Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 37
Eine heftige Angst packte sie; im Handumdrehen war sie aus dem Bett und angezogen. Es trieb sie ins Freie, als ließe sich draußen irgendwo Rat finden; alles war plötzlich unklar, ungewiß, gefahrdrohend geworden. Je mehr sie grübelte, desto mehr verwirrten sich ihre Gedanken; irgend jemand mußte sie entwirren, sonst wurde sie nicht damit fertig. Aber wem sollte sie sich anvertrauen? Da gab es nur einen Menschen--die Mutter. Als sie nach langem inneren Kampf vor ihr in der Küche stand, angstvoll, dem Weinen nah, aber fest in ihrem Entschluß, volles Vertrauen zu zeigen, um volle Hilfe zu empfangen, sagte die Mutter, ohne sich umzudrehen und daher auch ohne Petras Gesichtsausdruck zu bemerken: "Eben ist er hier gewesen;--er ist wieder da."--"Wer?"--flüsterte Petra und griff nach einer Stütze; war Gunnar wirklich schon wieder da, so war es mit aller Hoffnung vorbei. Sie kannte Gunnar; er war schwerfällig und gutmütig; wenn er aber einmal in Wut geriet, war er wie rasend. "Du sollst gleich hinkommen, hat er gesagt."--"Hinkommen?" wiederholte Petra zitternd; sie dachte sich sofort, daß er seiner Mutter alles gesagt habe; und was sollte nun werden?--"Ja, ins Pfarrhaus!" sagte die Mutter.--"Ins Pfarrhaus? Ödegaard ist wieder da?"--Jetzt drehte sich die Mutter um. "Freilich--wer denn sonst?"--"Ödegaard!" jubelte Petra, und ein Sturm der Freude blies in einem Nu die Luft rein. "Ödegaard ist wieder da, Ödegaard! O Gott im Himmel, er ist wieder da!" Und schon war sie zur Tür hinaus und über alle Berge. Sie stürmte davon, sie lachte, sie schrie. Er war es, er allein, der ihr not tat! Wäre er daheim gewesen, das ganze Unheil wäre nicht geschehen! Bei ihm war sie geborgen. Beim bloßen Gedanken an seine edlen, klaren Züge, seine milde Stimme, oder auch nur an die stillen, bilderreichen Zimmer, Räume, die er bewohnte, kam sie in friedlicheren Takt und fühlte sich wieder sicher. Sie ließ sich Zeit und sammelte sich. Stadt und Land erstrahlten im sinkenden Herbstabend; zumal der Fjord lag in wunderbarem Glanz; draußen im Sund wirbelte der letzte ferne Rauch des Dampfers, der Ödegaard gebracht hatte. Ach, nur die Gewißheit, daß er wieder da sei, machte sie gut, gesund, stark! Sie betete zu Gott, ihr zu helfen, daß Ödegaard sie nie mehr verlassen möge! Und gerade als sie sich in dieser Hoffnung gehoben fühlte, sieht sie ihn lächelnd auf sich zukommen. Er hatte gewußt, welchen Weg sie kommen würde, und war ihr entgegengegangen! Das rührte sie; sie sprang auf ihn zu, faßte seine beiden Hände und küßte sie. Er wurde verlegen. Als er weiter hinten jemand schreiten sah, zog er sie vom Weg hinauf unter die Bäume. Er hielt ihre Hände zwischen den seinen, und sie sagte nur immerzu: "Wie herrlich, daß Sie wieder da sind! Ich kann's gar nicht glauben, daß Sie's wirklich sind! Oh, Sie dürfen nie, nie wieder fort! Verlassen Sie mich nicht wieder, ach bitte, verlassen Sie mich nicht!" Dabei stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Er zog sanft ihren Kopf an sich, wie um ihre Tränen zu verdecken und sie zu beruhigen; ihm selber war es eine Notwendigkeit, daß sie ruhiger wurde. Sie aber