Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 41

Chapter 413,646 wordsPublic domain

"Das war meine Mutter!"--hörte Petra hinter sich eine sanfte Stimme sagen; sie wandte sich um und sah die Tochter des Hauses vor sich stehen, die vorhin hinausgegangen und jetzt wieder eingetreten war. Aber das ganze Zimmer war fortan ausgefüllt von dem Bilde; alles leitete zu ihm hinan, alles erhielt von ihm sein Licht, alles war nur des Bildes wegen da, und die Tochter war sein stiller Abglanz. Ein bißchen schweigsamer erschien die Tochter, ein bißchen zurückhaltender. Die Mutter zog den Blick auf sich und gab ihn voll zurück; die Tochter hielt den ihren gesenkt. Aber dabei dieselbe Klarheit, dieselbe Milde. Auch die Gestalt der Mutter hatte sie; doch ohne eine Spur von Kränklichkeit. Die lebhaften Farben ihres festanliegenden Kleides, ihrer Schürze, der kleinen Krawatte, die von einer römischen Nadel zusammengehalten war, gaben im Gegenteil ihrem Gesicht etwas Frisches und ließen eine Anmut und einen Sinn für Anmut ahnen, die sie zur Tochter des Bildes dort oben und zum guten Genius des Hauses stempelten. Und wie sie das Mädchen so zwischen den Blumen der Mutter umhergehen sah, stieg eine große Sehnsucht nach ihr in Petra auf. Im Umgang mit dieser Frau, in diesem Hause mußte alles Gute gedeihen. Wenn sie nur Einlaß fände! Sie empfand ihre Verlassenheit doppelt. Unverwandt folgten ihre Blicke Signe, wo diese ging und stand; Signe fühlte es und suchte auszuweichen; vergebens. Zuletzt wurde sie ganz verlegen und beugte sich über ihre Blumen. Endlich wurde Petra sich ihrer Aufdringlichkeit bewußt; sie schämte sich und hätte gern um Verzeihung gebeten. Aber etwas an diesem sorgfältig geordneten Haar, der feinen Stirn, dem eng anliegenden Kleid mahnte sie zur Vorsicht. Sie blickte auf zur Mutter; oh, die hätte sie auf der Stelle umarmen können! War es nicht, als ob sie sie willkommen hieße? Durfte sie wirklich hoffen? So hatte noch kein Mensch sie angesehen! In diesem Blick stand geschrieben: alles weiß ich; ich kenne dich, du Verirrte,--und ich verzeihe dir! Und sie brauchte diese Nachsicht,--sie konnte den Blick nicht abwenden von diesen gütigen Augen. Sie neigte das Haupt, wie die Frau auf dem Bilde, sie faltete die Hände,--und fast ohne es selber zu wissen, wandte sie sich um: "Lassen Sie mich hier bleiben!" Signe richtete sich auf und sah sie an; sie war so erstaunt, daß sie gar nicht antworten konnte. "Lassen Sie mich hier bleiben!" bat Petra wieder und ging auf sie zu. "Hier ist es schön!" Und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

"Ich will meinen Vater holen!" sagte das junge Mädchen. Petra folgte ihr mit den Augen, bis sie hinter der Tür des Studierzimmers verschwunden war. Aber sobald sie wieder allein war, überfiel sie eine Angst vor dem, was sie getan hatte; und als sie in der Tür das erstaunte Gesicht des Propstes sah, zitterte sie. Er trat ein, etwas sorgfältiger gekleidet als vorhin, im Munde die Pfeife, die er mit festem Griff umklammert hielt. So oft er den Rauch einsog, ließ er sie aus den Lippen gleiten, und stieß dann den Rauch in drei Absätzen wieder heraus, wobei er jedesmal leise paffte. Das wiederholte er einige Male, während er mitten im Zimmer gerade vor Petra stehen blieb, ohne sie anzusehen, aber als erwarte er, daß sie etwas sagen solle. Sie getraute sich nicht, diesem Mann gegenüber ihre Bitte zu wiederholen; er sah so streng aus. "Sie möchten hier bleiben?" fragte er und streifte sie mit einem langen, leuchtenden Seitenblick. Die Angst verlieh ihrer Stimme etwas Bebendes. "Ich weiß nicht, wo ich sonst hin soll." "Wo sind Sie her?" Petra nannte leise ihren Geburtsort und ihren Namen. "Wie kommen Sie denn hierher?"

