Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 44

Chapter 443,785 wordsPublic domain

Der Propst dampfte und paffte und sagte schließlich in dem sichtbaren Bemühen, seine Ruhe zu bewahren: "Mir ist dies Spiel keine Versuchung, mir ist es eine Erquickung und eine Befreiung.--Nun wißt Ihr aber, daß alles, was unsern Geist frei machen kann, uns empfänglicher und verständnisvoller macht; deshalb glaube ich ganz gewiß, daß diese Musik mir eine Hilfe ist."--"Und ich weiß, es gibt Pfarrer, die nach Pauli Wort trotzdem darauf verzichten würden, wenn ihre Pfarrkinder sie darum bäten", sagte der junge Mensch.--"Vielleicht habe ich früher seine Worte auch in diesem Sinne aufgefaßt," antwortete der Propst, "aber jetzt nicht mehr. Man kann wohl auf eine Gewohnheit oder auf einen Genuß verzichten; aber man soll sich hüten, einseitig und beschränkt zu werden mit den Einseitigen und Beschränkten. Ich handle dadurch nicht allein unrecht an mir selbst, sondern auch an den Menschen, denen ich ein Beispiel geben soll; denn ich gebe ihnen ja ein falsches Beispiel, ein Beispiel gegen meine Überzeugung." Der Propst brachte selten außerhalb seiner Kanzel eine so lange Auseinandersetzung zustande. Er fügte hinzu: "Ich werde mein Instrument nicht weggeben und nicht verbrennen; ich will es noch oft hören, weil ich oft das Bedürfnis danach habe, und ich möchte wünschen, daß auch Ihr bisweilen in aller Unschuld Euren Geist freimachtet durch Gesang, durch Spiel und Tanz; denn ich halte das für gut und richtig."

Der junge Mensch beugte den Kopf zur Seite, "Pfui!" er spuckte aus.

Der Propst wurde blutrot im Gesicht, und es entstand eine Pause. Da setzte der Hin- und Herwiegende mit lauter Stimme ein:

"O Herr, wie schwach ist dieser Leib, Denn nur mit Angst und Zagen Kann arm und reich, kann Mann und Weib Sein Kreuz geduldig tragen. Denn Fleisch und Blut gebrechlich sind, Das müssen wir alle sagen."--

Und dann Lars mit sanfter Stimme: "Also Du sagst, Spiel und Tanz sei richtig,--na!----Also es ist richtig, den Satan durch die Sinne aufzuwecken, na!--Also das sagt unser Herr Pfarrer,--na, dann wissen wir es ja!----Na, also er sagt, alles, was in Müßiggang und Sinnlichkeit geschieht, ist zur Erlösung und zur Hilfe da,----alles, was einen in Versuchung führt, ist richtig!"--Jetzt mischte sich aber Ödegaard ein, denn er sah dem Propst an, daß die Sache schief gehen würde: "Sag' mal, guter Mann, was führt uns denn nicht in Versuchung?"

