Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 36

Chapter 363,782 wordsPublic domain

Eines Nachmittags in der Dämmerung, in einem ganz feinen Regen,--Rieselregen nennt man ihn--war Petra mit einem großen Umschlagtuch überm Kopf vor der Tür ihres Hauses und lugte in den Flur hinein, wo ein junger Matrose stand und einen Walzer pfiff. "Du--Gunnar--wollen wir einen Spaziergang machen?"--"Es regnet doch!"--"Bah, das bißchen Regen!"--Sie gingen bis zu einem kleinen Haus oben am Berge. "Kauf' mir ein paar Kuchen--von denen mit Schlagsahne drauf--ja?"--"Immer willst Du auch Kuchen!"--"Mit Schlagsahne drauf!"--Er ging und holte ihr ein paar. Sie streckte die eine Hand unter dem Tuch hervor, nahm die Kuchen und ging schmausend weiter. Als sie hoch oben über der Stadt standen, bot sie ihm ein Stück Kuchen an und sagte: "Du, Gunnar, wir zwei haben uns doch immer so gern leiden mögen; immer hab' ich Dich am liebsten mögen von all den Jungens. Glaubst es nicht? Doch, ganz sicher, Gunnar! Und jetzt bist Du zweiter Steuermann und führst vielleicht schon bald ein eigenes Schiff. Ich finde, Du müßtest Dich jetzt verloben... Nanu? Magst Du keinen Kuchen?"--"Danke! Ich kaue lieber Tabak."--"Also--was sagst Du dazu?"--"Oh, das hat keine Eile!"--"Keine Eile? Übermorgen gehst Du doch wieder fort!"--"Na ja ... ich komm' doch wieder!"--"Aber ob ich dann Zeit hab', ist ziemlich zweifelhaft; wer weiß, wo ich dann bin!"--"Also mit Dir soll ich mich verloben?"--"Aber natürlich, Gunnar. Mit wem denn sonst? Du bist wirklich zu dumm, darum bist Du auch nichts als ein Matrose!"--"Tut mir gar nicht leid! Matrose sein, das ist famos!"--"Freilich--Deine Mutter hat ja ein Schiff. Na, was sagst Du also? Schrecklich, wie schwerfällig Du bist!"--"Was soll ich denn sagen?"--"Was Du sagen sollst? Hahaha!... Willst mich am Ende gar nicht? Was?"--"Ach, Petra! das weißt Du ja nur zu gut! Aber ich glaube--man kann sich nicht auf Dich verlassen!"--"Doch, doch, Gunnar! Ich bin Dir ganz, ganz gewiß treu!"--Er blieb einen Augenblick stehen: "Laß Dich mal ansehen, Petra!"--"Warum?"--"Ich will sehen, ob Du es auch wirklich meinst."--"Denkst Du etwa, ich mache Unsinn?" Sie schlug erzürnt ihr Tuch zurück.--"Ja, Petra--wenn es also ganz im vollen Ernst gelten soll, dann gib mir einen Kuß drauf. Da weiß man doch, was man hat."--"Bist Du verrückt?" sie schlug das Tuch wieder zusammen und ging weiter.--"So warte doch, Petra! Das verstehst Du nur nicht. Wenn wir wirklich Liebesleute sind--"--"Ach, Blödsinn!"--"Na, hör' mal, da muß _ich_ doch wohl wissen, was der Brauch ist, scheint mir; denn was Lebenserfahrung anbelangt--da bin ich Dir zwanzigmal über. Wenn Du bloß bedenkst, was ich alles gesehen habe--"--"Bah, Du hast gesehen wie ein Schafskopf sieht, und schwatzt, wie Du gesehen hast!"