Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 29

Chapter 293,901 wordsPublic domain

Es war ein Herbsttag ohne Sonnenschein, wie wenn das Wetter umschlagen will. Gewölk zog sich zusammen und zerteilte sich wieder. Bisweilen lösten sich aus einer großen Ansammlung von Wolken wohl zwanzig kleinere und jagten mit dem Befehl zum Unwetter dahin; aber unten auf der Erde war es noch still; die Blätter hingen entseelt an den Bäumen und regten sich nicht; die Luft war etwas schwül; die Leute hatten Mäntel mit, aber sie brauchten sie gar nicht. Ungewöhnlich viel Menschen sammelten sich vor der freistehenden Kirche an; die Konfirmationskinder aber gingen gleich in die Kirche hinein, weil sie aufgestellt werden sollten, bis der Gottesdienst begann. Da kam der Schulmeister an im blauen Anzug, mit Frack und Kniehosen, Stulpstiefeln und steifer Halsbinde, und seine Pfeife guckte hinten aus der Rocktasche; er nickte und lachte, schlug diesem auf die Schulter und ermahnte jenen, recht laut und deutlich zu antworten, und kam mittlerweile bis an die Armenbüchse, wo Öyvind mit seinem Freunde Hans stand, dem er über die Reise Auskunft gab. "Guten Morgen, Öyvind, ist das ein schöner Tag!"--er faßte ihn am Rockkragen, als wolle er mit ihm reden,--"hör' mal, ich glaub' das beste von Dir. Eben habe ich mit dem Herrn Pfarrer gesprochen; Du darfst Deinen Platz behalten; stell Dich obenan und antworte recht deutlich!"

Öyvind sah ihn maßlos erstaunt an, der Schulmeister nickte ihm zu, der Junge tat ein paar Schritte, stand still, ging wieder ein paar Schritte, stand wieder still; ja, das hängt sicher so zusammen, daß er bei dem Herrn Pfarrer ein gutes Wort für mich eingelegt hat, und schnell ging er an seinen Platz. "Du bist also doch Nummer Eins", flüsterte ihm einer zu. "Ja", sagte Öyvind leise, aber er wußte noch immer nicht recht, ob er es glauben durfte.

Die Aufstellung war fertig, der Pfarrer kam, die Glocken fingen zu läuten an, und die Menschen strömten in die Kirche. Da sah Öyvind Margit vom Heidehof dicht vor sich stehen, sie sah ihn auch an, aber beide waren so gebannt von der Heiligkeit der Stätte, daß sie sich nicht zu grüßen wagten. Er sah nur, daß sie wunderschön war und mit bloßem Haar ging, mehr sah er nicht. Öyvind, der länger als ein halbes Jahr so große Pläne darauf gebaut hatte, ihr gleichberechtigt gegenüberzustehen, Öyvind vergaß, als es wirklich so weit gediehen war, seinen Platz und sie, und daß er je an so etwas gedacht hatte.

Als alles zu Ende war, kamen die Verwandten und Bekannten um ihre Glückwünsche anzubringen, dann kamen auch seine Kameraden und wollten ihm Adieu sagen, denn sie hatten gehört, daß er am andern Tage reisen würde; es kamen auch viele von den Kleineren, mit denen er Schlitten gefahren war, und denen er so oft in der Schule geholfen hatte, und da ging der Abschied nicht ohne Tränen ab. Zuletzt kam der Schulmeister, drückte ihm und den Eltern stumm die Hand und bedeutete ihnen, sie wollten gehen; er wollte sie begleiten. Die Vier waren wieder beisammen, und dies sollte nun der letzte Nachmittag sein. Unterwegs trafen sie noch viele, die ihm Adieu sagten und ihm Glück wünschten, sonst aber sprachen sie nicht zusammen, bis sie daheim in der Stube saßen.

