Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 6
Lenzbote, sei gegrüßt! Kommst du vom Walde? Denn du bist naß im Haar, belaubt, bestaubt... Hast an deine Kraft geglaubt? Schlugst dich auf der Halde? Der Lärm um dich von fesselloser Flut, Die deiner Ferse folgt--sei auf der Hut: Sie spritzt nach dir!--schlugst du dich seinetwegen? Du warst da drinnen zwischen Stumpf und Knorren, Wo diese Wintergreise längst verdorren. Sie geizten? Wollten dir den Weg verlegen? Doch dir ward Kraft verliehn vom alten Pan! Sie schrien wohl unheilkündend, wie besessen? Sie nannten es wohl Raub, was du getan? In jedem Lenz geschieht's, wird bald vergessen.
Du wirfst dich hin am Salzmeer; dir zur Labe Hat sich's gelöst, sucht kräuselnd deine Gunst. Du kennst den Takt; Pan wies dir seine Kunst Zur Dämmerzeit an einem Wikinggrabe.
Doch von dem Arme der Natur umschlungen Hörst du den feuchten Grund vom Kampftritt beben, Siehst Dampfer mit der Freiheitsflagge streben Nach Norden hin;--dein Name ist erklungen.
So zwischen zweien dich erschöpfest du: Den Freiheitskämpfern, stolz geschart zum Streite, Der Sagenwelt in ihrer Traumesruh'; Die ersten mahnen, und es lockt die zweite.
Bald tönt dein Lied wie Hörnerklang vorm Feind, Bald zärtlich wie durch Schilfrohr schwebt's heran. Du bist Naturmacht halb und halb ein Mann, Und noch hast du die Hälften nicht vereint.
Jedoch wie du auch spielst und selber seist (Faunartige Liebe mit dem Kraftakkord Des Wikings wechselnd), heil dir, Feuergeist-- Trägst du die Tür auch mit der Angel fort.
Das eben war's, wonach wir uns gesehnt: Auf, auf, es gilt dem Lenz! Der üble Duft Von Königsweihrauch und von Mönchstabak, Ja, diese Schwindsucht in romantischem Lack Preßt wie Moral die Lungen: frische Luft!
Weit lieber venetianischen Gesang, Des Südens Üppigkeit und Farbenwunder, Lieber "zwei Schüsse" (machen sie auch bang), Als all den marklos faden Bildungsplunder!
Gegrüßt, Lenzbote von dem schlanken Wald, Vom Meeresrauschen und von Kampfgefahren! Wenn oft dein Lied ein wenig lässig hallt-- Wo Reichtum ist, da braucht man nicht zu sparen. Des Riesen Art weckt aller Zwerge Tadel, Ich liebe dich; du bist von eignem Adel.
WIEDERSEHEN [Symbol: gestorben]
... Bergfrisch die Luft, Schneeflocken drin; Gewundnen Weg rasch fuhr ich hin Zwischen zarten Birken und Tannen. Die Tannen grübelten einzeln; weiß Und fröhlich lachte das Birkenreis:-- Ein Erinnern, ein Bild will mich bannen.
Und die Luft so harsch und frei und leicht, Weil alles Schwere aus ihr weicht, Das fächelt der Schnee von hinnen; Und lebhaft hinterm dünnen Flor Schimmert die Landschaft, drüber empor Steigen beschneite Zinnen.
Doch:--wie unter braunweißem Mützenrand-- Wohin ich blicke--: unverwandt---- Wer ist's nur--wer schaut mir entgegen? Flink starr' ich unter den Haubenschild-- In ein Schneegeflimmer, toll und wild;-- Ist jemand auf meinen Wegen?
Ein Sternchen fiel auf den Handschuh ... da Und da wieder ... jedes verschieden ja,... Wollen die Rätsel spielen? Und wie Lächeln durchglänzt es die Luft ringsum Von guten Blicken ... ich seh' mich um... Sind's Erinnrungen, die nach mir zielen?
Dies Sterngespinst, dies Filigran-- Ob sich wohl ein Geist drin bergen kann? Ich fühl's nach mir tasten und greifen... Du feine Birke, du Luft so rein, Du muntrer Schnee,--wer haucht euch ein Sein Wesen, wer sammelt im Schweifen
Sein Bild in den Zügen der Natur, In diesem Behagen auf schneeiger Flur, Im Flockenspiel, daß er mich necke,-- In diesem weißen, sanften Glanz, In diesem schweigenden Rhythmentanz? Nein, das bist du, Hans Brecke!