--"So? Und was verstehst denn Du unter Liebesleuten, wenn man fragen darf? Was? Bergauf und bergab hintereinander herrennen, darin besteht's doch wahrhaftig nicht!"--"Nein, das stimmt!" lachte sie und blieb stehen. "Also hör' mal zu, Du! Während wir uns ein bißchen verschnaufen--puh!--will ich Dir sagen, wie Liebesleute sich benehmen. Solang Du hier bist in der Stadt, mußt Du jeden Abend vor der Nähschule auf mich warten und mich heimbegleiten bis zur Haustür, und wenn ich sonst irgendwo bin, mußt Du auf der Straße warten, bis ich komme. Wenn Du wieder fort bist, mußt Du mir schreiben und mir hübsche Sachen kaufen und schicken. Und--ja, richtig: ein paar Ringe, der eine mit meinem und der andere mit Deinem Namen und mit Jahreszahl und Datum müssen wir uns schenken; aber ich habe kein Geld, also mußt Du sie alle beide kaufen."--"Das will ich schon, aber--"--"Was gibt's denn nun wieder für ein Aber?"--"Herrgott, ich meine ja nur--dazu muß ich doch das Maß von Deinen Fingern haben."--"Schön! Das sollst Du gleich haben." Sie riß einen Grashalm ab, maß und biß ab. "Da! wirf ihn aber nicht weg!"--Er legte den Halm in ein Stückchen Papier und das Papier in sein Notizbuch; sie sah zu, bis das Buch wieder sicher eingesteckt war.--"So, jetzt wollen wir gehen; das Herumgestehe hier hab' ich satt!"--"Hör' mal, Petra, ich finde wirklich, die Geschichte ist ein bißchen--dürftig!"--"Gut, wenn Du nicht willst, mein Junge, mir soll's egal sein!"--"Natürlich will ich! So hab' ich's nicht gemeint;--aber darf ich denn nicht einmal wenigstens Deine Hand nehmen?"--"Wozu denn?"--"Damit es gewiß ist, daß wir nun wirklich verlobt sind."--"Solch ein Blödsinn! Ist es denn darum gewisser, wenn man einander bei der Hand faßt?--Übrigens--Du kannst meine Hand schon haben! Da ist sie! Nein, mein Junge--nicht drücken--das bitt' ich mir aus!"--Sie versteckte ihre Hand wieder unter dem Tuch; aber dann hob sie plötzlich das Tuch mit beiden Händen, so daß das Gesicht ganz zum Vorschein kam: "Wenn Du's einer Menschenseele erzählst, Gunnar, so sag' ich, es ist nicht wahr! Daß Du's nur weißt!" Und sie lachte und lief den Berg hinunter. Nach einer Weile blieb sie stehen und sagte: "Morgen ist die Nähstunde erst um neun Uhr aus. Dann kannst Du mich hinterm Garten erwarten, hörst Du?"--"Schön."--"So, und jetzt mußt Du gehen."--"Willst Du mir nicht einmal zum Abschied die Hand geben?"--"Ich weiß gar nicht, was Du nur immer mit der dummen Hand willst! Nein, jetzt kriegst Du sie erst recht nicht.--Adieu!" und sie lief davon.

