Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 5
Sie kannte des Todes Auge seit jenem dunklen Tag, Da ihr der Erstgeborne entseelt zu Füßen lag; Und als sie's rief zur Mutter, zur fernen, die verschied, Da folgte ihr dies Auge mit unbewegtem Lid; Ihr ahnte, als am Grabe sie stand im Trauerflor: Jetzt trifft es mehr als Einen, jetzt, Leben, sieh dich vor! Und als ihr Gatte umsank, der starke Mann, da sprach Sie schmerzlich: O, ich wußte, das Schwerste käme noch nach. Sie dachte, ihn, ihn hätte gewählt des Schöpfers Grimm, Und stemmte ihre Hände wider den Boten schlimm Und wollte mit ihrem Leibe, schwach wie ein Birkenreis, Ihn schirmen, ihren Helden--und gab sich selbst so preis. Sie lächelte so selig: ihr Urteil war gefällt, Ihr Opfer angenommen,--gerettet war ihr Held. Bewundrung, Liebe wölbten ein strahlend Sternenzelt Von Glück zu ihren Häupten in ihrer letzten Stund, Bis schneeweiß sie entschwebte fort in der Engel Rund. Es zieht solch eine Liebe wohl bis an Gottes Brust Die Seelen mit sich, die sie umfängt voll Opferlust.
AN DER BAHRE DES KIRCHENSÄNGERS A. REITAN
(1872)
Sein lachend Auge durfte sich An Land und Himmel weiden; Denn beider Bildnis in ihm glich Den ewigen Jubelfreuden. Als "Quellchen" sprang Sein Wort, sein Sang Durch Täler grün und eng und lang, Und fruchtbar sprießt's am Rande.
Beim armen Volk im Winter dann Da litt er und da fror er. Und doch stieg als der frohste Mann Zur Orgel dann empor er. "Die Achse, seht, Um die sich's dreht, Auch durch das ärmste Dörflein geht." So sang vom hohen Chor er.
Ach, und als Krankheit jahrelang Kam, um sein Lied zu prüfen, Und all die Kleinen hilflos bang Zutraulich nach ihm riefen, Mit leisem Klang Dem Staub entrang Sich Äolsharfen gleich sein Sang Den dumpfen Erdentiefen.
Sein Leben sagte uns voraus: Wenn wir uns Gott ergeben, Dann wird in Kirche, Schule, Haus Das Volk im Liede leben: In Volksgesang, In Lustgesang, Im Abglanz von des Herrn Gesang Hoch überm Weltenweben.
Mein Land, o denk der Kleinen auch, Die er ans Herz dir legte, Und ärmer, als ein Rosenstrauch, Selbst noch im Sterben pflegte.-- Ein Herz wie er Darf nimmermehr Dies Land verlassen freudenleer, Das er so treulich hegte.
DAS LIED
Das Lied hat Leuchtkraft; drum über die grauen Werktage gießt es Verklärung hin. Das Lied hat Wärme; drum läßt es tauen Den Frost und die Starrheit in deinem Sinn. Das Lied hat Dauer; drum was vergangen Und was zukünftig, es flicht's dir zum Kranz, Entzündet in dir unendlich Verlangen Und bildet ein Lichtmeer von Sehnsucht und Glanz.
Das Lied vereint; denn es läßt entschwinden Den Mißton und Zweifel in strahlendem Gang; Das Lied vereint; denn es weiß zu verbinden Kampflustige Kräfte in friedlichem Drang: Im Drang zur Schönheit, zur Tat, zum Reinen! Es lädt uns, zu schreiten auf schimmerndem Steg Stets höher und höher, empor zu dem Einen, Das nur für den Gläubigen öffnet den Weg.