Alle sahen dahin, woher diese sicheren, schneidigen Worte kamen. Die Frage an sich war so unerwartet, daß Lars im Handumdrehen nicht wußte, was er antworten sollte, auch die andern nicht. Da klang es wie aus einem Brunnen oder aus einem Keller heraus: "Das ist die Arbeit."--Die Stimme kam von den vielen Tüchern her; es war Randi, die zum erstenmal auch ein Wort sagte. Ein triumphierendes Schmunzeln zog über Lars' kurzes Untergesicht, die blonde Frau blickte zuversichtlich zu ihr hin, selbst der junge Mensch an der Tür verlor für einen Augenblick die spöttische Wölbung der Lippen. Ödegaard war es klar, daß dies das Haupt sein mußte, trotzdem es nicht zu sehen war. Er wandte sich deshalb an sie: "Wie muß denn die Arbeit beschaffen sein, damit sie uns nicht in Versuchung führt?" Sie wollte hierauf nicht antworten; der junge Mensch aber entgegnete: "Der Fluch lautet: im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen; sie soll aber Schweiß und Mühe bringen."--"Und außer Schweiß und Mühe nichts? Zum Beispiel keinen Vorteil?"--Hierauf wollte auch er nicht antworten; aber nun fühlte sich das kurze Untergesicht berufen: "Doch, soviel Vorteil wie möglich."--"Aber dann muß doch auch in der Arbeit eine Versuchung liegen, nämlich die Lockspeise eines zu großen Vorteils." Bei dieser Umzingelung kam Entsatz aus der Tiefe: "So ist es der Vorteil, der uns versucht, und nicht die Arbeit."---"Ja, aber was will das sagen, wenn die Arbeit um des Vorteils willen übertrieben wird?" Sie verkroch sich wieder; Lars aber wagte sich heraus: "Was heißt die Arbeit übertreiben?"--"Na, wenn sie Dich zu einem Tier macht, wenn sie Dich in Sklaverei bringt."--"Sklaverei muß sein", sagte der, der den Schweiß des Angesichts haben wollte.--"Aber kann Sklaverei zu Gott führen?"--"Arbeit ist Gottesdienst!" rief Lars.--"Kannst Du das von Deiner ganzen Arbeit sagen?" Lars schwieg.--"Nein, sei vernünftig und gib mir zu, daß um des Vorteils willen die Arbeit so übertrieben werden kann, _als ob wir nur dafür lebten_. Also liegt auch in der Arbeit eine Versuchung."--"Ja, eine Versuchung liegt in allem, Kinder,--eine Versuchung liegt in allem!" entschied jetzt der Propst, indem er aufstand und, als wolle er der Sache ein Ende machen, seine Pfeife ausklopfte. In den vielen Umschlagtüchern seufzte es, aber eine Antwort kam nicht.

"Seht," begann Ödegaard wieder,--und der Propst stopfte sich eine neue Pfeife,--"wenn nun die Arbeit einen Vorteil, das heißt Frucht bringt, so haben wir doch wohl das Recht, diese Frucht zu genießen? Wenn sie uns Reichtum bringt, haben wir doch wohl das Recht, diesen Reichtum zu genießen?"--Das erregte großes Bedenken; einer blickte den andern an. "Ich will antworten, während Ihr darüber nachdenkt", sagte er. "Gott hat uns die Möglichkeit gelassen, seinen Fluch in Segen zu verwandeln; denn er selbst leitete die Patriarchen und sein ganzes Volk zum Genuß des Reichtums an."--"Die Apostel durften nichts besitzen", warf der junge Mensch siegessicher ein.--"Ja, das stimmt; denn die wollte er über alle menschlichen Lebensbedingungen stellen, damit sie nur Gott schauen sollten;--sie waren berufen!"--"Wir sind alle berufen!"--"Aber nicht im gleichen Sinne; bist Du zum Apostel berufen?"--Der junge Mensch wurde leichenblaß, seine Augen unter der Stirnmauer verdüsterten sich; er mußte seinen Grund haben, sich das zu Herzen zu nehmen.

"Aber der Reiche soll auch arbeiten", meinte Lars; "denn Arbeit ist ein Gebot."--"Gewiß soll er das, wenn er auch andere Mittel und andere Aufgaben hat; jeder hat seine. Aber sag', soll der Mensch unaufhörlich arbeiten?"--"Er soll auch beten", fiel die blonde Frau ein und faltete die Hände, als komme ihr jetzt zum Bewußtsein, daß sie es zu lange versäumt habe.--"Also: immer wenn ein Mensch nicht arbeitet, soll er beten?--Kann ein Mensch das?--Was wäre das für ein Beten, und was wäre das für ein Arbeiten?--Soll er nicht auch ausruhen?"--"Wir sollen erst ausruhen, wenn wir nicht mehr können; dann werden wir nicht von bösen Gedanken versucht,--ja, dann werden wir nicht in Versuchung geführt!" sagte Eise wieder, und der Psalmist fiel ein:

"So gehet ein, ihr Müden, In Jesu süßen Frieden, Die Arbeit war so groß. Die Zeit ist nicht mehr weit, Da man für euch bereit't Ein Bettlein in der Erde Schoß!"----

"Still, Erik, und hör' zu," sagte der Propst. Ödegaard aber zog jetzt die Schlinge zusammen: "Seht Ihr, die Arbeit trägt ihre Frucht und braucht ihre Rast. Nun aber ist meine Ansicht von Geselligkeit, von Sang und Spiel und dergleichen, daß sie nicht nur eine süße Frucht der Arbeit sind, sondern daß sie zugleich auch dem Geist eine erquickende Muße bieten."

