Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 38

Chapter 383,809 wordsPublic domain

Am Tag darauf begann er ein Verhör anzustellen; das dauerte eine geraume Zeit, obwohl kein Mensch auch nur eine Ahnung davon hatte, wer eigentlich gerauft hatte. Bloß darin stimmten alle Aussagen überein--Arne, der Grobschmied, war dabei gewesen; alle hatten sie ihn mit dem Spanier auf die andern loshauen sehen. Also wurde über diesen Arne eine Strafe von einem Speziestaler verhängt, wofür seine Frau, die ihn in den Handel verwickelt hatte, die Prügel einheimste. Am elften Sonntag nach Trinitatis. Sie hatte Ursache, an den Tag zu denken! Das war die einzige gerichtliche Folge, die die Rauferei hatte.

Aber sie hatte andere. Die kleine Stadt war keine stille Stadt mehr; das Fischermädel hatte sie in Aufruhr versetzt. Die seltsamsten Gerüchte liefen um. Zunächst war es eifersüchtiger Groll, daß sie den klügsten Kopf der Stadt und die beiden besten Partien an sich gelockt und außerdem noch "mehrere" in petto hatte; denn aus Gunnar wurden im Handumdrehen "mehrere junge Männer". Bald aber erhob sich ein allgemeiner Sturm sittlicher Entrüstung. Die ganze Schande, an einer großen Straßenrauferei schuld zu sein und über drei der besten Familien der Stadt Kummer gebracht zu haben, lastete auf dem jungen Mädchen, das vor kaum einem halben Jahr eingesegnet worden war. Drei Verlobungen auf einmal,--und die eine obendrein mit ihrem Lehrer, ihrem Wohltäter, dem sie alles verdankte--nein! Das brachte die Empörung zum Überlaufen! War sie nicht von kindauf ein Ärgernis gewesen für die Stadt? Hatte man nicht trotzdem,--als Ödegaard sich ihrer angenommen hatte, die schönsten Erwartungen auf sie gesetzt? Und hatte sie nicht alle Leute zum Besten gehabt, ihn zugrunde gerichtet und sich, ihrer zügellosen Natur folgend, rückhaltlos einem Leben in die Arme geworfen, das sie zu einem Abschaum der Menschheit machen und am Ende ins Zuchthaus bringen mußte? Die Mutter war selbstverständlich mitschuldig--in _ihrer_ Matrosenkneipe hatte das Kind den Leichtsinn gelernt! Aber man werde das Joch, das Gunlaug der Stadt aufbürdete, nicht länger tragen, man werde sie nicht länger unter sich dulden, weder Mutter, noch Tochter. Und so kam man überein--sie aus der Stadt zu jagen.

Eines schönen Abends versammelten sich Matrosen, die Gunlaug Geld schuldig waren, versoffene Arbeiter, denen sie keinen Dienst verschaffen wollte, junge Bursche, denen sie nichts borgen mochte, oben vor ihrem Hause--angeführt von Bürgern der "besseren" Stände. Sie pfiffen, sie heulten, sie brüllten nach dem "Fischermädel", nach der "Fischer-Gunlaug". Bald flog ein Stein gegen die Haustür; dann ein zweiter oben durchs Giebelfenster. Erst nach Mitternacht verlief sich die Rotte. Hinter den Fenstern war alles dunkel und still.

Am nächsten Tag ließ sich bei Gunlaug kein Mensch blicken. Nicht einmal ein Kind ging mehr am Berghang vorbei. Doch abends derselbe Auflauf; nur daß heute alle mittaten, ohne Unterschied. Sie trampelten alles nieder, sie zertrümmerten die Fenster, sie rissen den Gartenzaun um und knickten die jungen Obstbäume ab, und dabei sangen sie:

Mutter, ich hab' einen Seemann gefischt! "So, hast du das?" Mutter, ich hab' einen Kaufmann erwischt! "Ja, hast du das?" Mutter, ein Geistlicher sitzt an der Schnur. "Lang' ihn dir nur!"-- O kling und klang, Die Nase wird lang! Die großen Fische beißen fruchtlos an, Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.

