Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 27

Chapter 273,641 wordsPublic domain

Öyvind sah sich den Mann an; er hatte einen feinen blauen Tuchanzug an, ein blaukariertes Hemd und ein seidenes Halstuch; dazu ein schmales Gesicht, blaue, energische Augen, und einen lachenden, trotzigen Mund. Es war ein hübscher Mensch. Öyvind sah ihn sich ganz genau an, und dann beschaute er sich selbst; er hatte ein Paar neue Hosen zu Weihnachten bekommen und hatte sich sehr darüber gefreut; jetzt sah er aber, daß sie bloß aus grauem Fries waren; die Jacke war aus demselben Stoff, aber sie war alt und schäbig, und die Weste, aus gewürfeltem, durchgewebtem Stoff, war auch alt und hatte zwei blanke Knöpfe und einen schwarzen. Er sah umher und fand, wenige nur seien so dürftig gekleidet wie er. Margit hatte ein schwarzes Kleid aus feinem Stoff an, im Brusttuch steckte eine Brosche und in der Hand hatte sie ein seidenes Taschentuch. Auf dem Kopf trug sie ein kleines schwarzseidenes Häubchen, das mit breitem gestreiftem Atlasband unterm Kinn zusammengebunden war. Sie hatte rote Backen und lachte; der Mann plauderte mit ihr und lachte auch. Wieder wurde aufgespielt, und der Tanz fing von neuem an. Ein Schulkamerad kam und setzte sich neben ihn. "Warum tanzst Du nicht, Öyvind?" fragte er freundlich.--"Ach nein," sagte Öyvind, "ich sehe nicht danach aus."--"Siehst nicht danach aus?" fragte der andere; aber ehe er weitersprechen konnte, sagte Öyvind: "Wer ist das mit dem blauen Tuchanzug, der mit Margit tanzt?"--"Das ist doch Jon Hatlen; er ist auf der Ackerbauschule gewesen und will jetzt den Hof übernehmen."--Im selben Augenblick setzten Margit und Jon sich hin. "Was ist das für ein Junge mit dem hellen Haar, der da neben dem Musikanten sitzt und mich fortwährend anglotzt?" fragte Jon. Da lachte Margit und sagte: "Das ist der Häuslerjunge von Pladsen."

Öyvind hatte freilich immer gewußt, daß er ein Häuslerjunge war, aber bis jetzt hatte er das nie weiter empfunden. Er kam sich mit einem Mal so klein vor, kleiner als alle andern; um sich einen Halt zu geben, versuchte er, an all das zu denken, was ihn bis zu dieser Stunde froh und stolz gemacht hatte--vom Schlittenfahren angefangen bis zu den einzelnen Äußerungen. Als er auch an Vater und Mutter dachte, die zu Haus saßen und sich vorstellten, wie gut er es jetzt haben mochte, konnte er die Tränen kaum zurückhalten. Um ihn lachten und scherzten die andern, die Fiedel schrillte ihm gerade in die Ohren, und einen Augenblick war's, als wolle etwas Finsteres in ihm aufsteigen, dann aber fiel ihm die Schule ein und die Kameraden und der Schulmeister, wie er ihn streichelte, und der Herr Pfarrer, der ihm bei der letzten Prüfung ein Buch geschenkt und gesagt hatte, er sei ein fleißiger Junge; sein Vater hatte dabei gesessen und es mitangehört und ihm zugenickt. "Sei brav, Öyvind", meinte er den Schulmeister sagen zu hören, indem er ihn auf den Schoß nahm wie damals, als er klein war. "Du lieber Gott, das alles hat ja so wenig zu sagen, und im Grunde sind alle Menschen gut; es sieht bloß manchmal so aus, als seien sie es nicht. Aus uns beiden soll schon was Tüchtiges werden, Öyvind, ebensoviel wie aus Jon Hatlen; werden schon auch feine Kleider kriegen und mit Margit in der hellen Stube tanzen, wo Hunderte von Menschen dabei sind, und wir lachen und plaudern zusammen; Brautpaar und Pfarrer, und ich auf dem Chor lächle Dir zu, und die Mutter daheim, und ein großer Hof mit zwanzig Kühen und drei Pferden, und Margit ist so lieb und gut wie einst in der Schule----"

Der Tanz war zu Ende; Öyvind sah Margit vor sich auf der Bank sitzen und Jon daneben, den Kopf dicht an ihrem; wieder fuhr ihm ein scharfer, stechender Schmerz durch die Brust, und es war, als sage er zu sich selbst: Ach, stimmt ja, ich hab's ja so schlecht.

