Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 30
Dank für Deinen Brief; den hast Du in einer guten Stunde geschrieben. Jetzt will ich Dir auch sagen, Margit, daß ich Dich so lieb habe, daß ich es beinahe hier nicht mehr aushalten kann, und wenn Du mich ebenso lieb hast, dann sollen Jons Spottlieder und alle bösen Worte bloß Blätter sein, wie sie an jedem Baum hängen. Seit ich Deinen Brief bekommen habe, bin ich ein neuer Mensch, denn es ist doppelte Kraft in mich gekommen, und ich fürchte mich vor nichts in der Welt. Als ich den vorigen Brief abgeschickt hatte, tat es mir so leid, daß ich fast krank davon geworden bin. Und nun sollst Du hören, was das für eine Folge hatte. Der Direktor nahm mich beiseite und fragte mich, was mir fehle; er glaubte, ich arbeitete zu viel. Da sagte er mir, wenn mein Jahr hier zu Ende sei, sollte ich noch eins hier bleiben und ganz umsonst; ich solle ihm hier und da an die Hand gehen, er aber wollte mich noch in vielem unterrichten. Da dachte ich, Arbeit sei das einzige, das mich aufrecht halten könne, und ich bedankte mich vielmals; und ich bereue es auch nicht, wenn ich jetzt auch Sehnsucht nach Dir habe; denn je länger ich hier bin, desto mehr Recht habe ich später, um Dich zu werben. Wie froh bin ich jetzt! Ich arbeite für drei, und ich will nie in irgend etwas zurückstehen. Ich will Dir aber ein Buch schicken, das ich jetzt lese, denn da steht viel von Liebe drin. Ich lese immer abends darin, wenn die andern schlafen, und dann lese ich auch Deinen Brief immer wieder durch. Hast Du Dir vorgestellt, wenn wir uns wiedersehen? Das male ich mir so oft aus, und das mußt Du auch versuchen und sollst sehen, wie schön es ist. Ich freue mich, daß ich soviel geschrieben und gearbeitet habe, trotzdem es oft schwer war; aber jetzt kann ich Dir alles sagen, was ich mag, und lache dabei in meinem Sinn.
Ich will Dir viele Bücher zu lesen geben, damit Du sehen sollst, wieviel Widerwärtigkeiten alle gehabt haben, die sich innig lieb hatten, und daß sie lieber aus Kummer gestorben sind, als daß sie voneinander gelassen haben. Und so wollen wir es auch halten, und zwar freudigen Herzens. Wohl dauert es fast zwei Jahre, bis wir uns sehen, und noch länger, bis wir uns kriegen; aber mit jedem Tag, der vergeht, ist es doch ein Tag weniger; daran wollen wir bei unserer Arbeit denken.
Nächstes Mal muß ich Dir über vieles schreiben, heut abend aber habe ich kein Papier mehr, und die andern schlafen alle. Darum will ich auch zu Bett gehen und an Dich denken, bis ich einschlafe.
Dein Freund Öyvind Pladsen.