Mutter, der Seemann, der hat sich gedrückt! "Ja, hat er das?" Mutter, der Kaufmann ist ausgerückt! "So, ist er das?" Mutter, nun will auch der Geistliche fliehn! "Lange dir ihn!" O kling und klang, Die Nase wird lang! Die großen Fische beißen fruchtlos an, Wenn in das Boot man sie nicht ziehen kann.

Besonders laut schrien sie nach Gunlaug. Gar zu sehr hätte man sich gefreut, sie toben zu hören in ihrer ohnmächtigen Wut.

Gunlaug saß drinnen und hörte jedes Wort; aber sie blieb stumm. Man muß schon etwas dulden können für sein Kind.

Sechstes Kapitel

Den ersten Abend, als das Schreien, Pfeifen und Johlen anfing, war Petra auf ihrem Zimmer. Sie flog auf, als stände das Haus in Flammen, oder als wolle alles über ihr zusammenbrechen. Wie von glühenden Ruten gepeitscht, lief sie in ihrem Zimmer umher. In ihrer Seele schmerzte und brannte es, ihre Gedanken jagten nach einem Ausweg. Aber zur Mutter hinunter traute sie sich nicht, und draußen, vor ihrem Fenster, standen _sie_! Ein Stein kam durchs Fenster gesaust und fiel auf ihr Bett. Sie stieß einen Schrei aus, lief in den Winkel hinter die Gardine und verkroch sich zwischen ihren alten Kleidern. Da hockte sie, zusammengekauert, flammend vor Scham, zitternd vor Furcht. Bilder voll unerhörten Entsetzens jagten an ihr vorüber, die Luft war voll wimmelnder Gesichter--gaffender, grinsender Gesichter! Ganz nah kamen sie;--Feuer regnete es rings um sie--Hu! es war gar kein Feuer, Augen waren es--überall regnete es Augen, große glühende, kleine sprühende Augen, die reglos glotzten, Augen, die unablässig rollten,--Herr Jesus, Herr Jesus, erbarme Dich!--

Oh, welch ein Aufatmen, als die letzten Schreie in der Nacht erstarben und alles ganz still wurde und ganz dunkel. Sie wagte sich hervor; sie warf sich auf ihr Bett und vergrub den Kopf in die Kissen; doch die Gedanken wollten nicht weichen. Sie sah die Mutter drohend, ungeheuerlich, wie ein Sturmgewölk, das sich über den Bergen zusammenballt;--denn, was mußte die Mutter nicht erdulden--um ihretwillen! Kein Schlaf kam in ihre Augen, kein Friede in ihre Seele. Der Tag dämmerte herauf. Linderung brachte er ihr nicht. Auf und ab wanderte sie, auf und ab, und dachte bloß daran, wie sie fliehen könne. Aber sie traute sich der Mutter nicht unter die Augen; hinaus traute sie sich auch nicht, solang es Tag war, und mit dem Abend kamen sie jedenfalls wieder! Trotzdem mußte sie warten; denn vor Mitternacht zu fliehen, war noch gefährlicher. Und überhaupt--wohin? Sie hatte kein Geld, sie wußte keinen Weg.--Aber irgendwo mußte es doch barmherzige Menschen geben, wie es einen barmherzigen Gott gab! Er wußte--was sie auch verbrochen hatte--Schlechtigkeit war es nicht gewesen. Er kannte ihre Reue, er kannte auch ihre Hilflosigkeit! Sie horchte auf den Schritt der Mutter drunten; aber sie hörte nichts; sie zitterte, daß sie die Treppe heraufkommen könne; aber sie kam nicht. Das Dienstmädchen mußte wohl davongelaufen sein; denn niemand brachte ihr das Essen herauf. Sie selbst wagte sich nicht hinunter, nicht einmal ans Fenster; draußen konnte ja einer stehen und ihr auflauern. Durch das zertrümmerte Fenster zog es kalt herein, besonders als es wieder Abend wurde. Sie hatte sich ein kleines Bündel mit Kleidungsstücken zusammengeschnürt und sich warm angezogen, um bereit zu sein. Aber erst mußte sie den wütenden Haufen abwarten und über sich ergehen lassen, was kommen mochte.

