Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 31
Da mußte Öyvind lachen, obwohl ihm eigentlich nicht danach zumut war. Aber bei freudigen Menschen liegt die Furcht immer an der Grenze des Lachens, und jetzt neigte er zum Lachen. "Worüber lachst Du?" fragte Ole kurz und scharf.--"Ich?"--"Lachst Du über mich?"--"Gott bewahre!" aber seine eigene Antwort reizte seine Lachlust noch mehr. Das sah Ole, und er wurde ganz wütend. Tore und Öyvind wollten es wieder gut machen durch ein ernstes Gesicht, und sie baten ihn, mit hineinzukommen; aber ein dreijahrelanger Ärger mußte sich Luft machen, und der ließ sich nicht eindämmen. "Du brauchst mich nicht zum Narren zu halten," fing er an, "ich bin in meinem Recht; ich sorge für das Glück meiner Enkelin, so gut ich es verstehe, und das Gefeixe eines Lümmels soll mich nicht hindern. Man zieht keine Mädels groß, um sie in die erste beste Kate, die sich auftut, hinzugeben, und man steht nicht vierzig Jahre lang einem Hof vor, um das alles dem ersten besten an den Hals zu werfen, der dem Mädel den Kopf verdreht. Meine Tochter jammerte und wehklagte so lange, bis sie an einen Landstreicher verheiratet war, der sie alle beide zu Tode soff, und ich mußte das Kind zu mir nehmen und den Spaß bezahlen; aber gnade Gott, wenn es mit meiner Großtochter ebenso gehen sollte, jetzt weißt Du's.--Ich will Dir sagen, so wahr ich Ole Nordistuen vom Heidehof bin, eher wird der Pfarrer das Hexenvolk im Walde von Norddal trauen, ehe er Margit und Dich, Du Scheusal, aufbieten soll.--Du willst wohl alle anständigen Freier vom Hof weggraulen? Versuch's nur und komm, dann fliegst Du den Berg 'runter, daß Dir die Schuhe um die Ohren schlagen. Du Affenkerl! Du glaubst wohl, ich weiß nicht, was Ihr denkt, Du und das Mädel,--Ihr denkt, der alte Ole Nordistuen wird bald die Nase in die Luft strecken da draußen auf dem Kirchhof--und dann--hast du nicht gesehen--wollt Ihr vor den Altar. Ich habe jetzt sechsundsechzig Jahre gelebt und ich will Dir zeigen, Bengel, daß ich lebe, bis Ihr alle beide die Gelbsucht darüber kriegt! Meinetwegen kannst Du Dich wie Neuschnee ums Haus legen, aber nicht mal ihre Fußsohlen wirst Du zu sehen bekommen, denn ich schick' sie weg; ich schicke sie wohin, wo sie sicher ist; dann kannst Du hier ja wie 'ne Lachmöve 'rum flattern und Dich mit Regen und Nordwind verheiraten. Und weiter habe ich Dir nichts zu sagen; aber jetzt kennst Du, sein Vater, meine Ansicht, und wenn Du sein Bestes willst, das hier auf dem Spiel steht, dann sorg' dafür, daß er den Fluß so gräbt, wie das Wasser laufen kann; über mein Eigentum geht kein Weg."--Er ging mit kleinen, raschen Schritten zurück, wobei er den rechten Fuß etwas höher hob als den linken und leise vor sich hinschimpfte.