schmiegte sich an ihn wie der Vogel unter den Flügel, der sich über ihn breitet, und wollte gar nicht wieder heraus. Überwältigt von diesem Vertrauen, legte er den Arm um sie, wie um ihr den Schutz, den sie suchte, zu gewähren; kaum jedoch fühlte sie das, so hob sie ihr verweintes Gesicht zu ihm empor, ihre Augen begegneten den seinen, und was in einem Blick wechseln kann, wenn Reue begegnet der Liebe, Dankbarkeit begegnet der Freude des Gebers und das Ja dem Ja,--das blitzte in rascher Reihenfolge auf. Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und drückte seine Lippen auf die ihren. Er hatte früh seine Mutter verloren; er küßte zum erstenmal in seinem Leben, und auch bei ihr war es so. Keins vermochte sich vom andern zu lösen, und als es dennoch geschah, war es nur, um wieder einander entgegenzusinken. Er bebte, sie aber strahlte und glühte, sie warf die Arme um seinen Hals und hing sich an ihn wie ein Kind. Und als sie sich setzten, und sie seine Hände, sein Haar, seine Brustnadel, sein Halstuch, alles was sie sonst nur ehrfurchtsvoll aus der Ferne betrachtet hatte, anrühren durfte, und als er sie bat, "Du" zu sagen und nicht "Sie", und sie das nicht konnte, und als er ihr erzählen wollte, wie reich sie sein armes Leben vom ersten Augenblick an gemacht habe, wie lange er dagegen angekämpft habe, um sie nicht zu hemmen, um sich nicht auf diese Weise bezahlt zu machen, und als er entdeckte, daß sie nicht imstande sei, auch nur ein Wort von dem, was er sagte, zu fassen oder zu begreifen, und er selbst auch keinen Sinn und Verstand mehr darin fand; als sie dann auf der Stelle mit ihm gehen wollte, und er sie lachend bitten mußte, noch ein paar Tage zu warten, dann wollten sie zusammen weit fort ziehen, weg von allem hier--da fühlten sie, wie sie so zwischen den Bäumen saßen, vor sich Fjord und Berg im Abendsonnenglanz, während fern ein Waldhorn sang und klang--da fühlten sie, da sprachen sie es aus: das ist das Glück.
Der ersten Begegnung Süßigkeit, Sie ist wie ein Sang auf den Fluten, Sie ist wie ein Sang auf grüner Heid', Wie der Sonne letztes Gluten,-- Sie sind wie ein Waldhorn auf öder Flur, Die tönenden Augenblicke, In denen ein Wunder die Natur Verschmelzt mit unserm Geschicke.
Fünftes Kapitel
Am nächsten Morgen saß Petra halb angekleidet in ihrem Stübchen; weiter kam sie den ganzen Tag über nicht. So oft sie auch den Versuch machte, immer wieder sanken ihr die Arme in den Schoß. Wie vollreife Ähren, wie schwere Glockenblumen auf dem Feld beugten sich ihre Gedanken. Stille, Sicherheit und wogende Luftgebilde schwebten über den lichten Schlössern, in denen sie hauste. Wieder durchlebte sie die gestrige Begegnung, jedes Wort, jeden Blick, jeden Händedruck, jeden Kuß. Sie wollte sich den ganzen Verlauf, von der ersten Begegnung bis zum Abschied, wieder vergegenwärtigen, aber sie kam nie damit zu Ende. Denn jede einzelne Erinnerung verdämmerte in blauen Traum, und alle Träume kamen mit neuer Verheißung zurück. Und so süß diese Verheißung auch war, Petra mußte sie zurückdrängen, um den Faden der Erinnerung da wieder aufzunehmen, wo er ihr entglitten war; aber kaum hatte sie ihn, verlor sie sich wieder ins Wunderbare.
