Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 35

Chapter 353,264 wordsPublic domain

Eine gute Weile darauf kam eines Abends, als sie am Waldessaum oberhalb der Stadt saß und ihre Aufgaben lernte, Pedro Ohlsen ganz dicht an ihr vorüber und flüsterte mit einem sonderbaren Lächeln: "Guten Abend!" Obgleich Jahre vergangen, war der Mutter Verbot, mit ihm zu reden, noch so mächtig in ihr, daß sie seinen Gruß nicht erwiderte. Aber Tag für Tag kam er jetzt auf dieselbe Weise und stets mit demselben Gruß an ihr vorüber; zuletzt wartete sie auf ihn, wenn er nicht kam. Bald richtete er im Vorbeigehen eine kurze Frage an sie, nach einer kleinen Weile wurden daraus zwei, und schließlich wurden es ganze Gespräche. Eines Tages ließ er nach einer solchen Unterhaltung einen Silbertaler in ihren Schoß gleiten, worauf er seelenvergnügt und eiligst davonlief. Nun war es gegen den Befehl der Mutter, nicht mit ihm zu reden, und gegen das Verbot Ödegaards, Geschenke von irgend jemand anzunehmen. Das erste Verbot hatte sie ganz allmählich übertreten--jetzt, da auch die Übertretung des zweiten Tatsache war, fiel es ihr wieder ein. Um das Geld los zu werden, nahm sie den ersten besten, der ihr begegnete, mit und traktierte ihn; aber beim besten Willen war es ihnen nicht möglich, für mehr als zehn Groschen zu verzehren. Und hinterher bereute sie auch, daß sie den Taler vernascht hatte, statt ihn zurückzugeben. Das letzte Zweigroschenstück brannte ihr in der Tasche, als müsse es ein Loch durchs Kleid sengen. Sie zog es heraus und warf es ins Meer. Aber damit war sie doch den Taler nicht los--auch ihre Gedanken hatte er angesengt. Wenn sie es gestand, so würde es vorübergehen, das fühlte sie; aber der schreckliche Zorn der Mutter damals und Ödegaards festes Zutrauen zu ihr standen, jedes in seiner Art, als Schrecknisse im Wege. Während die Mutter nichts merkte, entdeckte Ödegaard bald, daß sie etwas mit sich herumschleppe, das sie unglücklich mache. Liebevoll fragte er sie eines Tages, was es sei, und als sie statt aller Antwort in Tränen ausbrach, dachte er, zu Hause bei ihr sei vielleicht Not, und gab ihr zehn Speziestaler. Daß sie--trotz ihrer Sünde gegen ihn--noch Geld von ihm bekam, machte einen tiefen Eindruck auf sie; und da sie nun obendrein noch Geld hatte--ehrliches Geld, das sie der Mutter ganz offen geben konnte,--empfand sie das als eine Freisprechung von ihrem Verbrechen und gab sich der ausgelassensten Freude hin. Sie nahm seine Hand zwischen ihre beiden Hände und bedankte sich, sie lachte und tanzte in der Stube herum, sie strahlte vor Entzücken durch ihre Tränen hindurch, während sie ihn ansah mit dem Blick eines Hundes, der seinen Herrn begleiten darf. Er kannte sie gar nicht wieder. Sie, die er sonst ganz in der Gewalt seiner Worte hatte, nahm ihm heute die Herrschaft aus den Händen. Zum erstenmal fühlte er eine starke und wilde Natur sich entladen, zum erstenmal überflutete ihn des Lebens Quelle mit ihrem roten Strom, und er wich purpurheiß zurück. Petra aber stürzte zur Tür hinaus und den Berg hinauf, nach Hause. Dort legte sie das Geld vor die Mutter auf die Herdplatte und fiel ihr selber um den Hals. "Wer hat Dir das Geld gegeben?" fragte die Mutter, in der schon der Zorn aufstieg.