Am nächsten Abend wußte sie es so einzurichten, daß sie als die letzte die Schule verließ. Es war fast zehn Uhr, als sie ging; wie sie jedoch vor den Garten kam,----kein Gunnar! Auf alles mögliche Pech hatte sie sich gefaßt gemacht; nur nicht darauf. Sie war so beleidigt, daß sie jetzt selber wartete, bloß damit sie's ihm ordentlich "geben" konnte, wenn er endlich kam. Übrigens hatte sie Unterhaltung genug, während sie hinter dem Garten auf und ab spazierte. Der kaufmännische Gesangverein hatte nämlich soeben in einem benachbarten Haus bei offenen Fenstern seine Probe begonnen. Die Klänge eines spanischen Liedes lockten in der milden Abendluft ihre Gedanken so lange, bis sie selbst in Spanien war und von offenem Altan herab ihr Lob singen hörte. Spanien war ihre ganze Sehnsucht; Sommer für Sommer lagen im Hafen die dunklen spanischen Schiffe, klangen auf den Gassen spanische Lieder, und in Ödegaards Zimmer hingen an der Wand viele schöne Bilder von Spanien. Wer weiß--vielleicht war er jetzt gerade dort, und sie war bei ihm! Aber sie wurde sehr plötzlich wieder heimgerufen; denn dort hinter dem Apfelbaum kam endlich Gunnar hervorgestürzt; sie eilte auf ihn zu--und da war es gar nicht Gunnar, sondern der von Spanien zurückgekehrte helle Hut auf dem hellen Haar. "Hahaha!" lachte das helle Lachen. "Sie haben mich wohl für jemand anders gehalten?" Sie leugnete hastig, voll Eifer, und rannte wütend davon. Aber er lief ihr nach, wobei er während des Laufens unausgesetzt auf sie einredete, und zwar ungemein schnell und mit der halb verwischten Aussprache, wie sie Leuten, die gewöhnt sind, mehrere Sprachen zu sprechen, eigen ist. "Oh, ich komme schon mit! Ich bin ein ausgezeichneter Läufer! Es hilft Ihnen gar nichts,--ich _muß_ mit Ihnen reden. Heut ist's der achte Abend, daß ich hier auf Sie warte!"--"Der achte Abend!"--"Ja, der achte Abend... Hahaha!... Und ich würde mit Freuden noch acht Abende hier warten: denn wir beide sind wie für einander geschaffen, nicht wahr? Es hilft Ihnen nichts. Ich lasse Sie nicht fort, denn jetzt sind Sie müde, das sehe ich!"--"Nein, ich bin nicht müde!"--"O doch!"--"Nein!"--"Doch!"-- ... "So sagen Sie doch was, wenn Sie nicht müde sind!"--"Hahaha!"--"Hahaha! Das nenn' ich nicht: etwas sagen!"--Und dann blieben sie stehen. Ein paar rasche Worte flogen hin und her--halb im Scherz, halb im Ernst; darauf stimmte er ein Loblied auf Spanien an, ein Bild jagte das andere. Zuletzt schimpfte er auf das elende Nest hier. Dem ersten folgte Petra mit leuchtenden Augen, das zweite sauste an ihren Ohren vorüber, während ihre Blicke an einer goldenen Kette auf- und abglitten, die er doppelt um den Hals geschlungen trug. "Ja, die," sagte er rasch und zog das Ende der Kette, an dem ein Kreuz befestigt war, hervor. "Sehen Sie, die hab' ich heut Abend umgetan, um sie im Gesangverein zu zeigen; die ist aus Spanien. Ich muß Ihnen ihre Geschichte erzählen." Und er erzählte: "Als ich in Südspanien war, besuchte ich einmal ein Schützenfest und gewann die Kette als Preis. Überreicht wurde sie mir mit folgenden Worten: Nehmen Sie diese Kette mit nach Norwegen und übergeben Sie sie als ehrerbietige Huldigung spanischer Kavaliere der schönsten Frau ihrer Heimat! Beifallsrufe und Fanfaren, Fahnen schwenken--, die Kavaliere klatschen und ich empfange den Preis!"--"Gott, wie entzückend!" rief Petra. Vor ihren Augen erstrahlte sofort das spanische Fest mit seinen spanischen Farben und Liedern; braun standen die Spanier in der Abendsonne unter den Weinlauben und sandten ihre Gedanken aus zur schönsten Frau der Schneelande. Trotz seiner Einbildung und wunderlichen Wichtigtuerei war er ein gutmütiger junger Kerl; er blieb neben ihr stehen und fuhr fort, zu erzählen. Jedes neue Bild steigerte ihre Sehnsucht; ganz entrückt in jenes Land der Wunder, begann sie, das spanische Lied zu summen, das sie vorhin gehört hatte, und ganz allmählich die Füße im Takt dazu zu bewegen. "Wie! Sie können spanische Tänze tanzen?" rief er aus. "Ja!" summte sie im Rhythmus des Tanzes und knipste mit den Fingern, um die Kastagnetten nachzuahmen; so hatte sie die spanischen Matrosen tanzen sehen. "Ihnen gebührt der Preis der spanischen Kavaliere!" rief er, wie von einem lichten Gedanken entflammt. "Sie sind das schönste Weib, das ich je gesehen habe!" Und eh sie noch begriff, was er meinte, hatte er die goldene Kette vom Hals genommen und sie leichthändig mehrere Male um den ihren gewunden. Als sie dann zur Besinnung kam, war ihr Gesicht von tiefer Schamröte übergossen und die Tränen wollten hervorstürzen, so daß jetzt ihn, der von einem Staunen ins andere gefallen war, die größte Beschämung ergriff über das, was er getan hatte. Er wußte nicht, was er eigentlich wollte, er fühlte nur, daß er gehen mußte, und er ging.

