Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 19
"Ein Zwerg begegnete einmal einem Burschen, der weinend seines Weges ging. 'Vor wem hast Du am meisten Angst,' fragte der Zwerg, 'vor Dir selbst oder vor andern?' Der Bursch aber weinte, weil ihm in der Nacht geträumt hatte, er habe seinen bösen Vater erschlagen müssen, und deshalb antwortete er: 'Ich habe am meisten Angst vor mir selbst.'--'So sollst Du vor Dir selbst Ruhe haben und nie mehr weinen, denn fortan sollst Du nur mit den andern im Krieg liegen.' Und der Zwerg ging seines Weges. Der erste aber, den der Bursch traf, lachte ihn aus, und deshalb mußte der Bursch ihn wieder auslachen. Der zweite, den er traf, schlug ihn; der Bursch mußte sich verteidigen und schlug ihn wieder. Der dritte, den er traf, wollte ihn töten, und deshalb mußte er ihn selbst umbringen. Alle Leute aber redeten Böses von ihm, darum konnte er von allen Menschen auch nur Böses reden. Sie riegelten Schränke und Türen vor ihm zu, so daß er sich stehlen mußte, was er brauchte, sogar seine Nachtruhe mußte er sich stehlen. Weil er nun nie etwas Gutes tun konnte, mußte er eben Böses tun. Da sagte das ganze Dorf: 'Den Burschen müssen wir uns vom Halse schaffen; er ist zu schlecht', und eines schönen Tags schafften sie ihn aus dem Wege. Der Bursch wußte aber gar nicht, daß er etwas Böses getan hatte; deshalb kam er nach seinem Tode geradenwegs zum lieben Gott. Da saß auf einer Bank sein Vater, den er gar nicht totgeschlagen hatte, und gegenüber auf einer andern Bank saßen alle, die ihn gezwungen hatten, Böses zu tun. 'Vor welcher Bank hast Du Angst?' fragte der liebe Gott, und der Bursch zeigte auf die lange. 'So setz' Dich neben Deinen Vater', sagte der liebe Gott, und der Bursch wollte es tun. Da stürzte sein Vater von der Bank herunter und hatte eine klaffende Wunde im Nacken. Auf seinem Platz aber stand ein Phantom des Burschen selbst, nur mit leichenblassem Gesicht und von Reue verzerrten Mienen; und ein anderes mit dem Gesicht eines Säufers und schlotternden Gliedern, und noch eins mit irren Augen, zerrissenen Kleidern und einem grauenvollen Lachen. 'So hätte es Dir auch gehen können', sagte der liebe Gott.--'Ja, wäre das möglich?' sagte der Bursch und griff nach dem Saum von Gottes Gewand. Da fielen beide Bänke vom Himmel hinunter, und der Bursch stand vor dem lieben Gott und lachte. 'Denke dran, wenn Du aufwachst', sagte der liebe Gott,--und im selben Augenblick wachte der Bursch auf. Der Bursch aber, der all das geträumt hat, bin ich, und die ihn in Versuchung führen, weil sie schlecht von ihm denken, seid Ihr. Vor mir selbst habe ich keine Angst mehr; aber ich habe vor Euch Angst. Hetzt nicht das Böse in meine Seele, denn ich weiß nicht, ob auch ich einst den Saum von Gottes Gewand fassen kann."
Er stürzte hinaus, und die Männer blickten einander an.
