Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 43
Nein! Jetzt wurde es dem Propst zu bunt! Er riß im Vorbeigehen Signe das Heft aus der Hand; er stürmte nach der Tür; und diesmal hielt sie ihn nicht zurück. Er fuhr wie ein Pfeil auf Petra los, schleuderte das Heft vor sie hin aufs Klavier, machte Kehrt und rannte durchs ganze Zimmer auf und ab. Als er wieder umdrehte, war sie aufgestanden. Sie hielt das Heft an die Brust gepreßt und sah sich mit verstörten Blicken nach allen Seiten um. Er blieb vor ihr stehen, um ihr klaren Wein einzuschenken; aber sein Zorn, die Erbitterung, daß er über zwei Jahre lang sich von diesem verschlagenen jungen Ding hatte mißbrauchen lassen, und vor allem darüber, daß sie sein eigenes, warmherziges, hingebendes Kind zum besten gehabt hatte, empörte ihn so, daß er nicht gleich Worte fand. Und als er sie endlich fand, da fühlte er selber, daß sie zu hart waren. Als er noch einmal durchs Zimmer gestürmt war und ihr wieder gegenüber stand, mit blutrotem Gesicht, da wandte er ihr einfach den Rücken und ging ohne eine Silbe zu sagen in sein Studierzimmer zurück. Als er hinkam, war Signe fort.
Den ganzen Tag blieb jedes auf seinem Zimmer. Der Propst aß allein zu Mittag; keins der Mädchen erschien. Petra hielt sich im Zimmer der Wirtschafterin auf, das man ihr nach dem Brand vorläufig angewiesen hatte. Vergebens hatte sie Signe überall gesucht, um ihr alles zu erklären; Signe schien überhaupt gar nicht im Hause zu sein.
Petra fühlte--sie stand vor einer Entscheidung. Ihres Lebens heimlichster Gedanke war ihr entrissen, und man wollte sich einen Einfluß erzwingen, den sie nicht dulden konnte. Sie fühlte selbst am besten--wenn sie dies ihr Lebensziel aufgab, so war sie allen Winden des Zufalls preisgegeben. Sie konnte froh sein mit den Fröhlichen, vertrauensvoll mit den Vertrauenden; immer und überall sicher,--aber alles nur kraft jenes geheimen Ziels: einmal all das zu erreichen, dem ihre Fähigkeiten in heißem Sehnen entgegenwuchsen. Sich noch einmal jemand anvertrauen, nach jenem ersten, mißglückten Versuch in Bergen--nein, das konnte sie nicht, nicht einmal Ödegaard; sie mußte es allein in sich tragen, bis es so stark geworden war, daß es jedem Zweifel standzuhalten vermochte.
Aber jetzt war alles anders geworden. Unablässig stand das feuerrote Gesicht des Propstes vor ihrem aufgeschreckten Gewissen. Jetzt galt es, sich zu retten! Sie suchte Signe, immer hastiger, immer aufgeregter; aber schon war es Nachmittag, und immer noch war Signe nicht da. Je weiter ein Mensch, den wir suchen, sich uns entzieht, desto mehr vergrößern wir uns selbst die Ursache der Trennung; und so kam es, daß ihr endlich klar wurde: es war ein Verrat gewesen an Signe, ihre Freundschaft heimlich zu etwas zu mißbrauchen, was Signe für eine große Sünde hielt. Gott, der Allwissende, war ihr Zeuge, daß eine solche Auffassung der Dinge ihr bisher überhaupt nicht in den Sinn gekommen war. Wie eine große Sünderin kam sie sich vor.
Genau wie damals zu Hause fühlte sie sich wie zerschmettert und hatte doch noch kurz vorher überhaupt keine Ahnung davon gehabt! Daß dies Entsetzliche sich wiederholen konnte, daß sie noch keinen Schritt weitergekommen war, das steigerte ihre unsichere Angst bis zum Grausen. Aber in dem Maß, wie ihre eigene Schuld wuchs, wuchs das Bild Signes an Seelenreinheit und großherziger Hingebung. Ja, Signe hatte in Wahrheit glühende Kohlen auf ihr Haupt gesammelt. Am liebsten hätte sie sich ihr zu Füßen geworfen, sie angerufen, sie angebettelt, hätte nicht abgelassen mit Flehen, bis Signe ihr wieder einen einzigen guten Blick geschenkt!