Noch um Mitternacht stand sie am offenen Fenster ihres Dachstübchens, die Kette in der Hand. Weich lag die Spätsommernacht über Stadt und Fjord und den fernen Bergen. Von der Straße herauf tönte wieder das spanische Lied; der Verein hatte Yngve Vold nach Hause begleitet. Wort für Wort war zu hören; es handelte von einem schönen Kranz. Nur zwei Stimmen sangen die Worte, die andern summten mit dem Mund die Guitarrebegleitung dazu:

Nimm hin den Kranz, er ist für dich, Nimm hin den Kranz und denk an mich! Hier ist das innigste Grün für die Minnigste, Knospe, die zärteste, Für die Begehrteste, Blüte, die prächtigste, Hier für die Mächtigste, Seltene Stengelein Hier für das Engelein. Nimm hin den Kranz, er ist für dich, Nimm hin den Kranz und denk an mich!

Als sie am andern Morgen die Augen aufschlug, kam sie aus einem über und über von Sonne durchleuchteten Wald, alle Bäume waren ein Goldregen, und überall hingen die langen, lichten Dolden herab, und berührten sie fast, wenn sie vorüberstrich. Sofort fiel ihr die Kette ein; sie nahm die Kette und hing sie sich übers Hemd. Dann legte sie ein schwarzes Tuch über das Hemd und die Kette darüber; denn von Schwarz hob sie sich besser ab. Aufrecht im Bett sitzend, spiegelte sie sich in einem kleinen Handspiegel: ob sie wirklich so schön war? Sie stand auf, um ihr Haar zu flechten und dann wieder in den Spiegel zu sehen, aber da fiel ihr die Mutter ein, die von allem noch nichts wußte, und sie beeilte sich, fertig zu werden; sie mußte doch schnell hinunter und erzählen. Doch als sie fertig war und sich eben die Kette um den Hals hängen wollte, fuhr ihr der Gedanke durch den Kopf, was wohl die Mutter sagen würde, was überhaupt die Leute sagen würden, und was sie antworten solle, wenn man sie frage, woher sie die kostbare Kette habe. Die Frage war das natürlichste Ding von der Welt, und sie fiel ihr darum schwer und immer schwerer aufs Herz, schließlich holte sie eine kleine Schachtel hervor, legte die Kette hinein, steckte die Schachtel in die Tasche--und fühlte sich zum erstenmal in ihrem Leben arm.

An diesem Vormittag ging sie nicht in die Nähstunde. Oberhalb der Stadt, an der Stelle, wo sie die Kette bekommen hatte, setzte sie sich hin, die Kette in der Hand und mit einem Gefühl, als habe sie die Kette gestohlen.

Am Abend wartete sie hinterm Garten noch länger auf Yngve Vold, als sie am Abend vorher auf Gunnar gewartet hatte; sie wollte ihm die Kette zurückgeben. Aber wie das Schiff, mit dem Gunnar fuhr, am Tage vorher unerwartet die Anker gelichtet hatte, weil ihm in der Nachbarstadt eine besonders gute Fracht angeboten war, so hatte auch Yngve Vold, dem das Schiff gehörte, in derselben Angelegenheit heute verreisen müssen. Da er gleichzeitig noch ein paar andere Geschäfte abzuwickeln hatte, blieb er drei Wochen fort.

