Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 21
"Du?"--"Ja--?"--"Glaubst Du, zu mir kommt auch mal so einer?"--"Ja, natürlich!"--"Wär's möglich!--Haha!--Du, Eli!--Und wenn der mich nun um die Taille faßte?"--Sie steckte den Kopf weg.
Da gab es ein Lachen und Flüstern und Tuscheln.
Bald brachen die Mädchen auf; sie hatten weder Arne, noch die Axt, noch die Jacke gesehen, und er war recht froh darüber.
Einige Tage darauf nahm er Knut als Pächter zu sich nach Kampen. "Du sollst nicht mehr so allein sein", sagte Arne.
Arne selbst hatte seinen festen Plan. Er hatte früh mit der Säge umgehen gelernt; denn er hatte manches bei sich zu Hause gezimmert. Nun wollte er dies Handwerk betreiben; denn er hatte das Gefühl, es sei gut, eine bestimmte Arbeit zu haben. Es war auch gut für ihn, daß er unter Leute kam, und er veränderte sich allmählich so, daß ihn Sehnsucht danach faßte, wenn er einmal eine Stunde allein war. Es machte sich, daß er den Winter über in der Pfarre zu tischlern bekam, und dort waren die beiden Mädchen oft zusammen. Wenn er sie sah, überlegte Arne, wer es wohl sein möge, der um Eli Böen warb.
Es traf sich, daß er einmal die Pfarrerstochter und Eli spazieren fahren mußte; er hatte gute Ohren, konnte aber doch nicht hören, worüber sie sprachen; ab und zu redete Mathilde mit ihm; dann lachte Eli und steckte den Kopf weg. Schließlich fragte Mathilde, ob es wahr sei, daß er dichten könne. "Nein", sagte er schnell; da lachten die beiden, schwatzten und lachten wieder. Fortan war er nicht mehr gut auf sie zu sprechen und tat, als seien sie Luft.
Einmal saß er in der Gesindestube, wo die Leute tanzten; Mathilde und Eli kamen beide, um zuzusehen. In ihrer Ecke, wo sie standen, stritten sie sich über irgend etwas; Eli wollte nicht, Mathilde wollte aber, und sie siegte. Da kamen sie beide auf ihn zu, verbeugten sich und fragten, ob er tanzen könne. Er sagte nein, und da drehten sie sich um, lachten und liefen weg. Dies ewige Gelache, dachte Arne und wurde ganz ernst. Aber der Pfarrer hatte einen kleinen Pflegesohn von zehn, zwölf Jahren, den Arne sehr gern hatte; bei dem Jungen lernte Arne tanzen, wenn's keiner sah.
Eli hatte einen kleinen Bruder im selben Alter wie der Pflegesohn des Pfarrers. Die beiden waren Spielkameraden, und Arne machte ihnen Schlitten und Schneeschuhe und Schlingen, und sprach viel mit ihnen von ihren Schwestern, besonders von Eli. Eines Tages richtete ihm Elis Bruder aus, er solle sein Haar nicht so lottrig tragen. "Wer hat das gesagt?"--"Das hat Eli gesagt; aber ich soll nicht sagen, daß sie's gesagt hat."--Kurze Zeit drauf ließ er bestellen, Eli möge ein bißchen weniger lachen. Der Junge kam zurück mit der Bestellung, Arne möge endlich ein bißchen mehr lachen.
Einmal wollte der Junge etwas haben, was Arne geschrieben hatte. Arne ließ es ihm und dachte nicht weiter an die Sache. Nach einiger Zeit wollte der Junge Arne mit der Nachricht erfreuen, die beiden Mädchen fänden seine Schrift sehr schön. "Haben sie sie denn gesehen?"--"Ja, ich habe doch für sie drum gebeten."--Arne ersuchte die Jungens, ihm etwas zu bringen, was ihre Schwestern geschrieben hatten; sie taten es auch; Arne strich alle Schreibfehler mit einem Zimmermannsbleistift an und bat die Jungens, es so hinzulegen, daß es leicht zu finden sei. Nachher fand er das Papier in seiner Rocktasche wieder; darunter aber stand: "Verbessert von einem eingebildeten Gecken."