--"Ödegaard, Mutter! Er ist der herrlichste Mensch auf Erden!"--"Was soll ich damit?"--"Ich weiß nicht! O Gott, Mutter, wenn Du wüßtest--" sie fiel ihr wieder um den Hals--jetzt konnte und wollte sie ihr alles sagen. Aber die Mutter machte sich ungeduldig los. "Soll ich vielleicht Almosen annehmen? Augenblicklich gibst Du ihm das Geld zurück! Wenn Du ihm vorgeschwatzt hast, ich hätt's nötig, so hast Du gelogen!"--"Aber Mutter!"--"Sofort bringst Du ihm das Geld zurück, sag' ich Dir, oder ich gehe selber hin und werf es ihm ins Gesicht, dem--dem..., der mir mein Kind genommen hat!" Die Lippen der Mutter zitterten bei den letzten Worten; Petra war immer blasser geworden, sie wich zurück, langsam öffnete sie die Tür, langsam ging sie aus dem Hause. Eh sie wußte, was sie tat, war der Zehntalerschein zwischen ihren Finger in Fetzen zerrissen. Die Entdeckung dieser Tatsache löste sich in einem Ausbruch der Empörung gegen die Mutter. Aber Ödegaard durfte nichts davon erfahren--doch, alles sollte er erfahren... Ihm durfte sie nichts vorlügen!--Und einen Augenblick darauf stand sie in seinem Zimmer und erzählte ihm, die Mutter habe das Geld nicht nehmen wollen und vor Ärger, daß sie es ihm zurückbringen mußte, habe sie den Schein zerrissen. Sie wollte noch mehr sagen, aber er hörte sie merkwürdig kalt an, hieß sie nach Hause gehen und gab ihr die Ermahnung mit auf den Weg, der Mutter stets gehorsam zu sein, auch wenn es ihr sauer fiele. Das kam ihr doch recht sonderbar vor; denn so viel wußte sie auch--er selber tat nicht, was sein Vater von ihm wollte. Auf dem Heimweg brach es in ihr los, und gerade da begegnete ihr Pedro Ohlsen. Sie hatte ihn die ganze Zeit über gemieden und wollte das auch jetzt tun; denn er war ja an dem ganzen Unglück schuld. "Wo bist Du gewesen?" fragte er, neben ihr hergehend. "Ist Dir etwas geschehen?" Die Wogen in ihr gingen so hoch, daß sie sich einfach von ihnen schleudern ließ, einerlei wohin. Und überhaupt begriff sie auch gar nicht, weshalb ihr die Mutter verboten hatte, mit ihm umzugehen; es war natürlich nur eine von ihren Launen. "Weißt Du, was ich getan habe?" sagte er fast demütig, als sie stehen blieb. "Ich habe Dir ein Segelboot gekauft;--ich dachte, Du habest vielleicht Lust, ein bißchen zu segeln!" Und er lachte. Seine Güte, die etwas von der Bitte eines Bettlers hatte, rührte sie gerade jetzt; sie nickte, und nun wurde er lebendig, er flüsterte hastig, sie solle durch die Allee rechts draußen vor der Stadt bis an das große gelbe Bootshaus gehen; dort wolle er sie abholen: kein Mensch könne sie dort sehen. Sie ging hin und er kam, strahlend, aber ehrerbietig wie ein altes Kind, und nahm sie zu sich ins Boot. Sie segelten eine Weile in der leichten Brise und legten dann an einer Insel an, machten das Boot fest und stiegen ans Land. Er hatte allerlei Leckereien für sie mitgebracht, die er ihr mit ängstlicher Freude anbot; dann zog er seine Flöte heraus und spielte. Seine Seligkeit ließ sie eine Zeitlang ihren eigenen Kummer vergessen; und weil die Fröhlichkeit schwacher Wesen wehmütig stimmt, gewann sie ihn plötzlich lieb.