Während dieser drei Wochen war die Kette nach und nach aus der Tasche in die Kommodenschieblade, von dort in einen Briefumschlag und der Briefumschlag in ein geheimes Fach gewandert. Und Petra selbst war von einer demütigenden Entdeckung zur andern gelangt. Zum ersten Male war sie sich in vollem Umfang des Abstandes bewußt, der sie von den vornehmen Damen der Stadt trennte. Die hätten die Kette tragen können, ohne daß irgendeiner sie nach dem Warum und Woher gefragt hätte. Aber einer solchen Dame hätte Yngve Vold die Kette gar nicht anzubieten gewagt, ohne ihr zugleich seine Hand anzubieten; so etwas wagte er eben nur dem Fischermädel gegenüber. Wenn er ihr etwas schenken wollte, warum da nicht etwas, das sie gebrauchen konnte? Aber er hatte sie nur um so bitterer verhöhnen wollen, indem er ihr etwas gab, das sie überhaupt nicht tragen konnte. Die Geschichte mit der "Schönsten" war natürlich erdichtet; denn hätte er ihr die Kette aus diesem Grunde zuerkannt, so wäre er nicht heimlich, bei Nacht und Nebel, gekommen.--Zorn und Scham bohrten sich um so tiefer in ihr fest, als sie es sich längst abgewöhnt hatte, sich einem Menschen anzuvertrauen. Kein Wunder daher, daß sie beim erstenmal, als sie den Menschen wieder traf, diesen Menschen, um den diese empörten und beschämenden Gedanken kreisten, so heftig errötete, daß er es mißdeuten _mußte_, und dann--eben _weil_ sie das fühlte--noch tiefer errötete. Sie lief eiligst wieder nach Hause, riß die Kette aus dem Versteck und setzte sich, obgleich es noch helllichter Tag war, oben über der Stadt hin, um ihn zu erwarten. Jawohl, jetzt sollte er sie wiederhaben!

Sie war ganz sicher, daß er kommen werde; denn auch er war, als er sie sah, rot geworden, und dabei war er die ganze Zeit über fort gewesen. Aber bald begannen gerade diese Gedanken zu seinen Gunsten zu reden. Wenn sie ihm gleichgültig gewesen wäre, wäre er nicht so rot geworden. Wenn er früher nach Hause gekommen wäre, so wäre er auch schon eher dagewesen.

Es begann sachte zu dämmern; in diesen letzten drei Wochen waren die Tage schnell kürzer geworden. Mit der Dunkelheit aber wandeln sich oft unsere Gedanken. Sie saß dicht überm Weg, zwischen den Bäumen; sie konnte sehen, ohne daß man sie sah. Als das eine Weile so fortgegangen war, und er immer noch nicht kam, wollten widerstreitende Empfindungen in ihr auflodern; bald zornig, bald angstvoll lauschte sie. Sie hörte jeden, der vorüberging, hörte ihn lang, eh sie ihn sah. Er war es nie. Jeder Vogel, der im Halbschlummer zwischen den Blättern hin- und herschlüpfte, erschreckte sie--so voll Spannung lauschte sie. Jeder Laut von der Stadt her, jeder Ruf lockte sie. Ein großes Schiff lichtete, beim Klang eines Matrosenliedes, die Anker; noch zur Nacht sollte es hinausbugsiert werden, um die erste Morgenbrise zu benützen. Oh, wenn sie hätte mit hinaus können, aufs weite Meer, wohin ihr Sehnen stand! Das Matrosenlied wurde ihr eigenes Lied--die klingenden Rucke am Spill hoben sie empor--wozu? wohin?--Da stand der helle Hut mitten im Weg, gerade vor ihr! Sie sprang auf und lief ohne weiteres davon, und während sie lief, fiel ihr ein, sie hätte nicht davonlaufen sollen. Fehler auf Fehler! Sie blieb stehen. Als er zwischen den Bäumen, wo sie stand, auf sie zukam, atmete sie heftig, so daß er jeden Atemzug hören konnte, und durch dieselbe Macht, die sie das erstemal in ihrer Ausgelassenheit über ihn gehabt hatte, beherrschte sie ihn jetzt in ihrer Furcht. Er sah sehr verlegen, ja verwirrt aus und flüsterte: "Haben Sie keine Angst!"