Der Schulmeister versuchte sie bei gutem Mut zu erhalten; denn jetzt, da es soweit war, bangten alle drei vor der zweijährigen Trennung, weil sie bis jetzt keinen Tag fern voneinander gewesen waren; aber keiner wollte es wahrhaben. Je weiter der Tag vorrückte, desto gedrückter wurde Öyvind; er mußte ins Freie gehen, um sich ein bißchen zu beruhigen.

Es war schon halbdunkel, und in der Luft brauste es seltsam; er blieb auf den Steinfliesen stehen und blickte empor. Da hörte er vom Bergrande her seinen Namen rufen, ganz leise; es war keine Täuschung, denn es wurde zweimal gerufen. Er sah hinauf und gewahrte, daß eine weibliche Gestalt zwischen den Bäumen kauerte und herabschaute. "Wer ist da oben?" fragte er.--"Ich habe gehört, Du willst fort," sagte sie leise, "da mußte ich doch zu Dir kommen und Dir Adieu sagen, wenn Du nicht zu mir kommst."--"Margit, liebe Margit, bist Du es wirklich? Wart', ich komme gleich hinauf."--"Nicht doch. Ich habe schon so lange gewartet, und da müßte ich ja noch länger warten; keiner weiß, wo ich bin, und ich muß schnell wieder nach Hause."--"Es ist nett von Dir, daß Du gekommen bist", sagte er.--"Ich konnte es nicht ertragen, daß Du so abreistest, Öyvind, wo wir uns von klein auf gekannt haben."--"Das stimmt."--"Und jetzt haben wir ein halbes Jahr lang kein Wort miteinander gewechselt."--"Nein, das stimmt."--"Wir sind das letzte Mal so komisch auseinandergekommen."--"Ja;--aber ich glaube, ich komme doch lieber hinauf zu Dir."--"Ach nein, bitte nicht! Aber sag' mal: Du bist mir doch nicht böse?"--"Liebe Margit, wie kannst Du so was denken?"--"Na, dann Adieu, Öyvind, und Dank für alles Schöne, was wir zusammen erlebt haben!"--"Nein, Margit!"--"Ja, jetzt muß ich fort; sie werden mich wohl schon vermissen."--"Margit, Margit!"--"Nein, ich kann nicht länger fortbleiben, Öyvind. Lebwohl!"--"Lebwohl!"

Nachher ging er wie im Traum umher und antwortete wie geistig abwesend, wenn er gefragt wurde; sie erklärten sich das mit der Abreise, und diese nahm auch sein ganzes Interesse in Anspruch in dem Augenblick, als sich der Schulmeister abends von ihm verabschiedete und ihm etwas in die Hand drückte, was sich nachher als ein Fünftalerschein herausstellte. Aber später, als er im Bett lag, dachte er nicht an die Abreise, sondern an die Worte, die an der Bergwand getauscht waren. Als Kind hatte sie nicht zur Bergwand hingedurft, weil der Großvater Angst hatte, Margit könne hinunterfallen. Wer weiß, ob sie nicht doch noch mal herunterkäme.

Achtes Kapitel

Liebe Eltern!