Die Sehnsucht der Vorzeit im Vorzeitsgesange Glänzt wehmutsvoll wie der Abendflor; Die Sehnsucht der Gegenwart halten im Klange Wir fest für der Zukunft lauschendes Ohr. Es trifft sich im Liede der Lenz der Geschlechter Und tummelt sein Leben im tönenden Wort; Die Geister der Ahnen wie mahnende Wächter, Sie rauschen heut festlich in jedem Akkord.
AUF N.F.S. GRUNDTVIGS TOD
(1872)
Gleichwie der Urzeit Wala hehr Aufstieg über den Wassern der Sagen, Kündend, was Himmel verbarg und Meer, Dann, wieder sinkend hinabgetragen, Ließ die Kunde zu Lehr' und Ehr' Spätesten Tagen:
Also ließ uns, der unser war, Schwindend Gesichte, die nicht entschwanden, Die noch schweben, leuchtend und klar, Sonnenwolken ob Meer und Landen, Unsern Ausblick auf tausend Jahr' Hell zu umranden.
AUS DER KANTATE FÜR N.F.S. GRUNDTVIG
(1872)
Sein Lebenstag, der größte, den Norden je gekannt, Der mitternächtigen Sonne war wunderbar verwandt. Das Licht, in dem er wirkte, von "Gottes Frieden" war, Das nimmer untersinket, nie neuen Tag gebar.
Im Licht von Gottes Frieden Geschichte er uns gab, Als Geistesschritt auf Erden, hoch über Zeit und Grab. Im Licht von Gottes Frieden hat er der Väter Bahn, Zur Warnung und als Beispiel, klar vor euch aufgetan.
Im Licht von Gottes Frieden folgt' er mit Wachsamkeit Dem Volke, wo es baute, der großen Geister Streit. Im Licht von Gottes Frieden Aufklärungsmacht er sah,-- Wo seinem Wort man glaubte, Volksschulen blühten da.
Im Licht von Gottes Frieden stand für ganz Dänemark Sein Trost, wie eine Schildburg hellschimmernd, trutzig-stark. Im Licht von Gottes Frieden erobert werden soll Verlornes und was brach liegt, mit tausendfachem Zoll.
Im Licht von Gottes Frieden steht heut sein Greisentum Als Amen seines Lebens voll Manneskraft und Ruhm. Im Licht von Gottes Frieden, wie strahlte er so rein, Wenn am Altar er schenkte des Herrn Versöhnungswein.
Im Licht von Gottes Frieden gehn über Meer und Land Die Worte und die Psalmen, die er uns hat gesandt. Das Licht von Gottes Frieden, sein Sonnenstrahlenhort, Umglänzte still sein Leben--: so lebt er in uns fort.
BEI EINEM FEST FÜR LUDV. KR. DAA
Junge Freunde im innigen Kreis, Alte Feinde kommen; Fühle dich sicher, denn freundschaftsheiß Sind dir die Herzen entglommen. Wieder gab's hier einen ernsten Tag, Wieder schlugst du mit Reckenschlag: Jeder bekam wie stets seinen Hieb, Doch jetzt sei lieb!
Nicht mit Hallo und mit Handschuhen nicht, Noch mit Sektglasklingen,-- "Alter Forscher", herzenschlicht Wollen wir Dank dir bringen. Ziehen die Wasser in stillem Lauf, Steigt unser Lotse selten hinauf, Türmt sie zu Wellen des Sturmes Braus, Segelt er aus!
--Segelt er aus als Bergungspilot, (Gekannt ist das Auge des Alten), Lacht in den Bart, wenn ein Wetter droht Und zagend die anderen halten. Dank trug er nicht, das weiß ich, nach Haus; Denn er schimpfte die Schiffer aus, Wandte den Rücken, ging heim voll Kraft, Das Werk war geschafft!
Er hat erprobt, was es heißt, zu gehn Gehaßt, bis die Wahrheit am Tage; Er hat erprobt, was es heißt, zu stehn Nach beiden Seiten dem Schlage. Er hat erprobt, was es kostet an Leid, Voranzuschreiten seiner Zeit, Er, den so Hohes wir wirken sahn, Ward in Bann getan!