Fortan hatte sie ein neues und dauerndes Geheimnis vor der Mutter, und bald war es dahin gekommen, daß sie der Mutter überhaupt nichts mehr sagte. Und Gunlaug fragte nicht; sie vertraute ganz, bis zu dem Augenblick, da sie ganz mißtraute.

Aber auch vor Ödegaard hatte Petra fortan Geheimnisse; denn sie nahm allerhand Geschenke von Pedro Ohlsen an. Auch Ödegaard fragte nicht; der ganze Unterricht führte von Tag zu Tag mehr auf ein unpersönliches Gebiet.

Petra war jetzt also zwischen Dreien geteilt. Bei keinem sprach sie von den andern, und vor jedem hatte sie etwas Besonderes zu verheimlichen.

Doch unterdessen war sie, ohne es selbst zu wissen, ein erwachsenes Mädchen geworden, und eines Tages teilte Ödegaard ihr mit, daß sie eingesegnet werden solle.

Diese Nachricht erfüllte sie mit großer Unruhe; denn sie wußte, mit der Einsegnung hatte der Unterricht ein Ende, und was sollte dann werden? Die Mutter ließ ein Giebelstübchen ans Haus anbauen; Petra sollte nach ihrer Einsegnung ein eigenes Zimmer haben. Das unablässige Hämmern und Klopfen war ihr eine schmerzliche Mahnung. Ödegaard sah, wie sie immer stiller und stiller wurde; zuweilen merkte er sogar, daß sie geweint hatte. Der Religionsunterricht machte in dieser Stimmung einen starken Eindruck auf sie, obgleich Ödegaard mit großer Sorgfalt alles vermied, was sie hätte aufregen können. Aus eben diesem Grunde schloß er auch vierzehn Tage vor der Einsegnung den Unterricht mit der kurzen Mitteilung ab, heute sei die letzte Stunde gewesen. Er meinte damit die letzte Stunde bei ihm; denn er wollte natürlich noch weiter für sie sorgen, wenn auch durch andere. Aber wie festgenagelt blieb sie sitzen; alles Blut wich ihr aus dem Gesicht, die Augen hingen starr an ihm, so daß er, unwillkürlich gerührt, sich beeilte, einen Grund anzugeben: "Nicht alle jungen Mädchen sind ja bei ihrer Einsegnung schon erwachsen;--aber bei Dir ist es so. Das fühlst Du wohl selbst." Hätte sie im Schein eines flammenden Feuers gestanden--sie hätte nicht glühender rot werden können, als sie bei diesen Worten wurde. Ihr Busen wogte, die Augen flackerten unruhig und füllten sich mit Tränen, und wie gehetzt fügte er hinzu: "Oder wollen wir vielleicht doch noch weitermachen?" Erst hinterher wurde ihm klar, was er ihr da vorgeschlagen hatte; es war unrecht von ihm--er wollte es wieder zurücknehmen, aber schon erhob sie ihre Augen zu ihm; sie sagte nicht mit den Lippen "ja"; aber besser hätte sie es nicht sagen können. Um sich vor seinem eigenen Gewissen zu entschuldigen, suchte er nach einem Vorwand und fragte: "Du möchtest jedenfalls jetzt gern irgend etwas Bestimmtes ergreifen ... etwas, wozu Du"--er beugte sich zu ihr herüber--"den Beruf in Dir fühlst?" "Nein!" erwiderte sie so rasch, daß er errötete und, abgekühlt, in die eigenen, jahrelangen Grübeleien zurücksank, die ihre unerwartete Antwort wieder wachgerufen hatte.

Daß etwas Eigenartiges sich in ihr regte, daran hatte er nie gezweifelt, seit er sie als Kind singend an der Spitze der Straßenjugend des Städtchens hatte marschieren sehen. Aber je länger er sie unterrichtet hatte, desto weniger vermochte er aus ihrer Begabung klug zu werden. Vorhanden war sie in jeder Bewegung; alles, was sie dachte, was sie wünschte, verkündeten Geist und Körper zu gleicher Zeit, aus einer Fülle von Kraft heraus, umzittert von einen Glanz der Schönheit. Aber in Worte gefaßt oder gar zu Papier gebracht, waren es einfach lauter Kindereien. Sie sah aus wie die verkörperte Phantasie--er freilich empfand es vor allem als Unruhe. Sie war sehr fleißig; aber ihr Fleiß hatte weniger den Zweck, etwas zu lernen, als weiterzukommen; was auf der _nächsten_ Seite stand, beschäftigte sie immer am meisten. Sie hatte Sinn für Religion, doch, wie der Propst sich ausdrückte, "keine Anlage zu einem religiösen Leben"; und Ödegaard machte sich oft schwere Sorgen um sie. Jetzt stand er an einem Wendepunkt; unwillkürlich fühlte er sich im Geist zurückversetzt vor die steinerne Treppe, wo er sie in sein Leben aufgenommen hatte; er hörte die scharfe Stimme der Mutter, die ihm die Verantwortung aufbürdete, weil er den Namen des Herrn genannt hatte.

