Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 25

Chapter 253,964 wordsPublic domain

Alle Türen waren offen, viele Leute gingen aus und ein, die Kinder standen, Kuchen in den Händen, draußen auf dem Hof, voll Angst um ihre neuen Kleider und blickten sich fremd an; eine alte Frau saß ganz allein oben auf der Treppe zum Vorratsschuppen: das war Margit Kampen. Sie trug einen breiten, silbernen Ring, an dessen oberer Platte mehrere kleine Ringe befestigt waren; zuweilen schaute sie ihn an; sie hatte ihn von Nils bekommen, an dem Tag, als sie mit ihm vor dem Altar stand, und hatte ihn seitdem nie wieder getragen.

In den zwei, drei Stuben liefen der Tafelmeister und die beiden jungen Brautführer, der Sohn des Pfarrers und Elis Bruder, hin und her und schenkten den Gästen ein, die sich nach und nach zu der großen Hochzeit einfanden. Oben in Elis Gemach saß die Braut mit der Frau Pfarrer und Mathilde, die eigens aus der Stadt gekommen war, um die Braut schmücken zu helfen: das hatten sie sich von klein auf versprochen.--Arne im Tuchanzug mit rundgeschnittener, enganschließender Jacke und einem Kragen, den Eli ihm genäht hatte, stand unten in einer Stube an dem Fenster, an das Eli damals "Arne" geschrieben hatte. Es stand offen, er lehnte im Rahmen und schaute über den stillen See nach der Kirche neben dem Pfarrhof hinüber.

Draußen auf der Diele trafen sich zwei, die beide von ihrer Hantierung kamen, der eine vom Landungssteg, wo er die Boote zur Fahrt in die Kirche hatte ordnen helfen; er hatte eine schwarze, rundgeschnittene Tuchjacke an, aber Hosen aus blauem Fries, die abfärben mußten, denn er hatte ganz blaue Hände; der weiße Kragen stand gut zu seinem blassen Gesicht und dem langen blonden Haar; glatt war die hohe Stirn, und um den Mund lag ein Lächeln. Es war Baard; er traf im Flur auf eine Frau, die gerade aus der Küche kam. Sie hatte sich schon für die Fahrt zur Kirche geschmückt, trat hoch und schlank und sicher aus der Tür und hatte es sehr eilig. Als sie Baard begegnete, blieb sie stehen, und ihr Mund verzog sich ein wenig nach der Seite. Das war Birgit, seine Frau. Beide hatten etwas auf dem Herzen, aber es kam nur darin zum Ausdruck, daß sie stehen blieben. Baard war noch befangener als sie; er lächelte mehr und mehr, aber gerade seine große Verlegenheit kam ihm zu Hilfe, indem er nämlich ohne weiteres sich anschickte, die Treppe hinaufzusteigen. "Du kommst wohl nach", sagte er. Und sie ging hinterdrein. Oben auf dem Boden waren sie ganz allein; aber Baard machte doch die Tür hinter ihnen zu und ließ sich gute Zeit dabei. Als er sich endlich umdrehte, stand Birgit am Fenster und schaute hinaus, weil sie hinein nicht sehen mochte. Baard holte eine kleine Flasche aus der Brusttasche und einen kleinen silbernen Becher. Er wollte seiner Frau einschenken. Aber sie mochte nicht, obwohl er beteuerte, der Wein sei von der Pfarre herübergeschickt. Da trank er ihn selbst aus, bot ihr aber noch ein paarmal an, während er trank. Dann korkte er die Flasche zu, steckte sie mit dem silbernen Becher zusammen wieder in die Brusttasche und setzte sich auf eine Truhe. Es tat ihm sichtlich wehe, daß seine Frau nicht mittrinken wollte.