Es war dunkel geworden. Jetzt _mußte_ Signe doch endlich wieder da sein, wo sie auch sonst gewesen war! Petra lief hinunter, durch den Gang im Flügel, wo Signes Zimmer lag; die Tür war verriegelt. Also mußte sie drin sein! Ihr Herz klopfte, während sie nochmals die Klinke niederdrückte und bettelte: "Signe! Ich muß mit Dir reden! Ich halt' es nicht aus, Signe!"--Im Zimmer kein Laut. Petra bückte sich, horchte, klopfte. "Signe, Signe! Wenn Du wüßtest, wie unglücklich ich bin!"--Keine Antwort. Langes Horchen. Nichts. Wenn man lang gar keine Antwort erhält, so fängt man zuletzt zu zweifeln an, ob überhaupt jemand da ist, selbst wenn man es weiß; und wenn es dazu noch dunkel ist, so wird man noch ängstlich dabei. "Signe! Signe! Bist Du da? So hab' doch Erbarmen! Antworte doch!--Signe!" Es war und blieb still. Sie begann zu zittern und zu frösteln. Da ging die Küchentür auf mit einem breiten Lichtstreifen; leichte lustige Schritte liefen über den Hof. Das gab ihr einen Plan ein. Sie wollte ebenfalls auf den Hof, wollte auf den Vorsprung an der Steinmauer klettern, wo der Seitenflügel lag, und dann auf diesem Sims entlang um das ganze Gebäude gehen bis auf die andere Seite, wo es sehr hoch war. Und dann wollte sie in Signes Zimmer hineingucken!
Es war ein klarer Sternenabend; Berge und Häuser standen in scharfen Umrissen; sonst war nichts zu sehen; nur diese Umrisse. Der Schnee schimmerte; die dunkeln Pfade zwischendurch hoben seine Helle nur noch schärfer hervor. Von der Landstraße klang Schlittengeläut; das eilige Sausen, der Glanz wirkten ermunternd; Petra sprang auf den Sims. Sie wollte sich an den vorstehenden Balken der Holzverkleidung festhalten; aber sie verlor das Gleichgewicht und fiel wieder herunter. Jetzt holte sie eine leere Tonne und rollte sie an die Mauer, stieg hinauf und von der Tonne auf den Sims. Dort kroch sie auf Händen und Füßen ruckweise weiter, jedesmal etwa ein Viertelmeter. Es gehörten die starken Finger einer starken Hand dazu, um sich festzuhalten; denn die Balken sprangen kaum einen Zoll vor. Auch hatte sie Angst, man könne sie entdecken; denn natürlich würde man das gleich wieder mit der Strickleiter in Verbindung bringen. Wenn sie bloß erst von der Seite, die auf den Hof hinausging, weg und auf der Querwand war! Aber als sie endlich dort anlangte, drohte neue Gefahr: die Fenster waren nicht verhangen, und sie mußte sich ducken, während sie, in steter Angst zu fallen, vor den Fenstern vorüberkroch. An der Längswand wurde es immer höher; darunter, die ganze Mauer entlang, stand eine Stachelbeerhecke, die sie jedenfalls aufnehmen würde, wenn sie fiel. Aber sie hatte keine Angst mehr. Ihre Finger brannten, ihre Sehnen zitterten, der ganze Körper bebte; aber sie kletterte weiter. Jetzt nur noch ein paar Schritte und das Fenster war erreicht. Bei Signe brannte kein Licht, und der Vorhang war nicht herabgelassen. Der Mond schien voll ins Zimmer--sie mußte bis in den äußersten Winkel sehen können! Auch das gab ihr neuen