Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 20
Sie flocht ihm eines aus ihrem hellen Haar: "Du nimmst es, nicht wahr?" Sie flocht, sie bot ihm zum seligen Bund Ihren roten Mund: Er nahm und bekam ihn--und ihr Herz in Flammen stund.
Sie flocht eines weiß in ein Lilienband: "Meine rechte Hand." Und eines, zu dem sie Blutrosen schnitt: "Meine linke mit." Er nahm sie alle beide,--doch sein Blick zur Seite glitt.
Sie flocht eins aus Blumen überallher: "Ich fand nicht mehr!" Sank weinend zu Boden, flocht weiter ohne Ruh: "Nimm die, alle, du!" Er sagte nichts und nahm sie nur--und floh den Bergen zu.
Sie flocht ihm eins ohne Farben ganz: "Meinen Hochzeitskranz!" Sie flocht, bis sie nichts mehr vor Tränen sah: "Setz' dir den auf, ja?" Doch da sie sich tat wenden, stand niemand mehr da.
Und weiter flocht sie, versunken ganz An dem Hochzeitskranz. Doch jetzt war es längst übers Fest Sankt Johanns, Weit der Lenz und sein Glanz: Noch aus Eisblumen flocht sie--doch im Flechten zerrann's... "Zum Fest Sankt Johanns-- Da gibt's Lachen und Tanz; Doch nicht aus jedem Kränzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!"
Es war die Wehmut in ihm, die auf das erste Liebesbild, das durch seine Seele zog, ihre tiefen Schatten warf. Eine doppelte Sehnsucht: jemanden lieb zu haben und etwas Großes zu werden, die beiden Wünsche verschmolzen in eins. In dieser Zeit arbeitete er wieder an dem Gedicht "Über die hohen Berge", änderte dran herum, sang und dachte bei sich selbst: "Es wird schon noch glücken; ich singe solange, bis ich den Mut finde." Er vergaß die Mutter in diesen seinen Wandergedanken nicht; er tröstete sich nämlich mit dem Vorsatz: sobald er festen Fuß in der Fremde gefaßt habe, würde er sie holen und ihr ein Los bereiten, wie er es daheim nimmermehr sich oder ihr schaffen könne. Mitten in diese große Sehnsucht hinein aber stahl sich etwas Stilles, Frisches, Feines, huschte weg und kam wieder, tauchte auf und verschwand, und da er zum Träumer geworden war, hatten diese unwillkürlichen Gedanken weit mehr Macht über ihn, als ihm selber bewußt war.
Im Dorf lebte ein vergnüglicher alter Mann, Ejnar Aasen mit Namen. Als Zwanzigjähriger hatte er sich das Bein gebrochen; seit der Zeit ging er am Stock; aber wo er mit seinem Stock angehumpelt kam, ging es lustig zu. Der Mann war reich; ein großes Gehölz von Nußsträuchern lag auf seinem Grund und Boden, und an einem recht schönen, sonnigen Tag im Herbst pflegte eine ganze Schar fröhlicher Mädchen bei ihm zum Nußpflücken versammelt zu sein. Tags war große Bewirtung und abends Tanz. Bei den meisten Mädchen hatte er Gevatter gestanden; denn er stand beim halben Dorf Gevatter; alle Kinder nannten ihn Pate, und alt und jung sprach es nach.
Der Pate war mit Arne sehr gut bekannt und mochte ihn um seiner Lieder willen gern leiden. Jetzt lud er ihn zur Nußernte ein. Arne errötete und machte Ausflüchte; er sei es nicht gewöhnt, mit Frauenzimmern zusammen zu sein, sagte er. "So mußt Du Dich dran gewöhnen", antwortete der Pate.