Tags drauf war Arnes Arbeit in der Pfarre zu Ende, und er begab sich nach Hause. So sanft wie diesen Winter hatte die Mutter ihn seit jener traurigen Zeit kurz nach dem Tode des Vaters nicht mehr gesehen. Er las ihr die Predigt vor, ging mit ihr in die Kirche und war sehr gut gegen sie. Aber sie wußte recht wohl, es geschah hauptsächlich, um ihre Zustimmung zu erlangen, daß er im Frühling auf Reisen gehen dürfe. Da kam eines Tages von Böen ein Bote mit der Anfrage, ob er nicht zum Tischlern hinkommen könne.
Arne wurde ganz beklommen zumut, und er sagte ja, als ob er sich es nicht weiter überlege. Sowie der Bote fort war, sagte die Mutter: "Du kannst Dich freilich wundern! Von Böen!"--"Ist denn das so merkwürdig?" fragte Arne, sah sie aber nicht an. "Von Böen!" rief die Mutter noch einmal.--"Na, warum nicht daher gerade so gut wie von einem andern Hof?" Er blickte ein wenig auf.--"Von Böen und Birgit Böen!--Wo doch Baard um Birgits willen Deinen Vater zum Krüppel geschlagen hat!"---"Was sagst Du?" rief jetzt der Bursch. "Das war Baard Böen?"
Mutter und Sohn standen da und sahen sich an. Ein ganzes Leben zog an ihnen vorüber, und einen Augenblick lang sahen sie den schwarzen Faden, der sich durch alle Ereignisse hindurchzog. Nachher erzählten sie sich von jener Glanzzeit des Vaters, da die alte Eli Böen selbst um ihn für ihre Tochter Birgit geworben und einen Korb bekommen hatte; sie vergegenwärtigten sich alles bis zu dem Augenblick, da Nils zusammenbrach, und sie fanden beide, Baards Schuld sei die kleinere gewesen. Aber der den Vater zum Krüppel geschlagen hatte, war eben doch er gewesen.
"Bin ich noch immer mit dem Vater nicht fertig?" dachte Arne da und beschloß, sofort hinzugehen.
Als Arne mit der Handsäge auf der Schulter über das Eis auf Böen zuging, fand er das Gehöft sehr schön. Das Haus sah immer aus, als sei es neugestrichen; ihn fror ein bißchen, und deshalb kam das Haus ihm wohl so traulich vor. Er trat nicht gleich ein, sondern ging oben herum, wo der Kuhstall lag; da stand eine Schar langhaariger Ziegen im Schnee und knabberte die Rinde von Tannenzweigen; ein Schäferhund lief auf der Scheunenbrücke hin und her und bellte, als käme der Böse auf den Hof, aber sowie Arne stillstand, wedelte er mit dem Schwanz und ließ sich streicheln. Die Küchentür an der hinteren Seite des Hauses ging häufig auf, und Arne schaute jedesmal hin; aber entweder war es die Kuhmagd mit ihren Eimern oder die Schaffnerin, die den Ziegen etwas hinwarf. Drinnen in der Scheune wurde emsig gedroschen, und vorm Holzschauer zur Linken stand ein Knecht und hackte Holz; hinter ihm waren viele Haufen aufgeschichtet.--Arne stellte seine Säge hin und ging in die Küche; weißer Sand lag auf dem Fußboden und feinzerpflückter Wacholder war darüber gestreut; an den Wänden blitzten die Kupferkessel, und allerhand Krüge standen in Reih und Glied. Das Mittagessen wurde gekocht, und er fragte, ob Baard zu sprechen sei. "Geh nur in die Stube!" sagte eine Magd und wies nach der Tür; er ging; an der Tür war keine Klinke, sondern ein Messinggriff; drinnen war es hell und freundlich, die Decke mit vielen Rosen bemalt, die Schränke rot, mit dem Namen des Besitzers in schwarz darauf, das Bett genau so, nur mit blauen Streifen am Rande. Hinten am Ofen saß ein breitschultriger Mann mit einem gütigen Gesicht und langem gelben Haar und legte Reifen um einige Eimer; an dem langen Tisch saß eine Frau mit einer Haube auf dem Kopf, in einem enganschließenden Kleid, hoch und schlank. Sie teilte einen Haufen Korn in zwei Hälften. Sonst war weiter niemand in der Stube.