Hier entstand eine Bewegung im Lager; alle sahen zu Randi hin, denn jetzt mußten die Haupttruppen heranrücken; sie wackelte und wackelte und schließlich kam es langsam und still heraus: "Weltlicher Sang und Spiel und Tanz sind keine Muße, denn das entfacht das Fleisch zu sündiger Begierde. Eine Frucht der Arbeit kann auch wohl so etwas nicht sein, das die Arbeit vergeudet und das verweichlicht."--"Ja, in so etwas liegt eine große Versuchung!" sagte die blonde Frau seufzend. Dabei fiel Erik der Vers ein:

"Mit Schmerz erkennen wir, Daß ständig wachsen hier Die Laster und Begierden, Geschmückt gleich Tugendzierden, Die leise uns umringen Und sich zum Himmel schwingen--"

"Sei still, Erik!" sagte der Propst; "Du verwirrst uns nur."--"Ach ja, das mag wohl sein", sagte Erik und fing wieder an:

"Wenn euch mit heuchlerischem Sinn Ein anderer will führen hin Zum breiten, glatten Sündenpfad, Den wählt euch nicht als Kamerad----"

"Nun hör' aber auf, Erik!--Das Lied ist ja recht schön, aber alles zu seiner Zeit und am rechten Ort."--"Ja, ja, Herr Pfarrer, das stimmt,--alles zu seiner Zeit und am rechten Ort:

"Schenk' jede Stunde heute Dem Höchsten früh und spät Ein jeder Herzschlag läute Wie Glocken zum Gebet--"

"Nein, nein, Erik, dann würde ja auch das Gebet zur Versuchung; Du müßtest Katholik werden und ins Kloster gehen!"--"Gott behüte!" sagte Erik und riß die Augen weit auf, machte sie dann wieder zu und fing an:

"Wie Staub und Schlacken zu echtem Gold Ist kathol'sch--"

"Hör' mal, Erik, wenn Du nicht ruhig sein kannst, so geh gefälligst mit dem Rest hinaus.--Wo waren wir denn stehen geblieben?" Ödegaard aber hatte mit großem Behagen Erik angehört und wußte es nicht mehr. Da kam es friedlich aus den vielen Tüchern heraus: "Ich sagte, es könne doch keine Muße und keine Frucht der Arbeit in etwas sein, das--"--"Jetzt erinnere ich mich: das eine Versuchung in sich trägt,--und dann kam Erik und bewies uns, daß auch im Gebet eine Versuchung liegen kann.--Wir wollen also überlegen, was jene Dinge sonst für Folgen haben können. Ist Euch aufgefallen, daß fröhliche Menschen besser arbeiten als schwermütige? Woher kommt das?"

Lars merkte, worauf das hinausging, und sagte deshalb: "Fröhlich macht der Glaube."--"Ja, wenn es ein heller Glaube ist; aber weißt Du nicht, daß der Glaube so finster machen kann, daß die Welt um uns her zu einem Zuchthause wird?"

Die blonde Frau seufzte unaufhörlich, so daß die vielen Tücher dadurch in Bewegung kamen; Lars blickte sie auch scharf an, und da schwieg sie.--Ödegaard fuhr fort: "Ein ewiges Einerlei, sei es Arbeit, Gebet oder Vergnügen, macht dumm und finster. Du kannst den Acker umgraben, daß Du zu einem Tier wirst, beten, bis Du ein Gewohnheitsmönch bist, spielen, bis Du eine schlappe Spielpuppe bist. Aber mische es einmal! Der Wechsel stärkt Sinn und Gedanken; dabei gedeiht Deine Arbeit, und Dein Glaube wird licht."--"Wir wollen uns also jetzt aufs Fröhlichsein verlegen!" sagte der junge Mensch und lachte.--"Ja, dann würdest Du für Dein Teil eine Gemeinschaft mit andern Menschen finden; denn erst in der Freude sieht man das Gute bei andern und liebt es. Man kann aber Gott nur lieben, wenn man seinen Nächsten liebt."