Arne konnte nachts bei dem Gedanken nicht schlafen; Furcht und Sehnsucht stritten in ihm: aber das Ende vom Lied war: er ging hin und war der einzige Bursch unter all den Frauenzimmern. Er konnte sich eine Enttäuschung nicht verhehlen; das waren nicht solche, wie er sie besungen hatte, auch nicht solche, vor denen er Angst gehabt hatte. Sie machten eine Wirtschaft, wie er sein Lebtag nicht gesehen hatte, und am meisten wunderte er sich darüber, daß sie über nichts und wieder nichts lachen konnten; und wenn drei lachten, dann lachten die andern fünf auch, bloß weil die drei lachten. Alle benahmen sich, als lebten sie Tag für Tag zusammen, und viele hatten sich bis jetzt noch nie gesehen. Wenn sie den Zweig erhaschten, nach dem sie in die Höhe sprangen, lachten sie drüber, und wenn sie ihn nicht erhaschten, lachten sie auch. Sie balgten sich um den Nußhaken; die ihn eroberten, lachten, und die ihn nicht eroberten, lachten auch. Der Pate humpelte am Stock hinter ihnen her und trieb allen möglichen Schabernack mit ihnen. Die er haschte, lachten, weil er sie haschte; und die er nicht haschte, lachten, weil er sie nicht haschte. Alle miteinander aber lachten sie über Arne, weil er solch ein ernstes Gesicht machte, und als er dann lachen mußte, lachten sie, weil er endlich lachte.
Schließlich setzten sie sich auf eine Anhöhe, der Pate in die Mitte und die Mädchen alle um ihn herum. Da hatte man einen weiten Blick; die Sonne stach, aber sie kümmerten sich nicht drum, bewarfen sich mit den Nußschalen und den Hülsen und gaben dem Paten die Kerne. Der Pate versuchte sie zum Schweigen zu bringen und schlug mit seinem Stock um sich, soweit er reichte, denn er wünschte, jetzt solle etwas erzählt werden, etwas recht Lustiges. Aber sie zum Geschichtenerzählen zu bewegen, schien schwieriger zu sein, als einen bergab sausenden Wagen aufzuhalten. Der Pate fing an; manche wollten nichts hören, denn seine Geschichten kannten sie schon; aber schließlich hörte doch alles zu. Und ehe sie sich's versahen, waren sie mitten drin im besten Erzählen. Da wunderte sich Arne wieder über eins: so lebhaft sie vorhin gewesen waren, so ernst waren jetzt ihre Geschichten. Sie handelten meistens von Liebe.
"Aber Du, Aase, kennst eine hübsche; das weiß ich noch vom vorigen Jahr", sagte der Pate und wandte sich an ein stattliches Mädel mit einem gutmütigen, rundlichen Gesicht; sie saß und flocht ihrer jüngeren Schwester, die den Kopf in ihren Schoß gelegt hatte, das Haar. "Die kennen aber wohl viele", antwortete sie. "Erzähl' sie doch", baten alle. "Ich will mich nicht lange nötigen lassen", sagte sie und erzählte und sang, während sie immer weiter flocht:
"Es war einmal ein Bursch, der hütete das Vieh, und er trieb die Herde am liebsten an einem breiten Fluß entlang. Wenn er höher hinaufkam, war da ein Felsen, der soweit in den Fluß hinausragte, daß der Bursch nach der andern Seite hinüberrufen konnte. Denn drüben auf der andern Seite war ein Hirtenmädchen, das er den ganzen Tag über vor Augen hatte, ohne zu ihr kommen zu können.
Dei' Blas'n, des geht mir Ganz sakrisch in's Bluet. Geh, Deandl, wie hoaßt denn? Du g'fallst mer so guet!
Ein paar Tage lang wiederholte er dieselbe Frage und schließlich bekam er Antwort:
Mit der Liab' in dein' Herz'n Und dein' Bockshuet a'm Kopf-- Schwimm 'rüber, wenns d'Schneid hast, Du damischer Tropf!
Da war der Bursch so klug wie vorher und nahm sich vor, sich nicht weiter um sie zu kümmern. Das ging aber nicht so einfach; denn er mochte die Herde treiben, wohin er wollte, immer zog es ihn wieder zum Felsen hin. Da wurde dem Burschen bange, und er rief:
Wo hat denn dei' Vota Sei' Hütt'n hi'baut, Daß koaner am Kirchgang Di nie net derschaut?
Der Bursch glaubte nämlich halb und halb, sie müsse eine Waldhexe sein.
