen aus tausend Fenstern.
Tempel, In solcher Stunde erschallend, Läßt Du uns gehn Über die Treppe. Aber wenig leuchtet Die Laterne voran des Priesters, Wenn tief der Tierkreis Brüllet und leis im Schlaf.
Wie bald doch steh ich Und schon im Kuppelsaal. Dort aber rundet Der offne Himmel. Ein Morgen Macht ihn schon fast Zum verschwommenen Knaben. Doch in dem hellen Boden Findet er sich bemessen Zu unseren Füßen wieder Genau Im bildenden Wasserteich.