Siebentes Kapitel
Es war am nächsten Tag auf demselben Hof in der Scheune; Arne hatte sich zum erstenmal in seinem Leben betrunken, war krank davon geworden und hatte nun bald vierundzwanzig Stunden in der Scheune gelegen. Jetzt richtete er sich empor, stützte sich auf die Ellbogen und hielt ein Selbstgespräch: "----Alles, was ich anfasse, wird Feigheit. Daß ich als Junge nicht davonlief, war Feigheit; daß ich auf den Vater mehr hörte als auf die Mutter, war Feigheit; daß ich ihm die häßlichen Lieder vorsang, war Feigheit. Ich fing das Viehhüten an; aus Feigheit;--und das Lesen--nun ja, auch aus Feigheit: ich wollte mich nur vor mir selber verstecken. Als erwachsener Bursch stand ich der Mutter nicht gegen den Vater bei--Feigheit; daß ich ihn in jener Nacht nicht--hu!--Feigheit! Ich hätte wohl gewartet, bis sie tot gewesen wäre;----ich konnte es hinterher zu Hause nicht aushalten--Feigheit; ich zog aber auch nicht meiner Wege--Feigheit; ich tat nichts, ich hütete das Vieh,--Feigheit. Ich hatte freilich der Mutter versprochen, zu bleiben, aber ich wäre schon feig genug gewesen, den Schwur zu brechen, wenn ich nicht Angst gehabt hätte, unter fremde Menschen zu müssen. Denn ich habe Angst vor den Menschen, hauptsächlich wohl, weil ich glaube, sie sehen, wie garstig ich bin. Weil ich aber Angst vor ihnen habe, rede ich Böses von ihnen--verfluchte Feigheit! Ich mache Verse aus Feigheit. Ich wage nicht über meine eigenen Angelegenheiten nachzudenken und mische mich deshalb in die Sachen andrer Leute,--und das nennt man Dichten!--Ich hätte mich hinsetzen sollen und weinen, daß die Berge zu Wasser werden, ja, das hätte ich; aber ich sage nur: Seht, seht! und wiege mich in Nichtstun ein. Und selbst meine Lieder sind feig; denn wären sie mutig, so würden sie besser sein. Ich habe Angst vor starken Gedanken wie vor allem Starken überhaupt; schwinge ich mich einmal dazu auf, so ist es aus Wut, und Wut ist Feigheit. Ich bin klüger, tüchtiger, belesener, als ich aussehe; ich bin besser als mein Geschwätz; aber aus Feigheit wage ich mich nicht so zu geben wie ich bin. Pfui, sogar Schnaps habe ich aus Feigheit getrunken; ich wollte den Schmerz betäuben! Pfui, es schmeckte schrecklich, aber ich trank doch, trank doch; trank meines Vaters Herzblut, und doch trank ich! Meine Feigheit hat keine Grenzen; das allerfeigste aber ist doch, daß ich hier sitze und mir selbst das alles sagen kann.-- ... Mich töten? Prost Mahlzeit! Dazu bin ich zu feig. Und dann glaube ich doch auch an Gott,--ja, ich glaube an Gott. Ich möchte gern hin zu ihm; aber die Feigheit hält mich von ihm zurück. Eine große Veränderung, die scheut ein Feigling. Aber wenn ich's versuchte, so gut ich's vermag? Allmächtiger Gott! Wenn ich's versuchte? Müßte mich kurieren, so gut mein Milchsuppenleben es vertrüge; denn Knochen habe ich ja nicht mehr im Leibe, nicht mal Knorpeln, bloß etwas Flüssiges, Weichliches.--Wenn ich es versuchte--mit guten, milden Büchern,--hab' Angst vor den starken--; mit schönen Märchen und Sagen und allem, was sanft ist,--und dann jeden Sonntag eine Predigt und jeden Abend ein Gebet. Und tüchtige Arbeit, damit die Religion Ackerland hat; in die Trägheit kann man nichts säen. Wenn ich's versuchte; Du lieber, guter Gott meiner Kindheit, wenn ich's versuchte!"
