Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 32
Ole: "Wer sollte mir wohl helfen?"--"Hast Du schon einen darum gebeten?" Ole schweigt.
Der Schulmeister: "Ich habe mich auch lange so mit dem lieben Gott gestanden.--Du bist gar nicht gut gegen mich, sagte ich zu ihm.--Hast Du mich darum gebeten? fragte er. Nein, das hatte ich nicht getan; da bat ich denn, und seit der Zeit ist es mir recht gut gegangen."--Ole schweigt, und da schweigt auch der Schulmeister.
Schließlich sagt Ole: "Ich habe ein Großkind; sie weiß, womit sie mir eine Freude machen könnte, ehe sie mich forttragen, aber sie tut es nicht."--Der Schulmeister lächelt: "Vielleicht wäre das für sie keine Freude." Ole schweigt.
Der Schulmeister: "Dich drückt allerhand, aber soweit ich es beurteilen kann, dreht sich doch alles schließlich um den Hof."--Ole sagt leise: "Er ist schon so lange in der Familie, und es ist guter Boden. Alles, was Vater und Großväter zusammengerackert haben, liegt in ihm, aber jetzt will nichts mehr gedeihen. Wenn sie mich hinausfahren, weiß ich ja nicht einmal, wer nach mir hineinfährt. In der Familie bleibt er nicht."--"Aber Deine Großtochter ist doch noch da."--"Wie wird aber der Mann, der sie bekommt, mit dem Hof umgehen? Das möchte ich wissen, ehe ich mich zur Ruhe lege. Es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren, Baard,--nicht für mich noch für den Hof."
Sie schweigen beide; da sagt der Schulmeister: "Wollen wir nicht bei dem schönen Wetter ein bißchen an die Luft gehen?"--"Ja, das können wir. Auf den Halden draußen sind Arbeiter; sie sollen Laub holen, aber sie tun bloß was, wenn ich dabeistehe." Er stolpert nach der großen Mütze und dem Stock und sagt: "Sie mögen bei mir nicht arbeiten; ich kann das nicht begreifen." Als sie draußen waren und ums Haus bogen, blieb er stehen: "Hier, siehst Du? Keine Ordnung! Da ist das Holz durcheinandergeworfen und die Axt nicht in den Block gehauen", er bückte sich mühsam, hob sie auf und schlug sie ein. "Hier ist ein Fell heruntergefallen; aber hat ein Mensch es wieder aufgehängt?" Er tat es selbst. "Hier ist die Vorratsscheuer; meinst Du, sie haben die Treppe weggenommen?" Er trug sie beiseite. Dann blieb er stehen, sah den Schulmeister an und sagte: "So geht es einen Tag wie alle Tage."
Als sie weiter gingen, hörten sie von den Halden her fröhliches Singen. "Ach, da wird ja bei der Arbeit gesungen", sagte der Schulmeister.--"Das ist der kleine Knut Östistuen, der da singt; der holt Laub für seinen Vater; meine Leute arbeiten dahinten, die singen nicht."--"Das ist doch keine von unsern Weisen?"--"Nein, das höre ich auch."--"Öyvind Pladsen ist sehr viel auf Östistuen gewesen; es ist wohl eins von den Liedern, die er im Dorf eingeführt hat--der steckt immer voll Lieder." Hierauf kam keine Antwort.
Das Feld, über das sie gingen, stand nicht gut; ihm fehlte die rechte Pflege. Der Schulmeister äußerte das; da blieb Ole stehen. "Ich kann das nicht mehr machen", sagte er beinahe wehmütig. "Ohne Aufsicht werden fremde Arbeiter zu teuer. Aber es tut weh, über so ein Feld zu gehen, das kannst Du mir glauben."
Als sie dann davon sprachen, wie groß der Hof sei, und wo Hilfe am nötigsten täte, beschlossen sie, zu den Halden hinaufzugehen, von wo sie das Ganze überblicken konnten. Als sie nach geraumer Zeit einen hohen Punkt erreicht hatten, und das Ganze in Augenschein nahmen, wurde der Alte wehmütig: "Ich möchte nicht gerne so abgehen; ich und meine Vorfahren haben da unten redlich gearbeitet, aber viel ist nicht mehr davon zu sehen."