Mei' Vota is tot Und die Hütt'n verbrennt-- I hab' no' mei' Lebtag Koan' Pfarrer net 'kennt.
Hieraus wurde der Bursch ebensowenig klug. Den Tag über war er auf dem Felsen; des Nachts träumte er, sie tanze um ihn herum, und jedes Mal, wenn er sie haschen wollte, schlage sie mit einem langen Kuhschweif nach ihm. Er fand kaum noch Schlaf; arbeiten konnte er auch nicht mehr, und es war um den Burschen übel bestellt.
Wenns d'a Trud bist, na mog i Nix wissn vo' dir, Aber bist nur a Deandl, Na ko'st red'n mit mir.
Aber es kam keine Antwort, und da stand es bei ihm fest, sie müsse eine Waldhexe sein. Er gab das Viehhüten auf, aber da wurde es auch nicht besser; denn wo er ging und stand, und was er auch tat, immer dachte er an die schöne Waldhexe, die das Horn blies.
Als er eines Tages stand und Holz hackte, kam ein Mädchen über den Hof gegangen, das leibhaftig wie die Waldhexe aussah. Aber als sie näher herankam, war sie es doch nicht. Das ging ihm im Kopf herum; da kam das Mädchen zurück, und von weitem war es die Waldhexe, und er lief ihr entgegen. Aber sowie sie näher herankam, war sie es doch nicht.
Fortan mochte der Bursch sein, wo er wollte, in der Kirche, beim Tanz oder bei andrer Geselligkeit,--das Mädchen war auch da; von weitem sah sie aus wie die Waldhexe, in der Nähe war sie eine andere; er fragte sie dann, ob sie es sei oder ob sie es nicht sei; sie aber lachte ihn aus. Man kann gerade so gut hineinspringen wie hineinkriechen, dachte der Bursch, und also heiratete er das Mädchen.
Als das aber geschehen war, mochte er das Mädel nicht mehr leiden. War er fern von ihr, so sehnte er sich nach ihr; war er bei ihr, so sehnte er sich nach einer, die er nicht sah. Deshalb behandelte der Bursch seine Frau schlecht; sie ertrug es und schwieg.
Eines Tages aber, als er die Pferde holen wollte, kam der Bursch an den Felsen, setzte sich nieder und rief:
Der Mond und die Sterndln Und 's Wasser derzua-- Es rihrt si weitum nix-- Nur i hob koan Ruah.
Es tat dem Burschen wohl, da zu sitzen, und von nun an ging er immer hin, wenn es ihm zu Haus nicht gefiel. Seine Frau weinte, wenn er fort war.
Eines Tages aber, als er so dasaß, da saß auch die Waldhexe leibhaftig am andern Ufer und blies ihr Horn!
Da bist ja, da hockst ja Und blas't wie net g'scheit! Und i mueß grod woana-- Tuet jed's, wos eahm g'freit.
Da antwortete sie:
Deine Äugerln mach zue, Über d' Ohr'n ziag dein' Huet! Schau mi net an, hör' mi net an-- 'S tuet d'r net guet!
Da wurde aber dem Burschen bange, und er ging wieder nach Hause. Doch es dauerte nicht lange, da war er seiner Frau so überdrüssig, daß er wieder in den Wald zu seinem Platz am Felsen mußte. Da klang es ihm entgegen:
Mir hat's alleweil traamt: Es fangt mi no wer!-- Ja, Gernhab'n is leicht, Aber Fanga is schwer...
Der Bursch fuhr in die Höhe und schaute sich um, und da schlüpfte ein grüner Rock zwischen den Büschen hin. Er hinterher. Nun ging die Jagd durch den ganzen Wald. So leichtfüßig, wie die Waldhexe war, konnte kein Menschenkind sein; er warf einmal ums andere die Schlinge nach ihr; sie lief immer gleich schnell weiter. Aber endlich begann sie müde zu werden, das sah der Bursch an den Fußspuren; doch er sah auch an ihrer ganzen Gestalt, daß sie wirklich die Waldhexe war und keine andere. Jetzt hab' ich Dich', dachte der Bursch, und stürzte mit einem Mal so ungestüm auf sie zu, daß er und die Waldhexe ein ganzes Stück den Abhang hinunterkugelten, bis sie liegen blieben. Da lachte die Waldhexe, daß es in den Bergen klang, wie dem Burschen schien; er nahm sie auf den Schoß, und sie war genau so schön, wie er sich seine eigne Frau gewünscht hatte. 'O sag', wer bist Du nur, Du Süße?' fragte der Bursch und streichelte sie, und ihr glühten die Backen. 'Aber mein Gott, ich bin doch Deine eigene Frau', sagte sie."