Die Zurückbleibenden waren plötzlich sehr ernst geworden; eine böse Ahnung hatte sich in ihr Lachen und Scherzen gemischt, und still war's einen Augenblick im Hause wie nach einem großen Schrecken. Die Mutter, die in der Küchentür alles mitangehört hatte, sah Öyvind bekümmert an; die Tränen waren ihr nahe, aber sie wollte ihm das Herz nicht durch irgend ein Wort noch schwerer machen. Als sie alle schweigend hineingegangen waren, setzte sich der Vater ans Fenster und sah Ole mit tiefernsten Blicken nach. Öyvinds Augen hingen an jeder seiner Mienen, denn mit dem ersten Wort, das er sprechen würde, mußte sich die Zukunft der beiden jungen Menschen entscheiden. Setzte Tore sein Nein gegen das Oles, so war kaum daran vorbeizukommen. Seine Gedanken liefen geängstigt von einem Hindernis zum andern; er sah einen Augenblick nichts als Armut, Widrigkeiten, Mißverständnisse und gekränktes Ehrgefühl, und alles wankte und wich vor seinen Augen. Seine Unruhe wuchs, weil die Mutter so dastand, die Hand an der Klinke der Küchentür, ungewiß, ob sie den Mut finden würde, dazubleiben und die Aussprache abzuwarten, bis sie zuletzt alle Courage verlor und hinausschlich. Öyvind sah unverwandt seinen Vater an, dessen Auge scheinbar nicht wieder in die Stube zurückfinden konnte; der Sohn wagte nichts zu sagen, denn der andere mußte erst mit seinen Gedanken zu Ende sein. Aber gerade jetzt hatte seine Seele den Kreis der Angst durchlaufen und raffte sich wieder auf: "niemand als Gott allein vermag uns schließlich zu trennen", dachte er bei sich selbst und blickte auf die gerunzelten Brauen seines Vaters;--jetzt kam's wohl bald. Tore seufzte schwer, erhob sich, sah auf und begegnete dem Blick seines Sohnes. Er blieb stehen und sah ihn lange an.--"Mein Wille wäre, daß Du von ihr ließest, denn man soll sich nie etwas erbetteln oder ertrotzen. Willst Du aber nicht von ihr lassen, so kannst Du mir's gelegentlich sagen; vielleicht kann ich Dir dann helfen." Er ging an seine Arbeit, und sein Sohn folgte ihm.
Am Abend aber war Öyvind mit seinem Plan im reinen; er wollte sich um die Stelle des Amtsagronomen bewerben und den Direktor und den Schulmeister bitten, ihm dabei behilflich zu sein. "Bleibt sie fest, dann werde ich sie mir mit Gottes Hilfe durch meine Arbeit erringen."
Er wartete diesen Abend vergebens auf Margit, aber er sang, während er dort auf- und abging, sein Lieblingslied:
Hoch den Kopf, du frischer Gesell! Schwand eine Hoffnung, wird dir schnell Vor Augen die neue glühen Und flugs entflammen und sprühen.
Hoch den Kopf, blicke weit und frei! Etwas ist da, das ruft: "komm herbei!" Mit tausend Zungen, die preisen Den Frohmut in sieghaften Weisen.
Hoch den Kopf; denn im Herzensgrund Blauet auch dir ein Himmelsrund, Drin Jubelchöre und Schwingen Bei Harfenakkorden klingen.
Hoch den Kopf und sing es heraus! Nie erstickst du des Frühlings Braus; Doch, wo die Kräfte gären, Da treiben die Halme bald Ähren.
Hoch den Kopf, laß Paten dir fein Droben die Hoffnungsstrahlen sein, Die Welten umwölben, die beben In jedem Fünklein Leben.
Elftes Kapitel
In der Mittagspause war's; auf den großen Heidehöfen schliefen die Leute. Das Heu lag auf den Wiesen aufgeworfen und die Rechen staken in der Erde. Vor dem Scheunentor standen die Heuwagen, das abgezäumte Sattelzeug lag daneben, und die Pferde waren eine Strecke weiter angebunden. Außer ihnen und ein paar Hühnern, die auf die Äcker hinausgelaufen waren, war weit und breit kein lebendes Wesen zu sehen.
