Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 45
Randi aber sagte: "Ja, Du hast wohl weite Reisen gemacht? Du hast viel gelernt, wie ich gehört habe."--"Ja, bis jetzt habe ich studiert oder bin gereist, aber nun will ich im Lande bleiben und mich nützlich machen."--"Ach ja, so geht's--manche reisen weit und kommen zum Licht und zur Gelehrsamkeit; andere kleben an der Scholle." Und Lars fügte hinzu: "Die heimische Erde ist oft schwer zu brechen. Bringt sie aber einen Mann hervor, der Hilfe leisten kann, so zieht er von dannen."--"Der Beruf ist verschieden; jeder muß dem seinen folgen", sagte der Propst.--"Mit unsers Herrgotts Hilfe wird schon Arbeit mehrend zu Arbeit kommen", sagte Ödegaard; "meines Vaters Wirksamkeit wird Euch vielleicht auch noch einmal zugute kommen, so Gott will."--"Ach ja, das mag wohl sein", sagte Randi sanft; "aber das Warten fällt oft schwer; denn es dauert so lange."
Sie schieden; der Propst stellte sich an das eine, Ödegaard an das andere Fenster, um ihnen nachzuschauen; denn jetzt mußten sie über die Berge; der junge Mensch ging hinterher. Ödegaard erfuhr, er stamme aus der Stadt, wo er alles mögliche getrieben habe, doch immer mit den Leuten in Streit geraten sei. Er glaubte sich zu etwas Großem berufen, vielleicht zum Apostel, war aber seltsamerweise auf den Ödhöfen hängen geblieben,--manche meinten aus Liebe zu Eise. Er war ein Feuerkopf, der viele Enttäuschungen erlebt hatte und dessen noch mehr harrten.
Sie kamen jetzt auf dem Berge zum Vorschein; das Dach des Kuhstalls verdeckte sie nicht mehr. Sie arbeiteten sich mühselig empor, verschwanden hinter Bäumen und kamen wieder heraus, immer höher und höher. Es führte kein Weg durch den tiefen Schnee, die Bäume waren die Wegweiser in der Wüste, und zur Seite zeigten die Firnen ihnen die Richtung nach ihrer Wohnstätte.
Drinnen aus der Stube aber kamen ein paar trillernde Akkorde und dann:
Mein Lied ist dem Frühling ergeben, Bevor er erwachte zum Leben. Mein Lied ist dem Frühling ergeben, Wie Sehnsucht ihn sehnet herbei, Da schließen ein Bündnis die zwei, Zu locken die Sonne zum Siege, Damit ihr der Winter erliege, Das Murmeln der Bäche zu wecken, Damit sie im Chor ihn erschrecken Zu bannen ihn flugs aus den Lüften Mit stetigen Blumen duften.-- Mein Lied ist dem Frühling ergeben!
Elftes Kapitel
Seit diesem Tage war der Propst sehr wenig mit den andern zusammen; teils nahm ihn das Weihnachtsfest in Anspruch, teils konnte er nicht zur Klarheit kommen, ob das Schauspiel den Christen erlaubt sei oder nicht; sowie sich Petra nur sehen ließ, wurde er unruhig.
Während der Propst so in seinem Arbeitszimmer saß, seine Predigten oder eine christliche Ethik vor sich, saß Ödegaard bei den jungen Mädchen, zwischen denen er ständig Vergleiche ziehen mußte. Petra sprühte und war, sich nie gleich; wer ihr folgen wollte, wurde wie bei einem Buch in steter Spannung gehalten. Signe dagegen war so wohltuend in ihrer gleichmäßigen Innigkeit; ihre Bewegungen waren nie überraschend; denn sie spiegelten ihr Wesen wieder. Petras Stimme konnte jede Färbung annehmen, grelle und weiche, und jeden Stärkegrad. Signes Stimme hatte einen eigenen Wohllaut, war aber nicht wechselnd,--außer für den Vater, der meisterlich die Nuancen unterscheiden konnte. Petra blieb bei einer Sache; war sie bei mehr Dingen, so geschah's, um zu beobachten, nicht um zu helfen. Signe hatte auf alles und auf alle ein Auge und verteilte sich, ohne daß man es merkte. Sprach Ödegaard mit Petra über Signe, so hörte er eine hoffnungslos Liebende klagen, sprach er aber mit Signe über Petra, so wurde sie ziemlich einsilbig. Miteinander plauderten die Mädchen häufig und ungezwungen; aber immer nur über Gleichgültiges.