Die Mädchen lachten und machten sich über den Burschen lustig. Der Pate aber fragte Arne, ob er auch gut zugehört habe.
----"Na, jetzt will ich mal was erzählen", sagte eine Kleine mit einem runden Gesichtchen und einer winzig kleinen Nase.
"Es war einmal ein sehr kleiner Bursch; der wollte gern ein kleines Mädel heiraten. Erwachsen waren sie alle beide, aber sie waren gar klein von Gestalt. Und der Bursch konnte mit der Werbung nicht ins reine kommen. Er war in der Kirche an ihrer Seite, aber dann wurde immer vom Wetter gesprochen; er war beim Tanz mit ihr zusammen und tanzte sie fast kaputt; aber sagen tat er nichts. 'Du mußt schreiben lernen, dann geht's leichter', sagte er sich,--und der Bursch machte sich ans Schreiben; er dachte immer, es sei nicht schön genug, und deshalb übte er ein halbes Jahr, bis er an einen Brief denken konnte. Nun galt es, ihn ihr so zuzustecken, daß keiner es sah, und einmal hinter der Kirche traf es sich so, daß sie allein standen. 'Ich hab' einen Brief für Dich', sagte der Bursch. 'Aber ich kann kein Geschriebenes lesen', antwortete das Mädchen.--Na, da stand der Bursch da.--Er zog nun bei dem Vater des Mädchens in Dienst und wich ihr den lieben langen Tag nicht von der Seite. Einmal war er nahe daran zu reden; er tat schon den Mund auf, aber da flog ihm eine große Fliege hinein.--'Wenn bloß keiner kommt und sie mir wegschnappt', dachte der Bursch. Aber es kam keiner und schnappte sie ihm weg, denn sie war gar so klein.--Aber schließlich kam doch einer; denn der war auch nur so klein. Der Bursch merkte recht gut, was er wollte, und als die beiden zusammen auf die Altane gingen, setzte der Bursch sich vors Schlüsselloch. Jetzt warb der da drinnen um sie. 'Herrjeh, ich Dummkopf, daß ich mich nicht beeilt habe!' dachte der Bursch. Der da drinnen küßte das Mädel mitten auf den Mund.--'Das schmeckt gewiß gut', dachte der Bursch. Der da drinnen aber nahm das Mädel auf den Schoß. 'Ist das 'ne Welt!' sagte der Bursch und fing zu weinen an. Das hörte das Mädchen und ging an die Tür: 'Was willst Du eigentlich von mir, Du dummer Bengel; kannst Du mich nicht in Ruh lassen'--'Ich?--ich möchte bloß bitten, daß ich Dein Brautführer sein darf.'--'Nein, das sollen meine Brüder sein', antwortete das Mädchen und warf die Tür zu.--Na, da hatte der Bursch das Nachsehen"
Die Mädchen lachten sehr über diese Geschichte und warfen sich dann wieder mit Nußschalen.