Jetzt haben wir viel mehr zu arbeiten bekommen, aber jetzt habe ich die andern auch schon mehr eingeholt, so daß es mir nicht mehr so schwer wird. Und jetzt werde ich sehr viel in Vaters Wirtschaft verändern, wenn ich wieder nach Hause komme; denn da ist manches verkehrt angefangen, und es ist merkwürdig genug, daß es überhaupt bis jetzt gegangen ist. Aber ich will schon Zug hineinbringen, denn ich habe jetzt viel gelernt. Ich möchte wohl irgendwohin, wo ich alles verwerten kann, was ich jetzt weiß; deshalb muß ich mir eine große Stellung suchen, wenn ich fertig bin. Hier sagen alle, Jon Hatlen ist gar nicht so tüchtig, wie man bei uns zu Haus denkt; aber er hat ja einen eigenen Hof, so daß es keinen außer ihn selbst was angeht. Viele, die von hier abgehen, bekommen sehr hohen Lohn; aber sie werden so gut bezahlt, weil wir die beste Ackerbauschule im ganzen Lande sind. Manche sagen, im Nachbaramt ist noch eine bessere, aber das ist wohl nicht wahr. Hier hört man immerzu zwei Worte: das eine heißt Theorie und das andere Praxis, und es ist gut, wenn man alle beide hat, und das eine ist ohne das andere nichts wert, aber das zweite ist doch das beste. Und das erste Wort bedeutet, daß man von einer Arbeit die Ursache und den Grund kennt, aber das andere Wort bedeutet, daß man die Arbeit auch ausführen kann, wie zum Beispiel jetzt mit dem Sumpf. Denn es gibt viele, die wissen, was man mit einem Sumpf macht, aber verkehrt machen sie es doch, denn sie können es nicht. Aber viele könnten es und sie wissen es nicht, und dann wird's auch verkehrt, denn es gibt viele Arten Sümpfe. Doch hier auf der Ackerbauschule lernen wir beides. Der Direktor ist so tüchtig, daß sich keiner mit ihm messen kann. Auf der letzten landwirtschaftlichen Landesversammlung hatte er zwei Fragen zu behandeln, und die Direktoren von den andern Ackerbauschulen jeder bloß eine, und es wurde immer das beschlossen, was er beantragte, wenn die andern es sich erst überlegt hatten. Auf der Versammlung vorher aber, wo er nicht war, da haben die andern bloß gequatscht. Den Leutnant, der uns im Feldmessen unterrichtet, hat der Direktor auch bloß wegen seiner eigenen Tüchtigkeit bekommen, denn die andern Schulen haben keinen Leutnant. Unserer aber ist sehr tüchtig und soll auf der Offiziersschule der allerbeste gewesen sein.

Der Herr Lehrer fragt, ob ich auch in die Kirche gehe. Natürlich gehe ich in die Kirche, denn jetzt hat der Pfarrer hier einen Hilfsprediger erhalten, und der predigt, daß den Leuten in der Kirche angst und bange wird, und es ist eine Freude, ihn zu hören. Er ist von der neuen Religion, die sie in Kristiania haben, und die Leute behaupten, er sei zu streng, aber das ist ihnen ganz gesund.

Augenblicklich lernen wir viel Geschichte, die wir vorher noch nicht gehabt haben, und es ist seltsam, was alles in der Welt geschehen ist und besonders bei uns. Denn wir haben immer und immer gesiegt, außer wenn wir geschlagen wurden, aber dann sind wir immer viel, viel kleiner gewesen. Jetzt sind wir frei, so frei wie kein andres Volk außer Amerika, aber da sind sie nicht glücklich. Und unsere Freiheit sollen wir über alles lieben.

Jetzt will ich für diesmal schließen, denn ich habe sehr viel geschrieben. Der Herr Lehrer liest Euch wohl den Brief vor, und wenn er für Euch antwortet, soll er mir auch von allerlei Leuten was Neues erzählen; denn das tut er nie. Nun seid vielmals gegrüßt von Eurem dankbaren Sohn

Ö. Thoresen.

Liebe Eltern!

Jetzt muß ich Euch mitteilen, daß hier Examen gewesen ist, und ich habe mit vorzüglich in vielen Fächern bestanden, mit sehr gut im Schreiben und Feldmessen, und mit ziemlich gut im norwegischen Aufsatz. Das kommt daher, sagt der Direktor, daß ich nicht genug gelesen habe, und er hat mir ein paar Bücher von Ole Vig geschenkt, die ganz wundervoll sind, denn ich verstehe alles. Der Direktor ist sehr gut zu mir; er erzählt uns so vieles. Alles hierzulande ist so klein im Vergleich zum Ausland; wir können fast gar nichts und müssen alles von Schottland und der Schweiz lernen; und von den Holländern lernen wir den Gartenbau. Viele gehen in diese Länder, und auch in Schweden ist man viel tüchtiger als bei uns, und da ist der Direktor selbst auch gewesen. Jetzt bin ich schon bald ein Jahr hier, und ich dachte, ich hätte schon viel gelernt, aber als ich hörte, was die Schüler können, die die Abschlußprüfung bestanden haben, und dann denke, daß die auch noch rein gar nichts können, wenn sie sich mit den Ausländern messen, dann werde ich ganz traurig. Und dann ist der Boden hier in Norwegen so schlecht gegen den im Auslande; es lohnt sich gar nicht, etwas damit anzufangen. Außerdem mag unser Volk sich auch nichts zeigen lassen. Wenn das Volk aber auch wollte, und wenn der Boden auch besser wäre, so hätten sie ja doch kein Geld, um ihn richtig zu bebauen. Es ist merkwürdig, daß alles noch so gegangen ist, wie es ging.

