Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 26
Baard hieß der Schulmeister, und er hatte einen Bruder, der hieß Anders. Sie hatten sich beide gern, ließen sich miteinander anwerben, lebten zusammen in der Stadt, machten den Krieg mit, wobei sie beide zu Korporalen befördert wurden, und standen bei derselben Kompagnie. Als sie nach dem Kriege wieder nach Hause kamen, fanden alle, es seien zwei Staatskerle. Da starb ihr Vater; er hatte viele Besitztümer gehabt, die schwer zu teilen waren, deshalb vereinbarten sie, sie wollten sich lieber nicht deswegen veruneinigen, sondern wollten alles versteigern lassen, so daß jeder kaufen könne, was er wolle; der Erlös aber solle geteilt werden. Gesagt, getan. Nun hatte aber der Vater eine große goldene Uhr besessen, die weit und breit berühmt war; denn es war die einzige goldene Uhr, die die Leute in dieser Gegend je gesehen hatten, und als diese Uhr zur Versteigerung kam, wollten viele reiche Männer sie haben; als aber auch die beiden Brüder zu bieten begannen, traten die andern zurück. Nun erwartete Baard von Anders, er werde ihm die Uhr lassen, und Anders erwartete das gleiche von Baard. Jeder gab sein Gebot ab, um den andern auf die Probe zu stellen, und beim Bieten blickte einer auf den andern. Als die Uhr bis auf zwanzig Taler gekommen war, fand Baard, das sei gar nicht nett von seinem Bruder gehandelt, und er bot weiter, bis dreißig Taler; als Anders auch da noch nicht nachgab, dachte Baard, Anders habe wohl ganz vergessen, wie gut er immer zu ihm gewesen sei, und außerdem war er doch der ältere, und er bot mehr als dreißig Taler. Anders tat immer noch mit. Da brachte Baard mit einem Schlage die Uhr auf vierzig Taler und sah seinen Bruder nicht mehr dabei an; es war sehr still in dem Zimmer, wo die Auktion stattfand, nur der Vogt wiederholte ruhig den Preis. Anders stand da und dachte sich: könne Baard vierzig Taler geben, so könne er es auch, und wenn ihm Baard die Uhr nicht gönne, so würde er sie sich eben nehmen; er bot also mehr. Das erschien Baard als die größte Schmach, die ihm je widerfahren war; er bot ganz leise fünfzig Taler. Viele Leute standen ringsum, und Anders dachte, so dürfe sein Bruder ihn doch nicht vor aller Ohren verspotten, und bot mehr. Da lachte Baard: "Hundert Taler und meine Bruderliebe in Kauf", sagte er, drehte sich um und ging aus der Stube. Nach einer Weile kam ihm einer nach, als er schon im Begriff war, sein Pferd zu satteln, das er kurz zuvor gekauft hatte. "Du kriegst die Uhr," sagte der Mann, "Anders hat's aufgegeben." Als Baard das hörte, durchfuhr es ihn wie Reue; er dachte an seinen Bruder und nicht an die Uhr. Der Sattel war aufgelegt, aber er hatte die Hand noch auf dem Rücken des Pferdes und wußte nicht, ob er reiten solle. Da kam eine Menge Menschen heraus, Anders war auch darunter, und als er seinen Bruder neben dem gesattelten Pferd stehen sah, wußte er nicht, was für Gedanken Baard in diesem Augenblick bewegten, sondern schrie ihm zu: "Schönen Dank für die Uhr, Baard! Die Stunde, da Dein Bruder wieder Deinen Weg kreuzt, wird sie Dir nicht anzeigen."--"Und auch nicht die Stunde, da ich auf diesen Hof zurückreite!" erwiderte Baard mit bleichem Gesicht und schwang sich auf sein Pferd. Das Haus, in dem sie beide zusammen mit ihrem Vater gelebt hatten, betrat keiner von ihnen mehr.