Mut. Sie erreichte den Fenstersims, konnte sich endlich mit der Hand fest anklammern und ausruhen; denn nun, da sie am Ziel war, fing ihr Herz so heftig zu klopfen an, daß es ihr fast den Atem benahm. Aber je länger sie zauderte, desto schlimmer wurde es; also hieß es kurzen Prozeß machen... Und so beugte sie sich rasch entschlossen in voller Höhe gegen das Fenster. Ein gellender Schrei aus dem Zimmer war die Antwort. Signe hatte in der Sofaecke gesessen; jetzt stand sie mit einem Satz mitten im Zimmer, wehrte die grauenhafte Erscheinung in wildem Entsetzen ab und flüchtete. Diese Gestalt vor dem Fenster im Schein des Monds, diese rücksichtslose, widerwärtige Derbheit, das Gesicht, scharf vom Mond umrissen, erhitzt, funkelnd,--Petra begriff selbst mit Blitzesschnelle, daß ihr unglückseliger Einfall Signe nichts als Abscheu hatte einjagen können, ja, daß fortan ihr Bild vielleicht immer ein Schreckgespenst bleiben würde für Signe. Sie verlor das Bewußtsein und fiel mit einem durchdringenden Schrei hinunter. Die Leute im Hause waren auf Signes Ruf herbeigestürzt, hatten jedoch niemand gefunden. Da hörten sie wieder einen solchen Schrei; der ganze Hof lief zusammen, man suchte, man rief, ohne etwas zu finden; es war ein bloßer Zufall, daß der Propst aus Signes Fenster hinausblickte und im Mondschein Petra in den Büschen liegen sah. Eine große Angst überkam alle. Es kostete Mühe, sie von den Dornen loszumachen und hinaufzutragen. Man brachte sie in Signes Zimmer, weil die Stube der Wirtschafterin nicht geheizt war; man zog sie aus und brachte sie zu Bett, man wusch ihr Hals und Hände, die tüchtig zerkratzt waren, während wieder andere es recht warm und hell und behaglich im Zimmer machten. Als sie wieder zu sich gekommen war und sich umsah, bat sie, man möge sie allein lassen. Die ruhige Behaglichkeit des Zimmers, das feine Weiß, womit Fenster, Toilettentisch, Bett und Stühle behängt waren, mahnten unendlich wehtuend an Signe. Petra dachte an ihre reine Lieblichkeit, ihre stille Stimme, die einen so milchweißen Klang hatte, ihr feines Gefühl für die Denkart anderer, ihre weiche Güte. Und all das hatte sie selbst jetzt verscherzt. Bald mußte sie wieder aus diesem Zimmer, wie wohl überhaupt aus dem Hause. Und dann--wohin? Zum drittenmal wird man mich nicht von der Landstraße auflesen, und selbst wenn es geschähe--sie selber wollte nicht mehr. Es würde ja doch nur wieder dasselbe Ende nehmen. Kein Mensch konnte Zutrauen zu ihr fassen; was auch der Grund sein mochte ... sie fühlte, es war so. Sie war ja auch noch keinen Schritt weiter gekommen; nie würde sie überhaupt einen Schritt weiter kommen. Denn ohne das Vertrauen der Menschen ging es nicht. Oh, wie sie betete, wie sie weinte! Sie wälzte und wand sich in ihrer Seelenqual, bis sie ganz erschöpft war und einschlief.
Und im Schlaf wurde sofort alles schneeweiß und allmählich auch seltsam hoch. Nie in ihrem Leben hatte sie eine solche Höhe und ein so lichtes Funkeln von Millionen Sternen gesehen.
