Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 2

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Der Abend bricht an, die Sonne steht rot, Von Strahlen entlodert der Himmelsbogen; Lichtsehnender Glanz in unendlichen Wogen Verklärt das Gebirg' wie ein Antlitz im Tod. Es flammen die Kuppeln; doch mehr im weiten Die Nebel, die schwarzblaue Felder umbreiten, Ruhn drüber gleichwie das Vergessen zuvor: Dies Tal deckt tausendjähriger Flor. Abend so rot und warm, Lärmenden Volkes Schwarm, Glutende Hornmusik, Blumen und Feuerblick!-- Rings stehen in stummen Marmor gebannte Heroen der Vorzeit, kaum gekannte.

Wie Opferdampf in errötender Luft Hat Vespergeläut' die Schwingen entfaltet; Die heilige Dämmrung der Kirchen waltet, Gebete zittern in Wort und in Duft. Hell glühn die Sabiner, die lichtumflirrten, Es blitzt die Campagna von Feuern der Hirten, Und Romas Lichter, sie glitzern sacht Wie Sagen durch der Geschichte Nacht. In den Dämmerschein Steigen Raketen hinein;-- Fröhlicher Menschen viel Lachen beim Morraspiel, Und jeder Gedanke versucht in Tönen Und Farben sich mit dem All zu versöhnen.

Das Licht unterlag in lautlosem Kampf; Es wölbt sich der Himmel in stahlblauem Dunkel, Entlockt seinen Tiefen der Sterne Gefunkel, Die Erde versinkt in Nebel und Dampf. Nun wendet sich stadtwärts der Augen Flug: Dort naht mit Fackeln ein Leichenzug; Er sucht die Nacht; doch der Lichtglanz mag Ihm Hoffnungen zuwehn vom ewigen Tag. Zechen und Mönchsgesang, Tanz, Mandolinenklang Werden betäubt zugleich Kräftig vom Zapfenstreich;-- Durch pochender Träume lebendiges Schwanken Mitschimmert das Taglicht im Gedanken.

Still wird es; der Himmel, noch dunkeler blau, Läßt unter seinen unendlichen Räumen Sowohl von Vergangnem wie Künftigem träumen-- Unsicheres Blinken im brütenden Grau. Doch geben wird Roma das Flammenzeichen, Weit sichtbar rings in Italiens Reichen: Mit Glockengeläut' und Kanonengedröhn Aufschwebt die Erinnrung zu neuen Höhn!-- Köstlich tut Sängermund Hoffnung und Glauben kund, Bringt einem jungen Paar Ständchen zur Laute dar. Die stärkere Sehnsucht ruht süß im Hafen;-- Die mindere lächelt und will nicht schlafen.

ACH, WÜSSTEST DU NUR!

Ich darf dich zu sprechen mich nimmer getraun, Du wagst nicht, zu mir herunterzuschaun; Doch seh' ich dich immer am Fenster stehen, Muß immer dort auf und nieder gehen. Dann schleicht mein Denken auf heimlicher Flur Und wagt nicht zu folgen der eigenen Spur! Ach, wüßtest du nur!

Als festgewurzelt ich Wache hier stand, Hast oft du spröde dich abgewandt; Doch seit ich seltner den Weg genommen, Nun dünkt mich, du wartest auf mein Kommen. Zwei Augen, sie flechten die Angelschnur; Weh dem, der ihren Zauber erfuhr! Ach, wüßtest du nur!

Ja, wenn du ahntest, du Engelsgesicht, Daß ich hier unten ersann ein Gedicht, Das just auf Flügeln wollte gelangen Dorthin, wo du stehst in lieblichem Prangen! Doch hörst du ihn nie, den verstohlenen Schwur. Leb' wohl; dir lächle des Glückes Azur! Ach, wüßtest du nur!

DIE ENGEL DES SCHLAFES

Als rosig das Kind In Schlummer fiel, Nahten ihm Engel Mit Lachen und Spiel. Und die Mutter stand vor ihm, als es erwachte: "Wie schön mein Kleines im Schlafe lachte!".

Zu Gott ging sie bald, Weg gab man das Kind; Einschlief's in der Fremde, Vom Weinen schier blind; Doch Kosen und Mutterwort hellten die Räume: Denn die Engel lachten ihm kindliche Träume.