Bald darauf heiratete Anders in eine Kätnerwirtschaft ein, lud aber Baard nicht zur Hochzeit; Baard war auch nicht mal in der Kirche. Im ersten Jahr, als Anders verheiratet war, fand man die einzige Kuh, die er besaß, tot an der nördlichen Seite des Hauses, wo sie angebunden war, und keiner konnte begreifen, woran sie gestorben war; anderes Mißgeschick kam hinzu, und es ging abwärts mit ihm; am schlimmsten aber wurde es, als mitten im Winter seine Scheune abbrannte mit allem, was darin war; keiner wußte, wie das Feuer aufgekommen war. "Das hat einer angelegt, der mir nichts Gutes gönnt", sagte Anders, und in dieser Nacht weinte er. Er war ein armer Mann geworden und hatte keine Lust zur Arbeit mehr.
Da stand am andern Abend plötzlich Baard in seiner Stube. Anders lag auf dem Bett, als der andere eintrat, aber er sprang auf. "Was willst Du hier?" fragte er, schwieg dann aber und sah seinen Bruder unverwandt an. Baard zögerte einen Augenblick, bis er antwortete: "Ich möchte Dir helfen, Anders, Dir geht es nicht gut."--"Mir geht es so, wie Du es mir gönnst, Baard! Geh lieber, denn ich weiß nicht, ob ich mich beherrschen kann!"--"Du irrst, Anders; es tut mir leid--"--"Geh, Baard, oder Gott gnade uns beiden!"--Baard trat ein paar Schritte zurück; mit zitternder Stimme sagte er: "Wenn Du die Uhr haben willst, so kannst Du sie bekommen!"--"Geh, Baard!" schrie der andere; da mochte Baard nicht länger bleiben und ging.
Mit Baard war das aber so zugegangen: als er hörte, daß es seinem Bruder schlecht gehe, taute sein Herz auf, aber sein Stolz hielt ihn zurück. Er fühlte das Bedürfnis, in die Kirche zu gehen, und dort faßte er allerlei gute Vorsätze, doch er konnte sie nicht ausführen. Manchmal ging er so weit, bis er das Haus sehen konnte, aber dann kam gerade einer aus der Tür, oder es war Besuch da, oder Anders stand draußen und hackte Holz,--kurz, es kam immer etwas dazwischen. Eines Sonntags aber gegen Ende des Winters war er wieder in der Kirche, und Anders war auch da. Baard sah, wie bleich und mager er geworden war, und er trug noch dieselben Kleider wie damals, als sie zusammen waren, doch jetzt waren sie alt und geflickt. Während der Predigt blickte er zum Pfarrer auf, und es kam Baard vor, als sehe sein Bruder gut und mild aus; er dachte an ihre Kinderjahre, und was für ein gutes Kind er gewesen war. Baard ging an diesem Tage zum Abendmahl, und gelobte Gott feierlich, er wolle sich mit seinem Bruder versöhnen, komme, was da wolle. Dieser Vorsatz erfüllte seine Seele, als er aus dem Kelche trank, und als er sich erhob, wollte er gleich auf ihn zugehen und sich neben ihn setzen; aber der Platz war besetzt, und sein Bruder sah nicht auf. Nach der Predigt kam auch wieder etwas dazwischen; es waren soviele Leute da, seine Frau ging neben ihm, und die kannte er doch nicht; er dachte, das beste sei, er gehe hin zu ihm und rede vernünftig mit ihm. Als es Abend wurde, führte er das aus. Er ging bis an die Stubentür und lauschte; und da hörte er seinen eigenen Namen; es war die Stimme der Frau. "Er ist heut zum Abendmahl gegangen," sagte sie, "da hat er gewiß an Dich gedacht."--"Nein, der hat nicht an mich gedacht," sagte Anders, "der denkt bloß an sich selbst."
Dann sagte lange Zeit keiner etwas; Baard stand der Schweiß auf der Stirn, obschon es ein kalter Abend war. Die Frau drinnen klapperte mit den Töpfen, auf dem Herde knisterte und knackte es, ein kleines Kind schrie dazwischen, und Anders wiegte es in Schlaf. Schließlich sagte die Frau: "Ich glaube, Ihr denkt beide aneinander und wollt es nur nicht zugeben."--"Wir wollen von was anderm reden", sagte Anders. Nach einer Weile stand er auf und näherte sich der Tür. Baard mußte sich im Holzschuppen verstecken; gerade dahin kam aber Anders, um sich einen Arm voll Holz zu holen. Baard stand in der Ecke und sah ihn ganz genau; er hatte seinen schäbigen Sonntagsrock ausgezogen und war in der Uniform, die er, gerade wie Baard auch, aus dem Kriege mit heimgebracht hatte, und er hatte dem Bruder versprochen, sie nie zu tragen, sondern sie auf die Nachkommen zu vererben, und Baard hatte ihm das gleiche Versprechen gegeben. Die von Anders war jetzt geflickt und schäbig, seine kräftige, gutgewachsene Gestalt steckte wie in einem Bündel Lumpen, und dabei hörte Baard, wie bei ihm selber die goldene Uhr in der Tasche tickte. Anders ging auf den Reisighaufen zu, aber statt sich zu bücken und einen Arm voll aufzuraffen, blieb er stehen, lehnte sich an einen Holzstoß und sah zu dem leuchtend klaren Sternenhimmel auf. Dann seufzte er tief und sagte: "Ach--ja--ja--ja; o mein Gott, mein Gott!"
Solange Baard lebte, klang ihm das in den Ohren. Er wollte vor ihn hintreten, aber da hustete sein Bruder, und das klang so furchtbar trocken; das genügte schon, um ihn wieder zurückzuhalten. Anders nahm seine Tracht Holz und ging so dicht an Baard vorbei, daß die Zweige ihm ins Gesicht schlugen.
Wohl zehn Minuten stand Baard auf demselben Fleck, und wer weiß, wann er gegangen wäre, wenn er nicht von der großen Aufregung einen Schüttelfrost bekommen hätte, daß er am ganzen Leibe zitterte. Da ging er hinaus; er gestand sich offen ein, daß er zu feige war, hineinzugehen, deshalb hatte er sich jetzt einen andern Plan ausgedacht. Aus einem Ascheimer, der in der Ecke neben ihm stand, nahm er ein paar Kohlenstücke, suchte sich einen Kienspan, ging in die Scheune, machte die Tür hinter sich zu und schlug Feuer. Als er den Span in Brand hatte, leuchtete er damit nach dem Haken, an den Anders seine Laterne hängte, wenn er früh morgens zum Dreschen kam. Baard holte seine goldene Uhr heraus und hängte sie an den Haken, löschte dann seinen Span aus und ging, und jetzt war ihm so leicht ums Herz, daß er wie ein Jüngling durch den Schnee lief.
Tags darauf hörte er, die Scheune sei in der Nacht niedergebrannt. Vermutlich waren von dem Span, mit dem er sich geleuchtet hatte, als er die Uhr aufhing, Funken heruntergefallen.
Das erschütterte ihn so, daß er den ganzen Tag wie ein Kranker dasaß; er nahm sein Gesangbuch und sang, und die Leute bei ihm im Hause dachten, irgend was müßte da nicht seine Richtigkeit haben. Abends aber ging er fort; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehöft seines Bruders, grub auf der Brandstätte nach und fand wirklich ein zusammengeschmolzenes Klümpchen Gold; das war die Uhr.
Mit dem Gold in der Hand war er am selben Abend zu seinem Bruder hineingegangen, hatte um Frieden gebeten und alles aufklären wollen. Aber wie es ihm da erging, ist ja schon erzählt.
Ein kleines Mädchen hatte ihn an der Brandstelle graben sehen, ein paar Burschen, die zum Tanz gegangen waren, hatten ihn am Sonntagabend auf das Gehöft zuschreiten sehen, die Leute bei ihm im Hause erzählten, wie wunderlich er am Montag gewesen war, und weil ja alle wußten, daß er mit seinem Bruder verfeindet war, so wurde Anzeige erstattet und eine Untersuchung angeordnet.
Keiner konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht blieb an ihm hängen; weniger als je konnte er sich jetzt seinem Bruder nähern.
Anders hatte sofort an Baard gedacht, als die Scheune in Flammen stand, aber er hatte es keinem gesagt. Als er ihn am Abend darauf bleich und verstört in seine Stube kommen sah, durchzuckte ihn der Gedanke: jetzt hat ihn die Reue gepackt, aber eine so schändliche Handlungsweise dem eigenen Bruder gegenüber ist unverzeihlich. Später hörte er dann von den Leuten, daß sie ihn an dem Abend, da das Feuer auskam, auf das Haus hatten zugehen sehen, und obwohl durch das Verhör nichts Gewisses festgestellt wurde, glaubte er steif und fest, Baard sei der Täter. Sie trafen sich beim Verhör, Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen geflickten; Baard sah, als er hereinkam, mit einem so flehenden Blick zu ihm hin, daß es Anders durch und durch ging. Er will, ich soll nichts sagen, dachte Anders, und als er gefragt wurde, ob er seinem Bruder die Tat zutraue, sagte er laut und bestimmt: "Nein."
Doch von diesem Tage an ergab sich Anders dem Trunk, und es ging ihm erbärmlich schlecht. Noch viel schlimmer aber stand es um Baard, obschon der nicht trank; aber er war kaum wiederzuerkennen.
Da kam eines Abends spät eine ärmliche Frau in die kleine Kammer, die Baard sich gemietet hatte, und bat ihn, mitzukommen. Er kannte sie; es war die Frau seines Bruders. Baard ahnte gleich, was für ein Anliegen sie hatte; er wurde leichenblaß, zog sich an und ging mit ihr, ohne ein Wort zu sagen. Ein schwacher Lichtschein kam aus Anders' Fenster, blitzte auf und verschwand wieder, und sie gingen dem Scheine nach, denn durch den Schnee führte kein Pfad. Als Baard wieder auf der Diele stand, schlug ihm ein eigentümlicher Geruch entgegen, daß ihm ganz übel wurde. Sie gingen hinein. Ein kleines Kind saß am Herd und knabberte an den Kohlen, es war ganz schwarz im Gesicht, aber es blickte auf und lachte mit weißen Zähnchen; das war das Kind seines Bruders. Im Bett aber, mit allen möglichen Kleidungsstücken zugedeckt, lag Anders, abgemagert, mit klarer, hoher Stirn und schaute seinen Bruder aus hohlen Augen an. Baard zitterten die Knie, er setzte sich ans Fußende des Bettes und brach in heftiges Weinen aus. Der Kranke sah ihn unverwandt an und schwieg. Schließlich bat er seine Frau, hinauszugehen; aber Baard winkte ihr, sie möge bleiben,--und dann sprachen sich die Brüder aus. Sie sprachen über alles von dem Tage an, da sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu der Stunde, da sie hier zusammentrafen. Baard holte schließlich den Goldklumpen heraus, den er immer bei sich trug, und nun sahen die Brüder ein, daß sie sich in all den Jahren nicht einen einzigen Tag glücklich gefühlt hatten.
Anders sagte nicht viel, dazu war er zu schwach; aber Baard blieb am Bett sitzen, solange Anders krank war. "Jetzt bin ich wieder ganz gesund," sagte Anders eines Morgens, als er aufwachte, "jetzt wollen wir noch lange zusammenleben, mein Herzensbruder, und nie mehr auseinandergehen, ganz wie damals." An dem Tage aber starb er.
Frau und Kind nahm Baard zu sich, und sie hatten es fortan gut. Was aber die Brüder am Krankenbett zusammen gesprochen hatten, das drang hinaus durch die Wände und durch die Nacht und alle Leute im Dorf erfuhren es, und Baard kam hoch zu Ansehen. Alle grüßten ihn wie einen Mann, der schweres Leid gehabt hat, und dem dann ein Glück widerfahren ist, oder wie einen, der sehr lange fortgewesen ist. Baard richtete sich an dieser allgemeinen Freundlichkeit auf, er wurde ein frommer Mensch, und da er etwas schaffen wollte, wie er sagte, so machte der alte Korporal einen Schulmeister aus sich. Was er den Kindern als erstes und letztes einprägte, war Liebe, und auch sich selbst wünschte er, daß ihn die Kinder wie einen guten Kameraden und wie einen Vater lieb haben sollten.
Das war die Geschichte, die von dem alten Schulmeister erzählt wurde, und in Öyvinds Herzen schlug sie so fest Wurzel, daß sie für ihn Religion und Erzieher zugleich wurde. Der Schulmeister war für ihn fast ein übermenschliches Wesen geworden, obgleich er so umgänglich zwischen ihnen saß und so gemütlich vor sich hinbrummte. Daß er je seine Aufgaben nicht hätte wissen sollen, war ganz undenkbar, und lächelte ihm der Schulmeister zu oder strich er ihm gar übers Haar, wenn er seine Lektion hergesagt hatte, so war ihm den ganzen Tag lang froh und warm ums Herz.
Den größten Eindruck auf die Kinder machte es immer, wenn der Schulmeister vor dem Singen eine kleine Ansprache an sie hielt und ihnen, mindestens einmal jede Woche, ein paar Strophen vorlas, die von der Nächstenliebe handelten. Wenn er den ersten Vers vorlas, bebte seine Stimme, ob er ihn nun auch schon an die dreißig Jahre gelesen hatte; der Vers lautete:
Lieb' deinen Nächsten nach Christenpflicht, Unter dem Absatz zertritt ihn nicht, Liegt er auch schon im Staube; Alles, was lebet, ist Untertan-- Alles der Liebe, die neuschaffen kann: Trau' du ihr nur und glaube!
Wenn aber das Lied zu Ende war, und er noch eine Weile schweigend dagestanden hatte, dann sah er sie an und zwinkerte mit den Augen: "Vorwärts, kleines Gesindel, geht hübsch brav nach Hause und macht nicht solchen Lärm,--seid hübsch artig, daß ich immer bloß Gutes von Euch höre, Ihr kleinen Dachse!" Und wenn sie dann beim Zusammenpacken der Bücher und Eßkober einen Höllenspektakel machten, dann klang seine Stimme durch das Getöse: "Kommt morgen wieder, sowie es Tag wird, sonst sollt Ihr mich kennen lernen!--Kommt ja rechtzeitig, Kinderchen, dann wollen wir sehr fleißig sein."
Viertes Kapitel
Von Öyvinds Weiterentwicklung bis zu dem Jahr vor seiner Konfirmation ist nicht viel zu erzählen. Morgens lernte er, tags arbeitete er, und abends spielte er.
Weil er gar so einen fröhlichen Sinn hatte, dauerte es nicht lange, bis die Kinder aus der Nachbarschaft sich in den Freistunden dort einfanden, wo er war. Von seinem Hause fiel ein hoher Abhang zur Bucht ab, der, wie schon erwähnt, an einer Seite von der Bergwand, an der andern vom Wald begrenzt war, und hier veranstaltete die Dorfjugend an jedem schönen Abend und auch Sonntags Schlittenfahrten. Öyvind konnte es am besten; er hatte zwei Schlitten, "Scharftraber" und "Kratzer" hießen sie; diesen lieh er den andern Kindern, jenen aber steuerte er selbst und hatte Margit auf dem Schoß.
Wenn Öyvind aufwachte, war in dieser Zeit sein erstes, aus dem Fenster zu schauen, ob's Tauwetter sei, und sah er, daß es grau über den Büschen jenseits der Bucht hing, oder hörte er es vom Dach tropfen, so ging es so langsam mit dem Anziehen, als sei mit dem Tag rein gar nichts anzufangen. Wachte er aber zu knisternder Kälte und klarem Himmel auf und war's noch dazu Sonntag, wo es den guten Anzug und keine Arbeit gab, bloß Überhören und vormittags Kirchgang und dann den ganzen Nachmittag und Abend frei,--hei! da war der Bursch mit einem Satz aus dem Bett, zog sich an, als brenne es, und konnte vor Aufregung kaum essen. Sowie es Nachmittag war, und der erste Junge auf Schneeschuhen den Weg entlang kam, den Stab über dem Kopf schwang und juchzte, daß es von den Höhen wiedertönte,--und dann einer auf dem Schlitten daherkam und noch einer und noch einer,--dann stürmte der Bursch mit seinem "Scharftraber" auf und davon, rannte den Hügel hinauf und machte bei den Zuletztgekommenen halt mit einem langen schmetternden Jodler, der an der Bucht von Berg zu Berg klang und weit, weit hinten erstarb.
Er schaute dann wohl nach Margit aus, aber wenn sie erst da war, kümmerte er sich nicht mehr recht um sie.
Dann aber kam Weihnachten, wo der Bursch und das Mädel beide ins siebzehnte Jahr gingen und im Frühjahr konfirmiert werden sollten. Am vierten Weihnachtstage sollte auf dem oberen Heidehof bei Margits Großeltern, bei denen sie aufgewachsen war, eine große Festlichkeit stattfinden; sie hatten ihr das schon seit drei Jahren versprochen und mußten es jetzt endlich wahr machen. Hierzu wurde Öyvind eingeladen.
Es war ein halbklarer, nicht kalter Abend; Sterne waren nicht zu sehen, und am andern Tage würde es wohl Regen geben. Ein schläfriger Wind strich über den Schnee, der hier und da von der weißen Heide fortgeweht war und sich an anderen Stellen zu Schneewehen angesammelt hatte. Wo nicht gerade Schnee lag, war der ganze Weg mit Eis bedeckt, das blauschwarz zwischen dem Schnee und dem nackten Felde schimmerte und sich in blanken Streifen hinzog, soweit das Auge reichte. Die Berge herab waren Schneestürze gekommen; düster und kahl war ihr Bett, und nur zu beiden Seiten lag noch der helle Schnee, wo nicht gerade der Birkenwald sich zusammenschob und Dunkelheit schuf. Wasser war nicht zu sehen, nur halbnackte Sandflächen und Moore umsäumten schwer und strichweise die Berge. Die Gehöfte lagen in dichten Gruppen mitten im Felde; sie sahen im Dunkel des Winterabends wie schwarze Klumpen aus, aus denen Licht über das Land hinstrahlt, bald aus diesem Fenster, bald aus jenem; an dem Lichtschein sah man, daß es drinnen geschäftig herging. Die ganze Jugend, Große und Halberwachsene strömten von verschiedenen Seiten zusammen; die wenigsten blieben auf dem Wege; zum mindesten verließen sie ihn und stahlen sich beiseite, sobald sie an das Gehöft kamen; einer kroch hinter den Kuhstall, ein paar unter den Vorratschuppen, andere jagten um die Scheune und heulten wie Füchse, wieder andere antworteten aus der Ferne mit Katzenstimmen, einer stand hinterm Backofen und bellte wie ein alter bissiger Köter, dem die Stimme eingerostet ist, bis von allen Seiten Jagd auf ihn gemacht wurde. Die Mädchen kamen scharenweise und hatten ein paar Burschen, meistens halbwüchsige, bei sich, die sich unterwegs in einemfort prügelten, weil sie ein bißchen erwachsener aussehen wollten. Wenn ein solcher Mädchenschwarm in den Hof kam, und einer oder der andere von den Burschen ihn gewahrte, dann stoben die Mädchen auseinander, liefen auf den Hausflur oder in den Garten und mußten eine nach der andern wieder hervor und in die Stube hineingezogen werden. Ein paar waren so blöde, daß Margit erst kommen und sie hineinkomplimentieren mußte. Zuweilen war auch eine dabei, die eigentlich gar nicht eingeladen war und deshalb auch beileibe nicht hineinwollte, bloß ein bißchen zusehen, bis es sich dann doch so fügte, daß sie wenigstens _einen_ Tanz mittanzen mußte. Wen Margit gut leiden konnte, den nötigte sie zu den Großeltern hinein in eine kleine Stube, wo der Alte saß und rauchte und die Großmutter geschäftig hin und her ging. Da wurden sie bewirtet und freundlich begrüßt. Öyvind war nicht darunter, und das kam ihm ein bißchen sonderbar vor.
