Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 46

Chapter 462,773 wordsPublic domain

Bei der Abendtafel gab es Wein, weil der Propst beim Mittagessen nicht zugegen gewesen war. Aber der Propst, der die ganze Zeit über sehr ernst und sehr still gewesen war, saß auch jetzt da, als sei außer ihm kein Mensch im Zimmer, bis man von Tisch aufstehen wollte. Da schlug er an sein Glas und sagte: "Ich habe eine Verlobung zu verkünden!"--Alle blickten zu den jungen Mädchen hin, die nebeneinander saßen, und die beiden wären vor Schreck fast vom Stuhl gefallen.

"Ich habe eine Verlobung zu verkünden", fing der Propst wieder an, als werde es ihm schwer, in Fluß zu kommen. "Ich will zugeben, daß sie mir im Anfang nicht nach dem Herzen gewesen ist";--alle Gäste blickten Ödegaard in großer Verblüffung an; diese Verblüffung wuchs ins Grenzenlose, als er ganz ruhig dasaß und den Propst ansah. "Ich dachte, offen gestanden, er sei ihrer nicht würdig."--Jetzt wurden die Gäste so verlegen, daß niemand mehr aufzusehen wagte, und da die jungen Mädchen das schon lange nicht mehr gewagt hatten, so konnte der Propst nur noch zu einem einzigen Gesicht sprechen, zu Ödegaards, der freilich mit der größten Seelenruhe zuhörte. "Aber jetzt," fuhr der Propst fort, "jetzt, da ich ihn näher kennen gelernt habe, ist es so gekommen, daß ich nicht weiß, ob sie seiner würdig ist, so groß erscheint er mir jetzt; denn es ist der Künstlerberuf, die erhabene Schauspielkunst, und die Braut ist meine Pflegetochter Petra, mein geliebtes Kind; möge es Euch gut ergehen miteinander! Ich zittere um Euch, aber was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden. Gott sei mit Dir, meine Tochter!" Sie war im Nu bei ihm und lag an seiner Brust.

Da keiner sich wieder hinsetzte, so verließ die ganze Gesellschaft natürlich die Tafel. Petra aber ging auf Ödegaard zu, der gleich mit ihr in die äußerste Fensternische trat; er hatte ihr etwas zu sagen, aber sie kam ihm zuvor: "Ihnen verdanke ich alles!"--"Nein, Petra; ich bin Dir ein treuer Bruder gewesen; es war eine große Sünde von mir, daß ich Dir mehr sein wollte; denn wäre es geschehen, dann wäre Deine ganze Laufbahn vernichtet worden."--"Ödegaard!"--Sie hatten sich die Hände gereicht, sahen sich aber nicht an; nach einer Weile ließ er sie los und ging. Sie aber sank auf einen Stuhl und weinte.

Am Tage darauf reiste Ödegaard ab.

* * * * *

Gegen den Frühling erhielt Petra einen großen Brief mit einem mächtigen Amtssiegel; sie bekam ordentlich Furcht und brachte ihn dem Propst, der ihn öffnete und las. Er war von dem Amtsvorsteher ihrer Heimatstadt und lautete:

"Pedro Ohlsen, der gestern mit Tode abgegangen ist, hat ein Testament folgenden Wortlauts hinterlassen:

'Alles, was sich nach meinem Tode vorfindet und genau aufgezeichnet ist in dem Kontobuch, das in der blauen Truhe liegt, die in meinem Zimmer im Hause von Gunlaug, der Tochter Aamunds am Berge, steht, und zu der eben diese Gunlaug den Schlüssel hat, wie sie allein auch über alles Bescheid weiß,--hinterlasse ich hiermit, sofern Gunlaug, Tochter Aamunds, ihre Zustimmung dazu gibt, die sie nicht geben kann, wenn sie nicht zuläßt, daß eine Bedingung, die ich daran geknüpft habe und welche sie allein, die die einzige ist, die sie kennt, erfüllen kann, erfüllt wird--der Jungfrau Petra, der Tochter der erwähnten Gunlaug, der Tochter Aamunds, das heißt, wenn Jungfer Petra es nicht für unter ihrer Würde hält, sich eines alten, kranken Mannes zu erinnern, dem sie viel Gutes erwiesen hat, obwohl sie nichts davon wußte, was sie ja auch nicht konnte, und dessen einzige Freude in seinen letzten Lebensjahren sie gewesen ist, wofür er ihr auch einmal eine kleine Freude hat machen wollen, die sie nicht verschmähen möge. Gott sei mir armen Sünder gnädig!