In dem Felsen jenseits der Höfe war eine Kluft; von da führte der Weg zu den Heidehofalmen, großen, grasreichen Hochebenen. Oben in der Kluft stand heut ein Mann und hielt Umschau, als warte er auf jemand. Hinter ihm war ein kleiner Bergsee, wo der Bach entsprang, der die Kluft in den Felsen gegraben hatte; um diesen See herum führten zu beiden Seiten die Viehsteige nach den Almen hinüber, die man in der Ferne sehen konnte. Jodeln und Gekläff klang zu ihm hin, die Kuhglocken läuteten auf den Höhen; denn die Kühe rasten umher und wollten Wasser, und Hunde und Hirten versuchten vergeblich, sie zusammenzutreiben. Die Kühe machten die wunderlichsten Grimassen und Sprünge und liefen mit kurzem, wütendem Gebrüll und hocherhobenem Schweif gerade in den See hinein; da blieben sie stehen; ihre Glocken läuteten bei jeder Kopfbewegung über den See hin. Die Hunde tranken auch, aber sie blieben am Lande stehen, und die Hirten kamen hinterdrein und setzten sich auf den warmen glatten Felsen. Da holten sie ihr Vesperbrot heraus, tauschten es gegenseitig aus, prahlten mit ihren Hunden, ihren Ochsen und ihrer Herrschaft, zogen sich dann aus und sprangen zu den Kühen ins Wasser. Die Hunde wollten nicht mit; sie schlichen träge umher mit hängendem Kopf und brennenden Augen, und die Zunge hing ihnen aus der Schnauze. Rings auf den Hängen war kein Vogel zu sehen, kein Laut zu hören außer dem Geplauder der Mägde und dem Läuten der Glocken; das Gras war verdorrt und versengt; die Sonne brannte auf die Halden, daß alles in der Hitze erstickte.
Öyvind war's, der da oben in der Mittagssonne saß und wartete. Er saß in Hemdärmeln dicht am Bach, der aus dem See herauskam. Noch immer war auf dem ganzen Heidehof keiner zu sehen, und allmählich wurde ihm ängstlich zumute; da kam plötzlich ein großer Hund schwerfällig auf Nordistuen aus einer Tür, und hinter ihm ein Mädchen in Hemdärmeln. Sie lief über die Wiesen den Berg hinan; er hatte große Lust, ihr zuzujauchzen, aber er wagte es nicht. Er behielt aufmerksam den Hof im Auge, ob auch keiner komme und sie sehe, aber schon war sie in Sicherheit, und er sprang ein paarmal ungeduldig auf.
Dann war sie endlich mühsam am Bach heraufgeklommen, der Hund dicht vor ihr schnupperte in der Luft; sie hielt sich am Gebüsch fest, aber ihre Schritte wurden immer müder. Öyvind lief ihr entgegen, der Hund knurrte, wurde aber gleich zum Schweigen gebracht; als Margit ihn kommen sah, setzte sie sich rot wie Blut, müde und abgespannt von der Hitze auf einen großen Stein. Er schwang sich auf den Stein neben sie. "Ich danke Dir, daß Du kommst."--"Aber die Hitze und dieser Weg! Hast Du lange gewartet?"--"Nein! Wenn man uns abends aufpaßt, müssen wir eben die Mittagsstunde ausnutzen. Aber ich denke, fortan brauchen wir nicht mehr so heimlich und umständlich zu verfahren; ich wollte mit Dir darüber reden."--"Nicht heimlich?"--"Ich weiß ja, Dir gefällt gerade das Heimliche am besten; aber Mut magst Du doch auch zeigen. Ich habe heute viel mit Dir zu besprechen, und Du mußt gut zuhören."--"Ist es wahr, daß Du Amtsagronom werden willst?"--"Ja, und ich werde es auch erreichen. Ich habe dabei eine doppelte Absicht, erstens die, eine Stellung zu bekommen, außerdem aber und vor allen Dingen, etwas zu erreichen, was Deinem Großvater auffallen muß. Es trifft sich so glücklich, daß die meisten Bauern hier auf den Heidehöfen junge Leute sind, die Verbesserungen einführen möchten und dazu Hilfe brauchen; Geld haben sie auch. Da fange ich an; ich bringe alles in Ordnung, von ihren Kuhställen an bis zu ihren Wasserleitungen; ich werde Vorträge halten und arbeiten und den Alten sozusagen durch gute Taten bekehren."