"Guten Tag und gute Verrichtung!" sagte Arne und nahm die Mütze ab. Beide blickten auf; der Mann lächelte und fragte, wer er sei. "Der hier tischlern soll."--Der Mann lächelte weiter und sagte, indem er den Kopf senkte und seine Arbeit wieder aufnahm: "Ach, Arne Kampen."--"Arne Kampen?" rief die Frau und starrte ihn an. Der Mann blickte kurz auf und lächelte wieder: "Der Sohn von Schneider Nils"; damit machte er sich wieder an die Arbeit.
Eine Weile drauf stand die Frau auf, ging an das Gesims, drehte sich um, ging an den Schrank, kehrte wieder um, und während sie im Tischkasten kramte, fragte sie ohne aufzusehen: "Soll der hier arbeiten?"--"Ja, das soll er", sagte der Mann, auch ohne aufzusehen. "Dir bietet wohl keiner einen Stuhl an", wandte er sich zu Arne. Der setzte sich dicht an die Tür; die Frau ging hinaus, der Mann arbeitete; deshalb fragte Arne, ob er auch anfangen könne. "Wir wollen erst Mittag essen."
Die Frau kam nicht wieder herein; aber als wieder die Küchentür aufging, kam Eli. Sie tat erst, als sähe sie ihn nicht; als er aufstand und auf sie zugehen wollte, blieb sie stehen und drehte sich um, um ihm die Hand zu geben; aber sie sah ihn dabei nicht an. Sie wechselten ein paar Worte; der Vater arbeitete.--Sie trug das Haar in Flechten, hatte ein Kleid mit engen Ärmeln an, war zierlich und schlank mit runden Handgelenken und kleinen Händen. Sie deckte den Tisch; das Gesinde aß in der andern Stube, Arne mit der Familie in dieser Stube; zufällig wurde heute getrennt gegessen, sonst aßen alle in der großen hellen Küche am selben Tisch.--"Kommt Mutter nicht?" fragte der Mann.--"Nein, sie ist auf dem Boden und wiegt Wolle."--"Hast Du sie gerufen?"--"Ja, aber sie sagt, sie mag nicht essen."--Eine Weile war's still. "Es ist doch kalt auf dem Boden."--"Sie wollte nicht, daß ich einheize."
Nach dem Mittagessen arbeitete Arne; am Abend war er wieder bei ihnen in der Stube. Jetzt war die Frau auch da. Die Frauen nähten; der Mann bastelte an allerlei kleineren Sachen herum; Arne half ihm; es blieb stundenlang still, denn Eli, die sonst wohl das Wort führte, sagte jetzt auch nichts. Mit Entsetzen dachte Arne, so sei es auch wohl oft zu Hause bei ihm; aber es war, als komme ihm das jetzt erst zum Bewußtsein. Eli seufzte einmal tief auf, als habe sie es jetzt lange genug ausgehalten, und dann fing sie zu lachen an. Da lachte der Vater auch, und Arne fand es ebenfalls komisch und stimmte mit ein; fortan sprachen sie allerhand; schließlich bloß er und Eli, und der Vater warf ab und zu ein Wort dazwischen. Als aber Arne einmal eine ganze Zeitlang geredet hatte, blickte er zufällig auf; da begegnete er Mutter Birgits Augen; sie hatte die Arbeit sinken lassen und saß und stierte ihn an. Jetzt nahm sie die Arbeit schnell auf, aber beim ersten Wort, das er sagte, blickte sie wieder in die Luft.
Es wurde Schlafenszeit, und jeder begab sich in seine Kammer. Arne wollte sich den Traum merken, den er die erste Nacht auf einer neuen Stelle hätte; aber es war kein Sinn darin. Tagsüber hatte er wenig oder nichts mit dem Bauer selbst gesprochen; in der Nacht aber träumte er einzig und allein von ihm. Das letzte war, daß Baard am Tisch saß und mit Schneider Nils Karten spielte. Der machte ein wütendes Gesicht und war ganz blaß; Baard aber lächelte und zog die Karten zu sich herüber.
