Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 28

Chapter 283,913 wordsPublic domain

Ein halbes Jahr später, im Herbst (die Konfirmation war bis dahin verschoben worden), saßen die Konfirmanden der Gemeinde bei dem Pfarrer in der Leutestube und sollten ihre Nummern bekommen; Öyvind Pladsen und Margit vom Heidehof waren auch dabei. Margit war gerade vom Herrn Pfarrer heruntergekommen, der ihr ein schönes Buch geschenkt und sie sehr gelobt hatte. Sie lachte und schwatzte mit ihren Freundinnen und spähte zu den Burschen hinüber. Margit war jetzt erwachsen, hatte ein gefälliges, sicheres Benehmen, und Burschen und Mädchen wußten, daß der stattlichste Junggesell im ganzen Gau, Jon Hatlen, um sie freie. Ja, die konnte sich freuen! Dicht an der Tür standen ein paar Knaben und Mädchen, die bei der Prüfung durchgefallen waren; sie weinten, während Margit und ihre Freundinnen lachten; bei ihnen stand auch ein kleiner Bursch, der hatte seines Vaters Stiefeln an und das Sonntagstaschentuch von seiner Mutter in der Hand. "O Gott, o Gott," schluchzte er, "ich darf ja nicht nach Hause kommen." Da ergriff alle, die noch nicht oben gewesen waren, die Macht des Zusammengehörigkeitsgefühls; eine allgemeine Stille entstand. Die Angst saß ihnen im Hals und in den Augen, sie konnten nicht ordentlich sehen und nicht schlucken, wozu sie fortwährend das Bedürfnis hatten. Einer saß da und überlegte sich, was er alles konnte, und obwohl er vor ein paar Stunden noch gedacht hatte, er wisse alles, wurde ihm nun ohne Zweifel klar, daß er gar nichts konnte, nicht einmal lesen. Ein anderer stellte sein Sündenregister zusammen von dem Tag, seit er denken konnte bis zu dem Augenblick, wo er hier saß, und er fand es gar nicht merkwürdig, wenn der liebe Gott ihn noch nicht haben wollte. Ein dritter saß und legte sich alle möglichen äußerlichen Zeichen zurecht; wenn die Uhr, die gleich schlagen mußte, erst anfing, wenn er bis zwanzig gezählt habe, dann würde er durchkommen. Wenn der, der draußen über die Diele ging, Lars, der Hofknecht sei, dann komme er durch; wenn der große Regentropfen, der sich an der Fensterscheibe hinunterarbeitete, bis zur Holzleiste gelange, dann würde er durchkommen. Die letzte und entscheidende Probe sollte sein, ob er den rechten Fuß um den linken schlagen könne, und das wollte ihm durchaus nicht gelingen. Ein Vierter war fest überzeugt: wenn er in der Biblischen Geschichte nach Joseph gefragt würde, im Katechismus nach der Heiligen Taufe, oder nach Saul oder nach der Haustafel, oder nach Jesus, oder nach den zehn Geboten, oder--er war noch mitten im Aufzählen, als er aufgerufen wurde. Ein Fünfter hatte eine seltsame Vorliebe für die Bergpredigt gefaßt; ihm hatte von der Bergpredigt geträumt, und er glaubte steif und fest, er würde nach der Bergpredigt gefragt werden, und er sagte fortwährend die Bergpredigt auf; er ging sogar vor die Haustür, um sie schnell noch einmal durchzulesen,--da wurde er hineingerufen und wurde in den großen und kleinen Propheten geprüft. Ein Sechster dachte, der Herr Pfarrer sei ein so seelensguter Mann und kenne seinen Vater so gut, und er dachte auch an den Schulmeister mit dem freundlichen Gesicht, und an Gott, der so gut war und schon so vielen geholfen hatte, Jacob und Joseph zum Beispiel, und dann fiel ihm ein, daß Mutter und Geschwister zu Haus saßen und für ihn beteten, und das würde wohl helfen. Der Siebente saß da und schloß mit allem ab, was er hier in dieser Welt hatte werden wollen. Zuerst hatte er