Da klang ein Lied über ihren Köpfen hin mit der eigentümlichen Herbheit, die eine Knabenstimme hat, wenn sie so recht forsch drauflos singt. Sie standen nicht weit von dem Baum, in dessen Wipfel der kleine Knut Östistuen saß und Laub für seinen Vater pflückte, und sie lauschten:
Willst du dich zu hohem Ziel Ins Gebirge wagen, Pack' ins Ränzlein nur so viel, Als sich leicht läßt tragen! Nimm nicht mit des Tales Zwang In die reinen Lüfte; Schüttle ihn mit keckem Sang Abwärts in die Klüfte!
Vögel grüßen dich im Chor, Fern dem giftigen Brodem, Und mit jedem Schritt empor Freier wird dein Odem. Frohen Herzens jauchze laut; Kindheit, längst vergangen, Nickt dir aus Gebüsch und Kraut Zu mit roten Wangen.
Stehst du still von Zeit zu Zeit, Andachtsvoll zu lauschen, Wird ins Ohr der Einsamkeit Hohes Lied dir rauschen. Wo ein Bach den Fels durchbricht, Wo ein Stein im Rollen, Hörst du der versäumten Pflicht Mächtiges Donnergrollen.
Zittre, bete, banges Herz, Sei zur Buße fertig! Heb den Blick dann gipfelwärts, Deines Heils gewärtig. Dort wie einst geht Jesus Christ, Wandeln die Propheten; Wohl dir, wenn du würdig bist, Ihnen nachzutreten.
Ole hatte sich niedergesetzt und das Gesicht in den Händen vergraben. "Nun will ich mit Dir reden", sagte der Schulmeister und setzte sich neben ihn.
* * * * *
In Pladsen war Öyvind gerade von einer längeren Reise nach Hause gekommen; die Postkutsche stand noch vor der Tür, weil die Pferde ausruhen mußten. Wenn auch Öyvind jetzt als Amtsagronom gute Einnahmen hatte, bewohnte er doch noch seine kleine Kammer in Pladsen und half in seiner freien Zeit in der Wirtschaft. Auf Pladsen war eine ganz neue Bewirtschaftung eingeführt, aber der Hof war so klein, daß Öyvind das Ganze Mutters Spielzeug nannte; denn sie war es, die hauptsächlich die Landwirtschaft betrieb.
Er hatte sich gerade umgezogen, der Vater war mehlbestaubt von der Mühle hereingekommen und hatte sich auch umgezogen. So standen sie und überlegten, ob sie vor dem Abendbrot noch ein bißchen ins Freie gehen sollten, da kam die Mutter mit ganz blassem Gesicht herein: "Es kommt seltener Besuch; seht doch!"--Die beiden Männer eilten ans Fenster, und Öyvind sagte gleich: "Das ist der Schulmeister und--ja, ich glaube beinahe,--ja natürlich ist er es!"--"Ja, das ist der alte Ole Nordistuen", sagte auch Tore und trat vom Fenster zurück, um nicht gesehen zu werden, denn die beiden waren schon dicht vorm Hause.
Öyvind fing einen Blick des Schulmeisters auf, als er gerade vom Fenster zurücktreten wollte; Baard lächelte und sah sich nach dem alten Ole um, der auf den Stock gestützt, mit kleinen kurzen Schritten heranstelzte, wobei er den einen Fuß immer etwas höher hob als den andern. Draußen hörten sie den Schulmeister sagen: "Er ist wohl eben nach Hause gekommen", worauf Ole zweimal "So--so" antwortete.
Es blieb lange still auf der Diele; die Mutter war in die Ecke hinterm Milchschrank gekrochen. Öyvind stand in seiner Lieblingsstellung, mit dem Rücken gegen den großen Tisch und dem Gesicht nach der Tür, der Vater saß daneben. Schließlich wurde an die Tür geklopft, und herein kam der Schulmeister und nahm seinen Hut ab, hinter ihm Ole und nahm auch seine Mütze ab, dann drehte er sich nach der Tür um und klinkte sie ein; er brauchte sehr lange dazu; offenbar war er verlegen. Tore stand auf und lud die Eintretenden zum Sitzen ein; sie setzten sich nebeneinander auf die Fensterbank, und Tore setzte sich auch wieder nieder.