Nachdem er mehrmals im Zimmer auf und ab gegangen war, raffte er sich zusammen. "Ich mache jetzt eine Reise ins Ausland", sagte er mit einer gewissen Scheu. "Ich habe meine Schwestern gebeten, sich inzwischen Deiner anzunehmen, und wenn ich wiederkomme, wollen wir weiter sehen. Leb' wohl... Wir sehen uns wohl noch, bis ich reise!" Damit ging er ins Nebenzimmer, so rasch, daß sie ihm nicht einmal mehr die Hand geben konnte.

Sie sah ihn wieder, wo sie es am wenigsten erwartet hatte--im Pfarrstuhl neben dem Chor, ihr gerade gegenüber, als sie in der Schar der Mädchen vor dem Altar stand, um eingesegnet zu werden. Das regte sie so auf, daß ihre Gedanken lange von der heiligen Handlung, auf die sie sich in Demut und Gebet vorbereitet hatte, abgelenkt wurden. Ja, sogar Ödegaards alter Vater stutzte und blickte lange auf den Sohn, als er vor den Altar trat, um zu beginnen. Gleich darauf sollte Petra noch einen zweiten Schrecken erleben in der Kirche; denn etwas weiter hinten saß Pedro Ohlsen in einem neuen, steifen Anzug. Er reckte gerade den Hals, um über die Köpfe der Jungens hinweg zu der Mädchenschar, zu ihr herüberzusehen! Er tauchte sogleich wieder unter; aber immer wieder sah sie seinen dünn behaarten Kopf sich emporstrecken, um gleich darauf wieder unterzutauchen. Das zog ihre Gedanken ab; sie wollte nicht hinsehen, und sah doch hin, und da--gerade als alle die andern tief ergriffen waren, manche in Tränen aufgelöst--sah Petra zu ihrem Entsetzen, wie Pedro sich erhob, starr, mit offenem Mund und stieren Augen, versteinert, unfähig, sich wieder zu setzen oder sich zu rühren; denn ihm gegenüber stand Gunlaug, hoch aufgerichtet, in ihrer vollen Größe. Ein Schauder durchrann Petra beim Anblick der Mutter; denn sie war so weiß wie das Altartuch. Ihr schwarzes krauses Haar schien sich zu sträuben, während in ihre Augen plötzlich eine Kraft der Abwehr kam, als wollten sie sagen: "Laß sie in Ruh'! Was hast Du mit ihr zu schaffen?" Wirklich sank er auch unter dem Eindruck dieses Blickes auf der Bank zusammen und eine Weile darauf schlich er zur Kirche hinaus.

Nun legte sich Petras Unruhe, und je weiter die heilige Handlung fortschritt, desto mächtiger fühlte sie sich mitgerissen. Und als sie ihr Gelübde abgelegt hatte und wieder zurücktrat und, durch Tränen, hinüber blickte zu Ödegaard als zu dem Manne, der allen ihren guten Vorsätzen am nächsten stand, da gelobte sie in ihrem Herzen, daß sie seinen Glauben nicht zu schanden machen wolle. Sein treues Auge, das so leuchtend zu ihr herüberschaute, schien dasselbe zu erbitten; aber als sie wieder auf ihrem Platz stand und ihn noch einmal mit dem Blick suchte, war er verschwunden. Bald darauf ging sie heim mit der Mutter, die unterwegs nur sagte: "Jetzt hab' ich das meinige getan;--nun mag unser Herrgott das seine tun!"