Wirst du nicht, Norge, endlich ihr Recht Jenen Helden gewähren, Die mehr vollbrachten, als beim Gefecht Nachzuhinken den Heeren? Soll es denn immer so kläglich gehn, Wollen wir stets um das Kleine uns drehn, Stilliegen, spähn, bis ein Fehler erkannt?-- Nein, Segel gespannt!
Segel zu größrer Fahrt gespannt, Wozu uns die Kräfte gegeben-- Leben, dem Alltag nur zugewandt, Das ist nicht wert, es zu leben; Leben, dem höheren Kampf geweiht, In Gottvertrauen und Einigkeit, Von Ehren und Sangesflagge umweht,-- Seht: das besteht!
NEIN, WO BLEIBST DU DOCH?
(1872)
Nein, wo bleibst du doch, du, der besitzet die Macht, Zu zertreten dies Lügengezwerg, Das mein Haus mir umlagert und tückisch bewacht Jeden Weg, den zum Ziel ich mir ausgedacht, Und bricht mir nun ein, Zu belauern voll Haß Meinen Sinn, zu entweihn Mir jedes Gelaß Meines traulichen Heims, wo so harmlos ich saß.
Nein, wo bleibst du doch! Jahrelang hat mich der Troß Besudelt, dem Volk mich entstellt; Lügennebel umhüllt meiner Dichtung Schloß, Als lag' da ein Sumpf, dem der Brodem entfloß, Und ein Halbtier, ein Faun Bin ich selbst, den mit Graus Die "Gebildeten" schaun-- Oder ziehn weidlich aus Zur Hatz auf den Keiler, zum lustigen Strauß.
Wenn ein Buch ich schreibe, "just sieht es mir gleich"; Wenn ich spreche--ist's Eitelkeit. Wenn ich zimmre und baue fürs Bühnenreich, Mein Dünkel nur führt jeden Hammerstreich. Und schlag' ich mich treu Für altheimische Art Auf der Väter Bastei, Umtobt und umschart,-- Kämpf' ich nur, weil mit Orden zu sehr man gespart.
Nein, wo bleibst du doch, du, der mit eins kann zerhaun Dies umstrickende Lügengewirr-- Der verjagt aus den Köpfen dies krankhafte Graun Vor enschlossenem Wollen, begeistertem Schaun-- Und hat Trost für den Mut, Der in Frost und in Nacht Seine Waffenpflicht tut Und die Runde macht, Bis das Heer sich erhebt, wenn der Tag erwacht.
Komm, Volksgeist, du, gottgeboren--entstammt Dem riesenbezwingenden Tor. Fahr auf Donnern einher und von Blitzen umflammt, Daß die Furcht dies Gezüchte zum Schweigen verdammt; Du kannst wecken im Land Die schlummernde Kraft, Du kannst stärken das Band, Das in Blutsbrüderschaft Uns eint, wo dein Banner je flattert am Schaft.
Hab' Dank, unser Volksgeist!--denk' ich nur dein, Wird alles zum Nichts, was ich litt. Deinem Kommen nur weih' ich mich, dir allein, Deinem Angesicht beug' ich mich, dein, nur dein, Und erfleh' einen Sang, Du liedreicher Mund, Daß in Not und Drang, In entscheidender Stund' Ich dir Kämpen erweck' auf der Väter Grund.
WECKRUF AN DAS FREIHEITSVOLK IM NORDEN
Der "vereinigten Linken"
(Tirol 1874)
Verachtet von den Großen, nur von den Kleinen geliebt, Den Weg geht alles Neue,--sag', ob's einen andern gibt? Von denen, die schützen sollten, verraten und gehetzt,-- Sag', ob je eine Wahrheit sich anders durchgesetzt?
Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag Und wächst zu einem Brausen hin über Wald und Hag,-- Bis es, vom Meer empfangen, in Donnern rollet fort Und alles überdröhnet, dies Wort, dies Losungswort.
Im Gotenkampfe nordwärts verschlagen wurden wir; "Leben in Freiheit und Glauben!" ist unser Volkspanier. Der Gott, der Land und Sprache und alles hat verliehn: In Werken, die er uns heischet, in Taten finden wir ihn!
Der Vielen und der Kleinen Pflichteifer soll er sehn, Kampf gilt es gegen alle, die da nicht wollen verstehn.-- Anhebt es wie ein Sausen im Korn am Sommertag Und geht nun schon als Brausen hin über Wald und Hag.
Es wird zum Sturme wachsen, eh's einer noch erkannt, Mit Donner in seiner Stimme weit über Meer und Land. Ein Volk, dem Ruf gehorsam, ist der Erde größte Kraft, Hat je noch Hoch und Nieder geworfen und hingerafft.
OFFNE WASSER
Offne Wasser, offne Wasser! Sehnsucht,--bange, winterlange,-- Wird nun gar zum heftigen Drange. Blaut ein Streifchen kaum im Sunde, Dehnt zum Monat sich die Stunde.
Offne Wasser, offne Wasser! Sonne lächelt, nascht vom Eise Schamlos bald nach Prasserweise. Läßt sie ab: zur Nacht geschwinde Trotzig härtet's neu die Rinde.
Offne Wasser, offne Wasser! Sturm muß her!--er kommt, der Wandrer, Bringt herauf vom Sommer andrer Freie Wogen, starke Wellen,-- Krach folgt nach und Sturz und Schnellen.
Offne Wasser, offne Wasser! Wieder Luft und Berg sich spiegelt, Schiffen ist die Bahn entriegelt: Botschaft braust herein von draußen-- Kampffroh steuern wir nach außen.
Offne Wasser, offne Wasser! Sonnengluten, kühlem Regen Jauchzt die Erde nun entgegen: Seele tönet mit und zittert-- Neugeschaffen, kraftumwittert.
FREIHEITSLIED
An "die vereinigte Linke"
(1877)
Freiheit! bist der Volkskraft Kind, Zorn und Sang dir Mutter sind! Kämpenstark als Junge schon Rangst du früh um Kampfeslohn; Warst umkreist allermeist Von Gesang und Witz und Geist; Freudig ist dein Tun, voll Macht So beim Pflug wie in der Schlacht.
Feinde stets und überall Lauerten auf deinen Fall; Fanden dich zu grob bei Tag, Führten, als du schliefst, den Schlag; Banden sacht dich bei Nacht. Du sprangst auf,--die Fessel kracht... Weiter schrittst du froh und stark, Du hast Schwung und du hast Mark!
Wo du wandelst, blüht der Pfad, Schwillt aus deinem Mut die Tat, Facht Gedanken deine Glut: Doppelst Kraft in Hirn und Blut. Landesrecht ist dein Knecht; Selber schufst du's, wahrst es echt. Nicht durch "wenn" und "ach" beschränkt, Fällst du jeden, der es kränkt.
Freiheitsgott, bist Lichtesgott,-- Nicht der Knechte Schreckensgott,-- Liebe, Gleichheit, Vorwärtsdrang, Frühlingsbotschaft sät dein Sang. Freiheitshort! Friedensport Winkt den Völkern durch dein Wort: "Einer nur ist Herre hier; Keine Götter neben mir!"
AN MOLDE
Molde, Molde, Treu wie ein Sang, Wogende Rhythmen mit lieben Gedanken, Farbige Bilder, die spielend sich ranken Um meines Lebens Gang. Nichts ist so schwarz, wie dein Fjord, wenn er fauchend An dir vorbeifegt, meersalzig rauchend, Nichts ist so sanft, wie dein Strand, deine Inseln, Ja, deine Inseln! Nichts ist so stark wie dein bergiger Kranz, Nichts ist so zart wie der Sommernacht Glanz. Molde, Molde, Treu wie ein Sang Summst du auf meinem Gang.