Jetzt bin ich in der obersten Klasse, und da bleibe ich ein Jahr, bis ich fertig bin; aber die meisten von meinen Kameraden sind fort, und ich habe Heimweh. Mir ist zu Mut, als wenn ich ganz allein in der Welt stände, wenn es auch durchaus nicht wahr ist; aber es ist so merkwürdig, wenn man lange fortgewesen ist. Ich dachte früher, ich würde hier sehr tüchtig werden, aber damit sieht es schlecht aus.

Was soll ich wohl anfangen, wenn ich hier fortkomme? Zuerst will ich natürlich nach Hause, und später muß ich mir dann wohl eine Stelle suchen, aber zu weit weg darf's nicht sein.

Lebt nun wohl, liebe Eltern! Grüßt alle, die nach mir fragen, und sagt ihnen, es ginge mir gut, aber ich hätte Heimweh.

Euer dankbarer Sohn Öyvind Thoresen Pladsen.

Lieber Herr Lehrer!

Hierdurch bitte ich Dich, den beigelegten Brief abzugeben und keinem Menschen davon zu sagen. Und wenn Du nicht willst, so verbrenne ihn bitte.

Öyvind Thoresen Pladsen.

An die ehrsame Jungfrau Margit, Nordistuen, Tochter des Knut auf dem Oberen Heidehof.

Du wirst Dich gewiß sehr wundern, einen Brief von mir zu bekommen. Das brauchst Du aber nicht, denn ich wollte nur fragen, wie es Dir geht. Darüber mußt Du mich möglichst bald und in jeder Hinsicht unterrichten. Von mir selbst kann ich melden, daß ich in einem Jahr hier fertig bin.

Ergeben Öyvind Pladsen.

An Herrn Öyvind Pladsen auf der Ackerbauschule.

Deinen Brief habe ich richtig vom Schulmeister bekommen, und ich will antworten, weil Du mich darum bittest. Aber ich habe Angst davor, weil Du so gelehrt bist, und ich habe einen Briefsteller, aber der will nicht passen. So muß ich's denn selbst versuchen, und Du mußt den guten Willen für die Tat nehmen, aber Du darfst ihn niemandem zeigen, denn dann bist Du nicht der, für den ich Dich halte. Du sollst ihn auch nicht aufheben, weil ihn dann doch leicht einer finden kann, sondern Du sollst ihn verbrennen, und das mußt Du mir versprechen. Ich wollte Dir über so vieles schreiben, aber ich wage das nicht so. Wir haben eine gute Ernte gehabt, die Kartoffeln stehen hoch im Preis, und hier auf den Heidehöfen sind reichlich gewachsen. Aber ein Bär hat im Sommer bös im Viehstand gehaust; bei Ole auf dem Niederhof hat er zwei Rinder zerrissen, und unserm Häusler hat er eins so zugerichtet, daß es geschlachtet werden mußte. Ich webe an einem sehr großen Tuch; es ist ähnlich wie das schottische Zeug, und das ist sehr schwierig. Und jetzt will ich Dir erzählen, daß ich noch immer zu Hause bin, und daß manchen Leuten das gar nicht recht ist. Jetzt weiß ich für diesmal nichts mehr zu schreiben, und deshalb leb' wohl.