Aber er sah, wie sie zitterte. Da wollte er sie zutraulich machen, indem er sie fest bei der Hand ergriff; aber bei der ersten Berührung seiner Hand sprang sie auf wie von einer Flamme verbrannt,--und wieder war sie fort, während er stehen blieb.

Weit lief sie nicht; die Luft ging ihr aus. In ihren Schläfen hämmerte und brannte es, die Brust wollte ihr zerspringen--sie preßte die Hände dagegen und lauschte. Sie hörte Tritte im Gras, ein Rascheln im Laub,--er kam, kam gerade auf sie zu--er sah sie--nein, er sah sie nicht!--Doch, er sah sie!... Nein, er ging vorüber! Sie hatte keine Angst,--das war es nicht; aber alles an ihr war in Aufruhr, und als sie sich in Sicherheit fühlte, verlor sie mit der Spannung auch ihre Kraft und sank erschöpft und todesmatt um.

Erst nach geraumer Zeit erhob sie sich wieder und schritt langsam den Berg hinab, bald stehenbleibend, bald weiter gehend, als habe sie kein Ziel. Als sie den Weg wieder erreicht hatte, saß er da und wartete geduldig. Jetzt stand er auf, sie hatte ihn nicht gesehen; sie ging wie im Nebel, nicht ein Wort entschlüpfte ihr, sie regte sich auch nicht; sie tat bloß die Hände vor die Augen und weinte. Das überwältigte Yngve Vold derart, daß seine sonst so rührige Zunge stillstand. Und dann sagte er mit eigentümlicher Bestimmtheit: "Heut noch spreche ich mit meiner Mutter; morgen muß alles in Ordnung sein. In ein paar Tagen gehst Du ins Ausland, und nachher wirst Du meine Frau." Er wartete auf eine Antwort, er wartete wenigstens, sie werde aufblicken; aber sie blickte nicht auf. Er deutete das auf seine Weise: "Du antwortest nicht? Kannst nicht? Gut! Verlaß Dich auf mich; denn fortan bist Du mein! Gute Nacht!" Und er ging.

Sie blieb zurück, wie in einem Nebel; eine leise Angst wollte sich dazwischen drängen und den Nebel zerteilen; aber wieder schloß er sich.

So stark Yngve Vold diese drei Wochen hindurch ihre Gedanken beschäftigt hatte, so bereit war sie jetzt, in plötzlicher Wandlung dieses neue Wunder in eine neue Phantasiekette einzureihen. Er war der reichste Mann der Stadt, aus der ältesten Familie, und er wollte sie über alle Rücksichten hinweg zu sich emporheben! Das war etwas, so überraschend verschieden von dem, was sie sich in einer langen Zeit des Leidens und der Empörung gedacht hatte, daß schon allein das sie glückselig machen mußte! Aber immer strahlender wurde ihr Glück, je mehr sie sich die neuen, in jeder Beziehung fabelhaften Verhältnisse klar machte. Sie sah sich allen andern gleichgestellt und am Ziel ihres unklaren Sehnens. Und als Höchstes sah sie Yngve Volds größtes Schiff an ihrem Hochzeitstage als Flaggschiff im Hafen liegen; sie sah, wie es unter Ehrensalven und Feuerwerk das junge Paar an Bord nahm und es nach Spanien trug, wo die Hochzeitssonne glühte.