Als sie dann, allein, miteinander zu Mittag gegessen hatten, sagte sie wieder, indem sie vom Tisch aufstand: "Dann werden wir jetzt wohl zu ihm hinübergehen müssen--zu dem Pfarrerssohn. Wenn ich auch nicht weiß, wozu das taugen soll, was er treibt,--gut gemeint hat er's jedenfalls. Mach' Dich fertig, Kind!"

Der Weg zur Kirche, den die beiden so oft miteinander gegangen waren, führte oben über der Stadt herum; auf der Straße hatten sie sich bis jetzt noch nie zusammen sehen lassen; die Mutter war seit ihrer Rückkehr überhaupt kaum in der Stadt gewesen. Heute jedoch bog sie nach der Straße zu ab; heute wollte sie die ganze Straße hinuntergehen, die ganze Straße, an der Seite ihrer erwachsenen Tochter!

Am Nachmittag des Einsegnungstages ist so eine kleine Stadt auf der Wanderung, entweder von Haus zu Haus, zum Gratulieren, oder Straßen auf und ab, um zu gucken und sich begucken zu lassen. Auf Schritt und Tritt bleibt man stehen und grüßt, tauscht Händedrücke aus und sagt einander ein paar freundliche Worte. Die Kinder der Armen präsentieren sich in den abgelegten Kleidern der Reichen und werden vorgeführt, um sich zu bedanken. Die Seeleute in fremdländischem Staat, die Mütze schief auf dem Ohr, die Stutzer des Städtchens, die Handlungsgehilfen, zogen, nach allen Seiten grüßend, in Scharen vorüber; die halbwüchsigen Lateinschüler, jeder seinen Busenfreund am Arm, schlenderten voll altkluger Kritik hinterdrein; aber alle fühlten sie sich heute im stillen ausgestochen von dem Löwen der Stadt, dem reichsten Mann der Stadt, dem jungen Kaufherrn Yngve Vold, der soeben aus Spanien heimgekehrt war, fix und fertig, von morgen ab das große Fischgeschäft seiner Mutter zu übernehmen. Mit seinem hellen Hut auf dem hellen Haar, glänzte er in allen Gassen, so daß die jungen Konfirmanden fast in Vergessenheit gerieten; alle hießen ihn willkommen, mit allen unterhielt er sich, allen lachte er zu--an allen Ecken und Enden sah man den hellen Hut auf dem hellen Haar und hörte das helle Lachen. Als Petra und ihre Mutter die Straße herabkamen, war er der erste, auf den sie stießen; und wie wenn sie tatsächlich "auf ihn gestoßen" hätten, so fuhr er zurück, als er Petra sah. Er erkannte sie nicht wieder.

Sie war groß, nicht so groß wie die Mutter, aber doch größer als die meisten andern Mädchen--anmutig, fein und keck, die Mutter und doch auch wieder nicht die Mutter, in ständigem Farbenspiel. Selbst der junge Kaufmann, der ihnen folgte, vermochte die Blicke der Vorübergehenden nicht mehr auf sich zu ziehen; die beiden, Mutter und Tochter zusammen, waren doch noch ein fremdartigerer Anblick. Sie gingen rasch, ohne zu grüßen, da sie selbst kaum von andern als von Seeleuten gegrüßt wurden. Aber noch eiliger kamen sie die Straße wieder zurück; denn sie hatten gehört, Ödegaard habe soeben das Haus verlassen und sei zum Dampfer hinuntergegangen, der in wenigen Minuten abgehen sollte. Besonders Petra drängte mehr und mehr; sie mußte--mußte ihn noch einmal sehen, mußte ihm danken, eh er aufbrach. Unrecht war es von ihm, so von ihr zu gehen! Sie sah niemand von all denen, die sie ansahen--sie sah nichts als den Dampferrauch über den Dächern,--ihr war, als entferne der Rauch sich. Als sie zur Landungsbrücke kamen, stieß der Dampfer gerade vom Lande ab, und--die Kehle zugeschnürt von Tränen--eilte sie weiter, hinaus in die Allee; sie sprang mehr als daß sie ging, und die Mutter stapfte hinter ihr her. Da der Dampfer Zeit gebraucht hatte, um im Hafen zu wenden, kam sie noch eben zurecht, um hinunter zu springen auf den Strand, auf einen Stein zu klettern und mit dem Taschentuch zu winken. Die Mutter blieb oben in der Allee stehen. Petra winkte--immer höher und höher schwenkte sie ihr Tuch; aber--keiner winkte zurück.