Da öffnete jemand die Scheunentür, stürzte auf die Diele mit leichenblassem Gesicht, obwohl ihr der Schweiß heruntertropfte,--es war seine Mutter. Schon den zweiten Tag suchte sie ihren Sohn. Sie rief seinen Namen, stand aber nicht still um zu lauschen, sondern rief nur und lief in alle Ecken, bis er hinten von dem Heuschober her, wo er lag, Antwort gab. Da stieß sie einen lauten Schrei aus, sprang leichtfüßiger als ein Junge in den Heuhaufen hinein und beugte sich über ihn:--"Arne, Arne, bist Du hier! So hab' ich Dich doch gefunden; ich hab' seit gestern gesucht; ich hab' die ganze Nacht durch gesucht! Armer lieber Arne! Ich hab' gesehen, daß sie Dir weh getan haben! Ich hätte so gern mit Dir gesprochen und Dich getröstet; aber ich darf ja nie mit Dir sprechen!----Arne, ich sah, daß Du trankst! Ach, Du allmächtiger Gott! Laß mich das nie wieder sehen!"--Es dauerte eine ganze Weile, bis sie weiterreden konnte. "Gott schütze Dich, mein Kind, ich habe gesehen, daß Du getrunken hast!--Plötzlich warst Du mir weg, betrunken und so vernichtet vom Schmerz,--und ich rannte in alle Häuser; ich war weit draußen auf dem Felde; ich fand Dich nicht; ich habe in jedem Gebüsch gesucht; ich habe alle Leute gefragt; hier bin ich auch gewesen, aber Du hast mir nicht geantwortet----Arne, Arne! Ich ging am Fluß entlang, aber er schien mir nirgends tief genug--" sie schmiegte sich enger an ihn.--"Da wurde es mir so leicht ums Herz: Du wärest sicher nach Hause gegangen, und ich brauchte kaum eine Viertelstunde zu dem Weg; ich machte die Tür auf und suchte in jedem Raum, und dann erst fiel mir ein, daß ich ja selbst den Schlüssel hatte; Du konntest ja nicht hineingeschlüpft sein.--Arne! heut nacht habe ich den ganzen Weg an beiden Seiten abgesucht; bis zur Kampenschlucht wagte ich gar nicht zu gehen!--Wie ich hierhergekommen bin, weiß ich nicht; keiner hat mir's gesagt, aber der liebe Gott hat mir eingegeben, Du müßtest hier sein!"
Er versuchte sie zu beruhigen. "Arne, Du wirst doch nie wieder Schnaps trinken?"--"Nein, da kannst Du ganz ruhig sein."--"Sie sind wohl schlecht zu Dir gewesen? Waren sie schlecht zu Dir?"--"Ach nein, nur--ich war so feig." Er legte einen Nachdruck auf dies Wort.--"Ich kann das gar nicht verstehen, daß sie schlecht zu Dir waren. Aber was haben sie Dir denn getan? Du sagst mir nie etwas", und sie fing wieder zu weinen an.--"Du sagst mir ja auch nie etwas", sagte Arne sanft.--"Daran bist Du schuld, Arne. Ich bin von Deinem Vater das Stillschweigen so gewohnt gewesen,--Du hättest mir ein bißchen auf den Weg helfen müssen!--Herrgott, wir haben doch weiter nichts als uns; und wir haben soviel zusammen ausgestanden."--"Wir wollen versuchen, ob es nicht besser werden kann", flüsterte der Bursch.------"Nächsten Sonntag will ich Dir die Predigt vorlesen."--"Da segne Dich Gott für!"
"Du, Arne!"--"Ja?"--"Ich muß Dir etwas sagen."--"Sag' es, Mutter."--"Ich habe gesündigt an Dir; ich habe etwas Unrechtes getan."--"Du, Mutter?" und es rührte ihn so, daß seine seelensgute, geduldige Mutter sich anklagte, sie habe gesündigt an ihm, der nie etwas wirklich Gutes für sie getan hatte, daß er den Arm um sie legte, sie streichelte und in Tränen ausbrach.--"Ja, ganz bestimmt, aber ich konnte eben nicht anders."--"Ach, Du hast mir nie ein Unrecht getan."--"O doch;--aber Gott weiß: ich tat es nur aus Liebe zu Dir. Aber Du wirst es mir verzeihen, ja?"--"Ja, ich werde es Dir verzeihen."--"So will ich es Dir ein andermal erzählen;--aber Du mußt es mir verzeihen!"--"Ja, ja, Mutter!"--"Siehst Du, daher kam es wohl, daß es mir so schwer wurde, mit Dir zu reden; ich hatte gesündigt an Dir."--"Herrgott, sprich nicht so, Mutter!"--"Ich bin froh, daß ich wenigstens soviel gesagt habe."--"Wir beiden wollen mehr zusammen reden, Mutter!"--"Ja, das wollen wir,--und dann liest Du mir doch auch die Predigt vor?"--"Ja, das tue ich."--"Armer Arne! Gott segne Dich!"--"Ich glaube, das beste ist, wir gehen nach Hause."--"Ja, gehen wir nach Hause."--"Du siehst Dich ja so um, Mutter."--"Ja, in dieser selben Scheune hat Dein Vater auch gelegen und hat geweint."--"Der Vater?" fragte Arne und wurde ganz blaß.--"Der arme Nils! Es war an dem Tage, als Deine Taufe war.----
Du siehst Dich ja so um, Arne."