Zehntes Kapitel
Noch als sie aufwachte, war sie dort oben; die Gedanken des Tages, die sofort auf sie einstürmten, wollten nach, wurden aber eingefangen und fortgetragen von etwas, das die ganze Luft erfüllte--von dem Glockengeläut des Sonntagmorgens. Sie sprang auf und zog sich an, holte sich aus der Speisekammer etwas Frühstück, packte sich warm ein und machte sich eilig auf den Weg,--so gedürstet nach Gottes Wort hatte sie noch nie! Als sie hinkam, hatte der Gottesdienst gerade angefangen, und die Tür war verschlossen; es war ein kalter Tag, und die Finger erstarrten ihr, als sie den Schlüssel anfaßte und umdrehte. Der Pfarrer stand gerade am Altar, sie blieb an der Tür stehen, bis er fertig war und der Küster ihm das Meßgewand abgenommen hatte; dann ging sie hinüber nach dem sogenannten Bischofsstuhl, der im Chor stand und mit Vorhängen versehen war. Der eigentliche Pfarrstuhl lag auf der Empore; wollte man aber aus irgendeinem Grunde lieber versteckt und allein sitzen, so nahm man seine Zuflucht zu dem Bischofsstuhl. Als sie gerade hineinschlüpfen wollte, sah sie Signe schon darin sitzen, in der äußersten Ecke. Sie trat einen Schritt zurück, aber gerade da drehte der Propst sich um, um vom Altar an ihr vorbei in die Sakristei zu gehen; sie ging eilig wieder in den Stuhl hinein und setzte sich ganz hinten in eine Ecke; Signe hatte ihren Schleier heruntergelassen. Das tat Petra weh. Sie schaute über die Gemeinde hin: in hohem Holzgestühl saßen rechts die Männer, links die Frauen eng nebeneinander; ihr Atem lag wie zitternder Nebel über ihnen, an den Fenstern war das Eis zolldick; die plump geschnitzten Holzstatuen, der schleppende, eintönige Gesang, die vermummten Menschen--das alles harmonierte miteinander; es war hart und unnahbar; ihr fiel der Eindruck ein, den die Natur an jenem Nachmittage, als sie Bergen verließ, auf sie gemacht hatte; sie war auch hier nur ein furchtsamer Wanderer.
Der Propst bestieg die Kanzel; auch er machte ein strenges Gesicht. Er betete: Führe uns nicht in Versuchung! Wir wissen, daß alle Gaben, die Gott uns verliehen hat, eine Versuchung bergen; er möge gnädig sein und uns nicht über unsere Kraft versuchen; wir sollen nie vergessen, ihn darum zu bitten; denn nur, wenn wir unsere Fähigkeiten ihm unterordnen, gereichen sie uns zum Heil. Die Predigt behandelte dieses Thema weiter, indem sie von unserer doppelten Lebensaufgabe ausging, daß erstens ein jeder seinen Lebensberuf da ausfüllen müsse, wohin ihn seine Fähigkeiten und seine Verhältnisse gestellt hätten,--und zweitens, daß man Christentum heranbilden müsse in sich selbst und in denen, die unserer Obhut anvertraut seien. Man müsse vorsichtig sein in der Wahl seines Lebensberufs, denn es gebe leider Berufe, die in sich selbst sündig seien, es gebe auch welche, die uns zur Sünde werden könnten, weil sie entweder nicht für uns paßten, oder doch unseren bösen Gelüsten allzusehr entgegenkämen. Weiter: so gewiß ein jeder versuchen müsse, nach seinen Fähigkeiten zu wählen, so gewiß könne eine solche Wahl, auch wenn sie richtig und gut sei, uns doch zur Versuchung werden, wenn wir, weil der Beruf uns zusage, unsere ganze Zeit und unsere ganzen Gedanken in seinen Dienst stellten. Das Christentum in uns dürfe nicht vernachlässigt werden, so wenig wie unsere Elternpflichten gegen unsere Kinder. Wir müßten uns in uns selbst konzentrieren können, damit der Heilige Geist ständig in uns wirke. Wir müßten die gute Saat des Christentums in unsere Kinder pflanzen und sie pflegen können. Es gebe keine Pflicht, keinen Vorwand, der uns hiervon zu befreien vermöchte, auch wenn die Gelegenheit abgewartet werden müsse.