Da sie nicht herunterkam, dachte die Mutter, sie habe, nun Ödegaard zurückgekehrt war, ihre Studien wieder aufgenommen. Sie schickte ihr das Essen hinauf, damit sie den ganzen Tag in Ruhe oben bleiben konnte. Erst gegen Abend stand Petra auf, um sich fertig zu machen. Jetzt ging es ihrer Liebe entgegen! Sie schmückte sich mit dem Besten, was sie hatte, ihrem ganzen Konfirmationsstaat. Glänzend war er nicht; aber das empfand sie erst heute; das eine Stück machte das andere häßlich, bis sie die passenden Stücke zusammengefunden hatte; und dann war das Ganze trotzdem nicht hübsch! Was hätte sie heute nicht darum gegeben, die schönste zu sein. Mit diesem Wort stieg eine Erinnerung in ihr auf, die sie mit einer Handbewegung von sich wies; nichts, nichts durfte ihr heute nahen, was sie beunruhigen konnte! Sie selbst bewegte sich ganz still; leise ordnete sie dies und jenes in ihrem Stübchen; denn noch war die Stunde nicht da. Sie öffnete das Fenster und sah hinaus; rote, warme Wolken lagerten auf den Bergen, aber ein kühlender Luftstrom zog herein und brachte Botschaft vom nahen Wald. "Ich komme, ich komme!" Noch einmal trat sie vor den Spiegel, um ihr bräutliches Glück zu grüßen.
Da hörte sie drunten bei der Mutter Ödegaards Stimme, hörte, wie man ihn nach ihrem Zimmer wies. Er kam, sie zu holen! Eine schamhafte Freude umglühte sie; sie sah sich um, ob auch alles in Ordnung sei, für ihn! Dann ging sie auf die Tür zu.
"Herein!" antwortete sie leise auf das leise Klopfen und trat ein paar Schritte zurück.
Am selben Morgen hatte man Ödegaard, als er um den Kaffee klingelte, gemeldet, der Kaufmann Yngve Vold habe heute früh schon zweimal nach ihm gefragt. Daß seine Gedanken sich gerade jetzt mit den Ansprüchen eines Fremden befassen sollten, verstimmte ihn; aber ein Mensch, der ihn so früh aufsuchte, mußte wohl ein wichtiges Anliegen haben. Er war auch wirklich kaum angekleidet, als Yngve Vold eintrat. "Sie werden sich wohl wundern, was? Tu' ich selber. Guten Morgen!" Die beiden begrüßten sich, und er legte seinen hellen Hut hin. "Schlafen Sie aber lang! Zweimal bin ich schon hier gewesen. Ich habe etwas Wichtiges auf dem Herzen; ich muß mit Ihnen reden."--"Bitte, nehmen Sie Platz!" Und Ödegaard setzte sich selbst in einen Lehnstuhl. "Danke, danke! Ich gehe lieber auf und ab. Ich kann nicht sitzen--bin zu aufgeregt. Seit vorgestern bin ich rein wie von Sinnen--rein verrückt, nicht mehr und nicht weniger! Und daran sind Sie schuld!"--"Ich?"--"Ja, Sie! Sie haben das Mädchen ausgegraben. Kein Mensch hätte an das Mädel gedacht, kein Mensch hätte es beachtet, wenn Sie nicht gewesen wären. Aber so--in meinem ganzen Leben hab? ich so was--so was Unvergleichliches nicht gesehen,--nie, so wahr ich hier stehe--so was--Sie wissen schon! So was verflixt Kraushaariges, Wunderbares--was? Keine Ruhe hat's mir gelassen! Ich war rein verhext! Wo ich ging und stand--immer war sie da. Ich bin auf Reisen gegangen und bin wiedergekommen--es war mir unmöglich--was? Wußte erst überhaupt nicht, wer sie war--'das Fischermädel', hieß sie. Spanierin, Zigeunerin,--Hexe wäre richtiger gewesen--! Einfach Feuer--Augen, Busen, Haar--was? Funkelt, sprüht, tanzt, lacht, trällert, errötet--Teufelsweib!... Renne ihr nach, verstehen Sie, oben im Wald zwischen den Bäumen--stiller Abend--sie steht da, ich steh' da--dann ein paar Worte, Gesang, Tanz--und da, na ja, da gab ich ihr meine Kette. Hatte, so wahr ich lebe, eine Minute vorher noch mit keinem Gedanken daran gedacht! Das nächste Mal wieder an derselben Stelle, wieder dasselbe Gerenne; sie hatte Angst, und ich,--ja, wollen Sie's glauben?... ich brachte kein Sterbenswörtchen heraus, traute mich nicht, sie anzurühren! Aber als sie dann wiederkam--können Sie sich denken, Mensch?