Pedro Ohlsen'

und ich erlaube mir die Anfrage, ob Sie selbst sich deswegen an Ihre Mutter wenden wollen, oder ob ich es tun soll."

Die nächste Post brachte einen Brief von der Mutter, den Propst Ödegaard geschrieben hatte, der einzige, dem sie sich anzuvertrauen gewagt hatte; darin stand, daß sie ihre Zustimmung gebe und die Bedingung erfülle, Petra mitzuteilen, wer Pedro war.

Die Nachricht und das Geld versetzten sie in eine eigene Stimmung; es schien, als komme jetzt alles ins Gleichgewicht; es war eine Mahnung mehr, abzureisen.

Also für ihr Künstlertum hatte der alte Per Ohlsen sich auf Hochzeiten und bei Tanzereien sein erstes Geld zusammengefiedelt, dafür hatten er, sein Sohn und sein Enkel sich auf alle Art gemüht und geplagt. Die Summe war nicht groß, aber sie reichte aus, Petra ein Stück weiter in die Welt hineinzutragen und damit auch schneller vorwärts.

Hell wie die Sonne aber stieg der Gedanke in ihr auf, jetzt könne ihre Mutter zu ihr kommen, jetzt könne sie tagtäglich ihrer Mutter Freude bereiten,--sie könne ihr alles vergelten! Sie schrieb an jedem Posttag einen langen Brief an sie und konnte kaum die Antwort erwarten. Als sie kam, brachte sie eine große Enttäuschung; denn Gunlaug dankte ihr, meinte aber, "jeder bleibe am besten für sich". Da versprach der Propst zu schreiben, und als Gunlaug dessen Brief bekam, da konnte sie es nicht länger bei sich behalten, sie mußte ihren Matrosen und ihren andern Bekannten erzählen, aus ihrer Tochter werde etwas Großes, und sie wolle sie zu sich nehmen. Dadurch wurde die Angelegenheit zu einer ziemlich brennenden Frage; sie wurde am Hafen und auf den Schiffen und in allen Küchen erörtert. Gunlaug, die bis dahin ihre Tochter nie erwähnt hatte, sprach jetzt von nichts anderem als von "meiner Tochter Petra", wie auch die andern fortan über nichts anderes mehr mit ihr sprachen.

Aber als Petras Abreise schon bevorstand, hatte Gunlaug noch immer keine Nachricht gegeben, worüber ihre Tochter sehr betrübt war. Dagegen versprachen ihr der Propst und Signe feierlich, beide hinzukommen, wenn sie zum erstenmal auftreten würde.

* * * * *

Der Schnee auf den Bergen begann zu schmelzen, auf den Feldern schimmerte es grün. Das Leben, das zu Beginn des Frühlings in den Bergtälern erwacht, ist mächtig, wie die Sehnsucht mächtig war; die Menschen werden flinker, die Arbeit geht leichter von der Hand, die Wanderlust schaut über die Berge hinweg. Aber obwohl Petra sich hinaussehnte, hatte sie doch nie diese Stätte und alle Dinge so lieb gehabt wie jetzt, da sie von ihnen Abschied nehmen mußte; ja, es war ihr, als habe sie alles bis dahin gering geschätzt, weil sie es erst jetzt verstand. Nur noch wenige Tage blieben ihr; sie ging mit Signe überall herum und sagte allen und allem Lebewohl,--zumal den Stätten, die ihnen zusammen lieb geworden waren. Da erzählte ihnen ein Bauer, Ödegaard sei oben auf den Öyhöfen und beabsichtige, sie aufzusuchen. Die Mädchen wurden beide ganz verlegen und stellten ihre Ausgänge ein.