Achtes Kapitel
Von dem Tag an, da Arne sich aufrichtigen Herzens bemühte, inniger mit seiner Mutter zu verkehren, wurde auch sein Verhältnis zu den andern Menschen besser. Er sah sie mehr mit den sanften Augen seiner Mutter an. Aber es wurde ihm oft schwer, seinem Vorsatz treu zu bleiben; denn seine tiefsten Gedanken verstand die Mutter nicht immer,--hier ist ein Lied aus jener Zeit:
"Es war ein so schöner, sonniger Tag, Es litt mich nicht länger drinnen; Ich schlenderte waldwärts und lag und lag Und ließ die Gedanken spinnen. Doch die Emse kroch und die Mücke stach Und die Brems' und die Wespe taten's ihr nach."
"Lieber Junge, willst Du denn bei dem Prachtwetter nicht draußen bleiben?"--sagte Mutter, saß dabei auf dem Altan und sang:
"Es war ein so schöner, sonniger Tag, Es litt mich nicht lange drinnen; Ich ging auf die Wiese und lag und lag Und summte so recht in Sinnen. Da kamen Nattern, drei Ellen lang, Und wollten sich sonnen--doch ich entsprang."
"Bei solch einem Gotteswetter können wir barfuß laufen",--sagte Mutter und zog die Socken aus.
"Es war ein so schöner, sonniger Tag, Es litt mich nicht lange drinnen; Ich sprang in ein Boot und lag und lag Und lauschte dem Raunen und Rinnen. Da hat mir die Sonne die Nase zerbrannt. Immer alles mit Maß! Und ich ging an Land."
"Jetzt werden wir 's Heu wohl trocken hereinbringen",--sagte Mutter und warf's mit dem Rechen durcheinander.
"Es war ein so schöner, sonniger Tag, Es litt mich nicht lange drinnen; Ich klomm auf 'nen Baum; potz Donnerschlag, Hier treibt ihr mich nicht von hinnen! Da rutscht' eine Raupe mir vorn in die Brust,-- Ich hüpfte und schrie; das war eine Lust!"
"Na, wenn die Kuh heut den Koller nicht kriegt, so kriegt sie ihn nie", sagte Mutter und blinzelte hinauf in die Glut.
"Es war ein so schöner, sonniger Tag, Es litt mich nun einmal nicht drinnen; So ruht' ich nicht, bis ich im Wasserfall lag: Da war wohl nun Ruh zu gewinnen. Die Sonne schien weiter, indes ich versank,-- Und ist dies Lied deines,--bist du's, der ertrank."
"Bloß drei solche sonnige Tage, und alles ist unter Dach",--sagte Mutter und ging mein Bett machen.
Trotzdem wurde das Zusammenleben mit der Mutter mit jedem Tage ein größeres Glück für ihn. Was sie nicht verstand, schlug ebensogut eine Brücke zu ihm wie das, was sie verstand. Denn über alles, was sie nicht verstand, dachte er nur um so eingehender nach, und sie wurde ihm nur lieber dadurch, daß er nach allen Seiten die Grenzen in ihr erkannte. Ja, sie wurde ihm unendlich teuer!
Arne hatte sich als Kind nichts aus Märchen gemacht. Jetzt als erwachsener Mensch bekam er Sehnsucht nach Märchen, und sie hatten Volkssagen und Heldenlieder im Gefolge. In sein Herz kam eine seltsame Sehnsucht; er ging viel allein, und manches, worauf er zuvor gar nicht geachtet hatte, erschien ihm wunderbar schön. Zu der Zeit, als er mit seinen Altersgenossen zum Konfirmandenunterricht gegangen war, hatten sie häufig an einem großen See vor dem Pfarrhaus gespielt, dem sogenannten schwarzen See, weil er gar so tief und schwarz dalag. Dieser See kam ihm jetzt in den Sinn, und eines Abends stieg er da hinauf.