DES DICHTERS SENDUNG
Dem Dichter ward Prophetenamt; Zumal in Not und Gärungszeiten, Wenn alle, die da leiden, streiten, Sein Glauben stärkt, erhebt, entflammt. Ein auferstandner Vorzeitheld, Führt neuen Heerbann er ins Feld, Und ihn umzieht In weitem Raum Mit Seherlied Der Zukunft Traum; Des Volkes ewige Frühlingssäfte Macht frei das Lied durch seine Kräfte.
Er straft das Volk um eitlen Wahn Und Heidentum und Molochschrecken, Sieht unter herbstlich grauen Decken Der Gotterkenntnis Triebe nahn. Befreit pflanzt sich ihr Blütenschoß, Gleich lichtem Kraft- und Liebessproß, Dem Volke ein, Erwärmt sein Herz, Trägt Heil hinein Und Zorn und Schmerz, Läßt Mut und Klarheit kund ihm geben: Wißt, Gott ist offenbart im _Leben_!
Den Königsmantel reißt er fort, Um Volkesschultern ihn zu breiten, Daß blind sich dies nicht lasse leiten Von fremder Hoheit Wink und Wort, Daß es als eigne Majestät In eignen Amt und Würden steht, Von Sagaruhm, Von Mut entflammt, Mit Heldentum Ihm selbst entstammt, Mit ungebrochner Willensstärke, Mannhaft beim Worte, wie beim Werke.
Er zwingt das Volk zur Buße hin, Ein grimmer Lug- und Trugverhöhner, (Kein Sonntagsheld, ein Tagelöhner, Dem seine Kühnheit kein Gewinn). Aus trägem Frieden, Geistesnacht, Aus Feigheit zwingt er's auf voll Macht; Nicht Volkessinn, Nicht Königsdank Lenkt seinen Gang: Frei zieht er hin; Und wankt er, Schmerzen fühlt er gären, Sein Herz durch läuternd Leid zu klären.
Er ist der Schwachen Hort und Held, Kein Ritter dient den Frauen treuer. Er führt des zagen Neulings Steuer, Bis rechter Wind sein Segel schwellt. Er wächst, halb wollend, halb verdammt, Durch sein ihm auferlegtes Amt Und fleht am Ziel: "O Herr vergib! Ich war nicht viel. Ein bessrer Trieb Aus reicherm Seelenfrühling mehre Nach mir des Volks wie deine Ehre!"
PSALMEN
I
Ich fühl' in mir Den Drang nach dir, Du Harmonie, im All entfaltet. Bin ich verbannt? Hast du erkannt, Daß ich mein Eigen schlecht verwaltet? Denn ohne Kraft, Bald feig erschlafft, Bald in Verzweiflung sieh mich beten, Daß Trost und Gnad', Ein Ruf, ein Rat Mich aufhebt, wo du mich zertreten. Gott, hör' mein Wort! Stoß mich nicht fort Vom Hoffen auf mein Ziel und Streben! Mein Stern lischt aus;-- Von nächtigem Graus Sind meine Schritte nun umgeben. Im öden Sinn Wogt her und hin Ein Schwarm von schreckensvollen Geistern. Ihr, oft verjagt, Was wollt ihr, sagt? Nur heut kann ich sie nicht bemeistern. Ach, Friede, komm! Laß glaubensfromm Des Lebens starkes Band mich tragen! Laß nicht nach mir Vergebens hier Mich zweifelnd suchen, rufen, fragen!
II
Ehre dem ewigen Frühling im Leben, Der alles durchweht! Kleinstem wird Auferstehung gegeben, Die Form nur vergeht. Geschlecht auf Geschlecht Müht sich empor zu schreiten; Art bringt Art hervor In unendlichen Zeiten; Welten gehn unter und steigen empor.
Nichts ist so klein, daß nicht Kleinres bestünde Unsichtbar. Nichts ist so groß, daß nichts Größres bestünde Ferne von ihm. In der Erde der Wurm Ist Berge zu bauen imstand'. Der Staub im Sturm Oder der rinnende Sand, Reiche hat er gegründet einst.