Neuntes Kapitel
Eines Sonntags im Hochsommer ruderte Tore Pladsen über den Fjord, um seinen Sohn zu holen, der am Nachmittage von der Ackerbauschule heimkommen sollte, denn jetzt war er fertig. Die Mutter hatte ein paar Tage lang eine Scheuerfrau gehabt, alles war geputzt und gesäubert, die Kammer war nach langer Zeit wieder in Stand gesetzt, es war ein Ofen hineingestellt; da sollte Öyvind wohnen. Heute brachte die Mutter frisches Grün hinein, holte reines Leinzeug heraus, machte das Bett zurecht und schaute zwischendurch immer einmal aus, ob noch kein Boot dahergerudert komme. Unten in der Stube war der Tisch gedeckt, aber immer fehlte noch etwas, oder die Fliegen waren wegzujagen, und oben in der Kammer lag noch Staub, und immer wieder Staub. Noch war kein Boot zu sehen. Sie lehnte sich aufs Fensterbrett und sah hinaus; da hörte sie dicht neben sich Schritte vom Wege her und wandte den Kopf; es war der Schulmeister, der langsam, auf einen Stock gestützt, herunterkam, denn mit seiner Hüfte ging es schlecht. Die klugen Augen blickten ruhig umher; er blieb stehen und ruhte sich aus und nickte ihr zu: "Na, noch nicht da?"--"Nein, sie müssen aber jeden Augenblick kommen."--"Schönes Wetter zum Heuen heut!"--"Aber zu heiß für alte Leute zum Gehen."--Der Schulmeister sah sie schmunzelnd an. "Sind junge Leute heut schon hier gewesen?"--"Freilich, sind aber wieder fortgegangen."--"Ja, gewiß, ja; die treffen sich wohl heut abend irgendwo."--"Kann schon sein, ja; Tore sagt, sie sollen sich nicht bei ihm im Hause treffen, bis die Alten ihre Zustimmung gegeben haben."--"Sehr richtig, sehr richtig."--Nach einer Weile rief die Mutter: "Jetzt glaub' ich beinahe, sie kommen." Der Schulmeister spähte lange in die Ferne. "Ja, das sind sie"; sie trat vom Fenster zurück, und er ging ins Haus. Als er sich ein bißchen ausgeruht und erfrischt hatte, gingen sie langsam an die See hinunter, während das Boot in voller Fahrt heranschoß, denn Vater und Sohn ruderten beide. Die Ruderer hatten die Jacken ausgezogen, es sprühte weiß unter den Rudern, und bald war das Boot dicht bei ihnen, Öyvind wandte den Kopf und blickte hinauf; er gewahrte die beiden an der Landungsstelle, zog die Ruder ein und rief: "Guten Tag, Mutter,--guten Tag, Schulmeister!"--"Hat der 'ne Mannsstimme bekommen!" sagte die Mutter mit strahlendem Gesicht. "So was, so was! er ist noch gerade so hellblond", fügte sie hinzu. Der Schulmeister holte das Boot heran, der Vater zog die Ruder ein, Öyvind sprang an ihm vorbei an Land, gab erst der Mutter die Hand und dann dem Schulmeister, lachte und lachte und fing, ganz gegen Bauernart, gleich in einem reißenden Strom an zu erzählen vom Examen, von der Reise, von dem Empfehlungsschreiben des Direktors und günstigen Anerbietungen. Er fragte nach der Ernte und nach allen Bekannten, außer nach einer; der Vater wollte das Gepäck aus dem Boot tragen, aber weil er auch etwas hören wollte, dachte er, das habe ja auch noch Zeit, und ging mit. Und so zogen sie ihres Wegs; Öyvind lachte und erzählte, und seine Mutter lachte auch, denn sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Der Schulmeister schlenderte langsam daneben und sah ihn verständnisvoll an; der Vater ging bescheiden in etwas größerer Entfernung. Und so kamen sie heim. Er freute sich über alles, was er sah; zuerst darüber, daß das Haus frisch gestrichen, und daß die Mühle ausgebaut war, dann darüber, daß die Butzenscheiben in Stube und Kammer herausgenommen waren, weißes Glas an Stelle des grünen eingesetzt und der Fensterrahmen vergrößert war. Als er hineintrat, kam ihm alles so merkwürdig klein vor, wie er sich es gar nicht vorgestellt hatte, aber so lustig. Die Uhr gackerte wie eine fette Henne, die geschnitzten Stühle sahen aus, als wollten sie jeden Augenblick zu reden anfangen; jede Tasse auf dem gedeckten Tisch kannte er; der weißgetünchte Herd lächelte ihm ein Willkommen zu; grünes Laub hing duftend an den Wänden, Wacholderbüschel waren auf den Fußboden gestreut und verkündeten den Festtag. Sie setzten sich zum Essen, aber es wurde nicht viel daraus, denn er schwatzte unaufhörlich. Sie betrachteten ihn sich jetzt mit mehr Muße, sahen die Veränderungen und die Ähnlichkeiten, sie achteten auf alles, was neu an ihm war, bis hin zu dem blauen Tuchanzug, den er trug. Einmal, als er gerade eine lange Geschichte von einem seiner Kameraden erzählt hatte und endlich aufhörte, so daß eine kleine Pause entstand, sagte der Vater: "Ich verstehe beinahe kein Wort von dem, was Du sagst, Junge, Du sprichst so übermäßig schnell."