--"Das ist fein; weiter, Öyvind!"--"Ja, das andere betrifft uns beide. Du darfst nicht fort."--"Wenn er es aber befiehlt?"--"Und nichts mehr verheimlichen was uns beide angeht."--"Und wenn er mich quält?"--"Wir erreichen nämlich mehr und können uns besser schützen, wenn wir alles öffentlich tun. Wir wollen gerade vor aller Leute Augen zusammen sein, damit sie davon reden, wie lieb wir uns haben; um so eher wünschen sie, daß es uns gut geht. Du darfst nicht fort. Es ist immer eine Gefahr in der Trennung, und es kann allerhand Klatsch dazwischen kommen. Im ersten Jahr glaubt man's nicht, aber nachher im zweiten leuchtet es einem so allmählich ein. Wir beide wollen uns einmal in der Woche treffen und alles Böse hinweglachen, das man zwischen uns säen will; wir treffen uns auch beim Tanz und treten den Takt, daß es nur so klappt, während alle unsere Verleumder um uns herumsitzen. Wir treffen uns in der Kirche und nicken uns zu, daß auch die es sehen, die uns hundert Meilen auseinander haben möchten. Macht einer einen Vers auf uns, dann setzen wir uns hin und versuchen, eine Antwort drauf zu machen; das wird schon gehen, wenn wir uns gegenseitig helfen. Keiner kann uns was anhaben, wenn wir zusammenhalten und den Leuten auch zeigen, daß wir es tun. Unglücklich in der Liebe können bloß die furchtsamen Leute sein oder die Schwachen und Kranken und die Berechnenden, die immer auf eine bestimmte Gelegenheit warten, oder die Schlauen, die schließlich sich an ihrer eigenen Schlauheit verbrennen, oder die Sinnlichen, die sich nicht so lieb haben, daß sie Stand oder Unterschied darüber vergessen,--die verkriechen sich, schreiben Briefe, beben bei jedem Wort und am Ende halten sie diese Angst, diese beständige Unruhe und das Prickeln im Blut für Liebe, fühlen sich unglücklich und zergehen wie Zucker. Pah, wenn die sich richtig lieb hätten, so hätten sie eben keine Angst; dann würden sie lachen und, offen in jedem Lächeln und jedem Wort, geradenwegs auf die Kirchtür zugehen. Ich habe darüber in den Büchern gelesen und habe es selbst mit angesehen: mit der Liebe, die auf Schleichwegen geht, ist's jämmerlich bestellt. Die Liebe muß in Heimlichkeit beginnen, weil sie in Scheu beginnt,--aber leben muß sie in Offenheit, weil sie in Freude lebt. Das ist wie beim jungen Laub. Was wachsen will, das kann sich auch nicht verbergen, und immer wirst Du bemerken, daß alles Dürre am Baum in derselben Stunde abfällt, da das Laub knospen und keimen will. Einer, über den die Liebe kommt, wirft alles hin, was er an altem toten Kram noch festhielt; die Säfte schwellen und treiben, und das sollte man nicht merken? Hei, Mädel, die sollen sich mitfreuen, wenn sie uns fröhlich sehen. Zwei Brautleute, die sich treu bleiben, sind eine Wohltat für das Volk, denn sie schenken ihm ein Gedicht, das ihre Kinder zur Schande der ungläubigen Eltern auswendig lernen. Ich habe von vielen solchen Gedichten gelesen; auch hier im Gau leben welche im Volksmund, und eben die Kinder derer, die einst alles Schlimme verschuldet haben, erzählen jetzt davon und weinen darüber. Ja, Margit, jetzt wollen wir uns die Hand geben,--so, ja, und dann wollen wir uns versprechen, zusammenzuhalten,--so, ja, und dann wird's schon gehen, hurra!--" Er wollte sie beim Kopf fassen, aber sie drehte den Kopf zur Seite und ließ sich vom Stein heruntergleiten.