geglaubt, er werde es bis zum König bringen, dann bis zum General oder zum Pfarrer; das war lange vorbei; aber noch als er hergekommen war, hatte er bei sich gedacht, er wollte zur See gehen und Kapitän werden oder auch Seeräuber und ungeheure Reichtümer erwerben; jetzt verzichtete er auf Reichtum, auf Seeraub, auf Kapitän, auf Steuermann,--er wollte sich mit dem Matrosen begnügen, und vielleicht wurde er dann gar Bootsmann, aber es war auch möglich, daß er überhaupt nicht zur See ging, sondern bei seinem Vater auf dem Hof blieb. Der Achte war seiner Sache etwas sicherer, wenn auch nicht ganz; auch der fleißigste war nicht ganz sicher. Er dachte an seinen Konfirmationsanzug, und wozu der wohl gebraucht würde, wenn er nicht durchkomme. Kam er aber durch, dann ginge er in die Stadt und trüge nur noch Tuchanzüge, und wenn er wiederkomme, dann würde er in der Weihnachtszeit tanzen, daß die Burschen sich ärgerten und die Mädels staunten. Der Neunte rechnete anders: er hatte für unsern Herrgott ein kleines Kontobuch angelegt; auf der einen Seite stand als Debet "Wenn er mich durchkommen läßt," und auf der andern als Kredit "so will ich auch nie wieder lügen, nie wieder petzen, jeden Sonntag in die Kirche gehen, die Mädchen in Ruh lassen und mir das Fluchen abgewöhnen." Der Zehnte aber dachte, wenn Ole Hansen voriges Jahr durchgekommen sei, so wäre es mehr als ungerecht, wenn er dies Jahr nicht durchkomme, denn er war in der Schule viel besser gewesen und war auch besserer Leute Kind. Neben ihm saß der Elfte, der sich mit den fürchterlichsten Racheplänen trug, falls er nicht durchkommen sollte: er wollte die Schule in Brand stecken oder ausreißen und wiederkommen zu furchtbarem Gericht über Pfarrer und Schulkommission; aber großmütig würde er schließlich Gnade für Recht ergehen lassen. Zunächst wollte er im benachbarten Kirchspiel zu dem Pfarrer in Dienst ziehen, und im nächsten Jahr da zu oberst stehen und Antworten geben, daß die ganze Kirche staunen sollte. Der Zwölfte aber saß ganz allein unter der Klingel, hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sah wehmütig über die andern hin. Keiner von denen da wußte, was für eine Last auf ihm lag, was für eine Verantwortung er hatte. Zu Hause war eine, die wußte es; das war seine Braut. Eine große, langbeinige Spinne kroch über den Fußboden und kam an seinen Fuß heran; sonst pflegte er das ekelhafte Gewürm tot zu treten, heute aber hob er sorglich den Fuß hoch, damit sie ungestört ihres Wegs gehen konnte. Er sprach so mild wie ein Kollektensammler; in seinen Augen stand der unerschütterliche Glaube, daß alle Menschen gut sind; seine Hand führte er mit einer demütigen Bewegung aus der Tasche zum Haar, um es glatter zu streichen. Wenn er bloß glimpflich durch dies gefährliche Nadelöhr hindurchkomme, dann wollte er schon wieder anders werden und Tabak kauen, und seine Verlobung öffentlich machen. Auf einem niederen Schemel aber saß mit eingezogenen Beinen unruhig der Dreizehnte. Seine kleinen blanken Augen wanderten dreimal in der Sekunde durch die ganze Stube, und unter dem dichten, struppigen Haar wälzten sich die Gedanken der andern Zwölf in bunter Unordnung, von den stolzesten Hoffnungen zum niederschmetterndsten Zweifel, von den demütigsten Vorsätzen zu den vernichtendsten Racheplänen gegen das ganze Dorf, und währenddessen hatte er von seinem rechten Daumen schon alles überflüssige Fleisch abgeknabbert, machte sich jetzt an die Nägel und spuckte sie in großen Stücken auf den Fußboden.