Er hatte gegen Signe große Verpflichtungen; denn ihr verdankte er das, was er "seinen neuen Menschen" nannte. Der erste Brief, den er in seinem großen Schmerz von Signe bekam, hatte ihm wie eine weiche Hand über die Stirn gestrichen. So schonend erzählte sie, Petra sei zu ihnen gekommen, mißverstanden und mißhandelt. So fein war ihre Auslegung, daß dies zufällige Kommen wie eine Fügung Gottes erschien, "weil nichts zerbrechen soll", ihm klang es wie fernes Locken aus einem Walde, wenn man noch steht und über den Weg nachsinnt, den man gehen soll.
Signes Briefe folgten ihm überall, wohin er reiste; sie waren der Faden, der ihn hielt. Jede ihrer Zeilen hatte den Zweck, Petra direkt in seine Arme zu führen, und doch erreichte sie gerade das Gegenteil; denn Petras Künstlernatur trat ihm durch diese Briefe klar vor Augen; den Mittelpunkt ihrer Begabung, den er selbst vergebens gesucht, hatte Signe unbewußt stets vor Augen, und sowie er das einsah, sah er auch ihren und seinen Irrtum ein und wurde gewissermaßen ein neuer Mensch dadurch.
Er hütete sich wohl, Signe von dem zu schreiben, was ihre Briefe ihn gelehrt hatten. Das erste Wort durfte nicht von Petras Umgebung kommen, sondern von ihr selbst, damit nichts überstürzt werde. Aber von dem Augenblick an, da ihm dies klar geworden war, hatte er auch Petra in einem neuen Licht gesehen. Natürlich: diese ewig sich jagenden Impulse, von denen jeder einzelne voll empfunden war, alle aber in einem großen Widerspruch zueinander standen, das mußte ja der Anfang eines Künstlertums sein. Es hieß also, dies alles zu einer starken Wesenseinheit zu sammeln; sonst würde alles Stückwerk und ihr Leben selbst nur Kunst. Also: nicht zu früh hinein in die Bahn! Solange wie möglich schweigen, ja Widerstand.
Von all dem ganz erfüllt, merkte er selbst nicht, daß Petra wieder unausgesetzt seine Seele beschäftigte,--diesmal jedoch mit einem fremden Ziel. Er nahm die Kunst um sich herum aufs Korn, besonders aber die Künstler und unter ihnen vor allem die Schauspieler. Er sah vieles, was einen Christenmenschen abschrecken mußte. Er sah die ungeheuren Mißstände. Aber sah er dasselbe nicht überall, sah er es nicht auch in der Kirche? Weil da hohle Pfaffen standen, nannte man ganz dasselbe groß und ewig. Wenn das Streben nach Wahrheit, das überall sich regte, im Leben und in der Dichtung Macht bekam,--konnte es dann nicht auch bis zum Theater vordringen?
Er war allmählich seiner Sache sicher geworden. Mit großer Freude sah er aus Signes Briefen, daß Petra sich sehr heranbildete und daß Signe die rechte war, ihr dabei zu helfen. Jetzt war er gekommen, um diesen Schutzgeist, der selbst nicht wußte, was er ihm gewesen war, zu sehen und ihm zu danken.
Aber er war auch gekommen, um Petra wiederzusehen. Wie weit war sie vorgeschritten? Das Wort war ausgesprochen, er konnte also offen mit ihr darüber reden; das war ihnen auch beiden willkommen; dann brauchten sie ja doch nicht von der Vergangenheit zu sprechen.