Richtig, da waren sie wieder! Pfeifen, Gejohle, Steinewerfen--schlimmer, viel schlimmer als am Abend vorher! Sie verkroch sich in ihren Winkel, faltete die Hände und betete, betete! Wenn bloß die Mutter nicht zu ihnen hinausginge! Wenn sie bloß nicht das Haus stürmten! Jetzt fingen sie zu singen an; es war ein Schmählied; und obwohl jedes Wort ihr wie ein Messer ins Herz schnitt, mußte sie doch zuhören, lauschen! Aber als sie hörte, daß sie die schamlose Ungerechtigkeit hatten, auch die Mutter mit zu beschimpfen, da sprang sie auf, da stürzte sie hervor; sie wollte zu dem feigen Gesindel reden, wollte sich auf sie herabstürzen; aber da kam ein Stein und noch einer und dann ein ganzer Hagel von Steinen durchs Fenster geflogen; die Glassplitter stoben, die Steine sausten im Zimmer herum, und sie kroch wieder in ihren Winkel. Der Schweiß brach ihr aus, als säße sie in der glühendsten Sonne; aber sie weinte nicht, sie fürchtete sich auch nicht mehr.

Allmählich legte sich der Lärm. Sie wagte sich hervor, und als sie nichts mehr hörte, wollte sie ans Fenster und nachsehen. Aber sie trat überall auf Glasscherben, und ging deshalb wieder zurück. Dabei trat sie wieder auf Steine; so blieb sie stehen, um nicht gehört zu werden; denn nun galt es, sich fortzuschleichen. Nachdem sie noch eine gute halbe Stunde gewartet hatte, zog sie ihre Schuhe aus, ergriff ihr Bündel und öffnete leise die Tür. Wieder wartete sie etwa fünf Minuten und schlich dann still die Treppe hinunter. Es tat ihr weh, die Mutter, der sie solchen Kummer bereitet hatte, nun auch noch ohne Abschied verlassen zu müssen; aber das Entsetzen peitschte sie vorwärts. "Leb' wohl, Mutter! Leb' wohl, Mutter!" flüsterte sie bei jedem Schritt, den sie auf der Treppe machte, vor sich hin. "Leb' wohl, Mutter!" Jetzt war sie unten. Sie holte ein paarmal schwer Atem und nun--zur Haustür! Da packte jemand sie von hinten am Arm. Sie stieß einen leichten Schrei aus und drehte sich um. Es war die Mutter. Gunlaug hatte oben die Tür gehen hören; augenblicklich begriff sie, was Petra vorhatte, und erwartete sie nun hier unten. Petra fühlte, sie werde ohne Kampf nicht an ihr vorüberkommen. Erklärungen nützten hier nichts; was für Worte sie auch finden werde, die Mutter würde ihr doch nicht glauben. Nun, so hieß es eben kämpfen! Schlimmer als das Schlimmste konnte ja in der Welt nichts sein, und das Schlimmste hatte sie hinter sich. "Wo willst Du hin?" fragte leise die Mutter. "Fort!" antwortete sie ebenso leise, mit klopfendem Herzen.--"Und wohin?"--"Ich weiß nicht--nur fort von hier!" Und sie drückte ihr Bündel fest an sich und tat einen Schritt vorwärts. "Komm mit!" versetzte die Mutter, die ihren Arm nicht losgelassen hatte; "ich habe schon für alles gesorgt."--Augenblicklich gab Petra nach, wie ein Mensch, der eine allzu schwere Last fallen läßt, und überließ sich der Mutter. Diese ging voran in ein kleines, fensterloses Kämmerchen hinter der Küche, wo Licht brannte; hier hatte sie versteckt gesessen, während die draußen lärmten. Der Verschlag war so eng, daß sie sich kaum darin umdrehen konnten. Die Mutter zog ein Bündel hervor, etwas kleiner als Petras, öffnete es und zog einen Matrosenanzug heraus. "Zieh das an!" flüsterte sie. Petra wußte sofort, weshalb sie das sollte; aber daß die Mutter es nicht in Worten aussprach, das rührte sie. Sie zog sich aus und legte den Matrosenanzug an, die Mutter half ihr, und als sie dabei dem Lichtkreis nahe genug kam, um ihr Gesicht deutlich sehen zu können, da sah Petra, daß Gunlaug alt war. War sie's in diesen letzten Tagen geworden, oder hatte Petra es nur vorher nicht gesehen? Die Tränen des Kindes flossen auf die Mutter hernieder, aber die Mutter blickte nicht auf, so daß sie kein Wort herausbrachte. Als letztes reichte die Mutter ihr einen Südwester, und als Petra ihn aufgesetzt hatte, nahm ihr die Mutter ihr Bündel ab, blies das Licht aus und flüsterte: "Jetzt komm!"