Heran wächst das Kind, Die Träne erstarrt; Einschläft's mit Gedanken; Die lasten so hart! Doch nicht weichen die Engel, sie scheuchen die Sorgen: "Schlafe! Im Frieden des Schlafs geborgen!"

DAS MÄDCHEN AM STRAND

Sie ging am Strande so jung dahin, Sie dachte an nichts in ihrem Sinn. Da kam ein Maler geschritten heran, Der im Schatten sodann, In des Meeres Bann, Den Strand und sie zu malen begann.

Langsamer im Kreise ging sie dahin; Ein einziger Gedanke, der lag ihr im Sinn: Sie dacht' an das Bild auf der Leinewand, Wo sie selber stand, Sie selber am Strand, Und im Meer mit dem Himmel gespiegelt sich fand.

Es trieb, es zog ein Traum sie dahin; Sie dachte an vieles in ihrem Sinn: Weit, weit übers Meer und doch so nah Zum Strand, den sie sah, Zum Mann allda-- Ei, was für ein sonniges Wunder geschah!

HEIMLICHE LIEBE

Er saß im Winkel allein; Sie schwang sich lustig im Reihn. Sie scherzte, sie lachte Mit einem, mit zwein... O, daß sie ihm das tun mußte! Doch niemand war, der davon wußte.

Sie hofft' auf den Abend ein Wort. Er sagte Lebwohl und--ging fort. Sie weinten, ein jedes, Sie hier und er dort, Ob eines Lebens Verluste. Doch niemand war, der davon wußte.

Er sah von der Erde ein Stück. Doch Heimweh trieb ihn zurück.-- Sein Bild war geblieben Ihr einziges Glück, Bis daß sie zu Gott gehen mußte. Doch niemand war, der davon wußte.

OLAV TRYGVASON

Weiß von Segeln die Nordsee blitzt; Hoch am Steuer im Morgen sitzt Erling Skjalgsson von Sole,-- Späht übers Meer gen Dänemark: Wo bleibt Olav Trygvason?

Sechsundfünfzig füllten den Plan, Harrende Drachen; gen Dänemark sahn Sonnbraune Mannen;--da scholl es: "Wollte der Orm nicht kommen? Wo bleibt Olav Trygvason?"

Doch als beim nahenden Morgengraun Noch kein Mast am Himmel zu schaun, Schwoll der Ruf wie ein Sturm an: "Wollte der Orm nicht kommen? Wo bleibt Olav Trygvason?"

Stille, stille zur selben Stund Alle standen: von Meeres Grund Stieg's empor wie ein Seufzen: "Längst ist der Orm genommen, Tot liegt Olav Trygvason."

Alle hundert Jahre seither Raunt um Norwegens Schiffe das Meer Dumpf in mondigen Nächten: "Längst ist der Orm genommen, Tot liegt Olav Trygvason."

SEUFZER

Abendsonnenfunkeln Nie durch meine Scheiben bricht, Auch die Morgensonne nicht;-- Stets bin ich im Dunkeln.

Sonne, sprich, wann gleitet In die Kammer mir dein Schein? Fällt kein Strahl ins Herz hinein, Das im Finstern streitet?

Meinem Kindersehnen, Morgensonne, bist du gleich; Wenn du spielst so rein und weich, Quellen mir die Tränen.

Abendsonnenfrieden, Ach, du gleichst des Weisen Ruh; Meinem Fensterlein wirst du Künftig sein beschieden.

Morgensonnenklingen, Ach, du bist die Phantasie, Die der Welt Verklärung lieh. Könnt' ich dich erringen!

Abendsonnenmilde, Du bist mehr als Weisheitsruh', Christenglaube bist mir du: Leucht' auf mein Gefilde!

AN EIN PATENKIND

(1861)

Mit einem Album von Bildnissen aller derer, die in seiner Geburtsstunde die Gedanken formten in der Welt des Geistes und der Politik.

Hier beschau' dir die Konstellation im Bilde-- Unter ihr ist dein Lichtlein erglüht!-- Die Sternenschar, die im Himmelsgefilde Des Gedankens nun strahlet und sprüht. Was künden sie dir? Wir wissen es nicht. Deinem Weg, dem noch dunklen, vorleuchtet ihr Licht, Deiner harrend, ihr Geistesglanz nimmt dich in Pflicht.--

Erst laß sie dich führen, Doch trenne dich dann,-- Mußt tasten und spüren Dich selber voran.

BERGLIOT

(In der Herberge)

Nun wird König Harald Wohl Tingfrieden geben; Denn Ejnar sammelte Fünfhundert Bauern.