Doch als Ödegaard kam, war er so sonnig und fröhlich, wie man ihn nie zuvor gesehen hatte. Er war mit dem Vorhaben ins Dorf gekommen, eine Volkshochschule zu gründen und sie in der ersten Zeit, bis er einen passenden Lehrer gefunden habe, selbst zu leiten; später wollte er noch mancherlei anderes ins Werk setzen. Auf die Weise, sagte er, bezahle er etwas von der Schuld seines Vaters an das Dorf ab, und sein Vater habe versprochen, zu ihm zu ziehen, sobald das Haus fertig sei. Der Propst wie Signe freuten sich ungeheuer über diese Nachbarschaft; Petra auch, aber es befremdete sie doch, daß er sich gerade jetzt hier ansiedelte, wo sie fortging.

Der Propst wünschte, daß sie am Tage vor Petras Abreise zusammen das heilige Abendmahl nähmen. Dadurch breitete sich eine stille Feierlichkeit über die letzten Tage, und wenn sie zusammen sprachen, taten sie es halblaut. Im Schein dieser Stimmung redete alles, was Petra zum letztenmal ansah, eine gar ernste Sprache zu ihr. Alles Erlebte mußte noch einmal durchdacht werden; sie hielt große Abrechnung, denn bis jetzt hatte sie nie zurück, nur immer vorwärts geschaut. Jetzt rückte alles zusammen, von der Kindheit an bis heute; wieder ertönten die ersten lockenden spanischen Lieder, all die Verirrungen einer verworrenen Sehnsucht, die ihre Kindheit und ihre Jugend in ihr aufgespeichert hatten, nahm sie sich vor, Stück für Stück, wie man alte Kostüme anprobiert. Vergaß sie eins, so erinnerte irgend etwas in ihrer Umgebung sie gleich daran; denn beim Anblick dieses oder jenes Gegenstandes hatte sie einmal an irgend etwas gedacht, und fortan waren Gegenstand und Gedanke eins geworden. Besonders das Klavier brachte überwältigend viele Erinnerungen. Sie blieb daran sitzen, ohne doch den Mut zu haben, die Tasten anzurühren, und spielte Signe, so konnte sie es kaum im Zimmer aushalten. Sie war auch am liebsten allein; Ödegaard und Signe verstanden das und hielten sich zurück; alle Leute sahen sie mit wehmütiger Freundlichkeit an, und der Propst ging in diesen Tagen nie an ihr vorbei, ohne ihr übers Haar zu streichen.

Endlich kam der Tag. Es war ein halbklarer, gedämpfter Tag; es taute auf den Bergen und grünte auf den Äckern. Die vier blieben jeder auf seinem Zimmer, bis die Stunde kam, da sie zusammen zur Kirche gehen sollten. Außer ihnen waren nur der Küster und ein fremder Pfarrer zugegen; der Propst wollte selbst das heilige Abendmahl nehmen; zugleich aber wollte er die Predigt halten, denn er hatte der Scheidenden besonders ein paar Worte zu sagen. Er sprach so, wie wenn sie an einem Heiligen Abend oder einem Geburtstag daheim bei Tisch säßen. Es werde sich bald herausstellen, meinte er, ob die Zeit, die sie heute mit einem Gebet um Gnade abschließe, einen Grundstein gelegt habe. Kein Mensch sei ganz er selbst, bis er zu seinem richtigen Wirken gekommen sei. Es sei ein Beruf der Verkündigung, der ihr geworden sei, und wer die Wahrheit bringe und sich selber dessen wert erhalte, der ernte die reichsten und dauerndsten Früchte. Gott bediene sich ganz gewiß oft auch der Unwürdigen, so gewiß wie wir im höheren Sinne alle unwürdig seien; er bediene sich unserer Sehnsucht. Aber es gebe eine Verkündigung, die kein Mensch aus seiner Sehnsucht allein schöpfen könne, und die wolle sie doch wohl zu erreichen trachten; alle müßten danach streben, das Höchste zu erreichen. Er bat sie, zu ihnen zurückzukehren, denn das sei der Sinn einer Gemeinde, daß Gemeinschaft im Glauben helfe und stärke. Wenn sie fehlgreife, werde sie hier Barmherzigkeit finden, und wenn sie selbst nicht wisse, daß sie vom Wege abgekommen sei, so würden sie ihr das in aller Güte sagen dürfen.