Indessen, sie wurden bald durch Gäste aus der Stadt gestört, gebetene und ungebetene! Die Dinge standen da aber schon so, daß ein einziger, wohlgenutzter Zufall Klarheit bringen konnte,--und dazu verhalfen die Gäste. Es wurde nämlich eine große Gesellschaft veranstaltet, und auf dieser Gesellschaft, gleich nach Tisch, als die Herren im Arbeitszimmer saßen, kam das Gespräch auf die Schauspielkunst; denn ein Stiftskaplan hatte auf dem Schreibtisch eine christliche Ethik aufgeschlagen gesehen und war auf das entsetzliche Wort "Schauspiel" gestoßen. Es entspann sich ein heftiges Wortgefecht, und mitten hinein kam der Propst, der nicht mit bei Tisch hatte sein können, weil er zu einem Kranken gerufen worden; er war sehr ernst gestimmt, er aß nicht, er nahm auch nicht an dem Gespräch teil, aber er stopfte seine Pfeife und hörte zu. Sowie Ödegaard merkte, daß der Propst still da saß und dem Gespräch folgte, mischte er sich hinein, versuchte aber lange vergeblich, Zusammenhang in die Sache zu bringen; denn der Stiftskaplan hatte die Angewohnheit, so oft ein Glied in der Beweiskette geknüpft werden sollte, zu rufen: "Ich leugne!" (er wollte nicht sagen: verleugne), und dann mußte das, was beweisen sollte, erst selbst bewiesen werden; es ging infolgedessen rückwärts; man war vom Schauspiel schon auf die Schiffahrt gekommen und wollte, um in der Schiffahrt einen Beweis führen zu können, eben zum Ackerbau übergehen.
Nun, da ernannte Ödegaard den Propst zum Wortführer. Außer ihm waren noch einige Pfarrer anwesend, sowie der Kapitän, ein kleiner schwarzhaariger Mann mit einem riesigen Bauch und ein paar kleinen Beinen darunter, die wie Trommelschlägel wirbelten. Ödegaard erteilte dem Stiftskaplan das Wort, damit er alles vorbringen könne, was er gegen das Schauspiel einzuwenden habe. Der Stiftskaplan nahm das Wort:
"Schon rechtschaffene Heiden waren gegen das Schauspiel wie Plato und Aristoteles, weil es die Sitten verderbe. Sokrates sah sich freilich ab und zu ein Schauspiel an, will aber jemand daraus den Schluß ziehen, daß er es billigte, so leugne ich das, denn man muß vieles sehen, was einem nicht gefällt. Die ersten Christen wurden eindringlich vor dem Schauspiel gewarnt, siehe Tertullian! Seitdem das Schauspiel in neuerer Zeit wieder aufgelebt ist, haben ernste Christen dagegen gesprochen und geschrieben. Ich nenne Namen wie Spener und Francke; ich nenne einen christlichen Ethiker wie Schwarz, ich nenne Schleiermacher. ('Hört, hört!' rief der Kapitän, denn diesen Namen kannte er.) Die letzten beiden räumen die Zulässigkeit dramatischer Dichtung ein, Schleiermacher ist sogar der Ansicht, in Privatgesellschaften dürfe von Dilettanten eine gute Dichtung aufgeführt werden; er verurteilt aber den Schauspielerberuf. Der Stand der Schauspieler hat für einen Christen so mannigfaltige Versuchungen, daß er ihn meiden soll.---Aber ist es nicht auch für die Zuschauer eine Versuchung? Von erdichtetem Leiden gerührt, von erdichtetem Tugendheldentum erhoben zu werden, dessen man sich beim Lesen leichter erwehren kann, verlockt zu dem Glauben, man selbst sei das, was man sieht; das schwächt den Willen, die Arbeit an sich selbst, das zieht uns herab zu Hörlust, Schaulust und Phantasterei. Habe ich nicht recht? Wer ist hauptsächlich in der Komödie zu finden? Müßiggänger, die sich unterhalten wollen, Wollüstige, die aufgereizt, Eitle, die selbst gesehen werden wollen, Phantasten, die aus dem wirklichen Leben, mit dem sie's nicht aufzunehmen wagen, hierherflüchten. Sünde hinter dem Vorhang, Sünde vor dem Vorhang! Ich habe nie einen ernsthaften Christen anders reden hören!"