--da macht' ich ihr einen Heiratsantrag! Und eine Sekunde vorher hatt' ich mit keinem Gedanken daran gedacht! Gestern hab' ich mich dann selbst geprüft,--wollte von ihr wegbleiben--aber auf Ehr' und Seligkeit, ich bin verrückt! Ich _kann_ einfach nicht, ich _muß_ bei ihr sein! Wenn ich das Mädel nicht krieg', so schieß' ich mir ohne weiteres eine Kugel vor den Kopf! Sehen Sie, so steht's mit mir. Um meine Mutter scher' ich mich den Teufel, um die Stadt auch--ein Lumpennest, ein elendes Krähwinkel! Sie muß heraus, sehen Sie, heraus, hoch über dies Nest hinaus! _Comme il faut_ soll sie werden, ins Ausland soll sie--Frankreich--Paris--! Ich bezahl's und Sie arrangieren die Sache. Ich könnte ja auch selber mit fort, mich irgendwo draußen festsetzen, weg aus diesem Loch. Aber--der Fisch! Ich möchte was machen aus der Stadt,--das liegt ja und schläft, denkt nicht, spekuliert nicht; aber--der Fisch! Man versteht den Fisch nicht zu behandeln; Spanien, das ganze Ausland beklagt sich; die Sache muß anders angefaßt werden--andere Trocknung, andere Verpackung, alles anders,--das Nest soll in die Höhe--Zug muß ins Geschäft kommen--Millionen soll der Fisch schaffen!--Wo bin ich stehen geblieben? Richtig--Fisch--Fischermädel--das paßt zusammen: Fisch--Fischermädel--hahaha! Also ich zahle,--Sie arrangieren's! Sie wird meine Frau, und dann----"
Weiter kam er nicht. Er hatte während seiner langen Rede gar nicht auf Ödegaard geachtet, der jetzt totenblaß aufsprang und sich mit einem biegsamen spanischen Rohr in der Hand über ihn warf. Das Erstaunen des andern war nicht zu beschreiben; den ersten Schlägen wich er aus. "Nehmen Sie sich in acht! Sie könnten mich treffen!" sagte er.--"Jawohl! Ich treffe! Sehen Sie: spanisch, spanisches Rohr--das paßt auch zusammen!" und die Hiebe regneten auf Schultern, Arme, Hände, das Gesicht herab, wo sie gerade hintrafen. Der andere schoß umher: "Sind Sie verrückt? Mensch, sind Sie toll?" rief er. "Ich will sie ja heiraten! Hören Sie? heiraten!"--"Hinaus!" schrie Ödegaard, als sei er mit seiner Kraft am Rande. Und der Blondkopf stürzte zur Tür hinaus, die Treppe hinunter, fort von diesem Wahnsinnigen;--gleich darauf stand er unten auf der Straße und brüllte hinauf nach seinem hellen Hut. Der wurde ihm durchs Fenster nachgeworfen. Dann war alles still.
"Herein!" antwortete Petra am Abend auf das leise Klopfen und trat ein paar Schritte zurück, um den Geliebten besser sehen zu können, während er eintrat. Wie wenn ein eisiger Wasserstrahl sich über sie ergösse, wie wenn die Erde unter ihren Füßen wiche, so wirkte auf sie das Gesicht, das da in der Tür erschien. Sie taumelte zurück und tastete nach dem Bettpfosten; aber ihr Denken, von Abgrund zu Abgrund gestürzt, versagte; in weniger als einer Sekunde war sie von der Höhe der glückseligsten Braut zur Tiefe der größten Sünderin auf Erden herabgestürzt. Sie hörte es donnern aus diesem Antlitz: in alle Ewigkeit konnte er ihr nicht vergeben!--
"Ich seh' es--Du bist schuldig!" flüsterte er kaum hörbar. Er lehnte sich gegen die Tür und hielt sich an der Klinke fest, als müsse er sonst umsinken. Seine Stimme bebte, und die Tränen rannen ihm übers Gesicht, obwohl sein Antlitz ganz ruhig war.
