Gesammelte Werke in fünf Bänden — 1. Band

Chapter 15

Chapter 153,587 wordsPublic domain

Knud gab einen Laut, ungefähr wie einen Schluckser, von sich und versuchte zwei- oder dreimal etwas zu sagen; aber es gelang ihm nicht. Thorbjörn hatte nichts mehr zu sagen und wartete--er sah nicht auf; er wartete nur. So fiel kein Wort mehr zwischen beiden, doch wie Thorbjörn noch immer dastand und dabei sein Gesangbuch in den Händen herumdrehte, fiel es zur Erde. Sofort bückte sich Knud, hob es auf und reichte es ihm. "Ich danke Dir", sagte Thorbjörn, der sich gleichfalls gebückt hatte; er blickte auf, aber da Knud wieder zu Boden schaute, dachte Thorbjörn: das beste ist, ich gehe jetzt. Und dann ging er.

Die anderen gingen ebenfalls, und als sich Thorbjörn hingesetzt hatte und eine Weile darauf zu den Frauen hinübersah, traf sein Blick Ingebjörg, die ihm mütterlich zulächelte, und Karen Solbakken, die sicher darauf gewartet hatte, er möge hinübersehen; denn sobald er sie ansah, nickte sie ihm dreimal zu; und als ihn dies stutzig machte, nickte sie wieder dreimal, und noch freundlicher als zuvor.--Vater Sämund flüsterte ihm in das Ohr: "Das habe ich mir gleich gedacht." Das Einleitungsgebet war gesprochen, das erste Lied aus dem Gesangbuch gesungen, schon stellten sich die Konfirmanden auf, da erst flüsterte Sämund wieder: "Aber dem Knud wird's nicht leicht, gut zu sein; lasse es immer recht weit von Granliden nach Nordhoug bleiben."

Die Konfirmation begann; der Pastor trat hervor, und die Kinder stimmten das Einsegnungslied von Kingo an. Wenn nun dieser Kinderchor und nur dieser Kinderchor so voll Vertrauen und so hell singt, dann werden die älteren Leute sehr gerührt, und besonders diejenigen, die ihre eigene Konfirmation noch frischer im Gedächtnis haben. Wenn dann tiefe Stille eintritt, und der Pastor, seit mehr als zwanzig Jahren derselbe, der für jeden einzelnen immer eine schöne Stunde übrig gehabt hatte, da er ihn auf ein Höheres hingewiesen,--wenn dieser Pastor die Hände faltet und zu reden anhebt, dann wächst die Rührung in der Gemeinde. Und den Kindern kommen die Tränen, wenn er sich an die Eltern wendet und sie auffordert, für ihre Kinder zum lieben Gott zu beten. Thorbjörn, der vor kurzem dem Tode nahe gewesen und unlängst noch geglaubt hatte, er werde sein Lebenlang siech bleiben, weinte heftig, besonders als die Kinder ihr Gelübde ablegten, und alle in der tiefsten Überzeugung, daß sie es auch halten könnten. Er sah nicht ein einzigesmal zu den Frauen hinüber; aber nach dem Gottesdienst ging er zu Ingrid und flüsterte ihr etwas ins Ohr; dann ging er schnell durch das Gedränge hinaus. Einige wollten wissen, daß er über den Hügel dem Walde zu statt auf der Fahrstraße geschritten sei; aber sicher wußten sie es auch nicht. Sämund suchte ihn, gab es aber auf, als er entdeckte, daß Ingrid ebenfalls fort war; dann suchte er die Solbakkener; Guttorm und Karen liefen überall herum und fragten jeden nach Synnöve; aber zufällig hatte keiner sie gesehen. Da zogen sie nach Hause, jedes Ehepaar für sich, doch ohne ihre Kinder.

Doch weit vorn auf der Straße gingen Synnöve wie auch Ingrid. "Fast tut es mir leid, daß ich mitgekommen bin", sagte jene.--"Jetzt ist es nicht mehr so gefährlich; Vater weiß es ja", antwortete die andere.--"Aber er ist doch nicht mein Vater", sagte Synnöve. "Wer weiß?" entgegnete Ingrid--und dann sprachen sie nicht mehr darüber.--"Hier sollten wir ja warten", sagte Ingrid, als sie bei einer scharfen Wegkante an einen dichten Wald kamen.--"Er hat einen weiten Umweg zu machen", versetzte Synnöve.--"Er ist aber schon da", fügte Thorbjörn hinzu, der hinter einem großen Stein gestanden hatte und nun hervortrat.

Er hatte sich alles, was er sagen wollte, fix und fertig im Kopf zurecht gelegt, und er hatte nicht wenig zu sagen. Aber heut sollte es auch frisch heraus, weil sein Vater es wußte und damit einverstanden war; das glaubte Thorbjörn nach den Vorgängen heute bei und in der Kirche bestimmt annehmen zu können. Den ganzen Sommer hatte er sich nach einer Aussprache gesehnt, und da mußte er doch heute freier reden können als früher!

"Am besten gehen wir wohl auf dem Waldweg," sagte er, "da kommen wir rascher vorwärts." Die beiden Mädchen sagten nichts, aber folgten ihm. Eigentlich hatte er sofort mit Synnöve reden wollen; aber dann wollte er doch lieber bis jenseits des Hügels warten, und dann, bis sie den Sumpf hinter sich hatten; dort aber meinte er, sie müßten erst weiter in den Wald hineinkommen. Ingrid, die recht gut merkte, daß die entscheidenden Worte zwischen den beiden nicht flott in Fluß gerieten, verlangsamte ihre Schritte, und blieb mehr und mehr zurück, bis sie schließlich nicht mehr zu sehen war. Synnöve tat, als merke sie das nicht, bückte sich hier und da nach einer Beere am Wegsaum, und pflückte sie.

"Das müßte doch merkwürdig zugehen, wenn ich nicht mit der Sprache heraus könnte," dachte Thorbjörn, und so sagte er: "Schönes Wetter heute."--"Recht schönes Wetter", antwortete Synnöve. Sie schritten ein Stückchen weiter, sie suchte Beeren--und er, er ging daneben.--"Das war hübsch von Dir, daß Du mitgekommen bist", sagte er dann; sie entgegnete nichts.--"Wir haben einen sehr langen Sommer gehabt", fing er wieder an; aber darauf antwortete sie gar nichts.--Nein, solange wir gehen, dachte Thorbjörn, kommen wir nicht ordentlich zum Reden. "Wollen wir nicht auf Ingrid warten?" fragte er.--"Ja, das wollen wir", entgegnete Synnöve und blieb stehen. Hier gab es keine Beeren, und so konnte sie sich auch nicht danach bücken; das hatte Thorbjörn ganz gut gesehen; aber Synnöve pflückte einen langen Grashalm, und nun stand sie da und zog die Beeren auf dem Halm auf.

"Heute mußte ich immer an die Zeit denken, wie wir zusammen zur Konfirmation gegangen sind", sagte er. "Daran mußte ich auch immer denken", erwiderte sie.--"Seitdem ist eine Menge passiert"--und da sie still blieb, fuhr er fort: "aber meistens Geschichten, die wir nicht erwartet haben." Synnöve hatte viel mit Halm und Beeren zu tun und mußte den Kopf dabei senken; er trat einen Schritt vor sie hin, um ihr in das Gesicht zu sehen; doch als ob sie's merke, veränderte sie ihre Stellung so, daß er gezwungen wurde, sich wieder anders zu drehen. Da bekam er fast Angst, daß er seine Angelegenheit nicht vorwärts bringe. "Synnöve, Du hast mir doch etwas zu sagen?" Sie sah auf und lachte. "Was soll ich Dir zu sagen haben?" Er gewann seinen alten Mut wieder und wollte sie umfassen; aber als er ihr nahe kam, traute er sich nicht recht und fragte nur ganz geduckt: "Ingrid hat doch mit Dir geredet?"--"Ja", antwortete sie. "Dann mußt Du auch etwas wissen", sprach er weiter. Sie schwieg. "Dann mußt Du auch etwas wissen", wiederholte er, und trat noch einmal auf sie zu. "Du mußt wohl auch etwas wissen", entgegnete sie;--ihr Gesicht konnte er nicht sehen. "Ja", sagte er, und wollte ihre eine Hand fassen; aber sie war gerade zu sehr mit dem Halm beschäftigt. "Dumme Geschichte das," sagte er, "Du machst mich immer kleinmütig."--Weil er nicht bemerken konnte, daß sie darüber lächelte, wußte er nicht, wie er fortfahren sollte. "Kurz und gut," stieß er plötzlich mit starker, aber doch etwas unsicherer Stimme vor: "Was hast Du mit dem Zettel gemacht?" Sie antwortete nicht; wandte sich aber ab. Er folgte ihrer Bewegung, legte die eine Hand auf ihre Schulter und neigte sich ihr zu: "Antworte mir", flüsterte er.----"Ich hab' ihn verbrannt."----

Er nahm sie und drehte sie zu sich hin, aber als er sah, daß ihr die Tränen in die Augen traten, da blieb ihm nichts anderes übrig als sie loszulassen;--das ist doch ärgerlich, daß ihr die Tränen so locker sitzen, dachte er. Mit einem Mal sagte sie;--jedoch ganz leise: "Warum hast Du den Zettel geschrieben?"--"Das hat Ingrid Dir ja gesagt."--"Ja wohl; aber--sehr böse und hart war's von Dir."--"Vater hat's gewollt."--"Trotzdem--"--"Er hat geglaubt, ich würde mein ganzes Leben lang ein kranker Mensch bleiben; aber jetzt bin ich soweit, daß ich für Dich sorgen kann", sagte er.

Ingrid erschien unten am Hügel, und da machten sich die beiden wieder auf den Weg.

"Damals, als ich glaubte, ich könnte Dich nicht mehr kriegen, warst Du mir am nächsten", sprach er.--"Wenn man allein ist, geht man prüfend in sich", erwiderte sie.--"Ja, da zeigt sich's am besten, wer die größte Macht über uns hat", sagte Thorbjörn und schritt ernst neben ihr her.

Jetzt pflückte sie keine Beeren mehr. "Willst Du ein paar haben?" fragte sie und reichte ihm den Halm hin. "Danke", antwortete er und hielt ihre Hand fest. "Dann ist es wohl besser, es bleibt beim alten", brachte er mit etwas schwankender Stimme hervor.--"Ja", flüsterte sie unhörbar, und wandte den Kopf ab; nun gingen sie weiter, und solange sie schwieg, traute er sich nicht, sie zu berühren oder mit ihr zu sprechen; aber sein ganzer Körper wurde mit einemmal so leicht, so leicht--und beinahe wäre er hingepurzelt. Vor seinen Augen flimmerte und brannte es; und da Synnöve und er nun auf einen Hügel kamen, von dem sie Solbakken gut übersehen konnten, war es ihm, als sei er sein ganzes Leben dort drüben zu Hause gewesen, und habe Heimweh dahin gehabt. "Ich gehe gleich mit ihr hinüber," dachte er, schritt aus, und schöpfte sich aus dem Bilde, das sich ihm bot, immer neuen Mut, so daß sein Vorsatz sich mit jedem Schritt befestigte. "Vater hilft mir," dachte er; "ich ertrag's nicht länger", und er ging schnell und schneller, immer geradeaus. Kirchspiel und Hof lagen in hellem Licht. "Ja, heute! Nicht eine Stunde wart' ich länger," und er fühlte sich so stark, daß er im Augenblick nicht wußte, wie er das betätigen solle.

"Du reißt mir ja beinah aus," hörte er eine sanfte Stimme hinter sich rufen. Es war Synnöve; vergebens hatte sie versucht, ihm nachzukommen, und mußte es jetzt aufgeben. Er schämte sich recht, kehrte um, ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu und dachte: jetzt will ich sie mal gleich hoch in die Luft schwenken; aber als er bei ihr war, ließ er es lieber bleiben. "Ich gehe zu schnell", sagte er. "Ja, viel zu schnell", antwortete sie.

Nun waren sie der Landstraße nahe; Ingrid, die in der ganzen Zeit unsichtbar geblieben, war auf einmal dicht hinter ihnen. "Nun dürft Ihr nicht länger zusammengehen", sagte sie. Das war Thorbjörn etwas zu früh, er erschrak; auch Synnöve wurde etwas beklommen. "Ich habe Dir noch so viel zu sagen", flüsterte er. Sie konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. "Ja, ja," sagte er, "das nächste Mal"--und ergriff ihre Hand.

Mit klarem, vollem Blick sah sie zu ihm auf; ihm wurde ganz warm, und wieder schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: "Ich gehe gleich mit ihr." Da zog sie behutsam ihre Hand zurück, wandte sich ruhig zu Ingrid, sagte ihr Lebewohl und schritt langsam zur Straße hin. Und er, er blieb, wo er war.

Die Geschwister gingen durch den Wald nach Hause. "Habt Ihr Euch ausgesprochen?" fragte Ingrid.--"Nein, der Weg war zu kurz", antwortete er; aber ging so schnell, als ob er nichts mehr hören wolle.

"Na?" sagte Sämund und sah vom Mittagessen auf, als die Geschwister in die Stube traten. Thorbjörn antwortete nicht; er ging zu der Bank der gegenüberliegenden Wand, vermutlich, um seinen Rock auszuziehen; Ingrid ging ihm nach und kicherte. Sämund fing wieder an zu essen, blickte dann und wann auf Thorbjörn, tat dabei, als sei er mit dem Essen sehr beschäftigt, lachte leise vor sich hin und aß weiter. "Komm her und iß," rief er, "sonst wird das Essen kalt."--"Danke, ich habe keinen Hunger", antwortete Thorbjörn und setzte sich. "So?"--und Sämund aß. Nach einem Weilchen sagte er: "Ihr wart ja heut mit einemmal aus der Kirche."--"Wir hatten mit jemand zu reden", erwiderte Thorbjörn und hockte mit krummem Buckel.--"Na, habt Ihr denn mit ihm geredet?"--"Das weiß ich fast selber nicht", versetzte Thorbjörn.--"Den Teufel auch", brummte Sämund und aß. Es dauerte nicht lange mehr, da war er fertig und stand auf; er ging zum Fenster, blieb stehen und sah hinaus; bald darauf drehte er sich um: "Du, komm, wir wollen ein bißchen aus und uns die Felder besehen." Thorbjörn stand auf. "Nein, zieh Dir erst den Rock an." Thorbjörn, der in Hemdsärmeln dagesessen hatte, nahm einen alten Arbeitsrock, der hinter ihm hing.--"Siehst Du nicht, daß ich den guten anhabe?" rief Sämund. Nun zog Thorbjörn auch seinen Sonntagsrock an. Dann gingen sie fort; Sämund voran, Thorbjörn hinterher.

Sie nahmen die Richtung der Fahrstraße. "Wollen wir nicht zur Gerste?" fragte Thorbjörn. "Nein, zum Weizen", antwortete Sämund. Gerade als sie auf die Straße kamen, fuhr ein Wagen langsam auf sie zu. "Der Wagen ist aus Nordhoug", sagte Sämund.--"Das Jungvolk von Nordhoug sitzt drin", fügte Thorbjörn hinzu; Jungvolk bedeutet nämlich das junge Paar.

Der Wagen hielt, als die Granlidener herankamen. "Wirklich ein Staat von Frauenzimmer ist die Marit Nordhoug", flüsterte Sämund, und wandte kein Auge von ihr; sie saß etwas zurückgelehnt im Wagen und hatte ein Tuch lose um den Kopf, ein andres um den Nacken und die Brust geschlungen; sie blickte steif vor sich hin und auf die beiden Fußgänger. Der Mann sah sehr blaß und mager und noch sanfter als früher aus, etwa wie einer, der Kummer hat und sich ihn nicht vom Herzen reden kann.

"Ihr seid wohl aus, um nach dem Korn zu sehen?" fragte er.--"Das will ich meinen", antwortete Sämund.--"Gut steht's dies Jahr."--"Hat schon schlechter gestanden."--"Ihr kommt heute spät zurück", sagte Thorbjörn.--"Hatte zu vielen Adieu zu sagen."--"Was?--willst Du denn verreisen?" fragte Sämund.--"Ja, das will ich, ja."--"Weit?"--"Ach, ja."--"Wie weit denn?"--"Nach Amerika."--"Nach Amerika?" riefen die beiden Granlidener auf einmal. "Ein Mann, der sich eben erst verheiratet hat!" setzte Sämund hinzu. Der Mann lächelte. "Ich glaube, ich bleibe von wegen meinem Fuß hier, sprach der Fuchs, da saß er im Eisen fest." Marit sah ihn und darauf die anderen an; eine leichte Röte flog über ihr Gesicht; aber kein Zug veränderte sich.--"Die Frau geht wohl mit?" fragte Sämund.--"Nein, das tut sie nicht."--"In Amerika soll man's leicht zu was bringen", sagte Thorbjörn,--er hatte die Empfindung, das Gespräch dürfe nicht stocken.--"Na, ja", sagte der Mann.--"Aber Nordhoug hat doch guten Boden und ist groß", versetzte Sämund.--"Es sind zu viele drauf", antwortete der Mann; seine Frau sah ihn wieder an. "Der eine steht dem andern im Wege", fügte er hinzu.

"Glückliche Reise!" sagte Sämund und gab ihm die Hand. "Gott lasse Dich finden, was Du suchst."

Thorbjörn blickte seinem Schulkameraden lange und fest in die Augen: "Ich möchte später noch mit Dir reden", sagte er.--"Es tut einem gut, wenn man mit jemand reden kann", antwortete der Mann und schrapte mit dem Peitschenstiel auf dem Boden des Wagens.

"Komm doch mal zu uns", sagte Marit; und Thorbjörn und Sämund sahen fast verdutzt die Frau an; es war ihnen immer wieder etwas Neues, daß sie eine so sanfte Stimme hatte.

Das Paar fuhr weiter; langsam rollte der Wagen dahin; eine kleine Staubwolke umkreiste ihn, die Abendsonne senkte ihre Strahlen gerade auf ihn herunter; vom dunklen Friesrock des Mannes hoben sich flimmernd und schimmernd die seidenen Tücher der Frau ab;--ein Hügel kam; der Wagen verschwand.

----Lange schritten Vater und Sohn nebeneinander her, bis einer ein Wort sprach. "Ich glaube, ich irre mich nicht; es wird lange dauern, bis der wiederkommt", meinte Thorbjörn, und Sämund antwortete: "Ist auch das beste, wenn einer sein Glück nicht im Lande gefunden hat."--Und sie schritten wieder stumm weiter. "Du gehst ja am Weizen vorbei", rief Thorbjörn. "Den besehen wir uns auf dem Rückweg";--und sie schritten weiter. Thorbjörn mochte nicht recht fragen wohin; denn die Granlidener Feldmark ließen sie hinter sich.

Neuntes Kapitel

Als Synnöve rot im Gesicht und atemlos eintrat, waren Guttorm und Karen Solbakken schon mit dem Essen fertig. "Aber liebes Kind, wo bist Du denn gewesen?" fragte die Mutter.--"Ich bin mit Ingrid etwas zurückgeblieben", antwortete Synnöve, und knüpfte sich gemach ein paar Tücher ab; der Vater suchte im Schrank nach einem Buch. "Was habt Ihr denn solange zu reden gehabt?"--"Ach, nichts besonderes."--"Dann war' es besser gewesen, Du hättest auf dem Kirchgang keinen Umweg gemacht."--Sie stand auf und stellte der Tochter zu essen hin. Nachdem Synnöve sich an den Tisch gesetzt hatte, fragte die Mutter, die ihren Platz ihr gegenüber wieder eingenommen hatte: "Hast Du vielleicht noch mit andern geredet?"--"Ja, noch mit manchem", antwortete Synnöve.--"Das Kind muß doch mit Leuten reden", sagte Guttorm. "Gewiß muß sie das," versetzte die Mutter etwas sanfter; "aber sie hätte doch mit ihren Eltern gehen können."--Darauf bekam sie keine Antwort.

"Das war ein herrlicher Kirchgang heut," fing sie wieder an, "die Jugend in der Kirche tut einem gut."--"Man denkt an seine eignen Kinder", setzte Guttorm hinzu.--"Da hast Du recht," sagte die Mutter, und seufzte; "keiner weiß, wie es ihnen mal gehen wird." Guttorm sprach lange kein Wort. "Wir haben Gott herzlich dafür zu danken," sagte er endlich, "daß er uns eines gelassen hat." Die Mutter wischte mit den Fingern über den Tisch und blickte nicht auf; "sie ist doch unsere größte Freude", sprach sie leise; "sie ist auch nicht aus der Art geschlagen", fügte sie noch leiser hinzu. Es entstand eine lange Pause. "Ja, sie hat uns immer große Freude gemacht," sagte Guttorm, und etwas später mit weicher Stimme: "Gott schenke ihr Glück!"--Die Mutter wischte mit den Fingern über den Tisch; eine Träne fiel darauf, und sie wischte sie weg.--"Warum ißt Du denn nicht?" fragte Guttorm, als er nach einem Weilchen aufblickte.--"Danke, ich bin satt", antwortete Synnöve. "Aber Du hast ja noch gar nichts gegessen," sagte nun auch die Mutter, "und Du hast einen so weiten Weg gemacht."--"Ich kann nicht", entgegnete Synnöve und zupfte eifrig am Zipfel ihres Brusttuchs.--"Iß, mein Kind", wiederholte der Vater.--"Ich kann nicht", sagte Synnöve abermals und fing zu weinen an.--"Aber, liebes Kind, warum weinst Du denn?"--"Ich weiß nicht", und sie schluchzte. "Sie weint so leicht", sagte die Mutter, der Vater stand auf und ging an das Fenster. "Dort kommen zwei Männer auf den Hof zu", sagte er. "Was? jetzt am späten Nachmittag?" fragte die Mutter und ging auch an das Fenster. Sie sahen lange hinaus. "Wer kann denn das bloß sein?" sprach sie, aber nicht gerade, als ob sie fragen wollte. "Ich weiß nicht", versetzte Guttorm, und sie sahen und sahen. "Das verstehe ich nicht recht", sagte sie.--"Ich auch nicht", sagte er.--"Aber sie müssen es doch sein", sagte sie endlich. "Allerdings", bekräftigte Guttorm. Die Männer kamen näher und näher; der ältere blieb stehen und blickte zurück; der jüngere gleichfalls; dann schritten sie weiter.

"Verstehst Du, was sie wollen?" fing Karen wieder an, in demselben Ton wie vorhin. "Nein, das versteh' ich nicht", versetzte Guttorm. Die Mutter drehte sich um, ging zum Tisch, nahm das Geschirr ab und räumte etwas auf. "Du mußt Deine Tücher wieder umbinden," sprach sie zu Synnöve; "es kommt Besuch."

Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da öffnete Sämund die Tür und trat ein; Thorbjörn hinter ihm. "Gesegnete Mahlzeit", sagte Sämund, blieb einen Augenblick an der Tür stehen und trat dann langsam ein, um jeden einzelnen zu begrüßen; Thorbjörn folgte. Sie kamen zuletzt zu Synnöve, die noch in einer Ecke mit dem Tuch in der Hand stand, nicht wußte, ob sie es umbinden sollte, ja, kaum wußte, ob sie es in der Hand hielt. "Nehmt Platz, wo Ihr wollt", sagte die Frau. "Danke, der Weg hier herüber ist nicht weit gewesen", antwortete Sämund, setzte sich aber doch; Thorbjörn neben ihn. "Ihr wart ja heut nach der Kirche mit einemmal fort", sagte Karen. "Wir haben Euch gesucht", antwortete Sämund. "Heut waren viele Menschen da", sagte Guttorm. "Sehr viele Menschen," wiederholte Sämund, "es war ein schöner Kirchtag."--"Ja, wir haben eben davon gesprochen", sagte Karen.--"Es ist einem bei solcher Konfirmation so wunderlich zumute, wenn man selber Kinder hat", fügte Guttorm hinzu. Seine Frau rückte auf der Bank etwas ab. "Ja, freilich," sagte Sämund, "da denkt man ernstlich über sie nach,--und deshalb habe ich mich hierher auf den Weg gemacht", sprach er weiter, sah sich fest und sicher um, nahm den Kautabak aus dem Mund, schob ein anderes Stück hinein, und legte das alte behutsam in eine Messingdose. Guttorm, Karen und Thorbjörn sahen unruhig hierhin und dorthin.--"Ich dachte mir, ich müßte mit Thorbjörn mal hergehen," begann Sämund langsam; "allein hätte er es wohl sobald nicht fertig gekriegt und hätte sich auch allein nicht gut Bescheid holen können", dabei blinzelte er zu Synnöve hinüber, die das merkte. "Die Sache liegt nun so, daß er seinen Sinn auf sie gerichtet hat, auf sie, die Synnöve, seit der Zeit, da er Verstand genug für so etwas hatte; und es liegt wohl ebenfalls einigermaßen so, daß sie auch ihren Sinn auf ihn gerichtet hat. Und da meine ich, ist es das beste, wenn die beiden für immer zusammenkommen. Damals, als ich sah, daß er sich selber nicht im Zaum halten konnte, geschweige denn andere, da war ich wenig dafür. Aber jetzt glaube ich, ich kann für ihn bürgen; und kann ich's nicht, so kann sie's; denn sie hat die größte Macht über ihn.--Was meint Ihr also dazu? Wollen wir sie zusammentun? Das hat ja weiter keine große Eile, aber ich weiß auch nicht, warum wir noch damit warten wollen. Du, Guttorm, bist ein Mann mit Vermögen; meins ist kleiner und geht mal später in mehrere Teile; aber ich denke, die Sache läßt sich doch machen. Jetzt sagt also Eure Meinung frei heraus; das Mädchen frage ich zuletzt, denn ich glaube, ich weiß, was sie will!"