Margit, Tochter des Knut.

Nachschrift.

Du mußt diesen Brief sofort verbrennen.

An den Ackerbauschüler Öyvind Thoresen Pladsen!

Ich habe Dir immer gesagt, Öyvind, wer mit Gott wandert, hat das beste Teil erwählt. Jetzt aber sollst Du meinen Rat hören, den nämlich: daß Du Dir Dein Leben nicht mit Sehnsucht und allerlei Ungemach ausfüllst, sondern auf Gott vertraust und Dein Herz sich nicht in Sehnsucht verzehren läßt; denn dann hast Du einen anderen Gott neben ihm. Ferner will ich Dir mitteilen, daß es Deinem Vater und Deiner Mutter gut geht; ich selbst habe Schmerzen in der Hüfte; da meldet sich der Krieg wieder und alles, was man dabei durchgemacht hat. Was die Jugend sät, wird das Alter ernten, am Geist wie am Körper, der mir brennt und schmerzt und mich zum Wehklagen bringen will. Aber klagen soll das Alter nicht, denn aus Wunden rinnt Weisheit, und die Schmerzen predigen Geduld, auf daß der Mensch stark werde zu seiner letzten Reise. Heute habe ich aus mancherlei Gründen zur Feder gegriffen, zuerst und zunächst um Margits willen, die ein gottesfürchtiges Mädchen geworden ist, aber leichtfüßig wie ein Renntier und voll mancherlei Pläne. Denn sie möchte sich wohl gern an eins halten, kann es aber ihrer Natur wegen nicht; doch ich habe oft erlebt, daß unser Herrgott mit so schwachen kleinen Herzen glimpflich und langmütig umgeht und sie nicht über Vermögen in Versuchung führt, auf daß sie nicht in Stücke brechen; denn die sind sehr zerbrechlich. Den Brief habe ich ihr richtig gegeben, und sie verbarg ihn vor allen, außer vor ihrem eigenen Herzen. Und wenn der liebe Gott dieser Sache gnädig ist, so habe ich nichts dagegen; denn Margit gefällt den jungen Burschen wohl, wie man deutlich sieht, und sie ist reich an irdischen Gütern, wie auch trotz aller Unbeständigkeit an himmlischen. Denn die Gottesfurcht in ihrem Herzen ist wie Wasser in einem seichten Teich; es ist da, wenn's regnet, aber es verschwindet, wenn die Sonne scheint. Jetzt wollen meine Augen nicht mehr, denn sie sehen zwar gut in die Ferne, aber in der Nähe schmerzen sie und tränen. Zum Schluß will ich Dir noch sagen, Öyvind: was Du auch erstrebst und was Du anfängst, Deinen Gott nimm mit; denn es steht geschrieben: Es ist besser eine Hand voll mit Ruhe, denn beide Fäuste voll mit Mühe und Jammer. (Pred. Sal. 4, 6.)

Dein alter Lehrer Baard Andersen Opdal.

An die ehrsame Jungfrau Margit, Tochter des Knut vom Heidehof.

Schönen Dank für Deinen Brief; ich habe ihn gelesen und verbrannt, wie Du gewollt hast. Du schreibst von vielem, aber gar nichts von dem, was ich gern wissen wollte. Eher darf ich auch von etwas Gewissem nicht schreiben, bis ich nicht weiß, wie es Dir in allen Stücken geht. In dem Brief vom Schulmeister steht nichts, worauf man bauen könnte, aber er lobt Dich, und doch sagt er, Du bist unbeständig. Das warst Du schon immer. Jetzt weiß ich nicht, was ich denken soll, und deshalb mußt Du mir schreiben; denn ich habe keine Ruhe, bis Du nicht geschrieben hast. In dieser Zeit denke ich immer dran, wie Du am letzten Abend auf den Berg kamst, und was Du da sagtest. Mehr will ich diesmal nicht schreiben, und deshalb leb' wohl.