Der Kapitän: "Da kann einem ja angst und bange vor einem selbst werden. Bin ich immer, wenn ich in der Komödie war, in so einer Wolfshöhle gewesen, dann soll der Teufel--"--"Pfui, Herr Kapitän", sagte ein kleines Mädchen, das mit ins Zimmer geschlüpft war; "Du darfst nicht fluchen, denn sonst kommst Du in die Hölle!"--"Ja, mein Kind, natürlich, natürlich."--Ödegaard aber nahm das Wort:
"Plato hatte gegen die Dichtung dieselben Einwendungen wie gegen das Schauspiel, und die Ansicht des Aristoteles steht nicht fest. Ich lasse diese beiden also aus dem Spiel. Die ersten Christen aber taten gut daran, sich den heidnischen Schauspielen fernzuhalten,--sie übergeh' ich ebenfalls. Daß ernsthafte Christen in neuerer Zeit ihre Bedenken auch gegen die Schauspiele gehabt haben, die christliche Stoffe behandeln, kann ich verstehen; ich habe selbst Bedenken gehabt. Aber wenn man zugibt, daß dem Dichter erlaubt sein soll, ein Drama zu schreiben, dann muß dem Schauspieler auch erlaubt sein, es zu spielen. Denn was tut der Dichter beim Schreiben anders, als daß er es spielt,--in seinen Gedanken, feurig, mit Lust, und 'wer ein Weib ansieht ihrer zu begehren' usw.--Ihr kennt Christi eigene Worte. Wenn Schleiermacher sagt, das Drama dürfe nur privatim und von Ungeübten gespielt werden, dann sagt er, daß die Gaben, die wir von Gott bekommen haben, vernachlässigt werden sollen, während es doch Gottes Wille ist, daß sie zur größtmöglichen Vollkommenheit gebracht werden; denn dazu haben wir sie erhalten. Wir alle schauspielern tagtäglich, indem wir andere nachmachen oder im Scherz oder Ernst eine fremde Meinung annehmen. Die Sache überwiegt bei einzelnen Menschen alle andern, und da möchte ich doch sehen, wenn man es unterließe, dies Talent zu pflegen, ob sich nicht bald von selbst herausstellen würde, daß gerade in der Unterlassung die Sünde liegt. Denn wer seinem Beruf nicht nachgeht, wird untauglich zu andern Dingen, wird unredlich, wankelmütig,--kurz, fällt allen Versuchungen viel leichter zur Beute, als wenn er seinem Berufe folgt. Wo die Arbeit und die Freude daran zusammenfallen, wird manche Versuchung ausgeschaltet.--Aber, mag man sagen, der Beruf ist an sich voller Versuchungen. Ja, darüber läßt sich streiten. Für mich liegt in dem Beruf die größte Versuchung, der einem den Glauben vorspiegelt, man sei selbst gerecht, weil man Kunde bringt von dem Allgerechten,--den Glauben, man selbst sei gläubig, weil man zu dem Glauben anderer redet, oder deutlicher: für mich liegt in dem Priesterberuf die größte Versuchung." (Großer Lärm: Ich leugne! Richtig! Ich leugne! Stimmt! Ruhe!) Der Kapitän: "Das habe ich noch nie gehört, daß die Pfarrer schlimmer sind als die Schauspieler!" Gelächter und Rufe von allen Seiten: "Nein, das hat er nicht gesagt." Der Kapitän: "Doch, zum Teufel--"--"Aber, Herr Kapitän, jetzt kommt der Teufel gleich!"--"Gut, mein Kind, schon gut!" Ödegaard nahm den Faden wieder auf: "All die Versuchung, sich vom Augenblick hinreißen zu lassen, in Hörlust und Phantasterei herabzusinken, ohne Arbeit an sich das Leben von Tugendhelden zu seinem eigenen zu machen, all das ist wahrhaftig auch in der Kirche zu finden!" (Derselbe fürchterliche Lärm.)