--Alle lachten herzlich, und Öyvind nicht am wenigsten; er wußte recht gut, daß es sich so verhielt, aber es war ihm nicht möglich, langsamer zu sprechen. Alles Neue, was er während seiner langen Abwesenheit gesehen und gelernt hatte, hatte seine Phantasie und seinen Verstand gepackt und ihn aus der gewohnten Haltung aufgerüttelt, so daß die Kräfte, die lange geruht hatten, aufgescheucht wurden, und der Kopf in unablässiger Arbeit war. Weiter fiel ihnen auf, daß er sich angewöhnt hatte, ganz willkürlich zwei, drei Worte zu wiederholen vor lauter Geschäftigkeit, fast, als stolpere er über sich selbst. Manchmal klang's geradezu komisch, aber dann lachte er, und vergessen war es. Der Schulmeister und der Vater saßen da und lauerten, ob er wohl seine alte Umsicht verloren habe, aber es schien nicht so: er dachte an alles und er erinnerte auch daran, daß sie wohl das Boot ausladen müßten; er packte gleich seine Sachen aus und hängte sie hin, zeigte seine Bücher, seine Uhr und alles Neue, und alles sei gut imstande, sagte seine Mutter. Über sein kleines Gemach freute er sich unbändig; er wolle fürs erste zu Hause bleiben, sagte er, beim Heuen helfen und lernen. Wo er nachher hinwollte, wußte er noch nicht, aber das war ja auch noch gleich. Sein Denken hatte eine erfrischende Kraft und Raschheit bekommen, und seine Ausdrucksweise eine Lebendigkeit, die jedem wohltut, der Jahr für Jahr bestrebt ist, sich zurückzuhalten. Der Schulmeister fühlte sich um zehn Jahre verjüngt.
"So weit wären wir jetzt glücklich", sagte er strahlend, als er aufbrach.
Als die Mutter ihn wie gewöhnlich hinausbegleitet hatte, rief sie Öyvind in seine Kammer. "Es wartet jemand auf Dich um neun", flüsterte sie.--"Wo?"--"Auf dem Berge."
Öyvind sah nach der Uhr; es ging auf neun. Drinnen konnte er es nicht abwarten, sondern er ging hinaus, klomm den Berg empor, blieb oben stehen und hielt Umschau. Das Hausdach lag dicht unter ihm; die Büsche auf dem Dach waren groß geworden, all die jungen Bäume um ihn herum waren auch gewachsen, und er kannte jeden einzigen. Er sah den Weg hinunter, der am Berg entlang führte und an der andern Seite vom Walde begrenzt war. Der Weg lag grau und eintönig da, der Wald aber trug Laub mancherlei Art; die Bäume waren hoch und gerade gewachsen, in der kleinen Bucht lag ein Fahrzeug mit schlaffen Segeln; es war mit Brettern beladen und wartete auf Wind. Er sah aufs Wasser hinaus, auf dem er fortgezogen und jetzt wieder heimgekehrt war; es lag still und blank da, ein paar Seevögel schwebten drüber hin, lautlos, denn es war spät. Der Vater kam von der Mühle her, blieb vor der Haustür stehen und blickte gerade wie sein Sohn ins Land, dann ging er zum Strand hinunter, um das Boot für die Nacht zu bergen. Die Mutter kam aus der Seitentür heraus, sie war in der Küche gewesen, und sie sah zum Berge hinauf, als sie über den Hof ging, um den Hühnern Futter zu bringen; sie sah noch einmal hinauf und summte vor sich hin. Er setzte sich und wartete; das Gestrüpp um ihn war so dicht geworden, daß er nicht drüber wegsehen konnte, aber er lauschte auf das kleinste Geräusch. Erst waren es nur Vögel, die aufflatterten und ihn neckten, dann ein Eichkätzchen, das von Baum zu Baum sprang. Schließlich knackte es weiter hinten, und nach einem Weilchen knackte es wieder. Er stand auf, das Herz klopfte ihm, und das Blut schoß ihm ins Gesicht. Da raschelte es in den Büschen dicht neben ihm, aber es war nur ein großer zottiger Hund, der ihn anblickte, auf drei Beinen stehen blieb und sich nicht rührte. Das war der Hund vom Oberen Heidehof, und dicht hinter ihm knackte es wieder; der Hund drehte den Kopf und wedelte mit dem Schwanz; da kam Margit.