Da konnte sie sich nicht mehr halten; vor lauter Tränen mußte sie den oberen Weg nach Hause gehen. Die Mutter folgte stumm.--Ihr Giebelstübchen, das die Mutter ihr geschenkt hatte, in dem sie diese Nacht zum erstenmal geschlafen und heut morgen so voller Freude ihr neues Kleid angezogen hatte, betrat sie jetzt, am Abend, aufgelöst in Tränen, ohne einen Blick um sich zu werfen. Hinunter wollte sie nicht--da saßen Matrosen und andere Gäste; sie zog ihr Konfirmationskleid aus und saß auf ihrem Bett bis tief in die Nacht hinein. Erwachsensein--das schien ihr das Unglückseligste auf der ganzen Welt!

Viertes Kapitel

Eines schönen Tages, bald nach der Konfirmation, ging Petra zu Ödegaards Schwestern hinüber; aber sie merkte gleich, daß das ein Fehlgriff von ihm gewesen war. Der Propst tat, als sei sie Luft, und die Töchter, beide älter als Ödegaard, waren mehr als steif. Sie begnügten sich damit, ihr kurz und knapp mitzuteilen, was der Bruder über sie bestimmt habe. Sie solle den ganzen Vormittag in einem Haus außerhalb der Stadt die Haushaltung erlernen, und nachmittags in die Nähschule gehen; schlafen, frühstücken und Abendbrot essen solle sie zu Hause. Sie tat, wie ihr befohlen war, und schickte sich ganz gut darein, solang ihr die Sache neu war, aber nach und nach, und besonders als es Sommer wurde, fing das Ding sie zu langweilen an. Sonst um diese Zeit hatte sie ganze Tage lang droben im Walde gesessen und in ihren Büchern gelesen, den Büchern, die sie jetzt schmerzlich vermißte, wie sie Ödegaard selbst und den Verkehr mit ihm vermißte. Die Folge war, daß sie sich ihren Verkehr suchte, wo sie ihn eben fand. Um diese Zeit nämlich trat in die Nähschule ein junges Mädchen ein, das Lise Let hieß; das heißt Lise hieß sie--aber nicht Let; Let hieß ein junger Seekadett, der in den Weihnachtsferien zu Hause gewesen war und sich beim Schlittschuhlaufen mit ihr verlobt hatte, als sie noch ein Schulmädel war. Lise wollte Gift drauf nehmen, daß das nicht wahr sei, und fing zu weinen an, sobald man überhaupt darauf anspielte; aber trotzdem blieb der Name an ihr hängen: Lise Let. Die kleine zierliche Lise Let weinte oft und lachte oft; doch ob sie weinte oder lachte--immer ging ihr Liebe im Kopf herum. Ein Bienenschwarm von Gedanken, neuen, seltsamen Gedanken, füllte bald die Nähschule. Streckte eine Hand sich nach der Zwirnrolle aus--gleich war es ein Heiratsantrag und die Rolle sagte entweder ja oder gab einen Korb; die Nadel verlobte sich mit dem Faden, und der Faden opferte sich, Stich um Stich, für die Grausame; wer sich stach, vergoß sein Herzblut; wer die Nadel wechselte, war treulos. Flüsterten zwei Mädchen miteinander, so hatten sie sich immer etwas ganz Besonderes zu sagen; bald flüsterten noch zwei und noch zwei; jede hatte ihre Vertraute,--tausend Heimlichkeiten schwebten in der Luft; es war nicht auszuhalten.