Wieder gingen sie durch den Flur, aber nicht zur Haustür; Gunlaug riegelte die Hoftür auf und schloß sie nachher wieder ab. Sie gingen durch den zerstampften Garten, über die ausgerissenen Bäume, den zertrümmerten Zaun. "Sieh Dich noch einmal um!" sagte die Mutter, "Du wirst schwerlich jemals wieder hierherkommen!"--Petra zuckte zusammen; sie sah sich nicht um. Sie gingen den oberen Weg, am Walde hin, da, wo sich ihr halbes Leben abgespielt, wo sie jenen Abend mit Gunnar, die Abende mit Yngve Vold und jenen letzten Abend mit Ödegaard verlebt hatte. Sie gingen durch fahles Laub, das der Herbst von den Bäumen gefegt hatte; die Nacht war kalt, und Petra fror in ihrer ungewohnten Kleidung. Jetzt bog die Mutter ab, auf einen Garten zu; Petra erkannte ihn augenblicklich, obwohl sie hier an seiner oberen Seite nicht wieder gewesen war seit jenem Tage, da sie ihn als Kind gestürmt hatte; es war Pedro Ohlsens Garten. Die Mutter hatte den Schlüssel dazu und schloß auf.

Es war Gunlaug nicht leicht gefallen, Ohlsen am Vormittag aufzusuchen; es fiel ihr auch jetzt nicht leicht, mit der unglücklichen Tochter zu ihm zu kommen, der sie selbst keine Heimat mehr zu bieten vermochte. Aber es mußte sein, und was sein mußte, das konnte Gunlaug. Sie klopfte an die Verandatür, und fast im selben Augenblick hörten sie Tritte und sahen Licht. Gleich darauf wurde geöffnet, und Pedro, blaß und angstvoll, stand im Reiseanzug und hohen Stiefeln vor ihnen. Er hielt ein Talglicht in der Hand; und als er Petras vom Weinen geschwollenes Gesicht erblickte, seufzte er. Sie sah zu ihm auf; aber da er sie nicht zu kennen wagte, so wagte auch sie nicht ihn zu kennen. "Der Mann da hat versprochen, Dir von hier fortzuhelfen", sagte die Mutter, wobei sie weder Petra noch Ohlsen ansah, sondern den beiden voran durch den Flur und in Pedros Zimmer auf der andern Seite des Hauses ging. Das Zimmer war klein und niedrig; eine eigentümlich dumpfe Luft schlug ihnen entgegen, die Petra ganz übel machte--seit mehr als vierundzwanzig Stunden hatte sie weder geschlafen noch gegessen. Von der Mitte der Decke hing ein Bauer mit einem Kanarienvogel. Man mußte im Bogen drum herumgehen, wollte man nicht daran stoßen. Die alten schweren Stühle, ein mächtiger Tisch, ein paar große Bauernschränke, die bis an die Decke reichten, drückten so auf das Zimmer, daß es noch niedriger erschien. Auf dem Tisch lagen Noten und eine Flöte. Pedro Ohlsen schlurfte in seinen großen Stiefeln geschäftig hin und her. Aus dem Hinterzimmer erklang eine schwache Stimme: "Wer ist da? Wer ist in der Stube?" worauf er noch eiliger umhertrappte und dabei murmelte: "Oh, es ist--hm, hm--es ist nur ... hm, hm..." Darauf verschwand er in der Stube, aus der die Stimme gekommen war.