Die Damen aber konnten diesen wiederholten Lärm nicht hören, ohne dabei sein zu wollen. Jetzt wurde die Tür geöffnet. Ödegaard sah Petra zwischen den andern stehen und sagte mit lauterer Stimme: "Freilich gibt es Schauspieler, die sich auf der Bühne rühren lassen und von dort in die Kirche rennen und sich da auch rühren lassen,--und doch schlecht bleiben. Freilich gibt es Schauspieler, die hohle Sprachrohre sind, die sonst im Leben zu nichts zu gebrauchen gewesen wären, in diesem Beruf sich aber doch wenigstens als Sprachrohr nützlich machen. Aber meist ist es so, daß die Schauspieler gleich den Seeleuten oft in den bittersten Nöten stecken,--denn die Augenblicke vor dem Auftreten können entsetzlich sein!--und daß sie oft zu einem Werkzeug Gottes berufen sind, so oft dem Unerwarteten, dem Großen gegenüberstehen, daß sie in ihrem Herzen eine Furcht und eine Sehnsucht tragen, ein großes Gefühl des eigenen Unwertes, und wir wissen, daß Christus zu den Zöllnern und zu den reuigen Sünderinnen am liebsten kam. Ich gebe ihnen keinen Freibrief; wirklich, je größer die Aufgabe ist, die sie meines Erachtens im Lande haben,--was auch daraus erhellt, daß in einem Volke nicht viele große Schauspieler auf einmal leben!--desto größere Schuld laden sie auf sich, wenn ihr Wirken sie zur Gehässigkeit hinreißt oder sie in einen schlappen Leichtsinn hineinschleudert. Aber gleichwie es keinen Schauspieler gibt, der nicht aus einer Reihe von Enttäuschungen gelernt hat, wie nichtssagend Beifall und Schmeichelei sind, obwohl die meisten sich den Anschein geben, als glaubten sie daran,--so sehen wir wohl ihre Fehltritte und ihre Schwächen, aber wir kennen nicht ihr Verhältnis zu ihnen, und darauf kommt es doch an."
Viele meldeten sich zum Wort, sie fingen auch alle zugleich zu reden an, aber:
"Ich mag wohl vierzehn Jahre gewesen sein--" klang es vom Klavier her, und alles strömte ins andere Zimmer; denn Signe sang, und Signes schwedische Volkslieder waren das entzückendste, was man sich denken konnte. Ein Lied folgte dem andern, und als nun diese schönsten Volkslieder der Welt, die treulich Kunde bringen von der Seele eines großen Volkes, alle in erwartungsvolle Weihestimmung versetzt hatten, da stand Ödegaard auf und bat Petra, ein Gedicht vorzutragen. Sie mußte darauf vorbereitet sein, denn sie wurde feuerrot. Aber sie trat sogleich vor, obwohl sie so zitterte, daß sie sich an einer Stuhllehne festhalten mußte, dann wurde sie leichenblaß und fing an:
Ihm ward nicht verstattet, zu fahren hinaus; Sein Vater war alt, seine Mutter war schwach, Und die Wirtschaft ward größer allgemach:-- "Was brauchen ihn Wikingerfahrten zu scheren? Hier hat er, was immer sein Herz kann begehren."
Doch der Bursch sah sehnend die Wolken fliehn, Sah reisige Recken zur Walstatt ziehn; Und sehnend gewahrt' er im Sonnenstrahl Den König in seinem prangenden Saal. Er stand, er vergaß der täglichen Pflichten, Er stand und gedachte der alten Geschichten.
Ein Morgen kam, wo die Flucht er ergriff Zur äußersten Klippe, zum offenen Meer, Zu schaun auf das Spiel um Strand und Riff, Zu lauschen dem Dröhnen der Brandung umher. Es war ein Tag in des Lenzes Beginn, Wo der Sturmwind ruft übers Land dahin: Du sollst nicht mehr schlafend im Eise stocken!-- Da mußt' ihn ein Bild zum Wagnis verlocken.