Er blieb sitzen; sie kam zurück, stützte die Arme auf seine Knie und sah zu ihm auf, während sie mit ihm sprach. "Hör' mal, Öyvind, wenn er nun will, ich soll fort, was dann?"--"Dann sagst Du nein, frei heraus."--"Geht denn das, Schatz?"--"Er kann Dich doch nicht selbst auf den Wagen setzen!"--"Wenn er das auch nicht gerade tut, so hat er doch viele andere Mittel, wodurch er mich zwingen kann."--"Das glaube ich nicht; Gehorsam bist Du ihm freilich schuldig, solange er keine Sünde von Dir verlangt; aber Du hast auch die Pflicht, ihm frei heraus zu sagen, wie schwer es diesmal für Dich ist, gehorsam zu sein. Ich meine, er kommt zur Vernunft, wenn er das sieht; jetzt glaubt er eben noch wie die meisten, es ist bloß Kinderei. Zeige ihm, daß es mehr ist."--"Mit ihm ist ja nicht zu spaßen. Er bewacht mich wie 'ne angebundene Ziege."--"Du reißt Dich aber ein paarmal am Tage los."--"Das ist nicht wahr."--"Doch, immer wenn Du heimlich an mich denkst, reißt Du Dich los."--"Ja dann. Aber weißt Du denn bestimmt, daß ich so oft an Dich denke?"--"Sonst wärst Du ja nicht hier."--"Aber Du hast mir doch sagen lassen, ich solle kommen."--"Du gingst aber doch, weil Deine Gedanken Dich dazu trieben!"--"Nein, bloß weil das Wetter so schön war."--"Du sagtest vorhin, es sei zu heiß."--"Zum Bergauf gehen, ja; aber bergab nicht."--"Warum gingst Du denn hinauf?"--"Um wieder hinunterlaufen zu können!"--"Warum hast Du das nicht schon lange getan?"--"Weil ich mich erst ausruhen mußte."--"Und mit mir von Liebe reden?"--"Ich konnte Dir doch die Freude machen, zuzuhören."--"Beim Vogelsang."--"Wo alles ruht."--"Und beim Glockenklang."--"In Waldeshut."
In diesem Augenblick sahen die beiden Margits Großvater auf den Hof gehumpelt kommen und nach der Glocke gehen, um die Leute zusammenzurufen. Die Leute kamen aus Scheunen, Schuppen und Häusern heraus, gingen schläfrig hin zu den Pferden oder den Rechen, verteilten sich über das Feld, und nach einer Weile war alles wieder Leben und Arbeit. Nur der Großvater ging von einem Haus ins andere und zuletzt auf die höchste Scheunenbrücke hinauf und hielt Umschau. Ein kleiner Junge kam auf ihn zugesprungen, wahrscheinlich hatte er ihn gerufen. Der Junge lief dann wahrhaftig nach der Richtung hin, wo Pladsen lag, der Großvater ging inzwischen rund ums Gehöft und blickte dabei häufig in die Höhe; ihm dämmerte wohl, daß das Schwarze da oben auf dem "Großen Stein" Margit und Öyvind seien. Und wieder war Margits großer Hund hinderlich. Er sah ein fremdes Pferd auf den Heidehof einbiegen, und da er dachte, es gehöre zu seinem Geschäft als Hofhund, fing er aus Leibeskräften zu bellen an. Sie suchten den Hund zu beschwichtigen, aber er war wütend geworden und wollte nicht aufhören, unten stand der Großvater und starrte in die Luft. Aber es wurde noch schlimmer, denn die Hunde von der Alm hörten mit Verwunderung die fremde Stimme und kamen herzugelaufen. Als sie sahen, daß es ein großer, wolfähnlicher Riese war, verbündeten sich die zottigen Finnenhunde gegen diesen einen; Margit bekam solche Angst, daß sie ohne Adieu davonlief; mitten auf dem Schlachtfeld stand Öyvind und trat und schlug um sich, aber sie flüchteten nur vom Kampfplatz, um sich unter grausigem Geheul und Gekläff ein Stück weiter wieder zusammenzurotten; er wieder hinter ihnen her, und so zogen sie allmählich zum Bachabhang hin; da lief er schnell hinzu, und die Folge war, daß sie alle miteinander ins Wasser purzelten, gerade an einer Stelle, wo es ordentlich tief war; da rannten sie beschämt auseinander, und so endete diese Schlacht am Walde. Öyvind ging quer durch den Forst, bis er auf die Dorfstraße kam, Margit aber lief ihrem Großvater unten am Zaun in die Arme; das hatte der Hund ihr eingebrockt.