Sie gingen nach der heiligen Handlung zusammen heimwärts, so wie sie gekommen waren; den Rest des Tages aber verbrachte jeder für sich. Nur Petra und Signe waren abends lange auf Petras Zimmer zusammen.

Für den nächsten Morgen war die Abreise angesetzt. Bei der letzten Mahlzeit nahm der Propst sehr zärtlich von ihr Abschied. Er sei mit ihrem Freunde einig darin, sagte er, daß sie so beginnen müsse, wie sie nun einmal sei, und allein beginnen. In dem Kampf, der ihr bevorstehe, werde sie erfahren, wie gut es tue zu wissen, daß da irgendwo ein paar Menschen beieinander säßen, auf die sie sich verlassen könnte. Schon mit Bestimmtheit zu wissen, daß sie beständig für sie beteten,--das allein würde schon helfen, werde sie sehen!--Nach den Abschiedsworten an Petra bot er Ödegaard einen Willkommengruß. "In Liebe zu einem Menschen vereint zu sein, sei die schönste Einleitung, einander zu lieben." Der Propst dachte bei diesem Trinkspruch ganz gewiß nicht an das, was bei diesen Worten erst Signe und dann Petra erröten ließ; ob auch Ödegaard errötete, wußten sie nicht, denn keine wagte ihn anzusehen.

Aber als die Pferde vor der Tür standen und die drei Freunde das junge Mädchen und alle Mägde und Knechte den Wagen umringten, da flüsterte Petra, als sie Signe zum letztenmal umarmte: "Ich weiß, ich werde bald eine große Neuigkeit von Euch hören; Gott segne Euch!"

Eine Stunde später zeigten ihr nur noch die weißen Gipfel, wo die Stätte war.

Zwölftes Kapitel

Eines Abends, kurz vor Weihnachten, war das Theater der Hauptstadt ausverkauft; eine neue Schauspielerin sollte auftreten, von der alles mögliche erzählt wurde. Aus dem Volke stammend--ihre Mutter sei eine arme Fischerfrau--sei sie mit Unterstützung anderer, denen ihre Fähigkeiten aufgefallen seien, jetzt soweit gediehen und solle zu den größten Hoffnungen berechtigen. Das Publikum tuschelte sich, bis der Vorhang aufging, mancherlei in die Ohren. Sie solle eine schreckliche Range und, seit sie erwachsen war, mit sechs Leuten auf einmal verlobt gewesen sein, und das ein halbes Jahr lang durchgeführt haben. Sie habe unter polizeilichem Schutz aus ihrem Heimatsort geleitet werden müssen, weil um ihretwillen die Stadt in hellen Aufruhr geraten sei; es sei merkwürdig, daß die Direktion eine solche Person auftreten lasse. Andere behaupteten, es sei kein Körnchen Wahrheit daran; sie sei von ihrem zehnten Jahre an bei einer stillen Pfarrerfamilie im Stifte Bergen erzogen worden; sie sei ein gebildetes, liebenswürdiges Mädchen, sie kennten sie genau, sie müsse ein unvergleichliches Talent haben; sie sei doch so hübsch.