Er setzte sich unter einen Busch dicht neben dem Pfarrhof; der lag an einem sehr steilen Abhang, der schließlich zu einer hohen Felswand anstieg; genau so war es am andern Ufer, so daß von beiden Seiten lange Schlagschatten über den See fielen: in der Mitte aber war ein schöner silbriger Wasserstreifen geblieben. Alles lag in tiefer Ruhe; die Sonne war im Sinken; leises Glockenläuten klang vom andern Ufer herüber,--sonst aber war es ganz still. Arne schaute nicht geradeaus, sondern hinunter auf den Grund des Sees, weil die Sonne vorm Untergehen eine zittrige Röte drüber hinausgesandt hatte. Unten traten die Felsen etwas zur Seite, so daß ein langgestrecktes, niederes Tal entstand, gegen das das Wasser schlug. Aber es sah aus, als neigten sich die Felsen langsam zueinander, um das zwischen ihnen liegende Tal gewissermaßen zu schaukeln. Ein Gehöft lag in dem Tal neben dem andern; Rauchwölkchen stiegen empor und verteilten sich; die grünen Felder dampften; Boote, mit Heu beladen, kamen an Land. Er sah viele Menschen hin und her gehen, hörte aber kein Geräusch. Seine Augen wandten sich von diesem Bilde zum Strand hinüber, wo nur Gottes düsterer Wald sich erhob. Durch den Wald und am See entlang hatten die Menschen sich wie mit einem Finger einen Weg gemacht, denn man sah einen Staubstreifen sich gleichmäßig hindurchschlängeln. Den verfolgte er mit den Augen bis genau der Stelle gegenüber, wo er saß; da hörte der Wald auf; die Felsen traten mehr zurück, und gleich lag wieder ein Gehöft neben dem andern. Da standen noch größere Häuser als unten im Grunde, rot angestrichen, mit größeren Fenstern, die in der Sonne brannten. Helles Sonnenlicht lag auf den Höhen; auch das kleinste Kind, das da spielte, war deutlich zu sehen; blendend weißer Sand lag hart am See; da sprangen Kinder mit ein paar Hunden herum. Aber auf einmal war alles sonnenverlassen und schwer, die Häuser waren dunkelrot, die Wiese schwarzgrün, der Sand grauweiß, die Kinder wie kleine Klümpchen; eine Nebelwand war über den Bergen aufgestiegen und hatte die Sonne verdeckt. Arnes Auge flüchtete aufs neue zum Wasser hinunter; da aber fand er das Ganze wieder. Die Felder wogten, der Wald zog sich schweigend hin, hoch oben lagen die Häuser und schauten hernieder, die Türen standen offen, und die Kinder liefen aus und ein. Märchen und Kinderträume kamen wie kleine Fische nach der Angel, stoben auseinander, kamen wieder, spielten herum, bissen aber nicht an.
"Wir wollen uns hier hinsetzen, bis Deine Mutter nachkommt; die Frau Pfarrer wird ja auch mal fertig werden."--Arne schrak zusammen; es hatte sich jemand dicht hinter ihn gesetzt. "Aber ich könnte doch ganz gut bloß noch diese eine Nacht hier bleiben", sagte flehend eine tränenerstickte Stimme; sie mochte einem nicht ganz erwachsenen Mädchen gehören. "Hör' jetzt auf zu weinen; es ist recht häßlich, daß Du weinst, weil Du nach Hause zu Deiner Mutter sollst." Es war eine sanfte Stimme, die langsam sprach und einem Manne gehörte. "Darüber weine ich ja nicht."--"Worüber weinst Du denn sonst?"--"Weil ich nicht mehr mit Mathilde zusammen sein kann."