Gunlaug saß am Fenster, die Ellbogen auf die Knie gestemmt, den Kopf in die Hände gestützt, und starrte vor sich hin auf den Sand, mit dem der Fußboden bestreut war. Sie sprach kein Wort; aber von Zeit zu Zeit entrang sich ihrer Brust ein schwerer Seufzer. Petra lehnte an der Tür, die Beine dicht zusammengepreßt, beide Hände auf die Brust gedrückt; sie fühlte sich ganz krank. Eine alte Wanduhr hackte die Zeit in Stücke; das Talglicht auf dem Tisch tropfte mit langer Schnuppe. Die Mutter fühlte, sie müsse einen Grund für ihre Anwesenheit in diesem Haus angeben, und sagte: "Ich hab' diesen Mann mal früher gekannt."

Kein Wort weiter. Es kam auch keine Antwort. Pedro blieb noch immer fort. Das Talglicht tropfte, und die Uhr hackte. Die Übelkeit übermannte Petra mehr und mehr--und dazwischendurch summten unablässig die Worte der Mutter: "Ich hab' diesen Mann früher mal gekannt." Die Uhr griff es auf und fing an zu ticken: "Ich hab'--diesen Mann--mal früher--gekannt." So oft ihr später in ihrem Leben einmal eingeschlossene Luft entgegenschlug, stand ihr die Stube und ihre eigene Übelkeit und die Uhr mit ihrem: "Ich hab'--diesen Mann--mal früher--gekannt--" vor Augen. So oft ihr an Bord eines Dampfers der Ölgeruch, der Gestank des fauligen Meerwassers unter der Kajüte, der Dunst des Essens entgegendrang,--augenblicklich wurde sie seekrank, und durch die Seekrankheit hindurch hörte sie bei Tag und bei Nacht ticken: "Ich hab'--diesen Mann--mal früher--gekannt."

Als Pedro wieder eintrat, hatte er eine wollene Mütze auf und einen altmodischen steifen Mantel um, der ihm bis über die Ohren reichte. "Ja, also ich wär' fertig," sagte er und streifte sich Fäustlinge über, als solle er in den dicksten Winter hinaus. "Jetzt dürfen wir nicht vergessen, den Mantel für--für--" er wandte sich um--"den Mantel für--" Er blickte zu Petra hinüber und von ihr zu Gunlaug, die jetzt nach einem blauen Umhang griff, der über einem Stuhl hing, und ihn Petra umlegte. Petra jedoch--als sie ihn von nahem roch, empfand den eigentümlichen Dunst der Stube so heftig, daß sie bat, man möge sie an die frische Luft lassen. Die Mutter sah, daß ihr schlecht wurde, machte schnell die Tür auf und führte sie in den Garten hinaus. Hier sog sie in der kühlen Nacht die klare Herbstluft in langen, vollen Zügen ein.--"Wo soll ich hin?" fragte sie, als sie sich wieder etwas erholt hatte. "Nach Bergen!" erwiderte die Mutter und half ihr den Mantel zuknöpfen. "Das ist eine große Stadt, wo keiner Dich kennt." Als sie fertig war, stellte sie sich vor die Haustür. "Du kriegst hundert Taler mit," fuhr die Mutter fort; "so hast Du, wenn es irgendwie schief geht, einen Notpfennig. Der--der hier--borgt Dir das Geld," "--schenkt--schenkt--" flüsterte Pedro, der eben an ihnen vorbei auf die Straße heraustrat. "Borgt Dir das Geld," wiederholte die Mutter, als habe er nichts gesagt; "ich werd' es ihm zurückzahlen." Sie nahm ihr Halstuch ab, band es Petra um und sagte: "Sobald es Dir gut geht, schreibst Du. Eher nicht."--"Mutter!"--"Und jetzt bringt er Dich an Bord; das Schiff liegt draußen vor Anker."--"O Gott, Mutter!"--"So, das wäre wohl alles. Weiter gehe ich nicht mit."--"Mutter! Mutter!"--"Gott behüte Dich! Leb' wohl!"--"Mutter! Verzeih mir, Mutter!"--"Und erkälte Dich nicht auf dem Wasser!" Damit hatte sie Petra behutsam zur Gartenpforte hinausgeschoben und schloß jetzt hinter ihr zu.