"Ich weiß nicht--ich möchte--ich will gern bezahlen--ich--ich weiß nicht--" Sie wandte sich ab; eine Weile konnte sie überhaupt nicht mehr sprechen, dann faßte sie wieder Mut und sagte: "Ich will ja alles tun, was Sie von mir verlangen,--wenn ich bloß hier bleiben darf und nicht weiter muß,--und nicht noch einmal ein zweites Mal bitten--" Die Tochter war mit dem Vater wieder hereingekommen, war aber beim Kamin stehen geblieben und fingerte dort, ohne aufzublicken, in den gedörrten Rosenblättern herum. Der Propst erwiderte nichts. Man hörte nur sein Pfeifenpaffen, während er abwechselnd bald Petra, bald die Tochter, bald das Bild ansah. Nun kann ein und derselbe Gegenstand einen ganz verschiedenen Eindruck hervorrufen. Während Petra innerlich flehte, das Bild möge ihn günstig stimmen, schien es dem Propst, als flüstere es ihm zu: "Schütze unser Kind! Nimm niemand Fremdes zu ihr ins Haus!" Mit einem scharfen Seitenblick wandte er sich zu Petra und sagte: "Nein! Sie können nicht bleiben."

Petra erblaßte, seufzte tief auf, blickte sich unsicher um und stürzte ins Nebenzimmer, dessen Tür halb offen stand. Dort warf sie sich kopfüber auf einen Tisch und überließ sich haltlos ihrem Schmerz und ihrer Enttäuschung!--Vater und Tochter sahen einander an.

Solch ein Mangel an Lebensart--ohne weiteres in ein fremdes Zimmer zu stürmen und sich einfach gehen zu lassen--das hatte wirklich nur seinesgleichen in der Art, wie sie von der Landstraße hereingeschneit war, gebeten hatte, hier bleiben zu dürfen, und dann, als man ihr das abschlug, laut zu heulen anfing. Der Propst ging ihr nach, nicht um mit ihr zu reden, sondern um die Tür hinter ihr zuzumachen. Mit feuerrotem Gesicht kam er zurück und sagte leise zur Tochter, die noch am Ofen stand: "Hast Du jemals so was von Frauenzimmer gesehen? Wer ist sie denn? Was will sie?" Die Tochter antwortete nicht gleich; aber als sie endlich antwortete, sprach sie noch leiser als der Vater: "Sie führt sich ja freilich verdreht auf. Aber etwas Besonderes hat sie doch an sich." Der Propst ging im Zimmer auf und ab und blickte immer wieder zur Tür. Zuletzt blieb er stehen und flüsterte: "Sie muß nicht ganz richtig im Kopf sein!" Und als Signe nichts erwiderte, trat er näher auf sie zu und wiederholte bestimmter: "Sie ist verrückt, Signe. Einfach verrückt. Das ist das Besondere an ihr!" Wieder fing er an, auf und ab zu gehen; schließlich kam er auf andere Gedanken; und fast hatte er schon vergessen, was er eben gesagt hatte, als die Tochter flüsternd antwortete: "Das glaub' ich nicht. Aber sehr unglücklich muß sie sein!" Und sie beugte sich über die welken Rosenblätter, mit denen ihre Finger noch immer spielten. Der Klang der Stimme sowie dies Spielen hätte für einen Fremden nichts Auffallendes gehabt; aber der Vater wurde sofort aufmerksam. Er ging, das Bild an der Wand betrachtend, ein paarmal durchs Zimmer und sagte endlich sehr leise: "Meinst Du, weil sie unglücklich aussieht--würde--Mutter ihr erlaubt haben, zu bleiben?"--"Mutter hätte mit ihrer Antwort überhaupt ein paar Tage gewartet!" flüsterte die Tochter und beugte sich noch tiefer über die Rosen. Die leiseste Erinnerung an sie da droben konnte, wenn die Tochter sie ihm zu Gemüte führte, den buschigen Löwenkopf zahm machen wie ein Lamm. Er fühlte sogleich die Wahrheit ihrer Worte und stand da wie ein Schuljunge, der beim Lügen ertappt wird; er vergaß seine Pfeife, er dachte nicht mehr ans Gehen, und erst nach einer langen Weile flüsterte er: "Soll ich sie bitten, ein paar Tage bei uns zu bleiben?" "Du hast ihr ja schon geantwortet."

"Nun ja,--aber sie ganz bei uns aufnehmen oder sie ein paar Tage behalten,--das ist zweierlei." Auch Signe schien zu überlegen. Endlich sagte sie: "Tu, was Du für das Beste hältst!"