Öyvind saß am Fenster; er war schon oben gewesen und hatte alles gewußt, was er gefragt worden war; und doch hatte der Herr Pfarrer kein Wort gesagt, und der Schulmeister auch nicht; über ein halbes Jahr hatte er sich ausgemalt, was die beiden sagen würden, wenn sie merkten, wie er gearbeitet hatte, und er war jetzt sehr enttäuscht und gekränkt. Da saß Margit und hatte für viel weniger Mühe und weniger Wissen Lob und eine Belohnung bekommen; gerade, um vor ihr groß dazustehen, hatte er gearbeitet, und jetzt hatte sie lachend erreicht, was er unter so viel Entsagung sich hatte erarbeiten wollen. Ihr Lachen und Scherzen schnitt ihm in die Seele; die Freiheit, mit der sie sich gab, tat ihm weh. Er hatte seit jenem Abend peinlich vermieden, mit ihr zu sprechen; es müssen erst Jahre darüber hingehen, dachte er; aber ihr Anblick, wie sie so fröhlich und überlegen dasaß, drückte ihn zu Boden, und all seine stolzen Vorsätze hingen wie welkes Laub im Winde.

Er versuchte jedoch nach und nach dieser Niedergeschlagenheit Herr zu werden; es kam darauf an, ob er heute Nummer eins würde, und das wollte er abwarten. Der Schulmeister pflegte immer noch eine Weile beim Herrn Pfarrer zu bleiben, um die Rangordnung festzustellen, und dann herunterzukommen und den Kindern das Ergebnis mitzuteilen. Es war ja noch nicht die endgültige Entscheidung, aber doch der Beschluß, zu dem der Herr Pfarrer und er einstweilen gelangt waren. Die Unterhaltung in der Stube wurde lebhafter, je mehr geprüft und durchgekommen waren; jetzt aber sonderten sich die Ehrgeizigen von den Fröhlichen; diese gingen, sobald sie Gesellschaft fanden, fort, um den Eltern ihr Glück zu verkünden, oder sie warteten auf andere, die noch nicht fertig waren. Jene dagegen wurden immer stiller, und die Augen blickten gespannt nach der Tür.