Molde, Molde, Blumiger Ort, Häuslein im Gärtchen, Freunde dort weilen! Bin ich auch ferne wohl hundert Meilen, Steh' ich im Rosenschutz dort. Heiß brennt die Sonne auf Berglands Weite, Fort muß der Mann zum ernsten Streite. Sanft nur die Freunde entgegen mir gehen Und mich verstehen-- Kampf schlichtet einzig der Tod allein,-- Hier sei dem Denken ein heiliger Hain! Molde, Molde, Blumiger Ort, Kindheiterinnerungs-Hort.
Und wenn einmal Im letzten Kampf ich liege, Mein Heimattal, In deinem tiefen Abendrot Lag meiner Gedanken Wiege,-- Dort nahe ihnen der Tod.
DIE REINE NORWEGISCHE FLAGGE
I
Dreifarbig reines Panier, Norwegens schwer errungne Zier! Tors Eisenhammer hält Im Bann das christlich weiße Feld. Und unser Herzensblut Strömt hin als rote Flut.
Hoch über der Erdenschwere Du jubelst, in Sehnsucht, zum Meere; Der Freiheit Lenzkraft gewähre Dir Kraft, uns zu speisen Seele und Mund Fahr hin übers Erdenrund!
II
"Die reine Flagge ist Torheit", So raunen die "Weisen" allhier. Nein, Poesie ist die Flagge, Und die Toren, ihr Guten, seid ihr. Es schwingt in der Poesie sich Der Volksgeist himmelan, Als Führer geht die Fahne Ihm unsichtbar lenkend voran. Und was er erkämpft und errungen, Und was ihn an Sorgen bewegt, Das tönt jetzt in ewigen Liedern, Die Flagge den Takt dazu schlägt. Wir halten sie hoch, umbrauset Von Sehnsucht, meersturmgleich, Von vollen Erinnerungschören, Von Worten, so flüsternd weich. Sie kann nicht schwedisch plappern, Wie ein zierlicher Schwadroneur, Sie kann sich nicht sperren und spreizen, Drum weg mit der fremden Couleur.
III
Die Sünden, die wir begangen, Die gab's in der Flagge nicht, Denn die Flagge das Ideal ist In ewig harmonischem Licht. Die besten Taten der Vorzeit, Der Gegenwart bestes Gebet Umhüllt sie und trägt sie weiter, Daß vom Vater zum Sohn es geht. Trägt es rein und ehrlich Und nicht mit Versuchers List, Denn unserem jungen Willen Sie Führer und Schirmer ist.
IV
"Den Brautring nehmt nicht aus der Flagge", So rufen sie allerwärts, Doch Norge hat nimmer versprochen Einer andern Braut sein Herz. Es teilt mit keinem sein Wohnhaus, Sein Bett, seinen Tisch, seine Ehr', Sein Bräutigam ist sein Willen, Selbst herrscht es auf Feld und Meer.
Es ehrt unser Bruder im Osten Die Kraft, die nach Freiheit ringt, Er weiß, daß sie alleine Uns Ruhmeskränze erzwingt. Er weiß, warum unsrer Flagge Der Pomp seiner Farben nicht steht: Weil unsre eigene Ehre Uns über die seine geht. Und niemand, der Ehre im Leib hat, Nennt andre Freundschaft ein Glück. Wir opfern ihm gern unser Leben, Doch von unsrer Flagge kein Stück.
V
_An Schweden_
Voll Ehrerbietung ich nahe,-- Ich weiß, du trägst hohen Sinn,-- Und lege in schlichten Worten Vor dich meine Sache hin.