Und jetzt werden wir hören, wie es bei der Werbung zuging.
Der Schulmeister: "Wir haben doch noch recht schönes Herbstwetter bekommen."--Tore: "Ja, es hat sich die letzte Zeit gebessert."--"Jetzt wird es sich wohl noch eine Zeitlang halten, wo der Wind umgeschlagen ist."--"Seid Ihr da oben schon mit der Ernte fertig?"--"Noch nicht. Hier der Ole Nordistuen--Du kennst ihn wohl--möchte, Du sollst ihm helfen, Öyvind, wenn es Dir recht ist."--Öyvind: "Wenn es gewünscht wird, will ich tun, was ich kann."--"Ja, er meinte aber nicht bloß so vorübergehend. Es geht mit dem Hof nicht vorwärts, findet er, und er glaubt, es fehlt so die richtige Leitung und Aufsicht."--Öyvind: "Ich bin aber so wenig zu Hause."--Der Schulmeister sieht Ole an. Der merkt, daß er jetzt ins Feuer muß; er räuspert sich ein paarmal und legt los: "Das heißt, das soll,--ja--ich meine, Du solltest fest--Du solltest, ja, gewissermaßen Deine Wohnung bei uns haben,--das heißt, wenn Du nicht auf Reisen bist."--"Schönen Dank für das Anerbieten, aber ich bleibe lieber hier wohnen."--Ole sieht den Schulmeister an, und der sagt: "Mit Ole geht das heute ein bißchen kraus. Die Sache ist: er ist früher schon mal hier gewesen, und die Erinnerung daran bringt ihm die Worte ein bißchen durcheinander."--Ole rasch: "So ist es, ja; ich war damals nicht recht gescheit; ich hab' mich solange mit dem Mädel geplagt, bis das Holz in Splitter ging. Aber das mag vergessen sein; der Sturm knickt das Korn um, doch ein kaltes Lüftchen nicht; Regenbäche können die großen Steine nicht unterwühlen; Maischnee liegt nicht lange; der Donner hat noch keinen Menschen erschlagen." Alle lachen; der Schulmeister sagt: "Ole meint, Du sollst nicht mehr dran denken, und Du auch nicht, Tore." Ole sieht sie an und weiß nicht recht, ob er weiterreden darf. Da sagt Tore: "Der Rosenstrauch packt mit vielen Zähnen zu und reißt doch keine Wunden. In mir wenigstens ist kein Stachel zurückgeblieben."--Ole: "Ich kannte den Burschen damals nicht. Jetzt sehe ich: was er säet, das gedeiht; wie die Saat, so die Ernte; in seinen Fingerspitzen sitzt Gold, und ich möchte mir ihn sichern."
Öyvind sieht den Vater an, der die Mutter, die von ihm zum Schulmeister blickt, und dann schauten alle Ole an. "Ole meint, er hat einen großen Hof--" Ole unterbricht: "Groß ist er, aber schlecht imstande; ich kann nicht mehr recht, ich bin alt, und die Beine wollen nicht mehr mit. Aber es lohnt sich, da oben anzupacken."--"Gut und gern der größte Hof im ganzen Kreise", fällt der Schulmeister ein.--"Der größte Hof im ganzen Kreise; das ist aber gerade das Elend; wenn die Schuhe zu groß sind, verliert man sie; es ist recht schön, wenn das Gewehr gut ist, aber man muß auch damit umzugehen wissen. (Mit einer raschen Wendung zu Öyvind:) Möchtest Du es mal damit versuchen?"--"Ich soll also Verwalter sein?"--"Ganz recht, ja, Du sollst den Hof haben."--"Ich soll den Hof haben?"--"Natürlich, ja, und sollst ihn verwalten."--"Aber--" "Willst Du nicht?"--"Doch, selbstverständlich."--"Ja, ja, dann ist es also abgemacht, sagte die Henne und flog aufs Wasser."--"Aber--" Ole sieht verwundert den Schulmeister an.--"Öyvind will wohl bloß fragen, ob er Margit auch mitbekommt?"--Ole energisch: "Margit ist mit drin, Margit ist mit drin!"--Da fing Öyvind laut zu lachen an und machte einen Luftsprung; die andern drei lachten auch, und Öyvind rieb sich die Hände, lief in der Stube auf und ab und wiederholte unaufhörlich: "Margit ist mit drin, Margit ist mit drin!" Tore lachte und gluckste, die Mutter hinten in der Ecke sah ihren Jungen unverwandt an, bis ihr Tränen in die Augen traten.