Ein Busch hakte sich in ihrem Kleide fest, sie drehte sich um und machte ihn los, und dann erst konnte er sie sehen. Ihr Kopf war unbedeckt und das Haar aufgesteckt, wie es die Mädchen an Werktagen tragen; sie hatte ein grobes kariertes Kleid an ohne Ärmel und um den Hals nur einen umgelegten Leinenkragen; sie hatte sich geradenwegs von der Feldarbeit fortgeschlichen und hatte sich nicht erst putzen können. Jetzt sah sie schräg in die Höhe und lächelte; die weißen Zähne und die halbgeschlossenen Augen blitzten. So stand sie ein Weilchen da und zupfte an ihrem Kleide, dann aber kam sie auf ihn zu und wurde röter bei jedem Schritt. Er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand in seine beiden. Sie sah zu Boden, und so standen sie einander gegenüber.
"Ich dank' Dir für all Deine Briefe", war das erste, was er sagte, und als sie da ein klein bißchen aufsah und lachte, merkte er, daß sie das lustigste Hexlein war, dem man je im Walde begegnen konnte; aber doch war er befangen, und sie war es nicht minder. "Wie groß Du geworden bist!" sagte sie und meinte eigentlich etwas ganz anderes. Sie wagte allmählich, ihn genauer anzusehen und lachte immer mehr, und er lachte auch, aber sie sagten kein Wort. Der Hund hatte sich an den Abhang gesetzt und schaute auf das Gehöft hinunter. Tore sah den Hundekopf vom Wasser aus und konnte sich absolut nicht denken, was das da oben auf dem Berge wohl sein könnte.
Die beiden aber hatten sich jetzt losgelassen und fingen bei kleinem zu erzählen an. Und als er erst angefangen hatte, kam er bald so ins Fahrwasser, daß sie über ihn lachen mußte. "Ja, siehst Du, das ist immer so, wenn ich mich so freue, so richtig freue, siehst Du; und als zwischen uns beiden alles gut wurde, da war's, als wenn ein Schloß in mir aufsprang, aufsprang, siehst Du." Sie lachte. Nach einer Weile sagte sie: "Die Briefe, die Du mir geschrieben hast, kann ich alle beinah auswendig."--"Ich Deine auch! Aber Du hast immer nur so kurz geschrieben."--"Weil Du immer so lange Briefe haben wolltest."--"Und wenn ich wollte, wir sollten mehr von dem einen schreiben, dann rücktest Du immer aus."--"Ich bin am hübschesten, wenn man bloß den Schwanz sieht", sagt die Waldhexe.--"Aber Du hast mir nie geschrieben, wie Du Jon Hatlen losgeworden bist."--"Ich hab' gelacht."--"Was?"--"Gelacht; weißt Du nicht, was lachen ist?"--"Doch, lachen kann ich."--"Mach' mal vor!"--"Na, so was! Ich muß doch erst was zum Lachen haben."--"Das brauche ich nicht, wenn ich glücklich bin."--"Bist Du jetzt glücklich, Margit?"--"Lache ich denn etwa?"--"Ja, das tust Du!"--Er faßte ihre beiden Hände und schlug sie ineinander, klatsch, klatsch, und sah sie dabei an. Da fing der Hund zu knurren an, seine Borsten sträubten sich, und er bellte nach unten, lauter und lauter, zuletzt ganz wütend. Margit lief erschrocken weg, Öyvind aber trat vor und sah hinunter. Das Bellen galt seinem Vater; er stand unten dicht am Berge, die Hände in den Taschen und sah zu dem Hund hinauf. "Du bist auch da oben? Was hast Du denn da für einen verrückten Köter?"--"Das ist ein Hund vom Heidehof", antwortete Öyvind etwas verlegen. "Wie zum Teufel kommt der da hin?"--Die Mutter aber sah aus dem Küchenfenster, denn sie hatte den fürchterlichen Lärm gehört; sie ahnte den Zusammenhang, lachte und sagte: "Der Hund treibt sich immer hier herum; das ist weiter nichts Besonderes."--"Das ist aber ein ganz gefährlicher Hund."--"Er ist nicht so schlimm, wenn man ihn streichelt", sagte Öyvind und liebkoste den Hund; da wurde er still,--er knurrte nur noch. Der Vater kehrte arglos um, und die beiden waren vor Entdeckung sicher.