So hieß die einzige Tochter des Pfarrers, und es fiel Arne ein, daß ein Bauernmädchen mit ihr zusammen erzogen war. "Das konnte ja doch nicht ewig dauern."--"Ja, aber einen Tag doch noch, Vater!" und sie schluchzte bitterlich.--"Es ist das beste, Du fährst gleich mit nach Hause;--vielleicht ist es schon zu spät."--"Zu spät? Warum? Wie meinst Du das?"--"Du bist als Bauernmädchen geboren, und ein Bauernmädchen sollst Du bleiben; 'ne Zierpuppe können wir uns nicht leisten."--"Ich könnte doch auch ein Bauernmädchen sein, wenn ich hier bliebe."--"Das verstehst Du nicht."--"Ich habe doch immer Bauerntracht angehabt."--"Das allein macht's nicht."--"Ich habe doch auch gesponnen und gewebt und kochen gelernt."--"Das ist es auch nicht."--"Ich kann doch genau so sprechen wie Du und die Mutter."--"Auch das ist's nicht."--"Ja, dann weiß ich nicht, was es sein kann", sagte das Mädchen und lachte.--"Das wird sich ja herausstellen;--ich habe bloß Angst, Du denkst jetzt schon zuviel."--"Denkst, denkst! Das sagst Du immer; ich denke überhaupt nicht", sie fing wieder zu weinen an.--"Ach, Du bist ein Windbeutel!"--"Das hat der Herr Pfarrer nie zu mir gesagt."--"Nein, aber ich sage es jetzt."--"Windbeutel? Ist so was erhört? Ich will aber kein Windbeutel sein!"--"Was willst Du denn sonst sein?"--"Was ich sein möchte? Ist so 'was erhört? Nichts möchte ich sein."--"Nun, so sei doch ein Nichts!" Da lachte das Mädchen. Nach einer Weile sagte sie ernsthaft: "Es ist gräßlich von Dir, daß Du sagst, ich bin ein Nichts."--"Herrgott, wenn Du es doch selbst sein möchtest!"--"Nein, ich möchte kein Nichts sein."--"Gut, so sei alles!"--Das Mädchen lachte. Nach einer Weile sagte sie mit betrübter Stimme: "So hat mich der Herr Pfarrer nie zum Narren gehabt."--"Nein, er hat bloß einen Narren aus Dir gemacht."--"Der Herr Pfarrer? So nett bist Du nie zu mir gewesen wie der Herr Pfarrer."--"Das wäre ja auch noch schöner."--"Saure Milch kann nie süß werden."--"Doch, wenn man Käse davon macht."--Da lachte das Mädchen laut auf. "Da kommt Deine Mutter!" Gleich wurde sie wieder ernst.
"So ein redseliges Frauenzimmer wie die Frau Pfarrer hab' ich mein Lebtag nicht gesehen", gellte jetzt eine scharfe, hastige Stimme dazwischen. "Schnell, Baard, steh auf und mach' das Boot klar! Wir kommen sonst heut abend nicht mehr nach Hause.--Die Frau hat gesagt, ich soll aufpassen, daß Eli immer trockne Füße hat. Mußt schon selbst drauf passen! Und jeden Morgen spazieren laufen wegen der Bleichsucht! Bleichsucht hin, Bleichsucht her!--Steh doch auf, Baard, und mach' das Boot klar; ich muß heut abend noch den Teig anrühren!"--"Der Koffer ist noch nicht da", sagte er und blieb ruhig liegen. "Der Koffer soll auch gar nicht mit; der soll bis zum nächsten Sonntag hier bleiben. Hörst Du, Eli, steh auf; nimm Dein Bündel und komm! Steh doch auf, Baard!"--Sie fort, das Mädchen hinter ihr her. "Komm doch; aber so komm doch!" klang es von unten herauf. "Hast Du nachgesehen, ob der Zapfen im Boot steckt?" fragte Baard und blieb ruhig liegen. "Ja, der steckt drin", und Arne hörte, wie sie ihn mit einer Schöpfkelle festklopfte. "Aber so steh doch auf, Baard! Wir können doch nicht die Nacht über hier liegen bleiben?"--"Ich warte auf den Koffer."--"Aber Du meine Güte, ich habe Dir doch gesagt, er soll bis zum nächsten Sonntag hier bleiben."--"Da kommt er schon", sagte Baard. Und sie hörten Wagengerassel. "Aber ich habe doch gesagt, er soll bis zum nächsten Sonntag hier bleiben."--"Ich habe aber gesagt, er soll gleich mit."--Ohne weiteres lief die Frau nun zum Wagen und trug Bündel, Korb und sonst ein paar Kleinigkeiten ins Boot hinunter. Da erhob Baard sich auch, stieg hinauf und lud sich den Koffer auf.
