Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 7

Chapter 73,852 wordsPublic domain

Für Thrond wurde eins auf dem Fußboden gemacht. Wie er so dalag, fror ihn an der Seite, die dem Herd abgekehrt war, und das war die linke. Ihm fiel ein, das komme daher, daß die eine Seite in der nächtlichen Kälte bloß lag; denn er lag ja mitten im Walde. Wie war er nur in den Wald gekommen? Er richtete sich auf und blickte sich um, und das Feuer brannte in weiter Ferne, und er lag wirklich allein im Walde; er wollte nach Hause gehen zum Feuer, kam aber nicht von der Stelle. Da überfiel ihn große Angst; denn hier konnten Ungeheuer hausen und Hexen und Gespenster; heim mußte er zum Feuer, aber er kam nicht von der Stelle. Da wuchs seine Furcht, er raffte seine ganze Kraft zusammen, schrie "Mutter"--und wachte auf. "Mein Junge, Du träumst so schwer", sagte sie und nahm ihn auf den Arm.

Ihn überlief ein Schauder, und er sah sich um. Der Fremde war fort, und er wagte nicht nach ihm zu fragen. Die Mutter kam in ihrem schwarzen Kleid herein und ging ins Dorf. Zurück kam sie mit zwei andern Fremden, die auch schwarzes Haar und flache Hüte hatten. Sie sagten auch nicht "in Jesu Namen" vorm Essen, und sie sprachen leise mit dem Vater. Nachher ging er mit ihnen in die Scheune und kam mit einem großen Kasten wieder heraus, den sie zwischen sich trugen. Den setzten sie auf einen Schlitten und verabschiedeten sich. Da sagte die Mutter: "Wartet einen Augenblick und nehmt den kleinen Kasten mit, den er bei sich hatte." Und sie ging ins Haus, um ihn zu holen. Einer der Männer aber sagte: "Den kann der kriegen", und zeigte auf Thrond. Der andere fügte hinzu: "Brauch' sie ebensogut wie der Mann, der jetzt hier liegt", und er deutete auf den großen Kasten. Da lachten beide und zogen von dannen. Thrond besah sich den kleinen Kasten, den er auf diese Weise bekommen hatte. "Was ist da drin?" fragte er. "Trag ihn hinein und sieh nach", sagte die Mutter. Er tat es, und sie half ihm beim Öffnen. Da strahlte sein Gesicht vor Freude, denn er sah etwas Leichtes, Feines darin liegen.--"Hol' es heraus!" sagte die Mutter. Er tippte nur mit einem Finger darauf, aber voll Entsetzen zog er ihn wieder zurück. "Es weint!" sagte er. "Nur Mut!" sagte die Mutter, sie griff mit der ganzen Hand zu und nahm das Ding heraus. Er wog es und drehte es hin und her, er lachte und streichelte es: "Mutter, was ist das?" fragte er, es war so leicht wie ein Spielzeug. "Das ist eine Fiedel."

Auf die Art bekam Thrond Alfson seine erste Geige.

Der Vater konnte ein wenig spielen, und er brachte dem Jungen die ersten Griffe bei. Die Mutter konnte Tanzweisen trällern von ihrer Tanzzeit her, und die lernte er, machte aber bald selbst neue. Er spielte immer, wenn er nicht lernte; er spielte so viel, daß der Vater einmal sagte, er werde ganz blaß dabei. Alles, was der Knabe bis dahin gelesen und gehört hatte, ging in die Fiedel über. Die weiche, feine Saite war die Mutter; die Saite dicht daneben, die beständig der Mutter folgte, war Ragnhild. Die grobe Saite, die er seltener anrührte, war der Vater. Die letzte, feierliche Saite aber, vor der hatte er beinah Angst, und der gab er keinen Namen. Wenn er auf der Quinte einen Fehlgriff tat, war es die Katze, wenn er aber auf des Vaters Saite fehlgriff, so war das der Ochse. Der Bogen war der Blessommer, der in einer Nacht von Kopenhagen nach Vaage gefahren war. Auch jedes Lied war ein bestimmter Gegenstand. Das Lied mit den langen, feierlichen Tönen war die Mutter in ihrem schwarzen Kleide. Das zaghafte und hüpfende war Moses, als er stammelte und mit seinem Stab an den Felsen schlug. Das Lied mit der leisen Melodie, wo der Bogen so leicht auf den Saiten lag, war die Hexe, die die Herde im Nebel an sich lockt, wenn kein anderer es sieht.

Das Spiel aber trug ihn über die Berge hinaus, und in ihm erwachte die Sehnsucht. Als der Vater eines Tages erzählte, auf dem Jahrmarkt habe ein kleiner Junge gespielt und viel Geld verdient, lauerte er in der Küche der Mutter auf und fragte sie leise, ob er nicht auch auf den Jahrmarkt dürfe und den Leuten etwas vorspielen. "Wie kommst Du auf so was!" sagte die Mutter, sprach aber doch gleich mit dem Vater darüber. "Er kommt noch früh genug in die Welt", antwortete der Vater, und er sagte es so entschieden, daß die Mutter nicht weiter bat.

Bald darauf sprachen Vater und Mutter bei Tisch von einigen neuen Landsassen, die kürzlich ins Gebirge gekommen waren und sich verheiraten wollten. Sie hätten keinen Spielmann zur Hochzeit, sagte der Vater. "Könnte ich nicht den Spielmann machen?" flüsterte der Bursch, als die Mutter wieder in der Küche stand.--"So klein, wie Du bist!" sagte sie; aber sie ging doch hinaus in die Scheune, wo der Vater war, und sagte es ihm. "Er ist noch nie im Dorf gewesen," fügte sie hinzu, "er hat nie eine Kirche gesehen".--"Was bittest Du mich eigentlich", sagte Alf; aber weiter sagte er auch nichts, und da nahm die Mutter an, sie dürfe. Deshalb ging sie hinüber zu den neuen Landsassen und bot den Jungen an. "So wie der spielt," sagte sie, "hat noch kein Kind gespielt", und--der Bursch wurde angenommen.

Das gab aber eine Freude zu Hause! Von morgens bis abends spielte er und übte neue Weisen ein, nachts träumte er von ihnen; sie trugen ihn über die Höhen in fremde Lande, als reite er auf segelnden Wolken. Die Mutter nähte ihm einen neuen Anzug, der Vater aber wollte von der ganzen Geschichte nichts wissen.

Die letzte Nacht schlief Thrond nicht, sondern ersann ein neues Lied über die Kirche, die er noch nicht gesehen hatte. Am Morgen war er früh auf und die Mutter auch, um ihm Frühstück zu geben, aber er konnte nichts essen. Er zog den neuen Anzug an und nahm die Fiedel in die Hand, und da war's ihm, als flimmere es ihm vor den Augen. Die Mutter begleitete ihn bis vor die Tür und sah ihm nach, wie er über die Hänge dahinschritt; es war das erstemal, daß er von Hause fortzog.

Der Vater stieg leise aus dem Bett und ging ans Fenster; da stand er und blickte dem Knaben nach, bis man die Mutter auf den Steinfliesen hörte; da ging er wieder zu Bett und lag schon drin, als sie hereinkam. Sie ging ruhelos in der Stube umher, als habe sie etwas auf dem Herzen. Und schließlich kam sie mit der Sprache heraus: "Ich finde eigentlich, ich müßte hinunter in die Kirche und sehen, wie es geht." Er gab keine Antwort, deshalb hielt sie die Sache für abgemacht, zog sich an und ging.

Es war ein herrlicher Sonnentag, an dem der Bursch über die Hänge dahinzog; er hörte den Vögeln zu und sah die Sonne auf den Blättern glitzern, während er rasch vorwärtsschritt, die Fiedel unterm Arm. Und als er an das Hochzeitshaus kam, sah er noch immer nichts anderes, als was ihn vorher beschäftigt hatte, sah weder Brautstaat noch Hochzeitszug; er fragte nur, ob sie bald aufbrechen wollten; das wollten sie. Er ging mit der Fiedel voran, jetzt spielte er die himmlische Morgenstimmung ihnen in die Seele hinein, und es hallte zwischen den Bäumen. "Sehen wir die Kirche bald?" fragte er die hinter ihm Schreitenden. Lange hieß es nein; aber schließlich sagte einer: "Jetzt bloß noch um diese eine Felswand herum, dann siehst Du sie!" Er spielte sein neuestes Lied auf der Fiedel, der Bogen tanzte, und er spähte nach vorn. Da lag das Dorf dicht vor ihm!

Das erste, was er sah, war ein zarter, leichter Nebel, der wie ein Rauch vor der jenseitigen Bergwand lag. Er ließ das Auge zurückschweifen über grüne Wiesen und große Häuser mit Fenstern, in denen die Sonne brannte; das glitzerte fast wie ein Eisgletscher am Wintertag. Die Häuser wurden immer größer und immer mehr Fenster kamen zum Vorschein, und hier an der einen Seite lagen ungeheuer große, rote Häuser, vor denen Pferde angebunden standen; geputzte kleine Kinder spielten auf einem Hügel, Hunde saßen dabei und sahen zu. Aber über allen den Menschen und Dingen schwebte ein langer, dunkler Ton, der ihn erschütterte, daß alles, was er sah, sich im Takt nach diesem Ton zu bewegen schien. Da sah er plötzlich ein großes, schlankes Haus, das geradenwegs in den Himmel hinein strebte mit einer hohen blinkenden Stange. Und weiter unten funkelten hundert Fenster in der Sonne, daß das Haus wie in einer Lohe stand. Das muß die Kirche sein, dachte der Bursch, und daher muß der Ton kommen! Rings um die Kirche stand eine ungeheure Menge Menschen, und alle sahen sie ganz gleich aus! Er brachte sie sofort mit der Kirche in Verbindung und fühlte daher vor dem kleinsten Kinde eine mit Furcht gemischte Achtung. Jetzt muß ich spielen, dachte Thrond und setzte den Bogen an. Aber was war das? Die Fiedel tönte ja nicht mehr.--Da muß an den Saiten etwas entzwei sein; er untersuchte sie, fand aber nichts. "Dann muß es daran liegen, daß ich nicht fest genug aufdrücke", und er drückte auf, aber die Fiedel war wie zersprungen. Er nahm für das Lied, das die Kirche bedeuten sollte, ein anderes, aber es ging ganz ebenso schief. Kein Ton, nur ein Gequietsch und Gejammer. Er fühlte, wie ihm der kalte Schweiß übers Gesicht perlte; er dachte an die vielen klugen Menschen, die hier standen und ihn vielleicht auslachten, ihn, der doch zu Hause so schön spielen konnte, hier aber keinen einzigen Ton hervorbrachte. "Gott sei Dank, daß Mutter nicht hier ist und meine Schande mit ansieht", sagte er vor sich hin, während er mitten unter den Menschen zu spielen versuchte,--aber da--da stand sie ja in dem schwarzen Kleid und zog sich mehr und mehr zurück. Im selben Augenblick sah er hoch oben auf der Turmspitze den schwarzhaarigen Mann sitzen, der ihm die Fiedel geschenkt hatte. "Gib wieder her!" rief er, lachte und streckte die Arme aus, und die Turmspitze ging auf und nieder mit ihm, auf und nieder. Der Bursch aber nahm die Fiedel unter den Arm: "Du kriegst sie nicht!" rief er, drehte sich um und lief davon, weg von der Menschenschar, von den Häusern fort, über Wiesen und Felder hin, bis er nicht mehr konnte und umsank.

Da lag er lange, das Gesicht auf der Erde; und als er sich endlich umdrehte, hörte und sah er bloß Gottes unendlichen Himmel, der über ihm stand mit seinem ewigen Gebraus. Das war ihm so entsetzlich, daß er sich wieder zur Erde umdrehen mußte. Als er abermals den Kopf hob, fiel sein Blick auf die Fiedel, die neben ihm lag. "Du hast die ganze Schuld!" rief der Bursch und hob sie auf, um sie zu zerschlagen, hielt aber inne und sah sie an.--"Wir haben viel frohe Stunden zusammen gehabt", sagte er zu sich selbst und schwieg. Aber gleich darauf meinte er: "Die Saiten müssen herunter, die taugen nichts." Und er holte ein Messer aus der Tasche und schnitt zu. "Au!" sagte die Quinte kurz und schmerzlich. Der Bursch schnitt weiter. "Au!" sagte die nächste Saite; der Bursch aber schnitt weiter. "Au!" sagte die dritte düster,--und nun kam die vierte an die Reihe. Ein tiefes Weh faßte ihn; die vierte Saite,--die Saite, der er nie einen Namen zu geben gewagt hatte, die schnitt er nicht durch. Jetzt hatte er auch die Empfindung, es sei nicht allein die Schuld der Saiten, wenn er nicht hatte spielen können. Da kam die Mutter langsam zu ihm hinaufgestiegen, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Aber nur noch größere Furcht packte ihn. Er hielt die Fiedel an den zerschnittenen Saiten in die Höhe, stand auf und rief zu ihr hinunter: "Nein, Mutter! nach Hause komme ich nicht eher wieder, als bis ich das spielen kann, was ich heut gesehen habe."

* * * * *

DIE GEFÄHRLICHE FREITE

Seit Aslaug erwachsen war, hatte man auf Huseby nicht mehr viel Frieden: denn dort rauften und prügelten sich Nacht für Nacht die stattlichsten Burschen des Dorfs. Am schlimmsten war's in der Samstagnacht; aber dann legte sich der alte Knut Huseby auch nie ins Bett ohne seine Lederhosen und ohne einen Birkenknüttel.--"Hab' ich nun schon mal eine Tochter, so will ich sie auch behüten", sagte der Husebyer.

Tore Naesset war nur ein Häuslersohn; und doch gab es Leute, die behaupteten, er komme am häufigsten zu der Bauerntochter von Huseby. Dem alten Knut paßte das nicht; er sagte auch, es sei nicht wahr, "denn er habe ihn noch nie dort gesehen". Aber die andern lachten sich ins Fäustchen und meinten, hätte er nur alle Ecken gut abgesucht, statt sich mit den Kerlen zu beschäftigen, die auf dem Hof und auf der Diele herumkrakeelten, so hätte er Tore schon gefunden.

Der Frühling ging ins Land, und Aslaug zog mit dem Vieh auf die Alm. Wenn dann der Tag heiß auf dem Tal lastete, und die Berge sich kühl über dem Sonnendunst erhoben, wenn die Glocken klangen und der Schäferhund bellte, und Aslaug oben auf den Halden jodelte und das Alphorn blies,--dann wurde den Burschen, die unten auf den Feldern arbeiteten, das Herz schwer. Und den nächsten Samstagabend liefen sie um die Wette hinauf. Aber noch schneller kamen sie wieder herunter; denn oben auf der Alm stand ein Bursch hinter der Tür und nahm alle Besucher in Empfang und verwichste sie so gründlich, daß sie nachher immer an die Worte dachten, womit er sie begrüßt hatte: "Wenn Du 'n andermal wiederkommst--kriegst Du noch mehr."

Soviel sie wußten, war im ganzen Gau nur einer, der solche Fäuste hatte, und das mußte Tore Naesset sein. Und die reichen Bauernsöhne fanden, es gehe doch über den Spaß, daß solch ein Häuslerbock dort oben auf der Huseby-Alm so um sich stoßen dürfe.

Dasselbe fand auch der alte Knut, als er hiervon hörte, und er fügte hinzu: wenn kein anderer den Kerl unterkriegen könnte, dann wollten er und seine Söhne es versuchen. Knut kam freilich schon in die Jahre, aber trotz seiner sechzig wagte er doch mit seinem ältesten Sohn bisweilen eine kleine Boxerei, wenn es bei einem fröhlichen Gelage gar zu still wurde.

Zur Huseby-Alm hinauf führte nur ein Weg, und der ging direkt über den Hof. Am nächsten Samstagabend wollte Tore zur Alm hinauf und schlich über den Hof; leichten Fußes und ahnungslos war er schon glücklich bis zur Scheune gekommen, als ihm ein Kerl an die Gurgel fuhr. "Was willst Du von mir?" sagte Tore und schlug ihn zu Boden, daß es nur so krachte. "Das wirst Du schon merken", sagte ein anderer hinter ihm und packte ihn am Nacken, das war der Bruder. "Hier kommt der dritte", sagte Knut und ging ihm zu Leibe.

Tores Kraft wuchs in der Gefahr; er war geschmeidig wie eine Weidengerte und teilte Hiebe aus, daß es nur so sauste; er duckte sich und wand sich; wo die Schläge fielen, war er nicht; wenn sie keine erwarteten, kriegten sie welche. Seine Prügel freilich bekam er schließlich auch, und das gründlich, aber der alte Knut sagte später oft, mit einem handfesteren Kerl sei er nie aneinandergeraten. Sie hielten stand, bis Blut floß; da aber sagte der Husebyer: "Halt!" und fügte hinzu: "Kommst Du nächsten Samstag dem Husebyer Wolf und seinen Jungens aus, dann soll das Mädchen Dein sein!"

Tore schleppte sich, so gut er konnte, heimwärts, und als er zu Hause war, legte er sich zu Bett. Es wurde viel über die Prügelei auf Huseby gesprochen, aber jeder fragte: "Was wollte er da?"--Eine gab's, die das nicht sagte, das war Aslaug. Sie hatte jenen Samstagabend ihn so sehnlich erwartet, und als sie jetzt erfuhr, was für eine Geschichte sich zwischen ihm und ihrem Vater zugetragen hatte, da setzte sie sich hin und weinte und sprach zu sich selbst: "Kriege ich Tore nicht, dann habe ich keinen frohen Tag mehr auf der Welt."

Tore blieb den Sonntag über liegen, und am Montag merkte er, daß er noch länger liegen müsse. Der Dienstag kam, und das war ein gar herrlicher Tag. Es hatte in der Nacht geregnet, die Berge waren feucht und grün, das Fenster stand offen, Laubduft zog herein, die Glocken klangen von den Bergen hernieder und irgendwer jodelte dort oben;--hätte die Mutter nicht in der Stube gesessen, er hätte heulen können vor Ungeduld.

Der Mittwoch kam, und noch immer lag er zu Bett; Donnerstag war er wirklich neugierig, ob er nicht doch Samstag wieder gesund sein werde; am Freitag stand er auf. Er hatte die Worte, die der Vater gesagt hatte, gut in Erinnerung: "Kommst Du nächsten Samstag dem Husebyer Wolf und seinen Jungens aus, so ist das Mädel Dein." Er schaute einmal ums andere nach Huseby hinüber.--"Ich bekomme da doch bloß meine Prügel", dachte Tore.

Zur Huseby-Alm hinauf führte, wie schon gesagt, nur ein Weg; aber ein tüchtiger Kerl mußte doch da hinaufkommen, wenn er auch nicht gerade den richtigen Weg ging. Wenn er hinausruderte, um die Landzunge herum, und dann an der andern Seite des Bergs anlegte, konnte er auf jeden Fall hinaufkraxeln; freilich war es dort so steil, daß die Geiß nur mit knapper Not weiden konnte, und die pflegt doch im Gebirge nicht gerade ängstlich zu sein.

Der Samstag erschien, und Tore lief den ganzen Tag draußen herum;--die Sonne lachte, daß es in den Büschen sproßte, und in einem fort jodelte und lockte es von den Bergen her. Er saß noch vor der Tür, als es auf den Abend ging und ein dampfender Nebel an den Hängen emporkroch. Er blickte nach oben,--dort war es still; er blickte nach Huseby hinüber,--und dann stieß er sein Boot ab und ruderte um die Landzunge herum.

Auf der Alm saß Aslaug, fertig mit ihrem Tagewerk. Sie dachte, Tore könne diesen Abend gewiß nicht kommen; statt seiner werde aber wohl manch anderer sich einfinden. Da machte sie den Schäferhund los und sagte niemand, wohin sie gehe. Sie setzte sich so, daß sie das Tal überschauen konnte, doch da stieg der Nebel auf; und sie getraute sich auch nicht, hinunterzusehen; denn alles rief Erinnerungen in ihr wach. Sie ging also weiter, und ehe sie sich's versah, war sie auf der andern Seite des Bergs. Dort setzte sie sich nieder und blickte auf die See hinaus. Der senkte ihr Frieden ins Herz, dieser weite Blick auf die See hinaus. Da kam ihr die Lust, zu singen; sie wählte ein Lied mit lang schwingenden Tönen, und der Klang ging weit in die stille Nacht hinaus. Es machte ihr selbst Vergnügen, und deshalb sang sie noch einen Vers. Aber da war's ihr, als antworte jemand aus der Tiefe her. "Herrjeh, was kann das sein?" dachte Aslaug; sie ging bis an den Abhang und schlang die Arme um eine schwanke Birke, die sich zitternd nach unten neigte. Sie blickte hinunter, aber sie sah nichts. Der Fjord lag still da und ruhte; kein Vogel strich darüber hin. Aslaug setzte sich wieder und sang weiter; da kam wirklich eine Antwort, in demselben Ton, näher als das erstemal. "Da muß doch was los sein"! Aslaug sprang auf und beugte sich hinüber. Und da sah sie unten an der Bergwand ein Boot, das hier angelegt hatte; und so tief unten lag es, daß es aussah wie eine kleine Muschel. Ihre Augen suchten die Stelle ab und erspähten eine rote Mütze und darunter einen Burschen, der die fast senkrechte Bergwand hinaufklomm. "Herrjeh, wer kann das sein?" dachte Aslaug, ließ die Birke los und lief weit nach hinten. Sie wagte nicht, die eigene Frage zu beantworten, denn sie wußte ja, wer es war. Sie warf sich nieder auf die Halde und packte das Gras mit beiden Händen, als sei sie Tore und dürfe nicht loslassen. Aber die Graswurzeln lösten sich aus dem Erdboden,--sie schrie laut auf und flehte zu Gott dem Allmächtigen, Tore zu helfen. Aber da schoß ihr der Gedanke durch den Kopf, Tore versuche Gott mit seinem Tun, und deshalb könne er keine Hilfe erwarten. "Nur dies eine Mal", betete sie, und sie faßte den Hund um, als sei es Tore, den sie festhalten müsse; sie rollte mit ihm über die Halde hin, und die Zeit schien ihr endlos. Aber da riß sich der Hund los. "Wau, wau!" kläffte er den Berg hinunter und wedelte mit dem Schwanz. "Wau, wau!" sagte er zu Aslaug und sprang mit den Vorderpfoten an ihr hinauf. "Wau, wau!" wieder den Berg hinunter--und da tauchte eine rote Mütze über dem Bergrand auf, und Tore lag an ihrer Brust. Da blieb er viele Minuten liegen, ohne ein Wort über seine Lippen zu bringen, und das, was er schließlich sagte, hatte nicht Sinn noch Verstand.

Doch als der alte Knut Huseby dies hörte, da sagte er etwas, das Sinn und Verstand hatte; er sagte nämlich: "Der Bursch hat sie verdient; der soll das Mädel haben."

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SYNNÖVE SOLBAKKEN

Erstes Kapitel

In unsern weiten Tälern ragt wohl manchmal eine größere Anhöhe empor, die nach allen Seiten freiliegt und von der Sonne den lieben langen Tag über bestrahlt wird. Leute, die dichter am Fuß der Felsen und auf sonnenärmeren Plätzen wohnen, nennen solche Anhöhe: Solbakken, d.h. Sonnenhügel. Das Mädel, von dem hier die Rede sein soll, wohnte auf solchem Sonnenhügel, und von ihm hatte ihr Heimatshof den Namen; dort blieb der Schnee im Herbst am spätesten liegen und schmolz im Frühling am zeitigsten.

Die Besitzer des Hofes waren Haugianer und wurden "Leser" genannt, weil sie sich mehr als alle ihre Nachbarn befleißigten, die Bibel zu lesen. Der Mann hieß Guttorm, die Frau Karen. Sie hatten einen Sohn, aber der starb ihnen, und nun gingen sie drei Jahre lang nicht auf die Ostseite der Kirche. Als die drei Jahre um waren, bekamen sie eine Tochter, die sie gern nach dem toten Knaben nennen wollten. Er hatte Syvert geheißen, und sie wurde Synnöv getauft, weil sie nichts ähnlicher Klingendes finden konnten. Aber die Mutter sagte immer "Synnöve": sie hatte nämlich, als das Kind noch klein war, die Gewohnheit, seinem Namen am Ende ein "mein" hinzuzufügen, und das ging ihr nach dem "e" leichter von der Zunge, gleichviel--als das Mädchen größer wurde, hieß sie bei allen so wie bei ihrer Mutter: Synnöve. Und es gab nur _eine_ Stimme; seit Menschengedenken war im ganzen Kreise kein so anmutiges Mädchen aufgewachsen, wie Synnöve Solbakken. Schon in ihrem zartesten Alter nahmen die Eltern sie an jedem Sonntag, an dem eine Predigt war, mit in die Kirche, obgleich Synnöve zunächst nicht mehr verstand, als daß der Pastor auf den Zuchthaus-Bent schimpfte, den sie unten vor der Kanzel sitzen sah. Doch der Vater wollte sie mit haben,--"damit sie sich daran gewöhne", sagte er; und die Mutter wollte es, "weil keiner wissen könne, wie auf das Kind unterdessen zu Hause aufgepaßt würde". Fing auf dem Hofe ein Lamm, eine kleine Ziege oder ein Ferkel zu verkümmern an, erkrankte eine Kuh, dann wurde das Tier sofort Synnöve geschenkt, und von der Stunde an, meinte die Mutter, erholte es sich. Der Vater glaubte nicht recht daran, aber, "jedenfalls war es ja gleichgültig, wem es gehörte wenn es nur gedieh".