"Wo kommst Du her?"--"Aus dem Wald!"--"Was hast Du da gemacht?"--"Beeren gepflückt."--"Das ist nicht wahr!"--"Nein, das ist es auch nicht!"--"Was hast Du denn gemacht?"--"Ich habe mit einem geredet."--"Mit dem Pladsenbengel?"--"Ja."--"Hör' mal, Margit, morgen reist Du--"--"Nein."--"Hör' mal, Margit, ich will Dir bloß eins sagen, bloß das eine: Du wirst reisen."--"Du kannst mich doch nicht selbst in den Wagen setzen?"--"So? Kann ich das nicht?"--"Nein, denn das willst Du nicht,"--"Will ich nicht? Hör' mal, Margit, bloß zum Spaß, siehst Du, bloß zum Spaß will ich Dir sagen, daß ich dem Lausbuben die Knochen im Leibe entzwei schlagen werde."--"Das wagst Du aber doch nicht."--"Das wage ich nicht? Du sagst, das wage ich nicht? Wer sollte mir wohl was tun?"--"Der Schulmeister."--"Der Schu-Schu-Schulmeister? Denkst Du, der kümmert sich um den?"--"Ja, der hat ihn doch auf die Ackerbauschule geschickt."--"Der Schulmeister?"--"Der Schulmeister!"
"Hör', Margit, ich will von dem Gelaufe nichts wissen; Du sollst hier weg. Du machst mir bloß Sorge und Kummer, gerade wie Deine Mutter, bloß Sorge und Kummer. Ich bin ein alter Mann, ich will Dich gut versorgt sehen, ich will nicht von den Leuten deswegen für einen Narren gehalten werden; ich will bloß Dein Bestes; das mußt Du doch zugeben, Margit. Wenn es mit mir zu Ende ist, stehst Du allein da; wie wäre es Deiner Mutter ergangen, wenn ich nicht gewesen wäre? Hör', Margit, sei vernünftig--hör', was ich sage; ich will bloß Dein Bestes."--"Nein, das willst Du nicht."--"So? Was will ich denn?"--"Deinen Willen durchsetzen, das willst Du; aber nach meinem fragst Du nicht."--"Du willst auch schon 'nen Willen haben, Du Kiekindiewelt? Du solltest schon wissen, was zu Deinem Besten ist, Du dummes Mädel? Ich werd' Dir mal den Stock zu schmecken geben, ja, das werd' ich, so groß und lang Du bist. Hör', Margit, ich will noch mal im Guten mit Dir reden. Du bist im Grunde gar nicht so dumm--das ist bloß 'ne fixe Idee von Dir. Du solltest auf mich hören, ich bin ein alter, vernünftiger Mann. Wir wollen noch mal im Guten drüber reden; mit mir' ist gar nicht soviel los, wie die Leute denken; ein armer lockerer Vogel hat bald mit dem bißchen aufgeräumt, was ich habe; Dein Vater hat schon den Anfang damit gemacht. Man muß in dieser Welt für sich selbst sorgen; besser verdient es keiner. Der Schulmeister hat gut schwatzen, der hat Geld, und der Pfarrer auch; da ist gut predigen. Aber bei uns, die sich ums tägliche Brot quälen müssen, ist das ganz was andres. Ich bin alt und habe viel erfahren und gesehen. Liebe, siehst Du, ist ja ganz schön, wenn man davon redet, aber sonst ist sie nichts wert; das ist bloß was für die Geistlichen und für solche Leute--die Bauern müssen die Sache anders anpacken. Erst das Essen, siehst Du, dann Gotteswort, und dann ein bißchen Schreiben und Rechnen und dann noch ein bißchen Liebe, wenn es sich gerade so macht. Aber es nützt blutwenig, wenn man zu oberst die Liebe stellt und ans Ende das Essen. Was sagst Du dazu, Margit?"--"Ich weiß nicht."--"Du weißt nicht, was Du sagen sollst?"--"Doch, das weiß ich."--"Nun, und?"--"Soll ich es sagen?"--"Ja, natürlich sollst Du es sagen!"--"Ich bin sehr für die Liebe." Er stand einen Augenblick verdutzt da, dann fielen ihm hundert ähnliche Gespräche mit ganz ähnlichem Ausgang ein, und er schüttelte den Kopf, drehte ihr den Rücken und ging.
Er ließ seinen Zorn an den Taglöhnern aus, schnauzte die Mägde an, prügelte den großen Hund und brachte beinahe ein Hühnchen um, das aufs Feld hinausgelaufen war; zu ihr aber sagte er nichts.