Endlich war die Prüfung zu Ende, der letzte war heruntergekommen, und jetzt sprach der Schulmeister also mit dem Herrn Pfarrer, Öyvind sah Margit an; sie war so vergnügt, und doch blieb sie hier--ob in ihrem eigenen oder in anderer Interesse, wußte er nicht. Wie schön Margit geworden war! Blendend weiß die Haut, wie er es noch nie gesehen hatte; die Nase strebte ein bißchen nach oben, der Mund lächelte. Die Augen waren halbgeschlossen, wenn sie nicht gerade jemanden ansah; hob sie aber den Blick, so hatte er eine überraschende Macht,--und als wolle sie selbst betonen, daß sie sich gar nichts dabei denke, lächelte sie zugleich ein bißchen. Ihr Haar war eher dunkel als hell, aber es war kraus und lag in tiefen Scheiteln um das Gesicht, so daß es ihr, zusammen mit den halbgeschlossenen Augen, etwas Geheimnisvolles gab, das man nie enträtseln konnte. Man wußte nie ganz genau, wen sie eigentlich ansah, wenn sie allein oder im Kreise der andern saß, auch nicht, was sie eigentlich dachte, wenn sie sich irgendeinem zuwandte und mit ihm sprach, denn sie nahm gewissermaßen sofort alles wieder zurück, was sie gab. "Und hinter all dem steckt wohl eigentlich Jon Hatlen", dachte Öyvind,--trotzdem sah er fortwährend zu ihr hinüber. Da kam der Schulmeister. Alle stürmten von ihren Plätzen und umringten ihn. "Welche Nummer habe ich?"--"Und ich?"--"Und ich? Ich?"--"Schscht! Ihr Bande, keinen Spektakel!--Ruhig, Ihr sollt's erfahren, Kinder!" Er sah sich bedächtig um. "Du bist Nummer 2", sagte er zu einem Jungen mit blauen Augen, der ihn bittend ansah, und der Junge tanzte aus dem Kreise heraus. "Du bist Nummer 3",--er schlug einem rothaarigen flinken Knirps, der ihn am Rockschoß zupfte, auf die Finger. "Du bist Nummer 5, Du Nummer 8", und so weiter. Da fiel sein Blick auf Margit: "Du bist Nummer 1 von den Mädchen"; sie wurde glühend rot übers ganze Gesicht und versuchte zu lächeln. "Du Nummer 12, bist 'n Faulpelz gewesen und ein rechter Herumtreiber; Du Nummer 11, war nicht anders zu erwarten, mein Junge; Du Nummer 13, mußt tüchtig lesen und recht oft zum Überhören kommen, sonst geht's Dir schlecht!"--Öyvind konnte es nicht länger aushalten; Nummer 1 war freilich noch nicht genannt, aber er hatte die ganze Zeit über so gestanden, daß der Schulmeister ihn hatte sehen können. "Herr Lehrer!"--er hörte nicht. "Herr Lehrer!" Dreimal mußte er rufen, bis er hörte. Da endlich sah der Schulmeister ihn an; "Nummer 9 oder 10, ich weiß nicht genau", sagte er und wandte sich zu einem andern. "Wer ist denn Nummer 1?" fragte Hans, Öyvinds bester Freund. "Du nicht, Du Krauskopf!" sagte der Schulmeister und schlug ihm mit einer Papierrolle auf die Hand. "Wer denn?" fragten ein paar andere. "Ja, wer? wer ist das?"--"Das wird der erfahren, der die Nummer hat", antwortete der Schulmeister streng, weil er keine weiteren Fragen haben wollte.--"Geht jetzt hübsch nach Hause, Kinder, dankt dem lieben Gott und macht Euren Eltern Freude. Bedankt Euch auch bei Eurem alten Lehrer; Ihr wäret gewiß so dumm wie Bohnenstroh geblieben, wenn er nicht gewesen wäre."--Sie bedankten sich bei ihm und lachten und zogen jubelnd von dannen, denn in diesem Augenblick, wo es nach Haus zu den Eltern ging, waren alle vergnügt. Bloß einer konnte seine Bücher nicht gleich finden, und als er sie zusammengesucht hatte, da setzte er sich hin, als wolle er wieder von vorn zu lernen anfangen.

Der Schulmeister trat zu ihm hin: "Nun, Öyvind, willst Du nicht mit den andern gehen?"--Keine Antwort. "Weshalb schlägst Du Deine Bücher auf?"--"Ich will nachsehen, was ich heute falsch geantwortet habe."--"Du hast nicht die kleinste falsche Antwort gegeben."--Da blickte Öyvind auf, die Tränen stiegen ihm in die Augen, er sah ihn unverwandt an, eine Träne nach der andern rann hinunter, aber er sagte kein Wort. Der Schulmeister setzte sich ihm gegenüber. "Freust Du Dich denn nicht, daß Du durchgekommen bist?"--Es bebte um seinen Mund, aber er antwortete nicht. "Deine Eltern werden sich sehr freuen", sagte der Schulmeister und sah ihn an.--Öyvind kämpfte lange, um ein Wort herauszubringen, schließlich fragte er leise und abgebrochen: "Wohl deshalb..., weil ich ... ein Häuslerjunge bin ... bekomm' ich den neunten oder zehnten Platz?"--"Natürlich deshalb", antwortete der Schulmeister.--"Dann hat es ja gar keinen Zweck zu arbeiten", sagte er klanglos und brach über all seinen Träumen zusammen. Plötzlich richtete er den Kopf in die Höhe, hob die rechte Hand, schlug mit aller Macht auf den Tisch, warf sich über den Tisch und brach in heftiges Weinen aus.