Die Burg umschließet Ejndride, der Jüngling, Dieweil sein Vater Redet zum König.

Nun hoffe ich, Harald Bedenkt, daß Ejnar Zween Könige schon Für Norge geküret--

Und schenkt uns Versöhnung Auf Grund der Gesetze; So war sein Gelübde, Heiß wünscht es das Volk.

Wie auf den Wegen Sandwolken stieben, Und Lärm wacht auf!-- Schau' nach, mein Knappe.

--Es war wohl der Wind nur! Denn unwirtlich ist's hier Am offnen Fjord In den niedren Bergen.

Seit früher Kindheit Kenn' ich die Stätte; Der Wind hetzt die grimmen Hunde hierher.

--Doch tausendstimmig Entfacht sich Getöse, Durch Stahlklang wachsend Zu kampfroter Flamme.

Ja, das ist Schildlärm! Und sieh, welch Staubmeer, Speerwogen turmhoch Um Tambarskelve.

In Not ist Ejnar!-- Treuloser Harald. Deinem Tingfried entsteigen Die Totenvögel.

Fahrt zu mit dem Wagen. Ich muß zum Kampfe,-- Jetzt müßig sitzen,-- Nicht um das Leben!

(Auf dem Wege)

O Bauern, bergt ihn In schirmendem Kreise! Ejndride, nun schütze Den alten Vater!

Baut ihm eine Schildburg Und reicht ihm den Bogen; Mit Ejnars Pfeilen Pflügt ja der Tod!

Und du, Sankt Olav! O denk deines Sohnes, Und bitte für Ejnar In Gimles Hallen.

(Näher)

Kampflose Mengen-- ... In wirrem Drängen... Gleich Wellen, Den schnellen, Zum Strande nun fliehn Mit bebenden Knien Und starren zurück. Verließ uns das Glück? Mit trauernden Zeichen Halten die Scharen; Sie pflanzen die Lanzen Im Kreis um zwei Leichen. Und Harald darf fahren? Welch dumpfes Gedränge Beim Tinghause dort! Stumm wendet die Menge Sich schaudernd fort. _Wo ist Ejndride!_---- Angstvolle Blicke, Wohin ich sehe, Wollen mich meiden... Nun weiß ich's, wehe, Tot sind die beiden. ----Platz. Ich muß sehen. Weh mir, sie sind es. Konnt' es geschehen? Ja, sie sind es.

Gefallen ist Nordens Herrlichster Helde, Norriges bester Bogen zerbarst.

Gefallen ist Ejnar Tambarskelve, Der Sohn ihm zur Seite,-- Ejndride.

Ermordet im Finstern, Er, der dem Magnus Mehr als ein Vater, Knuds, des Reichen, Söhnen ein Freund.

Meuchlings ermordet Der Schütze von Svolder, Der springende Löwe Der Lyrskogheide.

Tückisch geschlachtet Der Bauern Häuptling, Der Trönder Heide Tambarskelve.

Mit weißen Haaren Den Hunden zur Beute,-- Der Sohn ihm zur Seite, Ejndride!

Auf, auf, ihr Bauern, er ist gefallen. Doch er, der ihn fällte, er lebt. Kennt ihr mich nicht? Bergliot, Tochter des Håkon von Hjörungavaag: Nun bin ich Tambarskelves Witwe.

Euch rufe ich an, Heerbauern, Mein greiser Mann ist gefallen. Seht, seht, hier ist Blut auf dem bleichen Haar. Auf euer Haupt mög' es kommen, Wenn es erkaltet, eh' ihr es rächt.

Auf, auf, Kriegsheer, es fiel euer Feldherr, Euer Stolz, euer Vater, eurer Kinder Wonne, Eurer Kinder Märchen, eures Landes Held,-- Hier liegt er, gefallen. Und ihr wolltet ihn nicht rächen?

Meuchlings ermordet, im Königshause, Im Tinghaus, dem Hause des Rechtes ermordet, Ermordet vom obersten Manne des Rechts! Des Himmels Blitz zermalme das Land, Läutert sich's nicht in der Lohe der Rache!

Stoßt die Langschiffe ab! Ejnars neun Langschiffe liegen ja hier, Laßt sie die Rache zu Harald tragen.