Der Hauptmusikant des Gaus konnte erst später kommen; bis dahin mußten sie sich mit dem alten begnügen, einem Häusler; Grauknut hieß er. Er konnte vier Tänze, zwei Hoppser, einen Halling und den alten sogenannten Napoleonwalzer; allein im Laufe der Zeit hatte er den Halling in einen Schottischen umgewandelt, indem er den Takt veränderte, und ein Hoppser war auf dieselbe Weise zu einer Polka-Mazurka geworden. Er spielte also los, und der Tanz begann. Öyvind wagte nicht gleich mit anzufangen, weil hier so viele Große waren; aber die Halbwüchsigen taten sich flink zusammen, pufften sich gegenseitig vorwärts, tranken sich in starkem Bier ein bißchen Mut an, und da tat denn auch Öyvind mit. Heiß war es in der Stube; die Fröhlichkeit und das Bier stiegen ihnen zu Kopf. Margit tanzte am meisten den Abend, wohl weil ihre Großeltern das Fest gaben, und deshalb sah sich auch Öyvind oft nach ihr um; aber immer tanzte sie mit andern. Er wollte auch gern mal mit ihr tanzen; deshalb saß er einen Tanz über, um, sowie er zu Ende war, gleich auf sie zustürmen zu können, und das tat er auch, aber ein großer, sonngebräunter Mensch mit vollem Haar schob ihn beiseite. "Weg da, Bengel!" rief er und gab Öyvind einen Puff, daß er fast der Länge nach über Margit gefallen wäre. So etwas war ihm noch nie passiert, nie waren die Leute anders als nett zu ihm gewesen, und nie hatte ihn einer "Bengel" genannt, wenn er mittun wollte; er wurde feuerrot, sagte aber kein Wort und zog sich zurück, dahin, wo der neue Musikant, der eben gekommen war, saß und sein Instrument stimmte. Alle waren still geworden und warteten auf den ersten, kräftigen Ton von "dem Richtigen". Er probierte und stimmte, es dauerte lange, aber endlich legte er mit einem Hoppser los; die Burschen kreischten auf und schwenkten ihre Mädel im Kreise. Öyvind blickte Margit nach, wie sie mit dem haarbuschigen Menschen tanzte; sie lachte über seine Schulter hinweg, daß man ihre weißen Zähne sah, und Öyvind fühlte zum erstenmal in seinem Leben einen wunderlich stechenden Schmerz in der Brust.
Er sah immer eifriger zu ihr hin, und je mehr er sie betrachtete, desto mehr kam es ihm vor, als sei Margit schon ganz erwachsen; das kann ja nicht sein, dachte er, denn sie fährt doch immer noch mit Schlitten. Aber erwachsen war sie doch, und der haarbuschige Mann zog sie, als der Tanz zu Ende war, auf seinen Schoß; sie machte sich los, blieb aber doch neben ihm sitzen.