Im selben Augenblick stand Margit auf und kam gerade auf ihn zu. Sie beugte sich zu ihm hinunter. "Du darfst nicht so dasitzen und mich immerfort anstarren", sagte sie; "Du kannst Dir doch denken, daß es auffällt; hol' Dir doch eine und tanz' mit ihr."

Er antwortete nicht, er sah nur auf zu ihr, und--er konnte nicht dafür: seine Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sich schon aufgerichtet und wollte gehen, da sah sie es und stand still; sie wurde plötzlich feuerrot, drehte sich um und ging auf ihren Platz zurück; da aber machte sie wieder Kehrt und setzte sich anderswohin. Jon ging schnell ihr nach.

Öyvind stand von der Bank auf, drängte sich zwischen die Menschen hindurch, ging auf den Hof hinaus, setzte sich in eine der Außengalerien und wußte doch nicht, was er da eigentlich wollte; er stand also auf, setzte sich aber wieder hin, denn er saß hier ja ebensogut wie irgendwo anders. Nach Haus gehen mochte er nicht, wieder hinein erst recht nicht; das kam alles auf eins heraus. Er war nicht imstande, sich klar vorzustellen, was eigentlich geschehen war; er wollte gar nicht daran denken; an die Zukunft wollte er auch lieber nicht denken, denn es gab ja nichts, wonach er sich hätte sehnen können.

"Aber woran denke ich denn bloß?" fragte er sich halblaut, und als er seine eigene Stimme hörte, dachte er: sprechen kannst Du also noch. Kannst Du auch noch lachen? Und er probierte es: ja, er konnte noch lachen, und so lachte er denn ganz laut, immer lauter, und plötzlich kam es ihm sehr drollig vor, daß er da saß und so ganz für seinen eigenen Schatten lachte,--und da mußte er noch mehr lachen. Hans aber, sein Schulkamerad, der neben ihm gesessen hatte, kam ihm nach. "Um Gotteswillen, worüber lachst Du?" fragte er und blieb am Eingang stehen. Da hielt Öyvind inne.

Hans stand und wartete ab, was sich nun begeben würde. Öyvind erhob sich, sah sich vorsichtig um und sagte dann leise: "Jetzt will ich Dir sagen, Hans, warum ich immer so vergnügt gewesen bin; darum, weil ich niemand so richtig lieb gehabt habe; von dem Augenblick an, da man einen Menschen lieb hat, kann man nicht mehr fröhlich sein", und er brach in Tränen aus.

"Öyvind!" flüsterte es draußen auf dem Hof; "Öyvind!" Er hielt inne und lauschte. Das mußte die sein, an die er dachte. "Ja", antwortete er ebenfalls flüsternd, trocknete schnell seine Tränen ab und trat heraus. Da huschte eine Mädchengestalt über den Hof. "Bist Du da?" fragte sie. "Ja", antwortete er und stand still.--"Wer ist noch da?"--"Nur Hans."--Hans wollte gehen. "Nein, nein!" bat Öyvind. Sie kam jetzt langsam dicht an die beiden heran; es war wirklich Margit. "Du warst ja plötzlich weg!" sagte sie zu Öyvind. Er wußte nicht, was er darauf antworten solle. Da wurde sie auch verlegen, und alle drei schwiegen. Hans aber stahl sich allmählich bei Seite. Die beiden standen einander gegenüber, sahen sich nicht an und rührten sich auch nicht. Schließlich sagte sie flüsternd: "Ich hab' schon den ganzen Abend ein bißchen Weihnachtliches für Dich in der Tasche, Öyvind, aber ich konnte es Dir nicht eher geben." Sie holte ein paar Äpfel heraus, ein Stück Kuchen und ein Fläschchen, steckte es ihm zu und sagte, das könne er behalten.

Öyvind nahm es, sagte "danke" und gab ihr die Hand; ihre war warm, und er ließ sie schnell los, als habe er sich verbrannt. "Du hast heut abend viel getanzt."--"Das habe ich," sagte sie, "aber Du gerade nicht", fügte sie hinzu.--"Nein, ich nicht", antwortete er.--"Warum denn nicht?"--"Ach--"

"Öyvind!"--"Ja?"--"Warum hast Du mich immerzu so angesehen?"--"Ach--"

"Margit!"--"Ja?"--"Warum wolltest Du nicht angesehen sein?"--"Es waren doch soviele Menschen da."