O stündest du hier, Håkon Ivarson, Stündest hier auf der Höhe, mein Blutsfreund, Nicht erreichte den Fjord dann Ejnars Mörder,-- Nicht müßt' zu euch, Feigen, ich flehn!

O Bauern, hört mich, mein Mann ist gefallen, Meines Denkens Hochsitz durch fünfzig Jahre! Zermalmt, zerbrochen, und ihm zur Seite Der einzige Sohn, ach! all unser Hoffen!

Leer ist es nun zwischen diesen zwei Armen-- Kann ich betend sie je noch erheben? Wohin auf Erden soll ich mich wenden? Zieh' ich von hinnen zu fremden Stätten,-- Sehn' ich mich heim, wo wir beide gewandelt. Aber wende ich mich heimwärts,-- Ach! sie selbst vermisse ich dann.

Odin in Walhall darf ich nicht suchen; Den verließ ich ja schon in der Kindheit. Und der neue Gott in Gimle?---- Der hat mir ja alles genommen!

Rache?--Wer spricht von Rache?-- Kann Rache meine Toten erwecken? Kann sie mich wärmen, wenn fröstelnd ich bebe? Gibt sie mir traulichen Witwensitz, Trost einer Mutter ohne Kind?

Geht mit eurer Rache! Laßt mich in Frieden! Legt ihn auf den Wagen, ihn und den Sohn, Kommt, wir geleiten sie heim. Der neue Gott in Gimle, der fürchterliche, der alles nahm, Laßt ihn auch Rache nehmen; denn die versteht er, Fahrt langsam! Denn so fuhr auch Ejnar immer,-- Und wir kommen früh genug heim.

Nicht springen die Hunde heut freudig herbei,-- Sie winseln und heulen mit hängendem Schwanz. Im Stalle spitzen die Pferde die Ohren, Froh der Stalltür entgegenwiehernd, Lauschend auf Ejndrides Stimme.

Doch nimmer ertönt sie mehr,-- Und nimmermehr Ejnars Schritt im Flur, Der allen kündet: steht auf, ihr Leute, Jetzt kommt euer Häuptling!

Die großen Stuben will ich schließen, Fortschicken all unsre Leute; Vieh und Pferde will ich verkaufen, Von hinnen ziehn und einsam leben. Fahrt langsam! Denn wir kommen früh genug heim.

AN MEINE FRAU

(Mit einem Satz römischer Perlen)

Nimm diese Perlen!--als späten Reim Auf die, so geschmückt einst mein Jugendheim! Der tausend Stunden stilles Glück, Da du drin geatmet, es blieb zurück Ein Haufe Perlen schimmernd hell, Die der junge Gesell Um die Brust sich hing Und ums Haupt sich band-- Daß aller Welt zu lesen stand, Von wem sein Herz und Geist erst rechte Zier empfing: Von ihr, die ihre Liebe um sein Leben wand!

IN EINER SCHWEREN STUNDE

Wohl dem, der ernster Fährnis Dankt seiner Kraft Bewährnis: Je ferner das Ziel, Desto schwerer das Spiel, Doch herrlicher auch das Gelingen! Zerbricht dein Stab in Stücke, Und wird aus Freundschaft Tücke, Ei, das geschieht, Damit man sieht, Du brauchest keine Krücke. Wen Gott auf Erden Allein gestellt, Dem wird er selbst zur Stütze werden.

FRIDA [Symbol: gestorben]

Frida, ich wußte, du wolltest nicht leben. Bloßen Gedanken schon war es gegeben, Dich zu entgeistern, als wären in ihnen Engel erschienen.

Wie deine Augen, die staunenden, klaren, Fern dann und fremd allem Irdischen waren: Da wuchs die Schwinge, die nach deinen Tagen Fort dich getragen.

Sprachest du, fragtest du, ward mir oft bange; War's doch, als ob Blick und Stimme verlange, Dir einen Schatz der Erkenntnis zu zeigen, Der mir nicht eigen.

Sprangst du, wie eben der Schulbank entronnen, Flog dein Gelock wie ein wehender Bronnen; Lachtest du, tat sich der Himmel auf, strahlend Über dein Strahlen.

Oder wie konntest du bitter dich grämen! Alles zerfloß gleich zu Schatten und Schemen, Chaos ward, wie vor des Ewigen Werde, Himmel und Erde.

Da, o, da sah ich: dein Glück, deine Schmerzen Fanden nicht Raum mehr im irdischen Herzen. _Dort_ winkte Weite!--Doch _hier_ blieb ein Schweigen Wunderlich eigen.