Der Schulmeister ließ ihn liegen und weinen, so recht sich ausweinen. Es dauerte lange, aber der Schulmeister wartete, bis das Weinen kindlicher wurde. Da faßte er seinen Kopf mit beiden Händen, richtete ihn in die Höhe und sah in das verweinte Gesicht. "Glaubst Du, daß jetzt eben Gott bei Dir gewesen ist?" fragte er freundlich und hielt ihn fest, Öyvind schluchzte noch, aber leiser, und die Tränen flossen schon sachter, aber er konnte den Frager noch nicht ansehen und auch nicht antworten.--"Öyvind, dies ist Dein wohlverdienter Lohn gewesen. Du hast nicht gelernt aus Liebe zum Christentum und zu Deinen Eltern, Du hast aus Eitelkeit gelernt."--Es blieb still in der Stube, wenn der Schulmeister eine Pause machte; Öyvind fühlte seinen Blick auf sich ruhen, und unter diesem Blick taute in ihm etwas auf, und er wurde ganz demütig.--"Mit solchem Hochmut in Deinem Herzen konntest Du doch den Bund mit Deinem Gott nicht schließen, nicht wahr, Öyvind?"--"Nein", stammelte der, so gut er konnte.--"Und wenn Du dagestanden hättest mit der eitlen Freude, daß Du Nummer Eins bist, wäre das nicht eine Sünde gewesen?"--"Ja", flüsterte er, und seine Mundwinkel zitterten.--"Hast Du mich noch lieb, Öyvind?"--"Ja"; zum erstenmal blickte er auf.--"So will ich Dir sagen: ich war es, der den niedrigeren Platz Dir ausgewirkt hat, denn Du bist mir lieb, Öyvind."--Der andere sah ihn an, blinzelte ein paarmal mit den Augen, und die Tränen rannen wieder heftiger.--"Du bist mir deshalb doch nicht böse?"--"Nein"; er sah groß und klar zu ihm auf, wenn seine Stimme auch gequält klang.--"Mein liebes Kind! ich will um Dich sein, solang ich lebe."

Er wartete, bis Öyvind sich beruhigt hatte und seine Bücher zusammenpackte, dann sagte er, er wolle mit ihm nach Hause gehen. Sie gingen langsam ihres Weges. Anfangs war Öyvind noch sehr still und kämpfte mit sich, nach und nach aber überwand er sich. Er war fest davon überzeugt, so wie es gekommen war, war es das beste für ihn, und ehe er noch zu Hause war, hatte dieser Gedanke sich so in ihm befestigt, daß er seinem Gott dankte und das auch dem Schulmeister sagte. "Ja, jetzt können wir dann ja überlegen, wie wir etwas erreichen im Leben," sagte der Schulmeister, "und nicht blind drauflos rennen. Was meinst Du zum Seminar?"--"Ja, dahin möchte ich sehr gern."--"Du meinst auf die Ackerbauschule?"--"Ja."--"Das ist auch wohl das beste; da gibt es andre Aussichten als eine Schulmeisterstelle."--"Aber wie komme ich dahin? Ich habe große Lust, aber ich weiß mir keinen Rat."--"Sei nur fleißig und brav, dann wird schon Rat werden."

Öyvind war ganz überwältigt von Dankbarkeit. Vor seinen Augen leuchtete es, der Atem ging so leicht, und er fühlte das Feuer unendlicher Liebe in sich, wie es uns geschieht, wenn wir von andern unerwartet Güte erfahren. Es ist uns, als könnten wir immer fortan in frischer Bergluft wandern; wir fliegen mehr, als wir gehen.

Als sie nach Hause kamen, waren beide Eltern in der Stube und hatten dort in stiller Erwartung gesessen, wiewohl es Arbeitszeit und viel zu tun war. Der Schulmeister trat zuerst ein, Öyvind kam hinterher und beide lächelten. "Nun?" fragte der Vater und legte das Gesangbuch fort, in dem er gerade das "Gebet eines Konfirmanden" gelesen hatte. Die Mutter stand am Herd und wagte nichts zu sagen; sie lachte, aber die Hände zitterten ihr; sie erwartete augenscheinlich etwas Gutes, wollte sich aber nicht verraten. "Ich bin bloß hergekommen, um Euch die freudige Nachricht zu bringen, daß er alles gewußt hat, was er gefragt worden ist, und daß der Herr Pfarrer, als Öyvind fort war, gesagt hat, er habe nie einen besseren Konfirmanden gehabt."--"Ach, nein!" sagte die Mutter und war sehr gerührt.--"Das ist ja nett", sagte der Vater und räusperte sich unsicher.