An dem Abend war Margit so fröhlich, als sie zu Bett ging, daß sie das Fenster aufmachte, sich hinauslehnte, lange hinausschaute und sang. Sie hatte ein kleines, feines Liebeslied bekommen, und das sang sie:
Hältst du treu zu mir, Halt' ich treu zu dir Alle Tage, die mein eigen. Sommerzeit ging fort; Grün, das nun verdorrt, Kehrt zurück mit unserm Reigen.
Was dein Mund einst sprach, Laut klingt's in mir nach. Wie ein Vöglein auf dem Aste Singt und was verbricht, So mein Lied verspricht Glück in warmem Sonnenglaste.
Litli--litli--lu! Kannst mich hören du, Deinen Liebsten hinterm Hügel? Menschenwort verhallt,-- Dunkel wird's im Wald; Doch vielleicht gibst du mir Flügel.
Bussi--bissi--buß! Klang im Lied ein Kuß? Nein, davon ist nicht die Rede. Wie, du hast's gehört? Bist du so betört, Dann geraten wir in Fehde.
Gute, gute Nacht! Träumen werd' ich sacht Von zwei milder Augen Strahlen, Von den Worten traut, Die sich ohne Laut Töricht aus der Seele stahlen.
Kind, nun schließ ich ab; War es dir zu knapp? Kehrt mein Lied im Echo wieder Lockend zu mir her? Wolltest du noch mehr?-- Laue Nacht sinkt still hernieder.
Zwölftes Kapitel
Ein paar Jahre sind seit dem letzten Auftritt dahingegangen.
Es ist spät im Herbste; der Schulmeister ist nach Nordistuen hinaufgewandert, macht die Haustür auf, findet keinen, macht die nächste Tür auf, findet wieder keinen und geht so immer weiter bis in die hinterste Kammer des langen Gebäudes. Da sitzt Ole Nordistuen ganz allein vorm Bett und schaut auf seine Hände.
Der Schulmeister begrüßt ihn, zieht sich einen Holzstuhl heran und setzt sich Ole gegenüber. "Du hast nach mir geschickt", sagt er. "Das habe ich."
Der Schulmeister nimmt sich einen neuen Priem, sieht sich in der Kammer um, holt sich ein Buch, das auf der Bank liegt, und blättert darin. "Was wolltest Du denn von mir?"--"Das überlege ich mir gerade."
Der Schulmeister läßt sich Zeit, holt seine Brille heraus, um den Titel des Buches zu lesen, wischt sie ab und setzt sie auf. "Du wirst alt, Ole."--"Ja, darüber wollte ich ja gerade mit Dir reden. Es geht rückwärts mit mir; bald liege ich flach."--"Dann sorge dafür, daß Du gut liegst, Ole."--Er macht das Buch zu und sieht aus dem Fenster.
"Das ist ein gutes Buch, was Du da in der Hand hast."--"Es ist nicht schlecht; bist Du oft über den Einband hinausgekommen?"--"Jetzt in der letzten Zeit, ja--".
Der Schulmeister legt das Buch fort und steckt die Brille wieder ein. "Dir geht es wohl nicht nach Wunsch, Ole?"--"So lang ich denken kann, nicht."--"Ja, so ist's mir auch gegangen. Ich lebte mit einem guten Freund in Unfrieden und dachte, er müsse zu mir kommen, und solange war ich unglücklich. Schließlich kam ich auf den Einfall, zu ihm zu gehen, und seit der Zeit war alles gut."--Ole sieht auf und schweigt.
Der Schulmeister: "Wie findest Du denn, daß es mit Deinem Hof geht, Ole?"--"Rückwärts wie mit mir selbst."--"Wer soll ihn haben, wenn Du nicht mehr bist?"--"Das weiß ich ja eben nicht; das quält mich ja gerade!"
"Bei Deinen Nachbarn steht es jetzt sehr gut, Ole."--"Ja, die haben ja auch den Agronomen als Hilfe."
Der Schulmeister, der sich gleichgültig nach dem Fenster umwendet: "Du müßtest auch Hilfe haben, Ole. Sehen kannst Du nicht mehr ordentlich, und von der neuen Landwirtschaft verstehst Du nicht viel."