Und dann ging er weiter,--ging auf die Berufe derer ein, die da saßen, ging in ihre Häuser, behandelte ihre Verhältnisse, ihre Ansichten. Dann führte er Beispiele aus anderen Lebensbedingungen an, aus höheren Wirkungskreisen, die ihre Streiflichter hierherwarfen. Der Propst war allen, die ihn im täglichen Leben kannten, ganz fremd von dem Augenblick an, da er auf der Kanzel auftauchte. Auch in seinem Äußern war er anders; sein verschlossenes, energisches Gesicht hatte sich geöffnet und ließ die Flut der Gedanken durchscheinen; sein Auge war lebhaft, es schaute fest und zielbewußt und brachte erhabene Kunde; all das Zottige, das wie zusammengerollt in seiner Natur lag, trat jetzt hervor gleich der Mähne eines Löwen; seine Stimme rollte wie ein langgezogener Donner dahin oder in kurzen, heftigen Wendungen, sank zuweilen auch einmal zu sanften Tönen herab, aber nur, um gleich wieder die Höhe zu erklimmen. Er konnte im Grunde nur in einem großen Räume reden, und wenn er für seine Gedanken die Unendlichkeit hatte; denn seine Stimme hatte keinen Wohllaut, bis sie laut sprach, sein Gesicht keine Klarheit, seine Gedanken keine treffende Deutlichkeit, bis sie in Feuer gerieten. Nicht als ob er das Thema dann erst gefunden hätte; nein, so gewiß wie der Schmerz große Schätze in diese Seele zusammengetragen hatte, so gewiß hatten das auch die Gedanken getan; er war ein strenger, verschlossener Arbeiter. Aber er war nicht immer gerüstet, er konnte im Gespräch keine Gedanken prägen; er mußte allein das Wort haben, mußte wenigstens auf und ab laufen können. Ein Wortgefecht mit ihm anzufangen, kam fast einem Überfall auf einen Wehrlosen gleich, war aber doch gefährlich; denn seine Überzeugung stand sofort und mit solcher Heftigkeit fest, daß er keine Zeit hatte, sie zu begründen; zwang man ihn doch dazu, so konnte zweierlei geschehen: entweder er übersprühte seinen Gegner so, daß dem Gegner ganz bange werden konnte, oder er schwieg eigensinnig, weil er sich selbst nicht traute. Keiner war leichter zum Schweigen zu bringen als dieser energische, beredte Mann.
Petra war erzittert, als der Propst sein Gebet begonnen, denn sie fühlte, woher er es genommen hatte. Je weiter er im Text kam, desto näher rückte er ihr; sie kroch in sich zusammen, und sie sah, wie Signe dasselbe tat. Aber unbarmherzig legte der Gewaltige los; der Löwe war auf Beute aus; sie kam sich wie von allen Seiten verfolgt, wie umzingelt und eingefangen vor,--aber was in Strenge angepackt wurde, hielt die Hand des Erbarmens milde fest. Es war, als werde sie--ohne ein Wort der Verdammung--von der allgütigen Liebe in den Arm genommen. Und da betete sie und weinte, und sie hörte Signe dasselbe tun und hatte sie lieb deswegen!
Als der Propst von seinem Thron der Wahrheit herunterkam, um sich in die Sakristei zu begeben, lag noch der Glanz der Begegnung mit dem Höchsten auf seinem Gesicht. Seine Augen fielen forschend gerade auf Petra, aber als sie ihn groß ansah, da glitt ein Strahl von Milde zu ihr hin; im Weitergehen blickte er rasch nach der Ecke, wo seine Tochter saß.
Signe erhob sich gleich darauf; den Schleier hatte sie vorm Gesicht, so daß Petra nicht zu folgen wagte. Deshalb ging sie später. Aber heute saßen sie wieder alle drei bei Tisch; der Propst sprach ab und zu, Signe aber war scheu. Sobald der Propst, der augenscheinlich die Rede auf das Vorgefallene bringen wollte, die leiseste Andeutung machte, wich Signe so schüchtern und zart aus, daß der Propst an ihre Mutter erinnert wurde,--er verstummte und wurde allmählich schwermütig. Dazu gehörte sehr wenig.