"Weißt Du auch, was Du getan hast?" Und seine Augen schmetterten sie zu Boden. Sie antwortete nicht--nicht einmal mit Tränen, Ohnmacht--völlige, hoffnungslose Ohnmacht lähmte sie. "Einmal in meinem Leben habe ich meine Seele hingegeben, und er, dem ich sie gab, starb durch meine Schuld. Aus diesem Schmerz konnte nichts mich wieder aufrichten als ein Menschenkind, das mir ganz gehörte und mir eine ganze Seele zurückgab. Das hast Du getan,--und hast es zum Schein getan!" Er hielt inne. Ein paarmal versuchte er vergebens wieder anzusetzen; dann fuhr er mit plötzlichem Ausdruck des Schmerzes fort: "Und Du konntest es übers Herz bringen, alles, was ich in diesen langen Jahren, Gedanken für Gedanken, aufgebaut habe, niederzureißen, als sei es ein Bild von Ton! Kind, Kind! konntest Du nicht verstehen, daß ich in Dir mich selbst wieder aufrichtete? Jetzt ist es vorbei!" Er versuchte seinen Schmerz zu beherrschen.
"Nein, Du bist zu jung, um es zu fassen," begann er wieder. "Du weißt nicht, was Du getan hast.--Aber daß Du mich _betrogen_ hast, das mußt Du doch verstehen.--Sag' mir, was hab' ich Dir getan, daß Du etwas so Grausames fertig bringen konntest? Kind, Kind! Hättest Du es mir wenigstens gestern gesagt! Warum--warum hast Du mich so fürchterlich belogen?"
Sie hörte alles, und alles, was er sagte, war Wahrheit.--Er war nach einem Stuhl am Fenster geschwankt, um seinen Kopf auf den Tisch daneben stützen zu können. Dann stand er wieder auf; es schluchzte in ihm vor Schmerz, und wieder setzte er sich nieder, ganz still. "Und ich, der nicht einmal dazu gut ist, seinem alten Vater zu helfen!" flüsterte er vor sich hin. "Ich kann nicht, ich fühle in mir nicht den Beruf dazu! Darum soll auch mir niemand helfen. Alles soll mir unter den Händen zerbrechen, alles."--Er konnte nicht mehr; sein Haupt sank in seine rechte Hand; die linke hing schlaff herab; er sah aus, als könne er sich überhaupt nicht mehr rühren. Und so blieb er sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Da fühlte er etwas Warmes auf seiner herabhängenden Hand. Erschrocken fuhr er zusammen; es war Petras Atem. Sie lag mit gesenktem Kopf neben ihm auf den Knien; jetzt faltete sie die Hände und sah mit einer unbeschreiblichen Gebärde, die um Barmherzigkeit flehte, zu ihm empor. Er blickte zu ihr nieder; keins wandte den Blick ab. Da hob er wie abwehrend die Hand gegen sie, als fühle er bei diesem Blick in seinem Innern eine Stimme der Überzeugung, der er nicht Gehör schenken wollte, und jäh, heftig bückte er sich nach seinem Hut, der zu Boden gefallen war, und eilte zur Tür. Aber noch schneller vertrat sie ihm den Weg, warf sich nieder, umklammerte seine Knie und bohrte ihre Augen in seine--alles ohne einen Laut; aber er sah und fühlte, sie kämpfe um ihr Leben. Da wurde die alte Liebe zu mächtig in ihm; noch einmal sah er sie an mit einem vollen, schmerzlichen Blick, noch einmal umfaßte er mit beiden Händen ihr Haupt. Aber in seiner Brust schluchzte und sang es wie in der Orgel nach dem letzten Zug der Register, wenn nur noch Luft, aber kein Ton mehr in ihr ist. Dann zog er seine Hände zurück und zwar in einer Weise, daß sie fühlen mußte, was er dabei dachte: es war für immer. "Nein, nein!--Du kannst Dich hingeben; aber Du kannst nicht lieben!" Es überwältigte ihn. "Unglückliches Kind, Deine Zukunft kann ich nicht schützen! Gott verzeih Dir, daß Du meine vernichtet hast!" Er ging an ihr vorbei, sie rührte sich nicht. Er öffnete die Tür und schloß sie; sie blieb stumm,--sie hörte ihn die Treppe hinuntergehen, sie hörte seine letzten Schritte auf der Haustreppe, auf dem Wege--da brach der Bann. Sie stieß einen Schrei aus, einen einzigen;--aber darauf eilte die Mutter herbei.