Arne war nun mehrere Tage da, während deren so gut wie nichts gesprochen, wohl aber sehr viel gearbeitet wurde. Nicht bloß in der Wohnstube war es still, auch das Gesinde und die Tagelöhner, sogar die Mägde sagten nichts. Auf dem Hof war ein alter Hund, der bellte jedesmal, wenn Fremde kamen; nie aber hörten die Leute den Hund bellen, ohne daß einer sagte: "Kusch!" und dann schlich er knurrend beiseite und legte sich wieder hin. Daheim in Kampen war eine große Wetterfahne auf dem Dach, die sich im Winde drehte; hier war eine noch größere Fahne, die Arne auffiel, weil sie sich nicht drehte. Wenn nun der Wind heftig wehte, mühte sich die Fahne loszukommen, und Arne sah solange hin, bis es ihn aufs Dach trieb, die Fahne loszumachen. Sie war nicht festgefroren, wie er dachte, aber ein Pflock war eingeschlagen, daß die Fahne stillstehen sollte; den zog Arne heraus und warf ihn hinunter. Der Pflock traf Baard, der gerade des Wegs kam. Er blickte nach oben. "Was machst Du da?"--"Ich mache die Fahne los."--"Tu's nicht; sie kreischt, wenn sie geht." Arne saß rittlings auf dem Dachfirst: "Das ist doch besser, als wenn sie stillschweigt." Baard sah zu Arne hinauf und Arne zu Baard hinunter; da lächelte Baard: "Wer kreischen muß, wenn er sprechen will, tut doch wohl besser zu schweigen, mein' ich."
Nun kann es vorkommen, daß irgend ein Wort lange, nachdem es gesprochen ist, noch nachhallt, zumal wenn es das letzte war. Dies Wort folgte Arne, wie er in der Kälte vom Dach herunterkletterte, und es war ihm noch gegenwärtig, als er abends in die Stube trat. Da stand Eli im Abenddämmer am Fenster und schaute über das Eis hin, das im Mondschein blinkte. Er ging an das andre Fenster und schaute gleich ihr hinaus. Drinnen war es warm und still, draußen war es kalt; ein scharfer Abendwind strich durch das Tal und rüttelte an den Bäumen, daß die Schatten, die sie im Mondschein warfen, nicht still lagen, sondern auf dem Schnee hin- und herhuschten und schlichen. Vom Pfarrhaus herüber drang ein Lichtschein, glomm auf und verwehte oder nahm mancherlei Gestalten und Farben an, wie es einem immer vorkommt, wenn man zu lange hinstarrt. Darüber stand der Felsen, an seinem Grunde finster und geheimnisvoll, mondhell aber auf den höheren Schneefeldern. Der Himmel oben war ausgestirnt und fern an einer Seite ein zittriges Nordlicht, das sich aber nicht vorwagte. Ein Stück vom Fenster entfernt, unten am Wasser, standen Bäume, und ihre Schatten stahlen sich zueinander hin; eine große Esche aber stand einsam und zeichnete Figuren auf den Schnee.