Der Pate wünschte, Eli Böen solle etwas erzählen. Was denn aber?! Ja, sie solle erzählen, was sie ihm auf der Anhöhe erzählt hatte, als er das letztemal bei ihnen war, damals als sie ihm die neuen Strumpfbänder geschenkt hatte. Es dauerte eine Weile, bis Eli sich entschloß, denn sie lachte fürchterlich; aber dann erzählte sie:
"Ein Mädchen und ein Bursch gingen zusammen spazieren. 'O sieh bloß die Drossel, die hinter uns herfliegt', sagte das Mädchen. 'Die fliegt hinter mir her', sagte der Bursch.--'Kann ebensogut hinter mir sein', antwortete das Mädchen.--'Das werden wir bald sehen', meinte der Bursch; Jetzt gehst Du den unteren Weg und ich den oberen, und da hinten treffen wir wieder zusammen.' Das taten sie. 'Ist sie etwa nicht mit mir geflogen?' fragte der Bursch, als sie wieder zusammenkamen. 'Nein, sie ist ja hinter mir hergeflogen', antwortete das Mädchen.--'Dann müssen hier zwei sein.' Sie gingen zusammen ein Stück weiter; aber es war doch bloß eine; der Bursch behauptete, sie fliege auf seiner Seite, das Mädchen dagegen behauptete, sie fliege auf ihrer. 'Ich schere mich den Teufel um die Drossel', sagte der Bursch. 'Na, ich auch', antwortete das Mädchen.--Sowie sie das aber gesagt hatten, war auch die Drossel verschwunden. 'Das war auf Deiner Seite', sagte der Bursch. 'Na, ich danke schön! ich hab' genau gesehen, daß es auf Deiner war.----Aber da!--da ist sie ja wieder!' rief das Mädchen. 'Ja, auf meiner Seite!' rief der Bursch. Nun wurde aber das Mädchen böse. 'Ich verdiente ja den Strick, wenn ich noch weiter mit Dir ginge!' und damit ging sie ihren eignen Weg.--Da verließ die Drossel den Burschen, und es wurde ihm so langweilig, daß er zu rufen anfing. Sie antwortete. 'Ist die Drossel bei Dir?' rief der Bursch. 'Nein, aber ist sie bei Dir?'--'Ach nein! Du mußt wieder herkommen, dann fliegt sie vielleicht auch wieder mit,' Und das Mädchen kam. Sie faßten sich an der Hand und gingen zusammen weiter. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Mädchen. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt!' klang es neben dem Burschen. 'Kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt, kiwitt', rief es an allen Seiten, und als sie hinsahen, flogen hunderttausend Millionen Drosseln um sie herum. 'Nein, wie seltsam!' sagte das Mädchen und blickte zu dem Burschen auf. 'Gott schütze Dich!' sagte der Bursch und strich dem Mädchen über die Wange."
Diese Geschichte fanden alle Mädchen sehr schön.
Dann schlug der Pate vor, sie sollten erzählen, was sie diese Nacht geträumt hätten, und dann wollte er entscheiden, wer den schönsten Traum gehabt habe. Nein, erzählen zu sollen, was sie geträumt hatten! Nein, so was! Und es entstand ein Gelächter und Getuschle ohne Ende. Dann aber sagte eine nach der andern, sie habe solchen schönen Traum heut nacht gehabt; so schön wie der, den sie gehabt hätten, könnt' er aber auf keinen Fall gewesen sein, sagten wieder andere. Und schließlich wollten sie alle gern ihre Träume erzählen. Aber es durfte nicht laut sein; nur einer sollte es hören, aber nicht der Pate. Arne saß still ein Stückchen abseits,--dem konnte man sie erzählen.
Arne setzte sich unter eine Hasel, und dann kam die zu ihm hin, die zuerst erzählt hatte. Sie besann sich eine ganze Zeit, dann aber erzählte sie: "Mir träumte, ich stände an einem großen Wasser. Da sah ich einen über das Wasser gehen; wer's war, sag' ich nicht. Er setzte sich in eine große Seerose hinein und sang. Ich aber stieg auf eins der großen Blätter, die die Seerose hat, und die auf dem Wasser schwimmen; auf dem wollte ich zu ihm hinüberrudern. Aber kaum stand ich auf dem Blatt, als es mit mir zu sinken begann, so daß ich Angst bekam und weinte. Da ruderte er in der Seerose heran, zog mich zu sich in die Blume hinein und fuhr mit mir über das ganze Wasser.--War das nicht ein schöner Traum?"