Hinter dem Wagen aber kam ein Mädel hergelaufen im Strohhut und mit flatternden Haaren; das war das Pfarrerstöchterlein. "Eli, Eli!" rief sie schon von weitem. "Mathilde, Mathilde!" antwortete ihr die andere, lief hinauf und ihr entgegen. Sie trafen oben auf dem Hügel zusammen, fielen sich in die Arme und weinten. Dann nahm Mathilde etwas auf, was sie so lange ins Gras gesetzt hatte; es war ein Vogelbauer. "Du sollst den Narrifas haben, wirklich, Mutter will's auch. Du sollst jetzt den Narrifas haben, ja, wirklich--und: denk auch mal an mich--und komm ... komm ... komm oft herübergerudert zu mir"; und sie weinten beide bitterlich. "Eli! komm doch, Eli! Du kannst da doch nicht stehen bleiben!" klang es von unten herauf.--"Aber ich will mit," sagte Mathilde, "ich will mit Dir hinüber und heut nacht bei Dir schlafen!"--"Ja, ja, ja!"--und eng umschlungen liefen sie an die Landungsstelle hinunter. Nach einer Weile gewahrte Arne das Boot auf dem See; Eli stand mit dem Vogelbauer aufrecht hinten am Steuer und winkte; Mathilde saß am Steg und weinte.
Da blieb sie sitzen, solange das Boot auf dem Wasser war; bis zu den roten Häusern war's, wie gesagt, nicht weit, und Arne blieb auch sitzen. Auch er verfolgte das Boot mit den Augen. Es kam bald in den Schatten hinein, und er wartete, bis es anlegte; dann sah er sie im Wasser, und hier folgte er ihnen zu den Häusern hin, bis zu dem allerschönsten. Er sah die Mutter zuerst hineingehen, sah den Vater mit dem Koffer und schließlich die Tochter, soweit er sie an der Größe unterscheiden konnte. Nach einer Weile kam die Tochter wieder heraus und setzte sich vor die Tür, wahrscheinlich um in dem letzten Sonnenstrahl noch einmal herüberzuschauen. Das Pfarrerstöchterlein aber war schon fort, und nur er saß noch und sah ihr Bild im Wasser. "Ob sie mich wohl sieht?"----
Er stand auf und ging; die Sonne war hinunter, der Himmel aber war so hell und klarblau, wie er in Sommernächten ist. Von Wasser und Land stieg der Dunst zu beiden Seiten an den Felsen hoch; die Gipfel aber blieben frei und schauten zueinander hinüber. Er klomm höher hinauf; das Wasser wurde schwärzer und tiefer und gewissermaßen dichter. Das Tal unten im Grunde wurde kürzer und schob sich weiter ans Wasser heran; die Felsen rückten dem Auge näher und verschwammen in einen Klumpen, denn das Sonnenlicht zieht Grenzen. Selbst der Himmel kam tiefer hernieder, und alles wurde freundlich und traulich.
Neuntes Kapitel
Liebe und Frauen begannen in seinen Gedanken eine Rolle zu spielen; die Heldenlieder und die alten Geschichten ließen sie ihm in einem Zauberspiegel sehen--wie das Bild des Mädchens im Wasser. Er starrte beständig hinein, und nach jenem Abend kam die Lust über ihn, es zu besingen; denn es war ihm näher gerückt. Aber der Gedanke entschlüpfte ihm und kam zurück mit einem Liede, von dem er selbst nichts wußte; es war, als habe ein anderer es für ihn gedichtet:
Jung Venevil hüpfte auf leichtem Schuh Ihrem Liebsten zu. Da klang's ihr entgegen wie Lerchenschlag: "Guten Tag! guten Tag!"
Und all die kleinen Vöglein sangen lustig mit im Hag: "Zum Fest Sankt Johanns Da gibt's Lachen und Tanz; Doch nicht aus jedem Kränzlein wird ein hochzeitlicher Kranz!"
Sie flocht ihm eins aus den Veiglein der Au: "Meine Äuglein blau!" Hoch warf er's empor in den Lenzsonnenschein: "Leb' wohl, Freundin mein!" Und jubelte und stürmte wie ein Füllen feldein: "Zum Fest Sankt Johanns..."