Der Propst schien sich diesen Vorschlag doch noch näher zu überlegen. Er ging wieder verschiedene Male im Zimmer auf und ab und stieß dicke Rauchwolken aus. Endlich blieb er stehen. "Willst Du zu ihr hinein--oder soll ich--?" "Es wird schon das beste sein, Du gehst zu ihr!" sagte die Tochter mit einem weichen Blick.

Der Propst hatte schon die Hand an der Türklinke, als von drinnen ein schallendes Gelächter ertönte. Dann wieder Stille--und aufs neue eine wahre Lachsalve. Der Propst war zurückgeprallt; jetzt ging er wieder auf die Tür los; die Tochter hinter ihm her. Das Mädchen da drin mußte krank geworden sein.

Als die Tür aufging, sahen sie Petra noch an derselben Stelle sitzen, wo sie sich vorhin hingeworfen hatte. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Buch, über das sie sich, ohne zu wissen, was sie tat, hergemacht hatte. Ihre Tränen waren auf die Blätter des Buchs gefallen und sie hatte sie abwischen wollen. Da war ihr Blick auf einen der saftigen Ausdrücke gefallen, deren sie sich aus den Tagen ihres Straßenjungenlebens her noch so gut erinnerte, und die sie nie im Leben für druckfähig gehalten hatte. Vor lauter Entsetzen vergaß sie zu weinen; saß nur und starrte in das Buch! Um Gotteswillen ... was war denn das? Sie las weiter, mit offenem Mund. Es wurde immer ärger, furchtbar derb, aber so unwiderstehlich komisch, daß sie gar nicht anders konnte: sie mußte immer weiter lesen. Und sie las, bis sie überhaupt nichts mehr wußte, las über Kummer und Tränen, über Zeit und Raum hinweg--mit dem alten Vater Holberg. Denn kein anderer war es als er! Sie lachte, sie schüttelte sich vor Lachen. Und noch als der Propst und seine Tochter schon vor ihr standen, merkte sie gar nicht, wie ernst sie waren, dachte gar nicht mehr an ihr eigenes Anliegen, sondern lachte nur und lachte und fragte: "Was ist denn das? Was in aller Welt ist denn das?" Und dabei schlug sie das Titelblatt auf...

Plötzlich wurde sie blaß; sie sah zu den beiden auf, sah wieder in das Buch, auf die wohlbekannten Schriftzüge. Es gibt Dinge, die einen ins Herz treffen, wie eine Kugel, Dinge, von denen man sich hunderte von Meilen entflohen wähnt, und die man auf einmal dicht vor sich sieht. Da--auf dem ersten Blatt--stand geschrieben: "Hans Ödegaard." Flammendrot rief sie: "Gehört _ihm_ das Buch?--Kommt _er_ hierher?" Und sie stand auf. "Ja, versprochen hat er's", erwiderte Signe. Und Petra entsann sich, daß er im Ausland mit einer Pastorenfamilie aus dem Stift Bergen zusammengewesen war. Sie selbst war nur im Ring herumgefahren, sie war geradenwegs auf ihn zugereist. "Kommt er bald? Ist er etwa gar hier?" Sie schickte sich auf der Stelle an, davonzulaufen.--"Nein, er ist ja doch krank", sagte Signe.--"Ach, richtig, er ist ja krank!" wiederholte Petra schmerzlich und sank zusammen.

"Sagen Sie mal," rief Signe, "Sie sind doch nicht etwa--?" "Das Fischermädel?" vollendete der Propst. Petra sah flehend zu ihnen auf. "Ja, ich bin das Fischermädel", sagte sie.

Die war ihnen gar wohl bekannt; Ödegaard hatte ja von nichts anderem gesprochen. "Das ändert freilich die Sache!" sagte der Propst; er fühlte, hier war etwas Zerbrochenes--hier tat die Hilfe von Freunden not. "Bleiben Sie einstweilen hier!" sagte er.

Petra sah auf; sie bemerkte den Blick, mit dem Signe ihm dankte, und das tat ihr so wohl, daß sie zu Signe hinging, ihre beiden Hände faßte--mehr getraute sie sich nicht--und, allerdings in Verlegenheit, sagte: "Ich will Ihnen alles erzählen, sobald wir allein sind."

Eine Stunde später kannte Signe Petras ganze Geschichte, die sie sofort ihrem Vater mitteilte. Auf seinen Rat schrieb sie noch am selben Tag an Ödegaard, und damit fuhr sie fort, solange Petra bei ihnen im Hause war.