Wärst _du_ der Kleinere, Schweden, Und jüngst erst durch Freiheit beglückt, Und trüg' deine Flagge ein Zeichen, Das dich tiefer und tiefer drückt, Und behauptete, du seist der Kleine, An des Größeren Tisch gesetzt, (Denn also deuten die Völker Dies Flaggenzeichen jetzt)-- Und wäre deine Freiheit Nicht alt,--nein--wie unsre jung, Und hundertjährige Ohnmacht In deine Erinnerung Mit frischen Furchen gegraben Von altem Unrecht und Blut, Von ziellosen Sehnsuchtsklagen, --Ja wüßtest du, wie das tut, Und solltest dein Volk erziehen Zu neuer Freiheit Ehr', Zu neuen Freiheitsgedanken, Und die Flagge dein Dolmetsch wär', Ob du dir wohl ließest rauben Aus der Flagge das eine Feld? Ob du wohl ertrügst das Zeichen, Das die Freiheit dir vorenthält? Ob du dir nicht selber sagtest: "Je älter des ändern Rang, Je größer der Ruhm seiner Farben, Um so lockender ist sein Sang. Versuche nicht den, der gefallen Und der jüngst sich erst wieder befreit. Mit reinen Zeichen deute. Empor zur Unsterblichkeit."
So sprächest du, alter Recke, Wenn du wohntest in _unserm_ Land, Denn dir sind die Pfade der Ehre Von altersher wohlbekannt. Seit achtzehnhundertvierzehn Und bis auf den heutigen Tag, So oft unsre Freiheitssehnsucht Qualvoll in Fesseln lag. Gab es Männer in deiner Mitte, Die trotz deiner Halsstarrigkeit Für unsere Sache sprachen, Wie Torgny in alter Zeit.
VI
_Antwort an den alten Ridderstad_
Im Kampf um die reine Flagge Schwatzt du von "Ritterpflicht"? Mein Bester, ich achte dich höchlich, Doch wisse, _die_ schert dich nicht. Denn grade weil uns Verleumdung Bewirft mit Ruß und Dreck, Ist's "Ritterpflicht", aus unsrer Flagge Zu wischen den Anfechtungsfleck. Die _Gleichheit_, die dieser predigt, Die lügt er mit frechem Gesicht; Ein großskandinavisches Schweden, Das nämlich mögen wir nicht. Nein, "Ritterpflicht" ist's für den Kleinen, Zu sagen: "ich bin kein Teil, Ich will das Selbständigkeitszeichen Ganz haben zu eignem Heil." Und "Ritterpflicht" ist's für den Großen, Zu sagen: "der falsche Schein Gereicht mir ja doch nicht zur Ehre, Der soll meine Waffe nicht sein." Und "Ritterpflicht" ist's für beide, In streitender Völker Gemisch, Zu sein mit gereinigtem Banner Ein Beispiel, stolz, wacker und frisch.
AN DEN MISSIONAR SKREFSRUD IN SANTALISTAN
Ich ehre dich, weil du, verschmäht, geschändet, Der Stimme lauschend, doch den Sieg errafft, Und neuer Lästrung Antwort nur gesendet Mit Wundern deines Glaubens, deiner Kraft.
Ich ehre dich, weil du nur stets gedürstet Nach Gottes Taten unter Not und Streit; Du Sohn des Gudbrandstales, geistgefürstet, Der Heimat bester Mann in deiner Zeit.
Ich teile nicht dein glaubensstarkes Träumen, Das scheidet nicht, wo Geist zum Geist sich kehrt; Was groß und edel strebt zu höhern Räumen, Verehrt mein Sinn, dieweil er Gott verehrt.
POST FESTUM
Ein Mann, bedeckt mit Schnee und Eis, Stand einstmals auf am Eismeerstrande, Da schallte laut durch alle Lande Des Riesenrecken Lob und Preis.
Ein König klomm zu ihm hinan Und reicht' ihm gnädig seinen Orden: "Den tragen die, die groß geworden!" "Stopp!" knurrte ihn der Recke an.