Ein paarmal holte er tief Atem. Birgit stützte sich mit einer Hand aufs Fensterbrett; Baard hatte etwas auf dem Herzen, aber jetzt ging es noch schwerer. "Birgit", sagte er, "Du denkst heute wohl an dasselbe wie ich."--Nun hörte er sie, denn sie ging von der einen Seite des Fensters zur andern und stützte sich wieder auf ihren Arm. "Na--Du weißt ja, wen ich meine.----Der hat zwischen uns beiden gestanden;------ich dachte, das würde nur bis zur Hochzeit dauern, aber es hat länger gewährt." Er hörte, wie sie atmete, sah, wie sie wieder ihre Stellung veränderte, aber ihr Gesicht konnte er nicht sehen. Ihm selbst wurde es so sauer, daß er sich mit dem Jackenärmel den Schweiß abwischen mußte. Nach langem Kampf fing er wieder an: "Heute wird sein Sohn, schmuck und gescheit, bei uns aufgenommen, und wir haben ihm unsere einzige Tochter gegeben.------Was meinst Du, Birgit,--wollen wir beide nicht auch heut Hochzeit halten?"--Seine Stimme bebte, und er räusperte sich. Birgit, die sich bewegt hatte, legte den Kopf wieder auf den Arm, sagte aber nichts. Baard wartete lange, aber er bekam keine Antwort,--und er selbst hatte auch nichts mehr zu sagen. Er blickte auf und wurde sehr blaß, denn sie hatte nicht einmal den Kopf umgewandt. Da stand er auf. Im selben Augenblick klopfte es leise an die Tür, und eine weiche Stimme fragte: "Kommst Du jetzt, Mutter?"--es war Eli. Es lag ein etwas in der Stimme, so daß Baard unwillkürlich stehen blieb und ebenso unwillkürlich Birgit ansehen mußte. Auch Birgit hob den Kopf; sie sah nach der Tür und begegnete Baards blassem Gesicht. "Kommst Du jetzt, Mutter?" fragte es draußen noch einmal. "Ja, jetzt komme ich!" sagte Birgit mit gebrochener Stimme, indem sie fest und stolz auf Baard zuging, ihm die Hand gab und in heftiges Weinen ausbrach. Ihre Hände umklammerten sich; wohl waren sie jetzt abgenutzt, aber sie hielten sich so fest, als hätten sie zwanzig Jahre lang einander gesucht. Beide hielten sich noch an der Hand, als sie auf die Tür zugingen; und als nach einer Weile der Brautzug sich zum Landungssteg begab und Arne seiner Eli die Hand reichte, um mit ihr voranzugehen, und Baard das sah, da nahm er gegen alle Sitte und Gewohnheit seine Frau bei der Hand und ging strahlend hinterher, dann aber kam Margit Kampen, allein, wie sie es gewohnt war. Baard war ganz ausgelassen den Tag: er saß und schwatzte mit den Bootsknechten. Einer davon blickte die Bergwand hinter ihnen hinauf und sagte, es sei doch seltsam, daß selbst so steile Felsen sich mit Grün bekleiden könnten. "Was kommen soll, kommt doch,--es mag wollen oder nicht", sagte Baard und sah über den ganzen Zug hin, bis seine Augen an dem Brautpaar und seiner Frau hängen blieben: "Das hätte mal einer vor zwanzig Jahren sagen sollen", meinte er.

* * * * *

EIN FRÖHLICHER BURSCH

Erstes Kapitel

Öyvind hieß er, und als er geboren wurde, schrie er. Aber als er erst aufrecht auf Mutters Schoß saß, lachte er, und wenn abends Licht angesteckt wurde, lachte er, daß es schallte; doch wenn er nicht herandurfte, weinte er. "Aus dem Jungen wird sicher was Besonderes", sagte seine Mutter.

Über das Haus, worin er geboren wurde, neigte sich die kahle Bergwand; aber sie war nicht sehr hoch. Fichten und Birken schauten hernieder, und die Vogelkirsche streute ihre Blüten aufs Dach. Oben auf dem Dache aber sprang ein Böckchen, das Öyvind gehörte; es mußte da oben weiden, wo es sich nicht verlaufen konnte, und Öyvind brachte ihm Laub und Gras. Eines schönen Tages sprang das Böckchen zur Bergwand hinüber; es kletterte hinauf, weit hinauf, wo es noch nie gewesen war. Öyvind sah das Böckchen nicht, als er nach der Vesper hinauskam, und gleich dachte er an den Fuchs. Ihm wurde ganz heiß bei dem Gedanken; er sah sich um und lauschte: "Meck--meck--meck--mecke--Böckchen!"--"Mä-ä-ä-äh", schrie der Bock oben auf der Bergwand, bog den Kopf zur Seite und guckte herunter.