Nach einer Weile fragte Ole sehr gespannt: "Was hältst Du von dem Hof?"--"Feiner Boden!"--"Feiner Boden, nicht wahr?"--"Wundervolle Weiden!"--"Wundervolle Weiden! Wird es gehen?"--"Das soll weit und breit der beste Hof werden!"--"Weit und breit der beste Hof? Glaubst Du? Meinst Du das wirklich?"--"So wahr ich hier stehe!"--"Ja, hab' ich das nicht immer gesagt?!" Sie sprachen beide gleich schnell und griffen wie zwei Räder ineinander. "Aber mit dem Geld, siehst Du mit dem Geld! Ich habe keins."--"Ohne Geld geht es langsam, aber es geht!"--"Es geht, ja, natürlich geht es! Aber wenn wir Geld hätten, ginge es schneller, meinst Du?"--"Viel schneller."--"Viel? Wenn wir bloß Geld hätten! Ja, ja! na, einer, der nicht alle Zähne hat, kann auch kauen, und einer, der mit Ochsen fährt, kommt auch vorwärts."
Die Mutter stand da und zwinkerte Tore zu, der sie ein paarmal schnell von der Seite ansah, während er den Oberkörper hin- und herwiegte und mit den Händen über die Knie strich; der Schulmeister blinzelte mit den Augen, Tore machte den Mund auf und wollte etwas sagen, aber Ole und Öyvind sprachen unaufhörlich durcheinander, lachten und machten solchen Lärm, daß kein andrer zu Wort kommen konnte.
"Seid jetzt mal still; Tore möchte was sagen", fällt der Schulmeister ein; sie verstummen und sehen Tore an. Der fängt denn ganz leise an: "Es ist auf dieser Stätte immer so gewesen, daß wir eine Mühle gehabt haben; in letzter Zeit ist es so gewesen, daß wir zwei gehabt haben. Diese Mühlen haben in Jahr und Tag doch ein paar Groschen abgeworfen; weder mein Vater noch ich haben von dem Geld genommen, außer damals, als Öyvind fort mußte. Der Schulmeister hat es verwaltet, und er sagt, daß es sich da, wo es stand, gut verzinst hat; aber jetzt ist ja das beste, Öyvind nimmt es für Nordistuen." Die Mutter stand hinten in der Ecke und machte sich ganz klein, während sie mit leuchtenden Augen zu Tore hinsah, der jetzt sehr gewichtig dahockte und beinahe dumm aussah; Ole Nordistuen saß ihm mit weit offnem Mund gegenüber; Öyvind war der erste, der sich von der Überraschung erholte. "Ist das nicht, als wenn das Glück mich verfolgt?" rief er, ging auf seinen Vater zu und schlug ihm auf die Schulter, daß es dröhnte. "Du Prachtvater!" sagte er, rieb sich die Hände und ging auf und ab.
"Wieviel mag das wohl sein?" fragte schließlich Ole ganz zaghaft den Schulmeister. "Es ist gar nicht so wenig."--"Ein paar hundert Taler?"--"Noch ein bißchen mehr."--"Noch ein bißchen mehr? Öyvind, noch ein bißchen mehr! Herrgott, das soll ein Hof werden!" Er stand auf und lachte hell heraus.