Als Petra wieder zu sich kam, fand sie sich in ihrem Bett, entkleidet und wohl verwahrt; und vor ihr saß die Mutter, die Arme auf die Knie gestemmt, den Kopf in beide Hände gestützt und die Glutaugen fest auf die Tochter gerichtet. "Hast Du jetzt genug bei ihm studiert?" fragte sie. "Hast Du jetzt was gelernt... Was soll denn nun aus Dir werden, he?"--Petras Antwort war ein Strom von Tränen. Lange, sehr lange saß die Mutter da und hörte das Weinen mit an; dann sagte sie--seltsam feierlich: "Gott der Herr verdamme ihn!"--Petra fuhr auf. "Mutter, Mutter! Nicht ihn, nicht ihn! _Mich_, mich--nicht ihn!"--"Oh, ich kenn' das Pack! Ich weiß schon, wer's verdient!"--"Nein, Mutter! er ist betrogen--betrogen durch mich--_ich_, _ich_ hab' _ihn_ betrogen!" Und hastig und schluchzend erzählte sie alles. Keinen Augenblick durfte ein Verdacht auf ihm ruhen! Sie erzählte von Gunnar, was sie von ihm verlangt hatte, ohne es zu verstehen, von Yngve Volds Unglückskette, in der sie sich verfangen hatte, zuletzt von Ödegaard, und wie sie bei seinem Anblick alles andere vergessen hatte. Sie begriff auch jetzt noch nicht, wie es zugegangen war; aber daß sie eine ungeheure Sünde begangen habe an allen dreien, und vor allem an ihm, der sie zu sich emporgezogen und ihr alles gegeben hatte, was ein Mensch dem andern geben kann, das begriff sie. Nachdem die Mutter lange schweigend dagesessen hatte, sagte sie: "Und an mir hast Du Dich nicht versündigt? Wo bin denn ich die ganze Zeit gewesen, daß Du mir kein Sterbenswort von alledem gesagt hast?"--"Oh, Mutter, hilf mir! Sei nicht hart gegen mich jetzt! Ich fühle ja, daß ich mein ganzes Leben lang dafür büßen muß; aber ich will Gott auch bitten, daß er mich bald sterben läßt!--Lieber, lieber Gott!" fing sie sofort an und hob die gefalteten Hände zum Himmel, "lieber, lieber Gott, erhöre mich! Ich hab' mein Leben zerstört; es hat für mich keinen Reiz mehr,--ich bin nicht fürs Leben geschaffen--ich versteh' das Leben nicht. Lieber Gott, darum laß mich sterben!" Es lag eine so ergreifende Innigkeit in diesem Gebet, daß Gunlaug die harten Worte, die ihr schon auf der Zunge lagen, hinunterschluckte. Sie legte ihre Hand auf den zum Gebet erhobenen Arm des Mädchens und drückte ihn hernieder. "Mäßige Dich, Kind! Man soll Gott nicht versuchen. Wir müssen leben, vielleicht gerade weil's uns hart ankommt!"--Dann stand sie auf, und von Stund an setzte sie ihren Fuß nicht mehr in die Giebelstube.
Ödegaard war schwer erkrankt, und die Krankheit drohte eine gefährliche Wendung zu nehmen. Während dieser Zeit zog der alte Vater zu seinem Sohn hinauf und richtete sich sein Studierzimmer unmittelbar neben dem Krankenzimmer ein. Wer ihn bat, sich zu schonen, erhielt immer dieselbe Antwort; er könne nicht; seine Pflicht sei, über seinen Sohn zu wachen, so oft dieser Sohn einen verloren habe, den er mehr geliebt habe als den Vater.
So standen die Dinge, als Gunnar zurückkehrte.