Unendlich das All, und Großes und Kleines Verschmelzen darin. Kein Auge wird schauen das Ende--keines Sah den Beginn. Der Ordnung Gebot Hat lebenerhaltend das All beseelt; Furcht und Not Zeugen einander; was uns quält, Wird zum Born, der die Menschheit stählt.
Ewigkeitssamen sind wir, die leben. Im Schöpfungstage Wurzeln unsre Gedanken; sie schweben, Antwort wie Frage, Saatenvoll, Über dem ewigen Grunde; Frohlocken drum soll, Wer in einer schwindenden Stunde Mehrte die Erbschaft der Ewigkeit.
Tauch' in die Wonnen des Lebens, du Blüte Im Frühlingsrain; Genieße, preisend des Ewigen Güte, Dein kurzes Sein. Füg' auch du Schaffend dein Scherflein hinzu; Klein und zag, Atme, soviel deine Kraft vermag, Einen Zug in den ewigen Tag!
III
Chor
Wer bist du, von tausend Zeiten und Zungen Mit tausend Namen genannt? Du hieltst unsre Sehnsucht mit Armen umschlungen, Warst Hoffnung den Vätern ins Joch gebannt; Warst Ängsten des Todes der nachtdunkle Gast, Warst Lebensfesten der Sonnenglast. Noch bilden wir alle verschieden dein Bild, Noch nennen wir jedes Offenbarung, Und jedem seins für das wahre gilt-- Bis daß es zerbricht in bittrer Erfahrung.
Solo
Ach, wer du auch seist, In mir ist dein Geist; Meiner Seele ewiger Ruf--das bist du!-- Nach Licht und nach Recht, Nach Sieg im Gefecht Für den kommenden Tag, das bist du, das bist du!-- Ein jedes Gebot, Das ins Aug' uns loht, Oder das nie uns bewußt, das bist du!-- Mein Leben ruht In schirmender Hut, Und es jubelt in mir: das bist du, das bist du!
Chor
Da nimmer wir können dein Wesen erreichen, Erdachten wir uns Vermittler von dir; Sie alle ließ ein Jahrtausend erbleichen, Und wieder stehen wir weglos hier. Sind krank wir geworden und klammern uns an? Wo winkt uns ein Trost für den Traum, der zerrann? Der Ewigkeitshoffnungen leuchtend Verlangen, Das hoch uns erhob aus des Lebens Jammer, Soll's weichen in schauderndem Todesbangen, Sich wandeln zum Wurm in unserer Kammer?
Solo
Er, der mich durchhaucht, Nein, nimmer er braucht Den Mittler; ich hab' ihn in mir: das bist du! Ist mein Ewigkeitsflug Sein Wille, und trug Mich zur Taufe sein Geist--bist es du, bist es du.-- Werd' ich teilhaft, ich Nichts, Des ewigen Lichts? In Demut mich beug' ich; denn ich weiß, das bist du! Still wart' ich und fromm: Erwecker, o komm, Wenn du willst, wie du willst--das bist du, das bist du!
FRAGE UND ANTWORT
_Das Kind_
Du, Vater! Ich sah mich im Walde um, War alles stumm, Kein einziger Vogel sang ringsum.
_Der Vater_
Er flog gen Süd übers Meer hinab, Der Lieder uns gab; Kann sein, er findet dort sein Grab.
_Das Kind_
Der Arme; warum denn blieb er nicht?
_Der Vater_
Er suchte mehr Wärme und mehr Licht.
_Das Kind_
Du, Vater, ist das auch recht getan? Er denkt nicht dran, Daß wir andern hier bleiben und frieren dann.
_Der Vater_
Ein neuer Frühling will neuen Sang Aus Herzensdrang; Den bringt er uns mit, es währt nicht lang.
_Das Kind_
Aber wenn er stirbt in den kalten Wellen?
_Der Vater_
So kommen wohl seine Weggesellen.
WECKLIED AN DIE NORWEGISCHE SCHÜTZENGILDE
(1881)
Zu den Fahnen, zu den Fahnen, Junger Freiheit Chor! Eure Fahnen, eure Fahnen, Schützen, hebt empor! Hinterm Stutzenringe Unsrer jungen Schar Soll der Greis im Tinge Reden fest und klar. In dem frischen Kugelzischen Liegt ein muntrer Klang; Freiheitkündend, Führt er zündend Uns zum Königsrang.