"Ich will mit Dir zu Margit", sagte Öyvind. "Die Postkutsche steht ja noch draußen, da geht es schnell."--"Ja, schnell, schnell! Magst Du auch gern alles schnell haben?"--"Ja, schnell und forsch!"--"Schnell und forsch! Akkrat so, wie als ich jung war,--akkrat so!"--"Hier ist Mütze und Stock; jetzt jage ich Dich 'raus!"--"Du jagst mich 'raus, haha! aber Du kommst mit, nicht, Du kommst mit? Ihr andern kommt wohl nach? Heut abend wollen wir solange zusammensitzen, wie noch ein Funken auf dem Herd ist; kommt nur hin!"--Sie versprachen es, Öyvind half ihm in den Wagen und sie fuhren nach Nordistuen hinauf. Da oben war der große Hund nicht der einzige, der sich wunderte, als Ole Nordistuen mit Öyvind Pladsen in den Hof einfuhr. Während Öyvind ihm aus dem Wagen half und die Knechte und Mägde sie neugierig angafften, kam Margit aus dem Hause und wollte sehen, was denn der Hund fortwährend zu bellen hatte, aber sie blieb wie angewurzelt stehen, wurde glühend rot und lief wieder hinein. Der alte Ole rief aber so fürchterlich laut nach ihr, als er in die Stube kam, daß sie wohl oder übel wieder zum Vorschein kommen mußte. "Geh hin und mach' Dich fein, Mädel, hier steht der Mann, der den Hof haben soll."
"Ist es wahr?" rief sie, ohne es selbst zu wissen, und so laut, daß es schallte. "Ja, es ist wahr", sagte Öyvind und klatschte in die Hände; da drehte sie sich auf den Fußspitzen herum, schleuderte das, was sie gerade in der Hand hatte, weit weg und lief aus der Stube; und Öyvind hinterher.
Nach kurzer Zeit kamen auch der Schulmeister, Tore und seine Frau. Der Alte hatte Lichter auf den weißgedeckten Tisch gestellt; es gab Wein und Bier, und er selbst war immerzu auf den Beinen und hob den Fuß noch höher als gewöhnlich, aber immer bloß den rechten.
* * * * *
Ehe diese kleine Erzählung zu Ende geht, soll noch berichtet werden, daß fünf Wochen später Öyvind und Margit in der Dorfkirche getraut wurden. Der Schulmeister leitete an diesem Tage selbst den Gesang, weil der Hilfsküster krank war. Seine Stimme war brüchig, denn er war alt; aber Öyvind fand doch, es höre sich wunderschön an. Und als er Margit die Hand gereicht und sie vor den Altar geführt hatte, da nickte ihm der Schulmeister vom Chor herunter zu, genau so, wie Öyvind es damals gesehen hatte, als er so wehleidig beim Tanz saß: er nickte ihm auch zu, und die Tränen wollten ihm in die Augen treten.
Die Tränen bei jenem Tanz waren das Tor zu diesen Tränen gewesen, und zwischen ihnen lag seine Arbeit und seine Treue.
Und hier ist die Geschichte von dem fröhlichen Burschen zu Ende.
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DER VATER
Der Mann, von dem hier erzählt werden soll, war der mächtigste im ganzen Gau; er hieß Thord Oeveraas. Eines Tages stand er kerzengrade und mit gewichtiger Miene vor dem Pfarrer in der Studierstube. "Mir ist ein Sohn geboren, und ich möchte ihn taufen lassen."--"Wie soll er heißen?"--"Finn, nach meinem Vater."--"Und die Paten?"--Er zählte sie auf; es waren Verwandte von ihm, die angesehensten Männer und Frauen des Gaus. "Ist sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer und sah auf. Der Bauer zögerte. "Ich möchte gern, daß er allein getauft würde", sagte er dann. "Also an einem Werktag?"--"Nächsten Sonnabend mittag um zwölf."--"Ist sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer.--"Weiter nichts." Der Bauer drehte seinen Hut, als wollte er gehen. Da erhob sich der Pfarrer, ging auf Thord zu, nahm seine Hand und sah ihm in die Augen; "gebe Gott, daß das Kind Dir zum Segen werde!"