Seiner Mutter jagte er einen Todschrecken ein, als sie ihn plötzlich vor sich sah, lange eh das Schiff, auf dem er fuhr, angekommen war; sie glaubte, es sei sein Geist. Und nicht viel anders erging es seinen Bekannten. Auf alle verwunderten Fragen gab er nur kurzen Bescheid. Bald jedoch wußte man mehr als genug. Denn noch am selben Tag, an dem er zurückgekehrt war, wurde er bei Gunlaug zum Haus hinausgeworfen, und zwar von ihr eigenhändig. Von der Treppe aus schrie sie ihm nach, daß es durch den ganzen Hohlweg dröhnte: "Daß Du Dich hier nicht wieder blicken läßt! Von der Sorte haben wir genug!" Er war noch nicht weit gegangen, als ein Mädchen mit einem Paket hinter ihm drein gerannt kam. Das Mädchen hatte noch ein zweites Paket mit und gab ihm das falsche; und so kam es, daß Gunnar im Paket eine dicke goldene Kette fand. Er blieb stehen, wog die Kette in der Hand und betrachtete sie. War ihm Gunlaugs Wut schon vorhin rätselhaft erschienen--daß sie ihm jetzt eine goldene Kette nachschickte, das war ihm noch unbegreiflicher. Er rief das Mädchen zurück; sie müsse sich geirrt haben. Jetzt gab sie ihm das andere Paket und fragte, ob _das_ vielleicht das richtige sei. Und wirklich--das Paket enthielt seine Geschenke für Petra.----Ja, das sei das richtige. Aber wem sie denn das andere, das mit der goldenen Kette, bringen solle? "Dem jungen Herrn Vold!" erwiderte das Mädchen und ging. Gunnar blieb zurück und dachte nach. "Der junge Vold? Macht _der_ ihr Geschenke? Also _der_ hat sie mir gestohlen,--Yngve Vold,--na, dem will ich--!" Seine Spannung, seine Erbitterung _mußte_ sich Luft machen,--irgend etwas _mußte_ er zerschlagen.--Also--Yngve Vold.
Und zum zweitenmal wurde der unglückselige Fischhändler höchst unerwartet attakiert, und zwar auf seiner eigenen Haustreppe. Er flüchtete vor dem Wahnwitzigen ins Kontor, aber Gunnar setzte ihm nach. Sämtliche Kontoristen fielen über den Ruhestörer her; der schlug und wehrte sich nach allen Seiten. Stühle, Tische, Pulte wurden über den Haufen geworfen; Briefe, Rechnungen, Zeitungen stoben nur so durch die Luft. Schließlich rückten--von Yngve Volds Warenschuppen her--Hilfstruppen an, und Gunnar wurde, nach heißem Kampf, auf die Straße befördert. Aber da ging es erst recht los. Im Hafen lagen gerade zwei Schiffe--ein ausländisches und ein einheimisches. Es war gerade Mittagspause, und die Matrosen nahmen diesen Jux nur zu gern mit. Sofort war die Rauferei in schönstem Gange, Mannschaft gegen Mannschaft, Ausländer gegen Einheimische. Neue Truppen wurden herbeibeordert und zogen in Sturmschritt heran; Arbeiter schlenderten herbei, alte Weiber, Gassenjugend; schließlich wußte kein Mensch mehr, weshalb oder mit wem man raufte. Vergebens fluchten die Schiffer, vergebens befahlen ehrsame Bürger, den einzigen Polizeidiener des Städtchens herbeizuholen; der lag just in aller Gemütsruhe draußen auf dem Fjord und fischte. Man lief zum Stadtschultheiß; aber der war zugleich Postmeister, hatte sich gerade mit der neuesten Briefpost in seinem Bureau eingeschlossen und rief zum Fenster heraus, er könne nicht fort, sein Gehilfe sei bei einem Begräbnis; sie müßten warten. Da man aber mit dem gegenseitigen Totschlagen unmöglich warten konnte, bis die Post sortiert war, so schrien einige, vor allem ein paar geängstigte Weiber, man solle den Grobschmied Arne holen. Dem stimmten die ehrsamen Bürger zu, und seine eigene Frau lief, ihn zu holen, "weil die Polizei nicht daheim sei." Er kam--zum Jubel der Schuljugend--, fuhr ein paarmal in den Knäuel hinein, langte sich einen gelenkigen Spanier heraus und hämmerte mit dem nach rechts und links auf die andern los.
Als alles vorbei war, kam der Stadtschultheiß mit seinem Spazierstock. Er fand noch ein paar alte Weiber und Kinder auf der Walstatt. Diesen gebot er mit gestrenger Miene, nach Hause zu gehen zum Mittagessen--was er selbst ebenfalls tat.