Nun kam die Kleine, die vorhin die Geschichte von den Kleinen erzählt hatte: "Mir träumte, ich hätte einen kleinen Vogel gefangen, und ich freute mich so, und wollte ihn auch nicht loslassen, bis ich zu Haus in der Stube sei. Aber da konnte ich ihn nicht los lassen, weil sonst die Eltern mir gesagt hätten, ich solle ihn wieder hinausbringen. So ging ich mit ihm auf den Boden; aber da schlich lauernd die Katze umher, und so konnte ich ihn hier doch auch nicht loslassen. Da wußte ich meiner Seele keinen Rat und ging in die Scheune. Gott, da waren so viele Ritzen, wie leicht hätte er durchschlüpfen können. Na, da ging ich wieder auf den Hof hinunter, und da stand einer, wer, sag' ich nicht. Er spielte mit einem ganz großen Hund. 'Ich möchte lieber mit Deinem Vogel spielen', sagte er und kam ganz nahe heran. Ich lief fort, und er und der große Hund hinterher, und ich lief über den ganzen Hof; da aber machte Mutter die Tür auf, zog mich hinein und warf die Tür zu. Draußen aber stand der Bursch mit dem Gesicht an den Scheiben und lachte. 'Guck', hier ist der Vogel!' sagte er--und denk nur, da hatte er den Vogel.--War das nicht ein hübscher Traum?"
Dann kam die, die von den Drosseln erzählt hatte. Eli hatten sie zu ihr gesagt. Das war dieselbe Eli, die er an jenem Abend im Boot und im Wasser gesehen hatte. Es war dieselbe und auch wieder nicht dieselbe; so groß und schön saß sie da mit dem feinen Gesicht und der schlanken Gestalt. Sie wollte sich halb totlachen, und so dauerte es eine ganze Zeit, bis sie soweit war; dann aber erzählte sie: "Ich hatte mich so sehr drauf gefreut, heute ins Nußholz zu kommen, und da träumte mir heut nacht, ich säße hier auf dem Hügel. Die Sonne schien, und ich hatte den ganzen Schoß voll Nüsse. Aber da war auf einmal ein kleines Eichhörnchen mitten unter den Nüssen; es hockte auf meinem Schoß und aß die ganzen Nüsse auf.--War das nicht ein komischer Traum?"
Und noch mehr Träume wurden ihm erzählt; dann aber sollte er sagen, welcher der schönste sei. Er bat sich Bedenkzeit aus, und unterdes zog der Pate mit der ganzen Schar zum Gehöft hinunter, und Arne sollte nachkommen. Sie sprangen die Anhöhe hinab, stellten sich, als sie in die Ebene gekommen waren, in Reihen auf und wanderten singend heimwärts.
Er saß allein und lauschte dem Gesang; die Sonne fiel gerade auf die Mädchenschar, so daß ihre weißen Hemdärmel schimmerten. Dann und wann faßte die eine die andre um; sie tanzten über die Wiese hin, der Pate mit dem Stock hinterher, weil sie ihm das Grummet niedertraten. Arne dachte nicht mehr an die Träume; er sah bald überhaupt nicht mehr zu den Mädchen hin; seine Gedanken zogen sich wie feine Sonnenfäden über das Tal, und er saß allein auf dem Hügel und spann. Ehe er's recht wußte, war er mitten in einem dichten Gewebe von Schwermut; er sehnte sich hinaus in die Welt, wie noch nie. Er nahm sich das feste Versprechen ab, sowie er nach Hause komme, mit der Mutter drüber zu reden; es mochte gehen, wie es wolle.
Seine Gedanken wurden immer mächtiger und strömten in das Lied aus: "Über die hohen Berge." So schnell waren ihm nie die Worte gekommen und nie hatten sie sich so sicher aneinandergefügt; sie waren fast wie die Mädchen, die im Kreise auf dem Hügel saßen. Er hatte ein Stück Papier bei sich und schrieb auf seinen Knien, und als er das Lied zu Ende geschrieben hatte, stand er wie erlöst auf, mochte nicht unter Menschen, sondern ging den Waldweg heimwärts, obschon er wußte, er werde dann die Nacht mit zu Hilfe nehmen müssen. Als er unterwegs zum erstenmal Rast machte, wollte er das Lied herausholen und es weithin schmettern; aber da hatte er es liegen lassen, wo er es gemacht hatte.