Da lag ein Langschiff in stahlgrauer Bucht, Ausruhend von feindlicher Stürme Wucht. Die Segel gerefft vor Anker lag's, Schien aber sich wenig zu freuen des Tags; Denn die Segel zuckten, der Mast war gebogen, Und den schaukelnden Bug umschäumten die Wogen.
Man gönnte sich kurze Rast an Bord; Wer grade nicht schmauste, der schlummerte dort. Da hörten sie rufen herab von den Klippen-- Fast klang's wie ein Wort von des Wahnsinns Lippen--: "Ist keinem auf haushohen Wogen geheuer, Mich drängt es danach;--drum gebt mir das Steuer!"
Empor zu dem Berghang blickten ein paar; Sonst wandte sich keiner herum von der Schar, Und keiner ließ sich die Eßlust rauben. Da fiel ein Stein; zwei mußten dran glauben.
Auf sprang man von Deck; die Schüsseln waren Im Nu verschwunden, die Waffen erhoben; Es schwirrten die Pfeile;--jedoch der droben Stand ruhig und sagte mit festem Gebaren: "Hauptmann, magst willig dein Schiff du mir geben Oder drum kämpfen auf Tod und Leben?"
Für Scherz nur nahm es der wilde Hauf, Ein Pfeilschuß war die Antwort darauf. Der traf ihn nicht. Er sagte gelassen: "Noch will mich des Todes Haus nicht fassen. Du, der die sämtlichen Meere durchpflügte, Kannst dorthin gehn oder heim dich trollen. Was immer sich deiner Herrschaft fügte, Muß mein sein; denn jetzt begann mein Wollen. Du sammeltest mir zu Nutz und Frommen! Man wartet auf mich; meine Zeit ist gekommen."
Stolz lachte der andre in klirrenden Waffen: "Ernennt dich dein Sehnsuchtstraum zum Sieger, Sollst Frieden du haben. Komm, sei mein Krieger!"-- "Ich kann nicht; ich bin zum Hauptmann geschaffen. Mich weist mein Weg, als Herrscher zu schalten; Das Neue kann nimmer gehorchen dem Alten."
Vergeblich nach Antwort sein Ohr sich spannte. Da sprang er hinunter die Felsenkante: "Ihr Helden, am Hauptmann ist es, zu zeigen, Wem Walvater siegverleihend erschienen. Dem Sieger sollen die Mannen sich neigen. Schmach denen, die nicht dem Größten dienen!"
Der Hauptmann erglühte vor Zorn; vom Schiff Ins Wasser sprang er und schwamm zum Lande: Der andere lief hinab zum Strande Und zog ihn herauf mit markigem Griff.
Der Hauptmann sah ihm ins Aug', und klar Erkannt' er, wie hohen Sinnes er war. "Werft schnell ihm herüber die fehlenden Waffen," So rief er zum Schiff. "Wirst Sieg du erraffen, Dir reichte das Schwert, kannst du dann sagen, Er selber, den du damit erschlagen." Und am Bergfuß strafften im Kampf sich die Glieder; Auf jeglichen Streich folgt' ächzendes Dröhnen. Vom Meer scholl zornig des Drachen Stöhnen; Bald sank sein Hauptmann getroffen darnieder.
Ein Schrei zum eisgrauen Felsen klang, Von Steven zu Steven hinab in die Fluten Stürmten die Mannen in Rachegluten Und standen bald oben am Klippenhang. Da hob der Gefallene, schon am Rand Des Todes, gebietend noch einmal die Hand: "Ein Mann muß fallen vorm Lebensreste! Denn groß soll enden ein Heldengesang. Nehmt ihn zum Hauptmann; er ist der Beste!"
Da ward ihm für immer Schweigen geboten; Die Recken umringten einen Toten. An Odins Tisch war bereitet sein Platz; Vorm Scheiden wies er den rechten Ersatz.
Der neue Hauptmann säumte mit nichten. Er trat auf den Stein und sprach mit Bedacht: "Erst sollt ihr dem Helden ein Grabmal errichten, Des Großen gedenkend, das er vollbracht. Doch gilt's noch vor Abend die Ruder zu stemmen: Der Tod darf die Reise des Lebens nicht hemmen."