Neben dem Bock aber lag ein kleines Mädchen auf den Knien. "Ist das Dein Bock?" fragte sie. Öyvind riß Mund und Augen auf und steckte beide Hände in die Hosentaschen. "Wer bist Du?" fragte er.--"Ich bin doch die Margit, Mutters Kleine und Vaters Fiedel, der Kobold im Haus, das Großkind von Ola Nordistuen auf dem Heidehof; im Herbst werde ich vier Jahre, zwei Tage nach den Frostnächten--ja!"--"Also die bist Du", sagte er und holte Luft, denn er hatte, während sie sprach, nicht zu atmen gewagt.

"Ist der Bock Dein?" fragte das Mädchen noch einmal.--"Jaha", sagte er und sah hinauf. "Mir gefällt der Bock so gut;--Du, willst ihn mir nicht schenken?"--"Nein, das will ich nicht."

Sie lag und strampelte mit den Beinen und sah zu ihm hinunter, und schließlich sagte sie: "Und wenn ich Dir einen Butterkringel dafür gebe, kann ich den Bock dann kriegen?" Öyvind war armer Leute Kind; er hatte Butterkringel erst einmal in seinem Leben gegessen; damals, als sein Großvater zu Besuch gekommen war. So was Schönes hatte er sein Lebtag nicht gegessen. Er sah zu dem Mädchen hinauf; "zeig' mir den Kringel erst", sagte er. Sie bedachte sich nicht lang und hielt ihm den großen Kringel hin, den sie in der Hand hatte. "Da hast ihn", sagte sie und warf ihm den Kringel zu. "Au, er ist kaputt gegangen", sagte der Junge und sammelte sorglich jedes Stückchen auf; das allerkleinste mußte er doch mal kosten, und das schmeckte so gut, daß er noch eins kosten mußte, und ehe er sich's versah, hatte er den ganzen Kringel aufgegessen.

"Jetzt ist der Bock mein", rief das Mädchen. Dem Jungen blieb der letzte Bissen im Munde stecken; das Mädel lag und lachte, und der Bock mit der weißen Brust und dem bräunlich-schwarzen Fell stand daneben und guckte mit schiefem Kopf hinunter.

"Kannst Du ihn mir nicht noch ein bißchen lassen?" bettelte der Bub, und sein Herz fing zu klopfen an. Da lachte das Mädel noch mehr und richtete sich schnell auf. "Nein, der Bock ist mein", sagte sie, schlang die Arme dem Tier um den Hals, machte ihr Strumpfband los und band es ihm um. Öyvind sah zu. Nun stand sie auf und versuchte den Bock mit wegzuzerren. Der wollte aber nicht und reckte den Hals nach Öyvind hinunter. "Mä-ä-ä-äh!" schrie er. Sie aber faßte mit einer Hand seine Mähne, mit der andern das Band und sagte liebkosend: "Komm, Böckchen, Du kommst auch mit in die Stube und darfst aus Mutters Schüssel essen und aus meiner Schürze", und dann sang sie:

Komm, Bock, zu dem Knaben. Komm, Kalb, zu der Kuh, Kommt, miauende Katzen, Auf schneeweißem Schuh; Komm, Entengehecke, Aus deinem Verstecke, Kommt, Küchlein, ihr kleinen, Fällt's schwer auch den Beinen. Mit feinen Hauben Kommt, ihr meine Tauben! Ist's feucht noch, wie gut Die Sonne doch tut. Ja, Sommer, Sommer ist uns schon nah, Doch rufst du den Herbst, ist er da!

* * * * *

Da stand der Junge nun.