Da nicht sogleich ein Widerspruch erfolgte, versuchte Ödegaard zum zweitenmal die Schlinge zusammenzuziehen und sagte: "Die Dinge, die _freimachen_, also daß der Heilige Geist in uns wirken kann,--denn in den Gefesselten kann er nicht wirken,--die Dinge, die uns helfen, müssen einen Segen in sich tragen,--und das tun diese Dinge." Der Propst stand auf, er hatte seine Pfeife schon wieder auszuklopfen.

In der Pause, die jetzt folgte, und in der kein Seufzer zu hören war, merkte man, wie die vielen Tücher sich abmühten, und schließlich hörte man ein zaghaftes: "Es steht geschrieben: Was Du aber tust, das tu zu Gottes Ehre;--sind aber weltlicher Gesang, Spiel und Tanz zu Gottes Ehre?"

"Ohne weiteres nicht;--aber können wir dieselbe Frage nicht beim Essen, beim Schlafen, beim Anziehen stellen? Und doch _müssen_ wir das alles tun. Es kann also nur gemeint sein, daß man nichts tun soll, was Sünde ist."--"Ja, ist das denn aber keine Sünde?"

Zum erstenmal wurde Ödegaard ein bißchen ungeduldig. Er beschränkte sich deshalb darauf, zu sagen: "Wir lesen in der Bibel, daß Gesang, Spiel und Tanz Brauch waren."--"Ja, zu Gottes Ehre."--"Nun ja, zu Gottes Ehre. Aber daß die Juden immer und in allem den Namen Gottes im Munde führten, geschah aus dem Grunde, weil sie wie Kinder die Dinge noch nicht eingeteilt hatten. Den Kindern ist jeder fremde Mensch, der Mann",--auf die Frage des Kindes: "Woher kommt dies, woher kommt das?' antworten wir immer dasselbe: 'von Gott'; aber als Erwachsene Erwachsenen gegenüber nennen wir zugleich das Zwischenglied, wir nennen nicht bloß den Geber, Gott. So kann zum Beispiel ein schönes Lied von Gott handeln oder zu Gott führen, auch wenn Gottes Name nicht genannt ist; denn gar vieles führt zu ihm hin, wenn auch nicht auf dem direkten Wege. Unser Tanz, wenn in Wahrheit gesunde, unschuldige Menschen ihre Freude an ihm haben, preist--wenn auch nicht direkt--ihn, der uns die Gesundheit schenkte, und der das Kind in uns liebt."

"Merkt Euch das, merkt Euch das!" sagte der Propst; er war sich klar, daß er lange Zeit diese Dinge mißverstanden und sie andern falsch ausgelegt hatte.

Lars aber hatte lange nachdenklich dagesessen. Jetzt war er fertig. Das Samenkorn hatte sich von der hohen Stirn zu dem kurzen, knorrigen Untergesicht herabgesenkt; hier war es ausgedroschen und gemahlen worden und kam jetzt heraus: "All die Märchen und Erzählungen und Geschichten, all die Gedichte und das erfundene Zeug, wie es heutzutage die Bücher füllt,--ist das auch erlaubt? Steht nicht geschrieben: Jedes Wort, das aus Deinem Munde gehet, sei Wahrheit?"