Und das Mal ward gebaut und die Segel gezogen, Bald schwankte der Drache auf zackigen Wogen. Zu ihm auf der Toteninsel zieht Zurück übers Meer ein Weihelied, Ein Willkommgruß für den jungen Streiter; Kühn steuernd führt er das Fahrzeug weiter.
Doch als er die Heimatküste berührt, Wo alle sich hastig am Strande scharen, Um staunenden Blicks den Mann zu gewahren, Der Oegers seestarkes Schiff nun führt,-- Fällt rötlich der Abendsonne Strahl Auf Segel und Schiff und den Helden zumal.
Er steuert so mutig, daß rings im Rund Sie angstvoll rufen: "Er geht zu Grund!" Er lenkt das Schiff in den wildesten Braus, Hinlächelnd zu ihnen: "Darf jetzt ich hinaus?"
Das Gedicht wurde mit bebender Stimme, feierlich und ohne eine Spur von Ziererei vorgetragen. Alle standen da, als sei zwischen ihnen ein hoher, hoher Lichtstrahl aus der Erde hervorgebrochen im Regenbogenglanz. Keiner sprach, keiner rührte sich;--der Kapitän aber konnte es nicht lange aushaken, er sprang auf, schnaufte, reckte sich und sagte: "Ja, ich weiß nicht, wie es Euch andern ergeht; aber wenn ich auf die Art angefaßt werde, dann muß ich, der Teufel hol's--"--"Herr Kapitän, nun hast Du wieder geflucht", sagte das kleine Mädchen und drohte ihm mit dem Finger; "nun kommt der Teufel gleich und holt Dich!"--"Ja, das ist mir ganz egal, Kind, laß ihn nur kommen, denn jetzt muß ich, hol's der Teufel, ein patriotisch Lied hören!" Ohne weiteres setzte sich Signe ans Klavier, und die frohe Gesellschaft sang:
Ich will schützen mein Land, Ich will bauen mein Land, Will es lieben in meinem Gebet, meinem Kind, Will ihm mehren die Macht, Will es wissen bewacht Bis hinaus zu dem Fischer in Wellen und Wind.
Hier ist Sonne genug, Hier ist Saatgrund genug, Wenn nur uns es, nur uns es an Liebe nicht fehlt. Hier ist schöpfrischer Drang, Der des Werkeltags Gang, Wenn wir einig ihm folgen, beschwingt und beseelt.
Wir befuhren das Meer Und die Ströme umher, In den Landen rings ragt manch normannischer Turm. Doch noch weiter fliegt heut Unser Banner und beut Seine purpurne Brust immer stärkerem Sturm.
Und noch vor uns liegt viel; Denn wir haben ein Ziel, Und dies Ziel ist der Tag, der drei Stämme verschweißt. Was du tust, sei ein Zoll An ein heiliges Soll, Sei ein Quell in den Strom, der die Dämme zerreißt.
Diese Scholle ist mein Und wird teuer mir sein, Wie sie's ist, wie sie's war, so in Drangsal wie Glück. Und wie sie uns geliebt, Diese Heimat, so gibt Unser dankbares Herz ihr nun Liebe zurück.
Signe stand vom Klavier auf, trat auf Petra zu, legte den Arm um sie und zog sie in das Arbeitszimmer, wo weiter niemand war.--"Petra, wir wollen wieder Freunde sein!"----"O Signe, endlich verzeihst Du mir!"--"Jetzt kann ich alles tun, was ich soll! Petra, liebst Du Ödegaard nicht?"----"O Gott, Signe!"--"Petra, das habe ich vom ersten Tage an geglaubt,--und ich habe gedacht, er sei jetzt endlich gekommen, um------bei allem, was ich seit zweieinhalb Jahren für Euch gedacht und getan habe, habe ich dies vor Augen gehabt, und Vater hat es auch geglaubt; er hat jetzt sicher auch mit Ödegaard darüber gesprochen."--"Aber, Signe--!"--"Schscht!" sie legte die Hand auf den Mund und lief aus dem Zimmer; man hatte sie gerufen; man wollte zu Tisch gehen.