Petra stand draußen und blickte auf die verschlossene Pforte. Sie fühlte sich so elend, so ausgestoßen, wie nur je ein Menschenkind sich fühlen kann. Und doch--gerade aus diesem Gefühl des Verstoßenseins, aus all dem Unrecht, den Tränen stieg eine Ahnung auf, ein Glaube; wie ein Flammenschein war es--, der aufglüht und wieder erlischt, hochaufsprühend in alle Lüfte und wieder in Asche gesunken; und doch--einen Augenblick lang alles sieghaft überstrahlend--. Sie hob die Augen. Und stand wieder im tiefen Dunkel.

Still--langsam--durch die öden Gassen der kleinen Stadt, vorbei an den ungastlichen, entblätterten Gärten, vorbei an den verschlossenen, erloschenen Häusern glitt sie dahin, hinter dem Mann, der in seinen großen Stiefeln und dem Mantel, vornübergeneigt, gewissermaßen ohne Kopf, voranstapfte. Sie kamen in die Allee, wieder schritten sie durch raschelndes Laub und sahen gespenstisch emporgereckte und verlangende Äste, die nach ihnen haschten. Sie krochen den Berg hinunter, zum gelben Schuppen, wo das Boot lag; er machte sich sofort daran, es auszuschöpfen; dann ruderte er sie hinaus, am Land entlang, das jetzt dalag zu einem schwarzen Klumpen geballt, auf den sich schwer der Himmel niedergesenkt hatte. Feld und Wald, Häuser und Hügel, alles war ausgelöscht. Nichts mehr erblickte sie von alledem, was sie von Kindheit an bis gestern Tag für Tag vor Augen gehabt hatte; alles hatte sich verschlossen--wie die Stadt; wie die Menschen sich vor ihr verschlossen, in der Nacht, da sie hinausgestoßen wurde; und kein Lebwohl begleitete sie.

Auf dem Schiff, das dicht am Strand vor Anker lag und auf die Morgenbrise wartete, ging ein Mann auf und ab. Sobald er die zwei unter den Dillen sah, ließ er die Schiffstreppe hinab, half ihnen an Bord und benachrichtigte den Kapitän, der sofort auf Deck kam. Petra kannte beide, und beide kannten sie; aber ohne eine Frage, ohne Mitleid, nur wie eine ganz alltägliche Sache wurde ihr gesagt, was gesagt werden mußte--wo ihre Koje sei, und was sie zu tun habe, wenn sie irgendetwas wünsche oder seekrank würde. Letzteres wurde sie auch fast augenblicklich, als sie in ihre Kabine trat, und sie ging darum, sobald sie sich umgekleidet hatte, wieder auf Deck. Da oben roch es--jawohl--nach Schokolade! Sie verspürte einen entsetzlichen Hunger; es bohrte, es zerrte geradezu in ihrem Magen, und da kam auch schon der Mann, der ihr an Bord geholfen hatte, mit einer großen Kanne aus der Schiffsküche; und dazu Kuchen! Ihre Mutter schicke ihr das, sagte er. Während sie aß und trank, berichtete er, die Mutter habe auch eine Kiste mit ihren besten Kleidern und mit leinenem und wollenem Unterzeug an Bord geschickt, auch Eßwaren und allerhand Leckereien. Und in diesem Augenblick stieg plötzlich die Erinnerung an die Mutter gewaltig in ihr auf--ein Bild, großzügig, wie sie es bisher noch nie empfunden hatte, das ihr aber von Stund an ihr Leben lang blieb. Und vor dem Bild, sicher und doch wehmutsvoll, eine Verheißung, ein Gebet, daß sie dereinst der Mutter all das Leid, das sie über sie gebracht hatte, mit ein klein bißchen Freude vergelten dürfe.