"Es freut mich, daß Du darauf kommst.--Siehst Du, mit den Gedanken ist es genau wie mit dem Hause, in dem Du wohnst. Wäre es so eng, daß Du kaum mit dem Kopf hineinkönntest und nur eben die Beine ausstrecken, so müßtest Du es auch wohl ausbauen. Und die Dichtung erhebt die Gedanken und baut sie aus. Wäre das Maß der Gedanken, das über das Allernotwendigste hinausgeht, Lüge, so würden bald auch die allernotwendigsten Gedanken Lüge werden. Sie würden Dich so einklemmen in Dein Erdenhaus, daß Du nie die Ewigkeit erreichtest, und doch geht Dein Weg dahin, und die Gedanken sollten Dich im Glauben dahin führen."--"Aber etwas Erdichtetes ist doch etwas, was nicht gewesen ist, und dann ist es doch Lüge?" sagte Randi nachdenklich.--"Nein, es zeigt uns oft eine größere Wahrheit, als die Dinge, die wir sehen", antwortete Ödegaard. Jetzt blickten ihn alle zweifelnd an, und der junge Mensch warf ein: "Ich habe bis jetzt nicht gewußt, daß in den Sagen von Askelad mehr Wahrheit ist, als in dem, was ich mit meinen Augen sehe!"--Alle lachten leise.--"So sage mir, ob Du immer den Zusammenhang dessen begreifst, was Du vor Augen siehst?"--"Ich bin wohl nicht gelehrt genug?"--"Oh, ein Gelehrter begreift ihn gewiß noch viel weniger! Ich meine nämlich solche Dinge des täglichen Lebens, die uns Kummer und Herzeleid machen, und über die wir grübeln, bis wir schwarz werden, wie man so sagt. Kommt so etwas nicht vor?"--Er antwortete nicht; aus den vielen Tüchern heraus aber ertönte es in tiefem Ernst: "Doch, sehr oft."--"Wenn Du nun aber eine erfundene Geschichte hörtest, die Deiner eigenen so gliche, daß Du Deine Geschichte verständest, wenn Du die andere hörtest? Würdest Du von der Geschichte, die Dir Deine eigene klar macht, die Dir den Trost und die Festigung gibt, die im Verständnis liegen,--nicht sagen, die Geschichte habe für Dich größere Wahrheit als Deine eigene?" Die blonde Frau sagte: "Ich habe einmal eine Geschichte gelesen, die mir über einen großen Kummer so hinweggeholfen hat, daß das, was mich bisher so bedrückt hatte, mir fast eine Freude wurde." Aus den Tüchern heraus erscholl ein Räuspern;--"ja, es ist doch wahr", fügte sie ängstlich hinzu.

Der junge Mensch aber wollte es nicht zugeben: "Können die Sagen von Askelad einem Menschen zum Trost gereichen?"--"Nun, je nachdem. Der Humor hat große Macht, und jene Sagen zeigen lustig, daß einer, von dem die Welt am wenigsten hält, oft am weitesten kommt,--daß alles dem beisteht, der selbst guten Muts ist, und daß der Mann vorwärts kommt, der es von ganzem Herzen will. Meinst Du nicht, es ist für viele Kinder gut, wenn sie daran erinnert werden, und für viele Erwachsene auch?"--"Aber es ist doch Aberglauben, wenn man an den Teufel und an Hexerei glaubt."--"Wer hat gesagt, daß Du daran glauben sollst? Das ist Bilderschrift."--"Aber es ist uns verboten, Bilder und Zeichen zu gebrauchen, weil jeglicher Schein dem Teufel zugehört."--"So; wo steht das?"--"In der Bibel."--Hier fiel der Propst ein: "Nein, das ist ein Mißverständnis; denn die Bibel gebraucht selbst Bilder."--Alle blickten zu ihm auf. "Sie gebraucht auf jeder Seite Bilder, wie das überhaupt den morgenländischen Völkern eigen ist. Wir haben selbst auch Bilder in unserer Kirche, wir haben Bilder in unserer Sprache, in Holz, auf Leinwand, in Stein, und wir können uns die Gottheit nur durch Bilder vorstellen. Nicht genug damit: Jesus wendet Bilder an; hat Gott der Herr selbst nicht mancherlei Gestalt angenommen, wenn er sich den Propheten offenbarte? Kam er nicht in Gestalt eines Wanderers zu Abraham nach Mamre und aß mit ihm an seinem Tisch? Kann aber die Gottheit mancherlei Gestalten annehmen und Bilder gebrauchen, so können die Menschen es auch."--Man mußte ihm beipflichten. Ödegaard aber stand auf und schlug den Propst leicht auf die Schulter: "Schönen Dank, da haben Sie eben ganz prächtig aus der Bibel bewiesen, daß das Schauspiel zulässig ist!"--Der Propst blieb erschrocken stehen: der Rauch, den er im Munde hatte, quoll ganz von selbst langsam heraus.