Ergeben Öyvind Pladsen.

An Herrn Öyvind Thoresen Pladsen.

Der Schulmeister hat mir wieder einen Brief von Dir übergeben, und ich habe ihn jetzt gelesen. Aber ich verstehe ihn nicht recht, und das kommt wohl daher, daß ich nicht gelehrt genug bin. Du willst wissen, wie es mir in allen Stücken geht. Nun, ich bin gesund und munter, und mir fehlt nicht das geringste. Ich mag gern essen, besonders wenn es Milchreis gibt. Nachts schlafe ich, und zuweilen tags auch noch. Ich habe viel getanzt in diesem Winter, denn hier ist viel los gewesen, und es ging immer sehr lustig zu. Ich gehe in die Kirche, wenn nicht zuviel Schnee liegt; aber im Winter lag er sehr hoch. Jetzt weißt Du doch wohl alles, und wenn nicht, so bleibt nichts weiter übrig, als daß Du mir noch einmal schreibst.

Margit, Tochter des Knut.

An die ehrsame Jungfrau Margit, Tochter des Knut vom Heidehof.

Deinen Brief habe ich bekommen, aber mir scheint, Du willst mich nicht klüger werden lassen. Vielleicht ist das ja auch eine Antwort, ich weiß es nicht. Ich darf von dem, was ich schreiben möchte, kein Wort sagen, denn ich kenne Dich ja nicht. Aber vielleicht kennst Du mich auch nicht.

Du mußt nicht glauben, daß ich noch der weiche Käse bin, aus dem Du das Wasser herausdrücktest, als ich dasaß und Dich tanzen sah. Ich habe seit der Zeit auf manchem Brett zum Trocknen gelegen. Ich bin auch nicht mehr wie die langhaarigen Hunde, die gleich die Ohren hängen lassen und den Schwanz einziehen, wie ich es früher getan; jetzt lasse ich es an mich herankommen.

Dein Brief war sehr spaßig; aber er spaßte, wo er lieber nicht hätte spaßen sollen; denn Du verstandest mich recht gut, und da hättest Du wissen müssen, daß ich nicht zum Spaß fragte, sondern weil ich in der letzten Zeit nur an das gedacht habe, wonach ich fragte. Ich war in großer Not und wartete, und da bekam ich als Antwort bloß Albernheiten und Gelache.

Leb' wohl, Margit vom Heidehof, ich will nicht mehr, wie bei jenem Tanz, zuviel nach Dir schauen. Mögest Du gut essen und schön schlafen und Dein neues Tuch fertig weben, und schaufle vor allen Dingen den Schnee weg, der vor der Kirchtür liegt.

Ergeben Öyvind Thoresen Pladsen.

An den Ackerbauschüler Öyvind Thoresen, Ackerbauschule.

Trotz meines hohen Alters und meiner schwachen Augen und der Schmerzen in meiner rechten Hüfte muß ich doch dem Drängen der Jugend nachgeben; denn sie braucht uns Alten, wenn sie sich festgerannt hat. Sie bittet und jammert, bis sie wieder flott ist, aber dann rennt sie gleich wieder davon und hört nicht mehr auf uns.

Also die Margit; sie schmeichelt mit vielen süßen Worten, ich möge zur Gesellschaft mitschreiben, denn sie traut sich nicht allein zu schreiben. Ich habe Deinen Brief gelesen; sie dachte eben, sie habe Jon Hatlen oder sonst einen Waschlappen vor sich, aber nicht einen, den Schulmeister Baard erzogen hat; und nun drückt sie der Schuh. Aber Du bist zu streng gewesen; denn es gibt Mädchen, die scherzen, um nicht weinen zu müssen, und zwischen beidem ist kein Unterschied. Aber es gefällt mir, daß Du das Ernste ernst nimmst, denn sonst könntest Du über das, was Scherz ist, nicht lachen.