Es war sehr still; nur manchmal inzwischen kreischte und heulte es in langgezogenen klagenden Lauten. "Was ist das?" fragte Arne.--"Das ist die Wetterfahne", sagte Eli, und dann fügte sie leise wie für sich selbst hinzu: "Sie muß losgegangen sein." Arne aber war wie einer, der etwas sagen wollte und es doch nicht konnte. Jetzt sagte er: "Weißt Du noch das Märchen von den Drosseln, die sangen?"--"Ja."--"Ach, richtig--Du hast es ja selbst erzählt.----Es war ein schönes Märchen."--Sie sagte mit so sanfter Stimme, daß er sie gewissermaßen zum erstenmal zu hören meinte: "Mir ist so oft, als singt etwas, wenn es ganz still ist."--"Das ist das Gute in uns." Sie blickte ihn an, als liege ein Zuviel in der Antwort; sie schwiegen hinterher auch beide. Dann fragte sie, während sie mit dem Finger auf den Scheiben malte: "Hast Du kürzlich ein Gedicht gemacht?" Da wurde er rot, das sah sie aber nicht. Deshalb fragte sie noch einmal: "Wie machst Du es, wenn Du dichtest?"--"Möchtest Du es gern wissen?"--"O ja."--"Ich achte auf die Gedanken, die die andern sich entschlüpfen lassen", antwortete er ausweichend.--Sie schwieg lange, denn sie machte wohl die Probe auf dieses Lied oder jenes, ob sie den Gedanken gehabt und sich hatte entschlüpfen lassen.--"Das ist doch seltsam", sagte sie wie zu sich selbst und fing wieder an, auf den Scheiben zu malen.--"Ich habe ein Gedicht gemacht, als ich Dich zum erstenmal sah".--"Wo war das?"--"Drüben beim Pfarrhof an dem Abend, als Du den Hof verließest;--ich hab' Dich im Wasser gesehen."--Sie lachte und stand eine Weile still: "Laß mich das Lied hören."--Arne hatte nie zuvor so etwas getan; jetzt aber versuchte er, ihr das Lied vorzusingen.
"Jung Venevil hüpfte auf leichtem Schuh Ihrem Liebsten zu" usw.
Eli war ganz Ohr; sie stand noch so, als es schon lange zu Ende war. Schließlich rief sie: "Nein, wie schade um sie!"--"Mir ist beinahe, als hätt' ich es gar nicht selbst gemacht", sagte er: denn er war nun verlegen, weil er es hergesagt hatte. Er konnte auch nicht begreifen, wie er auf den Gedanken gekommen war. Er stand und sann dem Liede nach. Da sagte sie: "Aber mir soll's doch wohl nicht so gehen?"--"Nein, nein, nein;--ich habe eigentlich an mich selbst dabei gedacht."--"Soll es Dir denn so ergehen?"--"Ich weiß nicht;--aber damals empfand ich so;--ja, ich begreife es gar nicht; aber mir war damals so schwer ums Herz."--"Das ist doch seltsam"; sie malte wieder auf den Scheiben.
Das nächste Mal, als Arne zum Mittagessen erschien, ging er zuerst ans Fenster. Draußen war es grau und trüb, drinnen warm und gut; an die Scheibe aber war mit dem Finger geschrieben: "Arne, Arne, Arne" und immerzu "Arne"; das war das Fenster, wo Eli am Abend vorher gestanden hatte.
Am Tage darauf aber kam Eli nicht hinunter; sie war krank. Sie war überhaupt die ganze Zeit über nicht recht munter; sie sagte es selbst, und man konnte es ihr auch ansehen.
Elftes Kapitel
Den nächsten Tag kam Arne herein und erzählte, was er eben auf dem Hof erfahren hatte: nämlich daß Mathilde, die Tochter des Pfarrers, in die Stadt gefahren sei; sie selbst glaube, nur für ein paar Tage,--tatsächlich aber solle sie ein Jahr oder zwei dort bleiben. Eli hatte bis jetzt keine Ahnung davon; sie wurde ohnmächtig und sank um.