Ödegaard ging dann durch die Stube auf die Frau mit den vielen Umschlagtüchern zu und bückte sich, um eine Spur ihres Gesichts zu entdecken, allein vergeblich. "Möchtest Du noch mehr wissen?" fragte er; "denn Du scheinst über dies und jenes nachgedacht zu haben."--"O Gott sei mir gnädig, ich denke wohl nicht immer das richtige."--"Ja,--in der ersten Zeit nach der Gnade der Bekehrung ist man so erfüllt von diesem Wunder, daß einem alles andere zwecklos und unrichtig erscheint. Man ist wie ein Liebhaber, der nur nach seiner Geliebten Sehnsucht hat."--"Ja, aber sieh die ersten Christen an, die sollen uns doch ein Beispiel sein."--"Nein, ihre strengen Lebensbedingungen mitten unter den Heiden sind nicht mehr die unseren; wir haben andere Aufgaben, wir müssen das Christentum in unserem heutigen Leben unterbringen."--"Aber im Alten Testament stehen so viele Worte, die dem, was Du sagst, widersprechen", sagte der junge Mensch zum erstenmal ohne Bitterkeit.--"Ja, denn jene Worte sind jetzt tot, sie sind abgeschafft', wie der Apostel Paulus sagt: _Welcher auch uns tüchtig gemacht hat, das Amt zu führen des Neuen Testaments; nicht des Buchstabens, sondern des Geistes_,--und weiter: _Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit_. Und: _Ich habe es alles Macht_, sagt Paulus weiter, doch er fügt hinzu: Es frommt aber nicht alles.--Nun sind wir so glücklich, das Leben eines Mannes vor Augen zu haben, das uns zeigt, was Paulus gemeint hat. Luthers Leben. Von Luther glaubt Ihr doch, daß er ein guter, aufgeklärter Christ war?" Ja, das glauben sie.--"Luthers Glaube war ein lichter Glaube, es war der Glaube des Neuen Testamentes! Er hatte von dem finsteren Glauben die Ansicht, dahinter liege der Teufel am liebsten auf der Lauer. Er hatte von der Furcht vor der Versuchung die Ansicht, daß der am wenigsten versucht wird, der sich am wenigsten fürchtet. Er nutzte alle Gaben, die Gott ihm gegeben hatte, auch die Fähigkeit, sich zu freuen, er nahm das Leben als Ganzes. Wollt Ihr Beispiele? Der fromme Melanchthon schrieb einmal so eifrig an einer Verteidigung der reinen Lehre, daß er sich die Zeit zu den Mahlzeiten nicht gönnte. Da nahm Luther ihm die Feder aus der Hand. 'Man dient Gott nicht allein durch Arbeit,' sagte er, 'sondern auch durch Ruhe und Erholung; deshalb hat Gott das dritte Gebot gegeben und den Sabbat eingesetzt,' Und weiter: Luther wandte in seiner Rede viele Bilder an, scherzhafte und ernste durcheinander, und er steckte voll von guten, oft sehr lustigen Einfallen. Er übersetzte auch alte, schöne Volkssagen in seine Muttersprache und sagt in der Vorrede, daß er nächst der Bibel kaum bessere Ermahnungen kenne als diese. Er spielte, wie Ihr vielleicht wißt, die Laute, und sang mit seinen Kindern und seinen Freunden,--nicht bloß Choräle, nein, auch alte, fröhliche Lieder; er liebte Gesellschaftsspiele, spielte Schach und ließ die Jugend in seinem Hause tanzen; er verlangte nur, daß alles in Zucht und Ehren geschehe. Dies hat ein alter, treuherziger Schüler Luthers, nämlich der Pfarrer Johann Mathesius, aufgezeichnet und seinen Pfarrkindern von der Kanzel herab erzählt. Er betete, er möge ihnen die Wege weisen,--und wir wollen nun das gleiche beten!"