Nach langem Schweigen fragte die Mutter leise: "Was für eine Nummer bekommt er?"--"9 oder 10", sagte der Schulmeister ruhig.--Die Mutter blickte den Vater an, der Vater erst sie, dann Öyvind; "mehr kann ein Häuslerjunge nicht erwarten", sagte er. Öyvind sah ihn auch an; es war, als steige ihm wieder etwas im Halse hoch, aber er zwang sich, an allerlei Liebes zu denken, immerfort, bis er's wieder herunter hatte.

"Jetzt muß ich wohl gehen", sagte der Schulmeister, nickte ihnen zu und wandte sich zur Tür. Die Eltern begleiteten ihn wie gewöhnlich hinaus; draußen nahm der Schulmeister einen Priem und sagte schmunzelnd: "Er wird natürlich der erste, aber es ist besser, er erfährt es erst, wenn der Tag da ist."--"Ja, ja", sagte der Vater und nickte. "Ja, ja", sagte die Mutter und nickte auch; dann griff sie nach der Hand des Schulmeisters; "schönen Dank auch für alles, was Du an ihm tust", sagte sie. "Ja, schönen Dank", sagte der Vater, und der Schulmeister ging; die beiden aber standen noch lange und sahen ihm nach.

Siebentes Kapitel

Der Schulmeister hatte das rechte getroffen, als er den Pfarrer gebeten hatte, erst zu prüfen, ob Öyvind es auch vertragen könne, der erste zu sein. In den drei Wochen, die noch bis zur Konfirmation hingingen, war er jeden Tag bei dem Knaben; eine junge, weiche Seele kann wohl einem Eindruck nachgeben, ein andres ist es, ob sie ihn auch treulich festhält. Manch dunkle Stunde kam über den Knaben, bis er lernte, sein Ziel auf bessere Dinge als auf Ehre und Trotz zu stecken. Mitten in der besten Arbeit verlor er plötzlich die Lust daran: Wozu? Was gewinne ich?--und dann nach einer Weile fiel ihm der Schulmeister ein, seine Worte und seine Güte; aber dies Mittel mußte er haben, wenn er wieder einmal von der rechten Auffassung seiner höheren Pflicht heruntergesunken war.

In den Tagen, da man in Pladsen zur Konfirmation rüstete, wurde auch seine Reise auf die Ackerbauschule vorbereitet; denn schon am Tage darauf sollte er sie antreten. Schneider und Schuster saßen in der Stube, die Mutter buk in der Küche, der Vater arbeitete an einer Truhe. Viel wurde davon gesprochen, was er sie in den zwei Jahren kosten würde, auch davon, daß er das erste Jahr Weihnachten nicht nach Hause kommen könne, vielleicht auch im nächsten nicht, und wie schwer es sein würde, sich so lange trennen zu müssen. Sie redeten auch davon, wie lieb er seine Eltern haben müßte, die für ihr Kind so große Opfer brächten. Öyvind saß da wie einer, der draußen sein Glück auf eigene Faust versucht hat, dabei kenterte und nun von freundlichen Menschen aufgenommen ist.

So ein Gefühl macht demütig und mit der Demut kommt auch noch manches andere. Als der große Tag anbrach, war Öyvind gut ausgerüstet und konnte der Zukunft mit zuversichtlicher Ergebenheit entgegensehen. So oft Margits Bild dazwischentreten wollte, drängte er es vorsichtig zurück, aber es tat ihm weh, das zu tun. Er suchte sich darin zu üben, aber in diesem Punkt wurde er nicht stärker, im Gegenteil, das Wehgefühl wuchs. Er war so verzagt am letzten Abend, daß er nach einer langen Selbstprüfung betete, Gott der Herr möge ihn in diesem einen Stück nicht auf die Probe stellen.