Mit dem Bock hatte er seit dem Winter, wo er geboren war, gespielt und hatte nie gedacht, er müsse ihn einmal hergeben; und nun war es so ganz plötzlich geschehen, und er würde den Bock nie mehr wiedersehen.

Die Mutter kam, ein Liedchen summend, vom Strande herauf mit ihren hölzernen Kübeln, die sie gescheuert hatte. Sie sah ihren Jungen mit gekreuzten Beinen im Grase sitzen und weinen und ging hin zu ihm. "Warum weinst Du?"--"Ach, der Bock, der Bock!"--"Ja, wo ist denn der Bock?" fragte seine Mutter und sah zum Dach hinauf.--"Der kommt nie mehr wieder", sagte der Junge.--"Aber Kind, wie sollte das wohl zugehen?"--Er mochte es nicht gleich sagen. "Hat der Fuchs ihn geholt?"--"Ach, ich wollt', es war' der Fuchs gewesen!"--"Bist Du nicht bei Trost," sagte die Mutter, "was ist mit dem Bock geschehen?"--"A-a-ach, ich hab' ihn--verkauft für einen--Kringel."

Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, da begriff er erst, was es heißt, den Bock für einen Kringel zu verkaufen; daran hatte er vorher gar nicht gedacht. Seine Mutter sagte: "Was, meinst Du wohl, mag der Bock von Dir denken, daß Du ihn für einen Kringel verkaufen konntest?"

Daran dachte der Junge ja schon selber, und ihm wurde klar, daß er hier in dieser Welt nie wieder fröhlich werden könne,--"und im Himmel auch wohl nicht mehr", fiel ihm hinterher ein.

Sein Kummer war so groß, daß er sich fest vornahm, nie wieder einen dummen Streich zu machen, nie mehr den Faden vom Spinnrocken abzuschneiden oder die Schafe herauszulassen oder allein ans Wasser zu gehen. Dabei schlief er ein, und er träumte, der Bock sei ins Himmelreich gekommen; der liebe Gott saß da mit einem langen Bart genau wie im Katechismus, und der Bock fraß von einem schimmernden Busch die Blätter ab. Öyvind aber saß ganz allein auf dem Dach und konnte nicht hinauf.

Da kam ihm etwas Feuchtes ans Ohr, und er fuhr in die Höhe. "Mä-ä-ä-äh!" sagte es, und sein Bock war wieder da!

"Herrjeh, Du bist wieder da?" Er sprang auf, faßte den Bock an beiden Vorderbeinen und tanzte mit ihm, als sei's sein Bruder, und zupfte ihn am Bart und wollte gerade mit ihm zur Mutter laufen, da hörte er ein Geräusch und sah das kleine Mädchen dicht hinter sich auf der grünen Wiese sitzen. Nun wurde ihm alles klar; er ließ den Bock los. "Bist Du mit ihm hergekommen?" Sie saß da und riß mit den Händen Grasbüschel aus und sagte: "Ich darf ihn nicht behalten. Großvater sitzt oben und wartet." Wie der Junge noch da stand und sie ansah, hörte er eine scharfe Stimme oben vom Wege her: "Na, wird's bald?"--Da wußte sie, was sie zu tun hatte. Sie stand auf, ging auf Öyvind zu, schob ihre erdige kleine Hand in seine, blickte zur Seite und sagte: "Sei nicht bös!" Damit war es aber auch mit ihrem Mut zu Ende, sie warf sich über den Bock und fing zu weinen an.

"Meinetwegen kannst Du den Bock behalten", sagte Öyvind und sah weg.

"Beeil' Dich 'n bißchen!" rief der Großvater von der Höhe. Und Margit stand auf und stieg langsam den Berg hinan. "Du hast ja Dein Strumpfband verloren!" rief Öyvind ihr nach. Da drehte sie sich um und sah erst das Band und dann den Jungen an. Schließlich faßte sie einen großen Entschluß und sagte mit erstickter Stimme: "Das kannst Du behalten." Er lief ihr nach und gab ihr die Hand: "Ich dank' auch schön!" sagte er. "Ach, wofür denn?" sagte sie, stieß einen unendlich langen Seufzer aus und ging weiter.