In die Tingesrunde Klingt aus Talesgrunde Hell und freudig "ja" auf "ja", Daß aus Stutzenröhren Wir das Echo hören Als ein tausendfältiges Hurra. Hurra, Hurra, hurra, hurra, hurra.
Mutter Norge lauscht so heiter Auf des Widerhalles Töne, Und durch ihre jungen Söhne Erbt das Freiheitsgut sich weiter.
ARBEITERMARSCH
Takt! Takt! Auf Takt habt acht! Der ist mehr als halbe Macht. Formt aus vielen, vielen Einen, Hebt den Mut der bangen Kleinen, Läßt das Schwerste leicht erscheinen, Zeigt die Ziele uns, die reinen, Näher, schärfer ohne Schatten, Als wir auf dem Korn sie hatten.
Takt! Takt! Auf Takt habt acht! Das ist mehr als halbe Macht. Nahn im Takt wir einige hundert, Ist da keiner, der sich wundert; Nahn im Takt wir einige tausend, Wird sein Ohr schon mancher recken; Nahn im Takt wir hunderttausend,-- Ja, dies Dröhnen wird sie wecken!
Takt! Takt! Auf Takt habt acht! Der ist mehr als halbe Macht. Wenn in solchem Takt wir schreiten Fest von Norges Uferweiten Bis zum höchsten Katarakte,-- Kommen alle wir im Takte,-- Schwinden Herren, schwinden Knechte, Helfen jedem wir zum Rechte!
DER ZUKUNFT LAND
(Herman und M. Anker zu ihrer silbernen Hochzeit. 15. September 1888, zugeeignet)
Zukunftsland! Dahin sich all unsre Sehnsucht schwingt,-- All unser Seufzen, das ziellos verklingt, Formt sich zu Bildern in Wolkenrot Jenseits der Not,-- Alles, was aus unserm Glauben sprießt, Selig uns grüßt Im Zukunftsland.
Zukunftsland! All unsre Arbeit zu Nutzen und Frommen Wächst in Geschlechtern, die nach uns kommen. Sammelt für sie in verjüngendem Drang, Was _uns_ gelang; Trägt voller Kraft unser Werk hinein, Unfehlbar hinein Ins Zukunftsland.
Zukunftsland! Tränen, vergossen um all das Schlechte, Blutschweiß vom Kampfe für höhere Rechte Salben die Kraft, die den Sieg verspricht. Uns es zwar bricht, Schlechtes doch hindert es, Gutes es sät, Das aufersteht Im Zukunftsland.
Zukunftsland! Dämmert in Farben und Melodien, Die uns wie Sonnengold glitzernd umziehen, Schimmert im Auge des Kindes und weht Durch dein Gebet. Siegen wir--und ist der Sieg gesund, Stehn wir zur Stund Im Zukunftsland.
EIN JUNGES VÖLKCHEN KERNGESUND
Ein junges Völkchen kerngesund Wächst überquellend frisch empor In Spiel und Sang und Blumenflor Auf unsres Vätererbes Grund; Es träumt von dem, was schon errungen, Sehnt sich nach dem, was nicht bezwungen.
Ein junges Völkchen kerngesund, Des ganzes Volkes Ehrenpreis, Des Lebensfrühlings Edelreis, Ein Osterfest auf Vätergrund Für alle Alter. Neu entfalten Im Lenz der Jungen sich die Alten.
Ein junges Völkchen kerngesund Ist unser Können, doppelt stark, Ist unsrer Hoffnung Lebensmark,-- Aus des Charakters tiefem Grund Wächst unsrer Väter Geist auf Erden Empor zu immer höherm Werden.
NORGE, NORGE
Norge, Norge, Blauend empor aus dem graugrünen Meer, Inseln ringsum gleich Vogeljungen, Fjorde in Zungen Dorthin, wo Stille sich breitet umher. Ströme, Täler; Felsen begleiten sie; Waldgipfel fern Ragen dahinter. Wo Tore sie brechen, Seen und Flächen, Feiertagsfrieden und Tempel des Herrn. Norge, Norge, Hütten und Häuser und keine Burgen, Hart oder weich, Du bist unser, bist unser Reich, Du bist der Zukunft Land.