Der König wich verblüfft, entsetzt Zurück mit bänglichem Gesichte: "Mein Orden wird nach der Geschichte Verschmäht von just den Größten jetzt.
"Nimm, nimm, mein Lieber; bitte schön, Laß mich nicht in der Patsche stecken; Du wirst mehr Größe ihm erwecken, Uns, die ihn tragen, miterhöhn!"
Zu gut war unser Eismeerheld, Wie oftmals Recken, will mir scheinen; Die Narren werden sie der Kleinen,-- Er nahm ihn,--Hohngelächter gellt.
Da krochen alle Könige hin Mit ihren Orden, sie zu heben Und ihnen neuen Glanz zu geben: Für arme Ritter zum Gewinn.
Honny soit ... et caetera-- Bespickt mit Orden stand er da; Doch größer ward der Orden keiner, Der Recke nur verteufelt kleiner.
ROMSDALEN
Komm auf das Deck, der Morgen bricht an,-- Ob ich das Land wohl erkennen kann? Sieh, wie die Inseln die Köpfe recken, Frischgrün und felsig; Salzfluten lecken, Mutwillig plätschernd, den steinernen Fuß. Seevögel flattern mit kreischendem Gruß, Heben sich, senken sich, geistergleich. Hier ist ein Reich Voll Sturmeserinnrung,--ganz für sich.
Wir sind auf Fischers gefahrvoller Bahn! Draußen--erzählt der Kapitän--am Riffe Drängt sich der Heringsschwarm. Segelschiffe Schwärmen just eben von dort herein;-- Der Fang war fein!
Wahrlich,--ich habe euch gleich erkannt, Knorrige Leute von Romsdalland,-- Ja, ihr könnt segeln, wenn es gilt.
Doch halt! Fast entschwand mir das herrliche Bild! ------Beim ersten Blick Wirft's Blitze zurück, So mächtig war's in der Erinnerung nicht.
Wohin auch meine Augen wandern, Ein Bergesriese über dem andern, Des einen Brust an des andern Lende, Bis an des Himmels äußerste Säume. Wir harren auf Donner und Weltenende; Die ewige Stille weitet die Räume.
Blau sind die einen, andere weiß, Mit ragenden, hitzigen, eifernden Zacken, Andere packen Fest sich beim Arm zu geschlossenem Kreis. Den riesigen Berg dort heißt man das "Hemd", Ein Prediger ist er, in hehrer Gemeinde, Von Größen der Urzeit, erhaben und fremd. Was predigt er wohl? Dem Kindheitsfreunde Tat oft ich die Frage, und immer wieder Lauscht' ich, in Andacht versunken ganz. Auf meine Lieder Fällt majestätisch sein weißer Glanz.
----Wie groß das ist! Ich werde nicht fertig. Die größten Gedanken aus Leben und Sage Strömen herbei, meines Winks gewärtig, Mit all dem Großen sich eifrig zu messen,-- Dantes Hölle, indische Sagen, Shakespearesche Dramen zum Himmel ragen, Äschylos' Donnerwolken ziehen, Beethovens mächtige Symphonien,-- Weiten sich, heben sich, dampfen, strahlen: --Und schrumpfen zusammen zu Spatzengeschnack Und Ameisenfleiß;--umsonst euer Plagen! Es ist, als wollte ein Ballherr im Frack Die Berge zum Tanze zu bitten wagen. Versuche sie nicht! Nein, gib dich hin, Dann wirst du spüren, Wie all die Großen zum Größern dich führen.
Beug' dich in Demut; denn wer sie fragt, Dem sagen sie: _eines_ ist doch das Größte. Sieh, wie der Bach durch den Spalt sich nagt; Und denke, wie einst er vom Urfels sich löste Und sich durch Eis und Klippen biß, Um den Riesenleib zu durchfeilen. Anfangs ein Ganzes, mußt' er sich teilen, Als sich die Lenzfluten auf ihn ergossen;-- Doch Jahrmillionen verflossen, Eh' der Gigant zerriß.