Petra aber, als sie sich an diesem Abend in den mächtigen Daunenkissen zur Ruhe legte, in einem gemütlichen Zimmer, wo im Ofen die Birkenscheiter knisterten und wo auf dem weißen Nachttisch zwischen den zwei Kerzen das Neue Testament lag, griff nach dem Buch und dankte ihrem Gott für alles, Gutes und auch Böses...

* * * * *

Der Propst hatte als junger Mann von feuriger Seele und großer Rednergabe den Wunsch gehabt, Geistlicher zu werden. Seine wohlhabenden Eltern waren dagegen gewesen; sie hätten es lieber gesehen, wenn er das gewählt hätte, was sie eine "_unabhängige_ Lebensstellung" nannten. Aber ihr Widerstand spornte seinen Eifer noch mehr an, und als er fertig war, ging er ins Ausland, um dort weiter zu studieren. Auf der Durchreise lernte er in Dänemark eine Dame kennen; sie gehörte einer Glaubensrichtung an, die ihm nicht streng genug und darum verwerflich erschien. Er suchte ununterbrochen auf sie einzuwirken; aber die Art, wie sie ihn dabei ansah und ihn zum Schweigen brachte, konnte er später während seines ganzen Aufenthaltes im Ausland nicht vergessen. Als er zurückkam, suchte er sie sogleich auf. Sie verkehrten viel zusammen und gewannen einander immer mehr lieb, bis sie sich schließlich verlobten und gleich darauf heirateten. Nun aber stellte es sich heraus, daß jedes von ihnen dabei einen Nebengedanken gehabt hatte. Er hatte sich vorgenommen, sie mit all ihrer Lieblichkeit zu sich hinüberzuziehen in seine düstere Lehre, und sie hatte sich wie ein Kind in der Sicherheit gewiegt, seine Kraft und Beredsamkeit für den Dienst ihrer Glaubensgemeinschaft gewinnen zu können. Sein erster, ganz leiser Versuch stieß auf _ihren_ ersten, ganz leisen. Enttäuscht, mißtrauisch zog er sich zurück. Sie war klug genug, das sofort zu merken, und von diesem Tag an lauerte er nun immer auf einen weiteren Versuch _ihrerseits_ und sie auf einen zweiten Versuch _seinerseits_. Aber keins von ihnen machte einen zweiten; denn beiden war angst geworden. Er hatte Angst vor seiner eigenen leidenschaftlichen Natur, und sie hatte Furcht, sie würde sich durch einen verfehlten Versuch jede Aussicht verscherzen, ihn zu sich herüberzuziehen. Denn diese Hoffnung gab sie nie auf; die war ihr zur Lebensaufgabe geworden. Nie aber kam es zum Kampf; denn wo sie war, da gab es keinen Kampf. Irgendwie jedoch mußte er seinem arbeitenden Willen, seiner zurückgedrängten Leidenschaft Luft machen; und das geschah jedesmal, wenn er auf der Kanzel stand und sie unter sich sitzen sah. Wie in einem Wirbel riß er dann die Gemeinde mit sich fort; bald erhitzte er seine Zuhörer, bald erhitzten sie ihn. Sie sah es mit an und ließ ihr geängstigtes Herz ausruhen in Wohltätigkeit, und später, als sie Mutter wurde, bei ihrem Kinde, das sie in körperlichem und geistigem innigsten Umfangen an ihren stillen Stunden teilnehmen ließ. Da gab sie, da empfing sie, da wiegte sie ihr eigenes großes Kind in der Unschuld des Kindes, da feierte sie ein Fest der Liebe, von dem sie zu ihm, dem Strengen, zurückkehrte mit aller vereinten Milde des Weibes und des Christentums; und ihm war es dann natürlich nicht möglich,--etwas zu sagen, was nicht liebreich gewesen wäre. Er _mußte_ sie ja lieben, über alles auf der Welt, aber um so schmerzlicher war es ihm, um so heftiger blutete ihm das Herz, daß er ihr nicht helfen konnte bei ihrer Seele Seligkeit. Mit dem stillschweigenden Recht der Mutter entzog sie auch das Kind seiner religiösen Unterweisung. Die Liedchen des Kindes, die Fragen des Kindes wurden ihm bald eine neue und tiefe Quelle des Schmerzes. Und hatte ihn dann auf der Kanzel seine leidenschaftliche Gemütsbewegung bis zur Härte aufgestachelt, so begegnete ihm, wenn sie miteinander heimgingen, sein Weib nur mit um so größerer Milde; die Augen redeten; der Mund redete nie ein Wort. Und die Tochter nahm seine Hand und sah zu ihm auf mit Augen, die die Augen der Mutter waren.