Sechzehn Jahre nach diesem Tag stand Thord wieder vor dem Pfarrer in der Stube. "Du hast Dich gut gehalten, Thord", sagte der Pfarrer, weil er ihn ganz unverändert fand. "Ich habe ja auch keine Sorgen", antwortete Thord. Da schwieg der Pfarrer; nach einer Weile aber fragte er: "Was hast Du denn heut für ein Anliegen?"--"Ich komme wegen meines Sohnes, der morgen konfirmiert wird."--"Es ist ein braver Junge."--"Ich möchte den Herrn Pfarrer erst bezahlen, wenn ich weiß, der wievielte der Junge in der Kirche ist."--"Er wird Nummer eins sein."--"Schön,--hier sind auch zehn Taler für den Herrn Pfarrer."--"Ist sonst noch etwas?" fragte der Pfarrer und sah Thord an.--"Sonst nichts."--Thord entfernte sich.
Wieder gingen acht Jahre dahin; da war eines Tages vor dem Arbeitszimmer des Pfarrers großer Lärm, und herein kamen viele Männer, an ihrer Spitze Thord. Der Pfarrer sah auf und erkannte ihn gleich. "Du hast heut abend ja so viele bei Dir."--"Ich wollte das Aufgebot für meinen Sohn bestellen; er soll die Karen Storliden heiraten, die Tochter von Gudmund, von diesem hier."--"Das ist ja das reichste Mädchen im ganzen Gau."--"Es heißt so", antwortete der Bauer und strich sich mit einer Hand das Haar in die Höhe, Der Pfarrer saß eine Zeitlang wie in Gedanken und sagte kein Wort; er trug nur die Namen in seine Bücher ein, und die Männer unterschrieben. Thord legte drei Taler auf den Tisch.--"Ich bekomme nur einen", sagte der Pfarrer.--"Weiß wohl, aber er ist mein Einziger,--möcht's gern recht gut machen." Der Pfarrer nahm das Geld an. "Dies ist das dritte Mal, daß Du um Deines Sohnes willen hier stehst, Thord."--"Jetzt bin ich aber auch fertig damit", sagte Thord, klappte sein Taschenbuch zu, sagte adieu und ging,--die Männer folgten ihm langsam.
Vierzehn Tage später ruderten Vater und Sohn bei stillem Wetter über das Wasser nach Storliden hinüber, um dort die Hochzeit zu besprechen. "Die Bank ist nicht ordentlich fest", sagte der Sohn und stand auf, um sie in Ordnung zu bringen. Da rutscht das Brett aus, auf dem er steht, er schlägt mit den Armen um sich, stößt einen Schrei aus und stürzt ins Wasser.--"Halt Dich am Ruder fest", rief sein Vater, sprang auf und hielt es ihm hin. Doch als der Sohn ein paarmal danach gegriffen hatte, bekam er einen Krampf. "Wart' mal", rief sein Vater und ruderte näher. Da schlägt der Sohn nach hinten über, sieht seinen Vater mit einem langen Blick an und sinkt unter.
Thord konnte es kaum fassen; er stoppte das Boot und starrte auf den Fleck, wo sein Sohn verschwunden war, als müsse er wieder emportauchen. Ein paar Blasen stiegen auf und noch ein paar, und dann noch eine ganz große; sie zerbarst--und die See lag wieder spiegelblank da.
Und die Leute sahen, wie drei Tage und drei Nächte lang der Vater um die Stelle herumruderte, ohne zu essen oder zu schlafen; er fischte nach seinem Sohn. Und am dritten Tage morgens fand er ihn und trug ihn über die Hügel nach seinem Hofe.