"Du hast heut abend viel mit Jon Hatlen getanzt."--"Ach ja."--"Er kann gut tanzen."--"Findest Du?"--"Findest Du nicht?"--"Ach ja."

"Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich kann es heut abend nicht sehen, daß Du mit ihm tanzst." Er wandte sich ab; es hatte ihn Überwindung gekostet, das zu sagen. "Ich versteh' Dich nicht, Öyvind."--"Ich versteh' es ja auch nicht; es ist so dumm von mir.--Adieu, Margit, jetzt will ich gehen." Er tat einen Schritt, ohne sich umzusehen. Da rief sie ihm nach: "Das ist ganz falsch, was Du gesehen hast, Öyvind." Er blieb stehen. "Daß Du ein erwachsenes Mädchen bist, ist nicht falsch."--Er sagte nicht das, was sie erwartet hatte, deshalb schwieg sie; aber mit einem Mal sah sie nicht weit von sich eine Pfeife aufglimmen; das war ihr Großvater, der gerade um die Ecke bog und vorüberkam. Er blieb stehen. "Hier bist Du, Margit?"--"Ja."--"Mit wem sprichst Du denn da?"--"Mit Öyvind."--"Mit wem, sagst Du?"--"Mit Öyvind Pladsen!"--"So, mit dem Häuslerjungen von Pladsen;--gleich kommst Du mit hinein."

Fünftes Kapitel

Als Öyvind am andern Morgen die Augen aufmachte, hatte er fest und erquickend geschlafen und wunderschön geträumt Margit hatte oben auf dem Berg gelegen und ihn mit Blättern beworfen; er hatte sie aufgefangen und wieder hinauf geworfen. Tausendfarbig und -gestaltig war es hinauf und hinabgeflattert. Die Sonne schien hell, und der ganze Berg leuchtete vom Gipfel bis zum Fuß. Als er aufwachte, sah er um sich und suchte das, was er geträumt; da fiel ihm der gestrige Abend ein, und gleich war der stechende, wehe Schmerz in der Brust wieder da. "Den werde ich wohl nie mehr los", dachte er und fühlte sich so schlaff, als sei ihm seine ganze Zukunft entwichen.

"Du hast aber lange geschlafen", sagte seine Mutter, die am Bett saß und spann. "Jetzt flink auf und iß! Dein Vater ist schon im Wald und haut Holz."--Es war, als tue diese Stimme ihm gut. Er stand mit ein bißchen mehr Mut auf. Die Mutter dachte wohl an ihre eigenen Tanzjahre, denn sie trällerte ein Lied vor sich hin, wie sie am Rocken saß, während er sich anzog und aß. Deshalb mußte er vom Tisch aufstehen und ans Fenster treten; wieder befiel ihn diese Bangigkeit und Unlust; er mußte sich zusammennehmen und an die Arbeit denken. Das Wetter war umgeschlagen, die Luft war etwas kälter geworden, so daß statt des Regens, der gestern gedroht hatte, heute ein feuchter Schnee fiel. Er zog sich Gamaschen an, holte seine Pelzmütze, die Seemannsjacke und die Fausthandschuhe hervor, sagte adieu und ging mit der Axt über die Schulter fort.

Der Schnee fiel langsam in großen, nassen Flocken. Öyvind klomm mühsam die Schlittenbahn hinauf, um zur Linken in den Wald einzubiegen; nie--weder im Winter, noch im Sommer--war er sonst hier entlang gegangen, ohne an irgend etwas zu denken, was ihn fröhlich gemacht hatte, oder was er sich wünschte. Jetzt war es ein toter, beschwerlicher Weg für ihn; er glitt in dem feuchten Schnee aus, und die Knie waren ihm steif, vielleicht vom Tanzen gestern, vielleicht auch von der Unlust. Jetzt fühlte er: es war vorbei mit dem Schlittenfahren für dieses Jahr und damit für immer. Etwas anderes war's, wonach er sich sehnte, wie er durch den lautlos fallenden Schnee zwischen den Stämmen dahinschritt. Ein aufgescheuchtes Schneehuhn kreischte und flatterte ein Stückchen weiter; sonst stand alles da, als sei es eines Worts gewärtig, das nie gesprochen wurde. Was es war, wonach er sich sehnte, das wußte er selbst nicht recht; nur nach der Heimat nicht und auch nicht nach der Fremde, nach Fröhlichkeit nicht und auch nicht nach Arbeit; es stieg hoch in die Lüfte empor wie ein Lied, allmählich aber verdichtete es sich zu einem ganz bestimmten Wunsch,--dem Wunsch, zu Ostern konfirmiert zu werden und dabei Nummer Eins zu sein. Er bekam Herzklopfen, wie er daran dachte, und ehe er noch die Axtschläge seines Vaters in den schwachen Bäumchen hören konnte, hatte dieser Wunsch stärkere Gewalt über ihn als irgend etwas bisher in seinem Leben.