Es gab aber Leute, die mehr wußten. Zunächst der über das ganze Land bekannte Fischgrossist--Yngve Vold. Er war ganz zufällig auf einer Geschäftsreise hier; man sagte freilich, die glutvolle Spanierin, mit der er verheiratet war, mache ihm zu Hause die Hölle so heiß, daß er nur reise, um sich abzukühlen. Heut hatte er sich die größte Loge des Theaters genommen und seine zufälligen Tischgenossen aus dem Hotel eingeladen, sich mal "was ganz Höllisches" anzusehen. Er war in glänzender Stimmung, bis er--war er das denn wirklich?--in einer Loge des zweiten Ranges, inmitten einer ganzen Schiffsmannschaft,--nein! doch!--ja natürlich, das war Gunnar Ask! Gunnar Ask, der mit dem Gelde seiner Mutter Eigentümer und Kapitän der "Norwegischen Verfassung" geworden war, hatte bei der Ausfahrt aus dem Fjord neben einem Schiff hergesegelt, das den Namen "Dänische Verfassung" führte; da kam es Gunnar vor, als wolle dies Schiff ihn überholen, und das konnte doch nicht gut angehen; er hißte alle Segel, die er hatte, es krachte in der alten Verfassung, und die Folge war, daß er, um so lange wie möglich den Wind auszunützen, das Fahrzeug an einer ganz ungeeigneten Stelle auf Grund rannte. Jetzt lag er unfreiwillig in der Stadt, während "Die norwegische Verfassung" geflickt wurde. Er hatte in der Stadt eines Tages Petra getroffen, die hinter ihm herkam und diesmal und später auch so lieb und nett zu ihm war, daß er nicht nur seinen Groll vergaß, sondern sich selbst das größte Hornvieh nannte, das aus ihrer gemeinsamen Vaterstadt je hervorgegangen sei, weil er sich habe einbilden können, er habe ein Mädchen wie die Petra verdient. Er hatte heute für seine ganze Schiffsmannschaft Billets zu erhöhten Preisen gekauft und saß nun da mit dem stillen Vorsatz, sie zwischen jedem Akt zu traktieren, und die Matrosen, die alle aus Petras Heimatstadt und in der Wirtschaft ihrer Mutter, diesem Paradies auf Erden, wohlgelitten waren, empfanden Petras Ehre als ihre eigene und nahmen sich gegenseitig das Versprechen ab, so zu klatschen, wie kein Mensch es je gehört habe.

Unten im Parkett aber sah man das harte, dichte Haar des Propstes. Er saß in aller Gemütsruhe da; er hatte ihre Sache einem Höheren anvertraut. Neben ihm saß Signe, jetzt Signe Ödegaard. Ihr Mann, sie und Petra waren gerade von einer dreimonatlichen Auslandsreise zurückgekommen; sie sah sehr glücklich aus und saß und lächelte zu Ödegaard hinüber; denn zwischen ihnen saß eine alte Frau mit schlohweißem Haar, das wie eine Krone über dem braunen Gesicht lag. Sie überragte alle Umsitzenden, sie konnte vom ganzen Hause gesehen werden, und bald waren auch alle Gläser auf sie gerichtet; denn man sagte, dies sei die Mutter der jungen Schauspielerin. Sie, die einen männlichen Namen führte, machte auch jetzt einen so gewaltigen Eindruck, daß sie ein Licht des Friedens auf die Tochter warf. Junge Menschen sind voller Erwartung; sie haben den Glauben an die Urkräfte ihrer Natur, und der Anblick dieser Mutter weckte den Glauben.

Sie selbst sah nichts und niemand; was das alles für Geschichten waren, kümmerte sie wenig; sie wollte bloß gern mit dabei sein, um zu wissen, ob die Leute gut gegen ihre Tochter seien oder nicht.

Jetzt mußte es gleich beginnen; das Geplauder erstarb in einer Spannung, die nach und nach alle erfaßte und sie gütig stimmte.

Mit einem starken Paukenschlag, mit Trommeln und Hörnern zugleich setzte die Ouvertüre ein. Adam Oehlenschlägers "Axel und Valborg" wurde gegeben, und Petra hatte selbst um diese Ouvertüre gebeten. Sie saß hinter einer Kulisse und hörte zu. Vor dem Vorhang aber saß der kleine Teil ihrer Landsleute, den das Haus fassen konnte, voll Sorge um sie, wie immer vor einem Anfang, der uns erwartungsvoll macht, weil er einen köstlichen Besitz offenbaren soll. Es war, als müsse jeder von ihnen selbst vor die Rampe; in solchen Augenblicken steigen viele Gebete empor, auch aus Herzen, die sonst selten beten.

Die Ouvertüre ebbte ab; Friede breitete sich über die Harmonien, allmählich verschmolzen sie wie im Sonnenschein. Die Ouvertüre war zu Ende, eine bange Stille trat ein.

Und der Vorhang ging auf.