* * * * *

Als sie am andern Morgen erwachte, kam das Mädchen herein und sagte, es sei halb Zwölf. Petra empfand einen gewaltigen Hunger; sie aß, aß immer noch mehr, der Kopf tat ihr weh, sie war todmüde und schlief wieder ein. Als sie gegen drei Uhr nachmittags aufs neue erwachte, fühlte sie sich wohler. Die Mutter kam herauf und meinte, sie habe sich wahrscheinlich eine Krankheit weggeschlafen; so sei auch sie selbst immer gewesen. Aber jetzt müsse sie aufstehen, es sei Zeit für die Nähstunde. Petra setzte sich im Bett auf und stützte den Kopf auf den Arm; ohne aufzublicken, antwortete sie, sie gehe nicht mehr in die Nähstunde. Sie wird noch ein bißchen fiebrig sein! dachte die Mutter und ging hinunter, um ein Paket und einen Brief heraufzuholen, die ein Schiffsjunge soeben gebracht hatte. Also schon Geschenke! Petra, die sich wieder hingelegt hatte, fuhr hastig in die Höhe und öffnete, sobald sie allein war, mit einer gewissen Feierlichkeit zuerst das Paket. Es enthielt--ein Paar Pariser Damenstiefelchen! Ein bißchen enttäuscht wollte sie die Dinger gerade wegstellen, als sie merkte, daß sie sich vorn an den Zehen schwer anfühlten. Sie fuhr mit der Hand hinein und zog aus dem einen ein kleines, in Seidenpapier gewickeltes Päckchen:--ein goldenes Armband!--aus dem andern ebenfalls ein sorgfältig umhülltes Päckchen--ein Paar Pariser Handschuhe! Und aus dem rechten Handschuh zog sie wiederum ein Papierknäuel, das zwei glatte goldene Ringe barg. "Schon!" dachte Petra. Ihr Herz klopfte; sie sah nach der Inschrift der Ringe und las auch wirklich in dem einen: "Petra", samt Jahreszahl und Datum, und in dem andern--"Gunnar". Sie erbleichte, warf die Ringe und das ganze Paket zu Boden, als habe sie sich daran verbrannt, und riß den Brief auf. Er war aus Calais datiert und lautete:

"Liebe Petra!

Nachdem wir hier angekommen sind, vom 51. bis zum 54. Breitegrad mit günstigem Wind, und später die ganze Fahrt über bis hierher in den Hafen mit heftigem Beißwind, was ungewöhnlich ist sogar für bessere Schiffe als das unsere, das ein stolzer Segler ist. Aber jetzt sollst Du hören, daß ich den ganzen Weg über an Dich gedacht habe und an das, was zwischen uns beiden vorgefallen ist, und ist recht ärgerlich, daß ich nicht ordentlich Abschied nehmen konnte von Dir, weshalb ich vor Ärger an Bord ging, habe Dich aber seitdem nie vergessen, außer ab und zu einmal; denn ein Seemann hat es schwer. Aber jetzt sind wir hier und ich habe meine ganze Heuer für Geschenke für Dich ausgegeben, wie Du mir gesagt hast, und auch das Geld, das Mutter mir gegeben hat; jetzt habe ich also nichts mehr. Aber wenn ich Urlaub bekomme, bin ich ebenso schnell bei Dir wie die Geschenke; denn so lang es heimlich ist, ist man nie sicher vor anderen, besonders vor den jungen Burschen, von denen sich viele rumtreiben. Aber ich will meiner Sache sicher sein, daß keiner eine Entschuldigung hat, sondern weiß, daß er sich vor mir in acht nehmen muß. Du könntest freilich was Besseres kriegen als mich; denn Du kannst jeden kriegen, den Du willst; aber einen treueren kriegst Du nie; und das bin ich. Jetzt will ich schließen, denn ich habe schon zwei Bogen voll geschrieben, und meine Buchstaben werden so groß; Briefschreiben ist mir das Schrecklichste, was ich weiß, aber ich schreibe trotzdem, wenn Du es willst. Und nun will ich Dir zum Schluß nur sagen, daß es mir Ernst war; denn wenn es nicht Ernst ist, so war es eine große Sünde, und kann viele Menschen ins Unglück stürzen.

Gunnar Ask,

Untersteuermann auf der Brigg 'Die norwegische Verfassung.'"