Jetzt stampft der Fjord in die Bande hinein, Lüpft den Südwester mit keckem Gruße. Wenn sie benebelt vom Kopf bis zum Fuße, Zwickt sie der Bursch an der Nase gar gern,-- Der Fjord gehört nicht zu den höflichsten Herrn.
Ihm entgegen mit schaumweißem Kuß Eilen Quelle, Gießbach und Fluß, Das Lärmen der Sippe will nicht enden. Oftmals treibt's ihm die Bande zu bunt, Sperrt ihm den Weg, daß er halten muß. Wie eine Muschel mit nassen Händen Nimmt er den ganzen zudringlichen Schwarm Frisch an den Mund und bläst darauf Mit Westwindlungen--juchhei, pass' auf! Dann heult es und tutet's, daß Gott erbarm'.
--Schwarzgrau ein Fjord die Küste jetzt teilt, Schnell unser Boot ihn durcheilt; Gießbäche donnern zu beiden Seiten. Am Bergeskamm Dampfende Regenwolken gleiten, Voll wie ein Schwamm. Ob Sonne, ob Sturm--das urewige Streiten.
Das ist des Romsdals trutzig Land! Jetzt bin ich daheim.
Hier liegt des Volkes tiefster Keim. Hier hat es Stimme und Herz und Verstand. Jedweden Mann ich _hier_ richtig deute: Kennst du den Fjord, so kennst du die Leute.
Wild ist der Fjord in Sturm und Schlacht; Ein _anderer_ ist er in Sommerpracht, In Mittsommersonne, Wenn still er träumt in seliger Wonne,-- Was er nur sieht, Innig und warm an sein Herz er zieht, Spiegelt es, schaukelt es,-- War' es so arm wie das Moos am Fels, Flüchtig wie Schaumesperlen des Quells.
Sieh, welch ein Glanz! So offen und minnig Bittet er, bis man ihm gerne entschuldigt, Was er verbrach und bereute so innig! Allen den Bergen in Demut er huldigt, Spiegelt so kosend Wider im Spiel ihr erhabenes Bild.
--Denken die Alten: er ist doch nicht schlecht; Frohsinn und Zorn sind sein altes Recht; Ist reicher als andre, ist nimmer falsch, Nur rücksichtslos, launisch und--eben "romsdalsch". Berge! Ihr wißt das. Ihr kennt das Geschlecht, Ihr saht sich's plagen, Kriechend am Felshang, das Wildheu zu schlagen.
Ihr saht es ringen Beim Fischfang, in Sturmnot, mit wenig Gelingen, Roden und hauen und pflügen und pflanzen, In Moor und Geröll mit den Gäulen schanzen; Maßlos zu Zeiten, Trunkene Flegel, Sich raufen und streiten, Doch nimmer weichen,--zu Topp die Segel!
Weiler wechseln; doch tief gekerbt In euch liegt Sehnsucht, die quellenreiche, Singende Tiefe--die wellengleiche: Windboenfjord hat den Sinn euch gefärbt.
Wikinggeschlecht, ich grüße dein Nest! Tief liegt dein Grundstein, die Wölbung ist fest, Sonnennebel erfüllt deine Halle, Gischtschaum vom brausenden Wasserfalle. Wikinggeschlecht, so sei mir gegrüßt!
Wo uns so hohe Wölbung umschließt, Kostet's zwar Kampf, sich den Thron zu erringen-- Nicht allen wollte das leider gelingen-- Kampf kostet's, das Erbgut des Fjords zu heben Aus wollüstigem Nichtstun zu fruchtbarem Streben, Kampf kostet's;--doch der, der es wagt, wird Mann. Ich weiß, daß er's kann.
HOLGER DRACHMANN