Daß Euer Sinnen aufeinander gerichtet ist, scheint mir jetzt aus vielem ersichtlich. An ihr habe ich oft gezweifelt, denn sie war wie eine Wetterfahne; aber jetzt weiß ich, daß sie Jon Hatlen doch abgewiesen hat, worüber ihr Großvater in hellen Zorn geraten ist. Sie war glücklich, als Dein Schreiben kam, und wenn sie scherzte, so tat sie es nicht aus böser Absicht, sondern aus lauter Freude. Sie hat viel erdulden müssen, und das hat sie getan, um auf den zu warten, nach dem ihr Sinn stand. Und jetzt willst Du nichts von ihr wissen und stößt sie zurück wie ein unartiges Kind.

Das mußte ich Dir sagen, und den Rat möchte ich Dir noch geben, daß Du Dich mit ihr wieder aussöhnst, denn Streit gibt es auch doch genug in der Welt. Ich bin wie jener Greis, der drei Geschlechter gesehen hat. Ich kenne die Torheiten und ihren Lauf.

Von Vater und Mutter soll ich Dich grüßen, sie warten sehnlichst auf Dich. Aber davon habe ich Dir nicht eher schreiben wollen, damit Du kein Herzweh bekämst. Deinen Vater kennst Du noch gar nicht; denn er ist wie ein Baum, der keinen Laut von sich gibt, bis er gefällt wird. Aber wenn Dir einmal etwas zustößt, dann wirst Du ihn kennen lernen, und Du wirst staunen wie einer, der einen Schatz findet. Er ist gedrückt und wortkarg in weltlichen Dingen gewesen, Deine Mutter aber hat sein Gemüt von der weltlichen Angst frei' gemacht, und jetzt klärt sich sein Lebenstag auf.

Nun werden meine Augen trüb, und die Hand will nicht mehr. Also befehle ich Dich dem, dessen Auge immerdar wacht und dessen Hände nimmer müde werden.

Baard Andersen Opdal.

An Öyvind Pladsen.

Du bist wohl böse auf mich, und das tut mir sehr weh. Denn so habe ich es nicht gemeint; ich meinte es gut. Ich weiß, daß ich oft nicht so gegen Dich gewesen bin, wie ich hätte sein sollen, und deshalb will ich jetzt an Dich schreiben, aber Du darfst es keinem Menschen zeigen. Einmal ist mir's ergangen, wie ich's wünschte, und da war ich nicht nett; aber jetzt will keiner mehr was von mir wissen, und mir geht es recht schlecht. Jon Hatlen hat ein Spottlied auf mich gemacht, und das singen alle Burschen, und ich kann mich auf keinem Tanz mehr blicken lassen. Die beiden Alten wissen davon, und ich bekomme böse Worte zu hören. Ich aber sitze allein und schreibe, und Du darfst es keinem zeigen.

Du hast viel gelernt und könntest mir einen Rat geben, aber Du bist so weit fort. Ich bin oft unten bei Deinen Eltern gewesen und habe mit Deiner Mutter geplaudert, und wir sind gute Freunde geworden; aber ich darf nichts sagen, denn Du hast so sonderbar geschrieben. Der Schulmeister macht sich jetzt über mich lustig, und er weiß nichts von dem Spottlied, denn kein einziger im ganzen Dorf wagt ihm so etwas vorzusingen. Jetzt bin ich allein und habe keinen, mit dem ich sprechen kann; ich denke daran, als wir noch Kinder waren, und Du so nett zu mir warst, und ich immer auf Deinem Schlitten sitzen durfte. Und da möchte ich wünschen, daß ich wieder ein Kind wäre.

Ich darf Dich nicht mehr bitten, mir zu antworten; ich darf es nicht. Aber wenn Du mir nur noch ein einziges Mal schreiben wolltest, so würde ich Dir das nie vergessen, Öyvind.

Margit, Tochter des Knut.

Lieber Öyvind, verbrenne diesen Brief; ich weiß gar nicht, ob ich ihn überhaupt abschicken darf.

Liebe Margit!