AN BERGEN

Wie du dasitzt stumm, Hochgebirg ringsum, Meer um deinen Fuß und vor dir deine Schären, Sinnest du wohl auf Saga, deren Lauf Noch einmal die Welt erstaunen soll!

Stadt, dir selber treu, Bergen, "niemals neu", Unverwüstlich, echt, wie deines _Holberg_ Laune. Vormals Königswacht, Später Handelsmacht, Sitz sodann des ersten Freiheittings!

Wie die Sonne oft Hell und unverhofft Deinen Dunst durchbrach und deine Regenschleier, Kamst du uns mit Rat Oder rascher Tat, Wann uns Nacht am dunkelsten umfing.

Tief aus Volkesgrund, Witzig, kerngesund, Sproßten da Gedanken, stand uns eine Kunst auf, Trotzig, blaugeäugt, An der Brust gesäugt Deiner düstern, mächtigen Natur.

Deine Berge kahl Malte unser _Dahl_, Träumend wandelte an deinem Strand _Welhaven_, Und auf deiner Flut Kreuzte hochgemut _Ole Bull_ vor Flaggen aller Welt.

Deine Nordsee wacht Treulich deiner Macht, Und durch deine blauen Fjorde, wie durch Adern, Strömst du Glück in dein Nordisch Land hinein,-- Stadt durch Vorzeit reich, an Zukunft reich!

P.A. MUNCH [Symbol: gestorben]

(1863)

Viele Formen hat das Große. Er, der von uns ging, er trug es, Wie wir einen Zweifel tragen, Der den Schlaf uns raubt, doch endlich Offenbarung uns gewähret,-- Wie ein höheres Sehvermögen Leidend über Unsichtbares,-- Einen Flug durch schwere Arbeit Vom Gedachten zum Gewissen, Vom Gewissen zum Geahnten, Der in ruhelosem Drängen, Gotterfüllt und ewig wechselnd Unsre Welt im Sturm durchkreuzet, Ihrer Zweifel und Gedanken Last ihr von den Schultern nehmend, Und sie abwirft, und sie aufhebt, Nimmer matt--doch ewig rastlos.

Still! Nur ein einziger Zufluchtsort Wußte ihn sanft zu versöhnen: Seiner Familie lichtmilder Hort, Schmeichelnd in Farben und Tönen.

Spann ihn sein Weib mit dem Zauberspiel Unter der Birken Schleier Mitten in duftender Blumen Gewühl Ein in des Walddomes Feier,--

Kamen die Töchter dann lieblich und leis In ihrer Unschuld Klarheit, Fächelten Kühlung der Stirne heiß, Sprachen von kindlicher Wahrheit,--

War er bald mitten in Spiel und Lied Zärtlich von Tönen umfangen, Wolken zerrannen, und hoch im Zenit Jubelnd Millionen sangen.

Doch wie in des Herbstes stiller, Traumhaft schwerer Abenddämmrung Wetterleuchten die Gedanken Schreckhaft auf Gewitter lenket,-- Oder wie ein Schlag im Boote, Das in stiller zarter Mainacht Schläfrig zwischen Felsen gleitet,-- Nur ein einziges leises Plätschern,-- Doch das Echo jagt es weiter, Jagt's von Fels zu Fels, die Drossel Flattert auf, es kreischt das Birkhuhn, Lauschend hebt das Reh sein Köpfchen, Steine rollen, wach wird alles: Hunde heulen, Glocken gellen, Weckend all des Tages Lärmen,-- Also könnt' ihm ein Erinnern, Daunweich nur im Spiel gefallen, Wecken der Gedanken Heerschar.

Und dann jagte es durchs Weltall, Und dann flammt's in seiner Seele, Doch es ward zu Licht für andre.

Rassenursprung, Wortverzweigung, Namenquell, Gesetzverwandtschaft, Groß und Klein in gleichen Qualen, Gleichen Zweifeln jagt zum Ziele. Wo nur Steine andre sahen, Sah er's glitzern, sah er's funkeln, Sprengte er den Schacht zum Bergwerk. Und wo andre vor dem sichern Funde des Jahrhunderts standen, Griff ihn Zweifel, und er wühlte Tag und Nächte bis zum Grunde, Grub--und sah den Fund versinken.