Es mochte ein Jahr seit jenem Tage vergangen sein. Da hört der Pfarrer an einem Herbstabend spät noch etwas an der Flurtür rascheln und behutsam nach der Klinke tasten. Der Pfarrer machte die Tür auf, und herein kam ein großer, gebeugter Mann, hager und weißhaarig. Der Pfarrer sah ihn lang an, bis er ihn erkannte; es war Thord. "Du kommst so spät?" sagte der Pfarrer und blieb vor ihm stehen. "Ja, ja, ich komme spät", sagte Thord und setzte sich. Der Pfarrer setzte sich auch und wartete; es blieb lange still. Da sagte Thord: "Ich habe etwas mitgebracht, was ich den Armen geben möchte; es soll eine Stiftung werden, die den Namen meines Sohnes trägt";--er stand auf, legte das Geld auf den Tisch und setzte sich wieder. Der Pfarrer zählte es auf; "es ist viel Geld", sagte er.--"Es ist mein halber Hof; ich habe ihn heut verkauft." Der Pfarrer saß lange schweigend da. Endlich fragte er mild: "Was willst Du denn jetzt anfangen, Thord?"--"Etwas Besseres."--So saßen sie eine Zeitlang, Thord mit gesenkten Blicken, während die Augen des Pfarrers auf ihm ruhten. Schließlich sagte der Pfarrer leise und langsam: "Ich glaube, jetzt ist Dein Sohn Dir doch noch zum Segen geworden."--"Ja, das glaube ich jetzt auch", sagte Thord; er sah auf, und zwei schwere Tränen rannen ihm über das Gesicht.
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DAS FISCHERMÄDEL
Erstes Kapitel
Wo der Hering längere Zeit regelmäßig Einkehr hält, da bildet sich so allmählich, wenn die Bedingungen im übrigen günstig sind, eine kleine Stadt. Von solchen Städten kann man nicht nur sagen, das Meer habe sie ausgespien; sondern sie sehen auch von weitem tatsächlich wie ans Land geschwemmte Balken und Wrackstücke aus, oder wie ein Häuflein umgekippter Boote, die die Fischer in einer Sturmnacht über sich gezogen haben. Kommt man näher, so sieht man, wie zufällig das Ganze sich aufgebaut hat; da liegt ein Block Klippen mitten im Ort, oder der ganze Flecken ist durch das Wasser in drei, vier Teile gespalten,--Straßen, die sich krümmen und winden. Nur eine Bedingung ist allen diesen Ansiedlungen gemeinsam: sie haben einen Hafen, der den größten Schiffen Schutz gewährt, indem es dort still ist wie in einer Blechbüchse. Und darum sind diese Schlupfwinkel den Schiffen, die mit zerfetzten Segeln und zertrümmertem Plankenwerk aus hoher See angetrieben kommen, um Atem zu schöpfen, auch gar viel wert.
In solch einem kleinen Städtchen ist es still. Alles, was etwa Lärm verursacht, ist auf die Landungsbrücken verwiesen, wo die Boote der Bauern sich festgebissen haben, und wo die Schiffe laden und löschen. Längs den Landungsbrücken läuft die einzige Straße unseres Städtchens; an ihrer andern Seite liegen die weiß- und rotgestrichenen, ein- und zweistöckigen Häuschen; aber nicht Wand an Wand, sondern getrennt durch schmucke Gärten; das gibt auf diese Weise eine lange und breite Straße, wo es übrigens bei Seewind nach allem zu duften pflegt, was auf den Brücken herumliegt. Still ist es hier--nicht etwa aus Furcht vor der Polizei: denn in der Regel ist gar keine da--sondern aus Angst vor dem Gerede der Leute; denn hier kennt sich alles untereinander. Geht man die Straße hinunter, so muß man in jedes Fenster hineingrüßen und hinter jedem sitzt auch meist ein altes Frauchen und grüßt wieder. Ferner muß man jeden grüßen, der einem auf der Straße begegnet. Denn all diese stillen Menschen denken an nichts anderes, als was sich im allgemeinen und im besonderen für sie selber schickt. Wer die Grenzlinie, die seinem Stande oder seiner Stellung gezogen ist, überschreitet, der büßt seinen guten Ruf ein. Denn man kennt nicht allein ihn, sondern auch seinen Vater und Großvater, und man stöbert flugs auf, wo sich schon früher in der Familie ein Hang zum "Ungehörigen" gezeigt hat.