"Das ging noch gut ab", sagte Margit, als sie wieder zusammen waren.--"Es kommt noch schlimmer, meinst Du?"--"Ich weiß, daß uns jemand belauern wird."--"Dein Großvater?"--"Natürlich."--"Aber er soll uns nichts anhaben!"--"Nicht so viel."--"Versprichst Du mir das?"--"Ja, das verspreche ich, Öyvind."--"Wie hübsch Du bist, Margit!"--"Das sagte der Fuchs auch zum Raben und stahl ihm den Käse."--"Ich will eben den Käse auch gern haben."--"Du kriegst ihn aber nicht."--"Ich nehme ihn mir aber." Sie drehte den Kopf weg, und er bekam den Käse nicht. "Jetzt will ich Dir mal was sagen, Öyvind!" sie sah ihn von der Seite an. "Nun?"--"Wie häßlich Du geworden bist!"--"Du wirst mir den Käse trotzdem geben."--"Nein, das werde ich nicht", und sie wandte sich wieder ab.
"Ich muß jetzt gehen, Öyvind."--"Ich begleite Dich."--"Aber nur durch den Wald; nachher kann Großvater Dich sehen."--"Ja, nur durch den Wald. Aber warum läufst Du denn so?"--"Wir können hier doch nicht nebeneinander gehen."--"Aber dann ist es doch keine Begleitung!"--"So fang mich doch!"--Sie lief davon, er hinterher, bald blieb sie hängen, und er fing sie.--"Habe ich Dich jetzt für immer gefangen, Margit?" er hatte den Arm um sie gelegt.--"Ich glaube", sagte sie leise und lachte, aber dann errötete sie und wurde ernst. "Jetzt muß es aber gehen", dachte er, und er zog sie an sich und wollte sie küssen; doch sie steckte den Kopf unter seinen Arm, lachte und lief ihm davon. Zwischen den letzten Bäumen blieb sie aber stehen. "Wann treffen wir uns wieder?" fragte sie leise. "Morgen, morgen", rief er ebenso zurück. "Ja, morgen!"--"Leb' wohl!" sie lief weiter. "Margit!" sie stand still.--"Du, das war fein, daß wir uns zuerst oben auf dem Berge trafen."--"Ja, das war's!" und sie lief wieder weiter. Er sah ihr lange nach; der Hund lief ihr voran und bellte, sie hinterher und beschwichtigte ihn. Er kehrte um, nahm seine Mütze und warf sie in die Luft, fing sie und warf sie noch einmal in die Höhe. "Jetzt, glaube ich, wirklich, ich fange an, froh zu werden", sagte der Bursch und ging singend heimwärts.
Zehntes Kapitel
Eines Nachmittags gegen Ende des Sommers, als die Mutter mit einer Magd Heu zusammenrechte, und der Vater und Öyvind es einbrachten, kam ein barfüßiges, barhäuptiges Bürschchen den Hügel hinuntergesprungen, lief über die Wiese auf Öyvind zu und gab ihm einen Zettel. "Du kannst fein laufen", sagte Öyvind. "Ich krieg's auch bezahlt", antwortete der Junge. Auf die Frage, ob er Antwort haben wolle, sagte er nein und trat schleunigst den Rückzug über den Berg an, denn es komme einer hinter ihm her, sagte er. Öyvind machte mit vieler Mühe das Zettelchen auf; es war in einen Streifen zusammengefaltet, dann geknifft und dann zugesiegelt, und auf dem Zettel stand:
"Jetzt ist er im Anmarsch; aber es geht langsam. Lauf in den Wald und versteck' Dich!