Doch es ließ sein rastlos Wollen, Das so vielen Kraft gespendet, Oftmals übers Ziel ihn schießen. Klarheit, die er ändern schenkte, Trog ihn selbst als neue Ahnung.

Darum: wo er schon gewesen, Kehrte er nur ungern wieder. Stoff so oft wie Arbeit wechselnd, Floh er vor dem eignen Denken. Das Gedachte aber hielt ihn, Folgte, wuchs gleich einem Brande, In Brasiliens Wald geschleudert, Prasselnd vor der Windsbraut fliehend. Wo kein Menschenfuß gegangen, Fraß sich's Weg für Millionen.

Nordens Reich streckt seinen Busen In des Eismeers frostige Nebel, Finsternis der Wintermonde Lastet schwer auf Meer und Bergen. Und den Landen gleich, erstreckt sich Auch des Volkes tiefste Wurzel Weit hinein in Nacht und Nebel. Doch wie durch die Nacht ein Leuchtturm, Doch wie Nordlicht durch Polarnacht Blinkte leuchtend sein Gedanke. Zärtlich wie nach seines Vaters Angedenken frug er eifrig, Forschend nach des Volkes Wegen. Namen, Gräber, rostige Waffen, Steine brachten ihm die Antwort. Über Asiens Urwaldberge, Wüstensand und öde Steppen Sah er Karawanenspuren Unterm Moder von Äonen Heimatsuchend nordwärts deuten. Wie einst sie den Flüssen folgten, Folgte ihnen all sein Denken, Das so reich ins Weltall strömte.--

Sieh, es war ja nur Versöhnung, Was sein rastlos Schaffen wollte, Doch die fand er nicht;--statt dessen Fand er neue Wunderdinge, --Ganz wie jene Alchymisten, Die im Suchen nach dem Golde Zwar nicht Gold, doch Kräfte fanden, Die noch heut die Welt bewegen.

Tief im Grunde barg sein Wesen Eine Kraft des Gegensatzes, So daß Töne, angeschlagen Von des Nordens hehrer Saga, Mild harmonisch weiterklangen In der Sehnsucht nach dem _Süden_. Und es war des Auges Flamme, Des Gedankens Blitz verwandt dem Feuer des Improvisators In dem heißen Land der Trauben. Und sein leichter Stimmungswechsel Und der Feuergeist, der Frondienst Tat den lieben langen Winter, Doch die Frucht oft spielend wegwarf,-- Jener unermessene Reichtum, Drin Gedanken, Launen, Töne, Leid und Wonne, Ernst und Frohsinn Unaufhörlich glitzernd spielten,-- Das war wie ein Tag im Süden.

Eine Reise war sein Leben Unaufhaltsam drum gen Süden, Durch das Nebelland des Ahnens, Aus dem Dunkeln in das Klare, Aus dem Kalten in das Warme,-- Und sein Wirken war die Brücke Über Berg und Meeresströmung.

----O, und dann des Glückes Stunde, Da mit Weib und Spielgefährten, Seinen kindlich frischen Töchtern, Er dort stand, wo Abendsonne Kapitol und Forum grüßte,-- Wo aus tiefem Grund der Weltstadt Weisheit und Erkenntnis sprudeln;--- Wo jetzt Klarheit, ätherreine, Die Jahrtausende erleuchtet, Die zur Ruhe hier gegangen;-- Wo dem Forscher aus dem Norden War, als sei er allzulange Irr im Nebel nur gerudert Auf den tiefen, breiten Fjorden;-- Stand, wo Tote ihre Gräber Sprengen und als Zeugen schreiten In der schweren Marmortoga; Wo die Göttinnen von Delos In die Freskensäle tanzen Wie einst vor zweitausend Jahren;-- Wo der Erde wachsend Werden Pantheon und Kolosseum Stolz in ihrem Schoße bargen;-- Wo ein Hermes dort am Eckstein Cato würdig schreiten sah als Pontifex im Priesterzuge,-- Nero als Apollon schaute, Opferrauchumhüllten Wahnes,-- Gregor schaute, zornig reitend Als der Geisterscharen Herrscher Über alle Erdenreiche,-- Cola di Rienzi schaute, Huldigend der Freiheitsgöttin Bei des Römervolkes Jauchzen,-- Sah der Kirche Geistesfürsten, Leo, sich statt Christus wählen Aristoteles und Plato;-- Sah dann die katholische Kirche Stärkre Zeiten neu errichten, Bis der Franzmann sie zertrümmert, Und _Natur_ zur Gottheit wurde,-- Sah aufs neu' die alten Frommen Dann in Prozessionen wallen Mit dem Lamm als Weltbeherrscher!-- All das sah der kleine Hermes Dort am Eckstein hinterm Tempel, Und es sah der nordische Weise Ihn und seine Visionen.--