--Eins der Mädchen suchte ihn auf dem Hügel und fand ihn nicht, wohl aber das Lied.
Zehntes Kapitel
Mit der Mutter zu reden, war leichter gedacht als getan. Er machte Anspielungen auf Kristian und die Briefe, die nicht kamen; aber die Mutter wandte ihm den Rücken, und tagelang hinterher war ihm, als habe sie rotgeweinte Augen. Er hatte auch noch ein anderes Merkmal dafür, wie es stand,--nämlich, daß er besonders gutes Essen bekam.
Eines Tages mußte er hinauf in den Wald und Holz holen. Der Weg führte mitten durch den Forst, und gerade an der Stelle, wo er Holz fällen wollte, wurden im Herbst immer Preißelbeeren gepflückt. Arne hatte die Axt aus der Hand gelegt, um die Jacke auszuziehen, und wollte gerade an die Arbeit gehen, als zwei Mädchen mit ihren Beerentöpfen des Wegs kamen. Er versteckte sich lieber, als mit Mädchen zusammenzutreffen, und das tat er jetzt auch.
"Nein, aber nein, die vielen Beeren! Eli, Eli!"--"Ja, ja, ich sehe schon!"--"Aber so geh doch nicht weiter! hier sind ja Eimervoll!"--"Raschelt es da nicht im Busch?"--"Ach, wirklich!" und die Mädchen drängten sich aneinander und faßten sich um. Sie standen eine lange Zeit so still, daß sie kaum atmeten. "Es ist doch wohl nichts; wir wollen ruhig pflücken."--"Ja, ich glaub' auch, wir pflücken ruhig."--Und nun pflückten sie.--"Es war nett von Dir, Eli, daß Du heut ins Pfarrhaus kamst.--Hast Du mir denn auch was zu erzählen?"--"Ich bin bei dem Paten gewesen."----"Ja, das hast Du mir gesagt;--aber hast Du mir nichts von dem Bewußten zu erzählen?"--"O doch!"--"Ach wirklich? Eli, ist das wahr? Schnell, so erzähl' doch!"--"Er ist wieder bei uns gewesen!"--"Ist nicht möglich!"--"Doch, ganz gewiß; die Eltern taten, als sähen sie es nicht; ich aber lief auf den Boden und versteckte mich."--"Weiter, weiter! Kam er dann nach?"--"Ich glaube, Vater hatte ihm gesagt, wo ich war; Vater ist doch immer so!"--"Und dann kam er? Setz' Dich, setz' Dich hier zu mir!--Also, dann kam er?"--"Ja, aber gesagt hat er nicht viel; er war so schüchtern."--"Jedes Wort muß ich wissen, hörst Du, jedes Wort!"--"Hast Du Angst vor mir?" sagte er. "Warum sollt' ich Angst haben?" sagte ich. "Du weißt, was ich von Dir will", sagte er und setzte sich neben mich auf die Truhe.--"Neben Dich!"--"Und dann faßte er mich um die Taille."--"Um die Taille, ist's möglich?"--"Ich wollte mich gern wieder frei machen, aber er wollte mich nicht loslassen. Liebe Eli, sagte er--", sie lachte und die andere lachte auch.--"Nun? Nun?"--"Willst Du meine Frau sein?"--"Ha, ha, ha!"--"Ha, ha, ha."--Und dann beide: "Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha!--"
Endlich mußte das Lachen doch ein Ende nehmen, und dann blieb es lange still; da fragte die erste ganz leise: "Du,--war das nicht komisch, als er Dich um die Taille faßte?"
Entweder antwortete die andere hierauf nicht oder doch so leise, daß man es nicht hören konnte, vielleicht auch nur mit einem Lächeln. Nach einer Weile fragte die erste: "Haben Deine Eltern nachher was gesagt?"--"Vater kam herauf und sah mich an, aber ich verkroch mich immer; denn er lachte, wenn er mich ansah."--"Aber Deine Mutter?"--"Nein, die sagte nichts; aber sie war nicht so streng wie sonst."--"Ja, Du hast ihn also ausgeschlagen?"--"Natürlich."--Dann blieb es wieder lange still.