Arne hatte so etwas nie vorher gesehen, und geriet in große Angst; er rannte nach den Mägden, die nach den Eltern, und die aus dem Hause; der ganze Hof geriet in Aufregung; der Schäferhund kläffte auf der Scheunenbrücke. Als Arne später wieder hineinkam, lag die Mutter vorm Bett auf den Knien; der Vater stützte der Kranken den Kopf. Die Mägde liefen hin und her, eine nach Wasser, eine andere nach Tropfen, die im Schrank standen, eine dritte knöpfte der Kranken die Jacke am Hals auf. "Gott sei Dir gnädig!" sagte die Mutter; "es war doch nicht richtig, daß wir nichts gesagt haben Du wolltest es ja so haben, Baard. O, Gott sei Dir gnädig!" Baard antwortete nicht. "Ich hab' es ja gleich gesagt, aber nichts geschieht nach meinem Willen. Gott helfe Dir! Immer bist Du so häßlich zu ihr, Baard. Du weißt eben nicht, wie ihr zumut ist; Du weißt ja nicht, wie's ist, wenn man einen lieb hat!" Baard antwortete nicht. "Sie ist nicht so wie die andern, die einen Kummer schon vertragen können; sie wirft er um, die Ärmste, so schmächtig wie sie ist. Und überhaupt jetzt, da sie sowieso schon nicht ganz gesund ist. Wach' doch auf, mein Kind, wir wollen auch immer gut zu Dir sein! Wach' doch auf, Eli, mein Kind und mach uns nicht solche Sorge!" Da sagte Baard: "Entweder schweigst Du zuviel oder Du redest zuviel"; er sah zu Arne hin, als möchte er nicht, daß der alles mitanhöre, und als solle er lieber gehen. Weil aber die Mägde in der Stube blieben, so blieb Arne auch da, doch er ging ans Fenster. Jetzt kam die Kranke soweit zu sich, daß sie um sich schauen konnte und die Anwesenden erkannte; aber da kam ihr auch die Erinnerung wieder, und sie schrie auf: "Mathilde!" und brach in ein krampfhaftes Weinen und Schluchzen aus, daß es schrecklich mitanzuhören war. Da suchte die Mutter sie zu beruhigen; der Vater stellte sich so, daß sie ihn sehen konnte, aber die Kranke stieß sie weg. "Weg!" rief sie; "ich habe Euch nicht lieb, weg!"--"Jesus Christus, Du hast Deine Eltern nicht lieb?" sagte die Mutter.--"Nein! Ihr seid hart gegen mich und nehmt mir die einzige Freude, die ich habe!"--"Eli, Eli! sei nicht so heftig", bat die Mutter herzlich.--"Doch, Mutter!" schrie sie, "einmal muß ich es sagen! Doch, Mutter! Ihr wollt mich mit dem schrecklichen Menschen verheiraten, und ich will ihn nicht. Ihr sperrt mich hier ein, wo ich jedes Mal froh bin, wenn ich herauskann. Und Ihr nehmt mir Mathilde, die einzige auf der Welt, die ich lieb habe, und nach der ich mich sehne. O Gott, was soll aus mir werden, wenn Mathilde nicht mehr hier ist,--besonders jetzt, da ich soviel, soviel auf dem Herzen habe, daß ich mir keinen Rat weiß, wenn ich nicht mit einem darüber reden kann!"--"Aber Du warst ja doch jetzt seltner bei ihr", sagte Baard.--"Was tut das, wenn ich sie drüben am Fenster weiß!" erwiderte die Kranke und weinte wie ein Kind, so daß es Arne war, als habe er bis zu diesem Tage noch keinen Menschen weinen hören.--"Du konntest sie aber doch von hier aus nicht sehen", sagte Baard.--"Ich sah aber das Haus", sagte sie, und die Mutter fügte erregt hinzu: "So was verstehst Du eben nicht." Da sagte Baard nichts mehr. "Jetzt kann ich nie mehr ans Fenster!" sagte Eli. "Morgens, wenn ich aufstand, ging ich hin; abends saß ich da im Mondschein, und dahin ging ich, wenn ich weiter keinen hatte, zu dem ich gehen konnte. Mathilde, Mathilde!" Sie wand sich im Bett und bekam wieder einen Weinkrampf. Baard setzte sich auf einen Schemel und blickte sie an.
Eli wurde aber nicht so schnell besser, wie man wohl angenommen hatte. Gegen Abend gewahrten sie erst, daß eine langwierige Krankheit im Anzug war, die ihr sicher schon lange in den Gliedern gelegen hatte, und Arne wurde hereingerufen, um sie in ihre Kammer tragen zu helfen. Sie war ohne Bewußtsein, war sehr bleich und lag ganz still; die Mutter setzte sich zu ihr, der Vater stand am Fußende des Bettes und sah sie lange an; nachher ging er hinunter an seine Arbeit. Arne ging auch; aber abends beim Schlafengehen betete er für sie, betete, daß sie, die so jung und schön war, es gut im Leben haben, und daß keiner sie um ihr Glück bringen möge.