Pedro Ohlsen saß neben ihr, wo sie saß, und ging neben ihr, wo sie ging--stets eifrig darauf bedacht, ihr nie und nirgends im Weg zu sein, und darum fortwährend und überall im Weg auf dem mit Frachtstücken überfüllten Deck. Sie sah nichts von seinem Gesicht als die große Nase und die Augen, und nicht einmal diese deutlich; doch immer merkte man ihm an, daß er bedrückt wurde von etwas, das er gern sagen wollte, und doch nicht sagen konnte. Er seufzte, er setzte sich, stand auf, ging um sie herum und setzte sich wieder; aber kein Wort kam aus seinem Munde, und auch sie blieb stumm. Zuletzt konnte er es nicht länger aushaken; linkisch zog er ein Ungeheuer von einer ledernen Brieftasche hervor und flüsterte ihr zu: da seien die hundert Taler--und noch ein bißchen drüber. Sie streckte die Hand aus und bedankte sich; und dabei kam sie seinem Gesicht so nahe, daß sie bemerkte, wie seine Augen in feuchtem Glanz an den ihren hingen. Denn mit ihr schwand ja der letzte Rest von Leben, der seinem dahinsiechenden Dasein noch geblieben war. Er hätte ihr so gern noch etwas gesagt, das ihm eine freundliche Erinnerung gesichert hätte, wenn er nun bald nicht mehr da sei; aber das war ihm verboten; und obwohl er es trotzdem gern getan hätte, wagte er es doch nicht; sie kam ihm so gar nicht zu Hilfe! Petra war müde, so müde. Und der Gedanke, er sei der Anlaß gewesen, daß sie damals die erste Sünde an ihrer Mutter begangen habe, wollte gerade jetzt nicht von ihr weichen. Sie konnte ihn nicht mehr gern haben; und je länger er da saß, desto schlimmer wurde es; denn wenn man müde ist, wird man leicht ungeduldig. Der Ärmste fühlte das; es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden; und während er seine dürre Hand aus dem Fausthandschuh zog, brachte er schließlich ein geflüstertes Lebewohl heraus. Sie legte ihre warme Hand in die seine, und beide standen auf. "Vielen Dank,--und grüß' Mutter!" sagte sie. Er stieß einen Seufzer aus oder eine Art Glucksen--einmal und noch ein paarmal; dann ließ er ihre Hand los, wandte sich ab und kletterte rücklings, still, die Schiffstreppe hinunter. Sie trat an die Reling; er sah noch immer herauf, grüßte, setzte sich und ruderte langsam davon. Sie blieb stehen, bis er im Dunkel verschwunden war. Dann aber ging auch sie gleich nach unten; sie war so müde, daß sie sich kaum mehr auf den Füßen halten konnte; und obwohl sie sofort seekrank wurde, so hatte sie doch kaum den Kopf aufs Kissen gelegt und die zwei oder drei ersten Bitten des Vaterunsers gebetet, als sie auch schon schlief.

* * * * *

Droben neben dem gelben Bootschuppen saß zu derselben Stunde die Mutter. Sie war ihnen langsam den ganzen Weg gefolgt, und hatte sich, gerade als die beiden vom Lande stießen, hinter den Schuppen gesetzt. Von derselben Stelle aus war Pedro Ohlsen in alten Zeiten oft mit ihr hinausgerudert; es war lange, lange her; aber als er jetzt mit ihrem Kinde davonruderte, mußte sie daran denken.

Sobald sie ihn allein zurückkehren sah, stand sie auf und ging; sie wußte jetzt, daß die Tochter wohlbehalten an Bord war. Sie ging nicht nach Hause, sondern ins Land hinaus. Dort fand sie im Dunkeln den Pfad, der in die Berge führte; den schlug sie ein. Über einen Monat blieb ihr Haus in der Stadt leer und halb zertrümmert stehen; sie wollte nicht eher wieder heim, als bis sie gute Nachricht von der Tochter hatte.