Wie gewöhnlich redete sein Vater nicht viel; sie hieben beide drauf los und schichteten die Stämmchen auf. Ab und zu kamen sie dabei zusammen, und bei einer solchen Begegnung sagte Öyvind schwermütig: "Ein Häusler muß sich doch recht plagen!"--"Wie jeder andere auch!" sagte sein Vater, spuckte in seine Hand und faßte die Axt. Als der Baum gefällt war und sein Vater ihn auf den Haufen schleppte, sagte Öyvind: "Wenn Du Bauer wärst, brauchtest Du nicht so zu schleppen!"--"Na, dann würde mich eben was anderes drücken!" und dabei packte er mit beiden Händen zu. Die Mutter brachte ihnen das Mittagessen herauf, und sie setzten sich hin. Sie war sehr lustig, trällerte ein Lied und schlug die Füße im Takt aneinander. "Was willst Du denn eigentlich werden, wenn Du groß bist, Öyvind?" fragte sie plötzlich.--"Für einen Häuslerjungen gibt es nicht viele Möglichkeiten", sagte er.--"Der Schulmeister meint, Du müßtest aufs Seminar", sagte sie. "Kann man da umsonst hin?" fragte Öyvind. "Das bezahlt die Schulkasse", antwortete sein Vater und aß weiter.--"Hast Du denn Lust?" fragte seine Mutter.--"Ich habe Lust, was zu lernen, aber nicht Schulmeister zu werden."--Die drei schwiegen eine Zeitlang; die Frau summte vor sich hin und sah geradeaus. Öyvind aber stand auf und setzte sich etwas abseits.

"Wir haben's doch eigentlich nicht nötig, uns an die Schule zu wenden", sagte seine Mutter, als er fort war. Der Mann sah sie an: "Arme Leute wie wir?"--"Ich mag nicht, Tore, daß Du Dich immer für arm ausgibst, wo Du es nicht bist."--Sie sahen beide verstohlen nach dem Jungen hin, ob er es auch nicht hören konnte. Dann sagte der Vater barsch zu seiner Frau: "Du red'st, wie Du's verstehst." Sie lachte; "auf die Weise soll man auch gerade nicht Gott dafür danken, daß es einem gut gegangen ist", sagte sie und machte ein ernstes Gesicht. "Man kann ihm auch wohl ohne silberne Knöpfe danken", sagte der Vater.--"Ja, aber Öyvind zum Tanz gehen lassen wie gestern, das ist auch kein Dank."--"Öyvind ist ein Häuslerjunge."--"Deshalb kann er doch ordentlich gekleidet gehen, wenn wir es dazu haben."--"Nu schrei noch so, daß er's hört!"--"Er hört's schon nicht, übrigens schadete das ja auch nicht", sagte sie und sah tapfer ihren Mann an, der mit finsterem Gesicht den Löffel beiseite legte und seine Pfeife herausholte. "Wo wir solche elende Wirtschaft haben", sagte er. "Ich finde es lächerlich, daß Du immer von der Wirtschaft redest; warum sprichst Du nie von der Mühle?"--"Ach, Du und Deine Mühle! Du kannst wohl nicht vertragen, wenn sie geht?"--"Oh ja, Gott sei Dank! Wenn sie nur Tag und Nacht gehen wollte."--"Jetzt steht sie schon seit vor Weihnachten."--"In den Weihnachtstagen mahlen die Leute doch nicht."--"Sie mahlen, wenn Wasser da ist; aber seit in Nyström die neue Mühle steht, geht's mit unsrer recht jämmerlich."