Er setzte sich wieder ins Gras, der Bock weidete neben ihm; aber der Junge hatte nicht mehr soviel Freude dran wie sonst.

Zweites Kapitel

Der Bock war am Haus angebunden, Öyvind aber schaute zu den Bergen hinauf. Die Mutter kam heraus zu ihm und setzte sich neben ihn; er wollte Märchen aus ferner Zeit hören, denn jetzt genügte ihm der Bock nicht mehr. Und da erfuhr er denn, daß früher einmal alle Dinge reden konnten; der Berg sprach mit dem Bach und der Bach mit dem Fluß und der Fluß mit dem Meer und das Meer mit dem Himmel; und dann fragte er, ob denn der Himmel mit niemand spreche. Doch, der Himmel sprach mit den Wolken, die Wolken aber mit den Bäumen, die Bäume aber mit dem Grase, das Gras aber mit den Fliegen, die Fliegen aber mit den Tieren, die Tiere aber mit den Kindern, die Kinder aber mit den Großen. Und so ging es immer weiter, bis die Reihe herum war, und keiner wußte, wer eigentlich den Anfang gemacht hatte. Öyvind schaute Berge und Bäume und Meer und Himmel an; er hatte das alles eigentlich noch nie richtig gesehen. Da kam gerade die Katze aus dem Hause und legte sich auf die Steinfliesen in die Sonne. "Was sagt denn die Katze?" fragte Öyvind und zeigte auf sie. Die Mutter sang:

Die Abendsonne liegt auf den Wiesen, Die Katze dehnt sich faul auf den Fliesen. "Zwei Mäuslein fett, Rahm vom Küchenbrett, Vier Stück Fisch Stahl ich hinterm Tisch, Und bin so wonnig satt Und bin so wohlig matt!" Sagt die Katze.

Und nun kam der Hahn mit all den Hennen. "Was sagt denn der Hahn?" fragte Öyvind und klatschte in die Hände. Die Mutter sang:

Die Henne gluckt ihrer kleinen Gemeine, Der Hahn steht würdig auf einem Beine. "Die Gans da, ei seht, Wie wichtig sie geht! Doch sie weiß nicht, gebt acht, Wie man Kratzfüße macht! Hühner, Hühner, ins Haus hinein, Der Tag mag für heute beurlaubt sein!" Sagt der Hahn.

Zwei kleine Vögel aber saßen oben auf dem Dachfirst und sangen. "Was sagen denn die Vögel?" fragte Öyvind und lachte.

"Das ist ein Leben, muß ich sagen, Braucht man um nichts sich zu plagen!" Sagt der Vogel.

Und er erfuhr, was ein jedes sagte bis hinunter zu der Ameise, die im Moose krabbelte, und dem Wurm, der in der Borke nagte.

In diesem Sommer unterwies ihn seine Mutter auch im Lesen. Bücher hatte er schon längst gehabt und oft drüber nachgedacht, wie das wohl zugehen möge, wenn auch die zu sprechen anfingen. Da wurden die Buchstaben zu Tieren, zu Vögeln und zu allem Möglichen; aber es dauerte nicht lange, da gingen sie immer zu zweien miteinander; das A blieb stehen und machte unter einem Baume Rast, der B hieß, dann kam das C und machte es auch so. Als sie aber zu dreien und vieren beisammen waren, da schien es, als könnten sie sich nicht vertragen; es wollte nicht recht gehen. Und je weiter er kam, desto mehr vergaß er, was sie bedeuteten; am längsten blieb das A in seinem Gedächtnis haften; das A gefiel ihm am besten. Das war ein kleines schwarzes Lamm und war mit allen gut Freund. Aber bald vergaß er auch das A, denn in dem Buche standen keine Märchen, da standen nur Aufgaben.