Nun gibt es nichts Peinlicheres als einen mißglückten Versöhnungsversuch. Man stand auf, ohne sich in die Augen blicken und sich gesegnete Mahlzeit wünschen zu können. Im Wohnzimmer wurde die Stimmung schließlich so gedrückt, daß sie alle drei gern hinausgegangen wären,--aber niemand mochte zuerst gehen;--Petra für ihr Teil hatte das Gefühl: wenn sie jetzt gehe, so gehe sie für immer. Sie konnte Signe nicht wiedersehen, wenn sie sie nicht liebhaben durfte; sie konnte es nicht ertragen, den Propst traurig zu sehen um ihretwillen. Aber mußte sie fort, dann ohne Abschied; denn wie hätte sie von diesen Menschen Abschied nehmen können? Schon der Gedanke peitschte sie in eine Erregung hinein, die sie nur mit äußerster Anstrengung zurückzuhalten vermochte.
Jede Minute, die eine solche drückende Stille verlängert, in der wir aufeinander warten, macht sie unerträglicher. Man kann sich nicht rühren, weil man fühlt, es wird bemerkt; jeder Seufzer ist zu hören; man hört sogar, wenn einer ganz ruhig ist; denn das hört sich an wie Härte. Man kommt in Spannung, weil nichts gesagt wird, und man zittert davor, daß etwas gesagt werden wird.
Jeder fühlte, dieser Augenblick komme nie wieder. Die Mauern, die man zwischen sich aufbaut, wachsen, unsere eigene Schuld wächst, die der andern wächst auch, wächst mit jedem Atemzuge; bald sind wir verzweifelt, bald empört; denn wer sich so gegen uns benimmt, ist unbarmherzig, ist schlecht; wir ertragen es nicht, wir können es ihm nicht verzeihen,--Petra hielt es nicht länger aus, entweder mußte sie aufschreien oder davonlaufen!
Da klang Schlittengeläut auf der Straße; bald sah man einen Mann im Wolfspelz auf einem Rennschlitten, auf dem hinten der Postillon saß, am Garten vorbei und in den Hof hineinsausen.--Alle atmeten erleichtert auf und lauschten der Erlösung entgegen! Sie hörten den Ankömmling auf dem Flur, wo er die Reisestiefel und den Pelz ablegte und mit dem Mädchen sprach, das ihm behilflich war; der Propst stand auf, um ihm entgegenzugehen,--kehrte aber wieder um, weil er die beiden Mädchen nicht allein lassen wollte;--wieder sprach der Fremde auf dem Flur, jetzt schon mehr in der Nähe, so daß beim Klang dieser Stimme alle drei aufsahen, Petra aber sich erhob und die Augen auf die Tür heftete.--Es klopfte;--"herein!" sagte der Propst aufgeregt,--ein Mann mit einem lichten Gesicht und einer Brille stand in der Tür, Petra stieß einen Schrei aus und sank wieder auf ihren Stuhl:--das war ja Ödegaard.
Er kam dem Propst und Signe nicht unerwartet; man hatte auf sein Kommen zu Weihnachten gerechnet, obwohl niemand Petra etwas davon gesagt hatte; aber daß er gerade jetzt kam, war eine Fügung des Schicksals,--das empfanden sie alle.
Petra sah und hörte nichts, bis er vor ihr stand und ihre Hand gefaßt hatte. Er hielt sie lange in seiner, sagte aber kein Wort, auch sie nicht; sie konnte nicht einmal aufstehen. Aber während sie ihn anschaute, liefen ihr zwei Tränen die Backen herunter. Er war sehr blaß, sonst aber ganz ruhig und gütig; er zog seine Hand wieder zurück und ging dann durch das Zimmer auf Signe zu, die sich zwischen den Blumen ihrer Mutter in der äußersten Fensterecke verkrochen hatte.
Petra sehnte sich, allein zu sein; deshalb zog sie sich zurück. Signe hatte im Hause zu tun, so daß sich der Propst mit Ödegaard in sein Arbeitszimmer zu einem Glase Wein setzen konnte, das dem Reisenden not tat. Hier erfuhr er in Kürze, was die letzten Tage gebracht hatten; er wurde sehr nachdenklich, äußerte sich aber nicht darüber. Sie wurden übrigens auf seltsame Weise unterbrochen.