"Der Schulmeister hat heute was andres gesagt."--"Ich muß wohl unser Geld lieber von einem weniger schwatzhaften Kerl verwalten lassen, als der Schulmeister ist."--"Ja, vor allem darf er mit Deiner eigenen Frau nicht drüber reden."--Tore antwortete hierauf nicht; er hatte gerade seine Pfeife in Brand gesetzt und lehnte sich gegen einen Reisighaufen; seine Augen wichen dem Blick seiner Frau und dann seinem Sohn aus und blieben schließlich an einem alten Krähennest haften, das halb zerfetzt von einem Fichtenzweige herunterhing.

Öyvind saß allein und sah seine Zukunft vor sich wie eine weite, blanke Eisfläche, und er sauste zum erstenmal von einem Ufer zum andern über sie hin. Daß die Armut bei jedem Schritt hemmte, fühlte er, aber gerade deshalb war das Ziel aller seiner Gedanken, sie zu überwinden. Von Margit hatte sie ihn wohl für immer getrennt; sie sah er schon halbwegs als Jon Hatlens Braut, aber wenigstens wollte er sein Leben lang mit den beiden gleichen Schritt halten. Beiseite stoßen wie gestern würde er sich nicht mehr lassen, sondern sich fernhalten, bis er etwas geworden war, und daß er mit Gottes gütiger Hilfe etwas werden würde, das war sein Wunsch, und er zweifelte keinen Augenblick, daß ihm das gelingen würde. Er hatte das unbestimmte Gefühl, durch Lernen werde es ihm am besten glücken; zu welchem Ziel das führen könne, das mußte er sich überlegen.

Abends war Schlittenbahn, die Kinder kamen alle auf den Hügel, nur Öyvind nicht. Am Herde saß er und lernte und hatte keine Zeit zum Spielen. Die Kinder warteten lange auf ihn, schließlich wurde einigen die Zeit zu lang, sie kamen herauf, drückten das Gesicht an die Scheiben und riefen ihn. Aber er tat, als höre er nicht. Es kamen mehr Kinder, und Abend für Abend; sie liefen in heller Verwunderung draußen auf und ab, er aber drehte ihnen den Rücken zu und las und mühte sich redlich, den Sinn zu erfassen. Später hörte er, Margit komme auch nicht mehr. Er lernte mit einem Eifer, den selbst sein Vater übertrieben fand. Er wurde sehr still; sein Gesicht, das so rund und weich gewesen war, wurde magerer und schärfer, und die Augen wurden härter; selten nur noch sang er, nie spielte er, es schien, als reiche die Zeit nicht mehr dazu. Wenn die Versuchung an ihn herantrat, war's ihm, als flüstere einer: "Später, später!" und immer wieder: "Später."--Die Kinder sprangen, jauchzten und lachten eine Zeitlang wie sonst, aber weil sie ihn weder durch ihre helle Lust, noch durch die Rufe am Fenster zu sich herauslocken konnten, blieben sie schließlich fort; sie fanden andere Plätze zum Spielen, und der Hügel blieb leer.

Der Schulmeister merkte bald, daß das nicht der alte Öyvind war, der lernte, weil es doch mal so sein mußte, und spielte, weil das nötig war. Er sprach oft mit ihm und forschte und drang in ihn, aber es wollte ihm nicht gelingen, das Vertrauen des Knaben so schnell zu gewinnen wie in alten Tagen. Er sprach auch mit den Eltern über ihn, und in Übereinstimmung mit ihnen kam er Ende des Winters an einem Sonntag abend zu ihnen und sagte, als er eine Zeitlang gesessen hatte: "Komm mit, Öyvind, wir wollen ein Stück gehen, ich habe mit Dir zu reden."--Öyvind machte sich fertig und kam mit. Sie wanderten in der Richtung der Heidehöfe und sprachen lebhaft miteinander, wenn auch über nichts Wichtiges. Als sie sich den Gehöften näherten, bog der Schulmeister nach dem mittleren ab, und als sie weitergingen, hörten sie drinnen fröhliche Stimmen. "Was ist hier los?" fragte Öyvind. "Hier wird getanzt", sagte der Schulmeister; "wollen wir nicht hineingehen?"--"Nein."--"Magst Du denn nicht tanzen, Junge?"--"Nein, noch nicht."--"Noch nicht? Wann denn?"--Er antwortete nicht.--"Was meinst Du mit dem noch nicht?"--Als der Bursch nicht antwortete, sagte der Schulmeister: "Komm, mach' keine Redensarten."--"Nein, ich gehe nicht mit!"--Er sprach sehr bestimmt und schien aufgeregt zu sein. "Soll denn Dein eigener Lehrer hier stehen und Dich bitten, zum Tanz zu gehen!"--Ein langes Schweigen entstand. "Ist da drin jemand, vor dem Du Angst hast?"--"Ich kann doch nicht wissen, wer hier ist."--"Aber könnte denn einer da sein?"--Öyvind schwieg. Da trat der Schulmeister auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Fürchtest Du, Margit zu treffen?" Öyvind sah zu Boden, sein Atem ging schwer und stoßweise. "Sag's mir, Öyvind."--Öyvind schwieg. "Du schämst Dich vielleicht, es einzugestehen, weil Du noch nicht mal konfirmiert bist; aber mir kannst Du es sagen, Öyvind, es soll Dich nicht gereuen,"--Öyvind blickte auf, aber er konnte kein Wort herausbringen und wandte die Augen zur Seite. "Du bist in letzter Zeit auch gar nicht mehr fröhlich; hat sie andere lieber als Dich?" Öyvind schwieg beharrlich, der Schulmeister fühlte sich etwas verletzt und ließ ihn stehen; sie gingen zurück.