Da eines Tages kam die Mutter herein und sagte: "Morgen fängt die Schule wieder an, Du sollst mit mir hin." Öyvind hatte gehört, die Schule sei ein Ort, wo viele Knaben zusammen spielten, und dagegen hatte er durchaus nichts. Er freute sich sehr darauf; auf dem Gehöft war er schon oft gewesen, aber nie zur Schulzeit, und er lief schneller als seine Mutter die Hügel hinauf, denn er konnte es kaum erwarten. Sie kamen an das Altenteilhäuschen; ein fürchterliches Gesumme wie in der Mühle zu Haus schlug ihnen entgegen, und er fragte seine Mutter, was das sei. "Da lesen die Kinder", sagte sie, und das freute ihn sehr, denn so hatte er auch lesen können, als er die Buchstaben noch nicht gekannt hatte. Als er hineinkam, sah er um einen Tisch soviele Kinder sitzen, daß sicher in der Kirche auch nicht mehr sein konnten; andere saßen auf ihren Eßkobern an der Wand, wieder andere standen in kleinen Gruppen um eine Tafel herum; der Schulmeister, ein alter grauhaariger Mann, saß am Herd auf einem Schemel und stopfte seine Pfeife. Als Öyvind und seine Mutter hereinkamen, blickten alle auf, und die summende Mühle stand still, als sei die Schleuse gesperrt. Alle blickten auf die Eintretenden; die Mutter begrüßte den Schulmeister und er sie.

"Hier bringe ich einen kleinen Jungen, der lesen lernen möchte", sagte die Mutter. "Wie heißt das Kerlchen?" fragte der Schulmeister und wühlte in seinem Lederbeutel nach Tabak.

"Öyvind", sagte die Mutter; "er kann schon die Buchstaben und kann auch rechnen." "Sieh einer an," sagte der Schulmeister, "komm mal her, Du Weißkopf!" Öyvind ging zu ihm hin; der Schulmeister setzte ihn auf seinen Schoß und nahm ihm die Mütze ab. "'n hübscher kleiner Bursch", sagte er und strich ihm übers Haar. Öyvind sah ihm in die Augen und lachte. "Lachst Du etwa über mich?" Er runzelte die Brauen. "Ja, natürlich", sagte Öyvind und lachte aus Leibeskräften. Da mußte der Schulmeister auch lachen, die Mutter lachte, und als die Kinder merkten, daß sie es durften, lachten sie alle zusammen.

Somit war Öyvind in die Schule aufgenommen.

Als er sich setzen mußte, wollten ihm alle Platz machen. Er sah sich auch lange um; sie tuschelten und zeigten auf ihn. Er drehte sich nach allen Seiten, die Mütze in der Hand und das Buch unterm Arm. "Na, was wird das werden?" fragte der Schulmeister, der schon wieder mit seiner Pfeife zu tun hatte. Als der Junge sich eben nach dem Schulmeister umwenden will, sieht er dicht neben dem Herd auf einem rotbemalten Eßkober Margit mit den vielen Namen sitzen; sie hatte das Gesicht in den Händen versteckt und lugte zu ihm hin. "Hier will ich sitzen", sagte Öyvind schnell, nahm sich einen Kober und setzte sich neben sie. Jetzt hob sie den einen Arm ein bißchen und sah ihn unterm Ellbogen an; da versteckte er auch schnell sein Gesicht in beiden Händen und sah unterm Ellbogen zu ihr hin. So saßen sie beide da und neckten sich, bis sie lachte; nun lachte er auch, und die andern Kinder hatten es gesehen und lachten mit. Da fuhr eine entsetzlich laute Stimme, die aber bei jedem Worte milder wurde, dazwischen. "Ruhe, Ihr Bande, Ihr Kroppzeug, Ihr Nichtsnutze! Ruhe! Und seid mal hübsch artig, Ihr Zuckerschweinchen!" Das war der Schulmeister; er hatte es so an sich, leicht aufzubrausen, aber ehe er noch zu Ende geredet hatte, pflegte er schon wieder gut zu sein. Es wurde augenblicklich still in der Klasse, bis die Pfeffermühlen wieder in Gang kamen; jedes las laut aus seinem Buch, manche im feinsten Diskant, die gröberen Stimmen trompeteten lauter und lauter, um die andern zu überschreien, und ab und zu johlte einer dazwischen. Öyvind hatte sein Lebtag noch nicht solchen Spaß gehabt.