Der Propst stand auf: "Liebe Freunde, jetzt wollen wir es für heute genug sein lassen!" Alle erhoben sich. "Hier ist manches Wort zur Aufklärung gesprochen worden; möge Gott seinen Segen zu dieser Aussaat geben!--Liebe Freunde, Ihr wohnt an abgelegenen Stätten; Ihr wohnt hoch oben auf den Höhen, wo der Frost das Korn häufiger mäht als die Sichel. Solche Einöden sollte man wieder den Sagen und dem weidenden Vieh überlassen. Das geistige Leben gedeiht spärlich da oben und wird kümmerlich wie die Kräuter. Das Vorurteil drückt auf das Leben wie die Berge, unter denen es heranwächst; sie werfen ihre Schatten darauf und treten trennend dazwischen. Der Herr sammle, der Herr erleuchte Euch!--Ich danke Euch für heute, meine Freunde! Auch mir hat dieser Tag zu größerer Klarheit verhelfen." Er gab jedem von ihnen die Hand, und selbst der junge Mensch streckte ihm seine Hand freundlich hin, ohne jedoch aufzublicken.

"Ihr müßt über die Berge;--wann kommt Ihr denn nach Hause?" fragte der Propst, als sie gehen wollten.--"Ach, in der Nacht wohl," antwortete Lars; "es hat sich jetzt viel Schnee angesammelt, und wo der fortgeweht ist, liegt Höckereis."--"Ja, liebe Freunde, es ist aller Ehren wert, unter solchen Umständen zur Kirche zu kommen. Möget Ihr jetzt auf dem Wege nicht zu Schaden kommen!"--Erik antwortete leise:

"Ist Gott für mich, so trete Gleich alles wider mich, So oft ich ruf und bete, Weicht alles hinter sich!"

"Das stimmt, Erik,--diesmal hast Du's getroffen!" "Ja, wartet mal", sagte Ödegaard, als sie sich zum Gehen wandten; "es ist nicht zu verwundern, daß Ihr mich nicht kennt; aber ich dürfte auf den Ödhöfen doch wohl Verwandte haben." Alle wandten sich nach ihm um, selbst der Propst, der es wohl gewußt, aber völlig vergessen hatte. "Ich heiße Hans Ödegaard, der Sohn von Knut Hansen Ödegaard, dem Propst, der damals mit dem Ränzel auf dem Rücken von Euch fortzog."--Da klang es aus den vielen Tüchern heraus: "Herr Gott,--das ist ja mein Bruder."--Sie waren alle stehen geblieben, aber keiner wußte, was er sagen sollte. Schließlich fragte Ödegaard: "Also bin ich damals, wo ich als kleiner Bursch Vater hinaufbegleitete, bei Dir gewesen?"--"Ja, bei mir."--"Und eine Zeitlang auch bei mir", sagte Lars; "Dein Vater ist mein Schwesterkind."--Randi aber sagte wehmütig: "Also Du bist der kleine Hans;--ja, ja, die Zeit vergeht."--"Wie geht es Eise?" fragte Ödegaard.--"Dies ist Eise", sagte Randi und zeigte auf die blonde Frau.--"Du bist Eise!" rief er. "Du hattest damals einen Liebeskummer; Du wolltest den Dorfspielmann haben; hast Du ihn gekriegt?" Niemand antwortete. Obwohl es schon dämmerig war, sah er, wie Eise sehr rot wurde, und wie die Männer zur Seite oder zu Boden blickten,--ausgenommen der junge Mensch, der Eise fest ansah. Ödegaard merkte, daß er etwas Törichtes gefragt hatte; der Propst kam ihm zu Hilfe: "Nein, der Spielmann Hans ist unverheiratet geblieben; Eise hat Lars' Sohn bekommen; aber jetzt ist sie wieder frei, sie ist Witwe."--Wieder wurde sie glühend rot, der junge Mensch sah es und lächelte spöttisch.