Über alles wurde gesprochen in diesem Hause, nur über das eine nicht, das die Wurzel ihres ganzen Denkens war. Aber eine so aufreibende Spannung war auf die Dauer nicht zu ertragen. Wohl lächelte die Frau noch; aber nur, weil sie nicht wagte, zu weinen. Als die Zeit herannahte, wo die Tochter zur Einsegnung vorbereitet werden sollte, und er sie also kraft seines Amtes jetzt ebenso stillschweigend in seine Richtung hätte hinüberziehen können, wie die Mutter sie seither in der ihren gehalten hatte, da stieg die Spannung bis aufs äußerste. Und nach dem Sonntag, an dem die Namen der Konfirmanden von der Kanzel verlesen waren, wurde die Mutter krank; etwa so, wie man sonst müde wird. Lächelnd sagte sie, sie könne nicht mehr gehen; und ein paar Tage darauf--noch immer lächelnd--sie könne nicht mehr sitzen. Die Tochter wollte sie immer um sich haben, obgleich sie nicht mehr mit ihr reden konnte; sehen konnte sie ihr Kind doch wenigstens. Und die Tochter wußte, was die Mutter am liebsten mochte. Sie las ihr vor aus dem Buch des Lebens, sie sang ihr die Choräle ihrer Kinderzeit, die neuen, lebenswarmen ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft vor. Der Propst konnte lange nicht fassen, was sich hier vorbereitete; aber als er es endlich begriff, da verlor er jede Richtschnur; nur ein Wunsch beherrschte ihn noch: sie noch einmal zu sich reden, sie nur ein paar Worte noch sagen zu hören. Aber sie hatte nicht mehr die Kraft; sprechen konnte sie nicht mehr. Er stand am Fußende des Bettes und sah sie an und flehte. Und sie lächelte ihm zu, bis er auf die Knie fiel und die Hand der Tochter nahm und sie in die Hand der Mutter legte, als wollte er sagen: "Da, behalte sie! Bei Dir soll sie bleiben in alle Ewigkeit!" Und da lächelte sie, wie sie noch nie gelächelt hatte; und in diesem Lächeln verschied sie.

Lange Zeit schloß sich der Propst von allem Umgang ab. Ein anderer übernahm die Sorge für die Gemeinde; er selber wanderte von Zimmer zu Zimmer, von Ort zu Ort, als suche er etwas. Er trat leise auf; wenn er sprach, sprach er mit gedämpfter Stimme; und nur dadurch, daß sie ganz auf diese stille Art einging, vermochte die Tochter allmählich wieder einen Verkehr mit ihm herzustellen. Jetzt half sie ihm suchen. Jedes Wort der Mutter wurde wieder hervorgeholt; alles, was sie gewollt hatte, wurde zur Richtschnur, nach der sie fortan lebten. Das Zusammenleben der Mutter mit der Tochter, bei dem der Vater bisher außen gestanden hatte, wurde jetzt erst so recht durchlebt. Vom ersten Augenblick an, dessen sie sich als Kind entsinnen konnte, wurde alles wieder vorgenommen; ihre Lieder wurden gesungen, ihre Gebete gebetet; die Predigten, die sie am liebsten gehört hatte, wurden eine nach der anderen vorgelesen, und alle ihre Worte und Auflegungen treulich ins Gedächtnis zurückgerufen. Also in Wirksamkeit gesetzt, empfand er bald das Verlangen, das Land wiederzusehen, wo er sie gefunden hatte, um auch dort auf dieselbe Weise ihren Spuren nachzugehen. Sie gingen auf Reisen. Und dadurch, daß er so ihr ganzes Leben ungeteilt in sich aufnahm, gesundete er wieder. Ihm, der selbst wieder Anfänger wurde, ging der Sinn auf für alles um ihn her, was da in seinen Anfängen lag,--für die großen nationalen, für die kleineren politischen Ideen: und das gab ihm ein Stück seiner eigenen Jugend wieder. Seine Kräfte kamen zurückgeströmt, und mit ihnen all die heißen Hoffnungen von ehedem. Jetzt wollte er das Wort Gottes verkünden, und zwar so, daß es zum Leben vorbereitete und nicht nur zum Tode!

Doch bis er sich wieder mit dieser seiner neuen geliebten Tätigkeit in seiner Bergheimat einschloß, wünschte er noch einen weiteren, tieferen Blick in das zu tun, was draußen sich regte. So waren sie also noch weiter in der Welt herumgefahren, und lebten jetzt ihren großen Erinnerungen.

Unter diesen Menschen lebte Petra.

Neuntes Kapitel

Drei Jahre später, an einem Freitag kurz vor Weihnachten, saßen die beiden jungen Mädchen in der Dämmerstunde beisammen. Eben war der Propst mit seiner Pfeife eingetreten. Der Tag war verflossen, wie so ziemlich jeder Tag dieser letzten zwei Jahre--morgens ein Spaziergang, nach dem Frühstück eine Stunde Musizieren, Klavierspiel und Gesang, darauf Sprach- und anderer Unterricht und zuletzt ein bißchen Haushaltungsarbeit. Nachmittags beschäftigte jeder sich auf seinem Zimmer; Signe heute gerade wieder mit einem Brief an Ödegaard, nach dem Petra übrigens niemals fragte, wie sie überhaupt niemals von der Vergangenheit hören mochte. In der Dämmerung waren sie Schlitten gefahren, und jetzt saß man zusammen, um zu plaudern oder zu singen oder später vorzulesen. Dazu fand sich der Propst stets ein. Er las ausgezeichnet, und ebenso Signe. Petra lauschte beiden ihre Art und Weise und besonders ihre Aussprache ab. Signes Aussprache und Tonfall hatten für ihr Ohr einen solchen Wohllaut, daß es noch, wenn sie allein war, in ihr nachklang. Überhaupt schwärmte Petra so für Signe, daß ein Mann schon den vierten Teil für die glühendste Liebe gehalten hätte; Signe wurde auch oft ganz rot dabei. Bei diesen abendlichen Vorlesungen--Petra selbst war nie zum Lesen zu bewegen--hatte man die Hauptdichter der norwegischen Literatur durchgenommen und war nach und nach weiter in die große Weltliteratur geraten. Am liebsten lasen sie dramatische Werke. Eben als man die Lampen anzünden und anfangen wollte, kam die Köchin herein und sagte, draußen sei jemand, der Petra einen Gruß ausrichten wolle. Es stellte sich heraus, daß es ein Matrose aus ihrer Vaterstadt war, den ihre Mutter beauftragt hatte, Petra aufzusuchen, da er zufällig in die Gegend kam. Er war über eine Meile zu Fuß gewandert und mußte schleunigst wieder umkehren, weil sein Schiff gleich darauf unter Segel ging. Petra begleitete ihn ein Stück, um ein bißchen länger mit ihm zu plaudern; er war ein ehrlicher Mensch, den sie von früher her kannte. Der Abend war ziemlich finster; auch auf dem Pfarrhof waren alle Fenster dunkel, außer im Waschhaus, wo große Wäsche war. Auf der Landstraße war kein einziges Licht zu sehen, kaum daß man den Weg selbst sah; denn der Mond hatte sich noch nicht über die Berge emporgeschlängelt. Trotzdem ging Petra tapfer mit, sogar bis in den Wald hinein, obwohl es zwischen den Bäumen unheimlich düster war. Besonders eine Nachricht hatte sie interessiert. Der Matrose hatte ihr nämlich erzählt, Pedro Ohlsens Mutter sei gestorben, und er habe sein Haus verkauft und sei hinaufgezogen zu Gunlaug, wo er in Petras Giebelstube hause. Das war nun schon fast zwei Jahre her, und dabei hatte die Mutter dies mit keinem Wort erwähnt. Jetzt endlich ging Petra ein Licht auf, wer die Briefe für die Mutter schrieb; vergebens hatte sie sie immer wieder danach gefragt; denn in jedem Brief stand am Schluß: "Auch einen Gruß von dem, der den Brief geschrieben hat." Der Matrose war von der Mutter beauftragt, zu fragen, wie lange Petra noch im Pfarrhause bleiben wolle und was für Absichten sie für später habe. Auf die erste Frage antwortete Petra, das wisse sie nicht, und als Erwiderung auf die zweite Frage ließ sie der Mutter sagen, es gäbe in der Welt nur eins, was sie gern möchte, und wenn sie das nicht werden könne, so sei sie unglücklich fürs ganze Leben; sie könne aber vorläufig noch nicht sagen, was es sei.