--Ja, als er in der Geschichte Hehrer Klarheit Rom erblickte, Und sein Auge sinnend streifte Abendsonnumflammte Höhen,-- Flossen seiner Sehnsucht Strahlen Über in entzückte Ahnung. Und--er sah in eine Kirche, Größer als der Dom des Weltalls, Und ein Friede sank hernieder, Über alles Jetzt erhaben.--

Und als er zum zweiten Male Dorthin kam, durch langer Tage Müh' und Fleiß--als gält's Erlösung,-- Da ging Gott ihm selbst entgegen, Führte ihn hinauf und sagte: "_Friede mit dir, du bist Sieger!_"

Doch zu uns, die klagen wollten, Wandte Gott sich um und sagte: "_Wenn ich rufe, wer darf sagen,_ _Der Berufne sei nicht fertig?_"

_Er, der stirbt, er war hier fertig!_ Sieh, das glauben wir im Schmerze. Und daß Er, der allen Forschern Jene Ruhelosigkeit gegeben (Die Kolumbus trieb und Newton), Weiß, wann Ruhe kommen soll.

Aber jenen Geistesscharen, Die verklärt zur Heimat wallen, Blicken starr wir nach und fragen: Wer soll abermals sie sammeln?

Denn, wenn er den Kriegspfeil schnitzte, Strömten sie von allen Ländern: Schweden, Dänemark und England Und von Frankreich her zusammen; Übers Meer die Schiffe flogen Seinem Banner rasch entgegen.

Die gewaltige Königsflotte Lag vor Anker hier am Strande, Und es ward uns zur Gewohnheit, Sie zu sehn und zu befragen Nach Eroberung und Fahrten.

Was sie uns gewann, bleibt ewig. Doch sie selbst darf nun zur Heimat. Fest vereint, sehn wir entschwinden Überm Meer das letzte Segel, Wenden uns und fragen leise: Wer wird abermals sie sammeln?

KOENIG FRIEDRICH DER SIEBENTE [Symbol: gestorben]

(1863)

Nun schied unserm König ein wahrer Freund! Und es senkt bei dem Schlag Sein Banner der Norden und folgt vereint Am Begräbnistag. Doch, Dänemark! dein sind die tiefsten Schmerzen: Nun brach dir das wärmste, das größte der Herzen, Nun brach deine beste Landesfeste, Nun dehnt sich ein Schrei ob des Königs Tod Wie aus tiefster Not!

Ihn, der geboren zu Dänemarks Glück, Traf des Todes Los. Jung stießen sie ihn vom Hofe zurück-- In des Volkes Schoß. Da gedieh er gut und ward eins mit den Scharen Der Bauern, Matrosen in Lust und Gefahren. Selbst hat ihm das Leben Die Schule gegeben--: Als fertig die Schlinge für Dänemark,-- War er lebensstark.

Schnell zeigte sein Geist sich bauerndumm, Wo ein Kniff sich fand; Der Verräter feinste List schlug um Vor dem schlichten Verstand. Er kannte ja nur des Volkes Gedanken, Drum gab er ihm Freiheit sonder Schranken; Dem Ganzen war hold er-- Nicht teilen wollt' er, Und hielt eine Rede, nur kurz, die hieß: "Nicht geschehn wird dies!"

Ein Matrose am Steuer beim Ansturm vom Meer Standfest und klar! Größeres Lob war nicht sein Begehr. Wir bringen's ihm dar! Stracks dreht' er das Schiff gen Nordensrunde, Dem wahren, sicheren Ankergrunde;-- Rings sprach im Reiche Bald jeder das gleiche: "So dumm ist der wohl nimmer; seht, Wie trefflich es geht."

Auf Deck rief er eben die Männer all: Sturmsegel gesetzt! "Land", klang es vom Mast beim Wogenprall _Jetzt, eben jetzt_,-- Da entglitt das Steuer den treuen Händen, Tot sank er hin--das Schiff will wenden... Wenden? Nimmer! Sein Kurs bleibt immer; Ihr kennt ihn, Dänen, Mann für Mann,-- Sein Kurs heißt: Voran!