Als sie eine lange Strecke gegangen waren, wartete der Schulmeister, bis Öyvind ihn eingeholt hatte. "Du sehnst Dich wohl danach, konfirmiert zu werden?" fragte er.--"Ja."--"Was willst Du denn nachher anfangen?"--"Ich möchte gern aufs Seminar."--"Und Schulmeister werden?"--"Nein."--"Das ist Dir wohl nicht fein genug?"--Öyvind schwieg. Wieder gingen sie eine lange Strecke. "Wenn Du mit dem Seminar fertig bist, was willst Du dann?"--"Das habe ich mir noch nicht ordentlich überlegt."--"Wenn Du Geld hättest, würdest Du Dir wohl einen Hof kaufen, nicht?"--"Ja, aber die Mühle behalten."--"Dann ist's am besten, Du gehst auf die Ackerbauschule."--"Lernt man da ebensoviel wie auf dem Seminar?"--"Ach nein, aber man lernt das, was man später braucht."--"Bekommt man da auch Nummern?"--"Warum fragst Du danach?"--"Ich möchte gern sehr tüchtig werden."--"Das kannst Du auch ohne Nummern."--Sie gingen schweigend weiter, bis Pladsen in Sicht kam; ein heller Lichtschein drang aus dem Hause, der Berg neigte sich an diesem Winterabend schwarz darüber, drunten lag der Fjord mit der blanken, schimmernden Eisdecke. Der Wald rahmte die stille Bucht ein, es lag kein Schnee, der Mond stand am Himmel und spiegelte den Wald im Eise. "Es ist schön hier in Pladsen", sagte der Schulmeister. Öyvind konnte zu Zeiten die Gegend noch mit denselben Augen anschauen wie damals, als seine Mutter ihm Märchen erzählte, und mit dem Gesicht, womit er so oft auf den Hügel gelaufen war; jetzt hatte er dies Gesicht: alles lag so klar und erhaben vor ihm. "Ja, hier ist es schön", sagte er, aber er seufzte dabei.--"Dein Vater hat sein gutes Brot hier gehabt; Du könntest hier auch wohl zufrieden sein."--Mit einem Schlage hatte die Gegend ihr frohes Gesicht verloren. Der Schulmeister blieb stehen, als erwarte er eine Antwort; als keine kam, schüttelte er den Kopf und ging mit hinein. Eine Weile noch blieb er bei ihnen, aber er schwieg mehr, als er sprach, so daß auch die andern verstummten. Als er sich verabschiedete, begleiteten ihn Mann und Frau vor die Tür; sie schienen beide darauf zu warten, daß er etwas sage. Inzwischen standen sie und sahen in den Abend hinaus. "Hier ist es so merkwürdig still geworden," sagte die Mutter, "seit die Kinder hier nicht mehr spielen."--"Ihr habt eben jetzt keine Kinder mehr im Hause", sagte der Schulmeister; die Mutter verstand, was er damit sagen wollte. "Öyvind ist in der letzten Zeit gar nicht mehr recht fröhlich."--"Nein, nein, wer ehrgeizig ist, der ist nie fröhlich"; und er blickte mit der Ruhe des Greises zu Gottes stillem Himmel auf.

Sechstes Kapitel