Tags drauf saßen die Eltern beisammen und besprachen etwas, als Arne hineinkam; die Mutter hatte geweint. Arne fragte, wie es gehe; beide dachten, der andere werde antworten, und deshalb dauerte es eine ganze Zeit, bis Antwort kam; schließlich aber sagte der Vater: "Es geht recht schlecht."--Später erfuhr Arne, Eli sei die ganze Nacht ohne Bewußtsein gewesen oder habe dummes Zeug geredet, wie der Vater sagte. Jetzt lag sie in heftigem Fieber, erkannte niemand, wollte keine Speise zu sich nehmen und die Eltern saßen eben und berieten, ob sie den Doktor holen sollten. Als sie nachher nach oben gingen und bei der Kranken blieben und Arne wieder allein war, hatte er die Empfindung, da oben sei Leben und Tod zugleich; er aber sei ausgeschlossen.
Nach einigen Tagen wurde es etwas besser. Als der Vater einmal bei ihr wachte, hatte sie den Einfall: Narrifas, der Vogel, den Mathilde ihr geschenkt hatte, solle bei ihr vorm Bett stehen. Da sagte Baard der Wahrheit gemäß, in all dem Wirrwarr habe man den Vogel vergessen, und er sei gestorben. Die Mutter kam gerade in die Tür, als Baard das erzählte, und sie schrie auf: "Herrjeh, was bist Du für ein rücksichtsloser Mensch, Baard, dem kranken Kind so was zu erzählen! Siehst Du, da wird sie uns wieder ohnmächtig; Gott verzeih Dir die Sünde!" Immer, wenn die Kranke zu sich kam, rief sie nach dem Vogel, sagte, es könne Mathilde unmöglich gut gehen, da der Vogel gestorben sei, wollte hin zu ihr und fiel von neuem in Ohnmacht. Baard stand da und sah es mit an, bis es ihm zu bunt wurde. Da wollte er auch helfen; die Mutter aber schob ihn beiseite und sagte, sie werde schon allein auf die Kranke acht geben. Da sah Baard sie beide lang an, schob dann mit beiden Händen seine Mütze zurecht, drehte sich um und ging.
Später kamen der Pfarrer und seine Frau herüber, denn die Krankheit hatte Eli mit neuer Macht gepackt, und es wurde so schlimm, daß keiner wußte, ob es zum Leben oder zum Tode gehe.
Der Pfarrer wie auch seine Frau machten Baard Vorwürfe, er sei zu hart gegen das Kind; sie erfuhren die Geschichte mit dem Vogel, und da sagte ihm der Pfarrer rund heraus, das sei eine Roheit; er wolle das Kind zu sich ins Haus nehmen, sagte er, sobald sie hinübergeschafft werden könne; die Frau Pfarrer wollte ihn zuletzt gar nicht mehr sehen, sie weinte und saß bei der Kranken, ließ den Doktor holen, nahm selbst seine Anordnungen entgegen und kam dann täglich einigemal herüber, um Eli vorschriftsgemäß zu pflegen. Baard ging draußen auf dem Hof von einer Stelle zur andern, am liebsten so, daß er allein war, stand oft lange, lange auf einem Fleck, schob dann mit beiden Händen seine Mütze zurecht und nahm irgend eine Arbeit vor.
Die Mutter sprach nicht mehr mit ihm. Sie sahen sich kaum. Ein paarmal am Tage ging er zu der Kranken hinauf; dann zog er unten auf der Treppe die Schuhe aus, legte die Mütze draußen hin und öffnete behutsam die Tür. Sowie er hereinkam, drehte Birgit sich um, als habe sie ihn nicht gesehen, saß zusammengekauert da, den Kopf in die Hände gestützt und starrte vor sich hin auf die Kranke. Die lag still und bleich und wußte nicht, was um sie her vorging. Baard stand eine Weile am Fußende des Bettes, sah sie beide an und sagte nichts. Wenn die Kranke sich einmal bewegte, als wolle sie aufwachen, dann stahl er sich ebenso leise, wieder aus der Stube, wie er gekommen war.