Norge, Norge, Schneeschuhlaufes leuchtendes Land, Teerjackenhafen und Fischgehege, Des Flößers Wege, Bergecho der Hirten und Gletscherbrand. Äcker, Wiesen, Runen im Waldboden, Klüfte versprengt, Städte wie Blumen, Flüsse verschäumend, Wo sich bäumend Aufblitzt das Meer, wo der Schwarm sich drängt! Norge, Norge, Hütten und Häuser und keine Burgen, Hart oder weich, Du bist unser, bist unser Reich, Du bist der Zukunft Land.
MEISTERN ODER GEMEISTERT WERDEN
Dieses Land, das trotzig schaut, Meerumbrandet, bergumbaut, Winterkalt und sommerbleich, Kurzes Lächeln, niemals weich,-- Ist der Riese, der, gemeistert, Fördern soll, was uns begeistert. Er soll hämmern, er soll tragen, Er soll singen, er soll sagen, Er soll malen Glanz und Gischt:-- Was da donnert, tost und zischt Zwischen Fjord und Bergeswacht, Schaff' uns eine Schönheitsmacht.
IM WALDE
Der Wald gibt sausenden sachten Bescheid; Was immer er sah in den einsamen Stunden, Was immer er litt, als man doch ihn gefunden, Das klagt er dem Winde; der trägt es weit.
DER SIEBZEHNTE MAI
(1883)
Wergelands Denkmal am siebzehnten Mai Grüßte der Festzug. Und als die letzten, Männer im Takt, Frauen mit Blumen in ihrer Mitten, Schritten die Bauern, die Bauern schritten.
Österdalswaldes mächtiger Häuptling Trug ihre Fahne. Als wir sie sahen, Über dem Purpur Sich ein Gedanke in Tausenden malte: Das ist die Alte, das ist die Alte!
Noch trug nicht fremden Volks Krone der Löwe, Danebrog hat noch das Tuch nicht gespalten, Zukunft erschien mir, Sah dort um Wergelands Denkmal in Mengen Bauern sich drängen, Bauern sich drängen.
Von den vergangnen Verlusten das Meiste, Von dem Errungenen, von dem Ersehnten, Ja, meist von allem: Pflichten der Vorzeit, der Zukunft Ehre Tragen der Bauern, der Bauern Heere.
Bitter sie sühnten, was einst gesündigt. Doch sie erheben sich. Jüngst erst im Tinge Kämpften sie mannhaft. Von Süd, West und Norden, aus Trondhjemer Landen Alle die Bauern, die Bauern erstanden.
Halten die Beute, da weiter sie wollen; Ganz sei uns eigen der Freiheitsgedanke! Alle wir wissen's: Wenn einstmals Wergelands Sommer entglommen, Mit ihm die Bauern, die Bauern kommen.
FREDERIK HEGEL
Die Lüfte liebe ich, die kühlen, Erhaben rein, Im Hoheitsschein, Die mich wie Freiheitsflut umspülen.
Im Walde mich's am liebsten leidet, Wenn Phantasie Mit Herbsts Genie Ihn malt, nicht wenn ihn Grünschmuck kleidet.
Ich kannte einen: seine Reinheit War herbstlich mild, Sein Ebenbild War Herbsteshimmels Farbenfeinheit.
Sein Bild ist wie--wenn in frostigem Tanz Des Winters Graus Umstürmt das Haus,-- Meines Herdes erster erwärmender Glanz.
Und wenn das Sehnen nimmt ein Ende, Wenn Sommers Lied Nach innen zieht, Hat Freundschaft Tempelsonnenwende.
UNSERE SPRACHE
(1900)
Nordischer Berge Widerhall, Wiegengesang am dänischen Sunde, Feuerglocke bei Fredrikshall, Lerchenjubel aus Kindermunde,-- Du Herz der Herzen, Mein norwegisch Wort, Für Freuden und Schmerzen Als Burg uns gebautes, Du Gott vertrautes,-- Wir lieben dich!
Holbergs flüsternder Geisterchor, Heim den Dichter und morgenwärts ladend, Schärfend das Schwert ihm, hebend empor Schätze, in klingendem Lachen sie badend,-- Du Heim der Bedrohten, Mein norwegisch Wort! Hier grüßen die Toten Die Lebensroten, Die Zukunftsboten,-- Wir lieben dich!
Kierkegaard warst du ein tiefes Meer, Da er die Segel nach Gott hin spannte. Wergeland warst du ein Adler hehr, Der sich vor vielen zur Sonne wandte. Du Herz der Herzen, Mein norwegisch Wort, Für Freuden und Schmerzen Als Burg uns gebautes, Du Gott vertrautes,-- Wir lieben dich!
Warst wie ein Maitag voll strahlender Zier Für den Frühling der Freiheit im Norden. Durch deine Lieder ist unser Panier Weit auf Erden Sieger geworden. Du Heim der Bedrohten, Mein norwegisch Wort! Hier grüßen die Toten Die Lebensroten, Die Zukunftsboten,-- Wir lieben dich!
Über die Wogen rollst du als Weg Deinen Blumenteppich, es schreiten Freunde zu Freunden auf diesem Steg, Fühlen Himmel und Glaube sich weiten. Du Herz der Herzen, Mein norwegisch Wort, Für Freuden und Schmerzen Als Burg uns gebautes, Du Gott vertrautes,-- Wir lieben dich!
Der beste Freund, den ich fand, warst du; Im Aug' der Mutter harrtest du meiner. Und wer mich am letzten verläßt, bist du; Denn du nur sahst mir ins Herz, sonst keiner! Du Heim der Bedrohten, Mein norwegisch Wort! Hier grüßen die Toten Die Lebensroten, Die Zukunftsboten,-- Wir lieben dich!
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ERZÄHLUNGEN
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THROND
Es war ein Mann mit Namen Alf, in den seine Mitbürger große Hoffnungen setzten; denn er war den meisten an Klugheit und Tatkraft überlegen. Doch als dieser Mann dreißig Jahr alt war, zog er hinauf ins Gebirge und machte sich dort, zwei Meilen von allen Menschen entfernt, ein Stück Land urbar. Manche wunderten sich, daß er diese Nachbarschaft mit sich selbst aushielt, aber sie wunderten sich noch mehr, als nach einigen Jahren ein junges Mädchen aus dem Tal sie mit ihm teilen wollte, und zwar gerade das Mädchen, das bei allen Festen und bei jedem Tanz die Fröhlichste gewesen war.
Man nannte sie die "Waldmenschen", und er war unter dem Namen "Alf vom Walde" bekannt; die Leute drehten sich lange nach ihm um, wenn er sich in der Kirche oder bei der Arbeit einfand; denn sie konnten nicht aus ihm klug werden, und er schien kein Interesse daran zu haben, sich auszusprechen. Die Frau war nur selten im Dorf gewesen, einmal aber, um ein Kind über die Taufe zu halten.
Dies Kind war ein Sohn, der Thrond getauft wurde. Als er heranwuchs, sprachen sie des öfteren davon, sie müßten eine Hilfe haben, und da sie nicht die Mittel hatten, sich eine erwachsene Magd zu halten, so nahmen sie eine halbwüchsige, wie sie sich ausdrückten, ins Haus: ein vierzehnjähriges Mädchen, das auf den Jungen zu achten hatte, wenn die Eltern auf dem Felde waren.
Sie war freilich ein bißchen einfältig, und der Junge merkte bald, daß alles, was die Mutter ihm sagte, leicht zu begreifen war, während das, was Ragnhild ihn lehrte, schwer war. Mit dem Vater sprach er nicht viel, und er hatte auch Angst vor ihm, denn wenn er in der Stube war, mußte alles mäuschenstill sein.
Einmal an einem Weihnachtsabend--auf dem Tisch brannten zwei Lichte, und der Vater trank aus einer weißen Flasche--packte der Vater den Jungen, nahm ihn auf den Schoß, sah ihm streng in die Augen und rief: "Buh, Junge!" Dann fügte er milder hinzu: "Du bist gar nicht so'n Angsthase; möchtest Du ein Märchen?" Der Junge antwortete nicht, sondern sah den Vater groß an. Der aber erzählte ihm von einem Mann aus Vaage, welcher "der Blessommer" hieß. Er war in Kopenhagen, dieser Mann, um des Königs Schiedsspruch einzuholen in einem Prozeß, den er führte, und das zog sich so in die Länge, daß ihm der Weihnachtsabend über den Hals kam; das gefiel aber dem Blessommer durchaus nicht, und wie er so durch die Straßen schlenderte und nach Hause dachte, da sah er einen wuchtigen Kerl in einem weißen Mantel vor sich hergehen. "Du gehst ja so schnell", sagte der Blessommer.--"Hab's weit bis nach Haus heut abend", sagte der Mann.--"Wo willst Du hin?"--"Nach Vaage", sagte der Mann und schritt aus.--"Das trifft sich aber fein," sagte der Blessommer, "dahin möchte ich auch."--"Dann kannst Du hinten bei mir auf den Kufen stehen", antwortete der Mann und bog in eine Querstraße ein, wo sein Schlitten stand. Er schwang sich hinauf und sah sich nach dem Blessommer um, der sich auf die Kufen stellte. "Du mußt Dich festhalten", sagte er. Der Blessommer tat es, und es war auch nötig; denn es ging nicht etwa immer auf der glatten Erde hin. "Mir scheint, Du fährst übers Wasser", sagte der Blessommer.--"Das tu' ich", sagte der Mann, und der Gischt umstob sie. Aber nach einer Weile kam es dem Blessommer vor, als führen sie nicht mehr übers Wasser. "Mir scheint, es geht durch die Luft", sagte er.--"Ja, das tut es", antwortete der Mann. Aber als sie noch weiter gefahren waren, kam dem Blessommer die Gegend, durch die sie fuhren, so bekannt vor. "Mir scheint, das ist Vaage", sagte er.--"Ja, jetzt sind wir da", antwortete der Mann, und der Blessommer fand, es sei recht schnell gegangen. "Schönen Dank für die Fahrt", sagte er.--"Gleichfalls!" sagte der Mann und fügte hinzu, während er auf das Pferd einschlug: "Jetzt sieh Dich lieber nicht weiter nach mir um!"--"Nein, nein", dachte der Blessommer und trollte sich über die Höhen heimwärts. Aber da erhob sich hinter ihm ein Dröhnen und Getöse, als wolle der ganze Berg einstürzen, und ein Leuchten ging über das Land hin; er sah sich um, und da sah er den Mann in dem weißen Mantel durch krachende Feuersäulen hindurch in den offnen Berg einfahren, der sich wie ein Tor über ihm wölbte. Dem Blessommer wurde es etwas unbehaglich zumute bei der Reisegesellschaft, die er gehabt hatte, und er wollte den Kopf wieder umwenden; aber wie der Kopf saß, so blieb er sitzen, und der Blessommer hat in seinem ganzen Leben den Kopf nicht mehr umdrehen können.
So etwas hatte der Bursch sein Lebtag nicht gehört. Er getraute sich nicht den Vater weiter zu fragen, aber am andern Morgen in aller Frühe fragte er die Mutter, ob sie keine Märchen wisse. Doch, sie wußte welche, aber die handelten meistens von Prinzessinnen, die sieben Jahre lang gefangen saßen, bis der rechte Prinz kam. Der Bursch dachte, alles, was er hörte und las, lebe in seiner nächsten Nähe.
Er war etwa acht Jahr alt, als an einem Winterabend der erste fremde Mensch bei ihnen durch die Tür trat. Er hatte schwarzes Haar, und das hatte Thrond noch nie gesehen. Er sagte kurz "Guten Abend" und kam herein; Thrond wurde die Sache ängstlich, und er setzte sich auf einen Schemel am Herd. Die Mutter nötigte den Mann zum Sitzen; er tat es, und da faßte sie ihn genauer ins Auge: "Herrjeh, ist das nicht der Fiedel-Knut?" sagte sie.--"Ja, freilich ist er das. Es ist lange her, daß ich auf Deiner Hochzeit spielte."--"Ach ja, das ist schon eine ganze Weile. Kommst Du weit her?"--"Ich habe Weihnachten auf der andern Seite des Berges gespielt. Aber mitten im Gebirge wurde mir schlecht; ich mußte hier einkehren, um mich auszuruhen."
Die Mutter brachte ihm Essen herein; er setzte sich an den Tisch, sagte aber nicht "in Jesu Namen", wie der Junge es doch immer gehört hatte. Als er fertig war, stand er auf: "Nun ist mir wieder ganz gut", sagte er; "laßt mich jetzt ein klein bißchen ruhen." Und er wurde zum Ausruhen in Thronds Bett gesteckt.