* * * * *
Am Fenster kamen zwei Frauen und drei Männer vorbei, je einer hinter dem andern, und kaum sah der Propst sie, als er aufsprang: "Da sind sie wieder!--Jetzt heißt's Geduld haben."--Herein kamen zuerst die Frauen, dann die Männer, langsam und schweigend. Sie stellten sich an der Wand unter dem Bücherregal auf, gerade gegenüber dem Sofa, auf dem Ödegaard saß. Der Propst setzte ihnen Stühle hin und holte noch ein paar aus dem andern Zimmer; sie setzten sich auch alle mit Ausnahme eines städtisch gekleideten jungen Menschen, der dankte und sich mit einem etwas trotzigen Gesicht, beide Hände in den Hosentaschen, an die Tür lehnte. Nach einer langen Pause, während der Propst seine Pfeife stopfte und Ödegaard, der nicht rauchte, die Leute sich näher betrachtete, begann schließlich eine blasse, blonde Frau von vielleicht vierzig Jahren das Gespräch. Ihre Stirn war sehr schmal, ihre Augen groß, aber scheu; sie wußten nicht recht, wo sie hinsehen sollten. Sie sagte: "Der Herr Pfarrer hat heute solch schöne Predigt gehalten; sie paßte so gut zu unsern Gedanken;--denn wir auf dem Hof haben letzthin viel von der Versuchung geredet."--Sie seufzte; ein Mann mit einem etwas kurz geratenen Untergesicht und einem großen, breiten Oberkopf seufzte auch: "Herr, bewache unsere Wege! Wende meine Augen ab, daß sie nicht auf eitle Dinge schauen!"--Und Else, dieselbe, die zuerst gesprochen hatte, seufzte wieder und sagte: "Herr, wie soll ein junges Menschenkind seinen Pfad rein halten, daß es wandelt nach Deinem Worte?"--Das klang in ihrem Munde etwas seltsam, denn sie war nicht mehr jung. Ein Mann in mittleren Jahren aber, der den Kopf schief hielt und sich in einem fort hin und her wiegte, wobei er seine Augenlider nie ganz aufschlug, sagte wie im Halbschlaf:
"Jedwedem, dem der Name Christ Durch Jesu Tod gegeben, Dem folget Satans Trug und List Wohl durch sein ganzes Leben."
Der Propst kannte sie zu gut, um nicht zu wissen, daß dies bloß die Einleitung war; deshalb wartete er, als sei nichts gesagt worden, obwohl wieder eine lange Pause eintrat, die nur von Seufzern unterbrochen wurde.
Eine kleine Frau, die noch kleiner dadurch wurde, daß sie gebückt dasaß, und die in so unglaublich viele Tücher eingemummt war, daß sie wie ein Bündel aussah--ihr Gesicht war völlig verdeckt--fing jetzt an, auf ihrem Stuhl hin und herzurutschen, und gab schließlich ein paar "Hm, hm!" von sich. Sofort schrak die blonde Frau auf und sagte: "Auf dem Öyhof ist jetzt Schluß mit allem Spiel und Tanz;--aber----" sie hielt wieder inne, Lars dagegen, der Mann mit dem großen Oberkopf und der kurzen unteren Gesichtshälfte, fuhr fort: "--aber einer, der Spielmann Hans, der will nicht Schluß machen."--Als auch Lars über das weitere nachgrübelte, kam der junge Mensch ihm zu Hilfe: "Denn er weiß, daß auch der Herr Propst ein Instrument hat, nach dem hier im Pfarrhaus getanzt und gesungen wird."--"Das kann für ihn wohl keine größere Sünde sein als für den Herrn Propst", sagte Lars.--"Es liegt so, daß das Spielen beim Herrn Propst die andern in Versuchung führt", sagte Else behutsam, wie um ihnen vorwärts zu helfen. Der junge Mensch aber fügte kräftiger hinzu: "Es ärgert die Unmündigen, wie geschrieben steht: Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt, und er ersäufet würde im Meer, da es am tiefsten ist." Und Lars löste ihn ab: "Unser Anliegen an Dich ist also, daß Du Dein Instrument forttust oder es verbrennst, damit es nicht zum Ärgernis wird--"--"Für Deine Pfarrkinder", fügte der junge Mensch hinzu.