Die Bewußte."
"Nein, das tu' ich nicht", dachte Öyvind und sah trotzig nach dem Hügel hinauf. Es dauerte auch nicht lange, da kam ein alter Mann dort oben zum Vorschein, verpustete sich, ging ein paar Schritte und verpustete sich wieder. Tore und seine Frau hielten mit der Arbeit inne und blickten hinauf. Tore lächelte, seine Frau aber wechselte die Farbe. "Kennst Du den?"--"Ja, den soll man wohl kennen."
Vater und Sohn fingen wieder an, ihr Heu einzutragen, und Öyvind wußte es so einzurichten, daß sie immer hintereinander hergingen. Der Alte oben auf dem Hügel kam langsam heran wie ein schwerer Wolkenschauer von Westen. Er war sehr groß und stark; weil er schlimme Füße hatte, mußte er mühsam Schritt für Schritt am Stock gehen. Er war jetzt schon so dicht dabei, daß sie ihn deutlich sehen konnten; er stand still, nahm die Mütze vom Kopf und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß ab. Sein Kopf war ganz kahl; er hatte ein rundes, runzliges Gesicht, kleine lebhafte, zwinkernde Augen, buschige Brauen und noch alle Zähne im Mund. Seine Stimme war scharf und kreischend, als gehe sie über Stock und Stein; doch ab und zu verweilte sie so recht behaglich auf dem r, schnarrte es ein paar Ellen lang und machte zugleich einen mächtigen Sprung. Er hatte in seiner Jugend für einen lustigen, etwas heißblütigen Menschen gegolten; auf seine alten Tage war er durch mancherlei Unannehmlichkeiten mißtrauisch und jähzornig geworden.
Tore und sein Sohn mußten noch verschiedene Male hin und her pendeln, bis Ole herangestelzt kam; sie wußten beide, daß er nichts Gutes im Schilde führte, aber um so drolliger war es, daß er nur so langsam herankam. Sie mußten beide ganz ernste Gesichter machen und ganz leise sprechen; doch auf die Dauer wirkte das komisch. Ein einziges zündendes Wort kann unter solchen Umständen zum Lachen reizen, zumal wenn mit dem Lachen eine Gefahr verbunden ist. Als er schließlich bloß noch ein paar Klafter weit fort war, die aber kein Ende nehmen wollten, sagte Öyvind trocken und leise: "Der Mann muß schwere Ladung haben", und mehr war nicht nötig. "Ich glaube, Du bist nicht recht klug", flüsterte der Vater, dem das Lachen nahe war.--"Hm, hm", räusperte sich Ole auf der Höhe. "Er bringt schon seine Kehle in Ordnung", flüsterte Tore. Öyvind kniete vor dem Heuhaufen hin, grub das Gesicht hinein und lachte; auch sein Vater bückte sich hinunter. "Komm in die Scheune", flüsterte er, lud sein Heu auf und trabte davon; Öyvind bog sich vor Lachen, nahm auch ein kleines Bündel, lief hinterher und warf sich auf die Tenne nieder. Der Vater war ein ernster Mann; aber brachte ihn einer zum Lachen, dann gluckste es erst ein bißchen in ihm, und dann kamen lange, abgebrochene Triller, bis sie sich zu einem einzigen langen Brüllton vereinigten, worauf dann Welle auf Welle mit immer längerem Schnaufen hervorbrach. Jetzt war er ins Fahrwasser gekommen; der Sohn lag auf dem Boden, der Vater stand dabei, und beide lachten, daß es schallte. Sie hatten immer mal zwischendurch solchen Lachtag; aber "diesmal kommt es sehr ungelegen", sagte der Vater. Schließlich wußten sie gar nicht, was werden sollte, denn der Alte mußte ja inzwischen da sein. "Ich gehe nicht 'raus," sagte der Vater, "ich habe nichts mit ihm zu schaffen."