Gegen Abend kam der Schulmeister. Sie setzten sich in die Stube, nachdem sich alle gewaschen und zurecht gemacht hatten, wie immer, wenn man am Tage darauf zum Abendmahl oder zum Hochamt geht. Die Mutter war sehr bewegt und der Vater wortkarg; nach dem Feiertage morgen kam der Abschied, und keiner wußte, wann man wieder so beisammen sitzen würde. Der Schulmeister nahm die Gesangbücher, sie hielten eine Andacht und sangen, und dann sprach er ein kurzes Gebet, so wie es ihm aus dem Herzen kam.

Die vier Menschen saßen bis spät am Abend bei einander, und jeder hing seinen Gedanken nach. Dann trennten sie sich mit den besten Wünschen für den kommenden Tag, und für das, was er knüpfen sollte. Öyvind gestand sich ein, als er zu Bett ging, daß er nie so glücklich schlafen gegangen sei; er verband damit einen besonderen Sinn; er meinte: nie bin ich so ergeben in Gottes Willen und so freudig in Gott schlafen gegangen.--Margits Gesicht wollte vor ihm auftauchen, und im Halbschlaf noch übte er eine Art Selbstversuchung: nicht ganz glücklich, nicht ganz,--und er antwortete: doch ganz--; und noch einmal: nicht ganz,--doch, ganz;--nein, nicht ganz--.

Als er aufwachte, kam ihm die Bedeutung des Tages gleich zu Bewußtsein; er betete und fühlte sich so kräftig, wie man wohl des Morgens tut. Er hatte seit dem Sommer allein in einem Bodenkämmerchen geschlafen; jetzt stand er auf und zog behutsam die neuen, schönen Kleider an; solche hatte er bis jetzt noch nicht gehabt. Besonders die rundgeschnittene Tuchjacke mußte er immerzu befühlen, bis er sich an sie gewöhnte. Er holte einen kleinen Spiegel heraus, als er sich den Kragen umgebunden und auch den Tuchrock--zum viertenmal--angezogen hatte. Als ihm jetzt sein eigenes vergnügtes Gesicht mit dem merkwürdig hellen Haar aus dem Spiegel entgegenlachte, fiel ihm ein, auch das sei wieder Eitelkeit. Ja, aber gut angezogen und rein müssen die Leute doch aussehen, warf er ein, während er das Gesicht vom Spiegel fortwandte, als sei es Sünde, hineinzusehen.--Freilich, aber man darf nicht ganz so selbstzufrieden deswegen sein.--Nein, natürlich nicht, aber dem lieben Gott muß es doch auch gefallen, wenn man sich darüber freut, daß man hübsch aussieht.--Kann schon sein, aber ihm wäre es vielleicht doch lieber, Du freutest Dich darüber, ohne so großes Gewicht darauf zu legen.--Das ist wahr, aber das kommt auch bloß daher, daß alles so neu ist.--Ja, dann mußt Du es aber auch nach und nach ablegen.--Er ertappte sich dabei, daß er sich bald über diesen, bald über jenen Gegenstand in solchen Gesprächen der Selbstprüfung erging: es sollte keine Sünde auf diesen Tag fallen und ihn beflecken; aber er wußte auch, daß da noch vieles fehle.

Als er hinunterkam, waren die Eltern schon fertig angezogen und warteten mit dem Frühstück auf ihn. Er ging auf sie zu, gab ihnen die Hand und bedankte sich für die Kleider; "trag' sie in Gesundheit", wurde ihm erwidert. Sie setzten sich an den Tisch, beteten still und aßen. Die Mutter deckte den Tisch ab und brachte den Korb mit Eßwaren für den Kirchgang herein. Der Vater zog sich den Rock an, die Mutter steckte sich ihr Tuch fest, sie nahmen die Gesangbücher, riegelten das Haus zu und stiegen bergan. Als sie auf den oberen Weg kamen, trafen sie schon Kirchgänger, zu Fuß und zu Wagen, auch Konfirmanden, und ab und zu auch die weißhaarigen Großeltern, die dies eine Mal doch gern mitwollten.