"Ist das hier immer so?" flüsterte er Margit zu. "Ja immer", sagte sie.

Nachher mußten sie vortreten und lesen; dann wurde ein anderer Junge beauftragt, sie lesen zu lassen, und schließlich waren sie erlöst, konnten sich wieder auf ihren Platz setzen und brauchten nichts zu tun.

"Jetzt habe ich auch ein Böckchen", sagte Margit.--"Wirklich?"--"Ja, aber es ist nicht so schön wie Deins!"--"Warum bist Du nicht öfter auf den Berg gekommen?"--"Großvater hat Angst, ich könnte hinunterfallen."--"Es ist doch gar nicht so hoch."--"Großvater will's aber nicht."

"Meine Mutter weiß soviele Lieder", sagte er.--"Na, mein Großvater auch--das kannst Du glauben."--"Ja, aber nicht solche wie meine Mutter."--"Aber mein Großvater kann eins vom Tanzen.--Soll ich's mal sagen?"--"Ja, bitte."--"Aber dann mußt Du näher herankommen, sonst merkt's der Schulmeister." Er rückte näher, und dann sagte sie ihm ein paar Strophen vor,--vier, fünfmal, bis er sie konnte, und das war das erste, was er in der Schule lernte.

"Tanz!" rief die Fiedel Mit schnarrender Saite, Der Bauer, der Breite, Spreizte sich: "Ha!" "Holla", rief Ola Und bracht' ihn zu Falle,-- Wie lachten alle Die Jüngferchen da!

"Hopp", sagte Erik, Und klomm zur Decke,-- Da krachten Ecke Und Wände im Haus. "Stopp", sagte Elling, Und trug ihn am Kragen Hinaus ohne Zagen: "Hier tobe dich aus!"

"Hei", sagte Rasmus, "Her mit dem Munde, Randi, du runde! Schnell, mach' dich bereit." "Ei", sagte Randi; Gab ihm eine Schelle,-- Wie rieb er die Stelle,-- "Da hast du Bescheid!"

"Aufstehn, Kinder!" rief der Schulmeister. "Heut am ersten Tag sollt Ihr früh nach Hause gehen; aber erst wollen wir noch beten und singen." Da gab es ein Leben in der Schulstube; sie sprangen von den Bänken auf, rannten durch die Stube und schwatzten durcheinander. "Ruhe, Ihr Strolche, Ihr Hallunken, Ihr Banditen!--Ruhe! Und hübsch leise auftreten, Kinderchen!" sagte der Schulmeister, und sie stellten sich ruhig in Reih und Glied, worauf der Schulmeister vor sie hintrat und ein kurzes Gebet sprach. Dann sangen sie. Der Schulmeister stimmte mit seinem kräftigen Baß an, alle Kinder standen mit gefalteten Händen da und sangen mit. Öyvind stand mit Margit dicht an der Tür und sah zu; sie hatten auch die Hände gefaltet, aber mitsingen konnten sie nicht.

Das war der erste Schultag.

Drittes Kapitel

Öyvind wuchs heran und wurde ein prächtiger Bursche; in der Schule saß er immer oben und zu Hause war er anstellig bei jeder Arbeit. Das kam daher, daß er daheim seine Mutter lieb hatte und in der Schule seinen Lehrer. Den Vater sah er nur selten; der war entweder auf Fischfang, oder er hatte in der Mühle zu tun, wo das halbe Dorf mahlen ließ.

Was in diesen Jahren auf sein Gemüt am meisten wirkte, das war die Geschichte des Schulmeisters, die Mutter ihm eines Abends, als sie am Herde saßen, erzählte. Sie wob sich in seine Bücher hinein, sie legte sich in jedes Wort, das der Schulmeister sagte, und huschte durch die Schulstube, wenn alles still war. Sie machte ihn gehorsam und demütig und ließ ihn gewissermaßen alles leichter verstehen, was gelehrt wurde. Diese Geschichte war folgendermaßen: