Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band
Chapter 17
Die Mädchen standen vorn, er schaute sich lange und prüfend um, und ging dann geradenwegs auf Eine im dunklen Rock zu, und das war Birgit Böen. Er streckte ihr die Hand hin und sie gab ihm beide; da lachte er, wich zurück, nahm Eine neben ihr und tanzte übermütig mit der davon. Das Blut schoß Birgit in Hals und Gesicht. Ein großer Mann mit einem gütigen Gesicht stand hinter ihr; er nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr--dicht hinter Nils her. Der sah es, und es geschah vielleicht aus Versehen, daß er so heftig gegen sie antanzte, daß der Mann und Birgit mit großem Gepolter zu Fall kamen. Gelächter und Gejohle erhob sich ringsum. Birgit stand mühsam auf, ging beiseite und weinte bitterlich.
Der Mann mit dem gutmütigen Gesicht kam langsamer in die Höhe, ging aber dann gleich auf Nils zu, der immer noch tanzte. "Hör' mal einen Augenblick auf", sagte der Mann. Nils achtete dessen nicht, und da packte ihn der Mann am Arm. Nils riß sich los und sah ihn groß an. "Ich kenne Dich nicht", sagte er lächelnd. "Nein, aber jetzt wirst Du mich kennen lernen", sagte der Mann mit dem gütigen Gesicht und versetzte ihm einen Schlag gegen das eine Auge. Nils, der darauf nicht gefaßt gewesen war, stürzte mit hartem, schwerem Fall gerade auf die scharfe Kante vom Feuerherd; er wollte sich gleich wieder aufrichten, vermochte es aber nicht; ihm war das Rückgrat gebrochen.
Auf Kampen war eine große Veränderung vor sich gegangen. Die Großmutter hatte in der letzten Zeit gekränkelt; als das anfing, hatte sie emsiger als je gespart, um den Hof von Schulden frei zu machen. "Dann hast Du und der Junge soviel, wie Ihr braucht. Und läßt Du einen herein, der es Euch durchbringt, dann drehe ich mich im Grabe um." Gegen den Herbst zu hatte sie auch die Freude, daß sie mit dem letzten Rest der Schuld zum ehemaligen Haupthof hinaufhumpeln konnte, und froh war sie, als sie wieder daheim auf der Bank saß und sagen konnte: "Jetzt hab' ich's erreicht." Aber in der gleichen Stunde kam auch die Krankheit bei ihr zum Ausbruch; sie mußte ins Bett und stand nicht mehr auf. Ihre Tochter ließ sie an einem freien Platz auf dem Kirchhof begraben; sie bekam einen schönen Grabstein, auf dem ihr Name und ihr Alter standen und ein Gesangbuchvers aus dem Kingo. Zwei Wochen, nachdem sie unter der Erde lag, war aus ihrem schwarzen Sonntagskleid ein Anzug für den Knaben gemacht, und als er den anhatte, wurde ihm so feierlich zumut, als wäre die Großmutter wiedergekommen. Aus eigenem Antrieb setzte er sich vor das großgedruckte Gesangbuch, aus dem die Großmutter jeden Sonntag vorgelesen und gesungen hatte; er schlug es auf; ihre Brille lag darin. Die hatte der Junge zu ihren Lebzeiten nie anrühren dürfen; jetzt nahm er sie ängstlich in die Hand, setzte sie sich auf die Nase und sah wieder ins Buch. Es war ihm wie Nebel vor den Augen. Das ist doch merkwürdig, dachte der Junge; damit konnte die Großmutter Gottes Wort lesen. Er hielt sie hoch gegen das Licht, um zu sehen, woran es liegen könne, und--da lag die Brille in Scherben auf der Erde!
Ihm wurde angst und bange, und als im selben Augenblick die Tür aufging, meinte er, nun werde die Großmutter hereinkommen; es war aber seine Mutter, und hinter ihr her kamen sechs Männer, die unter großem Lärm und Getrampel eine Tragbahre trugen und sie mitten im Zimmer auf den Boden hinsetzten. Die Tür blieb weit hinter ihnen offen stehen, so daß es kalt in der Stube wurde.
Auf der Bahre lag ein Mann mit dunklem Haar und bleichem Gesicht; die Mutter ging weinend umher. "Legt ihn behutsam aufs Bett", bat sie und griff selbst mit zu. Wie aber die Männer ihn hineintrugen, knirschte etwas unter ihren Füßen. "Ach, das ist bloß Großmutters Brille", dachte der Junge, sagte es aber nicht.
Drittes Kapitel
Das war, wie gesagt, im Herbst. Acht Tage, nachdem Schneider Nils zu Margit Kampen gebracht war, kam von den Amerikanern die Nachricht, er möge sich bereit halten. Er wand sich gerade in furchtbaren Schmerzen und schrie, indem er die Zähne zusammenbiß: "Laß sie zur Hölle fahren!" Margit stand, als habe sie keine Antwort bekommen. Er bemerkte das, und nach einer Weile wiederholte er langsam und matt: "Laß sie--reisen!"
Zum Winter war er so weit, daß er aufrecht sitzen konnte, wenn auch seine Gesundheit für immer zerrüttet war. Als er das erstemal auf war, holte er seine Geige hervor und stimmte sie, wurde aber so aufgeregt, daß er wieder ins Bett mußte. Er war sehr wortkarg, doch umgänglich, und nach einiger Zeit fing er an, den Knaben zu unterrichten und Arbeit ins Haus zu nehmen. Hinaus kam er nicht, und mit denen, die ihn besuchten, sprach er nicht. In der ersten Zeit trug Margit ihm die Dorfneuigkeiten zu, aber er war immer verstimmt hinterher; da ließ sie es sein.
Gegen den Frühling saßen er und Margit länger als gewöhnlich nach dem Abendbrot zusammen und besprachen etwas. Der Junge wurde ins Bett geschickt. Anfang des Frühlings wurden sie von der Kanzel aufgeboten und dann in aller Stille getraut.
Er arbeitete auf dem Felde mit und machte alles verständig und ordentlich. Margit sagte zu dem Jungen: "Wir haben Nutzen von ihm und Freude. Nun mußt Du aber auch artig und gehorsam sein und ihm alles zu Liebe tun."
Margit war bei ihrem Kummer doch immer recht blühend gewesen; sie hatte ein rosiges Gesicht und sehr große Augen, die noch größer aussahen, weil sie in einem dunklen Ringe lagen. Sie hatte volle Lippen, ein rundliches Gesicht und sah frisch und stark aus, obwohl sie gar nicht so große Kräfte hatte. In dieser Zeit sah sie hübscher aus als je und sang nach ihrer Art in einemfort bei der Arbeit.
Da kam ein Sonntagnachmittag, an dem Vater und Sohn fortgingen, um zu sehen, wie dies Jahr die Äcker ständen. Arne sprang um seinen Vater herum und schoß mit einem Flitzbogen; Nils hatte ihn dem Jungen selbst gemacht. So ging es bergan auf den Weg zu, der von Kirche und Pfarrhaus in das sogenannte Breite Dorf hinunterführte. Nils setzte sich auf einen Stein am Wegrand und versank in Gedanken, sein Junge schoß den Weg entlang und sprang dem Pfeil nach, in der Richtung auf die Kirche zu. "Nicht zu weit", sagte der Vater. Wie der Knabe mitten im besten Spiel war, blieb er lauschend stehen. "Vater, ich höre Musik." Der lauschte auch; man hörte Geigenklänge, zuweilen übertönt von Rufen und wildem Lärm, dabei beständig Wagengerassel und Hufschlag; es war ein Brautzug, der von der Kirche heimkehrte. "Komm her, Junge", rief der Vater, und Arne hörte am Ton, daß er schnell kommen müsse. Der Vater war eilig aufgestanden und versteckte sich hinter einem dicken Baum. Der Junge hinterher;--"nicht hierher, dahin!" Der Junge hinter einen Erlenbusch.--Schon bog die Wagenreihe um den Birkenwald, sie kamen in rasender Fahrt, die Pferde schäumten, die betrunkenen Menschen kreischten und johlten. Vater und Sohn zählten die Wagen; es waren im ganzen vierzehn. Im ersten saßen zwei Spielleute, und der Brautmarsch klang durch die klare Luft; ein Bursch stand hinten und lenkte die Pferde. Dann kam die Braut mit der hohen Krone, die in der Sonne schimmerte; sie lächelte, und dabei verzog sich der Mund nach der einen Seite; neben ihr saß ein Mann im blauen Anzug mit einem gütigen Gesicht. Dann kam das Gefolge, die Männer saßen den Frauen auf dem Schoß, hintenauf saßen Kinder, Betrunkene fuhren zu Sechsen in einem Einspänner, der Marketender saß im letzten Wagen und hatte ein Faß mit Branntwein auf dem Schoß. Sie zogen unter Gesang und Gejohle vorbei und jagten in gewaltiger Eile die Anhöhe hinunter; das Geigenspiel, das Gekreisch und das Wagengerassel klang aus der Staubwolke hinter ihnen heraus; dann trug der Wind einen vereinzelten Aufschrei herüber, dann nur noch ein dumpfes Dröhnen und dann nichts mehr. Nils stand noch immer unbeweglich; der Junge kam zuerst wieder zum Vorschein.
"Wer war das, Vater?" Aber der Junge fuhr zusammen, denn sein Vater machte ein so böses Gesicht. Arne stand ganz still und wartete auf die Antwort; dann stand er immer noch still, weil er keine bekam. Schließlich, schließlich wurde ihm die Zeit lang, und er wagte ein: "Wollen wir jetzt gehen?" Nils stand noch immer, als blicke er dem Brautzuge nach, raffte sich jetzt zusammen und ging; Arne hinterher. Er legte einen Pfeil auf den Bogen, schoß ihn ab und lief hinterdrein. "Tritt das Gras nicht 'runter", sagte Nils kurz. Der Junge ließ den Pfeil liegen und kehrte um. Nach einer Weile hatte er das wieder vergessen, und als sein Vater einmal still stand, legte er sich hin und schlug Rad. "Tritt mir das Gras nicht 'runter, hab' ich gesagt"; dabei wurde er am Arm gepackt und in die Höhe gerissen, als solle der Arm aus dem Gelenk gehen. Fortan ging er ganz still hinterher.
In der Tür wartete Margit auf sie; sie kam gerade aus dem Kuhstall, wo sie tüchtige Arbeit gehabt haben mußte, denn ihr Haar war zerzaust, ihr Hemd nicht sauber und ihr Kleid auch nicht; aber sie stand in der Tür und lachte: "Ein paar Kühe hatten sich losgerissen und trieben allerhand Unfug; jetzt sind sie wieder fest."--"Du könntest Dich Sonntags auch wohl ein bißchen ordentlich anziehen", sagte Nils, indem er an ihr vorbei in die Stube ging. "Ja, jetzt habe ich Zeit, mich anzuziehen, wo meine Arbeit getan ist", sagte Margit und ging hinterher. Sie fing auch gleich damit an und sang, während sie sich putzte. Nun sang Margit recht hübsch, aber bisweilen war ihre Stimme ein bißchen hart. "Hör' mit dem Gegröhle auf", sagte Nils; er hatte sich der Länge nach aufs Bett geworfen. Margit hielt inne. Da kam der Junge hereingestürmt: "Hier ist ein großer schwarzer Hund auf dem Hof, ein häßlicher Köter--!"--"Halt's Maul, Junge", sagte Nils vom Bett her und streckte einen Fuß hervor, um damit auf den Boden zu stampfen: "Den Bengel muß der Teufel reiten", brummte er dann und zog den Fuß wieder in die Höhe. Die Mutter drohte dem Knaben. "Du siehst doch, daß Vater nicht gut aufgelegt ist", meinte sie. "Möchtest Du etwas starken Kaffee mit Sirup haben?" fragte sie; sie wollte ihn gern wieder versöhnen. Das war ein Getränk, das die Großmutter sehr geliebt hatte und die andern auch. Nils mochte es gar nicht, aber er hatte es doch getrunken, weil die andern es auch taten. "Möchtest Du nicht etwas starken Kaffee mit Sirup haben?" wiederholte Margit, weil er das erstemal nicht geantwortet hatte. Nils stützte sich auf die Ellbogen und brüllte: "Meinst Du, ich will dies Gemantsch hinunterwürgen?"--Margit war höchlichst erstaunt, nahm ihren Jungen mit und ging hinaus.
Sie hatten verschiedenes draußen zu tun und kamen erst zum Abendbrot wieder hinein. Da war Nils verschwunden. Arne wurde aufs Feld geschickt, um ihn zu rufen, fand ihn aber nirgends. Sie warteten, bis das Essen beinahe kalt geworden war, aßen dann, und noch immer war Nils nicht da. Margit wurde unruhig, schickte den Jungen ins Bett und wartete. Kurz nach Mitternacht kam Nils. "Wo bist Du denn gewesen, Schatz?" fragte sie. "Was geht Dich das an?" antwortete er und ließ sich langsam auf der Bank nieder. Er war betrunken.
In der nächsten Zeit war Nils oft im Dorf, und beständig kam er bezecht heim. "Ich halt' es hier zu Hause bei Dir nicht aus", sagte er einmal, als er kam. Sie versuchte, sich mit Sanftheit zu verteidigen; da stampfte er mit den Füßen auf und hieß sie schweigen; wenn er betrunken sei, so sei es ihre Schuld; wenn er schlecht sei, so sei es auch ihre Schuld; wenn er für sein ganzes Leben ein Krüppel und ein unglücklicher Mensch sei, so sei auch das ihre Schuld, ihre und ihres verfluchten Bengels Schuld. "Warum bist Du mir beständig nachgelaufen?" sagte er schluchzend. "Was hatte ich Dir getan, daß Du mich nicht in Frieden lassen konntest?"--"Gott soll mich behüten und bewahren," sagte Margit, "ich wäre Dir nachgelaufen?"--"Ja, das bist Du!" schrie er und stand auf, und weinend fuhr er fort: "Jetzt hast Du es ja, wie Du es haben wolltest. Ich wanke jetzt hier von Baum zu Baum und sehe Tag für Tag mein eigen Grab vor Augen. Aber ich hätte in Herrlichkeit und Freuden mit der schönsten Bauerntochter im ganzen Dorf leben können; ich hätte reisen können, soweit die Sonne reicht,--hättest Du mit Deinem verdammten Bengel mir nicht den Weg versperrt." Sie versuchte wieder, sich zu verteidigen; "es sei doch auf keinen Fall die Schuld des Jungen." "Bist Du nicht still, dann kriegst Du eins!" und er schlug sie.
Wenn er am andern Tage seinen Rausch ausgeschlafen hatte, schämte er sich und war, besonders zu dem Jungen, sehr freundlich. Aber bald war er von neuem betrunken, und dann schlug er sie wieder; schließlich schlug er die Mutter beinahe jedesmal, wenn er betrunken war; der Junge weinte und jammerte, da schlug er ihn auch. Zuweilen wurde seine Reue so groß, daß er aus dem Hause mußte. In dieser Zeit lockte ihn das Tanzen wieder; wie früher spielte er dazu auf und nahm den Jungen mit, daß er ihm den Kasten trage. Da sah der Junge mancherlei. Die Mutter weinte, daß er mit mußte, wagte es aber nicht zum Vater zu sagen. "Denk an den lieben Gott und lerne nichts Schlechtes", flehte sie und liebkoste ihn. Beim Tanz aber war es sehr lustig, und zu Haus bei der Mutter war es gar nicht lustig. Er wandte sich immer mehr von ihr ab und dem Vater zu. Sie sah es und schwieg. Beim Tanz lernte er manche Weise, und die sang er nachher dem Vater vor. Dem machte es Spaß, und zuweilen brachte der Junge ihn zum Lachen. Das schmeichelte dem Jungen so, daß er sich fortan Mühe gab, soviele Lieder wie möglich zu lernen; bald merkte er sich auch, welche Art von Liedern der Vater am liebsten mochte, und bei welchen Stellen er lachte. Wenn so etwas nicht in den Liedern war, dann legte der Junge es, so gut er konnte, hinein; das gab ihm frühzeitig Übung, Worte nach einer Melodie zusammenzusetzen. Spottlieder und häßliche Dinge über Leute, die zu Ansehen und Wohlstand gekommen, waren dem Vater die liebsten, und der Junge sang sie.
Die Mutter wollte ihn abends immer gern mit in den Kuhstall nehmen; allerhand Vorwände fand er, um dem zu entgehen; wenn aber alles nichts nützte und er mit mußte, dann sprach sie gar erbaulich mit ihm von Gott und allem Guten und schloß meistens damit, daß sie ihn unter heißen Tränen in die Arme nahm und ihn bat, ihn anflehte, kein schlechter Mensch zu werden.
Die Mutter unterrichtete ihn, und der Junge war außerordentlich gelehrig. Sein Vater war ungeheuer stolz darauf und sagte ihm--besonders wenn er betrunken war--, er habe seinen Kopf.
Beim Tanz pflegte nun der Vater, wenn der Rausch ihn unterkriegte, Arne aufzufordern, den Leuten etwas vorzusingen. Er tat es und sang, unter Gelächter und Beifall, ein Lied nach dem andern; der Beifall machte dem Sohn beinahe noch mehr Spaß als dem Vater, und schließlich wollten die Lieder, die er singen konnte, gar kein Ende mehr nehmen. Besorgte Mütter, die es mitanhörten, gingen selbst zu seiner Mutter und sprachen mit ihr darüber, weil der Inhalt der Lieder nicht so war, wie er sein sollte. Die Mutter nahm sich ihren Jungen vor und verbot ihm bei Gott und allem Guten, solche Lieder zu singen, und da war es dem Jungen, als ob alles, was ihm Spaß mache, der Mutter nicht recht sei. Er erzählte zum erstenmal seinem Vater, was die Mutter gesagt hatte. Das mußte sie schwer büßen, als der Vater wieder einmal betrunken war; er sparte immer alles bis dahin auf. Da aber wurde es dem Knaben klar, was er getan hatte, und in seiner Seele bat er Gott und sie um Verzeihung, da er sich nicht überwinden konnte, es offenkundig zu tun. Die Mutter war gütig wie immer gegen ihn, und das schnitt ihm ins Herz.
Einmal vergaß er es aber. Er hatte die Gabe, alle Leute nachmachen zu können; besonders konnte er ihre Sprache und ihren Gesang nachmachen. Die Mutter kam eines Abends in die Stube, als der Junge seinen Vater damit unterhielt, und als sie wieder draußen war, kam der Vater auf den Einfall, er solle den Gesang der Mutter nachmachen. Er weigerte sich anfangs; sein Vater aber, der im Bett lag und sich vor Lachen schüttelte, bestand darauf, daß er auch nachmachen sollte, wie die Mutter sang. "Sie ist ja nicht da," dachte der Junge, "und kann es nicht hören", und er machte ihr nach, wie ihre Stimme manchmal klang, wenn sie heiser und tränenerstickt war. Der Vater lachte, daß es dem Jungen fast unheimlich wurde, und er hörte von selbst auf. Da kam die Mutter von der Küche herein, sah den Jungen lange und traurig an, holte eine Milchschüssel vom Brett und trug sie hinaus.
Ihn überlief es siedend heiß; sie hatte alles gehört. Er sprang vom Tisch, auf dem er gesessen hatte, herunter, ging hinaus, warf sich auf die Erde und hätte sich am liebsten darin begraben. Es ließ ihm keine Ruh, er stand auf und wollte weiter fort. Er ging an der Scheune vorbei, und dahinter saß die Mutter und nähte gerade an einem schönen neuen Hemd für ihn. Sie pflegte sonst, wenn sie so dasaß, ein Kirchenlied bei der Arbeit zu singen; jetzt aber sang sie nicht. Sie weinte auch nicht, sie saß nur und nähte. Da konnte Arne es nicht länger aushalten; er warf sich vor ihr ins Gras nieder, blickte zu ihr auf und schluchzte, daß er am ganzen Körper bebte. Die Mutter ließ die Arbeit sinken und nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände. "Armer Arne", sagte sie und legte ihren Kopf an seinen. Er machte nicht den Versuch, ein Wort zu sagen, sondern weinte, wie er nie zuvor geweint hatte. "Ich wußte ja, Du bist im Grunde gut", sagte seine Mutter und strich ihm übers Haar. "Mutter, Du darfst nicht nein sagen, wenn ich Dich um etwas bitte", war das erste, was er sagen konnte. "Du weißt, das tue ich auch nicht", antwortete sie. Er versuchte, seiner Tränen Herr zu werden und dann stieß er, den Kopf in ihrem Schoß, heraus: "Mutter--sing mir etwas vor!"--"Ich kann ja nicht, mein Junge", sagte sie leise.--"Mutter, sing' mir etwas vor," flehte der Junge, "oder ich glaube, ich darf Dir nie mehr in die Augen sehen." Sie strich ihm übers Haar, schwieg aber. "Mutter, sing doch, sing, hörst Du! Sing doch!" bettelte er, "oder ich gehe so weit weg, daß ich nie mehr nach Hause kommen kann." Und während der große vierzehnjährige Junge so dalag, den Kopf in der Mutter Schoß, fing sie, über ihn gebeugt, zu singen an:
Der du, Herr, um mein Sorgen weißt, Schütze mir meinen Jungen! Schick ihm deinen Heiligen Geist, Kommt er zum Strande gesprungen! Glatt ist der Sand, das Wasser bewegt; Aber wenn er den Arm um ihn legt, Tut ihm die Welle nicht Schaden, Bis du ihn rettest voll Gnaden. Bange sitzt die Mutter zu Haus: Ob ihm ein Unglück geschehen? Tritt in die Türe, ruft hinaus... Nichts ist zu hören, zu sehen. Tröstet sich endlich: ob hier, ob da Du und er, ihr seid ihm ja nah; Jesulein, ihm zur Seiten, Wird ihn nach Haus geleiten.
Sie sang mehrere Verse; Arne lag ganz still; ein wohltuender Frieden kam über ihn, und er fühlte eine erquickende Müdigkeit. Das letzte, was er deutlich hörte, war von Jesus; da tat sich eine helle Welt vor ihm auf, und ihm war, als singe da ein Chor von zwölf oder dreizehn Stimmen; die Stimme seiner Mutter hörte er aber aus allen heraus. Schönere Töne hatte er nie gehört; er bat, man solle ihn so singen lehren. Er meinte es zu können, wenn er ganz leise singe, und so sang er denn ganz leise, sang noch einmal ganz leise und immer noch leiser, und es klang schon ganz holdselig, als er vor Freude darüber mit kräftiger Stimme einsetzte, und weg war es. Er wachte auf, sah sich um und lauschte, hörte aber nichts als das ewige Rauschen des Wassers und den kleinen Bach, der mit leisem stetigen Plätschern dicht an der Scheune vorbeifloß. Die Mutter war fort; sie hatte das halbfertige Hemd und ihre Jacke ihm unter den Kopf geschoben.
Viertes Kapitel
Als nun die Zeit gekommen war, da das Vieh in den Wald auf die Weide getrieben werden sollte, wollte er es hüten. Sein Vater war dagegen; er habe bis jetzt doch noch nie das Vieh gehütet und sei jetzt schon im fünfzehnten Jahr. Er wußte aber so schön zu bitten, daß er zuletzt seinen Willen bekam, und den ganzen Frühling, Sommer und Herbst über war er nur zum Schlafen zu Hause, sonst aber den lieben langen Tag allein im Walde.
In seine Einsamkeit da oben nahm er seine Bücher mit; er las und schnitt Buchstaben in die Baumrinden; er ging sinnend und sehnsüchtig einher und sang; aber wenn er abends nach Hause kam, war der Vater häufig betrunken, mißhandelte die Mutter, verwünschte sie und das ganze Dorf, und sprach davon, daß er einmal die weite, weite Welt hätte sehen können. Da kam auch über den Jungen die Sehnsucht, in die Welt zu ziehen. Zu Hause war es schrecklich, und seine Bücher lockten ihn hinaus, und manchmal war's ihm, als locke ihn auch die Luft über den hohen Bergen.
Da geschah es, daß er im Mittsommer mit Kristian, dem ältesten Sohn des Kapitäns zusammentraf, der mit dem Knecht in den Wald gekommen war, um die Pferde nach Hause zu reiten. Er war ein paar Jahr älter als Arne, leichtherzig und lustig, unbeständig in seinen Gedanken, aber trotz allem stark an Willen. Er sprach hastig und abgerissen, am liebsten von zwei Dingen zu gleicher Zeit, ritt ungesattelte Pferde, schoß die Vögel im Fluge, fischte mit Fliegen und kam Arne wie der Inbegriff aller Vollkommenheit vor. Er hatte auch die Wanderlust und erzählte Arne von fremden Ländern, daß ringsum alles Glanz war; er bemerkte Arnes Freude am Lesen, und da brachte er ihm die Bücher mit, die er selbst gelesen hatte; wenn Arne sie aus hatte, bekam er neue; des Sonntags saß er selbst neben ihm und zeigte ihm, wie er Erdkunde und Landkarten zu studieren habe, und den ganzen Sommer und Herbst lernte Arne soviel, daß er ganz blaß und mager wurde.
Im Winter durfte er zu Hause weiter lernen, weil er im nächsten Jahr konfirmiert werden sollte, außerdem aber auch mit dem Vater gut umzugehen verstand. Er ging jetzt wohl in die Schule, aber in der Schule machte er am liebsten die Augen zu und träumte sich nach Hause zu seinen Büchern; er hatte ja auch unter den Bauernjungen keinen Kameraden mehr.
Mit den Jahren schlug der Vater die Mutter immer mehr, und auch seine Trunksucht und seine körperlichen Schmerzen nahmen zu. Und weil Arne trotzdem bei ihm sitzen und ihn unterhalten mußte, um der Mutter für eine Stunde Frieden zu schaffen, und oft Dinge sagen mußte, die er jetzt aus tiefstem Herzen verabscheute, so bekam er einen Haß auf seinen Vater. Den verschloß er ebenso tief in sich wie die Liebe zu seiner Mutter. Kam er mit Kristian zusammen, so war viel von großen Reisen und von den Büchern die Rede; selbst dem Freunde verschwieg er, wie es bei ihm zu Hause zuging. Aber manches Mal, wenn er von diesen weitgreifenden Gesprächen allein heimwärts zog und daran dachte, was ihm nun wieder bevorstehen mochte, weinte er und betete zu dem Gott über den Sternen, er möge es fügen, daß er bald in die Ferne ziehen dürfe.
Im Sommer wurden Kristian und er konfirmiert. Kurz darauf setzte Kristian seinen Plan durch. Sein Vater mußte ihn fortlassen, damit er Seemann werden konnte; er schenkte Arne seine Bücher, versprach fleißig zu schreiben--und reiste ab.
Nun stand Arne allein.
In dieser Zeit bekam er wieder Lust, Verse zu machen. Er flickte nicht mehr an alten herum, er machte neue und legte all sein Leid hinein.
Aber ihm war schließlich das Herz zu schwer, und der Kummer verleidete ihm die Lieder. In langen schlaflosen Nächten wurde es ihm jetzt zur Gewißheit, daß er es nicht länger ertragen konnte, sondern weit, weit fort wandern wollte und Kristian suchen--und keinem Menschen ein Wort davon sagen. Er dachte an die Mutter und was aus ihr werden würde, und er konnte ihr kaum in die Augen sehen.
Da saß er eines Abends spät auf und las. Wenn es ihm wie ein Alb auf der Brust lag, nahm er seine Zuflucht zu den Büchern und merkte nicht, daß sie das Gift noch schärfer machten. Der Vater war auf einer Hochzeit, wurde aber noch diesen Abend zurückerwartet; die Mutter war müde und hatte Angst vor ihm, deshalb hatte sie sich schlafen gelegt. Arne fuhr bei einem schweren Fall auf der Diele und bei dem Gepolter von etwas Hartem an der Tür zusammen. Da kam sein Vater nach Hause.