--"Ja, dann geh' ich auch nicht", sagte Öyvind.--"Hm--hm", hörten sie es draußen vor der Scheune. Der Vater drohte dem Burschen mit der Faust: "Du machst, daß Du 'rauskommst!"--"Ja, geh Du voran!"--"Willst Du gleich hingehen!"--"Ja, geh voran!" und sie klopften sich gegenseitig die Röcke ab und gingen mit ernsten Mienen hinaus. Als sie unten an die Scheunenbrücke kamen, sahen sie Ole an der Küchentür stehen, als besinne er sich; er hatte Mütze und Stock in einer Hand und trocknete sich mit dem Taschentuch den Schweiß von dem kahlen Schädel und zupfte auch die Borsten hinter den Ohren und im Nacken zurecht, daß sie wie Stacheln abstanden. Öyvind hielt sich dicht hinter dem Vater; dieser mußte also stehen bleiben, und um endlich ein Ende zu machen, sagte er mit sehr ernstem Gesicht: "Na, alte Leute noch auf den Beinen?" Ole drehte sich um, sah ihn scharf an und setzte die Mütze zurecht, bis er antwortete: "Ja, scheint so!"--"Du bist gewiß müde; willst Du nicht hereinkommen?"--"Ach, ich ruhe mich hier im Stehen aus; mein Geschäft dauert nicht lange."--Da klinkte jemand die Küchentür auf, zwischen der Frau in der Tür und Tore stand der alte Ole, den Mützenschirm tief über die Augen gezogen; denn seit er kein Haar mehr hatte, war ihm die Mütze zu groß geworden. Um sehen zu können, bog er den Kopf ganz hintenüber; den Stock hielt er in der rechten Hand, die linke stemmte er in die Seite, wenn er nicht damit gestikulierte; aber auch dann streckte er sie nur halb von sich und ließ sie in dieser Stellung, um gewissermaßen seiner Würde nichts zu vergeben. "Ist das Dein Sohn, der da hinter Dir steht?" fragte er mit rauher Stimme. "Ich denke."--"Öyvind heißt er, nicht?"--"Ja, er heißt Öyvind."--"Er ist auf einer Ackerbauschule da unten im Süden gewesen?"--"So was war's ja wohl."--"Na, das Mädel, meine Großtochter, die Margit, ja, die ist jetzt ganz verrückt geworden."--"Das wär' schlimm."--"Sie will nicht heiraten."--"Na nu?"--"Sie will keinen von den Bauernsöhnen, die sich um sie bemühen."--"Ach so!"--"Aber der da ist schuld dran."--"Soo?"--"Er hat ihr den Kopf verdreht; ja, der da, Dein Sohn Öyvind."--"Teufel auch!"--"Siehst Du, ich mag nicht, daß mir einer meine Pferde stiehlt, wenn ich sie in die Koppel bringe, und ich mag auch nicht, daß mir einer meine Töchter nimmt, wenn ich sie zum Tanz lasse, das mag ich ganz und gar nicht."--"Nein, das versteht sich!"--"Ich kann nicht hinterherlaufen; ich bin alt, ich kann nicht immerzu aufpassen."--"Nein, nein!"--"Siehst Du, bei mir muß alles seine Art haben; hier muß der Hauklotz stehen, und da die Axt liegen, und da das Messer, und da soll gekehrt werden, und da sollen sie das Holz hinwerfen, nicht vor die Tür, da in die Ecke, ja gerade dahin und nirgends anders. Ebenso: wenn ich zu ihr sage: nicht der, sondern jener,--dann soll es eben auch der sein--und nicht jener!"--"Ganz richtig."--"Aber so ist das nicht; drei Jahre lang hat sie nein gesagt, und seit drei Jahren können wir uns nicht mehr vertragen. Das ist schlimm; und wenn der da schuld dran ist, so kann ich ihm sagen, daß Du, sein Vater, es hörst: es nützt ihm alles nichts; es ist Schluß."--"Ja, ja." Ole sah Tore eine Weile an, dann sagte er: "Du bist ja so kurz angebunden."--"Länger ist die Wurst eben nicht!"